Sommervortragsreihe 2026

Nachfolgend finden Sie Informationen zu den bisherigen Vorträgen des Sommersemesters 2026.

Eine Programmübersicht zur gesamten Vorlesungsreihe finden Sie hier.

Goldgier und Gottesfrömmigkeit

Zur Zielsetzung der Alchemisten im arabischen Werk ‘Das Buch des Gartens’ (ca. 10. Jh.)

Zum Auftakt der Sommervortragsreihe 2026 durfte das Institut für Arabistik und Islamwissenschaft mit Dr. Vicky Ziegler zugleich eine neue Münsteraner Kollegin begrüßen, die seit März als Koordinatorin des Zentrums für Arabische Sprache tätig ist. In ihrem Vortrag, der an ihre 2022 publizierte Promotion anknüpfte, sprach sie zum Thema „Goldgier und Gottesfrömmigkeit. Zur Zielsetzung der Alchemisten im arabischen Werk ‘Das Buch des Gartens’ (ca. 10. Jh.)”.

© Institut für Arabistik und Islamwissenschaft

Zu Beginn skizzierte sie die historische Entwicklung und zentrale Merkmale der Alchemie in der arabischen Welt. Diese geht v.a. auf das hellenistische Ägypten zurück und fand von dort Eingang in die arabische Gelehrsamkeit, vertreten etwa durch Ḫālid b. Yazīd (gest. 705), Ǧābir b. Ḥayyān (gest. 815) und Abū Bakr ar-Rāzī (gest. 925). Im Zentrum stand dabei die Umwandlung unedler Metalle in Gold, insbesondere durch den ‚Stein der Weisen‘. Als Geheimwissenschaft blieb die Alchemie jedoch Eingeweihten vorbehalten, was sich in der oft schwer verständlichen, von Decknamen, Allegorien, Zahlenmystik und teils auch Geheimschriften geprägten Sprache ihrer Texte widerspiegelt

© Institut für Arabistik und Islamwissenschaft

Im Zentrum von Zieglers eigener Forschung steht eine Edition und Übersetzung des „Buchs des Gartens“ (Kitāb ar-Rawḍa). Das Werk wird in der handschriftlichen Überlieferung unterschiedlichen Autoren zugeschrieben, lässt sich nach ihrer Einschätzung jedoch am ehesten dem andalusischen Gelehrten Maslama b. Qāsim al-Qurṭubī (gest. 964) zuordnen. Es gliedert sich in zwölf Bücher, die verschiedene Aspekte der alchemischen Operation behandeln, deren Ziel die Herstellung des Steins der Weisen ist. Anhand ausgewählter, von ihr übersetzter Passagen zeigte Ziegler auf, dass dieser Stein häufig in anthropomorpher Weise erscheint. So ist etwa von seiner „Seele“ die Rede, die im Verlauf der Operation geläutert werden müsse, vergleichbar der Reinigung der menschlichen Seele durch das Höllenfeuer. In einem allegorischen Selbstbericht schildert der Stein zudem die Geschichte eines Menschen, der Gefangenschaft, Folter und Tod erleidet, bevor er schließlich wiederaufersteht.

Solche Passagen verdeutlichen, dass Alchemie für ihre Anhänger weit über die bloße Herstellung von Gold hinausging. Vielmehr erscheint der Stein, so Ziegler, als etwas Göttliches, insofern an ihm nachvollzogen wird, was Gott mit dem Menschen vollzieht. Die alchemische Praxis wird damit zu einem Weg spiritueller Transformation, der letztlich auf die Vervollkommnung der Praktizierenden selbst zielt.