Eine wissenschaftliche Spurensuche

Der Byzantinist Prof. Dr. Michael Grünbart erforscht mittelalterliche Münzen am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ - ein Gastbeitrag
Prof. Dr. Michael Grünbart
© WWU/Benedikt Weischer

Inwieweit kann ein kirchliches Oberhaupt im byzantinischen Reich auch politische Geschäfte führen? Wie ist es um das Verhältnis zwischen weltlicher und geistlicher Macht bestellt? Um diese Fragen beantworten zu können, spielt eine Münze eine wichtige Rolle. Sie zeigt, wie ein bärtiger Mann Kaiser Alexandros I. krönt. Meine wissenschaftliche Spurensuche fing vor rund sechs Jahren an. Damals sichtete ich die Münze im Original in der Dumbarton Oaks Research Library and Collection in Washington D.C. – für Byzantinisten eine der bedeutendsten Münzsammlungen der Welt.

Wir Byzantinisten untersuchen Münzen, um neue Erkenntnisse über die mittelalterliche Geldgeschichte, die Darstellung und Repräsentation von Herrschaft sowie Innovationen im Münzbild zu gewinnen. Wer oder was ist auf der Münze zu sehen? Welche Bedeutung hat die Inschrift? Mithilfe von wissenschaftlich aufbereiteten Münzkatalogen lässt sich Vergleichsmaterial finden, welches weitere Anhaltspunkte bei der Interpretation einer Abbildung bieten kann. Auch der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen hilft bei schwierigen Fragestellungen weiter. Numismatiker in Paris und London haben im konkreten Fall wichtige Informationen geliefert.

Die besagte Goldmünze, ein sogenannter Solidus, wurde im Auftrag Kaiser Alexanders (912-913) geprägt, wie der umlaufenden Inschrift zu entnehmen ist. Alexander übernahm die Herrschaft von seinem Bruder Leon VI. (886-912), da eine andere Thronfolge zu diesem Zeitpunkt nicht möglich war: Konstantin, der Sohn Leons, war noch minderjährig. Zudem gab es Auseinandersetzungen über seine legitime Geburt, da er aus der vierten Ehe des Kaisers entstammte (was nach kanonischem Recht nicht erlaubt war). Die Münze ist etwas Besonderes: Zum ersten Mal in der byzantinischen Geldgeschichte wird ein byzantinischer Kaiser auf einem Münzbild gekrönt. Dieses Sujet wurde in den folgenden Jahrhunderten zu einem Standard: Jesus Christus, die Mutter Gottes oder ein Heiliger setzte dem Herrscher die Krone auf beziehungsweise segnete ihn.

Mit dem Münzbild sind zwei Fragenkomplexe verknüpft: Zunächst geht es um die Klärung der Bestimmung und Deutung der Darstellung, danach um die Folgen der Identifikation, welche ein Licht auf die Verteilung der Machtverhältnisse im byzantinischen Reich werfen.

Auf der Goldmünze ist zu sehen, wie Johannes der Täufer Kaiser Alexandros I. (912/913) krönt.
© Dumbarton Oaks Research Library and Collection, Washington DC

Wer verbirgt sich nun hinter der Gestalt, die Alexander als Kaiser einsetzt? Diese Frage wollte ich zunächst beantworten. Eine verlockende These lautete, dass es sich um den Patriarchen von Konstantinopel handeln könne. In der Tat holte Alexander bei seinem Regierungsantritt Nikolaos Mystikos wieder in das Patriarchenamt, nachdem sein Vorgänger, Kaiser Leon, ihn wegen der Auseinandersetzungen um seine vierte Ehe und um die Anerkennung seines eigentlich illegitimen Sohnes abgesetzt hatte (907). Unterstützt wurde diese Ansicht dadurch, dass beide Gestalten Machtzeichen in Händen hielten: der Kaiser den Kreuzglobus als Symbol weltlicher Macht, die Figur neben ihm ein Kreuz.

Doch kann diese Interpretation als richtig angesehen werden? Zwar wird der Patriarch seit der Spätantike regelmäßig bei der Amtseinführung des Kaisers erwähnt, doch bildliche Umsetzungen des Krönungsaktes unter geistlicher Beteiligung fehlen. Betrachtet man die Gestalt neben dem Kaiser genauer, dann erkennt man, dass diese mit gelöstem Haar und bloßfüßig dasteht – eine Inszenierung, die für das amtierende geistliche Oberhaupt in einem offiziellen politischen Akt unüblich ist. Die ikonografischen Elemente erinnern an Darstellungen von Mönchen und Asketen, und bei der Suche nach Vorbildern stößt man auf Johannes den Täufer: Dieser figuriert hier als Spender des Kaisertums, er segnet den Kaiser, der als Stellvertreter Christi auf Erden fungiert.
Johannes der Täufer – damit war die bildliche Komposition also geklärt. Es knüpfte sich eine weitere Forschungsfrage an: Wie verhält es sich überhaupt mit weltlicher und geistlicher Macht im byzantinischen Reich? Gab es Verflechtungen der Einflusssphären? Wäre ein solches Bild möglich? Die Geistlichkeit war seit der Spätantike angehalten, sich nicht öffentlich politisch zu beteiligen, wenngleich es Fälle gibt, in denen ein Ortsbischof etwa bei der Organisation der Verteidigung einer Stadt geradezu zivile Funktionen übernahm.

Trotz der Kritik am Vermischen von geistlichen und weltlichen Funktionen kam es im Lauf der Geschichte hin und wieder zu aktivem Wirken von Geistlichen im Machtzentrum des Reichs. Einen einzigartigen Fall stellt der schon genannte Patriarch Nikolaos Mystikos dar: Nach dem Tod des Kaisers Alexandros (913) übernahm er für gut acht Monate das Kommando des Regentschaftsrates, der für den minderjährigen Konstantin gebildet wurde, und agierte wie eine weltlicher Herrscher. Erfahrung für das politische Parkett hatte Nikolaos gesammelt, denn er war vor seinem Wirken als Patriarch engster Sekretär (mystikos) des Kaisers Leon gewesen.

Dieses Beispiel zeigt, dass es in Byzanz möglich war, die Grenzen zwischen Religion und Politik zu überschreiten und die Seiten zwischen weltlicher und geistlicher Macht zu wechseln. Damit konnte eine bedeutende Teilfrage in Bezug auf das Verhältnis von weltlicher und geistlicher Macht in Byzanz beantwortet werden.

Nikolaos Mystikos hätte es auf jeden Fall gefreut, wenn er auf einer Münze verewigt worden wäre. Aber in der Geschichtswissenschaft wird jede These kritisch hinterfragt. So dient der Austausch auf internationalen Fachtagungen der Prüfung unserer Überlegungen. Hält die Interpretation des Münzbildes vor dem Fachkollegium stand? Gibt es Aspekte, die man nicht beachtet hat? Erst wenn diese Fragen differenziert beantwortet sind, werden die Erkenntnisse in wissenschaftlichen Aufsätzen veröffentlicht und fließen in die Präsentation eines Objektes – im konkreten Fall – in einem Museum ein.


Der Byzantinist Prof. Dr. Michael Grünbart forscht am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der WWU. Er ist Leiter des Projektes „Moses und David: Ambige Typologien für Patriarchen und Kaiser in Byzanz“.