(C9) Konkurrenz und Identität in polytheistischen Gesellschaften des antiken Kleinasien – Lokale Kulte zwischen Abgrenzung und Integration

Orte der Verehrung des Iupiter Dolichenus
© M. Blömer

In der ersten Förderphase war der bedeutende römische Kult des Iuppiter Dolichenus Gegenstand der Untersuchung. Im Zentrum stand die lange vernachlässigte Frage nach Entstehung und Entwicklung seines Heimatheiligtums in Nordsyrien und dessen Rolle in lokalem, regionalem und überregionalem Kontext. Wichtige Grundlagen dieser Arbeiten bildeten die Auswertung der archäologischen Untersuchungen in Doliche selbst sowie landeskundliche Arbeiten in der Südosttürkei. Es hat sich gezeigt, dass der Dolichenus-Kult, anders als zumeist angenommen, in Kommagene und Syrien keine Rolle spielte. Er fungierte im regionalen Kontext lediglich als ortsgebundene Hauptgottheit mit engem Verbreitungsradius. Das ändert sich auch nicht zur Blütezeit des Kultes im Westen. Während Iuppiter Dolichenus von Britannien bis ans Schwarze Meer viele tausend Verehrer hatte, wurde er im Orient von der lokalen Bevölkerung nicht verehrt. Die wenigen, häufig erst in jüngster Zeit bekannt gewordenen Zeugnisse stehen jeweils im Zusammenhang mit römischem Militär und sind als backflow aus dem Westen zu verstehen. Für die Frage, was die Globalisierung des Kultes auslöste, ist diese Feststellung von großer Tragweite. Sie entzieht der These von einer Verbreitung durch „Syrer“ ihre Grundlage. Der aktivierende Impuls kann allein in Doliche entstanden oder von Personen aus Doliche ausgegangen sein. Dies überrascht, wenn man sich die geringe Bedeutung des Ortes innerhalb der römischen Provinz vor Augen führt. Was den Ausschlag gegeben hat, dass eine Gottheit von lokal begrenzter Wirkmacht schließlich als aeternus conservator totius mundi entlang der Grenzen des Imperiums für einige Jahrzehnte eine bedeutende Rolle spielte, bleibt allerdings weiterhin offen. Die enge Verbindung des Gottes zum römischen Kaiser, die programmatisch in verschiedenen Fassungen auf den Siegeln der Stadt inszeniert wird, deutet auf eine offizielle Zuerkennung von Privilegien durch den römischen Staat, wobei aber weder Ursache noch Umstände einer solchen Maßnahme erschlossen werden können.

In der Diaspora verlor Dolichenus jedenfalls seine in der Heimat konstitutive Ortsgebundenheit und wurde zu einem deus commagenus und als Gruppenreligion globalisiert. Er wurde nun für alle Syrer im Römischen Reich attraktiv, da sie in ihm ganz generell einen heimatlichen Gott sehen konnten. Vor allem war grundsätzlich allen die Teilhabe an der Kultgemeinschaft möglich, sie bildete ein offenes soziales Netzwerk. Diese Entwicklung zur Gruppenreligion wurde jedoch, darauf deuten unsere Untersuchungen, nicht vom Heiligtum in Doliche gesteuert. Im Gegenteil bleibt der Kult in Doliche in starkem Maße traditions- und ortsgebunden.