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Vom Hörsaal in den Klassenraum

Lehramtsstudierende unterrichten Deutsch als Zweitsprache
Silvia Vogelsang, Jule Hamacher und Mette Woidtke vor Bücherregal
In der Projektbibliothek schauen Jule Hamacher (M.) und Mette Woidtke (r.) nach passenden Medien für den Unterricht. Dozentin Silvia Vogelsang begleitet und berät die Studierenden.
© Uni MS - Brigitte Heeke

Wenn sich Jule Hamacher einmal in der Woche auf den Weg nach Warendorf macht, steigt sie als Studentin in den Zug und als Lehrerin wieder aus. Am Mariengymnasium gibt sie Kindern und Jugendlichen beispielsweise aus der Ukraine Sprachunterricht und steht als Honorarkraft vor einer Schulklasse. Dieser temporäre Rollenwechsel gehört zum Mercator-Projekt am Germanistischen Institut. Lehramtsstudierende des Fachbereichs Philologie können an dem Didaktikseminar aus dem Bereich "Deutsch als Zweitsprache" (DaZ) teilnehmen und auf diese Weise frühzeitig erste beziehungsweise zusätzliche Praxiserfahrungen sammeln.

Das Seminar geht über zwei Semester. Bis zu 25 Studierende nehmen teil. "Sie lernen zunächst Werkzeuge für die Förderdiagnostik und Unterrichtsmethoden kennen. Zu Schuljahresbeginn nach den Sommerferien übernehmen sie jeweils eine Lerngruppe in einer der kooperierenden Schulen", erläutert Dozentin Silvia Vogelsang. Das Programm läuft an verschiedenen Schulformen von der Grundschule bis zum Gymnasium, auch eine Montessorischule zählt zu den Partnern. Es richtet sich an alle Altersstufen und an Schülerinnen und Schüler mit verschiedenen Vorkenntnissen.

Mit der Astrid-Lindgren-Schule in Warendorf, wo Mette Woidtke unterrichtete, war im vergangenen Schuljahr zum ersten Mal eine Förderschule mit dabei. Die Studentin, die das Programm bereits absolviert hat, setzte in ihrem Unterricht auf Rituale, um den Lernstoff zu vermitteln. "Nach der Begrüßung habe ich immer ein kurzes Warm-up angeboten, beispielsweise kleine Fitnessübungen. Manchmal habe ich auch mehrsprachige Memorykarten im Raum verteilt – die beiden Schüler haben sie gesucht und sich gegenseitig vorgelesen. Oder sie haben sich einen Ball zugeworfen und dabei auf Deutsch mitgezählt." Das sei die richtige Herangehensweise, betont Silvia Vogelsang. "In der neurowissenschaftlichen Forschung ist gut belegt, dass Bewegung das Sprachenlernen fördert." Nach Möglichkeit besucht die Dozentin alle Studierenden einmal im Unterricht. "Allerdings geht es bei meiner Hospitation nicht um eine Beurteilung, wie später im Referendariat, sondern eher um ein Feedback", unterstreicht die Germanistin.

Wie bringt man Kindern und Jugendlichen, die wenig bis keine Deutschkenntnisse haben, die Sprache näher? Ähnlich wie im Fremdsprachenunterricht, berichtet Jule Hamacher. "Ich spreche bewusst langsam und zeige viel anhand von Bildern. Wenn es geht, lasse ich andere Schülerinnen und Schüler einzelne Wörter übersetzen." Experten bezeichnen dieses Vorgehen als "handlungsbegleitendes Sprechen".

Beide Studentinnen stehen im Mercator-Projekt das erste Mal vor einer Schulklasse – und strahlen, wenn sie davon berichten. "Einmal saß die Klassenlehrerin bei meinem Unterricht mit im Raum", erzählt Mette Woidtke. "Später nahm sie mich beiseite und lobte meine beiden Schüler, die sie selten so aktiv am Unterrichtsgeschehen hatte teilnehmen sehen. In den folgenden Wochen berichtete die Lehrerin, wie sie die beiden gezielter in ihrem eigenen Unterricht ansprechen konnte und wie hilfreich diese Erfahrung für sie war." Jule Hamacher bekommt schon zu Beginn jeder Stunde gute Laune: "Die Schülerinnen und Schüler freuen sich immer, wenn sie uns sehen." Um den Lernstoff aufzulockern, leihen die Studierenden regelmäßig Kartenspiele, Brettspiele, Kinder- und Jugendliteratur und weitere Materialien aus der Projektbibliothek, die 1.200 solcher Medien beherbergt.

"Wir richten uns an zwei Zielgruppen", erläutert Projektleiterin Dr. Sabina Schroeter-Brauss vom Germanistischen Institut. "Kinder- und Jugendliche mit Migrationshintergrund erhalten an ihren Schulen ein zusätzliches Förderangebot, das sprachliche und fachliche Aspekte vereint." Mittlerweile sei empirisch belegt, dass die Teilnehmenden des Förderunterrichts ihre schulischen Leistungen deutlich verbessern können. "Die Lehramtsstudierenden sammeln wiederum bereits während ihres Studiums praktische Unterrichtserfahrungen in mehrsprachigen Lerngruppen."

Im vergangenen Jahr feierten die Verantwortlichen das 15-jährige Bestehen des Mercator-Projekts mit einem Festvortrag und vielen Ehemaligen und Aktiven im Heereman’schen Hof in Münster. Im Jahr 2025 schlossen 35 Studierende das Projekt erfolgreich ab, bedingt durch den Halbjahresrhythmus in zwei Kohorten. Im Jahr 2024 waren es 23 Studierende. Insgesamt haben seit Projektbeginn etwa 300 Studierende das Mercator-Projekt absolviert. Die Finanzierung übernehmen nach einer Anfangsförderung durch die Stiftung Mercator mittlerweile die beteiligten Kreise Warendorf und Coesfeld. Kooperationspartner sind die Kommunalen Integrationszentren der beiden Kreise.

Jule Hamacher unterrichtet ihre vier Wochenstunden in Warendorf am Stück – "damit sich der Weg lohnt". Zurück in Münster nimmt sie wieder ihre Rolle als Studentin ein, hört Vorlesungen, besucht Seminare und lernt für ihre Prüfungen. "Von meinen Unterrichtserfahrungen im Mercator-Projekt werde ich im Referendariat und auch später an der Schule profitieren", ist sich die angehende Deutsch- und Biologie-Lehrerin sicher.

Autorin: Brigitte Heeke

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 3, 6. Mai 2026 | (pdf)

Weitere Informationen / Links:

Das Mercator-Projekt auf den Seiten des Germanistischen Seminars

Studieren am Fachbereich Philologie