Öffentliche Abendveranstaltung in Kooperation mit der Jüdischen Gemeinde Münster, dem Beauftragten in Antisemitismusfragen der Stadt Münster und der Universität Münster
Die Haindorf-Lectures sind eine Kooperation zwischen Jüdischer Gemeinde, dem Beauftragten in Antisemitismusfragen der Stadt Münster und der Universität Münster zur Antisemitismusprävention. Die jährliche Veranstaltung mit Vortrag und Diskussion richtet sich an die gesamte Stadtgesellschaft. Sie findet ab 2024 jeweils am 30. Januar um 18 Uhr statt. Mit der Wahl des Datums – der Jahrestag der Ernennung Adolfs Hitlers zum Reichskanzler 1933 – wird einerseits an den Holocaust und die NS-Verbrechen erinnert und anderseits die Relevanz von Bildung und Dialog deutlich sichtbar unterstrichen.
Wegen des Shabbatbeginns findet die Haindorf-Lecture 2026 bereits am 29.01.2026 statt.
Prof. Dr. Tobias Ebbrecht-Hartmann | Hebräische Universität Jerusalem
Der Vortrag widmet sich der Frage, welche Rolle Bilder bei der Vermittlung und Eskalation extremer antisemitischer Gewalt spielen und wie sie gezielt als politische und ideologische Botschaften eingesetzt werden. Im Zentrum steht der Angriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 und die massenhafte Verbreitung von Fotos und Videos, die nicht nur dokumentierten, sondern selbst Teil der Gewaltausübung und ihrer Eskalation waren. Besonderes Augenmerk gilt der These, dass die visuelle Inszenierung der Gewalt gezielt historische Erinnerungen aktivierte, um eine spezifische Form kollektiver Angst zu erzeugen. Die Bilder sollten dabei gezielt Bezüge zu früheren Pogrome und der Shoah aufrufen – nicht als historische Wiederholung, sondern als bewusst eingesetzte Waffe.
Anhand von Dokumenten und Bildstrategien zeigt der Medienwissenschaftler Tobias Ebbrecht-Hartmann, dass es sich beim Angriff vom 7. Oktober um ein neuartiges, live übertragendes Massenverbrechen handelte, das moderne Bildmedien nutzte, um genozidale Botschaften zu kommunizieren.
Tobias Ebbrecht-Hartmann ist Professor für Visuelle Kultur, Medienwissenschaften und deutsche Erinnerungs- und Kulturgeschichte im Studiengang Kommunikation und Medien sowie im Europäischen Forum an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Er ist Autor des kürzlich im Berliner Neofelis Verlag erschienenen Buches „Gewalt als Bild: Die Bilder vom 7. Oktober im Spiegel der visuellen Erinnerung an die Shoah“.
Im Jahr des 800-jährigen Jubiläums der Stadt Hamm – der Geburtststadt von Alexander Haindorf – ist die Haindorf-Lectures auf Einladung des Hammer Geschichtsvereins am 28.01.2026 um 18:30 Uhr in Hamm zu Gast: Gerd-Bucerius-Saal im Heinrich-von-Kleist-Forum, Platz der Deutschen Einheit 1, 59065 Hamm.
Dr. Ulrike Schrader |Leiterin der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal
Joseph Norden, in Hamburg in eine jüdisch-orthodoxe Familie geboren und von 1907 bis 1935 Rabbiner an der Synagoge zu Elberfeld, darf als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des religiös-liberalen Judentums gelten, wie es sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts in Deutschland zu entwickeln begann und bis heute fortlebt. Wie man die uralte Religion in einer Zeit bahnbrechender Umwälzungen leben könne, wie man sich als aufgeklärter Jude zum Christentum, als verfassungstreuer Staatsbürger zum Zionismus und als engagierter Liberaler zur Orthodoxie stellen solle, fragte Norden in zahlreichen, erst vor wenigen Jahren neu aufgefundenen Texten. Auch heute besitzen diese und andere Themen eine aktuelle Relevanz.
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger | Antisemitismusbeauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen
Dr. Angela Böhme
Einführung
Stefan Querl | Beauftragter der Stadt Münster in Antisemitismusfragen, und
Sharon Fehr | Ehrenvorsitzender der Jüdischen Gemeinde Münster, und
Ludger Hiepel | Beauftragter der Universität Münster gegen Antisemitismus
Vortrag: Jüdische Perspektiven auf Antisemitismus – neue Erkenntnisse aus der empirischen Forschung
Prof. Dr. Julia Bernstein | Professur für Diskriminierung und Inklusion in der Einwanderungsgesellschaft, Frankfurt University of Applied Sciences (Folien der Präsentation)
Namensgeber der Lecture ist Alexander Haindorf (1784–1862), der für die Jüdische Gemeinde, aber auch die Stadtgeschichte Münsters prägend war. Haindorf, der sich selbst als aufgeklärter, vom europäischen Humanismus durchdrungen verstand, kann als ein früher Vertreter eines liberalen Judentums bezeichnet werden. Er suchte nach einer gegenseitigen Annährung der jüdischen und christlichen Kultur und bezeichnete diesen Prozess als „Amalgamierung“ im Gegensatz zu von radikalen Reformern geforderten einseitigen Anpassung an die christliche Mehrheitsgesellschaft. Er wollte ein wechselseitiges Miteinander verwirklichen. 1825 gründete er den „Verein zur Beförderung von Handwerken unter den Juden und zur Begründung einer Schulanstalt, worin arme und verwaiste Kinder unterrichtet und künftige jüdische Schullehrer gebildet werden sollen“. Die jüdische Handwerksausbildung und damit die Eröffnung neuer Berufszweige zielten darauf ab, Vorurteilen und Stereotypen gegenüber jüdischen Geschäftsleuten entgegenzuwirken. Die jüdische Lehrerausbildung sollte die Qualifikation jüdischer Pädagogen verbessern und zusammen mit der jüdischen Elementarschule in das preußische Bildungssystem integriert werden. Haindorfs pädagogisches Konzept betonte die Gleichheit der Schüler, unabhängig von sozialem Status, Geschlecht und Religion. Dies war damals als fortschrittlich anzusehen und folgte dem humanistischen Ideal der allgemeinen Bildung. Als Mediziner, Privatdozent und Pädagoge genoss er eine hohe Anerkennung und zählte zu den auch von der christlichen Mehrheitsgesellschaft akzeptierten Juden. Er war Gründungsmitglied des „Westfälischen Kunstvereins“ (1831) und gehörte dem „Verein der Kunstfreunde im Preußischen Staat“ und dem „Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen“ an. Von 1816 bis zu seinem Tode stellte er eine exquisite Sammlung von etwa 400 altdeutschen und holländischen Kunstwerken zusammen. Die Sammlung wurde zu einem wichtigen Grundstock des Landesmuseums (heute LWL-Museum für Kunst und Kultur) Münster. Seine Bibliothek befindet sich heute in der Universitäts- und Landesbibliothek (ULB).