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Forschungsschwerpunkte

Das Forschungsprofil der Psychologie an der Universität Münster stellt das Individuum in den Mittelpunkt: von der Biologie einzelner Individuen bis hin zu Individuen in sozialen Gruppierungen. Die Forschung reicht dabei von der Grundlagenforschung über die grundlagenbasierte Anwendungsforschung bis hin zur Transferforschung. Das Profil gliedert sich in einen zentralen Forschungsschwerpunkt und vier weitere Forschungsschwerpunkte:

  1. Individualisation in Dynamic Human Systems, der am stärksten ausgearbeitete Schwerpunkt mit den Themenfeldern Individuen in sozialen Kontexten, Persönlichkeitsforschung, Kognitionsforschung, Emotionsforschung, inter- und intraindividuelle Variabilität, Gesundheit und Wohlbefinden sowie linguistische Anpassungsprozesse

  2. Weitere Forschungsschwerpunkte: Individuelle and Soziale Perspektiven auf gesellschaftliche Herausforderungen; KI-basierte Vorhersagen und Erklärung menschlicher Erfahrungen, Verhaltens und Neuro-Kognitionen; evidenzbasierte, professionsorientierte Konzepte im Bildungskontext; Open Science und Vertrauen in die Wissenschaft

Alle Schwerpunkte sind eng mit den strategisch wichtigen Forschungsbereichen der Universität Münster verbunden, insbesondere mit dem Profilbereich Individualisation und den Impact Areas Healthy Individuals, Dynamic Societies und Conceptual Foundations & Emerging Technologies. Im Sinne des Scientist-Practitioner-Modells und des forschenden Lehrens sind sie zudem direkt mit Lehre und Transfer verzahnt. Viele Themen werden gemeinsam mit der Sportwissenschaft im Fachbereich 7 bearbeitet.

Die methodischen Zugänge sind breit und multimethodal: Sie reichen von experimentellen Settings unter Nutzung bildgebender Verfahren und Stimulationsverfahren über Virtual Reality, videobasierte Verhaltensbeobachtung und Ecological Momentary Assessment bis hin zu (neuro-)computationaler Modellierung, längsschnittlichen Panel-Studien und qualitativen Methoden. Getragen wird die Forschung durch exzellente Infrastrukturen, darunter das Joint Institute for Individualisation in a Changing Environment (JICE), das Otto Creutzfeldt Center for Cognitive and Behavioral Neuroscience (OCC), das Münster Center for Open Science (MüCOS), das Center for Social Skills (CeSoS) sowie die Psychotherapieambulanzen für Kinder und Jugendliche und für Erwachsene.

Individualisation in Dynamic Human Systems

Die Psychologie in Münster ist maßgeblich am Profilbereich Individualisation der Universität Münster (Impact Area Healthy Individuals) beteiligt und hat gemeinsam mit der Sportwissenschaft eine führende Rolle bei dessen inhaltlicher und strategischer Ausgestaltung sowie innerhalb des JICE übernommen. Individuen sind die zentrale Analyseeinheit der Psychologie. Neurokognitive, verhaltenswissenschaftliche, sozial- und bildungswissenschaftliche Zugänge werden integriert, um Individuen als dynamische Systeme zu verstehen und individuelle Unterschiede über Analyseebenen hinweg zu erforschen, von neuronalen Prozessen bis zu sozialen Beziehungen. Ziel ist es, die bestehenden Stärken in den Bereichen dynamischer sozialer, motorischer und neurokognitiver Systeme sowie mentaler und körperlicher Gesundheit zu schärfen und in interdisziplinären Verbundvorhaben weiter auszubauen, auch mit anderen Fachbereichen wie der Biologie und der Medizin. Sieben Themenfelder stehen dabei im Zentrum:

  • Individuen in sozialen Kontexten

    Wie wählen sich Individuen gegenseitig aus, wie funktioniert das Zusammenspiel verschiedener Individuen in sozialen Beziehungen, und wie entwickelt sich Individualität im sozialen Kontext? Diesen Fragen widmet sich ein interdisziplinäres Forschungsfeld, das Prinzipien und Mechanismen von Individualität im sozialen Kontext über Spezies hinweg analysiert. Dazu werden Konzepte und Methoden der Psychologie und der Biologie integriert und um Perspektiven der Bewegungswissenschaften, der Wirtschaftswissenschaften, der Informatik und der Philosophie ergänzt. Die Forschung erfolgt in enger Kooperation mit der Universität Bielefeld, insbesondere im Rahmen des JICE.

  • Persönlichkeitsforschung

    Die Persönlichkeitsforschung in Münster nimmt im Bereich der Personality Science international eine führende Position ein. Sie wird derzeit durch die Integration biologischer, medizinischer und philosophischer Ansätze auf eine breitere Basis gestellt, etwa durch die systematische Verknüpfung der Persönlichkeitspsychologie mit der verhaltensbiologischen Forschung zu Animal Personality und durch konzeptuelle Arbeiten zu den Grundlagen der Persönlichkeitsforschung. Ein weiterer aktueller Schwerpunkt liegt auf der computerbasierten Modellierung von Persönlichkeitsunterschieden anhand von Sprache.

  • Kognitionsforschung

    Ein zentrales Thema der Münsteraner Kognitionsforschung ist das episodische Gedächtnis, verstanden als konstruktiver, individuell geprägter Prozess. In einem integrativen Programm, das experimentelle Ansätze, formale Modellierung und konzeptuelle Analyse verbindet, arbeiten Psychologie, Neurowissenschaften, Informatik und Philosophie zusammen. Im Fokus steht die Frage, wie episodisches Erinnern durch individuelle Faktoren geformt wird: Die Rekonstruktion vergangener Ereignisse folgt nicht allein allgemeinen Prinzipien, sondern wird systematisch durch Unterschiede zwischen Individuen moduliert. Variabilität wird dabei nicht als Störgröße behandelt, sondern als erklärungswürdiges Phänomen. Ein besonderer Münsteraner Beitrag betrifft das Zusammenspiel individueller Faktoren mit sozialer Dynamik.

  • Emotionsforschung

    Die Emotionsforschung befasst sich mit dem Zusammenspiel sozialer und intraindividueller Prozesse bei der Entwicklung emotionaler Bewusstheit und Emotionsregulation im Kindesalter. Ziel ist es, diese Entwicklung zu beschreiben, zu erklären und zu optimieren. Unterschiede in emotionalen Zuständen und Prozessen sind wesentliche Bestandteile von Individualität und haben zugleich wichtige Konsequenzen für individuelle Lebensverläufe und die psychische Gesundheit.

  • Inter- und intraindividuelle Variabilität

    Die Variabilität menschlichen Erlebens und Verhaltens ist ein zentrales Thema der Verhaltens-, Sozial-, Neuro-, Bewegungs- und Bildungswissenschaften. In Münster wird die vielfältige Expertise zu intra- und interindividuellen Dynamiken zu einem disziplinübergreifenden Schwerpunkt integriert: der Erfassung und Erklärung von Variabilität über Individuen, Kontexte und Analyseebenen hinweg. Dazu gehören unter anderem Fragen der Standardisierung versus Heterogenisierung individueller und situativer Variabilität in der verhaltensneurowissenschaftlichen Forschung (u. a. am OCC) sowie die integrative Betrachtung und Messung von Variabilität über Modalitäten, Zeitskalen und Spezies hinweg (u. a. im Rahmen des JICE).

  • Gesundheit und Wohlbefinden

    Die Förderung, Aufrechterhaltung und Wiederherstellung mentaler und körperlicher Gesundheit und Wohlbefindens ist für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, gerade auch in Krisenzeiten, ein gesellschaftlich hoch relevantes Ziel. Die Psychologie in Münster vereint international anerkannte Forschungsexpertise zu verschiedenen Facetten von Gesundheit und Wohlbefinden und zu evidenzbasierten Methoden ihrer Förderung.

    Schwerpunkte liegen auf den Grundlagen psychischer Störungen (u. a. Depression, Essstörungen, ADHS) und den Determinanten erfolgreicher Psychotherapie, einschließlich transdiagnostischer und individualisierter Behandlungsansätze über die Lebensspanne. Weitere Themen sind individuelle und kontextuelle Bedingungen von Wohlbefinden im privaten, schulischen, studentischen und beruflichen Alltag, die Aufrechterhaltung mentaler Gesundheit und kognitiver Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter sowie die Auswirkungen massiver Umweltveränderungen und gesellschaftlicher Herausforderungen auf die psychische Gesundheit. Ergänzend werden Verläufe mentaler Gesundheit statistisch modelliert und grundlagenwissenschaftliche Ansätze in die klinische und therapeutische Anwendung überführt.

  • Linguistische Anpassungsprozesse

    Sprache verbindet und trennt zugleich. In einer globalisierten, migrationsgeprägten und digitalisierten Welt ist sprachliche Anpassung ein zentraler Mechanismus menschlicher Kommunikation: Sie ermöglicht Verständigung über kulturelle Grenzen hinweg, reflektiert soziale Beziehungen und treibt Sprachwandel voran. Die Psychologie erforscht diese Anpassungsprozesse gemeinsam mit der Linguistik und weiteren Fächern und beteiligt sich aktiv an der strukturierten, interdisziplinären Promotionsausbildung an der Schnittstelle von Linguistik, Psychologie, Kognition und Gesellschaft.

Weitere Forschungsschwerpunkte

Vier weitere Forschungsschwerpunkte greifen aktuelle gesellschaftliche und technologische Entwicklungen auf:

  • Individuelle and Soziale Perspektiven auf gesellschaftliche Herausforderungen 

    Mehrere Forschungsinitiativen der Psychologie stellen die Rolle des Individuums bei der Beschreibung, Erklärung und Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen in den Mittelpunkt. Dazu gehören Projekte zu Wohlbefinden, Einstellungen und gesellschaftlich relevantem Verhalten im Kontext von Migration und Integration, gesellschaftlichem Zusammenhalt und Zugehörigkeit, der COVID-19-Pandemie, dem Krieg in der Ukraine sowie politischen Wahlen und Demokratie. Die viel zitierten und breit in die Öffentlichkeit kommunizierten Ergebnisse zeigen: Ein Verständnis und die Bewältigung großer gesellschaftlicher Herausforderungen sind nur möglich, wenn individuelles Erleben und Verhalten berücksichtigt und mit kollektiven Phänomenen in Verbindung gebracht werden.

    Die Psychologie bringt diese Expertise in die Impact Area Dynamic Societies der Universität Münster ein und ergänzt an der Schnittstelle der Profilbereiche Religion and Society und Dynamics of Social Plurality das Forschungsprofil der Universität um einen empirischen, sozial- und verhaltenswissenschaftlichen Zugang.

  • KI-basierte Vorhersagen und Erklärung menschlicher Erfahrungen, Verhaltens und Neuro-Kognitionen

    Die Erklärung und Vorhersage menschlichen Erlebens und Verhaltens sind zentrale Ziele der Psychologie. Dieser Schwerpunkt befasst sich mit neuronalen, kognitiven und sozial-behavioralen Dynamiken zwischen Mensch, Technik und Umwelt und bündelt dazu psychologische, neurokognitive, medizinische und technologische Expertise. Die Themen reichen von Stabilität und Plastizität von Erinnerung und Kognition, adaptiven Vorhersageprozessen in natürlichen Kontexten, kortikalen Oszillationen, Olfaktorik und multisensorischer Integration über Gedächtnis- und Wahrnehmungsprozesse bis hin zu sozialen Urteilen und Interaktionen. Ein methodischer Fokus liegt auf KI-Verfahren wie maschinellem Lernen, Deep Learning und generativer KI. Damit stärkt die Psychologie das Emerging Field Interdisciplinary Computing and AI der Universität Münster und beteiligt sich am Aufbau des universitären KI-Zentrums Center for Data Science and Complexity (CDSC).

    Zwei Themenfelder stehen im Zentrum:

    1. Im Bereich KI-basierte Vorhersage und Erklärung von Kognition und Verhalten wird erforscht, wie neuronale, kognitive und motorische Systeme in realitätsnahen Situationen Erwartungen bilden, anpassen und Handlungen steuern. Mit experimentellen Methoden, KI-gestützter Modellierung, Virtual und Mixed Reality sowie Mensch-Technik-Interaktion werden etwa Handlungsintentionen, Bildgedächtnis, Kommunikation, Urteile, Entscheidungen, Lernverläufe, Persönlichkeitsveränderungen, psychische Störungen und motorische Prozesse modelliert. Dies bildet eine Grundlage für KI-Programme, die Verhalten oder kognitive Zustände vorhersagen, neue Mechanismen aufdecken und Erkenntnisse für personalisierte Anwendungen, etwa in Training oder Therapie, nutzbar machen.
    2. Im Bereich Mensch-KI-Interaktion wird untersucht, wie Vertrauen und Transparenz die Akzeptanz und effektive Nutzung von KI prägen. Vertrauen wird über explizite und implizite Verfahren erfasst, etwa indem KI und Nutzer:innen in bidirektionalen Interaktionen voneinander lernen; Virtual- und Augmented-Reality-Systeme machen den Status der KI direkt erfahrbar, und Verhaltens- sowie physiologische Daten geben Einblick in Verstehens- und Vertrauensprozesse. Weitere Projekte widmen sich dem Umgang älterer Menschen mit KI.
  • Evidenzbasierte, professionsorientierte Konzepte im Bildungskontext

    Die Bildungsforschung in der Psychologie untersucht den Erwerb fachlicher und überfachlicher Kompetenzen von Lernenden sowie professioneller Kompetenzen von Lehrenden und pädagogisch-psychologischem Personal in allen Bereichen des Bildungssystems, vom Elementar- über den Primar- und Sekundar- bis zum Tertiärbereich sowie in non-formalen und informellen Bildungskontexten. Fragen umfassender Bildung nehmen dabei das Individuum unter körperlicher, kognitiver und sozialer Perspektive über die Altersspanne in den Blick. Ein Schwerpunkt liegt auf Grundlagen umfassender Bildung, etwa Selbst- und Emotionsregulation, Motivation und Prokrastination, diagnosebasierter Förderung und Aufgabenkultur sowie pädagogischen Einstellungen und professionsbezogenen Anforderungen. In der Forschung zur Hochschullehre werden Konzepte forschenden, situierten und problembasierten Lernens weiterentwickelt.

    Ein weiterer Schwerpunkt gilt Prozessen des Transfers und der Implementation evidenzbasierter Konzepte in verschiedene Bildungsbereiche: Explorative Entwicklungsforschung entwickelt und evaluiert angesichts der Transformation der Bildungslandschaft innovative (digitale) Konzepte, etwa videobasierte Portale und Fortbildungsmodule für die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften. Transferforschung untersucht die Bedingungen gelingender Implementation für eine nachhaltige und wirksame Nutzung von Lehr-Lern-Konzepten durch Dritte. Die Bildungsforschung der Universität Münster ist Mitglied im Netzwerk LERN der Leibniz-Institute. Diese Mitgliedschaft wird maßgeblich durch interdisziplinäre, standortübergreifende Verbünde der Psychologie getragen.

  • Open Science und Vertrauen in die Wissenschaft

    Open Science betrifft den gesamten Forschungszyklus, von der nachvollziehbaren Ableitung von Forschungsfragen über die Dokumentation von Materialien, Analysen und Daten bis zur Veröffentlichung und Kommunikation der Ergebnisse. Im Blick stehen dabei die Transparenz und Zuverlässigkeit von Forschung. Die Psychologie in Münster ist seit Jahren führend darin, innovative Open-Science-Konzepte zu entwickeln, in die Forschungspraxis und forschungsbezogene Regularien zu überführen und praxistaugliche Lösungen für unterschiedlichste Anwendungskontexte anzubieten. Unterfüttert werden diese Aktivitäten durch meta-wissenschaftliche Forschung zu den Praktiken, Bedingungen und Konsequenzen offenen Forschens, unter anderem in der Replikationsforschung.

    Aus der Psychologie heraus wurde das Münster Center for Open Science (MüCOS) gegründet, das die Unterstützungsstrukturen der Universität Münster im Bereich Open Science professionalisiert, über die Fachbereiche hinweg vernetzt und die Entwicklung einer universitären Open-Science-Strategie begleitet. Angesichts zunehmender Wissenschaftsskepsis wird die Forschung zur Transparenz und Replizierbarkeit wissenschaftlicher Befunde zudem mit wissenschaftskommunikativen Analysen zum Vertrauen in Wissenschaft verknüpft. Die Open-Science-Aktivitäten sind eng verzahnt mit Transfer (u. a. Citizen Science und Wissenschaftskommunikation) und Lehre (evidenzbasierte Lehre, Open Science als Lehrinhalt, Workshops für Nachwuchswissenschaftler:innen).

Professuren der Fachrichtung Psychologie

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