Kooperative Forschung zu Übersetzungsprozessen im osmanisch-türkischen Raum

Zusammenarbeit der Nachwuchsgruppe
© Dr. Philip Bockholt

Im Gespräch mit… Jun-Prof. Dr. Philip Bockholt

Über welches Projekt sprechen wir heute?
Wir sprechen über eine Forschungskooperation mit Partner*innen in der Türkei, die sich mit innerislamischen Übersetzungsprozessen beschäftigt. Konkret geht es darum, welche Texte aus dem arabischen und persischen Schrifttum ins Osmanisch-Türkische übersetzt wurden – vor allem vor der Schriftreform von 1928. Das ist ein Forschungsfeld, das sehr stark an Sprache gebunden ist: Wer zu diesen Themen arbeiten möchte, muss Türkisch beherrschen. Außerhalb der Türkei gibt es dafür nur sehr wenige Spezialist*innen. Hinzu kommt, dass der Großteil des Primärmaterials – Handschriften, Übersetzungen, Kommentare – in Istanbul liegt, teilweise auch in Kairo. Erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte sich der Buchdruck im Nahen Osten vollständig durch, davor ist nahezu alles handschriftlich überliefert. Wer dazu forschen will, sollte also bestenfalls auch mal vor Ort arbeiten und mit Kolleg*innen dort kooperieren.

Welche Rolle haben Sie selbst in dieser Kooperation?
Ich bin Juniorprofessor für die Geschichte des turko-persischen Raumes und fungiere in diesem Zusammenhang vor allem als Organisator und Ansprechpartner. Ich koordiniere gemeinsame Veranstaltungen wie Vortragsreihen, Workshops oder Tagungen und bin für den internationalen Austausch zuständig. Viele meiner türkischen Ansprechpartner*innen arbeiten auf sehr hohem Niveau, sprechen aber kaum Englisch oder andere Fremdsprachen. Umso wichtiger ist es, dass wir auf Augenhöhe miteinander arbeiten und sie auch international sichtbar machen. Für eine ernsthafte Kooperation reicht es meiner Erfahrung nach nicht, E-Mails zu schreiben – man muss sich sehen, gemeinsam diskutieren und Zeit miteinander verbringen.

Wie ist die Kooperation entstanden?
Ausschlaggebend waren hierfür persönliche Kontakte: Einer meiner Doktoranden ist mit der 29 Mayıs Üniversitesi in Istanbul verbunden, eine enge Kooperationspartnerin ist an der Boğaziçi Üniversitesi tätig. Parallel dazu habe ich eine Buchreihe in Berlin mit aufgebaut, bei der besagte Kollegin aus der Türkei als Mitherausgeberin beteiligt ist. Daraus hat sich über die Jahre ein belastbares Netzwerk entwickelt. Seit etwa 2024 haben sich diese Aktivitäten deutlich intensiviert, wobei die Nachwuchsgruppe, die ich seit 2022 leite, dafür ein wichtiges organisatorisches Dach bietet.

Was war Ihre persönliche Motivation, diese Kooperation voranzubringen?
Zum einen gehört das schlicht zu meinen Aufgaben. Zum anderen empfinde ich es aber auch als eine Art Pflicht. Forschung in unserem Feld ist oft sehr stark europäisch oder nordamerikanisch geprägt, obwohl es eigentlich naheliegend wäre, Kolleg*innen aus den Regionen selbst viel stärker einzubeziehen. Größere gemeinsame Formate aufzubauen ist allerdings nicht einfach – es braucht Zeit, Geduld und Geld. Meine Nachwuchsgruppe ist dafür ein gutes Ventil. Sie läuft über sechs Jahre, und ich hoffe sehr, dass sich daraus etwas Nachhaltiges entwickelt. Schon kleine Dinge, wie etwa Reisekosten erstatten zu können, machen einen großen Unterschied. Viele türkische Universitäten haben deutlich weniger Zugang zu Fördermitteln, und genau hier kann die Kooperation konkret etwas bewirken.

An wen richtet sich die Kooperation besonders?
In erster Linie an Forschende und den wissenschaftlichen Nachwuchs im Bereich Islamwissenschaft und Turkologie/Osmanistik. Diese Arbeit können tatsächlich nur wenige leisten, weil die sprachlichen Voraussetzungen so speziell sind. Gleichzeitig geht es auch um Nachwuchsförderung: um Masterstudierende, Doktorand*innen, junge Wissenschaftler*innen, die lernen sollen, mit Handschriften zu arbeiten, Netzwerke aufzubauen und sich international zu verorten.

Was möchten Sie mit der Kooperation konkret erreichen?
Mir geht es darum, dauerhaft in Kontakt zu bleiben und gemeinsam Forschung voranzubringen, nicht nur punktuell, sondern kontinuierlich. Wir wollen wissen, woran die Kolleg*innen in der Türkei arbeiten, unsere eigenen Projekte sichtbar machen und uns gegenseitig unterstützen. Natürlich könnte man viele Texte auch nur im Büro lesen. Aber Forschung lebt vom Austausch. Es macht einen Unterschied, ob man weiß, wer zu welchen Themen arbeitet, ob man sich persönlich kennt und gemeinsam diskutiert hat.

Was unterscheidet diese Kooperation von anderen?
Ein zentraler Punkt ist die Sprache. Türkisch ist hier zugleich Hürde und Chance. Es ist anstrengend, weil es nicht meine Muttersprache ist und manche Kolleg*innen keine andere Sprache sprechen. Gleichzeitig eröffnet genau das einen Raum für Austausch, der sonst kaum stattfindet – viele meiner türkischen Partner*innen sind Teil einer eigenen wissenschaftlichen Welt. Sie rezipieren vor allem türkisch- und arabischsprachige Forschung und haben wenig Berührung mit der europäischen Debatte. Diese Kooperation schafft Verbindungen zwischen Forschungskulturen, die sonst oft nebeneinander existieren.

Welche Herausforderungen ergeben sich in der Zusammenarbeit?
Die Zusammenarbeit ist intensiv und mit Aufwand verbunden. Sprachlich ist sie fordernd, organisatorisch ebenfalls. Dazu kommen kulturelle Unterschiede: Viele meiner Partner*innen arbeiten in einem religiösen Umfeld, was sich ganz praktisch auswirkt – etwa bei der Auswahl von Restaurants oder beim Umgang miteinander. Gleichzeitig ist das thematische Feld relativ unkontrovers. Wir bewegen uns zeitlich vor 1800, im Kontext des Osmanischen Reiches. Politisch oder gesellschaftlich potenziell heikle Themen spielen hier kaum eine Rolle, was die Zusammenarbeit insgesamt erleichtert.

Gab es wichtige Meilensteine in der Kooperation?
Ein wichtiger Schritt war sicherlich, mehrfach vor Ort zu sein. Fremdheit baut sich nicht beim ersten Besuch ab. Aber wenn es normal wird, sich regelmäßig zu sehen, entsteht Vertrauen. Genau das ist für diese Art von Kooperation entscheidend.

Welche Wirkung hat die Zusammenarbeit bislang entfaltet?
Für meine eigene Arbeit und die meiner Gruppe ist sie enorm wertvoll. Wir sind enger an den aktuellen Forschungsstand in der Türkei angebunden und können unsere Arbeit dort sichtbar machen. Umgekehrt bringen wir eine internationale Perspektive ein und tragen dazu bei, dass Projekte auch außerhalb des türkischsprachigen Sprachraums wahrgenommen werden.

Welche Perspektiven sehen Sie für die Zukunft?
Im kommenden Jahr möchten wir eine Handschriftenschule in Istanbul organisieren, die sich gezielt an den wissenschaftlichen Nachwuchs richtet. Außerdem ist geplant, die Kooperation sowohl in der Forschung als auch in der Lehre weiter auszubauen, etwa durch forschendes Lehren an Partneruniversitäten. Ideal wäre es natürlich auch, künftig mehr Kolleg*innen aus der Türkei nach Münster einzuladen. Entscheidend ist aber, dass der Austausch kontinuierlich bleibt.

Welche Empfehlungen würden Sie anderen geben, die eine ähnliche Kooperation aufbauen möchten?
Man sollte so viel wie möglich vor Ort sein. Persönliche Begegnungen sind durch nichts zu ersetzen. Außerdem braucht es Geduld und die Bereitschaft, sich auf andere wissenschaftliche Kulturen einzulassen. Sprache ist dabei nicht nur ein Hindernis, sondern auch ein Schlüssel. Und nicht zuletzt: Man sollte realistisch bleiben. Solche Kooperationen sind arbeitsintensiv, aber sie lohnen sich – fachlich wie menschlich.

Ich bedanke mich herzlich bei Herrn Bockholt für das interessierte, nette Gespräch!

Profilbild Dr. Philip Bockholt
© Uni MS - Meike Reiners

Prof. Dr. Philip Bockholt ist Juniorprofessor für die Geschichte des turko-persischen Raumes am Institut für Arabistik und Islamwissenschaft der Universität Münster. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit Übersetzungsprozessen, Handschriftenkulturen und Wissenszirkulation im osmanischen Kontext. Sprache spielt dabei eine zentrale Rolle: Viele seiner Projekte sind eng an Originalquellen gebunden und führen ihn regelmäßig zu Archiven und Forschungspartner*innen weltweit. Kontakt

Ein Gruppenbild der Nachwuchsgruppe.
© Dr. Philip Bockholt

Endowment Notes Lecture Series (2025–2026)
Ein konkretes Beispiel für die gewachsene Zusammenarbeit mit Partnerinstitutionen in der Türkei ist die Endowment Notes Lecture Series, die von Oktober 2025 bis März 2026 an der Fatih Sultan Mehmet Vakıf Üniversitesi in Istanbul stattfindet. Die 17-wöchige Reihe wird gemeinsam vom Centre for Manuscript Studies der FSMVÜ und TRANSLAPT organisiert und richtet sich an Nachwuchsforschende und Wissenschaftler*innen mit Interesse an Handschriften und Archivmaterial. Neben einer öffentlichen Auftaktveranstaltung umfasst das Programm mehrere vertiefende Sitzungen für registrierte Teilnehmende sowie einen studentischen Workshop zum Abschluss. Auch Philip Bockholt ist in die Reihe eingebunden und moderiert einzelne Veranstaltungen.
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