Forschungskooperation zu religiöser Pluralität in Myanmar

Die grüne Landschaft Myanmars mit vielen spitzen Tempeldächern.
© Prof. Dr. Hans-Peter Grosshans

Kontext: Kirche und Gesellschaft in Myanmar
An der Universität Münster fand im Oktober 2025 eine öffentliche Gesprächsveranstaltung mit dem katholischen Erzbischof Marco Tin Win statt. Unter dem Titel „Kirche und Theologie in Myanmar – Zwischen eingeschränkter Freiheit und interreligiöser Öffnung“ wurde die aktuelle Lage in Myanmar diskutiert – geprägt von politischen Einschränkungen, religiösen Spannungen und zugleich Chancen für interreligiösen Dialog.
Myanmar befindet sich seit dem Militärputsch 2021 in einem anhaltenden Bürgerkrieg, der große Teile des Landes destabilisiert und auch Hochschulen, religiöse Einrichtungen und zivilgesellschaftliche Strukturen massiv unter Druck setzt. Wissenschaftliche Arbeit ist vielerorts nur eingeschränkt möglich. Das Gespräch in Münster machte deutlich, wie religiöse Gemeinschaften unter diesen Bedingungen Verantwortung übernehmen, Dialogräume offenhalten und zugleich mit erheblichen strukturellen Unsicherheiten umgehen müssen. Ergänzend wurde der Film Midwives gezeigt und im Anschluss gemeinsam diskutiert, um gesellschaftliche Realitäten vor Ort weiter zu vertiefen.

Die Forschungsgruppe in Myanmar.
© Prof. Dr. Hans-Peter Grosshans

Im Gespräch mit:
Prof. Dr. Hans-Peter Grosshans

Über welches Projekt sprechen wir heute?
Wir sprechen über eine mehrjährige Forschungskooperation mit einer theologischen Hochschule in Myanmar, aus der dann auch eine Lehr- und Austauschkooperation mit mehreren theologischen Hochschulen in Myanmar hervorging. In dem von der DFG finanzierten sechsjähren Forschungsprojekt von 2014-2020 ging es um „Attitudes to Religious Diversity among Buddhists, Christians and Muslims in Myanmar“. Aus diesem Projekt haben sich über die Jahre persönliche und institutionelle Beziehungen entwickelt, die weiterhin gepflegt werden. 

Wer sind Sie und was ist Ihre Rolle in der Kooperation?
Ich bin Professor für Systematische Theologie und leite ein Institut für Ökumenische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät. Zudem bin ich Internationalisierungsbeauftragter meiner Fakultät. Die Myanmar-Kooperation entstand aus persönlichen Kontakten von mir. Heute versuche ich, die daraus entstandenen akademischen Beziehungen aktiv weiterzuentwickeln. Dazu gehört die Pflege der Kontakte, die Ermöglichung von Aufenthalten und die Einladung von Kolleginnen und Kollegen aus Myanmar nach Münster – gerade auch unter den gegenwärtigen schwierigen politischen Bedingungen.

Wie ist die Kooperation entstanden?
Die Zusammenarbeit begann 2007 auf einer Tagung in Hongkong. Dort lernte ich den Präsidenten des Myanmar Institute of Theology in Yangon, Dr. Samuel Ngun Ling, kennen, der mir durch seine theologische Kompetenz, seine analytische Schärfe und seine kritische Haltung gegenüber der politischen und auch der religiösen Situation im eigenen Land imponierte. Aus dieser Begegnung entstand zunächst ein lockerer fachlicher Austausch und später die Idee zu einem gemeinsamen Forschungsprojekt, zusammen mit meinem Fakultätskollegen Prof. Dr. Perry Schmidt-Leukel. Wir konnten dann zusammen eine umfangreiche finanzielle Unterstützung der DFG einwerben, die es uns ermöglichte, sechs Jahre lang die entsprechenden Forschungen in Myanmar, begleitet von einigen Tagungen, durchzuführen. 

Was war das zentrale Thema des Forschungsprojekts?
Im Mittelpunkt stand die Frage, wie die Einstellungen zur religiösen Vielfalt unter den Angehörigen des Buddhismus, des Christentums und des Islam in Myanmar sind. Dazu gehörte auch eine Analyse der religiösen Diskurse in Myanmar in den letzten Jahrzehnten. Dazuhin wurde lokale Literatur ausgewertet und es wurden Interviews mit buddhistischen, christlichen und muslimischen Dozentinnen und Dozenten geführt. Auf Tagungen wurden die Ergebnisse im Lichte religionstheoretischer Konzeptionen diskutiert und das interreligiöse Fachgespräch gepflegt. Als ein zentrales Thema kristallisierte sich dabei das Verhältnis von Religion und Ethnie heraus. Verschiedene Publikationen sind aus dem Projekt hervorgegangen, die auch in Myanmar stark beachtet wurden.  

Wie sieht die Zusammenarbeit konkret aus?
Nach Abschluss des Forschungsprojekts wurden Kooperationen mit verschiedenen Akteuren in Myanmar in unterschiedlichen, meist lockeren Formaten fortgesetzt. Erschwert wurde dies zunächst durch die Pandemie und dann vor allem durch den Militärputsch vom 1. Februar 2021, die darauffolgende Bewegung des zivilen Ungehorsams sowie den anschließenden Bürgerkrieg und Staatsterrorismus. Einige unserer Partner waren und sind in diesen Entwicklungen unmittelbar involviert. Trotz dieser schwierigen Bedingungen kamen in den vergangenen Jahren mehrere Theologinnen und Theologen aus Myanmar für Forschungsaufenthalte nach Münster, teilweise für mehrere Monate. Umgekehrt waren auch Aufenthalte in Myanmar geplant, die jedoch aufgrund der politischen Lage verschoben oder erschwert wurden. Die Zusammenarbeit ist durch Memoranda of Understanding mit dem Kachin Theological College & Seminary (KTCS) in Myitkyina im Kachin-Staat sowie mit dem Myanmar Institute of Theology (MIT) in Yangon formal verankert. Beide Vereinbarungen umfassen Dozierendenaustausch, Forschungskooperationen und auch Möglichkeiten der Studierendenmobilität. Grundsätzlich ist es also möglich, ein Auslandssemester am KTCS oder am MIT zu absolvieren. An beiden Einrichtungen wird zweisprachig unterrichtet – am MIT auf Englisch und Burmesisch, am KTCS auf Englisch und Kachin.  Gleichzeitig sind die strukturellen Voraussetzungen sehr unterschiedlich: Die Partnerinstitutionen in Myanmar erhalten keine staatliche Finanzierung und können daher – ebenso wie wir – keine umfassenden Stipendienprogramme anbieten. Deshalb bemühen wir uns gemeinsam darum, langfristige Finanzierungsmöglichkeiten insbesondere für Lehrkooperationen und Austauschprogramme zu entwickeln.
Hinzu kommt die schwierige Sicherheitslage. Während Reisen nach Yangon derzeit grundsätzlich möglich sind, bleibt die Situation im Kachin-Staat aufgrund des Bürgerkriegs äußerst angespannt. Gerade deshalb ist es uns wichtig, die Kooperation auch unter schwierigen Bedingungen aufrechtzuerhalten und den akademischen Austausch nicht abbrechen zu lassen.

Welche Herausforderungen prägen die Zusammenarbeit?
Die größte Herausforderung ist definitiv die politische Situation in Myanmar. Der Bürgerkrieg und die instabile Sicherheitslage erschweren akademische Mobilität erheblich. Am Kachin Theological College & Seminary in Myitkyina im Kachin State im Norden Myanmars, mit dem meine Fakultät ein Memorandum of Understanding über Kooperationen abgeschlossen hat, gibt es nur zeitweise Elektrizität. Internetverbindungen sind nicht ständig verfügbar. Reisen sind aufwändig. Und das tägliche Leben ist bei Tag und Nacht von Bombendetonationen und Schüssen begleitet. Aufgrund der geringen Bezahlung müssen die Dozentinnen und Dozenten oft Nebenjobs ausüben, was eine kontinuierliche Forschungstätigkeit deutlich erschwert. Austauschbeziehungen sind organisatorisch aufwändig, insbesondere die Visa-Verfahren. Diese Vorgänge sind oft mühsam und auf jeden Fall zeitintensiv. 

Welche Wirkung hat die Kooperation bislang entfaltet?
Neben publizierten wissenschaftlichen Ergebnissen sind vor allem stabile persönliche Beziehungen entstanden. Für Kolleginnen und Kollegen in Myanmar ist es keineswegs selbstverständlich, dass sich europäische Partner*innen (wie generell die europäische Politik) ernsthaft für ihre Situation interessieren. Die Kooperation ist für die Partnerinnen und Partner in Myanmar wichtig. Die Universität Münster ist im Bereich der Theologie in Myanmar sehr bekannt und gilt als einer der wenigen Orte in Deutschland, an denen Interesse an Myanmar besteht.
Darüber hinaus konnten einzelne Forschende zeitweise unter sicheren Bedingungen in Münster arbeiten, was angesichts der politischen Lage ebenfalls nicht selbstverständlich ist. Auch in diesem Jahr 2026 werden wieder zwei Theolog*innen Myanmars einige Monate in Münster studieren und forschen.

Was unterscheidet diese Kooperation von anderen?
Die Zusammenarbeit ist nicht Teil größerer institutioneller Programme. Sie ist von persönlichen Beziehungen geprägt. Die politischen und gesellschaftlichen Bedingungen sind sehr herausfordernd. 

Welche Perspektiven sehen Sie für die Zukunft?
Die Perspektiven hängen leider mit den weiteren politischen Entwicklungen zusammen. Der wissenschaftliche Austausch wird auf jeden Fall fortgeführt. Lehr- und Studienaufenthalte werden in Münster und in Myanmar fortgesetzt. Langfristig geht es mir darum, Dialogräume offen zu halten, auch in Zeiten politischer Unsicherheit. Ich kann mir auch noch einmal ein neues umfangreiches Forschungsprojekt vorstellen. In Myanmar gibt es für die Religionsforschung höchst spannende Themen. Die Analyse des Verhältnisses von Ethnien und Religion ist in dem Vielvölkerstaat Myanmar – wie auch in anderen asiatischen Ländern – noch keineswegs befriedigend erfolgt.  

Welche Empfehlungen würden Sie anderen für ähnliche Kooperationen geben?
Man sollte nicht auf große, etablierte Institutionen und deren Ausschreibungen schauen. Oft entstehen tragfähige Kooperationen aus zufälligen Begegnungen und persönlichen Gesprächen. Dabei sollte weniger auf den eigenen strategischen Nutzen geachtet werden, sondern auf die spannenden Themen, die sich dabei auftun. Wer internationale Zusammenarbeit aufbauen möchte, braucht Geduld, Eigeninitiative und die Bereitschaft, auch organisatorische Hürden selbst anzugehen. Internationale Kooperation beginnt häufig mit einer einfachen Entscheidung: miteinander ins Gespräch zu kommen und sich aktiv auf das Gegenüber einzulassen.

Ich bedanke mich herzlich bei Herrn Prof. Dr. Grosshans für das Gespräch!

Prof. Dr. Hans-Peter Grosshans in Myanmar.
© Prof. Dr. Hans-Peter Grosshans

Prof. Dr. Hans-Peter Grosshans ist Professor für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Religionsphilosophie, Ökumenischen Theologie, im Studium des weltweiten Protestantismus sowie in der Reflexion von Religion und Moderne. Prof. Dr. Großhans bringt umfangreiche internationale Erfahrung in die Lehre und Forschung ein, unter anderem durch Gastdozenturen am Institut für Christianity and Cross-Cultural Studies der Zhejiang-Universität in Hangzhou (China) und am Sabah Theological Seminary in Malaysia. Er engagiert sich für die Förderung globaler wissenschaftlicher Zusammenarbeit und leitet mehrere internationale Kooperationsprojekte, darunter langjährige Verbindungen in Zentralasien und Südostasien. Kontakt