Auf den Spuren der Pest in Madagaskar - Reisetagebuch von Prof. Dr. Harald Strauß

© WWU - Friederike Stecklum

Die Pest, die bis ins 19. Jahrhundert in Europa Schrecken verbreitete, gibt es hierzulande nicht mehr. In vielen Ländern Afrikas, Amerikas und Asiens dagegen kommt es regelmäßig zu Ausbrüchen dieser Infektionskrankheit. So treten in Madagaskar jährlich Erkrankungswellen auf. Während es in manchen Dörfern regelmäßig zu Ausbrüchen kommt, scheinen andere einen Schutzengel zu haben und bleiben verschont. Wieso dies so ist und welche Präventionsmaßnahmen man daraus ableiten kann, untersucht derzeit ein Wissenschaftlerteam aus Deutschland und Tschechien im zentralen Hochland von Madagaskar. Das Team ist im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung unterwegs, unterstützt von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Neben Expertinnen und Experten aus den Bereichen Tropenmedizin, Epidemiologie und Biologie ist auch ein Geologe dabei: Prof. Dr. Harald Strauß von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU). Welche Rolle er in dem interdisziplinären Team spielt und welchen Herausforderungen die Gruppe in Madagaskar begegnet, darüber berichtet er in seinem Blog.

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Impressionen der Fauna Madagaskars: Ein Chamäleon ...
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  • ... und ein Lemur
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8. November 2018

Meine Zeit vor Ort geht dem Ende entgegen, und ich sende einen letzten Gruß aus Madagaskar. Wir haben den Tag genutzt, um unsere bisherigen Beobachtungen zusammenzutragen.

Bisher haben wir sechs verschiedene Dörfer und Hofstellen besucht. Von manchen wissen wir, dass sie regelmäßig von der Pest heimgesucht werden, andere gelten bisher als pestfrei. Die Häuser gleichen sich, haben im Erdgeschoss häufig den Stall und ggf. ein Holzlager; in den Räumen der beiden Obergeschosse wird geschlafen und gekocht. Die Häuser sind mit Stroh gedeckt. Die Lebensumstände sind zumeist sehr einfach, oft liegt die Matratze direkt auf dem Boden, daneben lagern Lebensmittelvorräte. Gekocht wird auf offenem Feuer, oft im dem Raum, in dem auch geschlafen wird. Die Räume sind verräuchert, und die Kinder leider offensichtlich unter Atemwegserkrankungen. Zutrittsmöglichkeiten für Ratten und Mäuse gibt es überall, und auch Nahrung ist für sie überall leicht erreichbar. Bei den Befragungen geben die Bewohnerinnen und Bewohner der verschiedenen Ansiedlungen an, dass im Grunde alle schon von Ratten gebissen wurden. Manche berichten, dass sie in zurückliegenden Jahren an Pest erkrankt waren, aber auch dass sie durch die Behandlung in der Krankenstation in Amapasina geheilt wurden. Viele Familien haben aber auch Pesttote zu beklagen.

Meine bisherigen Beobachtungen lassen im Moment noch keine direkten Zusammenhänge zwischen den geologischen Verhältnissen und der räumlichen Verbreitung von Pestfällen erkennen. Bodenbildung, intensive landwirtschaftliche Nutzung, vor allem aber das Relief und die isolierte Lage der Dörfer und Hofstellen scheinen Einfluss zu haben. Eine detaillierte Auswertung der Beobachtungen wird hierzu weitere Erkenntnisse liefern. Und natürlich stehen die Untersuchungen zu den Krankheitserregern an, sie werden in den kommenden Monaten in Hamburg, Bonn und Brno in Tschechien durchgeführt.

Erst das Zusammenspiel unserer Feldbefunde hier vor Ort und der Laborergebnisse der kommenden Monate werden eine belastbare Aussage zu den Faktoren erlauben, die für das Auftreten und die Ausbreitung der Pest im zentralen Hochland Madagaskars verantwortlich sind.

Ich mache mich morgen auf den Weg nach Antananarivo und trete meinen Rückweg nach Münster an. Das Team vor Ort wird morgen durch Daniel vom Tropeninstitut Hamburg verstärkt, und die Mission geht noch knapp zwei Wochen weiter. Alle Mitglieder des SEEG-Teams werden in den kommenden Monaten in intensivem Austausch stehen, um die weiteren Ergebnisse zu diskutieren.

VELOMA – Auf Wiedersehen!

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Typische Häuser im zentralen Hochland von Madagaskar
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  • Einfache Verhältnisse kennzeichnen das Innere der Häuser.
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  • Eine Lebendfalle – hoffentlich am richtigen Platz aufgestellt
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  • Michael auf dem Weg ins Obergeschoss des Hauses
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  • Im Labor der Krankenstation in Amapasina haben sich die Wissenschaftler eingerichtet.
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  • Am Arbeitsplatz im Labor
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6. November 2018

Die Zeit verrinnt im Fluge, schon wieder sind zwei Tage vergangen. Das einsam gelegene Dorf Tsararivotro hat sich zu einem eigenen kleinen Untersuchungsschwerpunkt entwickelt. Wir haben in der Zwischenzeit fast alle Häuser jeweils eine Nacht mit Fallen ausgerüstet und waren sehr erfolgreich was die „Ausbeute“ betrifft, also die Zahl der gefangenen Ratten und Mäuse. Doch wie sieht unser Tagesablauf eigentlich aus?

Michael, der Teamleiter, war schon vor einigen Monaten hier, um gemeinsam mit Raphael, unserem Kooperationspartner vor Ort, diesen Einsatz der SEEG vorzubereiten. Michael ist ein erfahrener Bakteriologe, der bereits in verschiedenen afrikanischen Ländern für die GIZ solche Einsätze durchgeführt hat. Er weiß um die Risiken und ist neben seiner fachlichen Expertise vor allem auch der Garant für den sicheren Ablauf dieses Einsatzes. Er hat unser interdisziplinäres Team zusammengestellt, und gemeinsam planen wir täglich das jeweilige Arbeitsprogramm. Doch zurück zu unserem kleinen Dorf, von dem wir durch Raphael wussten, dass dort regelmäßig die Pest ihre Opfer fordert.

Im näheren Umfeld des Dorfes haben wir Informationen zu Geologie, Vegetation und Landnutzung aufgenommen und Proben eingetütet. Die Häuser in Tsararivotro sind sehr typisch von ihrer Bauweise: Bruchstein- oder einfaches Ziegelmauerwerk, manchmal verputzt. Die Fensterluken haben hölzerne Fensterläden, eine einfache Holztür verschließt den Eingang. Im Erdgeschoss ist zumeist der Stall für Schweine, Schafe oder auch Geflügel sowie oft auch noch ein Lager- oder Vorratsraum. Die beiden oberen Stockwerke gleichen sich häufig. In einem Raum wird geschlafen, häufig auf einer Matratze auf dem Fußboden, und in einem zweiten Raum wird gekocht. Aber hier lagern auch häufig Lebensmittel. Gekocht wird auf offenem Feuer, was den Raum entsprechend verräuchert. Manchmal ist aber Schlafraum zugleich auch Küche. Einfache Leitern führen zu den oberen Stockwerken.

Michael und Peter haben viel Erfahrung und wissen, wo Fallen zielführend platziert werden. Für jeden Raum werden nicht nur die Position, sondern auch Informationen zum Raum selbst notiert. Ebenso nehmen wir Proben der gelagerten Lebensmittel für spätere Untersuchungen mit. Häufig ist es nicht einfach, sich in den engen Räumen zu bewegen und man ist froh, wenn man wieder frische Luft schnappen kann. Dann werden noch die Familien befragt. Das geht nur gemeinsam mit Mitarbeitern von Raphael, da niemand von uns Malagasy spricht.

Die Fallen bleiben über Nacht in den Häusern oder im direkten Umfeld. Normalerweise sammeln wir die Fallen am Morgen wieder ein. Die Bewohnerinnen und Bewohner von Tsararivotro sind sehr kooperativ, sie bringen uns die Fallen zum Fluss. Die gefangenen Tiere werden dann in einem Raum der Krankenstation in Amapasina bearbeitet. Hier haben wir uns im Labor eingerichtet, in dem auch die Diagnostik für die Pestkranken durchgeführt wird. Raphael führt seit etwa zehn Jahren Buch über die Pestfälle in der Region Andina. Auch diese wichtigen Informationen werden in unsere Auswertung einbezogen, neben den vielen verschiedenen Beobachtungen, die wir selbst vor Ort machen. Das SEEG-Team wird Ende dieser Woche noch durch Daniel verstärkt. Daniel arbeitet am Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg, besser bekannt als das Tropeninstitut. Er ist ein Experte für Tropenmedizin und bringt entsprechende Erfahrung von früheren Einsätzen in Afrika mit.

Sind am Spätnachmittag alle Arbeiten beendet, treten wir den Rückweg nach Ambositro an. Es schaukelt mächtig auf der holperigen roten Piste. Entlang der Straße sehen wir noch Menschen, die in den Feldern arbeiten. Die Straße ist belebt, Autos kommen uns entgegen, vor allem aber viele Menschen zu Fuß oder auf dem Fahrrad. Sie haben ihre Einkäufe dabei. Dann sind es wieder Schafe oder Rinder, die für die Nacht zum Stall getrieben werden. Gut eine Stunde Fahrt liegt hinter uns, als wir in der Dämmerung unser Quartier in Ambositro erreichen. Jetzt freut sich jeder auf die Dusche und das Abendessen, heute ist es Steak vom Zeburind mit Karotten, Bohnen und Reis. Und dann heißt es „Gute Nacht“.

4. November 2018

In den vergangenen zwei Tagen ist bereits ein wenig Routine in unsere Arbeiten eingekehrt. Und die Tage waren bereits recht erfolgreich. Etwa ein Viertel der Fallen war jeweils besetzt, zwar überwiegend mit Mäusen, aber auch einige Ratten wurden gefangen. Für alle Tiere wurden Daten wie Länge, Gewicht und Geschlecht notiert und nach einer etablierten Verfahrensweise Blut-, Organ- und Haarproben entnommen. Die Proben werden alle fixiert und direkt eingefroren. Christina und Peter sind hier inzwischen ein eingespieltes Team im Labor, und Michael und ich assistieren, wo möglich.

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Terrassen für den Anbau von Reis überziehen die Hänge.
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  • Eine kleine Ansiedlung im zentralen Hochland Madagaskars. Hier tritt regelmäßig die Pest auf.
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  • Die Wissenschaftler überqueren den Ivato-Fluss auf dem Weg ins nächste Zielgebiet.
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  • Das Team befragt die Bewohner zu Pestfällen in ihrem Dorf.
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Ziel unserer Studie ist es, die Ausbreitungsgründe der Pest im ländlich geprägten zentralen Hochland von Madagaskar zu untersuchen. Und das „Objekt unserer Begierde“ ist Yersinia pestis, der Erreger der Pest. Derzeitiger Stand der Kenntnis ist, dass Ratten die primären Überträger der Pest sind. Die Ratten sind dabei vor allem die Wirtstiere für Flöhe, deren Bisse dann die Pesterreger auf den Menschen übertragen. Vollkommen unklar ist jedoch, warum in einzelnen Hofstellen oder kleineren Orten Jahr um Jahr Pestausbrüche vorkommen und andere, manchmal räumlich sehr eng benachbarte Siedlungen pestfrei bleiben. Hier setzt die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit mit ihrem Konzept der Schnell Einsetzbaren Expertengruppe Gesundheit (SEEG) an. Eine kleine, interdisziplinär zusammengesetzte Arbeitsgruppe versucht, rasch nach Auftreten von Epidemien tätig zu werden. Im konkreten Fall des jetzigen Pestausbruchs im Hochland Madagaskars erfolgt es auch mit einer Untersuchung der geologischen Verhältnisse.

Das Augenmerk gilt dabei den Gesteinen, der Bodenbildung und den hydrogeologischen Zusammenhängen. In unserem Zielgebiet ist die Landschaft intensiv durch den Menschen verändert worden. Manchmal sind die gesamten Hänge in landwirtschaftlich nutzbare Terrassen umgewandelt worden. Hier wird vor allem Reis angebaut, aber auch Süßkartoffeln, Maniok, Bohnen oder Tabak. Häufig beschränkt sich der Einblick in die geologischen Verhältnisse des Untergrunds auf wenige der tief eingeschnittenen Bachläufe oder die felsigen Höhenrücken. Ist das Relief eher ausgeglichen, findet sich sofort eine mächtige Bodenschicht. Und diese wird dann intensiv landwirtschaftlich genutzt. Ergibt sich ein Einblick in den geologischen Untergrund, finden sich dort Gneise, Glimmerschiefer oder Marmore, kristallines Basement wie der Geologe sagt. Die Gesteine des zentralen Hochlands sind präkambrischen Alters, manche zwei oder sogar drei Milliarden Jahre alt. Und diese Gesteine sind aufgrund der klimatischen Verhältnisse inzwischen tiefgründig verwittert, haben mächtige, vor allem rot gefärbte Bodenhorizonte ausgebildet.

Heute haben wir eine weitere kleine Siedlung besucht, vielleicht 25 Häuser. Das Dorf liegt sehr isoliert. In der Siedlung tritt regelmäßig die Pest auf, noch im letzten Jahr sind etliche der Bewohner an der Pest gestorben. Hier erhoffen wir uns entsprechend Informationen. Wir erreichen das Dorf nach einem einstündigen Fußmarsch, müssen dazu eine hölzerne Brücke über den Ivato-Fluss nehmen. Der letzte Wirbelsturm hat die richtige Brücke weggespült. Die Gesteine entlang des Weges sind ebenfalls präkambrischen Alters, sind aber deutlich anders als in unserem bisherigen Arbeitsgebiet. Angekommen erläutert unser lokaler Kooperationspartner Raphael der Bevölkerung zunächst unser Projekt. Danach verteilen Michael, Peter und ich Lebendfallen in sechs verschiedenen Häusern, während Christina anhand eines Fragebogens Daten zur Lebens- und Wohnsituation der Familien aufnimmt. Andere Fragen behandeln die generelle Kenntnis über die Pest, und es wird deutlich, dass die lokale Bevölkerung wenig über diese Krankheit weiß. Erneut sind wir auf morgen gespannt. Wie viele Tiere werden wir gefangen haben? Auch werden wir morgen in weiteren Häusern Fallen aufstellen.

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Das Team informiert die Bürger über das geplante Projekt.
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  • Die Forscher bereiten die Rattenfallen auf einer Hofstelle in Amapasina vor.
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2. November 2018

Früh verlassen wir unser Hotel in Ambositra, um ins Arbeitsgebiet um Andina zu fahren. Knapp zwei Stunden sind wir in westliche Richtung unterwegs, manchmal nur mit 15 Stundenkilometern auf der roten Buckelpiste. Michael hat die Straße schon zur Regenzeit kennengelernt und schildert eine Rutschpartie auf schlammiger Piste. Wir werden ordentlich durchgeschaukelt, erreichen aber schließlich die kleine Ortschaft Amapasina. Unsere Basis vor Ort ist eine kleine Krankenstation, die auch mit Unterstützung der GIZ aufgebaut wurde. Wir bekommen einen Raum zugewiesen, richten uns ein. Ein Plakat zur Zahnpflege gibt Zeugnis darüber, dass hier immer wieder deutsche Zahnärzte praktizieren. Auch einen Laborraum gibt es, in dem wir in den nächsten Tagen dann unsere biologischen Proben bearbeiten werden.

Die Krankenstation hat derweil regen Zuspruch, eine kleine Schlange hat sich im Hof gebildet, vor allem Frauen mit Kindern. Die Station versorgt insgesamt 25.000 Leute in der ländlichen Region um Andina. Es gibt sogar einen Kreißsaal, indem gerade eine Frau entbindet. Im Krankenzimmer nebenan liegen zwei junge Mütter mit ihren Neugeborenen.

Am späten Vormittag treffen wir unseren Kontaktmann Raphael. Er ist Oberbürgermeister von Andina und nimmt uns mit auf eine Versammlung von Repräsentantinnen und Repräsentanten der verschiedenen kleinen Dörfer, die zu Andina gehören. In unserem Beisein informiert Raphael die lokale Bevölkerung über unsere geplanten Arbeiten vor Ort. Auch bittet er darum, dass wir in den jeweiligen Dörfern arbeiten dürfen. Es ist ein sehr wichtiger Termin, denn ohne die Akzeptanz und Mitarbeit der lokalen Bevölkerung geht es nicht.

Beim Mittagessen erfahren wir von einer Hofstelle in der Nähe der Krankenstation, in der viele Ratten leben sollen. Wir machen uns auf den Weg bergan. Die Hofstelle besteht aus zwei Häusern, zweistöckig, gemauert und mit Lehm verkleidet und mit Stroh gedeckt. Eine Traube von Menschen erwartet uns auf dem Hof. Hier leben fünf Familien, insgesamt 32 Personen. Es sind zumeist Kinder, das jüngste ist fünf Monate alt. Familienoberhaupt ist die 60-jährige Urgroßmutter. Sie erzählt uns, dass alle schon von Ratten gebissen wurden. Wieder erklärt Raphael zunächst unser Anliegen, dann dürfen wir die Rattenfallen im Haus aufstellen. Das Innere der Häuser ist nur spärlich beleuchtet, durch kleine Fenster fällt das nachmittägliche Licht hinein. Deutlich ist erkennbar, dass die Menschen hier unter den einfachsten Verhältnissen leben. Der Schlafraum ist gleichzeitig Küche, die Menschen schlafen auf dem Fußboden direkt neben der Kochstelle und den kärglichen Lebensmittelvorräten. Das Problem ist im Grunde offensichtlich, aber wir fragen uns, welche Möglichkeiten die Menschen wirklich haben. Wir stellen insgesamt 30 Lebendfallen auf, die meisten in den beiden Häusern, einige im näheren Umfeld. Die Fallen werden mit einer leckeren Mischung aus Erdnussbutter und Haferflocken bestückt. Es duftet verlockend, man ist fast versucht, selber zuzugreifen. Die GPS-Daten werden notiert, ebenso wie Beobachtungen zur Vegetation, zum Boden und den Gesteinen.

In gleicher Weise verfahren wir noch an zwei weiteren Hofstellen. Insgesamt sind jetzt fünfzig Fallen aufgestellt, und mittlerweile ist es später Nachmittag geworden. Ein Gewitter ist aufgezogen, und im Regen treten wir unsere holperige Rückfahrt an. Wir sind zufrieden und müde, aber auch voller Hoffnung.

Donnerstag, 1. November 2018

Es ist 07:30, als wir vom Hotel in Antananarivo aufbrechen ins zentrale Hochland. Wir, das sind außer mir Christina von der Uni Hamburg, die sich vor allem um die Gewinnung der Proben (vor allem die Flöhe) kümmern wird, aber auch in den Dörfern Befragungen zum Auftreten der Pest durchführen wird, Peter aus Brno in Tschechien, er ist Biologe, der viel Erfahrung mit Ratten und Fledertieren und deren „Bewohnern“ hat und Michael von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in Bonn, er ist der Projektleiter.

Ambositra ist unser Ziel, ca. 260 Kilometer südlich von Antananarivo. Buntes Treiben herrscht entlang der Straßen in der Hauptstadt. Sonnenbeschienen sehen wir den Königinnenpalast auf dem Berg über der Stadt. Entlang der Straßen drängen sich die Menschen an den vielen Verkaufsständen, an denen es vermutlich alles zu kaufen gibt. Heute ist auch hier Feiertag, weshalb nur wenig Verkehr ist.

Schon bald haben wir die Stadt hinter uns gelassen. Wir folgen der Nationalstraße N7. Links und rechts liegen Felder, zumeist sind es Reisterrassen. In manchen Parzellen wird gerade gepflanzt, die Menschen stehen im Wasser und setzen die neuen Reispflanzen. An anderen Stellen ist der Reis schon deutlich weiter gewachsen oder es wird bereits geerntet. Immer wieder sehen wir kleine Gruppen von Zeburindern, die von Kindern gehütet werden.

Die Fahrt ist anstrengend, auch wenn die N7 als hauptsächlicher Verbindungsweg von Antananarivo in den Süden Madagaskars asphaltiert ist. Immer wieder weicht unser Fahrer Schlaglöchern aus oder überholt langsamere Lastwagen oder noch langsamere Ochsenkarren. Dann wieder fahren wir durch kleinere Ortschaften, in denen ebenfalls buntes Treiben herrscht. Wir sehen Gruppen von Menschen, ihre Kleidung lässt vermuten, dass sie aus der Kirche kommen.
Auch die Landschaft ändert sich ständig. Mal sehen wir tief eingeschnittene Erosionsrinnen, mal erheben sich Bergrücken entlang unseres Weges. Und überall wird intensiv Ackerbau betrieben. Immer wieder ist die Straße durch die meterhohe Verwitterungsdecke gegraben worden, rote oder weiß gefärbte Bodenschichten sind angeschnitten.

Nach etwa sieben Stunden Fahrt erreichen wir am Nachmittag Ambositra und checken im Hotel ein. Das Hotel wird unsere Basis für die Feldarbeiten der kommenden Wochen sein. Die Zimmer sind einfach, aber mehr als ausreichend. Nach so langer Fahrt freuen wir uns jetzt, zu Fuß den Ort zu erkunden.

Am späten Nachmittag treffen wir Raphael, unser wertvoller Kontaktmann vor Ort. Er ist Madagasse, kooperiert seit Jahrzehnten mit dem Tropeninstitut in Hamburg, spricht deutsch. Er wird für uns die Türen öffnen, damit wir in den verschiedenen Dörfern arbeiten können. Wir erläutern im Detail, was jeder von uns machen möchte. Und sofort werden einige Telefonate geführt, sodass der morgige Tag bereits optimal genutzt werden kann.

Inzwischen ist es Abend geworden, die Sonne gegen 17:30 hinter dem Berg verschwunden, eine Fleece-Jacke hilft gegen die einsetzende Kälte. Und das Abendessen nehmen wir drinnen ein: Zebusteak mit Reis und Gemüse. Danach freut sich jeder aufs Bett.

Mittwoch, 31. Oktober 2018

Ich bin angekommen. Die ersten Eindrücke habe ich bereits beim Anflug auf Antananarivo gewinnen können. Das Land macht von oben einen zernarbten Eindruck. Intensive Landwirtschaft, helles Grün überall, Reisterrassen. Dann wieder abgeerntete Felder. Und immer wieder kahle Flächen an den Berghängen. Ein schlammiger Fluss durchzieht die Landschaft. Deutlich sichtbar sind die Spuren von Brandrodung, immer wieder sieht man aktuell brennende Flächen. Und jetzt, gegen Ende der Trockenzeit, durchzieht ein Netzwerk roter Linien die Landoberfläche, das Straßennetz.

Die Fahrt von Flughafen ins Hotel vermittelt zunächst ein Bild des bunten nachmittäglichen Treibens auf und entlang der Straße. Es ist viel Verkehr, ich staune, alte Renaults wie der R4, den ich aus Jugendzeiten kenne, beherrschen hier das Straßenbild. Die französischen Einflüsse sind offensichtlich. Kleine Läden und Verkaufsstände säumen unseren Weg. Hier wird alles angeboten: Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch, aber auch viele andere Dinge des täglichen Lebens. Dann wieder wechselt das Bild, Autoteile, Reifen, Möbel, Reparaturwerkstätten für Autos und vieles mehr.

Dienstag, 30. Oktober 2018

Die Pest auf Madagaskar – Und was mache ich hier?

Es ist kurz vor Mitternacht, und ich sitze auf dem Flughafen in Istanbul, bin am Nachmittag in Köln/Bonn gestartet. Jetzt habe ich 3,5 Stunden Pause, dann geht es weiter nach Madagaskar mit einem kurzen Zwischenstopp auf Mauritius. Morgen Nachmittag landen wir dann in Antananarivo, der Hauptstadt Madagaskars.

Nun also Madagaskar. Die Vorbereitungen der letzten Wochen haben bei mir altes Wissen aufgefrischt, neues Wissen ist hinzugekommen.

Da ist zunächst die Tatsache, dass Madagaskar ein geologisch altes Stück Erdkruste ist, die ältesten Gesteine, vor allem Gneise und Glimmerschiefer, sind mehr als drei Milliarden Jahre alt. Der Fachmann spricht vom archaischen kristallinen Basement. Die frühe geologische Entwicklungsgeschichte Madagaskars zeigt viele Parallelen zum indischen Subkontinent. In der „jüngeren geologischen Geschichte“ war Madagaskar Teil des Großkontinents Gondwana und umrahmt von Kontinentbereichen wie Mozambique, Ostafrika, Somalia, Indien und der Antarktis. Gondwana beginnt um ca. 150 Millionen Jahre vor heute auseinander zu brechen. Zunächst wird eine Landmasse aus Madagaskar und Indien vom restlichen Afrika und der Antarktis abgetrennt, später dann, vor ca. 65 Millionen Jahren, spaltet sich Madagaskar von Indien ab. Indien driftet auf den Südrand Asiens zu, und Madagaskar nimmt allmählich seine heutige Position ein.

Das heutige Erscheinungsbild Madagaskars ist durch intensive Landwirtschaft geprägt. Waldrodung, vor allem im zentralen Hochland, führt zu massivem Bodenverlust. Tief schneidet die Erosion in die Landschaft ein, und die Flüsse Madagaskars schwemmen den rot gefärbten Boden ins Meer.

Madagaskar hat aber viele andere Facetten, eine interessante Kultur, eine außergewöhnliche Tier- und Pflanzenwelt. Aber dafür habe ich mich nicht auf den Weg gemacht. Madagaskar wird im Grunde jährlich von Pestausbrüchen heimgesucht wird, und das seit etwa 100 Jahren. Pest, der schwarze Tod, auch Europa hat Pestepidemien erlebt, aber das ist lange her. Auf Madagaskar ist es jährlich wiederkehrende Realität, wie auch jetzt wieder. Aber was hat das mit der Geologie Madagaskars zu tun? Das soll nun untersucht werden, das ist der Grund für meine Reise. Gibt es geologische Faktoren im weitesten Sinne, die Einfluss auf die Ausbreitung der Pest im zentralen Hochland Madagaskars haben?