Wiederkehrende Besetzung von Schauspielern in der Edgar Wallace-Reihe

Maren Plottke

Einleitung

Die Edgar Wallace-Reihe ist nicht nur die längste jemals in Deutschland produzierte Kinofilmreihe, sondern zeichnet sich auch durch ihren besonderen Umgang mit Fragen der Serialität aus. Die einzelnen Filme sind als Episoden gestaltet, was bedeutet, dass sie anders als Folgen keine fortlaufende Handlung abbilden, sondern in sich abgeschlossen sind und somit als Einzelkunstwerk funktionieren. Dennoch gibt es sich wiederholende Elemente, welche die Filme untereinander verbinden und – durchaus im Sinne einer Serialisierung – ein durchgängiges Rezeptionserlebnis konstituieren. Zu diesen Elementen gehört in der Wallace-Reihe unbedingt die Auswahl von Schauspielern, die wiederholt in den Filmen auftreten. Dem ist in der Forschung bereits unter einer anderen Leitfrage von Seeßlen (1999: 25 f.) und Blödorn (2007: 137 f.) Beachtung geschenkt worden. Für die Frage nach der Serialität der Filme ist die Wahl besonders bemerkenswert, weil selten mehrmals dieselbe Figur in die Drehbücher eingebunden wird. Stattdessen werden durch wiederholten Einsatz derselben Darsteller in bestimmten Rollentypen Erwartungen an neu auftretende Figuren generiert, die vom Film selbst nicht mehr formuliert werden müssen. Damit wird ein Raum eröffnet, in dem sich die Reihe selbst referentialisieren kann, indem sie diese Erwartungen immer wieder erfüllt oder auch mit ihnen bricht. Wie genau das funktioniert, soll im Folgenden am Beispiel von fünf Schauspielern gezeigt werden.

Aufmerksamen Lesern wird auffallen, dass in der vorgenommenen Auswahl der für die Serialität relevanten Schauspieler und ihren Figuren keine einzige Frau vertreten ist, obwohl es in der Reihe viele weibliche Rollen gibt. Das liegt zum einen daran, dass die weiblichen Rollen häufiger anders besetzt wurden als die männlichen; mit jeweils fünf dargestellten Figuren führen Karin Dor und Uschi Glas die Liste der mehrfachen Wallace-Besetzungen an. Zum anderen ähneln sich die Frauenfiguren in der Reihe untereinander so sehr, dass ihre Eigenschaften schwerlich auf die sie verkörpernden Schauspielerinnen zurückgeführt werden können. Einzelne Ausnahmen wie Lady Eleanora Moron als Antagonistin in DIE SELTSAME GRÄFIN (BRD 1962) oder auch Cora-Ann Milton als Komplizin und Ehefrau des Gesuchten in DER HEXER (BRD 1964) stechen zwar umso mehr hervor, werden aber von unterschiedlichen Schauspielerinnen gespielt (→ Frauenfiguren in den deutschen Edgar Wallace-Filmen).

Eddi Arent

Mit 23 Rollen bis 1966 ist Eddi Arent der Schauspieler, der in den meisten Filmen der Reihe mitwirkte. Im Debütfilm DER FROSCH MIT DER MASKE (BRD/DK 1959) tritt Eddi Arent als Butler James auf, der seinen Herrn Richard Gordon bei der Ermittlung gegen die Verbrecherorganisation um den ‚Frosch‘ unterstützt. Wie Gordon beherrscht James die Kampfkunst, wird dabei aber stets von seinem Herrn dominiert und lobt ihn im Anschluss überschwänglich für seinen Erfolg. Auch kombinatorisch ist James Gordon unterlegen und zeigt stets Bewunderung und Überraschung über die Kombinationsgabe seines Arbeitgebers.

DIE TOTEN AUGEN VON LONDON (BRD 1961) zeigt Arent als Sunny Harvey. Wie schon James funktioniert Sunny als Sidekick für den Filmhelden Larry Holt, der von Joachim Fuchsberger verkörpert wird. Wieder ist Arents Figur der von Fuchsberger geistig unterlegen. Sunnys Name deutet dabei schon an, mit welcher Gemütsverfassung er diese Rangordnung aufnimmt: Durchweg positiv steht er Larry Holt zur Seite, kann allem eine gute Seite abgewinnen und sieht von Beginn an dem romantischen Happy-End zwischen Larry und Blindenpflegerin Nora entgegen. Obwohl Sunny und Nora häufiger zu zweit gezeigt werden als Larry und sie, wirkt Arents Figur nicht wie ein Rivale – aufgrund seiner Eigenschaft, fast durchgängig zu stricken (Abb. 2), nimmt ihn seine Umwelt nicht als besonders männlich wahr. Seinen großen Auftritt hat Sunny Harvey im finalen Kampf zwischen Scotland Yard und der gejagten Verbrecherorganisation, als er mit einem schwierigen Schuss seinen in Bedrängnis geratenen Kollegen Holt vor dem Tod rettet und das Stricken als Training für seine ruhigen Hände, die ihm schon mehrfach zum Titel des besten Schützen Englands verholfen haben, enttarnt.

In DIE SELTSAME GRÄFIN tritt Arent als Lord Selwyn Moron losgelöst von Joachim Fuchsberger auf. Lord Moron ist wie die vorher beschriebenen Figuren Arents eine komische, dieses Mal aufgrund seiner unaristokratischen Schauspielleidenschaft (Abb. 3) und der zunächst unbegründet wirkenden Abneigung seiner Mutter gegenüber. Aber wie schon Sunny entwickelt sich auch Lord Moron zum Filmende hin zu einem ernst zu nehmenden Akteur, da er tatsächlich ein Gefangener seiner Mutter ist, die ihn und andere Figuren im Film um ihr Erbe bringen möchte.

Diese Zusammenschau früher Werke aus der Wallace-Reihe zeigt, wie hier die typische ‚Arent-Figur‘ aussieht: Der überschwänglich positive Umgang mit seiner Umwelt wird genauso mit dem Schauspieler assoziiert wie seine komisch inszenierten Interessen, die sich häufig in den künstlerischen Bereich einordnen lassen, und ein auf Gegenseitigkeit beruhendes Desinteresse an romantischen oder erotischen Kontakten mit dem anderen Geschlecht.1 Arent-Figuren sind somit ein wesentlicher Bestandteil des für die Reihe typischen Humors, wobei nicht außer Acht gelassen werden darf, dass bei aller in ihnen verankerten Komik es häufig die Arent-Figuren sind, die – wenn auch nicht immer geplant – auf einen entscheidenden Hinweis stoßen oder einen der ihnen meist überlegenen Ermittler wie selbstverständlich aus einer brenzligen Situation retten.

Ein besonderes Seherlebnis bietet DER UNHEIMLICHE MÖNCH (BRD 1965), in dem eine Arent-Figur gezeigt wird, die sich zunächst einmal problemlos in das eben beschriebene Schema einzufügen scheint. Smith ist der Butler auf einem abgelegenen Schloss und dient der dort ansässigen Familie. Als der ‚unheimliche Mönch‘ beginnt, Smiths Arbeitgeber*innen zu bedrohen, beschützt dieser besonders die junge Gwendolin, die als Erbin des Familienvermögens von mehreren Seiten überwältigt zu werden droht. Am Filmende stellt sich dann aber heraus, dass der Butler, den Rezipienten der Reihe allein aufgrund der Tatsache, dass er von Eddi Arent gespielt wird, nie verdächtigt hätten, der als Mönch verkleidete Mörder ist, der über Gwendolin an das Erbe gelangen wollte.

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Heinz Drache

Heinz Drache ist nach Joachim Fuchsberger der Schauspieler, der am häufigsten die Rolle des Ermittelnden übernommen hat (→ Ermittlerfiguren in der Edgar Wallace-Filmreihe). In DER ZINKER (BRD 1963) spielt Drache den Scotland Yard-Inspektor Bill Elford, der einen Verbrecher sucht, welcher seine Taten von Helfer*innen begehen lässt und diese im Anschluss bei Scotland Yard verrät. Bei den Ermittlungen zeigt Elford einen scharfen Verstand und eine schnelle Kombinationsfähigkeit. Er stellt geschickte Fragen und hat immer eine schlagfertige Antwort parat, wird allerdings auch schnell§§ ungeduldig, wenn ihm sein Gegenüber nicht die gewünschten Antworten liefert oder in seinen Erzählungen ausschweift. Während seiner Arbeit kommt er mit mehreren jungen Frauen in Kontakt, verfällt aber der Schönheit von keiner und kann sich so weiter auf seine Aufgabe konzentrieren. Obwohl einige der Ermittler in der Reihe rauchen, sticht die wiederholte Darstellung von Bill Elford mit Zigarette bei der Rezeption heraus, was insbesondere durch die Mise-en-cadre betont und hervorgehoben wird und auch in anderen Werken der Reihe auffällt (Abb. 4–6).

DER HEXER zeigt Heinz Drache als den Australier James Wesby, der zeitgleich mit dem Antagonisten des Films nach London gereist ist. Als angeblicher Kriminaljournalist versucht Wesby, die Identität des ‚Hexers‘ aufzudecken, und gerät dabei selbst in den Verdacht des von Joachim Fuchsberger gespielten Ermittlers. Wie Draches Inspektorenfiguren ist Wesby scharfsinnig und zielstrebig in seiner Arbeit, und im Finale gelingt es ihm sogar, den Yard-Inspektor vor dem ‚Hexer‘ zu retten und dessen Identität zu enthüllen, denn in Wahrheit ist James Wesby ein australischer Polizeiinspektor, der den Kriminellen bis London verfolgt hat.

In DER HUND VON BLACKWOOD CASTLE (BRD 1967) übernimmt Heinz Drache die Rolle von Humphrey Connery, der in einem Gasthaus in der Nähe von Blackwood Castle untergekommen ist. Als nach und nach unerwartete Besucher Interesse an Blackwood Castle und dem kürzlich verstorbenen Kapitän Wilson bekunden und kurz darauf durch einen mysteriösen Hund getötet werden, wird Connery gehäuft als Beobachter der Geschehnisse gezeigt und schließlich von Scotland Yard als potenzieller Mörder verhaftet. Er gibt sich dem ermittelnden Sir John als Versicherungsangestellter zu erkennen, der auf der Suche nach vor mehreren Jahren gestohlenem Diamantenschmuck ist und vermutet, dass es sich bei dem Dieb um den Verstorbenen handelt. Daraufhin wird er von Sir John freigelassen, später stellt sich jedoch heraus, dass Connery mit Kapitän Wilson zusammenarbeitet, um die Mitwisser des Diebstahls zu töten und dafür die Hälfte des Schmuckwerts als Bezahlung zu erhalten. Diese Wendung geschieht für Kenner der Reihe besonders überraschend, weil Heinz Drache zur Filmveröffentlichung 1967 bereits so häufig die Rolle eines Ermittlers übernommen hatte, dass mit seiner Besetzung die Erwartung an eine für die Gerechtigkeit agierende Figur einherging. Verstärkt wird dieser Effekt vom Einsatz Sir Johns als Ermittler auf Seite des Yards, von dem die Zuschauer aufgrund seines trägen, wenig Erkenntnisse gewinnenden Auftreten in anderen Edgar Wallace-Filmen keine Auflösung erwarten. Auch er glaubt Humphrey Connery seine Handlungslegitimation als Versicherungsbeauftragter umgehend.

Die Beispiele zeigen, wie durch die Rollenbesetzung mit Heinz Drache die Erwartungen der Zuschauer als dramaturgisches Mittel der Reihe genutzt werden. Am häufigsten steht Drache als Inspektor auf der Seite der Gerechtigkeit, allerdings ist er – mit ähnlichen Charakterzügen – auch in einer gegenteiligen Rolle zu sehen oder wird, wie in DER HEXER, zu Unrecht verdächtigt.

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Joachim Fuchsberger

Seit dem ersten Film, DER FROSCH MIT DER MASKE, ist Joachim Fuchsberger als Schauspieler in der Reihe dabei. Im Debütfilm spielt er die Rolle des Richard Gordons, eines reichen Amerikaners, der Scotland Yard mal mehr, mal weniger kooperativ bei den Ermittlungen gegen den ‚Frosch‘ unterstützt. Gordon ist ein dynamischer junger Mann, ein hartnäckiger und in den Kampfkünsten bewanderter Ermittler, der aufmerksam Schlussfolgerungen zieht und im Dialog durch seine Schlagfertigkeit auffällt. Er ist dem Inspektor des Films in den Ermittlungen zumeist voraus und erarbeitet sich durch seinen Einsatz die Gunst der schönen, bedrohten Frau (Abb. 8).

Im weiteren Verlauf der Reihe spielt Joachim Fuchsberger meist einen Inspektor des Yards. 1961 tritt er als Larry Holt in DIE TOTEN AUGEN VON LONDON auf. Holt ist auf der Spur einer Verbrecherorganisation, die bei Nacht und Nebel in London reiche Bürger*innen für ihr Erbe ermordet. Dabei zeigen sich Eigenschaften, die schon bei Gordon mit dem Schauspieler Fuchsberger verbunden wurden: Larry Holt ist kampferprobt, behält auch im verbalen Schlagabtausch die Oberhand und gewinnt am Ende das Herz der gefährdeten, meist reich erbenden Frau (Abb. 9). Wie Richard Gordon strebt er nach Gerechtigkeit, ist für seine Ziele aber auch dazu bereit, den Bereich des gesetzlich Erlaubten zu verlassen.

Auch in DIE SELTSAME GRÄFIN spielt Joachim Fuchsberger einen Yard-Inspektor, dieses Mal mit dem Namen Mike Dorn. Dieser lässt sich problemlos in die Reihe von Fuchsberger-Figuren einfügen: Mike Dorn ist intelligent, verfolgt seine Spuren auf unkonventionelle Art und Weise und erhält auch in diesem Film als ‚Lohn‘ für seine Mühen die junge Erbin. Die Aufzählung ließe sich noch beliebig fortführen, denn Fuchsbergers Figuren bleiben dem in den ersten Filmen konstituierten Rollentyp treu.2

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Klaus Kinski

Seinen ersten Auftritt in der Reihe hat Kinski in DIE TOTEN AUGEN VON LONDON. Dort spielt er Edgar Strauss, den Sekretär des Anwalts Stephan Judd. Strauss, der zumeist mit Sonnenbrille maskiert auftritt, versucht Scotland Yard in ihren Ermittlungen gegen eine kriminelle Organisation zu behindern, indem er Larry Holt mit Gewalt bedroht und Spuren, die auf eine Beteiligung seines Arbeitgebers an den Verbrechen hindeuten, beseitigt. Letztlich wird er von der Verbrecherorganisation aber ermordet, da er zu viel von deren Aktivitäten weiß.

DIE SELTSAME GRÄFIN zeigt Klaus Kinski als Stuart Bresset, den Insassen eines Sanatoriums für Geisteskranke. Von seinem behandelnden Arzt in die wahnhafte Vorstellung getrieben, dass nur der Mord an Margaret Reedle seine geistige Gesundheit beweisen und ihm so die Freiheit schenken kann, droht Bresset der jungen Frau am Telefon gleich zu Filmbeginn mit dem Tode. Im Handlungsverlauf wiederholt er diese Drohung und unternimmt auch mehrere Versuche, seinen Worten Taten folgen zu lassen, jedoch schlagen alle seine Ansätze fehl und Bresset stirbt während einer Konfrontation zwischen seinem Arzt und Ermittler Mike Dorn.

In DAS GASTHAUS AN DER THEMSE (BRD 1962) verkörpert Kinski Gregor Gubanow. Dieser lebt als Dauergast in einem Etablissement an der Themse, in dem allerhand zwielichtige Dinge geschehen. Gubanow beobachtet die Geschehnisse mal mehr, mal weniger unauffällig und versucht schließlich, auf einem vom Verbrechen unterlaufenen Frachtschiff anzuheuern, angeblich um dem Scotland Yard zu entfliehen. Das Schiff wird aber vor seiner möglichen Flucht von der Polizei durchsucht und Gubanow vom ‚Hai‘, dem Kopf des Verbrechens in diesem Film, getötet. Nach seinem Tod deckt Inspektor Wade dessen geheime Identität auf: Entgegen der von der Inszenierung geweckten Erwartungen war Gregor Gubanow kein Gehilfe des ‚Hais‘ (oder sogar der ‚Hai‘ selbst), sondern ein Agent des Yards, der das Geschehen im Gasthaus im Auge behalten sollte. Das überrascht nicht nur Gubanows Umfeld innerhalb des Films, sondern auch die Rezipienten der Filmreihe, die es zu diesem Zeitpunkt schon gewöhnt waren, Kinski stets als Handlanger des Bösen mit Hang zum Wahnsinn zu erleben und die Position der von ihm gespielten Figuren im Einzelfilm nicht mehr zu hinterfragen. Diese Star-Persona – auch in Filmen außerhalb der Wallace-Reihe – hat Kinskis Spielart zur Ikone des Bizarr-Düsteren im deutschen Film der 1960er-Jahre gemacht (vgl. Grob 1993: 245–247).

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Siegfried Schürenberg

Zum festen Inventar der Wallace-Reihe gehört die Institution Scotland Yard – und mit ihr verbunden in vielen Filmen Siegfried Schürenberg als Sir John. Sir John, den die Zuschauer zum ersten Mal in DIE TÜR MIT DEN 7 SCHLÖSSERN (BRD 1962) erleben, ist der Chefinspektor des Yards und tritt als solcher meist in seinem Büro oder anderen Räumen des Polizeigebäudes auf. Als Kontrast zu den jungen, athletischen Ermittlern, über die er verfügt, ist Sir John ein in die Jahre gekommener, untersetzter Mann. Er ermittelt nicht selbst, sondern nimmt als Antreiber und Beobachter an den Ermittlungen seiner Untergebenen teil. Dabei erweist er sich als zusätzlicher Ballast für seine Ermittler, die sich vor ihm für ihre Methoden und mangelnden Erfolg rechtfertigen müssen, ohne dass Sir John selbst jemals produktive Vorschläge machen oder eine wichtige Spur erkennen würde. Das hält ihn allerdings nicht davon ab, die final präsentierte Lösung mit größter Selbstverständlichkeit anzunehmen und als eigene oder nicht besonders zu würdigende Leistung zu betrachten.

Die einzige Ausnahme hiervon bildet DER HUND VON BLACKWOOD CASTLE. In diesem Film fehlt eine junge Ermittlerfigur und Sir John muss den Fall selbst übernehmen. Begleitet wird er von seiner ebenfalls in mehreren Filmen auftretenden Sekretärin. Zwischen ihnen gibt es häufiger zweideutige Dialoge und von Sir John ausgehende intime Berührungen, daraus entwickelt sich aber keine tatsächliche Nähe. Am Ende wird der Fall zwar gelöst, jedoch spielen dabei der Zufall und die Aussagen einer Zeugin eine weitaus größere Rolle als Sir Johns Ermittlungsarbeit.

Über seinen Adelsstand erfährt man nichts Näheres, aber seine offensichtliche Inkompetenz als Inspektor und der häufige Besuch hochrangig aussehender Personen in seinem Büro (Abb. 13) legen die Vermutung nah, dass er seinen Posten mehr aufgrund seines Titels als seiner Fähigkeiten erhalten hat.

DER ZINKER zeigt den Schauspieler in einer anderen Rolle innerhalb der Reihe. Dort spielt er den Chef der Zeitung The Guardian. Auch in DAS INDISCHE TUCH (BRD 1963) bekommt Siegfried Schürenberg eine abweichende Rolle, hier spielt er einen von mehreren potenziell Begünstigten in einem Erbstreit. Mit Sir John teilen diese beiden Ausnahmerollen sich nicht nur den Adelsstand, sondern auch einen Großteil seiner sonstigen Charaktereigenschaften.

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Fazit

Der wiederkehrende Einsatz von Schauspielern in unterschiedlichen Figuren, aber ähnlichen Rollentypen ist ein wichtiger Bestandteil der Wallace-Reihe, weil er ihr ein Alleinstellungsmerkmal verleiht, das sie von ähnlich konzipierten Reihen abhebt. Mit der Durchdringung von Rollenfiguren und Starpersonae der jeweiligen Schauspieler erhält die Reihe damit zugleich den Reiz des Seriellen – im Wandel von Rollenerwartung und tatsächlicher Rolle. Dabei ist Eddi Arent mit seiner großen Rollenanzahl und dem kuriosen Slapstick-Humor, den die von ihm gespielten Figuren in die Reihe bringen, ein unerlässlicher Bestandteil der Edgar Wallace-Filme. In den über zwanzig Filmen, in denen er mitspielt, sind seine Figuren ganz unterschiedlich angelegt, zeigen aber einen ähnlichen Charakter – und nur selten spielt Arent dabei überraschend den Verbrecher.

Heinz Drache dagegen tritt primär als Verkörperung von Ermittlerfiguren auf, die sich durch Gradlinigkeit und eine auffallende Kombinationsgabe auszeichnen. Allerdings wechseln seine Figuren häufiger die Seite als die seiner Kollegen, wodurch sich der beabsichtigte Überraschungseffekt einer wechselnden Rollenbesetzung im Filmgeschehen leicht abgeschwächt hat. Ebenfalls meist als Ermittler ist Joachim Fuchsberger zu sehen, allerdings wird bei ihm der Rollentyp konstanter durchgehalten als bei Drache. So ist er stets als athletischer Frauenheld zu sehen, der mit Leidenschaft seine Arbeit verrichtet und in Dialogen durch seinen Witz dominiert. Er spielt nie eine Figur, die auf der Seite des Verbrechens steht, auch wenn seine Ermittlerfiguren sich in ihren Methoden häufiger am Rande der Legalität bewegen als die von Heinz Drache.

Klaus Kinski verkörpert Verbrecher, die nicht an der Spitze ihrer kriminellen Organisation stehen, aber durch Skrupellosigkeit und eine Tendenz zur Geisteskrankheit in Erinnerung bleiben. Diese Figuren werden in vielen Filmen im Handlungsverlauf zum Opfer ihrer Vorgesetzten oder der Konfrontation zwischen Scotland Yard und dem Verbrechen. DAS GASTHAUS AN DER THEMSE zeigt eindrucksvoll, wie stark der Generalverdacht gegen die von Klaus Kinski verkörperten Figuren innerhalb der Reihe funktioniert, indem bis zu seinem Tode die Figuren im Film ebenso wie die Rezipienten von seiner Schuld überzeugt sind, ohne dass er bei etwas Illegalem gezeigt wird.

Siegfried Schürenberg zuletzt ist ein Sonderfall unter den gewählten Beispielen, da er eine Figur verkörpert, die nicht nur in vielen Filmen einen Auftritt hat, sondern auch konsistent die Erwartung der Zuschauenden an den Charakter seiner Figur erfüllt – selbst dann, wenn er eine andere Figur als Sir John darstellt.

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1    Dieser Umstand mag in anderen Kontexten eine weniger relevante Charaktereigenschaft sein, fällt aber in der Wallace-Reihe besonders aufgrund der vielen Frauenhelden, die gemeinsam mit Arents Figuren ermitteln, und den häufig auch romantisch oder erotisch motivierten Antagonisten auf.

2   Das sorgte zwar in den Augen der Produzenten so sehr mit für den Erfolg der Reihe, dass sie Fuchsberger an ihre Filmreihe banden und die Beteiligung an ähnlichen Produktionen vertraglich ausschlossen, führte aber nach Angaben des Schauspielers letztlich auch zu seinem Ausstieg, da ihn das immer gleiche Schema langweilte (vgl. Kramp u. Wehnert 2004: 228–231).


Filme

DAS GASTHAUS AN DER THEMSE (BRD 1962, Alfred Vohrer).
DAS INDISCHE TUCH (BRD 1963, Alfred Vohrer).
DER FROSCH MIT DER MASKE (FRØEN MED MASKEN, BRD/ DK 1959, Harald Reinl).
DER HEXER (BRD 1964, Alfred Vohrer).
DER HUND VON BLACKWOOD CASTLE (BRD 1967, Alfred Vohrer).
DER UNHEIMLICHE MÖNCH (BRD 1965, Harald Reinl).
DER ZINKER (BRD 1963, Alfred Vohrer).
DIE TOTEN AUGEN VON LONDON (BRD 1961, Alfred Vohrer).
DIE TÜR MIT DEN 7 SCHLÖSSERN (BRD 1962, Alfred Vohrer).
DIE SELTSAME GRÄFIN (BRD 1962, Josef von Báky).
NEUES VOM HEXER (BRD 1965, Alfred Vohrer).

Forschungsliteratur

Blödorn, Andreas (2007): „Stilbildung und visuelle Kodierung im Film. Am Beispiel derdeutschen Edgar Wallace-Filme der 1960er Jahre und ihrer Parodie in Der Wixxer“. In: Jan-Oliver Decker (Hg.): Erzählstile in Literatur und Film (= KODIKAS/Code. Ars Semeiotica 30, Nr. 1–2). Tübingen, S. 137–152.

Grob, Norbert (1993): „Das Geheimnis der toten Augen. 13 Aspekte zum Kriminalfilm der sechziger Jahre“. In: Wolfgang Jacobson, Anton Kaes u. Hans Helmut Prinzler (Hg.): Geschichte des deutschen Films. Stuttgart, S. 211–248.

Kramp, Joachim (1998): Hallo – Hier spricht Edgar Wallace. Die Geschichte der deutschen Kriminalfilmserie von 1959–1972. Berlin.

Kramp, Joachim u. Jürgen Wehnert (2004): Das Edgar Wallace Lexikon. Leben – Werk – Filme. Berlin.

Seeßlen, Georg (1999): „Trivial Pursuit. DER FROSCH MIT DER MASKE (1959)“. In: FilmGeschichte 13, S. 25–28.