Februar 2025 | Zwölf Monate, zwölf Menschen | Porträt über Dr. Christine Putnis
Februar 2025 | Zwölf Monate, zwölf Menschen | Porträt über Dr. Christine Putnis

Ein Leben an Grenzflächen

Im Februar vergibt die „European Association of Geochemistry“ die Werner-Stumm-Medaille an Dr. Christine Putnis. Damit honoriert der Verband bedeutende und innovative Durchbrüche in der geochemischen Forschung.
Immer wieder aufs Neue betrachtet Christine Putnis hinter Vitrinen im Geomuseum besondere Mineralien aus aller Welt.
© Nike Gais

Wer wissen will, wie sich eine Großfamilie managen lässt und zugleich eine wissenschaftliche Karriere gelingt, sollte Dr. Christine Putnis fragen. Die Geochemikerin, die als außerplanmäßige Professorin am Institut für Mineralogie arbeitet, gibt eine knappe, unaufgeregte Antwort: „Machen!“ Doch hinter diesem lakonischen Motto verbirgt sich eine lange, verschlungene Geschichte – kein geradliniger Start-Ziel-Sieg, sondern hart erarbeitete Kompromisse, Rückschläge und immer
wieder neuer Mut.

Schon als junge Frau brannte in Christine Putnis die Neugier darauf, die verborgenen Geschichten der Erde zu verstehen: welche Gesteine unter der Oberfläche ruhen oder welche Kräfte Kontinente formen. Dass sie sich in den vergangenen zwanzig Jahren zu einer der international führenden Expertinnen für Kristallwachstum und -auflösung entwickeln würde, hätte sie sich nach ihrem Abschluss an der australischen University of Newcastle kaum träumen lassen.

Anfang der 1970er-Jahre zog sie mit ihrem Mann, ebenfalls Wissenschaftler, nach England, wo sie zunächst als Chemielehrerin an öffentlichen Schulen in London und Cambridge arbeitete. „Ursprünglich wollten wir nur Urlaub machen und sind dann über 25 Jahre dortgeblieben“, erzählt sie mit einem Lächeln, das von überraschenden Wendungen im Leben zeugt. In dieser Zeit wuchs ihre Familie: Sechs Kinder kamen zur Welt. „Eine aufregende, aber auch stressige Zeit. Zum Glück hatte ich ein verlässliches Netzwerk aus Freundinnen. Ohne das wäre es nicht gegangen.“

Ende der 1980er-Jahre erhielt Christine Putnis eine Anstellung als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der University of Cambridge. Doch die Stelle blieb weit hinter ihrem Potenzial zurück. „Damals gab es kaum Frauen in meinem Forschungsbereich, und erwünscht waren sie auch nicht wirklich“, sagt sie. Trotzdem fand sie einen Weg, das zu verbinden, was ihr am wichtigsten war: die wissenschaftliche Neugier und ihre Familie.

Als ihr Mann 1995 einen Ruf an die Universität Münster annahm, öffnete sich für sie ein neuer Horizont. Sie erhielt die Chance, in der Mineralogie zu promovieren. Daraus entstand Pionierarbeit – Studien zu nanoskaligen Prozessen an Mineraloberflächen, die international Beachtung fanden. Ihr wichtigstes Instrument ist das Rasterkraftmikroskop, mit dem sie in wässrigen Umgebungen beobachtet, wie Mineralien wachsen, sich lösen und umwandeln.

Forscherinnen und Forscher aus aller Welt suchen Kontakt zu Christine Putnis, weil ihre Arbeiten zur Fluidchemie – also dazu, wie organische Moleküle und Reaktionskinetik Mineralumwandlungen steuern – grundlegende Einsichten liefern. Diese Erkenntnisse haben nicht nur Bedeutung für die Wissenschaft, sondern auch für Umweltfragen und das Verständnis der Erdgeschichte. Ihre Karriere ist deshalb weniger eine gerade Linie als ein kraftvoller, beharrlicher Aufstieg. Für ihre Leistungen erhielt die Australierin die Werner-Stumm-Medaille. Eine Ehrung, mit der sie nicht gerechnet hatte. „Es gibt so viele exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Dass ausgerechnet ich diese Auszeichnung erhalte, war eine große Überraschung“, sagt sie, sichtlich berührt und zurückhaltend. Bescheidenheit gehört zu ihr. Zugleich leuchtet in ihren Augen ein stiller Stolz, wenn sie von ihren sechs Kindern, 16 Enkelkindern, ihrem Mann, ihrer Zwillingsschwester und ihren vielen Nichten und Neffen spricht. „Der Großteil meiner Familie lebt in England und Australien. Mein Mann und ich versuchen, sie so oft wie möglich zu besuchen.“

Weil sie das Zusammensein mit Menschen liebt, hat sie in Münster ihr – wie sie es nennt – „Party Haus“ im Kreuzviertel, das nicht nur Raum für Feste, sondern auch für lebhafte wissenschaftliche Gespräche bietet. Studierende, Doktorandinnen und Doktoranden sowie Gastwissenschaftler besuchen das Ehepaar Putnis regelmäßig zum gemeinsamen Kochen und Diskutieren. „Dieser Austausch ist das Fundament erfolgreicher Wissenschaft“, unterstreicht die Forscherin. Sie hofft, mit ihrer Arbeit und ihrem Werdegang jungen Menschen ein Vorbild zu sein und zu zeigen: Man kann es „machen“.

Autorin: Dr. Kathrin Kottke


Dieser Beitrag stammt aus der Broschüre „Zwölf Monate, zwölf Menschen“, erschienen im März 2026.

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