Profil des Arbeitsbereiches Islamische Religionspädagogik

Gerade die Frage nach der Beziehung zwischen der Islamischen Theologie und einer modernen Islamischen Religionspädagogik ist für die Entwicklung eines zeitgemäßen islamischen Religionsunterrichts von großer Bedeutung. Viele muslimische Religionspädagoginnen und -pädagogen missverstehen ihre Rolle und sehen sich lediglich als Vermittler religiöser Inhalte im Dienste der Theologie. Sie geben den Schülerinnen und Schülern diese Inhalte unreflektiert weiter. Für viele von ihnen ist die Islamische Religionspädagogik lediglich eine Anwendungswissenschaft. Durch ein solches Verständnis der Rolle des Religionslehrers werden die Schülerinnen und Schüler im Religionsunterricht kaum dazu befähigt, ihre eigene Religiosität wahrzunehmen und die Bedeutung religiöser Inhalte individuell zu reflektieren: Was bedeuten Religion und religiöse Inhalte für mich? Welchen Bezug haben diese zu meinem Alltag?

Religiöse Bildung

Moderne religiöse Bildung bezeichnet "alle Begegnungen und Erfahrungen mit Religion, die für das Leben eines Menschen Bedeutung haben und die ihn reicher, reifer und sensibler machen können".1 Sie gelingt erst, "wenn sie zum Teil einer religiösen Einstellung wird".2 Religiöse Bildung meint also "eine persönlich ausgeformte bzw. sich ausformende Religiosität, die sich vor allem am Bewusstsein des eigenen Verdanktseins und an der Schönheit des Lebens entzündet".3 Die Besonderheit einer modernen Religionspädagogik ist gerade ihr Gegenwartsbezug. Daher nimmt sie von allen theologischen Fächern am stärksten an den Veränderungen der modernen Lebenswelt teil.

Eigene Religiosität entwickeln zu können setzt Freiheit voraus, Bevormundung jedoch blockiert jede Form von Freiheit. Religiöses Lernen geschieht heute weniger durch Autorität, es muss sich vielmehr unter modernen Bedingungen neu begründen. In einer modernen Islamischen Religionspädagogik tritt an die Stelle einer monologischen Belehrung des Schülers durch den Lehrer eine dialogische Begegnung von Lehrer und Schüler. Ziel ist die Befähigung zur kritischen Reflexion und die Entfaltung von Emotionalität in religiösen Fragen. Schülerinnen und Schüler sollen befähigt werden, ihr Leben in religiöser Hinsicht selbst entwerfen und diesen Lebensentwurf selbst verantworten zu können. Sie sollten zwischen lebensfreundlichen und lebensfeindlichen religiösen Angeboten unterscheiden können. Aufgabe einer modernen Islamischen Religionspädagogik ist, den Bezug der Religion zum Leben herauszuarbeiten. Dabei geht es vor allem um ein subjektives Betroffensein von Religion. Ein moderner islamischer Religionsunterricht ist schülerorientiert, die Schülerinnen und Schüler und ihr Alltagsleben sowie ihre Erfahrungen bilden den Ausgangspunkt der Überlegungen.

Eckpunkte einer zeitgemäßen Islamischen Religionspädagogik

  • Der Mensch wird im Koran als Verwalter bezeichnet und bestimmt, dem verschiedene Ressourcen zur Verfügung stehen; zu diesen zählen neben den materiellen Ressourcen auch die geistigen und körperlichen Fertigkeiten, aber auch Zeit, Erfahrungen usw. Der Mensch hat den Auftrag, diese Ressourcen in seinem eigenen Sinne, im Sinne seiner Mitmenschen und im Sinne des Universums verantwortungsvoll zu verwalten.
  • Für diese Verwaltungstätigkeit wird der Mensch in zweierlei Hinsicht zur Rechenschaft gezogen, einerseits in Bezug auf die Gesellschaft im Diesseits, die von ihren Mitgliedern Loyalität und ehrliches Engagement erwartet, und andererseits im Jenseits Gott gegenüber. 
  • Alles, was eine verantwortungsvolle Verwaltungstätigkeit fördert, gehört zum Bereich des Guten, und was diese verhindert, zum Bereich des Schlechten. Gott hat den Menschen nicht Propheten geschickt, um Einzelanweisungen zu vermitteln, sondern primär um sie an ihre Bestimmung als verantwortungsvolle Verwalter zu erinnern. Jeder Mensch muss folglich individuell für sich klären, was seine verantwortungsvolle Tätigkeit fördert und was nicht. Im islamischen Religionsunterricht sollen die Schülerinnen und Schüler unter anderem befähigt werden, ausgehend von der Bestimmung des Menschen als verantwortungsvoller Verwalter, für sich herauszufinden, was gut ist und was nicht, wie er in seinem  Lebensalltag mit seinemSelbstverständnis als Verwalter in Einklang bringen kann. Schülerinnen und Schüler sollten in der Lage sein, ihr Leben in religiöser Hinsicht selbst zu entwerfen und diesen Lebensentwurf zu verantworten. 
  • Der Mensch wird im Islam weder ausnahmslos positiv noch ausschließlich negativ beschrieben. Er besitzt die Bereitschaft für beide Richtungen, daher geht es in einer modernen Islamischen Religionspädagogik darum, Menschen dazu zu befähigen, das Gute, aber auch das Schlechte in sich zu erkennen, um an sich zu arbeiten und das Gute zu fördern. 
  • Hierbei spielt die Erziehung des Gewissens (das im Koran als "Herz" bezeichnet wird) zu einer ethischen Instanz eine wichtige Rolle. Dabei müssen allgemeingültige Maximen, die der Koran definiert, unantastbar bleiben. Diese sind:
    1. Gerechtigkeit
    2. Wahrung der Menschenwürde
    3. Freiheit
    4. Gleichheit aller Menschen
    5. soziale Verantwortung
  • Gottesdienstliche Praktiken, wie das tägliche fünfmalige Gebet oder das Fasten im Monat Ramadan, dürfen den Kindern und Jugendlichen nicht als ausgehöhlte Rituale vermittelt werden, die lediglich als mechanische Bewegungen und Handlungen ausgeführt werden. Es ist Aufgabe der islamischen Erziehung, den Heranwachsenden den spirituellen, ethischen und sozialen Gehalt dieser Praktiken plausibel zu vermitteln und mit ihrem Alltag in Beziehung zu bringen.
  • Abschließend ist die Wichtigkeit der historischen Kontextualisierung des Koran zu betonen. Für eine moderne islamische Religionspädagogik notwendig, den Koran in seinem Entstehungskontext zu verstehen. Eine wortwörtliche Lesart des Koran, die den Entstehungskontext unberücksichtigt lässt, stellt junge Muslime vor die Wahl einer "anti-koranischen Modernisierung" oder einer "anti-modernen Korantreue" und macht es nur schwer möglich, den Koran in die heutige Gesellschaft zu integrieren. Eine zeitbezogene Lesart des Koran fragt nach dem Sinn und Geist des Textes, sowie danach, wie man diesen Sinn mit dem Lebensalltag des Menschen verknüpft.

[1] Joachim Kunstmann, Religionspädagogik. Eine Einführung, Tübingen u.a. 2004, S. 45.
[2] Ebd.
[3] Ebd.

Khorchide Mouhand Forschungsprojekte

Aktuelle Forschungsprojekte

Für die Weiterentwicklung religionspädagogischer und fachdidaktischer Konzepte für den Islamischen Religionsunterricht (IRU) laufen derzeit folgende Forschungsprojekte.

Materialwerkstatt für den islamischen RU

Die Didaktik des Islamischen Religionsunterrichts – Ein Blick in die Unterrichtspraxis (DIR-Projekt)

Miteinander auf dem Weg 1/2 - Das Schulbuch für bekenntnisorientierten Islamischen Religionsunterricht an der Grundschule

Miteinander auf dem Weg 3/4 - Das Schulbuch für bekenntnisorientierten Islamischen Religionsunterricht an der Grundschule