„Transformation zur Nachhaltigkeit“ in der Rückschau – ein Konferenzbericht

Fachtagung des ZIN und der Katholischen Akademie Franz Hitze Haus am 04. und 05. Oktober in Münster
Grafik Tagung
© ZIN

Am 04. und 05. Oktober fand in Münster die interdisziplinäre Fachtagung „Transformation zur Nachhaltigkeit. Hindernisse – Wege – Strategien“ statt, die gemeinsam vom ZIN und der Katholischen Akademie Franz Hitze Haus organisiert wurde. Im Mittelpunkt der Veranstaltung, die von Interessierten aus Wissenschaft und Praxis besucht wurde, stand die tiefgreifende gesellschaftlich-ökonomische Transformation, die für eine Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit dringend erforderlich ist. Die Tagung analysierte jedoch nicht nur die Hindernisse, die eine erfolgreiche Transformation aktuell bremsen, sondern legte einen besonderen Schwerpunkt auf die Diskussion von Handlungsmöglichkeiten, um sie doch noch innerhalb der immer kürzeren verbleibenden Zeit umzusetzen. So forderte ZIN-Sprecherin Prof’in Doris Fuchs zu Beginn der Veranstaltung eindringlich dazu auf, einander zuzuhören und gemeinsam konstruktiv über Ideen zur Bewältigung bestehender Herausforderungen zu diskutieren.

Um einen thematisch umfassenden Austausch zu ermöglichen, wurde in vier Themenblöcken der Fokus auf vier zentrale Aspekte einer Transformation zur Nachhaltigkeit gelegt. Dr’in Antonietta di Giulio (Universität Basel) eröffnete die Tagung mit ihrem Hauptreferat über „Wege zu nachhaltigem Konsum jenseits der kleinen Schritte“, in dem sie u.a. auf die grundsätzliche Ambivalenz von Konsum, Konsum jenseits von Kaufen und die Bedeutung „geschützter Bedürfnisse“ für die Definition nachhaltigen Konsums einging. Die Ko-Referent*innen Prof’in Marianne Heimbach-Steins und Prof’in Christa Liedtke (Wuppertal-Institut) ergänzten anschließend interessante Aspekte, indem sie bspw. auf die Bedeutung von Fragen der Gerechtigkeit für nachhaltigen Konsum und auf die politische Dimension von Fragen des Produktdesigns verwiesen.

Im anschließenden zweiten Themenblock warf Prof. Ingolfur Blühdorn (Universität Wien) einen sehr selbstkritischen Blick auf die Nachhaltigkeitsforschung: In seinem Hauptreferat „Der post-ökologische Verteidigungskonsens. Nachhaltigkeitsforschung im Verdacht der Komplizenschaft“ fragte er kritisch, inwiefern Nachhaltigkeitsforschung u.a. durch die Kommunikation sozialwissenschaftlich nicht ausreichend belegter Hoffnungsnarrative zum Bestehen des Status Quo beiträgt. ZIN-Mitglied Prof. Samuel Mössner (WWU Münster) bestätigte in seinem Ko-Referat die Relevanz der vom Hauptreferenten aufgeworfenen Fragen und illustrierte mit Rückgriff auf eigene Forschungsergebnisse die oft widersprüchlichen Effekte einer versuchten Umsetzung von Nachhaltigkeit: So ginge zum Beispiel in Freiburg ein Gewinn an ökologischer Nachhaltigkeit mit einem Verlust an sozialer Nachhaltigkeit einher; gleichzeitig sei die Verwirklichung von Nachhaltigkeit in Städten in einigen Fällen eng mit der Aufrechterhaltung einer „nicht-nachhaltigen“ Lebensweise in den umliegenden ländlichen Regionen verbunden. Im Anschluss an Haupt- und Ko-Referat entspann sich eine lebhafte Diskussion über die Rolle der Nachhaltigkeitsforschung und ihre tatsächlichen Beiträge zu einer Transformation zur Nachhaltigkeit.

Zu Abschluss des ersten Veranstaltungstages rückte das Thema „Partizipation“ in den Mittelpunkt. Unter dem Titel „Transformation durch Partizipation? Die zentrale Rolle politischer Urteilsbildung“ widmeten Prof’in Doris Fuchs und Carolin Bohn (beide WWU Münster) sich zunächst den Herausforderungen der Umsetzung erfolgreicher nachhaltigkeitsorientierter Partizipation in liberalen (Post-)Demokratien. Sie erläuterten anschließend, inwiefern diese Herausforderungen durch die Förderung politischer Urteilsbildung in partizipativen Prozessen adressierte werden könnten und gingen auf Chancen und Hindernisse der praktischen Umsetzung politischer Urteilsbildung ein. Während das Hauptreferat Partizipation auf kommunaler Ebene im Globalen Norden in den Blick nahm, berichtete Dr. Georg Stoll (MISEREOR) von den spezifischen Herausforderungen partizipativer Prozesse im Globalen Süden. Er warf außerdem die Frage auf, inwiefern Partizipation Verständigung zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden fördern kann und unterstrich, dass Möglichkeiten tatsächlicher Einflussnahme für Menschen aus dem Globalen Süden zentral seien. Im Anschluss an Haupt- und Ko-Referat diskutierten die Teilnehmer*innen in Kleingruppen angeregt weitere Fragen im Zusammenhang nachhaltigkeitsorientierter Partizipation.

Am zweiten Veranstaltungstag stand zunächst „Zeit als kritischer Faktor“ im Fokus. Hauptreferent Prof. Rinderspracher diskutierte in diesem Zusammenhang verschiedene Themen an der Schnittstelle Nachhaltigkeit und Zeit, wie u.a. Vor- und Nachteile eines „Fünf-vor-Zwölf“-Narratives und Chancen positiver ökologischer Auswirkungen durch Zeitwohlstand. Ko-Referent Dr. Martin Held (Mitglied des Gesprächskreises „Die Transformateure“) kommentierte und ergänzte die Thesen des Hauptreferenten sehr sorgfältig und setzte weitere eigene Schwerpunkte, indem er beispielsweise auf Fragen des Verhältnisses von Wirtschaft und Gesellschaft und die zeitlichen Aspekte der „all metals age“ einging. Anschließend erfolgte wiederum eine Diskussion in Kleingruppen, bevor Prof’in Marianne Heimbach-Steins und Dr. Georg Stoll die Ergebnisse der Tagung systematisch zusammenfassten, weiterführende Fragen formulierten und eine engagierte Abschlussdiskussion anleiteten.

Die Ergebnisse der interdisziplinären Fachtagung „Transformation zur Nachhaltigkeit. Hindernisse – Wege – Strategien“ sollen auch in einem Tagungsband dokumentiert werden.