Religiöse Pluralität in Indonesien
Indonesien ist ein kulturell und religiös vielseitiges Land mit einer kolonialen Vergangenheit und einer bewegten Geschichte von Unabhängigkeitskämpfen sowie politischen Aushandlungsprozessen um Teilhabe und Gleichberechtigung. Als größtes mehrheitlich muslimisches Land der Welt vereint es unterschiedliche islamische Traditionen, starke zivilgesellschaftliche Organisationen und zugleich einen Staat, der religiöses Leben umfassend reguliert. Religion ist dabei kein abgegrenzter Bereich, sondern durchzieht viele Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens. Gerade im Spannungsfeld zwischen gelebter religiöser Praxis, staatlicher Regulierung und der Lebenswirklichkeit indigener Religionen werden Fragen von Zugehörigkeit, Sichtbarkeit und Gleichberechtigung immer wieder neu verhandelt.
Über was für ein Projekt reden wir heute?
Wenn wir über die Indonesien-Kooperation sprechen, ist es eigentlich ein ganzes Geflecht an Partnerschaften, das sich über die Jahre entwickelt hat. Zwei zentrale Verbindungen möchte ich dabei besonders hervorheben. Zum einen gibt es die Zusammenarbeit mit dem Indonesian Consortium for Religious Studies (ICRS) in Yogyakarta. Dieses Konsortium ist weltweit einzigartig, da dort eine islamische staatliche Hochschule, eine christliche Hochschule und eine staatliche Universität zusammenarbeiten und gemeinsam zu religiöser Pluralität forschen. Zum anderen besteht eine enge Kooperation mit dem indonesischen Religionsministerium, insbesondere im Bereich der theologischen Ausbildung und der Förderung von Promovierenden. Diese beiden Kooperationen stehen exemplarisch für ein breiteres Netzwerk von Beziehungen, das wir mit verschiedenen Partnerinstitutionen in Indonesien aufgebaut haben.
Wer sind Sie und was ist Ihre Rolle in den Projekten?
Ich bin Professorin für Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie an der Universität Münster. In meiner Forschung beschäftige ich mich unter anderem mit Fragen der Pluralismusfähigkeit, interkultureller Theologie und sozial-ökologischer Transformation und dabei spielt Indonesien als Forschungsregion eine zentrale Rolle. Ich verbinde in der Kooperation Forschung und Lehre: Ich arbeite eng mit unseren Partnerinstitutionen zusammen, betreue Promovierende aus Indonesien und bin auch in die organisatorische Weiterentwicklung der Kooperationen und die aktuellen Forschungsprojekte eingebunden. Besonders wichtig ist mir dabei, religiöse Vielfalt nicht nur theoretisch zu analysieren, sondern auch in konkreten Austauschformaten erfahrbar zu machen.
Wie kam die Kooperation zustande? Wer waren die zentralen Initiator:innen?
Die Kooperation hat sich über einen längeren Zeitraum hinweg entwickelt und beruht auf unterschiedlichen Impulsen. Ich selbst habe von 2009 bis 2013 in Münster zu Indonesien promoviert und während drei Feldforschungsaufenthalten Kooperationen angeregt. Prof. Dr. Hans-Peter Grosshans hat dann die Verbindungen nach Indonesien institutionell verankert und unter anderem das Sandwich-Programm in Zusammenarbeit mit dem Religionsministerium initiiert. Die bestehenden Beziehungen konnten über die Jahre weiter ausgebaut werden, etwa durch das Memorandum of Understanding mit dem ICRS sowie durch neuere Vereinbarungen mit dem indonesischen Religionsministerium. Insgesamt zeigt sich hier sehr deutlich: Solche Kooperationen entstehen nicht auf einmal, sondern wachsen über Jahre hinweg aus persönlichen vertrauensvollen Kontakten und kontinuierlichem Austausch.
Warum ausgerechnet Indonesien? Was hat Sie dorthin gezogen?
Mein Zugang zu Indonesien begann ganz praktisch: 2003 war ich als Freiwillige in einer interreligiösen Nichtregierungsorganisation in Yogyakarta, einer Stadt, in die ich seitdem immer wieder zurückkehre und die für meine Arbeit bis heute eine zentrale Rolle spielt. Ein wichtiger wissenschaftlicher Anknüpfungspunkt war dann 2009 meine erste Tagung mit dem Indonesian Consortium for Religious Studies (ICRS). Damals ging es um das Thema „Freiheit und Verantwortung“ im muslimisch-christlichen Dialog. Diese Zusammenarbeit hat mich nachhaltig geprägt und meinen Forschungsschwerpunkt weiter in diese Richtung gelenkt. Mich fasziniert an Indonesien besonders, wie die religiöse Vielfalt dort gesellschaftlich verhandelt wird. Ein Beispiel ist ein recht neues Forschungsprojekt zu indigenen Gemeinschaften: Viele ihrer Traditionen werden staatlich nicht als Religion anerkannt, sondern eher als Kultur eingeordnet. Das hat ganz konkrete Auswirkungen, etwa darauf, ob eine Eheschließung offiziell anerkannt wird. Solche Aushandlungsprozesse zwischen Staat, etablierten Religionsgemeinschaften und indigenen Gruppen werfen grundlegende Fragen auf: Was gilt eigentlich als Religion? Wer entscheidet darüber? Und wie verändern sich Zugehörigkeiten und gesellschaftliche Strukturen dadurch?
Gleichzeitig ist es mir wichtig zu betonen, dass Indonesien kein idealisiertes Modell ist. Es gibt auch dort Spannungen, hierarchische Strukturen und hegemoniale Ansprüche zwischen verschiedenen Religionsgemeinschaften. Die oft erzählte Idee einer harmonischen „Einheit in Vielfalt“ kann diese Konflikte manchmal auch überdecken. Gerade diese Ambivalenz macht das Land für mich so interessant: Einerseits gibt es eine tief verankerte Vorstellung davon, dass unterschiedliche religiöse und kulturelle Gruppen gemeinsam ein „Haus“ teilen und gestalten. Andererseits zeigen die konkreten Konflikte, wie fragil und umkämpft diese Ordnung sein kann. Für mich ist Indonesien auch deshalb so spannend, weil sich Fragen stellen lassen, die für Europa hochaktuell sind. Während wir hier oft stark über rechtliche Kategorien wie Religionsfreiheit Pluralität strukturieren wollen, wird die Vielfalt in Indonesien viel stärker über Beziehungen und gegenseitige Anerkennung ausgehandelt. Daraus könnten wir vielleicht lernen, dass ein gelingendes Zusammenleben nicht nur von formalen Strukturen abhängt, sondern auch von gelebten sozialen Praktiken und einem gemeinsamen Verständnis von Zugehörigkeit.
Diese Perspektiven stoßen auch in Deutschland auf großes Interesse: Ich werde regelmäßig als Gastreferentin eingeladen, etwa von Kirchen oder von Akademien, um darüber zu sprechen, wie interreligiöses Zusammenleben gelingen kann und was wir dabei von Indonesien lernen können.
Wie sieht die Zusammenarbeit mit den Partnerinstitutionen konkret aus?
Die Zusammenarbeit ist sehr vielfältig und verbindet unterschiedliche Formate in Forschung und Lehre. Ein zentraler Baustein ist das sogenannte Sandwich-Programm, das vom indonesischen Bildungsministerium, genauer von der Abteilung für Christentum, finanziert wird. In diesem Rahmen kommen dieses Jahr zum ersten Mal ganze elf Promovierende aus Indonesien für jeweils etwa sechs Monate nach Münster. Hier werden sie in die Lehre eingebunden, nehmen an Seminaren teil und werden wissenschaftlich betreut. Diese Kooperation wurde maßgeblich über den Direktor eines theologischen Seminars in Jakarta, Binsar Pakpahan, aufgebaut, der selbst in entsprechenden Gremien aktiv ist und eine wichtige Brückenfunktion einnimmt. Inhaltlich zeigt sich die Zusammenarbeit auch in gemeinsamen Forschungsschwerpunkten. Eine internationale Gastwissenschaftlerin an meinem Lehrstuhl hat beispielsweise zu feministischer Theologie und Traumatherapie im indonesischen Kontext gearbeitet. Aktuell entwickelt sich inhaltlich ein neuer Fokus im Bereich Ökotheologie und Nachhaltigkeit, ein Thema, das in Indonesien als ökologisch besonders sensibler Region von großer Bedeutung ist. Dabei ist es spannend zu sehen, wie unterschiedliche religiöse Perspektiven zusammenkommen: Nach einer christlichen Theologin, die in diesem Feld gearbeitet hat, wird nun auch ein muslimischer Theologe an meinem Lehrstuhl als Gastwissenschaftler zu ähnlichen Fragestellungen forschen. Es geht dabei immer auch um die Frage, welche Motivation und welche Perspektiven religiöse Traditionen für nachhaltiges Handeln bieten können.
Auch im Kontext des ICRS gibt es inhaltliche Anknüpfungspunkte, etwa durch Forschungen zu Themen wie Permakultur. Ergänzt wird die Zusammenarbeit durch gemeinsame Tagungen und wissenschaftlichen Austausch.
An wen richten sich die Kooperationen?
Die Kooperationen richten sich an verschiedene Zielgruppen, insbesondere an Promovierende, aber auch an Lehrende und Forschende. Gerade die indonesischen PhD-Studierenden profitieren stark von den Austauschmöglichkeiten, gleichzeitig spielen auch Dozent*innen eine wichtige Rolle, etwa im Rahmen gemeinsamer Tagungen.
Was waren bislang wichtige Meilensteine in der Zusammenarbeit?
Ein zentraler Meilenstein war die gemeinsame internationale Tagung zum Thema „Islam and Christianity in Public Space“, die ich gemeinsam mit Prof. Dr. Mouhanad Khorchide aus der islamischen Theologie organisiert haben. Dabei ging es um die Rolle von Religion im öffentlichen Raum und ihren Beitrag zu gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen, sowohl in Indonesien als auch in Deutschland. Diese Tagung hat sehr deutlich gemacht, wie ähnlich manche Herausforderungen in beiden Kontexten sind, etwa im Umgang mit religiöser Vielfalt, Fragen von Demokratie, Bildung oder gesellschaftlichem Zusammenhalt. Gleichzeitig wurde sichtbar, wie stark insbesondere in Indonesien bereits zu diesen Themen geforscht wird, etwa im Bereich von interreligiösen Beziehungen, ökologischen Fragen oder sozialen Transformationen. Im Juni 2026 bin ich zu einer Tagung nach West-Sumatra eingeladen, um einen Vortrag dazu zu halten. Sehr wichtig ist für mich auch die Entwicklung innerhalb der Universität Münster selbst, vor allem die Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Thomas Stodulka aus der Anthropologie.
Der neue Campus für Theologien und Religionswissenschaft schafft übrigens ebenfalls einen sehr attraktiven Rahmen. Die enge räumliche und inhaltliche Zusammenarbeit zwischen evangelischer, katholischer und islamischer Theologie sowie der Religionswissenschaft ist für unsere indonesischen Partner*innen spannend und erhöht die Sichtbarkeit Münsters als internationaler Standort. Und nicht zuletzt sind es die persönlichen Begegnungen, die die Zusammenarbeit tragen. Die indonesischen Partner*innen sind unglaublich aufgeschlossen und interessiert, weswegen ich sehr gerne mit ihnen zusammenarbeite.
Welche Perspektiven sehen Sie für die Zukunft?
Für die Zukunft sehe ich vor allem großes Potenzial darin, die bestehenden Kooperationen weiter zu vertiefen und zugleich neue Formate zu entwickeln. Ein toller nächster Schritt wäre es, den Austausch auch stärker für Studierende zu öffnen. Die formalen Voraussetzungen dafür sind durch die bestehenden Abkommen bereits geschaffen, jetzt ginge es darum, diese Möglichkeiten auch praktisch umzusetzen. In diesem Zusammenhang planen wir zum Beispiel die Entwicklung eines englischsprachigen Masterstudiengangs, der den internationalen Austausch weiter stärken soll.
Auch die Zusammenarbeit mit dem indonesischen Religionsministerium soll weiter ausgebaut werden. Insgesamt entwickelt sich hier eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit, die perspektivisch auch beide Seiten, also Deutschland und Indonesien, noch enger miteinander verbinden kann. Gleichzeitig ist es mir wichtig, Indonesien nicht nur aus einer zentralen Perspektive, etwa von Jakarta aus, zu betrachten. Ich habe selbst in verschiedenen Regionen gearbeitet, etwa in Nord-Sumatra oder Sulawesi, und finde es entscheidend, diese Vielfalt auch in der Kooperation abzubilden. Dass beispielsweise eine Promovendin aus Papua zum Alten Testament forscht, zeigt sehr eindrücklich, wie vielfältig die Perspektiven innerhalb Indonesiens sind. Diese regionalen Unterschiede stärker einzubeziehen und entsprechende Kontakte auszubauen, ist mir ein großes Anliegen.
Welche Empfehlungen würden Sie anderen geben, die eine ähnliche Kooperation aufbauen möchten?
Kooperationen basieren immer auf persönlichen Beziehungen. Formale Abkommen sind wichtig, aber sie entstehen nicht im luftleeren Raum. Im Gegenteil, sie bauen fast immer auf der konkreten Zusammenarbeit von zwei oder drei Personen auf, die über längere Zeit hinweg Vertrauen zueinander entwickeln. Das bedeutet auch: Es reicht nicht, einmal für eine Woche irgendwohin zu reisen. Man muss bereit sein, sich wirklich auf die Partner*innen und die gemeinsamen Themen einzulassen, und zwar langfristig. Es geht nicht nur darum, die eigene Agenda voranzubringen, sondern darum, gemeinsame Fragestellungen zu entwickeln. Gleichzeitig halte ich es für wichtig, die eigenen Perspektiven zu hinterfragen und die „Landkarten im Kopf“ neu zu sortieren. Länder wie Indonesien standen lange nicht im Fokus, oft richtet sich die Aufmerksamkeit auf große geopolitische Akteure. Dabei gibt es gerade in sogenannten „Mittelmächten“ sehr dynamische Entwicklungen und spannende wissenschaftliche Kontexte, die es stärker zu berücksichtigen gilt.
Nicht zuletzt hat internationale Zusammenarbeit auch immer eine wissenschaftspolitische Dimension. Deutsche Forschung wird in Indonesien durchaus geschätzt und gleichzeitig sind wir uns der kolonialen Machtasymmetrien bewusst, die solche Kooperationen prägen können. Entscheidend ist deshalb, diese Dynamiken reflektiert mitzudenken und Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln, die auf Augenhöhe stattfinden. Wenn das gelingt, kann internationale Kooperation nicht nur funktionieren, sondern für alle Beteiligten sehr fruchtbar sein, gerade auch im Hinblick auf die Frage, welchen Beitrag Forschung zu gesellschaftlichen Herausforderungen leisten kann.
Prof. Dr. Simone Sinn ist Professorin für Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit religiöser Pluralität, interkultureller Theologie und sozial-ökologischer Transformation, mit einem besonderen regionalen Fokus auf Indonesien. Ihre Arbeit verbindet theoretische Fragestellungen mit konkreten gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen, insbesondere im Bereich interreligiöser Beziehungen. Kontakt