Mit Wirtschaftsinformatik die Welt verbessern

Als Prof. Dr. Jan vom Brocke in den 1990er-Jahren an der Universität Münster studierte, war sein eigenes Fach noch neu. Heute leitet er den Weltverband seiner Zunft. Dabei war dem gebürtigen Hagener die Wirtschaftsinformatik nicht in die Wiege gelegt. „Ich fand vieles interessant: Wirtschaft, Recht, Medizin. Viele empfahlen mir auch, Lehrer zu werden“, berichtet der Professor. „Wirtschaftsinformatik galt zwar als anspruchsvoll, aber es hieß bereits, dass es viele Gestaltungsmöglichkeiten gab. Ich wollte immer mein eigenes Ding machen. Das prägt meine Forschung noch immer.“
Dem Studium folgten Promotion und die Habilitation am European Research Center for Information Systems (ERCIS), das er mittlerweile als Direktor leitet. In seiner Forschung stehen Veränderungen im Mittelpunkt. Die „Process Science“ analysiert digitale Spuren in allen Lebens- und Arbeitsbereichen, um neue Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen, insbesondere durch innovative Technologien wie der künstlichen Intelligenz (KI). Der Blick reicht dabei nicht nur bis zum Tellerrand wirtschaftlicher Profite, sondern zielt ebenso auf neue Maßstäbe für ökologisches und soziales Handeln. „Was wir tun, soll einen Wert für die Gesellschaft haben“, betont Jan vom Brocke.
Nach Stationen an der Universität Liechtenstein sowie an der Universität St. Gallen und dem Bostoner MIT kehrte der Wissenschaftler vor zwei Jahren an seine Alma Mater zurück. Ein bewegender Moment für ihn, unterstreicht Jan vom Brocke. „Dass ich die aufregende Arbeit hier einmal selbst weiterentwickeln darf, hätte ich als Student nicht zu träumen gewagt.“ Biographisch bestehe die Verbindung zu der Stadt ohnehin. „Ich habe im Studium meine Frau kennengelernt, wir haben in der Petrikirche geheiratet.“ Inzwischen lebt die Familie auf einem Hof in der Nähe von Wolbeck. Von dort aus pendelt er mit dem Fahrrad zum Leonardo-Campus, wo just die neuen Räumlichkeiten der „Flow-Factory“ fertiggeworden sind. Das von der Sparkassen-Finanzgruppe am ERCIS geförderte Forschungs-Lab untersucht KI-gestützte Innovation zur Transformation von Geschäftsprozessen in der Finanzwirtschaft. „Studierende, Wissenschaftler und Praktiker entwerfen Lösungen für die Zukunft – mit dem Konzept haben wir schon viele exzellente Talente an die Universität Münster geholt“, erläutert Jan vom Brocke. Wichtig sei ihm ein verantwortungsvoller Umgang mit KI.
Das Verantwortungsbewusstsein prägt auch seine interdisziplinären Projekte. „Schon als Student war ich immer beeindruckt von Disziplinen, die beispielsweise Leben retten oder Aufklärungsarbeit von großer gesellschaftlicher Bedeutung leisten“, sagt der Wissenschaftler. „Heute haben wir in der Wirtschaftsinformatik die Möglichkeit, genau das zu tun.“ Als Beispiele nennt er ein Projekt mit dem Universitätsklinikum, in dem Daten helfen, Reanimationsprozesse zu verbessern, sowie das Projekt „Der Vatikan und die Verfolgung der Juden in Europa.“ Mit Kollegen der katholisch-theologischen Fakultät spürt er mithilfe von KI bislang verborgene Entscheidungsprozesse auf.
Sei es die Eröffnung der Flow-Factory, die Wahl zum Präsidenten, die „Internationale Tagung Wirtschaftsinformatik“ an der Universität Münster, der Forschungspreis sowie der Lehrpreis der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät: 2025 war für Jan vom Brocke ein besonderes Jahr. Was es konkret bedeutet, einem Weltverband vorzustehen, merkt er auch im Alltag. „Montags habe ich beispielsweise immer einen Leadership-Call mit Australien und den USA – von 22 bis 23.30 Uhr.“
„Es ist eine intensive Zeit“, fasst Jan vom Brocke zusammen, „aber inspirierend.“ Er lerne unterschiedliche Herangehensweisen und Fachkulturen kennen, etwa aus Singapur, Saudi-Arabien und Brasilien. „Ein Weltverband lebt nicht nur von internationalen Standards, sondern gerade auch von regionalen Unterschieden. Genau diese bergen so viel Innovationspotenzial“. In der Arbeit des Verbands geht es um die strategische und akademische Entwicklung der Wirtschaftsinformatik. „Unsere Lebens- und Arbeitswelt ist digital. Wir können also überall helfen, um sie zu verbessern.“ Viele Fäden dafür laufen derzeit auf dem Leonardo-Campus zusammen. „Ich spüre, dass die Fachwelt nach Münster schaut.“
Autorin: Brigitte Heeke
Dieser Beitrag stammt aus der Broschüre „Zwölf Monate, zwölf Menschen“, erschienen im März 2026.
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