„Artaxata bei der Araxenischen Ebene, eine schön angelegte Stadt und Königssitz des Landes; sie liegt auf einer halbinselförmigen Landzunge: ihre Mauer ist ringsum, außer auf der Landenge, durch den Fluss geschützt und die Landenge mit einem Graben und einem Wall abgeriegelt“ (Strabon, Geographika, Buch XI, 14, 6).

Das „Armenian-German Artaxata Project“ (AGAP)

Abb. 1: Artaxata, Khor Virap und der Ararat.
© AGAP

Seit 2018 erforscht ein Team von armenischen und deutschen Wissenschaftler*innen unter der Leitung von Prof. Dr. Achim Lichtenberger (WWU Münster), Dr. Mkrtich Zardaryan (Armenische Akademie der Wissenschaften) und Torben Schreiber (WWU Münster) die hellenistische Metropole Artaxata in der Ararat-Ebene (Armenien). Gefördert wird das Grabungsprojekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Republik Armenien.

Lokalisierung von Artaxata

Die antike Stadt Artaxata konnte rund 10 km südlich des heutigen Artaschats auf insgesamt 16 Hügeln lokalisiert werden. Auf einem dieser antiken Siedlungshügel liegt das Kloster Khor Virap, welches ein bedeutendes christliches Wahrzeichen für die Armenier ist. Artaxata lag am Fuße des Berges Ararat, welcher bis zu 5137 m misst und Namensgeber der gleichnamigen Ebene ist. Bereits Strabon (s.o.) schrieb von der äußert günstigen Lage der Stadt auf einer halbinselförmigen Landzunge; diese wurde von den beiden Flüssen Araxes und Metsamor geschützt.

Geschichte der Stadt

Abb. 2: Topografische Karte des Stadtgebietes.
© AGAP

Artaxata war die Hauptstadt des armenischen Königreichs der Artaxidendynastie. Um ihre Gründung rankt sich ein bemerkenswerter Mythos: Angeblich soll der Karthager Hannibal dem Artaxidenkönig Artaxias I. (189-160 v.Chr.) dazu geraten haben, an dieser Stelle seine Hauptstadt anzusiedeln. Vermutlich sollte diese Gründungsgeschichte einen karthagisch geprägten Antagonismus zu Rom widerspiegeln. Die Stadt entwickelte sich in hellenistischer Zeit zu einer bedeutenden Metropole und war bis auf kurze Unterbrechungen, in denen Tigranes II (95-55 v.Chr.) aufgrund seiner Reichsexpansion die Hauptstadt nach Tigranakert verlagerte, die Hauptstadt des Königreich Armeniens.

Forschungsgeschichte

In den 1970er und 1980er Jahren lag der Fokus der Ausgrabungen auf den Hügeln I und VIII. Die durch die armenische Akademie der Wissenschaften durchgeführten Arbeiten dienten der topographischen aber auch der chronologischen Erfassung des Stadtgebietes. Auf Hügel I konnten hauptsächlich fortifikatorische Bauten festgestellt werden. Auf Hügel VIII wurden Wohnquartiere bestehend aus Korridorhäusern gefunden, welche einen zugrundeliegenden, gleichmäßigen Bauplan aufweisen. Es konnte eine dichte Bebauung im gesamten ummauerten Stadtgebiet festgestellt werden. Die Stadt war von einer 3,8 km langen Stadtmauer umgeben, welche die Hügel I bis IX umfasste. Insgesamt konnten somit 30-35 Hektar Stadtgebiet geschützt werden. Basierend auf der zentralen Lage, der Einbindung in die Befestigungsanlange, dem schwierigen Zugang und der gefundenen bemalten Bau- und Stuckornamentik wird auf Hügel II der königliche Palast vermutet.

Mittels der Befunde und Funde konnten die Ausgräber*innen vier unterschiedliche Bauphasen feststellen, die mit der literarisch überlieferten Stadtgeschichte in Zusammenhang gebracht wurden. Anhand der Funde lassen sich weitreichende Austauschbeziehungen mit der gesamten antiken Mittelmeerwelt und dem Partherreich feststellen.  Zudem ließ sich nachweisen, dass das Stadtgebiet der hellenistischen Stadt bereits in früheren Epochen besiedelt war, wobei zwischen der Urartäischen Zeit und der hellenistischen „Neugründung“ eine Besiedlungslücke zu beobachten ist, die Fragen aufwirft.

Feldforschungskampagnen 2018–2021

Abb. 3: Ergebnisse der geophysikalischen Prospektion.
© AGAP

Wichtige Fragen zur Urbanistik, zum materiellen und kulturellen Profil der Stadt im Hellenismus, der Besiedlungslücke zwischen der Eisenzeit und dem Hellenismus sowie zu den Epochengrenzen sind noch unbeantwortet. So ist weiterhin zu klären, wie lange der „Hellenismus“ in Armenien andauerte und inwiefern Vorgänge der „Romanisierung“ kulturgeschichtlich fassbar sind.Anhand dieser Fragen wurde zunächst die östliche und südöstliche Unterstadt im Bereich von „Hügel XIII“ untersucht. 2018 wurde eine Gesamtfläche von 11 Hektar geomagnetisch untersucht, 2021 kamen 20 weitere Hektar dazu. Seit 2019 werden jedes Jahr Feldforschungskampagnen durch das Armenien German Artaxata Project (AGAP) durchgeführt – während dieser Untersuchungen konnten wichtige Erkenntnisse hinsichtlich der Siedlungsstruktur und der chronologischen Entwicklung erzielt werden:

 

 

 

Hügel XIII

Dank C14-Analysen konnte Aufschluss über die Stadtgeschichte gewonnen werden. So weisen die Gebäudestrukturen auf „Hügel XIII“ eine dreiphasige Bebauung auf. Phase I beginnt ungefähr mit dem Regierungsantritt Artaxias I. um 180 v.Chr. Zunächst wurde dort ein vermutlich sakrales Gebäude erbaut, welches einen zentralen Breitraum mit reichhaltigem Stuckdekor und Ausstattungselementen aus Basalt aufweist. Es wurden Spuren von Feuer und eine teilweise Zerstörung erkannt – ein Indiz für militärische Auseinandersetzungen mit dem römischen Reich ca. 66 v.Chr.

Abb. 4: Hügel XIII, Bebauung der Phase I – Steinplan und Rekonstruktion.
© AGAP

In der Subphase zu Phase I (Ib) zeichnet sich womöglich bereits ein Funktionswandel zur Wohnbebauung ab. Dieser Funktionswandel wird in der Phase II (ab Mitte 1. Jh. v.Chr.) deutlich. Bisher konnten aus dieser Phase zwei durch eine Gasse getrennte Korridorhäuser großflächig ausgegraben werden. Auf Phase II folgte die nahezu deckungsgleiche Phase III. Bauliche und funktionale Veränderungen sind kaum zu beobachten.

Abb. 5: Hügel XIII, Bebauung der Phasen II und III – Steinplan und Rekonstruktion der Phase II.
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Das Ende der Phase III wird durch die Zerstörung durch den römischen Feldherrn Corbulo 59 n.Chr. gekennzeichnet. Die geringe Menge an Funden lässt die Annahme zu, dass die Bewohner Artaxatas bereits vor der Zerstörung ihre Wohnhäuser mitsamt ihrer Wertgegenstände verließen. Vermutlich zogen sich die Bewohner des Hügel XIII in den ummauerten Bereich der Stadt zurück. Hügel XIII wurde daraufhin nie wieder besiedelt, die zurückgelassenen Wohnhäuser verwitterten.

Der Aquädukt

Abb. 6: Aquäduktpfeiler, Blöcke aus opus caementitium.
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Einer der bedeutendsten Befunde stellt der 2020, anhand einer Anomalie im Magnetogramm erkannte, Aquädukt dar. Insgesamt wurden 17 Fundamentblöcke bestehend aus opus caementitium gefunden, die mindestens 3,5 m tief in den Boden ragen. Da keine aufgehende Architektur gefunden wurde, kann davon ausgegangen werden, dass der Aquädukt nie fertig gestellt wurde. Vermutlich begann der Bau unter der Regierung Trajans (98-117 n.Chr.). Unter ihm erlebte das Römische Reich seine größte Ausdehnung, 114 n.Chr. wurde auch Armenien als Provinz in das römische Imperium eingegliedert.
Vor Ort operierte die Legio IIII Sythica mit dem Beinamen operosa felix, ihre Anwesenheit wird durch Stempel auf Dachziegeln bewiesen. 1967 wurde in dem Dorf Pokr Vedi, welches in der Nähe des antiken Artaxata liegt, eine Inschrift gefunden, welche dem Kaiser Trajan gewidmet wurde. Möglicherweise war diese Inschrift an einer Brücke angebracht, da der antike Flussverlauf des Metsamors wahrscheinlich nahe dem Fundort verlief. Mit dem Tod Trajans 117 n.Chr. wurde die Provinz Armenien und somit auch der Bau des Aquädukts aufgegeben.

 

Urartäischer Bau

Abb. 7: Orthofoto mit den Überresten des urartäischen Gebäudes.
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2018 wurde auf dem Magnetogramm im südlichen Bereich des Untersuchungsgebietes ein Bauwerk mit einer Länge von über 60 m entdeckt. In zwei Schnitten wurde dieses 2021 teilweise ausgegraben: in der 195 m² großen Fläche konnten die Ausgräber*innen die Nordwest-Ecke des Bauwerks und ein im Zentrum liegendes, dreiteiliges Doppeltor freilegen. Die Funktion ist bisher unklar, anhand der genommenen C14-Daten kann das Gebäude jedoch sicher in die urartäische Zeit um 800 v. Chr. datiert werden. Dies stellt eine wichtige Erkenntnis in der vorhellenistischen Stadtgeschichte dar; neben der urartäischen Befestigungsmauer ist dies der erste monumentale Komplex aus jener Zeit im Untersuchungsgebiet.

 

Perspektiven und Ziele

Die Erschließung der östlichen Hügelkuppe von Hügel XII ist abgeschlossen, 2022 wird die Westseite untersucht. Das Hauptaugenmerk soll jedoch auf das urartäische Bauwerk gelegt werden. Hier gilt es vor allem die Frage der Funktion und die Länge der Nutzungszeit herauszufinden. Auch begründet das Magnetogramm die Annahme, dass sich die urartäische Siedlung weiter in südliche Richtung erstreckt.

Dies führt wiederum zu Fragen hinsichtlich der Siedlungsgeschichte zwischen dem Untergang Urartus im 6. Jh. v. Chr. und der Etablierung des armenischen Königreiches in hellenistischer Zeit. Wurde das Stadtgebiet kontinuierlich besiedelt? Oder führte die naturräumlich günstige Lage zu einer Neubesiedlung am gleichen Ort? Weitere Sondagen 2023 in der südlichen Unterstadt und am Osthang des Hügel XII sollen einen Einblick in die Gründungsphase von Artaxata bieten.

Ein weiterer Schwerpunkt des Projektes wird auf der Erarbeitung einer auf C14-datierten stratigraphischen Beobachtungen basierenden Keramiktypologie liegen.

Torben Schreiber / Kira Zöller für das AGAP-Team

Bibliographie:

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A. Lichtenberger – M. H. Zardaryan, Preliminary Report of the 2018 campaign of the Armenian-German Artaxata Project, Boreas 41/42, 2018/2019, 39-48.

A. Lichtenberger – Meyer – M. H. Zardaryan, Report on the 2018 Magnetic Prospection at Artaxata/Artashat in Armenia, Archäologischer Anzeiger 2/2019, 70-89. https://doi.org/10.34780/aa.v0i2.1004.

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T. Schreiber, The archives of Artaxata. Archival practice in the capital of ancient Armenia, Electrum 28, 2021, 277–310, https://doi.org/10.4467/20800909EL.21.017.13375.