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Sechs Fragen an... Prof. Dr. Gesa Schenke

Seit Beginn des Wintersemesters 2019/2020 hat Prof. Dr. Gesa Schenke die Professur für Koptologie am Institut für Ägyptologie und Koptologie inne
Portrait Prof. Dr. Gesa Schenke
Prof. Dr. Gesa Schenke
© Leda Schenke

Willkommen am Fachbereich Philologie der WWU Münster!

Wie sind Ihre ersten Eindrücke von Stadt und Universität?

Münster macht auf mich einen ausgesprochen entspannten und friedlichen Eindruck. Ich genieße das viele Grün und den Fahrradfokus. Alles ist auch bequem zu Fuß zu erreichen und wirkt durchdacht und organisiert. Aufgeräumt, würde ich sagen. Außerdem genieße ich die vielen Kirchen, die auf kleinstem Raum beieinanderstehen und erhabene Ruhe ausstrahlen. Besonders beeindruckt haben mich die Adventswochenenden, an denen sich die Besucher der Weihnachtsmärkte zu einem endlosen, festverwobenen Menschenteppich formierten. Rückblickend wirkt das heute wie aus einer anderen Welt.
So durchstrukturiert und organisiert wie das Stadtleben selbst erscheint mir auch das Leben an der Universität. Ob direkt von Mensch zu Mensch, oder plötzlich nur noch virtuell, alles ist vorbereitet und funktioniert. Ich habe das erste Online-Semester ausgesprochen positiv wahrgenommen. Auf die schwierigen Fragen der Zeit wurde nicht zögerlich und unsicher, sondern mit konkreten Lösungen und neuen Regeln reagiert, eine echte Lernstätte eben, an der wissenschaftliche Erkenntnisse und veränderte Umstände sofort berücksichtigt werden.

Was sind Ihre Forschungsschwerpunkte?

Ich beschäftige mich mit antiken Handschriften aus Ägypten, Papyri und Pergamenten, auf denen nicht nur literarische Texte und religiöse Abhandlungen, sondern auch Notizen aus dem Alltag, Hauskaufverträge, Wasserradreparaturen, Testamente, Pachtverträge, medizinische Rezepte und unendlich viele Briefe erhalten sind. Besonders diese Alltagszeugnisse geben einen direkten und ganz ungefilterten Einblick in die Sorgen, Wünsche und praktischen Lebensentscheidungen der Menschen im spätantiken Ägypten. In dieser Zeit wurde Ägyptisch nicht mehr in Hieroglyphen, sondern mit griechischen Buchstaben geschrieben. Heute nennt man diese letzte Entwicklungsstufe der ägyptischen Sprache Koptisch. Solche Papyri und Pergamente lagern in Museen und Papyrussammlungen an vielen Orten der Welt. Ich arbeite hauptsächlich an koptischen Papyri der Sammlungen in Köln, London und Oxford. Diese Texte, die gelegentlich nur fragmentarisch erhalten sind, gilt es zunächst zu lesen. Die erste Schwierigkeit ist dabei, dass antike Texte ganz ohne Worttrennung geschrieben wurden, so dass man, wie bei einem Worträtsel, erstmal die einzelnen Worte und Satzteile erkennen und der Grammatik der Sprache folgend korrekt trennen muss. Anschließend gilt es die Satzeinheiten und Satzenden zu bestimmen, die einzelnen Sätze zu lesen, den Text zu verstehen, ihn zu übersetzen und für eine moderne Leserschaft zu kommentieren. Dabei weiß man vorher nie, wohin einen ein neuer Text führen wird, denn seit der Antike wurden diese Dokumente nicht mehr gelesen, sondern lagen unter Sand und Schutt in verlassenen Wohnanlagen, zerfallenen Klosterarchiven oder auf Abfallhaufen, bevor sie von Archäologen mühevoll freigelegt wurden. Natürlich waren sie auch nur für einen ganz bestimmten Personenkreis gedacht und für einen befristeten Zeitraum von Bedeutung. Für mich als gänzlich unvorhergesehene Koptologin ist das natürlich absolut aufregend, durch das Entziffern dieser antiken Dokumente so nah an die Lebensphänomene des spätantiken Alltags in Ägypten heranzukommen und private Äußerungen, medizinische Anweisungen oder feste Vertragsregelungen direkt mitzuerleben. Ich erfahre so ständig Neues über die ägyptische Spätantike, lerne gängige Redewendungen und erlebe Überraschungen, die fest geglaubte Erkenntnisse über den Haufen werfen und Altbekanntes neu evaluieren lassen.

Wann haben Sie begonnen, sich für Ihr Fach bzw. Ihre Forschungsrichtung zu interessieren?

Während des Studiums der Ägyptologie, klassischen Archäologie und der griechischen Philologie in Köln habe ich die Kölner Papyrussammlung besucht und dort an Seminaren über griechische Papyrologie teilgenommen. Seit der Eroberung Ägyptens unter Alexander dem Großen war ja Griechisch die Verwaltungssprache in Ägypten. Die Papyrussammlung beherbergt aber neben den vielen griechischen Texten aus Ägypten auch zahlreiche koptische, die nicht bearbeitet wurden. Dieser Dornröschenschlaf weckte mein Interesse, und nachdem ich den ersten Text erfolgreich entziffert hatte, gab es für mich nichts anderes mehr, das auch nur annähernd vergleichbare Aufregung auslöste.

Was verbinden Sie mit dem Begriff "Forschendes Lernen"?

Neuland betreten. Bei allem, was wir lernen, stellen sich Folgefragen nach dem Wie und Warum. Genau das macht Lernen so aufregend. Es hört nie auf und beschert einem ein aufregendes Dauerabenteuer.

Was sind Ihre Tipps für ein erfolgreiches Studium?

Im Grunde ist es die Selbstdisziplin, an der alles hängt. Wenn es mal öde, anstrengend und ermüdend wird, und das wird es ganz sicher hin und wieder, Zähne zusammenbeißen und durch. Nicht zu viel hinterfragen, in sich reinhorchen und anfangen zu bummeln. Das einst unter vielen Möglichkeiten ausgesuchte Studium einfach durchziehen und dabei auf die positiven Aspekte konzentrieren. Erfolg ist, was man erledigt hat, und plötzlich zeigt sich, dass man etwas gelernt hat und Dinge versteht, von denen man vorher keine Ahnung hatte.

Und zu guter Letzt: Haben Sie schon ein Fahrrad?

In den letzten Jahren bin ich hauptsächlich Tandem gefahren, um immer irgendeine Tochter irgendwo abzuliefern oder einzusammeln. Unterdessen sitzen aber beide fest im Sattel ihrer eigenen Räder, so dass ich mir für die Arbeitswege nun ganz schnell einen praktischen Dienstdrahtesel zulegen kann. Auf diese neue Freiheit freue ich mich.

Homepage Prof. Dr. Gesa Schenke

Die "Sechs Fragen an..." werden neuberufenen Professorinnen und Professoren des Fachbereichs Philologie gestellt. Dieses Mal hat Prof. Dr. Gesa Schenke die Fragen beantwortet. Sie lehrt und forscht seit Beginn des Wintersemesters 2019/2020 am Institut für Ägyptologie und Koptologie.