Buchzensur im 18. Jahrhundert unter dem Qianlong-Kaiser
Prof. Dr. Julia C. Schneider
Mit meinem Vortrag hoffe ich, neue Perspektiven auf die sogenannte literary inquisition (ca. 1774-1788) des Qianlong-Kaisers der Qing-Dynastie (1636/1644-1912) vorzustellen. Diese großangelegte Qianlong’sche Inquisition, später in Erinnerung an das Siku quanshu als Siku jin(hui)shu 四庫禁(燬)書 (‚verbotene Bücher in vier Schatzkammern‘) bezeichnet, wird bis heute häufig als barbarischer Akt gegen chinesische Gelehrsamkeit sowie als Symbol der generellen Missachtung zivilisatorischer Errungenschaften durch den Qianlong-Kaiser verurteilt. Diese Meinungen entstanden spätestens mit der Veröffentlichung von Materialien mit Bezug zum Siku jinhuishu Ende des 19. Jahrhunderts. Allerdings ist die Geschichte des Siku jinhuishu nicht in einem historischen Vakuum entstanden. Sie spiegelt einerseits die anti-mandschurischen, nationalistischen Strömungen der späten Kaiserzeit und andererseits die jeweils zeitgenössischen Interpretationen von Zensur im Allgemeinen wider. Bis heute ist die Zensur von Büchern und anderen Medien eine gängige Praxis überall auf der Welt, so auch in der VR China, wo die meisten Historiker und Historikerinnen, die sich mit den Siku jinhuishu befassen, beheimatet sind. Darüberhinaus haben sich Methoden der Quellenanalyse und -interpretation in der Siku jinhuishu-Forschung seit langem kaum entwickelt, und so ist es an der Zeit, die meist positivistischen Herangehensweisen, die zudem häufig unkritisch bestehende Narrative übernehmen, zu überprüfen. In meinem Vortrag werde ich vor dem Hintergrund von Zensurtheorien meine Basis für eine neue Analyse von Quellen zum Siku jinhuishu, v.a. Listen von Buchtiteln, Edikten und Throneingaben, vorstellen. Zudem werde ich erläutern, wie ich einen Korpus bestimmter Texte, die im Zuge des Siku jinhuishu zur Zensur eingereicht wurden, ausgewählt habe, um auf ihrer Basis herauszufinden, warum Texte überhaupt der Zensur wert befunden wurden. Dabei interessieren mich vor allem Texte, die wegen ihres Inhalts zu ethnokulturellen Gruppen, nämlich Jurchen, Mandschuren und ‚nordwestlichen Stämmen‘ (Mongolen), bestimmten Regionen (Liaodong) und nicht-chinesischen Dynastien (Liao, Jin und Yuan) zur Zensur vorgeschlagen wurden.
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