









Das Editionsprojekt «Exile Letters» erschließt, ediert und kommentiert Ego-Dokumente jüdisch-deutscher Geschichte. Im Mittelpunkt stehen die Korrespondenzen jüdischer Familien aus Münster, in denen sich emigrierte und geflohene Familienmitglieder bemühten, den Kontakt zu ihren Angehörigen in Deutschland aufrechtzuerhalten. Die Briefe der Geflohenen erzählen von Flucht und Neuanfang im Exil, von den Herausforderungen, Hoffnungen und Ängsten. In den Briefen aus Münster wird die Verdrängung und Verfolgung der jüdischen Gemeinschaft durch die Nationalsozialisten, die prekären Lebensverhältnisse und die Angst vor der Deportation thematisiert. Das Editionsprojekt überführt Transkriptionen der größtenteils handschriftlich verfassten Briefe in XML-Dateien, die nach TEI-Standards (Text Encoding Initiative) ausgezeichnet sind. Sie werden zusammen mit einer Faksimileansicht, einer Übersetzung ins Englische sowie ausführlichen Anmerkungen versehen und können über vielseitige Navigations- und Suchfunktionen erreicht werden.

Der Nachlass «Friedeman-Waldeck» umfasst insgesamt 162 Selbstzeugnisse jüdisch-deutscher Geschichte aus der Zeit nationalsozialistischer Verfolgung. Der überwiegende Teil der überlieferten Briefe stammt aus der Feder des von 1939 bis 1942 im englischen Exil lebenden jüdischen Lehrers und Kantors Simon Friedeman an seine 1939 in die Niederlande und wenig später in die USA geflohene Ehefrau Gerda. Weiterhin besteht die Sammlung aus Briefen, die Gerda und ihre Geschwister von ihren in Münster verbliebenen Eltern Henny und Carl Waldeck erhielten, bevor diese 1944 Opfer der Schoa wurden.

Als Gerda Friedeman 1988 die Originalbriefe ihrer Eltern, der jüdischen Kaufleute Henny und Carl Waldeck, aus den Jahren 1940 und 1941 Gisela Möllenhoff und Rita Schlautmann-Overmeyer für die Ausstellung „Geschichte der Juden in Münster“ überließ, konnte sie nicht ahnen, dass diese Dokumente einmal Teil einer Briefedition werden würden. Die Briefe der in Münster verbliebenen Eltern an ihre in verschiedene Teile der Welt emigrierten Kinder wurden im Rahmen des vom Institut für vergleichende Städtegeschichte (IStG) erarbeiteten Projekts „Exile Letters“ digital ediert und auf der Webseite www.exileletters.de veröffentlicht. Auch Briefe, die Gerda zwischen 1939 und 1942 von ihrem im englischen Exil lebenden Ehemann Simon Friedeman erhalten hatte, sind Teil dieser Edition. Die insgesamt 162 Selbstzeugnisse der während des Nationalsozialismus durch Flucht und Emigration getrennten Familie Friedeman-Waldeck sind im Original unter anderem in der Villa ten Hompel archiviert und nun über vielseitige Navigations- und Suchfunktionen als Faksimile mit Transkription auf der genannten Projektseite zu finden.
Acht Jahrzehnte nach der Ermordung von Henny und Carl Waldeck durch die Nationalsozialisten waren am 11. Dezember 2024 drei Waldeck-Nachkommen aus Florida (Ruth Federman Stein) und Quebec (Maya Waldeck) sowie aus North Carolina (Josh Federman) angereist. Sie wollten dabei sein, als Rita Schlautmann-Overmeyer und Simon Dreher vom IStG in der Stadtbücherei Münster das Projekt „Exile Letters“ sowie Kurzbiografien der Familien Friedeman und Waldeck der Öffentlichkeit präsentierten. Unterschiedliche Kooperationspartner waren beteiligt: Cordula Gladrow (Stadtbücherei Münster), Carsten Rothaus (Schlaun-Gymnasium), Stefan Querl (Villa ten Hompel) und Peter Worm (Stadtarchiv Münster).

Auszüge aus den edierten Briefen wurden unter der Leitung von Carsten Rothaus von Schülerinnen und Schülern des Zusatzkurses Sozialwissenschaften am Schlaun-Gymnasium in einer dialogischen Lesung vorgestellt. Clara Zentgraf, Anna Marinca, Emily Herber, Malena Kaiser, Ginta Nekvedaviciute, Hadassah Ma, Jan Rönick und Alexandra Kochetov trugen ausgewählte Passagen aus den Korrespondenzen vor, die sehr eindrucksvoll einerseits die Situation jüdischer Menschen vor ihrer Deportation schildern und andererseits das Leben im Exil.

Gerdas Tochter, Ruth Federman Stein, resümierte: „Diese Briefe geben neue Einblicke in das Leben meiner Eltern und Großeltern. So werden auch unsere Kinder, Enkel und Urenkel mehr über den Überlebenskampf während des Holocaust erfahren und darüber, wie meine Eltern schließlich wieder zusammengefunden haben“. Nach diesen emotionalen Worten entwickelte sich beim anschließenden Umtrunk ein intensives Gespräch mit den Waldeck-Nachfahren.
Projektleitung: Dr. Angelika Lampen
Wissenschaftliche Bearbeiterin: Rita Schlautmann-Overmeyer M.A.
Verantwortlich für die digitale Edition: Simon Dreher M.A.
Mitarbeitende: Anna-Lena Schumacher B.A., Markus Breyer B.A., Laura Abramczyk
Kooperationen: SCDH Münster, Villa ten Hompel, Münster
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