Das Leprosenhaus (2012) in Bad Wurzach (Bayern), ein gelblich verputztes Haus mit Fachwerk und hölzernen Fensterläden.
Leprosorien in Deutschland – Verbreitungskarte
© Bene16, CC BY-SA 3.0
  • Über das Projekt

    Im Rahmen der Forschungsarbeit der Gesellschaft für Leprakunde e.V. (GfL) wurde seit 2013 eine Datenbank der bekannten Leprosorien in Deutschland aufgebaut. Grundlage hierfür bildeten insbesondere die Publikationen von Jürgen Belker-van den Heuvel in der Zeitschrift „Die Klapper“. Seit 2017 erfolgt die kontinuierliche Fortschreibung der Datenbank durch Klaus Henning (GfL) auf Grundlage aktueller Forschungsergebnisse. Der Datenbestand umfasst mittlerweile mehr als 1.100 Standorte. Mit der Erfassung der Leprosorien im Bundesland Bayern konnte das Projekt 2026 abgeschlossen werden. Die Ergebnisse sind in eine interaktive Karte eingeflossen, die erstmals eine flächendeckende Übersicht über den bekannten Bestand mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Leprosorien in Deutschland bietet. Derzeit werden zu den einzelnen Standorten weiterführende Informationen erarbeitet, die künftig mit den jeweiligen Ortspunkten der Karte verknüpft werden sollen.

  • Projektlaufzeit

    2022–2026

Hintergrund

  • Lepra und Leprosorien

    Im Zeitraum vom 12. bis 18. Jahrhundert gab es auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik Deutschland mehr als 1.000 Häuser zur Beherbergung und Versorgung von Leprakranken – sogenannte Leprosorien.

    Lepra ist eine bakterielle Erkrankung, für die es im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit keine Heilungsmöglichkeit gab, die aber auch nur in seltenen Fällen zum Tode führte. Trotzdem blieben die Erkrankten, u.a. durch die mit der Lepra einhergehenden Verstümmelungen, lebenslang unterstützungsbedürftig. Hier lag die Funktion der Leprosorien, in denen die Kranken in sicherer Entfernung zur Stadt unterkommen konnten. Da die Lepra nicht hoch ansteckend war und ist – es erkrankt meist nur 0,1 % der Bevölkerung – hatte eine große Stadt (10.000 Einwohner) maximal etwa zehn, oft aber deutlich weniger Leprakranke zu versorgen.

    Leprosorien sind ein europaweites Phänomen. Erste städtische Leprosorien sind seit dem 12. Jahrhundert belegt. Je nach Region begann die Auflösung der Leprosorien schon im 15. und 16. Jahrhundert. Abhängig von den Verbreitungswellen und -räumen der Krankheit erfolgten späte Gründungen in Deutschland auch noch nach 1600. Im 17. und 18. Jahrhundert verschwand die Lepra aus Deutschland.

    Die Leprosorien lagen, wie durch das Dritte Laterankonzil von 1179 kirchenrechtlich vorgeschrieben, außerhalb der Städte, fast immer an den meist frequentierten Landstraßen und oft an Straßengabelungen. Die schriftlichen Zeugnisse wie die erhaltenen Gebäude(-teile) dieser Leprosorien – Kapellen und andere bauliche Reste – gehören zum kulturellen geschichtlichen Erbe. Von vielen ehemaligen Leprosorien zeugen Straßen- und Flurnamen.

    Leprosorien – in den meisten Fällen private oder kirchliche Stiftungen – waren geistliche Gemeinschaften mit Gebetsverpflichtung. Die Aufsicht über die Finanzen hatte der Stadtrat, der z.T. auch den Priester der Leprosenkapelle nominierte. Eine medizinische Versorgung war nicht vorgesehen; die Bewohnerinnen und Bewohner der Hausgemeinschaft sollten sich gegenseitig helfen. Die größeren Leprosorien wurden als Wirtschaftshof geführt und verfügten über Magd und Knecht sowie einen Amtmann, der als Geschäftsführer die tägliche Verwaltung verantwortete. Aufnahmeberechtigt waren in der Regel nur Bürgerinnen und Bürger der jeweiligen Stadt. Auf dem Land waren die Leprakranken hingegen auf Hilfen von Familienangehörigen oder Nachbarn angewiesen. Diese temporären Unterkünfte, die ebenfalls außerhalb der Siedlungen lagen, sind weitgehend unerforscht, da sich hierzu kaum schriftliche Nachrichten erhalten haben. Sie bleiben daher im Folgenden unberücksichtigt.

    Gab es einen Verdacht auf Lepra, sandten die zuständigen Obrigkeiten der Stadt (Bürgermeister oder Rat) die erkrankte Person zur Untersuchung in überörtliche, oft weit entfernte Leprosorien, die die sogenannte Lepraschau durchführten. Wer als leprakrank erkannt worden war, musste das bürgerliche Leben in der Stadt verlassen und wurde von den gut ausgestatteten Leprosorien umfassend mit Wohnung, Kleidung, Brennholz, Mahlzeiten und Getränken versorgt.

  • Verwendete Literatur

    Für die Erstellung der Texte wurden an ortsgeschichtlicher Literatur insbesondere solche Veröffentlichungen berücksichtigt, die regional die Leprosenstandorte zusammenfassen und dokumentieren. Genutzt wurden Regionalstudien mit folgenden Schwerpunkten:

    Deutschland

    Jürgen Belker-van den Heuvel, Dokumentation Mittelalterlicher Leprosorien, in: Die Klapper – Mitteilungen der Gesellschaft für Leprakunde e.V., Münster 1986 bis 2006.

    Deutsches Städtebuch. Handbuch städtischer Geschichte, hg. v. Erich Keyser, 4 Bde. in 11 regionalen Teilbänden, erschienen 1939 bis 1974.

    Städtebuch Brandenburg und Berlin, hg. von Evamaria Engel, Lieselott Enders, Gerd Heinrich und Winfried Schich, Redaktion Harald Engler (Deutsches Städtebuch. Handbuch städtischer Geschichte. Neubearbeitung), Stuttgart/Berlin/Köln (Kohlhammer Verlag) 2000.

    Südwestdeutschland

    Dieter Staerk, Gutleuthäuser und Kotten im südwestdeutschen Raum. Ein Beitrag zur Erforschung der städtischen Wohlfahrtspflege in Mittelalter und Frühneuzeit, in: Die Stadt in der europäischen Geschichte, Festschrift Edith Ennen, Bonn 1972, S. 529–553.

    Aachen – Ehemaliger Regierungsbezirk

    Hans Otto Brans, Hospitäler, Siechen- und Krankenhäuser im früheren Regierungsbezirk Aachen von den Anfängen bis 1971. Hospitäler und Siechenhäuser bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, in: Studien zur Geschichte des Krankenhauswesens, Band 37, Herzogenrath 1995.

    Brandenburg

    Elif Cavus, Leprosorien der Mark Brandenburg im Spiegel des Novus Codex diplomaticus Brandenburgensis (Riedel). Hausarbeit zur Erlangung des BA-Grades, Münster 2022.

    Hessen

    Walburga Beck, Untersuchungen über die frühere Verbreitung des Aussatzes im heutigen Hessen. Eine erste Bestandsaufnahme, Bochum 1993.

    Mecklenburg

    Anke Huschner, Adlige Memorialkultur im Mecklenburg des 15. Jahrhunderts. Die Stiftungen des Ritters Mathias Axekow, in: Mecklenburgische Jahrbücher 135 (2020).

    Johanna Patricia Menting, Die Leprosorien im spätmittelalterlichen Mecklenburg im Spiegel des Mecklenburgischen Urkundenbuchs. Masterarbeit, Münster 2021/2022.

    Niederrhein

    Fritz Meyers, Lepra am Niederrhein. Kulturgeschichtliches Erbe als aktuelle Aufgabe, Würzburg 1985.

    Pommern

    Leandra Celia Petersson, Ersterwähnung von Leprosorien des mittelalterlichen Pommerns im Spiegel des Pommerschen Urkundenbuchs, Bachelorarbeit Münster 2021.

    Rheinischer Raum

    Martin Uhrmacher, Lepra und Leprosorien im rheinischen Raum vom 12. bis zum 18. Jahrhundert, in: Beiträge zur Landes- und Kulturgeschichte, Band 8, Trier 2011.

    Rheinland

    Wilhelm Frohn, Der Aussatz im Rheinland, Sein Vorkommen und seine Bekämpfung, in: Paul Krause (Hg.), Arbeiten zur Kenntnis der Geschichte der Medizin im Rheinland und in Westfalen, Heft 11, Jena 1933.

    Schleswig-Holstein

    Wilhelm Schulze, St.-Jürgen. Lepra in Schleswig-Holstein und Hamburg, Hamburg 1993.

    Westfalen und Lippe

    Ute Weyand, Neue Untersuchungen über Lepra- und Pesthäuser in Westfalen und Lippe. Versuch eines Katasters, Wiesbaden 1983.

    Württemberg

    August Englisch, Über Leprosorien in Württemberg, Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde in der Zahnmedizin, Johann Wolfgang-Goethe-Universität, Frankfurt 1951.

Kooperation

Die Gesellschaft für Leprakunde e.V. in Münster, gegründet 1984, ist Trägerin des Lepramuseums in Münster-Kinderhaus. Vereinszweck sind Erforschung und Darstellung der Leprageschichte. Zu den Aufgaben gehören die Erfassung und Präsentation von Informationen zu Leprosorien in Deutschland, also zu Häusern und Anlagen, in denen wie in Kinderhaus Leprakranke lebten und versorgt wurden.

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