Wirtschaftliche Versorgungs- und Organisationsstrukturen im Heraion auf Samos in hellenistischer Zeit
Seit 2026 betreibt das Institut für Klassische Archäologie und Christliche Archäologie in Kooperation mit dem Deutschen Archäologischen Institut in Athen unter der Leitung von Jun.-Prof. Dr. Sabine Huy und Dr. Jan-Marc Henke ein neues Forschungsprojekt im Heiligtum der Hera auf Samos. Ziel ist es, die wirtschaftlichen Versorgungsstrukturen des Heiligtumsbetriebs in hellenistischer Zeit zu erforschen.



Warum ist das interessant?
In Heiligtümern entstanden sehr spezifische Bedarfe, die sich aus Kultpraktiken (Opferungen, Festmahlzeiten, Weihgaben), sakralen Gesetzen (z. B. Speisevorschriften) sowie aufgrund des Festkalenders ergaben. Verbrauchsgüter wie Opfertiere, Wein für Trankspenden und Bankette sowie Votivgaben, beispielsweise in Form von Terrakottastatuen, waren regelmäßig gefragt. Damit sind zentrale Wirtschaftsaktivitäten verbunden, die die Beschaffung von handwerklichen und landwirtschaftlichen Gütern, deren Vertrieb sowie ggf. deren Lagerung umfassen. Diese, für das Funktionieren eines Heiligtums zentralen Tätigkeiten, sind archäologisch kaum erforscht worden. Sie stehen nun im Mittelpunkt der gemeinsamen Forschungen der Univ. Münster und des DAI Athen.
Das Heraion auf Samos bietet dazu eine sehr gute Ausgangslage, da bei früheren Grabungen bereits Hinweise auf kleinere Handwerksbetriebe zutage kamen und die berühmte sog. Kapeloi-Inschrift aus dem Jahr 245/44 v. Chr. (IG XII 6,1 169; Habicht 1972, 210-216) einen seltenen Einblick in die Verwaltung und Verpachtung von Händlerständen im Heiligtum gibt. Ein besonders vielversprechender Befund ist das als hellenistischer Lagerbau gedeutete Gebäude, das bei Ausgrabungen 1998 im Osten des Temenos entdeckt wurde. Seine weitere Erforschung bildet den Startpunkt des neuen Projekts und eröffnet Perspektiven sowohl auf die Versorgung des Heiligtums als auch auf die Neuorganisation des Heraion in hellenistische Zeit.
Historischer Kontext
Das Heraion war das Hauptheiligtum der antiken Polis Samos. Es liegt an der Ostküste der Insel, etwa 6 km außerhalb der Stadt am Rande der fruchtbaren Chora-Ebene. In archaischer Zeit, der Hochphase der Polis, wurde das Temenos mit monumentalen Bauprojekten ausgestattet. Zahlreiche Funde transmediterraner und nahöstlicher Provenienz zeugen von den weitreichenden, interkulturellen Kontakten der Gemeinschaft und dem weiten Ruhm der samischen Hera (Kyrieleis 1981; Niemeier 2014). In klassischer Zeit ging die überregionale Reputation des Heraions jedoch zurück und Samos stand längere Zeit unter athenischer Kontrolle. Im 4. Jh. v. Chr. gliederte Athen die Insel in sein Staatsgebiet ein und installierte eine Kleruchie (365/64–322/21 v. Chr.), in deren Zuge ein Großteil der samischen Bevölkerung ins Exil getrieben wurde. Aus dieser Zeit sind nur wenige Baumaßnahmen und Stiftungen aus dem Heraion bekannt. Bei Rückkehr der Samier auf die Insel lagen einige der archaischen Großbauten offenbar in Ruinen (Henke 2021/2022, 422-428) und die Bevölkerung war nach 40 Jahren Abwesenheit von den eigenen Ländereien, insbesondere hinsichtlich der Beschaffung von Getreide, auf Unterstützung von außen angewiesen (Nudell 2023, 160-161; Habicht 1972, Nr. 2. 4).
In dieser gesellschaftlich herausfordernden Situation wurde das Heraion in weiten Teilen neu organisiert. Am Ostrand des Bezirks, auf dem bis dahin unbebauten Areal südlich des Osttores, entstand in ein langgestrecktes Gebäude mit Resten mehrerer Zwischenmauern von mind. 20 m Länge, das offensichtlich zur Lagerung von Nahrungsmitteln diente. Darauf weisen zahlreiche, teils vollständige Transportamphoren hin, die im Inneren gefunden wurden. Der Bau wurde 1998 unter Leitung von H. Kienast entdeckt, jedoch nur in Teilen erforscht (Kienast u.a. 2017). Seine ursprüngliche Größe, die innere Raumgliederung und die genaue Datierung sind bislang unklar. Dieser für griechische Heiligtümer bisher einzigartige Befund ermöglicht konkrete Hypothesen über die wirtschaftlichen Versorgungs- und Organisationsstrukturen des Heraions in der Phase der Neuorganisation des Heiligtums zu formulieren.



Projektbausteine
Kernmaßnahme des Projektes ist die weitere Ausgrabung des Lagerbaus an der Ostgrenze des Heraion. Dadurch sollen dessen genauere Datierung und Existenzdauer, seine räumliche Ausdehnung und Binnengliederung sowie Fragen nach der Strukturierung des Areals vor und nach der Anlage des Baus geklärt und die Interpretation als Lagerbau geprüft werden. Die Architektur wird anschließend in die heiligtumsinterne Infrastruktur eingebunden, indem Zugänge und Wegenetze sowie mögliche Verbindungen zu anderen, bereits bekannten Befunden von Produktionsbereichen analysiert werden. Durch seine Position südlich der Heiligen Straße und nahe dem Ostzugang war der Bau ideal an die Hauptverbindung nach Samos-Stadt angebunden.
Den zweiten wichtigen Baustein des Projekts bildet die mehrdimensionale Analyse der Transportamphoren: durch ihre typologische Klassifikation können die Füllmengen dieser standardisierten Behälter bestimmt werden und so in Kombination mit der Fundquantifizierung die Kapazitäten der Vorratshaltung modelliert werden. Die Auswertung des Fundspektrums aus dem Lagerbau wird durch eine systematische Aufnahme von Transportamphoren aus alten Ausgrabungen im gesamten Areal des Heiligtums ergänzt. Amphoren sind eine der aussagekräftigsten archäologischen Fundgruppen für Versorgung und wirtschaftlichen Austausch. Durch die Bestimmung der Produktionsorte der Behälter, die durch petrographische und chemische Herkunftsanalysen unterstützt wird, können Rückschlüsse auf die Bedarfe und Handelsbeziehungen gezogen und Aussagen über die Rolle, die die lokale Landwirtschaft im Vergleich zu Importen für die Versorgung des Heiligtums spielte, getroffen werden. Darauf aufbauend kann das Profil des Heraion in die regionalen und überregionalen Handelsdynamiken der hellenistischen Ägäis eingebunden werden. Der Befund im Osttemenos ermöglicht somit die Untersuchung der wirtschaftlichen Versorgung sowohl des Heiligtums selbst als auch der Polis Samos.
Erste Schritte, erste Ergebnisse
Den Auftakt zum Projekt unternahm das gemeinsame Team der Univ. Münster und des DAI Athen im Sommer 2026 mit der Aufarbeitung der Funde der 1998 unter Leitung von H. Kienast durchgeführten Grabung am Osttor, bei der der Lagerbau zutage trat (Bezeichner: HS 98). Dieser Arbeitsschritt dient der Vorbereitung auf die ab 2027 geplanten Ausgrabungen. Durch die Auswertung der Funde hinsichtlich ihrer Datierung und funktionalen Nutzung wurde die Neuorganisation des Areals entlang der archaischen Temenosgrenze konkreter fassbar: Zum einen konnte die Chronologie des Lagerbaus differenziert werden. Der Bau selber entstand nicht im frühen 3. Jh. v. Chr., wie H. Kienast (u.a. 2017) publiziert hatte, sondern erst im fortgeschrittenen Hellenismus. Für eine genaue Datierung fehlen derzeit noch konkrete Hinweise, die durch die Grabung erbracht werden sollen. Zum anderen zeigte sich aber, dass das Areal offenbar schon vor dem Bau des Lagerhauses als Bevorratungsbereich designiert wurde und diese Nutzung genau in die Zeit nach der Rückkehr der Samier aus dem Exil ins letzte Viertel des 4. bis frühen 3. Jh. v. Chr. fiel. Diese These stützt sich auf die starke Veränderung des Fundzusammensetzung: Scherben aus archaischer Zeit gehören zum Großteil zu Tafel- und Bankettgeschirr; im Spektrum der frühhellenistischen Zeit überwiegen hingegen deutlich die Transportamphoren (167 Fragmente archaische Amphoren gegenüber 681 hellenistische Amphoren). Diese Beobachtung führte zur Hypothese, dass zunächst ephemere Anlagen zur Vorratshaltung angelegt wurden, die folgend in stabile Architektur überführt wurden. Neben der Funddokumentation wurden ca. 60 Fragmente für eine petrographische Herkunftsbestimmung ausgewählt.
Im Sommer 2026 wurde auch die Aufnahme von Transportamphoren aus dem gesamten Areal des Heiligtums begonnen und ca. 400 Gefäße aus archaischer bis hellenistischer Zeit dokumentiert. Das Spektrum weist bisher eine überdurchschnittlich hohe Anzahl an Importen für die hellenistische Zeit auf (ca. 75%). Inwieweit dies einer spezifischen Selektion im Fundmagazin geschuldet ist, wird sich in der weiteren Bearbeitung zeigen. Der Trend zunehmender Importe ab dem 3. Jh. v. Chr. zeichnet sich aber auch in anderen Orten der Region wie z. B. Milet ab (ein erster Beitrag dazu ist zur Publikation eingereicht: Huy, lokal-regionale Verflechtungen).








Projektleitung:
Jun.-Prof. Dr. Sabine Huy (Universität Münster) & Dr. Jan-Marc Henke (DAI, Athen)
Team 2026:
Josefine Beusch, M.SC.; Ausgr.-Ing. Stefan Biernath, M.SC.; Cornelius Breulmann, B.A.; Kristina Maue; Rebecca Orthey, B.A.; Kim Aileen Renzel, B.A.; Nick Winkelmann


Literatur
- C. Habicht, Hellenistische Inschriften aus dem Heraion von Samos, AM 87, 1972, 191-228
- J.-M. Henke, Das Heraion von Samos von klassischer Zeit bis in die Spätantike: Eine Bestandsaufnahme, AM 136/137, 2021/2022, 419-453
- S. Huy, Lokal-regionale Verflechtungen im ionischen Handel. Zur Aussagekraft von Transportamphoren für die Wirtschaft Milets und Samos von archaischer bis hellenistischer Zeit, in: S. Killen – D. Grigoropoulos (Hrsg.), Ökonomische Netzwerke. Lokale, regionale und globale Wirtschaftsdynamiken. Beiträge aus dem Forschungscluster 8 des DAI, eingereicht Oktober 2026
- H. J. Kienast – A. Moustaka – K. Großschmidt – F. Kanz, Das archaische Osttor des Heraion von Samos. Bericht über die Ausgrabungen der Jahre 1996–1998, AA 2017, 125–212
- H. Kyrieleis, Führer durch das Heraion von Samos (Berlin 1981)
- W.-D. Niemeier, The Heraion at Samos, in: J. Aruz – S. B. Graff – Y. Rakic (Hrsg.), Assyria to Iberia: At the Dawn of the Classical Age, Ausstkat. New York 2014, 295–312
- J. Nudell, Accustomed to obedience? Classical Ionia and the Aegean world, 480-294 BCE (Ann Arbor 2023)

