Juni 2025 | Zwölf Monate, zwölf Menschen | Porträt über Prof. Dr. Thorsten Quandt
Juni 2025 | Zwölf Monate, zwölf Menschen | Porträt über Prof. Dr. Thorsten Quandt

Dancing in the Dark

Prof. Dr. Thorsten Quandt wirbt im Juni den zweiten ERC-Grant seiner Karriere ein. Mit dem Vorhaben „DANCE“ möchte der Experte für Online-Kommunikation untersuchen, wie sogenannte toxische Onlinewelten entstehen. Trotz des Themas bewahrt sich der Forscher eine Spur Leichtigkeit.
Thorsten Quandt forscht seit Jahren auch zu den zwielichtigen bis dunklen Phänomenen der digitalen Welten. Dennoch bewahrt er sich dabei Zuversicht und die Freude für seinen Beruf.
© Nike Gais

Oft sind Licht und Schatten im Internet nur wenige Klicks voneinander entfernt. Etwa grenzenlose Kommunikation, Katzenvideos und Informationsreichtum auf der einen, Feindseligkeit, Abwertung und Angriffe auf die Demokratie auf der anderen Seite. Prof. Dr. Thorsten Quandt kennt sich mit der digitalen Dualität aus. Im Halbdunkel, umgeben von Dutzenden Monitoren, spricht der Experte für Online-Kommunikation über sein Leben, seine Laufbahn, seinen Antrieb. Auf die Frage, warum er sich seit Jahren mit Desinformation, Cybermobbing und Hass im Netz beschäftigt, lautet seine klare und keineswegs resignative Antwort: „Jemand muss hingucken – neutral und ohne seine Vorurteile bestätigen zu wollen.“

Thorsten Quandt guckt hin. Medien spielten schon früh eine Rolle für den 54-Jährigen. „Ich wollte Regisseur werden, weshalb ich mich in Bochum für Filmwissenschaft eingeschrieben habe.“ Im völlig überlaufenen Studiengang sei er „einer von 1.000 zukünftigen Steven Spielbergs“ gewesen. Das passte nicht, er wechselte das Hauptfach und studierte fortan Psychologie und Publizistik.

Bevor Thorsten Quandt sein professionelles Zentrum um 60 Kilometer von Bochum nach Münster verlegen sollte, vergingen 16 Jahre. Eine Zeit, die von „gesteuerten Zufällen“ geprägt gewesen sei, wie der gebürtige Schwabe akzentlos sagt und humorvoll ergänzt: „Halb schob es ihn, halb zog es ihn.“ Stationen als Hörfunkjournalist, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Promovend im thüringischen Ilmenau, eine Postdoc-Stelle in München, eine Juniorprofessur an der FU Berlin und eine Berufung an die Universität Hohenheim prägten die Jahre.

Wenngleich ein lokales Grünkohlessen, bei dem das Aufeinandertreffen verschiedener politischer Strömungen für reichlich Turbulenzen sorgte, sein „absoluter Lieblingstermin“ als Journalist war und er „jung und etwas naiv eine superspannende und schöne Zeit“ in Ilmenau hatte, gelangte er schließlich nach Münster, wo er seit 2012 Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft ist. Nüchtern erklärt er, dass man dorthin gehe, wo die Stellen sind. Emotionaler ergänzt er, wie sehr er Münster und die hiesige Verschränkung von Stadt und Universität schätze. Kein großer Fan ist der Kommunikationswissenschaftler allerdings von Büros, die er als „tote Orte“ bezeichnet. Denn Thorsten Quandt ist nicht nur ein analytisch arbeitender Sozialwissenschaftler. Er liebt vor allem die Kreativität an seinem Job.

Seine Vorliebe für lebendige Orte und Einfallsreichtum trug im Juni Früchte. Der Europäische Forschungsrat (ERC) bewilligte seinen im sommerlichen Frankreich geschriebenen Antrag auf einen „Advanced Grant“. Schon 2010 hatte Thorsten Quandt einen „ERC Starting Grant“ für seine Forschung zur Online-Gaming-Kultur erhalten. Mit der neuen Förderung bewegt er sich zwischen öffentlicher Kommunikation und virtueller Realität. Augenzwinkernd und weil man ein positives Akronym brauche, hat er dieses Vorhaben „DANCE“ genannt. Mit „Dark Nerd Communities: A multi-method exploration of toxic degradation in the adolescent technosphere“ will Thorsten Quandt herausfinden, wie Online-Gruppen, vor allem junger Männer, funktionieren; wie ihre Werte zerfallen und ein toxisches, also gefährliches Miteinander entsteht. Dabei geht es unter anderem um die sogenannte Incel-Bewegung, in der sich Männer Macht zurückholen wollen, indem sie Frauen abwerten.

Thorsten Quandt beweist seit vielen Jahren mit seiner Forschung, dass er nicht nur am Puls der Zeit ist, sondern dass er mitunter „vor der Welle“ ist, wie er es formuliert. Früh glaubte er an das Internet und ahnte, dass es bleiben und zu einem Massenmedium werden würde. Darum hat er sich darauf spezialisiert, das Digitale mit einem rigorosen wissenschaftlichen Vorgehen zu erfassen. „Das Objekt ist der Mensch. Die Methoden sind den Naturwissenschaften entlehnt“, unterstreicht er. Beim aktuellen Projekt gehe es ihm um das „Vorfeld und die Breite der Phänomene“, um Rationalitäten problematischen Verhaltens und darum, wie politische, ideologische oder wirtschaftliche „Entrepreneure des Hasses“ junge Menschen vergiften. Thorsten Quandt leuchtet also einen weiteren dunklen Teil des Internets aus – den Menschen zugewandt, ohne Schubladendenken und für den Erhalt der Demokratie. Vorzugsweise außerhalb des eigenen Büros.

Autor: André Bednarz


Dieser Beitrag stammt aus der Broschüre „Zwölf Monate, zwölf Menschen“, erschienen im März 2026.

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