Islam in der Sozialarbeit

Profil des Arbeitsbereiches

Angesichts immenser sozialer Umbrüche in unserer multireligiösen Gesellschaft, Extremismusgefahren und zielgruppenspezifischer Herausforderungen aus dem Bereich der Sozialen Arbeit nimmt die Professur „Islam in der Sozialarbeit“ die Praxisfelder der Sozialen Arbeit wie die Jugendarbeit, die sozialen Handlungsfelder der religiösen Gemeinden sowie die vielfältige religiöse und soziale Praxis von Muslim*innen in den Blick.

In Forschung und Lehre bringt die Professur dabei den reichhaltigen Schatz theologischer Positionen und religiöser Praxen in den Dialog mit diversen religiösen Lebenswelten in den europäischen Gegenwartsgesellschaften, so dass Prozesse von theologischer Kommunikation gelingen können. Neben normativen Zugängen wird die Professur für die theologische Reflexion von sozialarbeiterischen Praxisfeldern und Konzepten empirische Quellen und Ressourcen, die eine wesentliche theologiegenerative Rolle spielen können, identifizieren, erschließen und analysieren. Die Professur verbindet somit theologisch-anthropologische Fragestellungen mit alltagstheologischen Perspektiven. Damit trägt die Professur zur Professionalisierung von religiösen Akteur*innen wie Imam*innen, Seelsorger*innen und Ehrenamtlichen, insbesondere aber von sozialarbeiterisch tätigen Akteur*innen im Spannungsfeld von sozialen Fragen, religionsgemeinschaftlicher Verantwortung, akademischer Reflexion und sozialer Diversität bei.

Zugleich wirkt die Professur an der weiteren Theoriebildung in der Islamischen Theologie sowie an der Öffnung von weiteren Berufsfeldern für Absolvent*innen der Islamisch-Theologischen Studien mit und übernimmt damit auch eine Brückenfunktion zur Sozialen Arbeit, zur Bildungswissenschaft, zur Diakoniewissenschaft und anderen theologisch-sozialen Wissenschaften, um interdisziplinär, kontextsensibel und traditionsreflektiert die Subdisziplin der Islamischen Praktischen Theologie der Sozialen Arbeit weiterzuentwickeln. 

Aktuelles

Panel „Empirie und Systematik zusammengedacht: Islamische Theologie im Spannungsfeld von Praxis und Normativität“

2. AIWG-Kongress (12.-13.06.2026).

Panelleitung: Prof. Dr. Ayşe Almıla Akca

Moderation: Leonie Stenske, M.A., Berliner Institut für Islamische Theologie, Humboldt-Universität zu Berlin

Panel:

Unter den Schlagworten empirische Theologie oder gelebte Theologie sind derzeit vielfältige Ansätze zu ersehen, die den Vollzug religiösen Lebens nicht nur als Gegenstand, sondern auch als konstitutiven Ort theologischer Reflexion wahrnehmen. Diese Zugänge betonen, dass Theologie nicht allein aus der Arbeit am Text oder aus systematisch-normativen Reflexionen hervorgeht, sondern auch aus der Beobachtung, Beschreibung und Interpretation gelebter Alltagspraxis sowie ihrer Integration in das theologische Denken. Damit verschiebt sich die Aufmerksamkeit von der systematischen Normdiskussion hin zu einer kontextsensiblen Theologie, die ihre Erkenntnisse wesentlich „aus der Praxis“ gewinnt. Zugleich fordert dies die normative Grundstruktur der Theologie, aber auch ihre gesellschaftliche Verortung heraus.

Die Beiträge des Panels diskutieren anhand von empirischen Fallbeispielen und wissenschaftstheoretischen Überlegungen, inwiefern sich aus der Praxis neue Perspektiven für die systematische Reflexion ergeben. Im Panel werden diese in den größeren Zusammenhang von methodisch-theoretischen Profilen der Theologie, Gesellschaft und Kontextbezogenheit gestellt. Dabei geht es um folgende Fragen: Inwiefern ist die Alltagspraxis theologisch relevant? Wie wirkt sich die Einbeziehung empirischer Methoden und Erkenntnisse auf das Profil und Selbstverständnis islamischer Theologie aus? Wie lassen sich normative theologische Perspektiven in der Begegnung mit empirischen Kontexten konkretisieren?

Beiträge:

Alltagspraxis als theologische Quelle – Perspektiven aus der „empirischen Theologie“
Prof. Dr. Ayşe Almıla Akca, Zentrum für Islamische Theologie, Universität Münster

Wie empirische Erkenntnisse theologisch zu denken geben – Potenziale und Grenzen einer gelebten islamischen Sozialethik
Prof. Dr. Hansjörg Schmid, Schweizerischer Zentrum für Islam und Gesellschaft (SZIG), Universität Fribourg

Befreiung als Schnittstelle von Empirie und Normativität – islamisch-theologische Perspektiven
Prof. Dr. Asmaa El Maaroufi, Zentrum für Islamische Theologie, Universität Münster

Zu den Abstracts der Vorträge siehe Programm.

Ganz frisch ist ein Artikel in einem Sammelband erschienen

Religious Capital and Authority: The Premises of Canonization in the Islamic Field in Contemporary Germany. In: Mohammad Gharaibeh, Amir Dziri und Bacem Dziri (Hg.), Canon and Censorship in the Islamic Intellectual History, Berlin/Boston: De Gruyter Verlag. 2026. 255–293.

Abstract des Beitrags:

By drawing on intensive ethnographic research, carried out over a number of years, this chapter emphasizes authority-making on the basis of a capital theory approach, which is used as an analytical framework for investigating how particular interpretations of Islam in contemporary Germany come to be produced, established, disseminated, or rejected by believers themselves. In order to achieve a coherent analysis, a theory of religious capitalis developed based on Pierre Bourdieu’s social theory. By discussing the complex interplay between different forms of capital within the specific structure of the Islamic field in Germany, this chapter argues that the canonization of religious ideas goes beyond the standardization and legitimization of religious legal power on one hand and the success of the best argument on the other hand. On the contrary, the chapter demonstrates that religious capital is a fundamental category for the establishment of religious authority, which then leads to canonization processes. The chapter thus argues that the canonization of certain religious ideas depends on the establishment of religious authority in specific social settings and draws attention to the resources and goods that people and groups assign value in authority-making processes.

Keywords: religious authority, religious capital, religious canon, Islam in Germany, ordinary Muslims

Über dieses Buch

Since no religious institution has emerged from Islamic religious history that is the sole and binding determinant of legitimate faith, Muslim scholars had to legitimize their religious positions in a different way. Canonisation and censorship processes, this volume argues, played a decisive role in the formation and deconstruction of religious authority. This volume therefore examines how texts, positions and the people behind them gain or lose their authority, and which structural, contextual and institutional factors contribute to the establishment or suppression, but also to the maintenance of this claim. Case studies from different historical periods and regions of the Islamic world show how certain religious beliefs gain legitimacy and others lose legitimacy in a specific historical context.

Das Buch basiert auf der AIWG-geförderten Forschungswerkstatt, hierzu wurden Videointerviews mit Teilnehmenden erstellt. Unter anderem auch mit Prof. Dr. Akca.

Mehr Informationen zur Forschungswerkstatt.