September 2025 | Zwölf Monate, zwölf Menschen | Porträt über Prof. Dr. Gerald Echterhoff
September 2025 | Zwölf Monate, zwölf Menschen | Porträt über Prof. Dr. Gerald Echterhoff

Von namhaften Vorgängern und neuen Perspektiven

Ein prägender Ort für die akademische Laufbahn: Prof. Dr. Gerald Echterhoff ist der erste Wissenschaftler der Uni Münster, der die Theodor-Heuss-Professur der „New School for Social Research“ in New York innehat. Für den Sozialpsychologen bedeutet der Start im September die Rückkehr an eine alte Wirkungsstätte.
Vor der Pyramide der US-amerikanischen Künstlerin Agnes Denes: Gerald Echterhoff kehrt nach knapp 30 Jahren an die „New School for Social Research“ in New York zurück, wo er seine akademische Laufbahn begann.
© Kat MacDaniel

Für Gerald Echterhoff ist es eine Rückkehr an einen Ort, der ihn geprägt hat. Vor knapp 30 Jahren begann er sein Studium der Psychologie an „New School for Social Research“ (NSSR) in New York und promovierte dort anschließend. Auch seine Station als Postdoc-Fellow verbrachte er in der Metropole. Es dürfte somit ein durchaus besonderer Moment gewesen sein, als der Professor für Sozialpsychologie im Dezember 2024 die Nachricht erhielt, dass er ab September 2025 für zwei Semester die Theodor-Heuss-Professur der NSSR übernehmen darf. Mit Gerald Echterhoff stellt die Universität Münster erstmals einen Wissenschaftler für diese ehrenvolle Gastprofessur.

1919 gegründet, war die heutige NSSR ab den 1930er-Jahren als „University in Exile“ besonders für Sozial- und Geisteswissenschaftler wichtig, die vor dem nationalsozialistischen Regime flüchteten. Im Jahr 1962 wurde die Theodor-Heuss-Professur, benannt nach Deutschlands erstem  Bundespräsidenten, mit Unterstützung der Bundesregierung eingerichtet. Der Philosoph Jürgen Habermas, der Soziologe Niklas Luhmann, der Historiker Hans Mommsen und weitere namhafte Intellektuelle wie Hannah Arendt und Erich Fromm lehrten und forschten an der New School.

Gerald Echterhoff ist dankbar für die Auszeichnung und denkt sofort an seine erste Zeit in der Weltstadt zurück. „Dieser Aufenthalt war entscheidend für meinen akademischen Werdegang und prägte mein Verständnis von Wissenschaft bis heute“, erläutert er. „Das wissenschaftliche Klima war und ist von lebendiger Offenheit und inspirierender Kreativität geprägt.“ Dialog und interdisziplinäre Zusammenarbeit kennzeichnen seitdem sein Verständnis von Forschung und Lehre. Er versteht den Transfer in die Gesellschaft als wichtiges Ziel seiner Arbeit.

Zu den Schwerpunkten von Gerald Echterhoff, der nach Stationen in Köln, Bielefeld und Bremen seit 2010 an der Universität Münster arbeitet, zählen soziale und motivationale Einflüsse auf Kognition und Gedächtnis, Kommunikation sowie die Beziehungen zwischen Gruppen. Außerdem untersucht er die Folgen von Fluchtmigration und die Integration von Flüchtlingen. Besonders die Erforschung dieser beiden Themen möchte Gerald Echterhoff während seines Aufenthalts in New York vorantreiben. „Migration wird in den USA und Europa unterschiedlich betrachtet“, schildert Gerald Echterhoff. Während in Europa Herkunftsländer wie Syrien und Afghanistan dominieren, ist in Amerika die Zuwanderung aus Latein-, Zentral- und Südamerika von Bedeutung. „Diese Erfahrungen und Hintergründe eröffnen mir neue Perspektiven.“ Flucht und Migration seien immer in die jeweilige Geschichte, Kultur und Politik eingebettet.

Die Vorzeichen seiner Rückkehr nach New York könnten gegenüber den 1990er-Jahren nicht unterschiedlicher sein: Denn in dem für die Professur-Preisträger gestellten Apartment an der Fifth Avenue in Manhattan wohnt auch die Familie von Gerald Echterhoff. Seine Partnerin Birgit Neumann, die als Anglistin über ihren Lehrstuhl an der Universität Düsseldorf ebenfalls eine Gastprofessur an der NSSR innehat, begleitet den Sozialpsychologen. Auch seine 11- und 15-jährigen Söhne, die beide eine öffentliche Schule besuchen, sind mit dabei. Wenige Tage nach seiner Ankunft in Amerika startete er als Dozent in seine ersten Seminarsitzungen. Parallel dazu veranstaltet Gerald Echterhoff ein Forschungskolloquium an der Uni Münster und betreut weiterhin Studierende und Doktoranden.

„In Münster ist die Ausbildung strukturierter“, erklärt er. „Dafür ist die Zahl der Seminarteilnehmer an der New School kleiner, wodurch ein intensiverer Austausch möglich ist.“ Gleichzeitig müsse er insbesondere bei den theoretischen und methodischen Grundlagen des psychologischen Denkens Nachhilfe leisten, da die Studierenden unterschiedliche Bildungsbiografien haben.

Während sich der Alltag in New York in den vergangenen drei Jahrzehnten rasant verändert hat, bleibt der Kaffee am Morgen für Gerald Echterhoff eine Konstante. Dafür nutzt er die Espressomaschine seiner Vorgängerin, der Historikerin Christina Morina von der Universität Bielefeld. Sie ist nur eines von vielen hinterlassenen Objekten wie Literatur, Tassen und Geschirr in dem Apartment, die an die Geschichte der Theodor-Heuss-Professur erinnern.

Autorin: Kathrin Nolte


Dieser Beitrag stammt aus der Broschüre „Zwölf Monate, zwölf Menschen“, erschienen im März 2026.

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