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Literaturgeschichte als Blog

Besonderes kooperatives Lehrprojekt am Germanistischen Institut im virtuellen Semester / Forschendes Lernen
Von Zuhause aus bearbeiten die Studierenden die digitalisierten Hefte, Bücher oder Einblatt-Drucke aus der Landesbibliothek Oldenburg
© Katharina Grabbe

Als Kolporteure bezeichnete man im 19. Jahrhundert Menschen, die Personen, denen der Zugang zu Literatur aufgrund ihrer Schichtzugehörigkeit verwehrt blieb, mit Lesestoff versorgten. Dass ihre Studierenden einmal selbst spüren könnten, wie es ist, nicht an benötigte Literatur zu gelangen, war Dr. Katharina Grabbe vom Germanistischen Institut der WWU allerdings nicht klar, als sie vor einigen Monaten das Seminar über Kolportage-Literatur entwickelte.

Gemeinsam mit Studierenden der Universität Oldenburg sollten sich die Seminarteilnehmerinnen und Seminarteilnehmer am Beispiel einer einzigartigen Sammlung sogenannter Groschenheftchen, die unter anderem Mord- und Kriminalgeschichten enthalten, mit dem Phänomen der Kolportage-Literatur auseinandersetzen. Doch statt der Schichtzugehörigkeit ist es nun die Corona-Pandemie, die das Highlight des Seminars, eine Exkursion nach Oldenburg inklusive Archivbesuch und einem Treffen mit der Oldenburger Seminargruppe, verhindert.

„Glücklicherweise wurde eine Auswahl an Literatur aus der in der Landesbibliothek Oldenburg aufbewahrten Sammlung professionell für uns digitalisiert, was bereits vor der Corona-Pandemie geplant war“, berichtet Katharina Grabbe. Somit kann zumindest der Teil des Seminars, in dem die Studierenden eigenständig einen Text aus der Sammlung im Sinne des „Forschenden Lernens“ bearbeiten, nahezu unverändert stattfinden. Um die Zusammenarbeit mit der anderen Seminargruppe und die gegenseitige Ergebnispräsentation zu ermöglichen, musste sich die Literaturwissenschaftlerin mit ihrem Oldenburger Kollegen jedoch etwas einfallen lassen – und es entstand die Idee eines gemeinsamen Blogs.

„Die Idee, die Seminarergebnisse aus Münster und Oldenburg in Form eines Blogs zusammenzutragen, entstand erst während des Digital-Semesters“, erzählt die Dozentin. Auf diese Weise soll jeder erarbeitete Text der Studierenden zum Ende des Seminars als virtuelles Ausstellungsstück verfügbar sein. Zudem biete diese Form der Präsentation Möglichkeiten, die Ergebnisse der Studierenden längerfristig und gegebenenfalls öffentlich zu zeigen und sich mit Interessierten auszutauschen, erläutert Katharina Grabbe.

Die Chance, über individuelle Ergebnisse zu diskutieren und die noch unerforschte Sammlung zu erschließen, reizt auch Seminarteilnehmer Henning Podulski. „Das digitale Semester fordert allerdings mehr Selbstständigkeit von den Studierenden. Frau Grabbe bringt uns viel Geduld entgegen. So haben wir die Möglichkeit, nach wie vor eigenständig Erkenntnisse zu sammeln“, berichtet er. Sorge, dass ihr digitales Projekt nicht gelingen könnte, hat Katharina Grabbe nicht. „Allerdings bedauere ich sehr, dass ich die Studierenden in diesem Semester nicht persönlich sehen werde. Meiner Erfahrung nach kann der Austausch in Zoom die Diskussionen im Seminarraum nicht ersetzen.“ Dem stimmt Henning Podulski zu: „Präsenzlehre ist auf Dauer durch kein Tool dieser Welt zu ersetzen.“

Germanistisches Institut

Das erste virtuelle Semester an der WWU läuft bereits seit mehreren Wochen. Die digitale Lehre ist für alle Beteiligten eine große Herausforderung, für viele Lehrende und Studierende ist es Neuland. Die aktuelle Situation setzt aber auch viel Kreativität und außergewöhnliches Engagement frei. Die WWU stellt in der Rubrik "Einblicke in das Digital-Semester an der WWU" besondere Lehrprojekte vor, die eigens für das virtuelle Semester entwickelt worden sind.