Internationale Summer School in Usbekistan
Im August 2024 fand an der Staatlichen Universität Buchara eine vom Deutsch-Usbekischen Hochschulnetzwerk InGeZa gemeinsam organisierte Summer School statt. Die Veranstaltung richtete sich an Studierende, Hochschuldozierende und Lehrende im Bereich Deutsch als Fremdsprache und widmete sich der Zukunft des Lehrens und Lernens in einer digitalisierten und interkulturellen Hochschullandschaft. Etwa 100 Studierende und 25 Lehrende nahmen teil, darunter Expert:innen aus Buchara, Chirchiq, Termez, Urgench und Münster, die in Teamteaching-Workshops zu über 20 Themen lehrten und berieten. Die Summer School dient als Plattform für internationalen Bildungsdialog und stärkt die Zusammenarbeit zwischen deutschen und usbekischen Germanistiken im Netzwerk. Die nächste Ausgabe ist für dieses Jahr geplant und soll im zweijährigen Rhythmus fortgeführt werden, um den fachlichen Austausch und die Vernetzung weiter auszubauen. Zur Website
Über was für ein Projekt reden wir heute?
Heute geht es um die langjährige Kooperation der Germanistik der Universität Münster mit fünf Partneruniversitäten in Usbekistan, die ein deutsch-usbekisches Hochschulnetzwerk bildet. Diese Zusammenarbeit besteht seit fast 15 Jahren und ist eine der wenigen kontinuierlichen Partnerschaften der Universität in Zentralasien. Gerade deshalb hat sie für uns als Germanistisches Institut einen besonderen Stellenwert. Perspektivisch möchten wir die Kooperation auch auf weitere Länder der Region ausweiten, etwa Tadschikistan und Kasachstan, mit dem Ziel, eine stärker vernetzte zentralasiatische Germanistik aufzubauen. Ein zentrales Anliegen ist dabei, dass Forschung nicht einfach aus einer europäischen Perspektive „übernommen“ wird. Uns ist wichtig, dass Forschende vor Ort ihre eigenen Fragestellungen, Perspektiven und Zugänge entwickeln – sei es im Bereich des Deutschen als Fremdsprache oder in literatur- und kulturwissenschaftlichen Kontexten. Gemeinsam arbeiten wir gleichzeitig daran, Studierende und Promovierende im wissenschaftlichen Arbeiten zu stärken. Alle beteiligten (jungen) Forschenden soll so der Anschluss an die globale Wissens- und Forschungsgemeinschaft gelingen.
Wer sind Sie und was ist Ihre Rolle im Projekt?
Ich habe im Projekt vor allem eine koordinierende Rolle. Das heißt: Ich setze die strategischen und organisatorischen Ziele um und sorge dafür, dass das Netzwerk zusammenarbeiten kann. Die inhaltlich-akademische Arbeit liegt bei der Projektleitung in Münster, Prof. Dr. Silvia Reuvekamp, sowie bei den usbekischen Partnerinnen in Nukus, Urgench, Buchara, Termez und Chirchiq. Zudem betreue und berate ich Studierende, Tutor*innen und Forschende beider Länder innerhalb von Gast-Semestern oder Praktika. Innerhalb des Netzwerkes haben wir Ressourcen für eine umfassende Betreuung, so dass wir beispielsweise usbekische Studierende sowohl in Münster als auch deutsche Tutor*innen an den Partneruniversitäten in Usbekistan sehr eng begleiten können. Das unterscheidet die Kooperation von klassischen Austauschformaten wie Erasmus+.
Wie ist das Projekt organisatorisch aufgestellt?
Es gibt einen festen Kern auf der Kooperationsebene: neben mir eine weitere Mitarbeiterin sowie drei Doktorandinnen aus Usbekistan. Diese werden nicht über die Universität Münster finanziert, sondern über staatliche Förderprogramme aus Usbekistan in Kombination mit einer Förderung durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). Die Promotionsphase dauert in der Regel drei bis vier Jahre. Ein wichtiger Bestandteil ist, dass die Doktorandinnen sehr früh in wissenschaftliche Arbeitsweisen eingeführt werden und ihr Wissen wiederum in Usbekistan weitergeben können – etwa durch Schulungen zum wissenschaftlichen Arbeiten. So entstehen niedrigschwellige Multiplikator*innen-Strukturen. Zusätzlich gibt es Tutor*innen aus Münster, die versuchen, die studentische Ebene stärker einzubinden. Aktuell sind vier Tutor*innen an vier verschiedenen Universitäten im Bereich Deutsch als Fremdsprache im Einsatz. Für die Nachhaltigkeit der Projektarbeit ist es wichtig, diese Personen langfristig an das Projekt zu binden – zum Beispiel über Masterarbeiten oder Forschungsaufenthalte.
Wie viele Institutionen sind beteiligt?
Aktuell arbeiten wir mit fünf Partneruniversitäten aus verschiedenen Regionen Usbekistans zusammen: der Staatlichen Universität Nukus in der Autonomen Republik Karakalpakistan, der Staatlichen Universität Urgench in der Region Choresm, der Staatlichen Universität Buchara in der Region Buchara, der Universität Termez sowie der Pädagogischen Hochschule Chirchik in der Region Taschkent. Wichtig ist uns auch, dass sich die Kooperation nicht auf die Hauptstadt konzentriert. Dort gibt es bereits viele internationale Akteure wie das Goethe-Institut, den Pädagogischen Austauschdienst (PAD) oder den DAAD. Wir arbeiten bewusst mit Universitäten in strukturell benachteiligten Regionen. Denn die regionale Vernetzung zwischen den Partneruniversitäten sowie die nachhaltige gemeinsame Nutzung und Weiterentwicklung (digitaler) Forschungs- und Lehrressourcen stehen im Fokus des Netzwerks. Als konkretes Beispiel dient ein kollaboratives Projekt der beteiligten Partneruniversitäten zur Entwicklung eines modernen Lehrwerks zur interkulturellen Kommunikation, das in die Curricula der Partneruniversitäten integriert wird. Darüber hinaus arbeiten die usbekischen Kolleg*innen gemeinsam an deutsch-usbekischen Übersetzungsproblematiken sowie an innovativen digitalen Ansätzen zur Vermittlung (u.a. Gestaltung des Selbstlernens) von Deutsch als Fremdsprache.
An wen richtet sich das Projekt?
Die Kooperation richtet sich sowohl an Studierende als auch an Forschende der usbekischen Partneruniversitäten und der Universität Münster. Dazu gehören Studierende im Bereich Deutsch als Fremdsprache / Germanistik, Promovierende, Wisennschaftler*innen in frühen Karrierephasen und Lehrende im Bereich Germanistik / Kulturwissenschaft. Darüber hinaus könnten sich auf beiden Seiten des Netzwerks Synergieeffekte mit anderen Fachdisziplinen ergeben, etwa mit der Islamischen Theologie, den Philologien oder der Geschichtswissenschaft.
Was möchten Sie mit dem Projekt konkret erreichen?
Ein zentrales Ziel ist es, internationale Handlungsfähigkeit für alle Beteiligten zu ermöglichen – sowohl institutionell als auch individuell. Für Studierende aus Münster, etwa im Studiengang Deutsch als Fremdsprache und Zweitsprache (DaFZ), bietet die Kooperation konkrete und praxisnahe Unterrichtserfahrungen im Bereich Deutsch als Fremdsprache. Sie unterrichten in einem anderen kulturellen Umfeld und sammeln früh internationale Lehrerfahrung. Dabei entwickeln sie interkulturelle Kompetenzen, werden für die in Usbekistan gelebte Mehrsprachigkeit sensibilisiert und lernen andere akademische sowie bildungsinstitutionelle Strukturen kennen.
Auch für die Forschenden auf beiden Seiten ist die Zusammenarbeit sehr gewinnbringend. Sie eröffnet neue Diskurse auf germanistische Fragestellungen. Besonders wichtig ist dabei der Blick aus einer außereuropäischen Region wie Zentralasien, die sich ebenfalls aktuellen globalen Herausforderungen stellt. Für das Germanistische Institut bedeutet die Kooperation mit Usbekistan eine klare Stärkung des internationalen Profils und erhöht die Sichtbarkeit der Münsteraner Germanistik.
Welche Austauschmöglichkeiten gibt es für Studierende und Forschende?
Es gibt verschiedene Austauschformate: Studienaufenthalte, Praktika, Forschungsaufenthalte und Summer Schools. Für Frühjahr 2026 sind zum Beispiel vier Münsteraner Studierende und zwei weitere im Wintersemester 2026-27 für Praktika geplant. Im Sommersemester 2026 werden drei usbekische Studierende einen viermonatigen Studienaufenthalt an der Universität Münster absolvieren. Zudem findet vom 17. bis 22. August 2026 eine Summer School im Westen Usbekistans, in Urgench, statt. Die erste Summer School 2024 in Buchara mit etwa 120 Teilnehmerinnen war sehr erfolgreich. Fünf Dozierende aus Münster reisten an und boten gemeinsam mit den usbekischen Kolleginnen Workshops und Beratungen an. Thematisch ging es unter anderem um Selbstorganisation im Studium, digitale Bildung und interkulturelle Kommunikation.
Was waren bislang wichtige Meilensteine?
Ein toller Erfolg war, dass sich durch die Summer School studentische Fachschaften vor Ort gebildet haben, zwar noch nicht vollständig ausgereift, aber auf einem guten Weg. Im Rahmen der letzten Summer School ist zudem ein Promotionsprojekt entstanden, das eine spannende zentralasiatische Perspektive in die Forschung zum Heldenepos einbringt. Ergänzend dazu tragen zwei bereits in Münster betreute Promotionsprojekte in den Bereichen der kontrastiven Narratologie sowie der digitalen Bildung zur Stärkung und nachhaltigen Etablierung einer interkulturell ausgerichteten Germanistik bei.
Gab es besonders prägende oder persönliche Momente für Sie?
Sehr viele. Mir ist der Einsatz für junge Menschen ein besonderes Anliegen. Ich habe viele usbekische Studierende erlebt, für die ein Aufenthalt in Münster die erste Begegnung mit Europa war. Das war gerade für Frauen oft ein sehr prägender Moment im Sinne von Selbstständigkeit und Emanzipation. Eine ehemalige Austauschstudentin habe ich Jahre später im Fernsehen gesehen, wie sie für die Delegation des deutschen Außenministeriums übersetzt hat. Solche Momente zeigen, dass sich jede Investition in die Jugend lohnt. Auch für unsere eigenen Studierenden aus Münster ist der Austausch prägend: Sie berichten oft, dass sie sich beim Unterrichten in internationalen Kontexten ausprobieren konnten, Fehler machen durften und an Selbstvertrauen gewonnen haben.
Welche Herausforderungen gab es in der Zusammenarbeit?
Eine große Herausforderung war lange Zeit die politische Situation. Der akademische Bereich in Usbekistan war stark staatlich reglementiert, Verträge mussten durch mehrere Ministerien geprüft werden, Forschungsfreiheit war eingeschränkt. Seit dem Regierungswechsel 2016 hat sich vieles verbessert: Bildungseinrichtungen sind selbstständiger, Visa sind deutlich einfacher geworden, Mobilitäten sind möglich. Dennoch gibt es weiterhin Herausforderungen und Entwicklungspotenzial, etwa im Hinblick auf Forschungsqualität oder institutionelle Routinen. Das lässt sich nicht in wenigen Jahren aufholen.
Welche Perspektiven sehen Sie für die Zukunft?
Ein zentrales Ziel ist es, die aufgebauten Strukturen langfristig zu verstetigen. Die Summer School soll künftig im zweijährigen Turnus stattfinden und sich als fester Bestandteil der Kooperation etablieren. Sie hat sich ja bereits als sehr wirksames Format erwiesen.
Darüber hinaus möchten wir die Online-Publikationsplattform realisieren und perspektivisch auch für andere Disziplinen öffnen. Langfristig sehen wir großes Potenzial in einer stärkeren regionalen und interdisziplinären Vernetzung, etwa mit Theologien, Geschichtswissenschaft, Politikwissenschaft oder Archäologie. Gerade für Forschende, die sich mit transregionalen Räumen wie Zentralasien, der Neuen Seidenstraße oder post-sowjetischen Kontexten beschäftigen, bietet die Kooperation viele Anknüpfungspunkte.
Ich bedanke mich herzlich bei Frau Haas für das spannende, offene Gespräch!
Albina Haas M.A. koordiniert an der Germanistik der Universität Münster den internationalen Austausch und die Erasmus-Kooperationen. Sie stammt selbst aus Usbekistan und bringt ihre eigenen transkulturellen Erfahrungen gezielt in die Betreuung von Studierenden und Partnerinstitutionen ein. Mit großem Engagement setzt sie sich für niedrigschwellige Austauschformate und eine intensive Begleitung der Teilnehmenden ein. Neben Zentralasien betreut sie auch Partnerschaften unter anderem mit Georgien und Armenien. Kontakt