Eine Gruppe von Personen in traditionellen japanischen Festgewändern nimmt an einer Parade teil. Mehrere Teilnehmer spielen auf traditionellen Querflöten. Die Kleidung weist ein markantes dunkelblaues und weißes Dreiecksmuster auf. Im Hintergrund sind moderne Wohnhäuser und ein festlich geschmückter Schirm zu sehen
Stadtprozessionen
© Universität Münster

Segen für die Mächtigen

Legitimität und Legitimation politischer Herrschaft in spätmittel­alterlichen und neuzeitlichen Stadtprozessionen

EXC 212 "Religion und Politik" – Projekt B 4

  • Über das Projekt

    Unter dem Titel "Segen für die Mächtigen: Legitimität und Legitimation politischer Herrschaft in spätmittelalterlichen und neuzeitlichen Stadtprozessionen" forschte von September 2008 bis zum Frühjahr 2012 ein vierköpfiges Team von Doktorand*innen des Exzellenzclusters 212 "Religion und Politik" der Universität Münster in Kooperation mit dem IStG. Bei dem Projekt ging es u.a. darum, den Aushandlungsprozess zwischen städtischer Obrigkeit und Landesfürsten im Hinblick auf die in den Prozessionen symbolisch kommunizierten Herrschaftsansprüche zu analysieren. Zudem wurden Wandlungsmuster des Rituals ebenso wie die Ausbildung von städtischer und konfessioneller Identität transkulturell sowie epochenübergreifend betrachtet.

  • Mehr zum Projekt

    Dass Bitt-, Fronleichnams- und Heiligenprozessionen Ratsherren, Fürsten und Staatsmännern den Segen Gottes bzw. die Hilfe der Heiligen vermittelten, gehört zu den Allgemeinplätzen historischer Forschung. Städtische und staatliche Führungseliten liefen hier in der Nähe des Altarsakraments und trugen, festlich gekleidet, Baldachin, Bilder und Reliquienschrein. Epochenspezifisch angelegte Fallstudien thematisierten bisher die Widerspiegelung spätmittelalterlicher Stadtgesellschaft (Andrea Löther, Richard Trexler), den Stellenwert der Prozessionen in der Reformation (Bob Scribner), die Durchsetzung des frühmodernen Konfessionsstaates (Louis Châtellier, Werner Freitag), die Bewahrung katholischer Identität im Kulturkampf und die im Prozessionswesen zum Ausdruck kommende Resistenz gegenüber der menschenverachtenden NS-Ideologie (Barbara Stambolis).

    Gemäß den Überlegungen des Exzellenzclusters soll diese Betrachtungsweise verlassen werden, um im Längsschnitt zu zeigen, wie im religiösen Ritual politische Ordnung geschaffen wurde und auf welche Weise städtische Repräsentanten, auch in Konkurrenz zu staatlichen Herrschaftsträgern, durch die Aura des Göttlichen Legitimität beanspruchten und bei den Gläubigen an Legitimation gewannen. Der Betrachtungszeitraum beginnt um 1400, als im Gefolge von Stadtkonflikten die patrizische Ratsherrschaft von den Zünften hinterfragt wurde, und endet in den 1960er/1970er Jahren, als die Vertreter der Politik zunehmend auf die Nähe des realpräsenten Gottessohnes und der Heiligen verzichteten.

    Als Ausgangsüberlegung kann formuliert werden, dass sich die symbolische Darstellung des Ordnungssystems Religion langsamer änderte als die Regeln der Politik. Diese Aussage gilt freilich nur für den Katholizismus. Deshalb zielte die Untersuchung auf die Auseinandersetzung um das Prozessionswesen in der Stadtreformation und das Überleben desselben in bikonfessionellen Städten der Frühen Neuzeit. Diesbezüglich interessierte das Prozessionswesen in Industriestädten, um vor dem Hintergrund religiöser Pluralität unterschiedliche Legitimationsstrategien zu beleuchten. Im Sinne einer Verlaufshypothese wird angenommen, dass sich das Gemeinwesen Stadt zunächst als Sakralgemeinschaft definierte. Das Aufkommen unterschiedlicher politischer Ordnungsvorstellungen, etwa das der autonomen Stadt in Konkurrenz zum frühmodernen, auf Mediatisierung abzielenden Fürstenstaat, sodann das Konzept kommunaler Selbstverwaltung in Konkurrenz zum "semifeudalen" Deutschen Kaiserreich (Hans-Ulrich Wehler), führten zum Nebeneinander politischer Rechtfertigungsansprüche. Staatliche und städtische Vertreter suchten gemeinsam oder im Konflikt ihren Platz in der Nähe des Göttlichen, konnten ihn aber auch meiden, wenn der Katholizismus zu den "Inneren Reichsfeinden" (1871 bis um ca. 1900) gezählt oder wie von 1933 bis 1945 politisch ausgegrenzt und z.T. verfolgt wurde. Die Teilnahme an den Prozessionen erwuchs zur Demonstration gegen die politischen Ordnungskonzepte der Zeit.

  • Projektlaufzeit

    2008 – 2012

  • Projektteam

    Projektleitung

    Prof. Dr. Werner Freitag

    Projektmitarbeitende – Teilprojekt B4

    Dr. Károly Goda
    Thema: Die Haupt- und Residenzstädte Buda und Wien: städtische Prozessionen zwischen spätmittelalterlicher Religiosität und politischer Inszenierung

    Lena Krull
    Thema: Katholizismus in der preußischen Stadt: Prozessionen in Breslau, Berlin, Essen und Münster im 19. Jahrhundert

    Graduiertenschule des Exzellenzclusters

    Megumi Hasegwa
    Thema: Religiöse Prozessionen im Spannungsfeld städtischer Interessen. Eine vergleichende Analyse spätmittelalterlicher Städte im Heiligen Römischen Reich und in Japan

    Kristina Thies
    Thema: Karfreitags- und Fronleichnamsprozessionen zwischen Tridentinum und Säkularisation in München, Augsburg und Erfurt

Veranstaltungen

Neben den von den Doktorand*innen gegebenen Einzellehrveranstaltungen engagierte sich das Teilprojekt B4 des Exzellenzclusters auch bei weiteren Wissenschaftsprojekten an der Universität Münster:

  • Arbeitsgruppe: Urban and Community Studies
  • Fürstenberg-Kolloquium: Franz von Fürstenberg (1729–1810) – Aufklärer und Universitätsgründer. Festakt und Kolloquium anlässlich seines 200. Todestages, Münster, 16./17.09.2010
  • Vortrag von Lena Krull zum Thema: "Es würde ... dieselbe nicht mehr seyn, was sie war. Franz von Fürstenbergs Einsatz für die Große Prozession in Münster 1805", 17.09.2010, 15 Uhr.
  • International Medieval Congress, Leeds, England. 12.–15.07.2010
  • European Social Science History Conference, Gent, Belgien. 13.–16.04.2010
  • Kulturgeschichtetag in Linz: "Kulturgeschichte in der Kulturhauptstadt", 12.–15.09.2009
  • Tagung: Liturgisches Handeln und soziale Praxis. Symbolische Kommunikation im Zeitalter der Konfessionalisierung, 29.6.–1.07.2009
  • Masterclass: Raum der Stadt – Stadt der Räume. Fragen zur Pluralität städtischer Topographien, 15.05.2009

Publikationen

  • Werner Freitag (Hg.), Bekenntnis, soziale Ordnung und rituelle Praxis. Neue Forschungen zu Reformation und Konfessionalisierung in Westfalen, Münster 2009.
  • Megumi Hasegawa, Religiöse Prozessionen im Spannungsfeld städtischer Interessen. Eine Fallstudie der Städte Straßburg, Kyoto und Sakai von 1300 bis 1600, Diss. Münster 2014.
  • Dies., Das städtische Ritual und die Symbolik des Stadtherrschers im japanischen Mittelalter – das Beispiel des Gion-Festes in Kyoto, in: Susanne Ehrich/Jörg Oberste (Hg.), Städtische Kulte im Mittelalter, Regensburg 2010, S. 339–355. 
  • Lena Krull, Prozessionen in Preußen. Katholisches Leben in Berlin, Breslau, Essen und Münster im 19. Jahrhundert (Religion und Politik 5), Diss. Würzburg 2013.
  • Kristina Thies, Bewegte (Un-)Ordnung im Stadtraum. Fronleichnams- und Karfreitagsprozessionen in Augsburg und Erfurt in der Frühen Neuzeit, Diss. Münster 2019.
  • Dies./Jan Brademann (Hg.), Liturgisches Handeln als soziale Praxis. Kirchliche Rituale in der Frühen Neuzeit (Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme 47), Münster 2014.