Abendvortrag mit Prof. Dr. Markus Kuhn (Syddansk Universitet, Dänemark)

Zwischen Unmittelbarkeit und Nachzeitigkeit: Zur Unzuverlässigkeit des Erzählzeitpunkts im narrativen Spielfilm

Donnerstag, 28. April 2016, Festsaal der WWU (Schlossplatz 5), 18:00 c.t.
Prof. Kuhn: Erzählzeitpunkt

Die zentrale Frage der Unzuverlässigkeit des Zeitpunkts des filmischen Erzählens wird im öffentlichen Abendvortrag anhand des Films "CIDADE DE DEUS" (Fernando Meirelles, BRA/F 2002) untersucht.

Im Allgemeinen kann dem filmischen Erzählprozess eine gewisse Unmarkiertheit attestiert werden. Manche Autoren würden sogar von einer generellen Unmittelbarkeit des filmischen Erzählens sprechen (was zwar auf spezifische Fälle zutreffen mag, nicht aber generell gültig ist). Demgegenüber stehen Elemente komplexer Komposition der Wissensvermittlung, Zeitstruktur und der Handlungsentwicklung, die den Eindruck
eines Nachhineins (wenn nicht sogar einer im Nachhinein erzählenden Instanz) erzeugen,
der durch weitere Markierungen unterstützt werden kann. Zu den eindeutigsten Markierungen zählen hierbei sprachliche Kennzeichnungen in Form von Textinserts
und/oder Voice-over-Erzählern. Aber selbst beim Einsatz eines Voice-over-Erzählers kann der etablierte Erzählzeitpunkt unzuverlässig sein.

Diese Fragen werden anhand eines Films diskutiert, der sich durch eine äußerst komplexe Zeitstruktur auszeichnet, die elementar zur Struktur der Wissensvermittlung des Films beiträgt: CIDADE DE DEUS (Fernando Meirelles, BRA/F 2002; in Dtl. als CITY OF GOD vermarktet) ist ein aufwändig erzählter post-klassischer brasilianischer Gangsterfilm, der die brutalen Zustände in einem Vorstadtghetto von Rio de Janeiro schildert. Im Vortrag wird die Erzählstruktur des Films herausgearbeitet, wobei ein besonderer Fokus auf Fragen der Zeitgestaltung liegt. Insbesondere die Verankerung des Erzählaktes und sein zeitliches Verhältnis zur dargestellten Geschichte werden diskutiert. Es mag auf den ersten Blick beinahe zynisch klingen, wenn man eine derartige Darstellung prekärer Zustände in Vorstadtghettos ‚nur‘ einer erzählstrukturellen Analyse unterzieht, aber Vortrag wird sich anhand einiger Interpretationshypothesen – die sich unmittelbar aus der erzähltheoretischen Analyse ergeben – zeigen, dass Fragen nach der Temporalität einer Erzählung kein Selbstzweck sein müssen. Es wird gezeigt, inwiefern der Vorgang des Erzählens in diesem beeindruckend gestalteten Film mit Motiven der Ausweglosigkeit und der Hoffnung in Beziehung gesetzt werden kann. Es wird sowohl herausgearbeitet, wie faszinierend die Struktur des Films CIDADE DE DEUS angelegt ist – komplex und doch leicht verständlich, episodenhaft und doch spannungsorientiert, verspielt und doch die sozialpolitische Kritik des Films unterstützend – aber auch die Frage aufgeworfen:
Darf ein so drastischer Ghettofilm mit einem solchen Authentizitätsanspruch derart kreativ, postmodern und vor allem derart ‚cool‘ erzählen?

Der Abendvortrag eignet sich auch für interessierte Zuhörer, die nicht am Workshop teilnehmen. Die Kenntnis des Films CIDADE DE DEUS ist sicherlich hilfreich, aber nicht notwendig, um dem Vortrag folgen zu können.