Eine handschriftlich beschriebene Prostkarte mit "by Air Mail" Aufkleber, vier Briefmarken und mehreren Stempeln.
Exile Letters
© Ruth Federman Stein

Korrespondenzen jüdischer Familien zwischen Emigration und Deportation

  • Über das Projekt

    Das Projekt „Exile-Letters“ erschließt, kommentiert und ediert Ego-Dokumente jüdisch-deutscher Geschichte und nationalsozialistischer Verfolgung in ihrer regionalen Ausprägung. Korrespondenzen jüdischer Familien aus Münster, die vor dem Hintergrund nationalsozialistischer Verfolgung durch Flucht und Emigration getrennt wurden, werden als digitale Edition auf Basis der Auszeichnungssprache TEI (Text Encoding Initiative) aufbereitet und mithilfe des TEI-Publishers veröffentlicht. Die Transkriptionen der Briefe werden mit Faksimileansicht und einer inhaltlichen Kommentierung präsentiert. Die neue Website bietet sowohl über den Dokumenten-Browser als auch über Suchfunktion und Register individuelle Zugänge.

    Die Edition des Briefkorpus leistet somit einen Beitrag zur Erzeugung von Empathie und ermöglicht zukünftigen Generationen ein Erinnern nach dem „Ende der Zeitzeugenschaft“. Die digitale Edition der Briefe erfolgt nach der als Standard etablierten TEI-basierten Briefauszeichnung (Text Encoding Initiative, TEI P5) und bietet kontextualisierende Informationen von Personen, Orten und Ereignissen mit Verknüpfung von Normdaten (wie GND und GeoNames). Nutzer können darüber ihre individuellen Zugänge zum Material wählen. Ferner sollen die erzeugten Daten in das Brief-Metadatenverzeichnis „correspSearch“ eingebunden werden, um sie so für vergleichende Forschungen anschlussfähig zu machen. Damit wird das Projekt dazu beitragen, die bisher noch kaum systematisch erschlossene Quellengruppe der Briefe von Jüdinnen und Juden aus dem Exil der Forschung zugänglich zu machen.

    Die Erfahrungen mit der Online-Publikation werden in einer „best practice“-Handreichung zusammengefasst. Diese soll einen niedrigschwelligen Einstieg in digitale Editionen gemäß TEI XML bieten, sodass auch bereits bestehende analoge Briefeditionen in digitale Varianten überführt werden können.

  • Projektlaufzeit

    Seit 2021

  • Projektteam

    Projektleitung

    Dr. Angelika Lampen

    Projektmitarbeitende

    Rita Schlautmann-Overmeyer M.A.

    Simon Dreher M.A.

    Hilfskräfte

    Anna-Lena Schumacher B.A.

    Markus Breyer B.A.

    Laura Abramczyk

    Kartographie

    Oliver Rathmann

Die Kollektion „Friedeman-Waldeck“ (1939–1942)

Briefe einer jüdischen Familie zwischen Emigration und Deportation
  • Über das Projekt

    Der Nachlass „Friedeman-Waldeck“ besteht aus etwa 130 Briefen von Simon (gest. 2001) an Gerda Friedeman (gest. 2015), geb. Waldeck. Das Ehepaar konnte 1939 auf getrennten Wegen aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach Großbritannien bzw. in die USA fliehen und war bis 1942 auf Briefverkehr als einzige Kommunikationsmöglichkeit miteinander angewiesen. In seinen Briefen thematisiert Simon verschiedene Lebensbereiche: Neben alltäglichen Erlebnissen als „Refugee“ werden Erinnerungen an die Inhaftierung im Konzentrationslager ebenso geschildert wie der Umgang mit Angst und Bedrohung. Kommentiert wird auch die Situation der Zurückgebliebenen in der Heimat und das aktuelle Kriegsgeschehen. Ein immer wiederkehrendes Thema war sein Verhältnis zur eigenen Religion. Aus einem religiösen Elternhaus stammend, trieb ihn die Frage um, ob er sich zum Rabbiner orthodoxer oder liberaler Richtung ausbilden lassen solle. Einige wenige Briefe Gerdas an Simon haben sich ebenfalls erhalten.

    Die Korrespondenz des Ehepaares Friedeman wird ergänzt durch Briefe und Postkarten der Eltern Gerda Friedemans, Henny und Carl Waldeck, an ihre emigrierten Kinder. Ihre Briefe und Postkarten verdeutlichen auf exemplarische Weise die nationalsozialistische Verdrängungspolitik vor Ort. Der Kontakt brach infolge der Deportation der Waldeck-Eltern 1942 ab. Carl erlag im März 1944 in Theresienstadt den Lagerbedingungen. Als letztes Lebenszeichen kann ein Brief Hennys aus Theresienstadt an eine Freundin in Münster vom 10. Mai 1944 – sechs Tage vor ihrem Weitertransport und ihrer Ermordung in Auschwitz – gelten.

  • Projektlaufzeit

    2021 – 2024

  • Präsentation

    Stadtbücherei Münster, 11. Dezember 2024
    Maya Waldeck, Ruth Federman Stein und Josh Federman vor dem Veranstaltungshinweis in der Stadtbücherei Münster
    © Rita Schlautmann-Overmeyer

    Als Gerda Friedeman 1988 die Originalbriefe ihrer Eltern, der jüdischen Kaufleute Henny und Carl Waldeck, aus den Jahren 1940 und 1941 Gisela Möllenhoff und Rita Schlautmann-Overmeyer für die Ausstellung „Geschichte der Juden in Münster“ überließ, konnte sie nicht ahnen, dass diese Dokumente einmal Teil einer Briefedition werden würden. Die Briefe der in Münster verbliebenen Eltern an ihre in verschiedene Teile der Welt emigrierten Kinder wurden im Rahmen des vom Institut für vergleichende Städtegeschichte (IStG) erarbeiteten Projekts „Exile Letters“ digital ediert und auf der Webseite www.exileletters.de veröffentlicht. Auch Briefe, die Gerda zwischen 1939 und 1942 von ihrem im englischen Exil lebenden Ehemann Simon Friedeman erhalten hatte, sind Teil dieser Edition. Die insgesamt 162 Selbstzeugnisse der während des Nationalsozialismus durch Flucht und Emigration getrennten Familie Friedeman-Waldeck sind im Original unter anderem in der Villa ten Hompel archiviert und nun über vielseitige Navigations- und Suchfunktionen als Faksimile mit Transkription auf der genannten Projektseite zu finden.

    Acht Jahrzehnte nach der Ermordung von Henny und Carl Waldeck durch die Nationalsozialisten waren am 11. Dezember 2024 drei Waldeck-Nachkommen aus Florida (Ruth Federman Stein) und Quebec (Maya Waldeck) sowie aus North Carolina (Josh Federman) angereist. Sie wollten dabei sein, als Rita Schlautmann-Overmeyer und Simon Dreher vom IStG in der Stadtbücherei Münster das Projekt „Exile Letters“ sowie Kurzbiografien der Familien Friedeman und Waldeck der Öffentlichkeit präsentierten. Unterschiedliche Kooperationspartner waren beteiligt: Cordula Gladrow (Stadtbücherei Münster), Carsten Rothaus (Schlaun-Gymnasium), Stefan Querl (Villa ten Hompel) und Peter Worm (Stadtarchiv Münster).

    Auszüge aus den edierten Briefen wurden unter der Leitung von Carsten Rothaus von Schülerinnen und Schülern des Zusatzkurses Sozialwissenschaften am Schlaun-Gymnasium in einer dialogischen Lesung vorgestellt. Clara Zentgraf, Anna Marinca, Emily Herber, Malena Kaiser, Ginta Nekvedaviciute, Hadassah Ma, Jan Rönick und Alexandra Kochetov trugen ausgewählte Passagen aus den Korrespondenzen vor, die sehr eindrucksvoll einerseits die Situation jüdischer Menschen vor ihrer Deportation schildern und andererseits das Leben im Exil.

    Schülerinnen des Schlaun-Gymnasiums im Gespräch mit den Nachfahren Ruth Federman Stein und Maya Waldeck (re.)
    © Christoph Spieker

    Gerdas Tochter, Ruth Federman Stein, resümierte: „Diese Briefe geben neue Einblicke in das Leben meiner Eltern und Großeltern. So werden auch unsere Kinder, Enkel und Urenkel mehr über den Überlebenskampf während des Holocaust erfahren und darüber, wie meine Eltern schließlich wieder zusammengefunden haben“. Nach diesen emotionalen Worten entwickelte sich beim anschließenden Umtrunk ein intensives Gespräch mit den Waldeck-Nachfahren.

  • Publikation

    Rita Schlautmann-Overmeyer (Hg.), Exile Letters Friedeman-Waldeck. Eine jüdische Familie zwischen Emigration und Deportation / A Jewisch Family between Emigration and Deportation, Münster 2025.

Kooperationen

In Kooperation mit dem Geschichtsort Villa ten Hompel, Münster und dem Service Center for Digital Humanities (SCDH) der ULB Münster.

© Villa ten Hompel
© SCDH