Dezember 2025 | Zwölf Monate, zwölf Menschen | Porträt über Prof. Dr. Armido Studer
Dezember 2025 | Zwölf Monate, zwölf Menschen | Porträt über Prof. Dr. Armido Studer

Erst abgefahren, dann aufgestiegen

Wenige Tage vor Weihnachten bekommt der Chemiker Prof. Dr. Armido Studer ein spezielles Geschenk aus Bonn: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft verleiht ihm einen der begehrten Leibniz-Preise. Das „i-Tüpfelchen“ seiner Karriere ermöglicht dem Wissenschaftler reichlich wissenschaftliche und finanzielle Flexibilität.
Auch wenn Armido Studer nicht geplant hatte, seine Schweizer Heimat zu verlassen, fühlt er sich sichtlich wohl im Organisch-Chemischen Institut der Uni Münster – und das schon seit über 20 Jahren.
© Nike Gais

Selten liegen Lebens- und Berufspfade so bildhaft vor einem, wie es in Armido Studers Kindheit und Jugend der Fall war. Aus dem Fenster seines Elternhauses im schweizerischen Örtchen Visperterminen blickend, konnte er sowohl das Matterhorn als auch ein Werk des Chemieunternehmens Lonza sehen. Viel tat der junge Schweizer zunächst dafür, den bergigen Pfad einzuschlagen: Tagein, tagaus fuhr er die Pisten und Gletscher hinunter, war drauf und dran, professioneller Skifahrer zu werden. „Das war mein Leben“, erklärt Armido Studer 40 Jahre später kurz vor Weihnachten in seinem Büro. Von Bergen und Schnee weit und breit keine Spur.

Denn Armido Studer hat sich im übertragenen Sinne gegen das Matterhorn und für die Chemiefabrik entschieden. In letzterer arbeitete er zwar nie, doch sein Chemiestudium an der ETH Zürich sollte ihn darauf vorbereiten. Das Studium und die Promotion bei Dieter Seebach, „einem der weltweit besten Chemiker“, wie Armido Studer sagt, und eine Postdoc-Stelle weckten nicht nur Faszination, sondern auch die ehrgeizige Frage, ob es mit einer Hochschulkarriere klappen würde. Drei Jahrzehnte wissenschaftlicher Errungenschaften und Würdigungen sowie der Leibniz-Preis geben eine eindeutige Antwort.

Aufgrund herausragender Publikationen erhielt Armido Studer im Jahr 2000, noch vor Veröffentlichung seiner Habilitation, einen Ruf aus Marburg. Vier Jahre später lotste die Universität Münster ihn, landschaftlich betrachtet, in noch flachere Gefilde. Beruflich ging es dagegen weiter bergauf. Dafür hat der heute 58-Jährige „ziemlich hart gearbeitet“, aber auffällig viel redet er über die Leistungen anderer. Er dankt seiner Familie, die ihm den Rücken freihalte; er schwärmt vom Organisch-Chemischen Institut der Uni Münster, das „zur europäischen, vielleicht sogar Weltspitze“ gehöre; er vertraue einem Mitarbeiter und seiner Sekretärin bei der Organisation seiner Forschungsgruppe blind, wodurch ihm mehr Zeit für die Wissenschaft bleibe.

Im Labor steht Armido Studer dafür nicht mehr. Doch strahlend erzählt er, wie gern er seine Doktorandinnen und Doktoranden dort besucht. Begeistert vom Fach und als Mentor erkundigt er sich nach neuesten Ergebnissen, aber auch persönlich zeigt der Vater zweier Kinder großes Interesse. „Es muss im Gespräch nicht immer um Chemie gehen. Das Wichtigste ist es, eine gute Atmosphäre zu schaffen“, betont Armido Studer. 35 Personen umfasst sein Team inzwischen, er fördert und unterstützt sie, gibt auf sie acht.

Wenn der Experte für chemische Reaktionen über seine „extrem talentierte“ Gruppe spricht, fällt nicht zufällig der Begriff „Autokatalyse“: Der Erfolg ziehe hervorragende Talente aus der ganzen Welt an, die wiederum die Forschungsgruppe voranbringen, wodurch die Qualität weiter steige. „Das ermöglicht auch mir, immer besser und nicht gemütlich zu werden“, unterstreicht der Chemiker.

Die Assoziation Gemütlichkeit entsteht im Gespräch ohnehin nicht. Armido Studer bezeichnet sich als „sehr strukturiert“, er trenne Wichtiges von Unwichtigem und betont: „Ziele darf man nicht zu niedrig ansetzen.“ Ein offenbar selbst gestecktes Ziel des Schweizers, der Arbeit ungern aufschiebt, ist ein aufgeräumter, weil zügig bis überpünktlich abgearbeiteter Schreibtisch. Beeindruckend ist, dass ihm das gelingt, ohne spätabends oder nachts zu arbeiten – der Feierabend mit seiner Frau ist ihm wichtig.

Ebenso wichtig ist ihm Kreativität, denn der Fachmann für Radikalchemie und Katalyse mag es, Ideen zu entwickeln. „Hin und wieder wird mir nachgesagt, nicht ‚Mainstream‘ zu sein“, sagt er mit einem Lachen. Der mit 2,5 Millionen Euro dotierte Leibniz-Preis könne ihm helfen, „verrückte Sachen zu wagen“. Im täglichen Antragsgeschäft kann Armido Studer nicht immer volles Risiko gehen. Oft braucht es vorab solide Ergebnisse für eine Bewilligung, Folgeanträge müssen mitgedacht werden, ebenso Finanzierungssicherheit für Stellen. Mit der Leibniz-Millionenförderung will Armido Studer „Höchstrisikoprojekte“ angehen. „Diese Freiheit kenne ich nicht.“ Früh auf sich allein gestellt, wenn er die Piste hinabschoss, wird er die Freiheit zu nutzen wissen. Immerhin: „Ich habe es zum Leibniz-Preis geschafft, meine früheren Kollegen zum Olympiasieg.“ Das sagt er weder mit Bedauern noch aus Eigenlob – sondern mit Stolz und Respekt für sich und andere.

Autor: André Bednarz


Dieser Beitrag stammt aus der Broschüre „Zwölf Monate, zwölf Menschen“, erschienen im März 2026.

Download der gesamten Broschüre als pdf-Datei

Zu den anderen Artikeln der Broschüre „Zwölf Monate, zwölf Menschen“.