Schlauer werden und dabei lachen

Um Fakten zu veranschaulichen, mag Jens Münchow Vergleiche. Zum Beispiel: Wenn ein Spermium zur Eizelle schwimmt, ist es ähnlich wie bei Hänsel und Gretel mit den Brotkrumen. Die Eizelle sondert einen Lockstoff ab und legt damit eine Spur. So wissen die Spermien, welchen Weg sie nehmen müssen.
Jens Münchow, der am Institut für Pharmazeutische und Medizinische Chemie promoviert, treiben zwei Fragen um: Wie gelangen die Spermien zur Eizelle, und wie kann man das unterbinden? Natürlich ist es in Wahrheit viel komplizierter. Ein „Türsteher“-Protein, das das Eindringen des Spermiums in die Eizelle ermöglicht, spielt eine wichtige Rolle. Und es geht vor allem darum, wie man das Wissen um diesen molekularen Mechanismus nutzen kann, um damit eine Pille für den Mann zu entwickeln. Wenn der 29-Jährige über sein Thema spricht, klingt es anschaulich und verständlich. Kein Wunder: Er hat Übung darin, es Laien zu präsentieren, denn eine seiner Leidenschaften ist der Science Slam.
Bei diesem Bühnenformat geht es darum, einem breiten Publikum kurz und möglichst unterhaltsam Einblicke in die eigene Forschung zu geben. Das Publikum stimmt darüber ab, welcher Vortrag der beste war. Jens Münchows erster Slam-Vortrag fand 2024 in Münster statt. Eine Anzeige im Newsletter des Allgemeinen Studierendenausschusses für einen Science Slam der jungen Deutschen Physikalischen Gesellschaft im Fürstenberghaus wirkte damals wie ein Wink mit dem Zaunpfahl auf ihn. „Ich hatte bereits mit dem Gedanken gespielt, bei einem Slam mitzumachen. Also habe ich mich beworben. Und ich habe gewonnen und Blut geleckt“, sagt er lachend.
Nach dem gelungenen Auftakt ließ er sich in die Slammer-Kartei einer Veranstaltungsagentur aufnehmen. Es folgten unter anderem Auftritte in Osnabrück, Dortmund und Heidelberg. Seine Bühnenkarriere wurde durch einen sechsmonatigen Forschungsaufenthalt an der Universität Loughborough (Vereinigtes Königreich) unterbrochen, bevor sie im Oktober 2025 mit dem Titel „Westdeutscher Meister“ bei einem Slam im „Kulturzentrum Schlachthof“ in Wiesbaden ihren vorläufigen Höhepunkt fand. „Für mich war das ein besonderer Ort, denn dort war ich als Jugendlicher auch auf meinem ersten Konzert“, erinnert sich der Chemiker, der aus dem Hunsrück stammt. Nach Wiesbaden folgten die deutsche Meisterschaft im Kunstpalast Düsseldorf vor 800 Zuschauerinnen und Zuschauern und ein Science Slam im Schauspielhaus Bochum.
Es ist nicht der Wettbewerb, der ihn reizt, sich auf die Bühne zu stellen und sein Dissertationsthema zu präsentieren. „Ich mache Lobbyarbeit für die Forschung“, betont Jens Münchow. „Alle, die bei uns promovieren, haben interessante Themen. Aber es erfahren leider nur wenige davon.“ Dabei sei es wichtig, dass die Menschen richtig informiert sind – gerade in einer Zeit, in der es häufig nicht mehr um Fakten gehe. Dass sein Thema sich besonders gut eignet, um Menschen damit zu packen, ist ihm bewusst. „Es ist lebensnah, jeder kann damit etwas anfangen. Es ist gesellschaftlich relevant, denn viele fragen sich, warum wir 65 Jahre nach der Erfindung der Pille für die Frau noch immer keine Pille für den Mann haben. Und: Lachen ist garantiert.“ Letzteres ist laut Jens Münchow eine wichtige Zutat für einen gelungenen Science-Slam-Vortrag. Das Publikum soll nicht nur schlauer rausgehen, als es reingekommen ist. Es soll auch mindestens einmal herzhaft lachen.
Für seine weitere Leidenschaft, das Radfahren, hat Jens Münchow momentan nicht viel Zeit. Trotzdem hat er sich einige Wochen vor der westdeutschen Meisterschaft den Spaß erlaubt, morgens mit dem Rennrad nach Amsterdam aufzubrechen und abends die 230 Kilometer mit dem Zug wieder zurückzufahren. Mit dem Mountainbike ist er 2023 ein Ultrarennen in Schweden gefahren: 600 Kilometer in vier Tagen, von Göteborg nach Malmö in Südschweden. Und nach seiner Dissertation soll es mit dem Gravelbike im Gepäck nach Spanien zum „Unknown Race“ gehen: 1.000 Kilometer in fünf Tagen. Der erste Kontrollpunkt wird erst kurz vor dem Start bekanntgegeben, die Route plant jeder selbst. Apropos planen: Wann kommt denn nun die Pille für den Mann? Vor dem Schlussapplaus gibt Jens Münchow in seinem Vortrag darauf eine eindeutige Antwort: „Heute wird es auf jeden Fall nichts mehr, denn ich bin am Ende.“
Autorin: Dr. Christina Hoppenbrock
Dieser Beitrag stammt aus der Broschüre „Zwölf Monate, zwölf Menschen“, erschienen im März 2026.
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