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Arbeitsgruppe "Konstellationen des Kleinen"

(Universität Paderborn, 24. - 25.06.2016)

Die weitverzweigte Konjunktur kleiner Formen in der digitalen Medien- und Alltagskultur bietet nach historischen und interdisziplinären Erkundungen aktuell Anlass, verstärkt auch nach dem oszilliereden und spannungsreichen Mit- und Gegeneinander kleiner Formen zu fragen. Das Kleine, das als inhaltliches Relevanzkriterium mit einem durchaus widerständigen Potenzial der Polarität identifiziert wurde (vgl. Autsch/Öhlschläger/Süwolto, Kulturen des Kleinen, Fink 2014), setzt Prozesse der Entgrenzung und Zerstreuung in Gang, die aus kulturellen Akten der Zerschlagung großer Sinneinheiten hervorgehen.

Im Oszillieren zwischen Dingen, Zuständen, Maßstäben usw. nehmen sie, so ein Befund, eine An-, Um- und Neuordnung von Dingen, Materialien, Texten und Bildern und somit auch von Sichtweisen und Denkbildern vor. Gleichzeitig resultiert die Profilierung und Konturierung kleiner Formen, z. B. als Selfie, Modell oder Miniatur, als Detail oder Fragment aus jenen hybriden Prozessen und relationalen Zusammenhängen, in denen sie sich bewegen. Kleine Formen als Bewegungsfiguren provozieren somit stets andere Formen und veränderte Ordnungen.

Der Begriff Konstellation scheint im Vergleich zu Ordnungsmetaphern wie Dispositiv, System, Kontext, Netzwerk, Gewebe besonders geeignet, um interaktiv und intermedial verflochtene Phänomene, zirkulierende und zerstreute Bewegungen und polarisierende Bedingungen kleiner Formen und Formate sowie ästhetische und soziale Faktoren und Resonanzen sichtbar und als optische Figuren beschreibbar zu machen.

Der wissenschaftliche Workshop zielt mit Beiträgen aus Kunst-, Musik-, Medien- und Literaturwissenschaft auf eine kritische Lesart und Überprüfung des Konstellationen-Begriffs ab. Durch die am Gegenstand entfalteten Mikroanalysen ist beabsichtigt, die in den flüchtigen und prozessualen Bewegungen und relationalen Gefügen gespeicherten Denk-Figuren optisch lesbar zu machen.


Programm


Freitag, 24. Juni 2016

12.00h
Welcome Statements:

Sabiene Autsch (Paderborn)
Jens Birkmeyer (Münster)
Andreas Käuser (Siegen)
Sarah Maaß (Dortmund)
Tim Pickartz (Paderborn)

Mini-Lunch

13.30h
Jens Schröter (Bonn)
Omega Minus - Konstellationen des Allerkleinsten
14.00h
Matthias Thiele (Dortmund)
Dispositiv und Konstellation
14.30h
Thomas Krettenauer (Paderborn)
„Little teenage symphonies“ und Mini- Opern: Musikalische Dramaturgie und Erzählstrategie(n) in Pop/-Rocksongs der 1960/70er Jahre.

Diskussion: Jens Birkmeyer

15.30h
Coffee Break

16.00h
Nicola Glaubitz (Darmstadt)
Der moderne Langroman: Eine Konstellation des Kleinen?
16.30h
Antje Quast (Siegen)
„Constellation“ bei Mallarmé und einigen Künstlern des 20. Jahrhunderts.
Überlegungen zu Konstellation als kritischem und poetischem Verfahren
17.00h

Coffee Break

17.30h
Caroline Torra-Mattenklott (Aachen)
Figuren mit Variationen. Das va-et-vient der Gedanken in Paul Valérys Cahiers

Diskussion: Claudia Öhlschläger

ab 20h
Workshop Dinner

Samstag, 25. 6. 2016

9.00-9.30h
Christian Schulz (Düsseldorf)
Selfies - kleine Ichs zwischen Subjekt und Objekt
9.30-10.00h
Kirsten von Hagen (Gießen)
Telefonmonodramen als kleine Form

Diskussion: Andreas Käuser

11.00h
Coffee Break

11.30h
Perspektiven, Planungen, Projekte

Ende gegen 13h


Arbeits- und Forschungsgruppe "Kulturen des Kleinen"

 

Die interdisziplinäre Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit kleinen Formen/Formaten und mit den in ihnen vollzogenen Kulturanalysen. Sie arbeitet literatur-, kunst- und medienwissenschaftlich. Gegenstandsbereiche der Forschung sind Feuilleton, Fotografie, Sitcoms, Comics, Notizen und Notate, Mikronarrationen, filmische und installative Miniaturen. Methodisch siedelt sich das Projekt im Umfeld der Cultural und Visual Studies an. Der Fokus richtet sich auf kulturelle Transformationsprozesse, auf die Verhandlung und Reflexion des Kleinen in Literatur, Kunst und Medien des 20. und 21. Jahrhunderts.

Die Gruppe folgt der Arbeitshypothese, dass sich in der vermeintlich banalen, limitierten kleinen Form überraschendes kulturanalytisches Potenzial verbirgt. Die in den Blick genommenen Miniaturen entstanden und entstehen an der Peripherie, im Untergrund, möglicherweise auch im Mainstream einer spezifischen Epoche. Ihnen gemeinsam ist jedoch die Qualität, gesellschaftliche Zustände und kulturelle Entwicklungen in reduzierten, alltagsnahen (Bild-)Texten zu erkunden und zu kommentieren. In der ästhetischen Limitation finden sich konzise, reflektierende Perspektiven, die sich oftmals deutlich von den in breit angelegten Texten, opera magna und kanonisierten Gattungen angebotenen Interpretationsmustern unterscheiden. Damit widmet sich die Arbeitsgruppe einer Kulturgeschichte der Moderne und Postmoderne. In prägnanten Narrativen und bildkünstlerischen, medialen und installativen Konkretionen verdichten sich Spuren von bisher vernachlässigten Deutungen historischer Phänomene, Krisen und Transformationen.

Die internationale Tagung "Pragmatik und Ästhetik des Kleinen: Literarische, visuelle und mediale Mikroformate des 20. und 21. Jahrhunderts" fand am 24.-26. April 2013 an der Universität Paderborn statt.

Der Tagungsband ist im Fink Verlag erschienen: Sabiene Autsch, Claudia Öhlschläger und Leonie Süwolto (Hrsg.): Kulturen des Kleinen. Mikroformate in Literatur, Kunst und Medien, Paderborn 2014.

Inhaltsverzeichnis

Mein in diesem Rahmen weiterführendes Teilprojekt befasst sich hiermit:

Großes Kleines. Alexander Kluges dialektischer Erzählrealismus

So wie Jean-Luc Godard die Filmgeschichte als eine Utopie bezeichnete, weil unbekannt und nicht ausprobiert blieb, was wirklich mit den technischen Mitteln des Films hätte gemacht werden können, so sind aus der Sicht Alexander Kluges die ausgebliebenen und unvollständigen Lernprozesse von Menschen nicht auf der Höhe ihres historischen Erfahrungsschatzes. Aus diesem robusten Befund resultiert in den letzten Jahren ein enormes Erzählwerk Kluges, dessen Kern u. a. darin besteht, disparate Erfahrungen in mannigfachen historischen Konstellationen so perspektivisch mitzuteilen, dass sie für heutige Lernvorgänge erschließ- und verfügbar werden. Der Rohstoff dieses literarischen Kosmos ist Kürze und die kleine Form. Diesen Prinzipien ist Kluge seit vielen Jahren bis zu den aktuellen Publikationen mit ihren hunderten Erzählungen konsequent verpflichtet (Titel der letzten Bände: 30. April 1945; Nachricht von ruhigen Momenten; "Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter"; Dezember; Das fünfte Buch).

Vorwiegend ging es in diesem mäandernden Erzähllabyrinth immer darum, mit analytischem Blick und einer gegen jedes illusionäre Kontinuum gewendeten Poetik der Montage aus Lebensläufen, Katastrophenereignissen, Kriegsepisoden, Bürokratieabläufen, Alltagsunfällen, Gewaltszenarien und scheiternden Liebesversuchen etc. immer wieder die verborgenen, unterdrückten und rebellischen Gefühlslagen der Beteiligten und Betroffenen freizulegen und deren gestaute Emotionen, die in den jeweiligen Situationen sich nicht Geltung verschaffen können, heraus zu präparieren und frei zu legen . Gefahndet wird in diesem komplexen Erzähluniversum vor allem nach jenen Konstellationen und Augenblicken, in denen Subjekte nicht nur von den übermächtigen Realitätsmassen der Varianten an Unterdrückung, des Krieges und der Verbrechensorganisation beherrscht werden, sondern auch ihre tatsächlichen Gefühle von ihren Handlungen abgespalten und getrennt werden, wodurch  auf diese Weise fatale Kältezonen entemotionalisierter Subjektivität entstehen.

Das Forschungsteilprojekt soll alle relevanten Aspekte der kleinen Form und der Kürze in Kluges Konzeption des lateralen und konstellativen Erzählens rekonstruieren, dessen Poetik elementar von einem brüchigen Wirklichkeitsbegriff und dem Befund einer zunehmenden Tendenz zur Entwirklichung im 21. Jh. ausgeht. Hierbei wird es darum gehen, die Elementarqualitäten und Varianten des Kleinen in Kluges Werk so zu fixieren, dass die zunächst weitgehend unübersichtliche Kasuistik dieser Episoden in ihrer epistemischen Dimension beschreibbar wird.

Zu den maßgeblichen Varianten des zu erschließenden Komplexes eines dialektisch konzipiertem Kleinen bei Kluge gehören etwa: Strategien und Modelle episodischen Erzählens, Montagetechniken und die Epistemologie komprimierter Bildführung, knappe Zeitmaße zwischen Kairos und Chronos, Bifurkationen von punktuellen und kasuistischen Handlungsoptionen, kurze Wege der Perspektivwechsel kompakte Konstellationen, asketische Erzählarrangements und das Medium der Verdichtung, Motivspuren und Themenausschnitte als politisch-poetologische Elementarteile, partikulare Erfahrungsräume und Mikrospuren der Möglichkeiten und Wünsche.

Dieses Projekt beabsichtigt die gesamte Breite einer multiplen Verknappungs- und Verdichtungspoetik zu entziffern, die nicht weniger in Aussicht stellt, als einen subjektiven Zugang zum historischen Erfahrungs- und Wissensschatz zu bahnen, der für die notwendigen Lernprozesse unserer Gegenwart höchst bedeutungsvoll und unverzichtbar sein dürfte. Es sind gerade die konsequent filigranen dialektischen Konstellationen von großem Kleinen, Verknappungen und langen Linien, Verdichtungen und Entfaltungen, komprimierter Kürze und anhaltender Dauer, minimalen Ausschnitten und großen Perspektiven, die Kluges exponierte und solitäre Stellung in der Gegenwartsliteratur und im zeitgenössischen Kulturschaffen ausmachen.

Geplant sind eine internationale Fachtagung zu dieser noch weitgehend unerforschten komplexen Themenperspektive sowie eine Buchpublikation mit einschlägigen Fachbeiträgen.

Als Vorarbeiten liegen von mir bereits diese Veröffentlichungen zu Alexander Kluge vor:

Kältezonen aus nächster Nähe. Alexander Kluges neue Erzählungen über Nationalsozialismus und Krieg. In: Torben Fischer/Philipp Hammermeister/Sven Kramer (Hrsg.): Der Nationalsozialismus und die Shoah in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik 84). Amsterdam/New York: Rodopi Verlag 2014, S. 293-312.

Kürze als Kritik der Zeit. Verdichtung und Verknappung in Alexander Kluges Erzählungen. In: Sabine Autsch/Claudia Öhlschläger/Leonie Süwolto (Hrsg.): Kulturen des Kleinen. Mikroformate in Literatur, Kunst und Medien. Paderborn: Wilhelm Fink 2014, S. 101-117.

Der Deutschunterricht (3/2012). "Man kann nicht lernen, nicht zu lernen". Alexander Kluge im Deutschunterricht. Hrsg. v. Jens Birkmeyer/Torsten Pflugmacher/Ulrike Weymann.

Jens Birkmeyer im Gespräch mit Alexander Kluge. Alexander Kluges Erzählungen im Unterricht. In: Der Deutschunterricht (3/2012). "Man kann nicht lernen, nicht zu lernen". Alexander Kluge im Deutschunterricht. Hrsg. v. Jens Birkmeyer/Torsten Pflugmacher/Ulrike Weymann, S. 10-15.

Verhinderte Lernprozesse und subjektive Reserve. Alexander Kluges Erzählungen im Unterricht. In: Der Deutschunterricht (3/2012). "Man kann nicht lernen, nicht zu lernen". Alexander Kluge im
Deutschunterricht. Hrsg. v. Jens Birkmeyer/Torsten Pflugmacher/Ulrike Weymann, S. 26-35.

Zeitzonen des Wirklichen. Maßgebliche Momente in Alexander Kluges Erzählsammlung „Dezember“. In: TEXT+KRITIK. Zeitschrift für Literatur. Alexander Kluge. Heft 8586 (Neufassung 2011), S. 66-75.

Das Gedächtnis der Emotionen. Alexander Kluges „Chronik der Gefühle“ als verborgene Erinnerungstheorie. In: Gedächtnis und kultureller Wandel. Erinnerndes Schreiben - Perspektiven und Kontroversen. Hrsg. v. Judith Klinger/Gerhard Wolf. Berlin: Max Niemeyer Verlag 2009, S. 257-276.

Eigensinn und Anerkennung. Anthropologische Phantasie bei Peter Weiss und Alexander Kluge". In: Arnd Beise/Jens Birkmeyer/Michael Hofmann (Hrsg.): "Diese bebende, zähe, kühne Hoffnung" – 25 Jahre Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands, St. Ingbert: Röhrig Verlag 2008, S. 115-142.


Internationale Tagung: Wissen und Kritik. Perspektiven universitärer Deutschlehrerausbildung

(Münster, 25. - 27. Oktober 2012)

  • Veranstalter: Dr. Jens Birkmeyer / Dr. Constanze Spieß
  • Ort: Germanistisches Institut, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
  • Plakat zur Tagung
  • Flyer zur Tagung
Wissen Kritik Plakat

Die Tagungsfinanzierung erfolgt aus Mitteln der Volkswagen-Stiftung, des Internationalisierungsfonds der WWU, des FB 09 sowie des Germanistischen Instituts der WWU.

1. Zielsetzung der Tagung
Zentrales Thema dieses Tagungsprojektes soll die Frage danach sein, welchen Stellenwert Kritik in der gegenwärtigen Deutschlehrerausbildung einnimmt und welche Funktion ihr im Hinblick auf das relevante Fachwissen heute überhaupt zukommt. Gerade in einer Zeit, in der von außen herangetragene funktionale Imperative immer stärker danach verlangen, Wissen nach externen Kriterien der Nützlichkeit und Verwertbarkeit statt an der Bildungsrelevanz der Gegenstände selbst auszurichten, möchten wir das Verhältnis von Wissen und Kritik thematisieren. In der akademischen Deutschlehrerausbildung gilt es in besonderem Maße sowohl sprachwissenschaftliche als auch literatur- und medienwissenschaftliche Fachgebiete als Wissensverbund zu denken und zu praktizieren. Dies verlangt nach einer fachlichen Kooperation, die jedoch im universitären Milieu häufig sträflich vernachlässigt wird, während der Deutschlehrer die komplexen arbeitsteilig getrennten Wissensbereiche in der schulischen Praxis wieder synthetisieren muss.

Die geplante Tagung ist deshalb daran interessiert, Sprach- und Literaturwissenschaftler zusammenzuführen, um über Perspektiven einer integrativen und kooperativen germanistischen Deutschlehrerausbildung nachzudenken. Es soll nicht bloß um eine Bestandsaufnahme derzeitiger Germanistikausbildung gehen, sondern gezielt darum, Perspektiven aufzuzeigen, wie eine an fachwissenschaftlicher Autonomie und Fachkooperation ausgerichtete Deutschlehrerausbildung in Einklang gebracht werden kann mit den Entwicklungen der Fachdisziplinen. Dies soll vor allem unter dem Aspekt geschehen, keine didaktischen Verkürzungen der Wissensbestände oder fragwürdige didaktisierende Legitimationen von Fachwissenschaft vorzunehmen. Es soll vielmehr darum gehen, zu prüfen, ob nicht der inzwischen recht vernachlässigte und entwertete Modus der Kritik aktualisiert und revitalisiert werden muss.

Es ist ein maßgebliches Ziel dieser Tagung, anhand ausgewählter Bereiche aus den Wissensdomänen der germanistischen Lehrerausbildung die Konturen des Begriffs der Kritik neu zu beleuchten. Dies soll sowohl in methodischer, erkenntnistheoretischer als auch wissenspraktischer Hinsicht geschehen. Im Hinblick auf die neu begonnene intensive Forschungsdiskussion über die Bedeutung, Relevanz und Genese von Kritik besonders in den Sozialwissenschaften und in der Sozialphilosophie soll die Tagung sich mit dem zentralen Problem befassen, ob und wie ein zugleich theoretisch gehaltvoller wie praktisch nutzbringender Begriff von Kritik so in die germanistische Lehrerausbildung eingebracht werden kann, dass die gegenwärtigen Probleme der Wissensaneignung produktiv bearbeitet werden können.

Im Bereich der Sprachwissenschaft und der Sprachdidaktik kann diesbezüglich in jüngster Zeit eine solche Revitalisierung des Kritikbegriffs im Bereich der (didaktischen) Sprachkritik sowie der Kritischen Diskursanalyse beobachtet werden, die u.a. beflügelt wurde durch die Gründung der fachwissenschaftlichen Zeitschrift ‚Aptum’ zur linguistischen Sprachkritik sowie durch aktuelle Publikationen zur linguistischen, didaktischen Sprachkritik und Kritischen Diskursanalyse.

Im Bereich literatur- und medienwissenschaftlicher Reflexion spielt vor allem jene kritische Dimension eine zentrale Rolle, die dazu befähigt mit den kulturellen Zeugnissen und ihren jeweiligen realitätsüberschreitenden Perspektivierungen den Möglichkeitssinn der Kunst sowohl als Irritationsangebot gegenüber der sich selbst beschränkenden Subjektivität des Rezipienten als auch in epistemischer Perspektive als Argwohn gegenüber einem als alternativlos erscheinendem Faktischen. Kritischer Umgang mit Literatur und Medien wäre sodann nicht identisch mit den Facetten von Literatur- und Medienkritik oder mit sich kritisch ausweisender, inszenierender oder verstehender Literatur. Vielmehr zielte dieser darauf ab, anhand von Literatur und Medien nach den Lücken in den vermeintlich festen Realitätsgebilden zu fahnden und mittels immanenter Kritik deren inhärent angelegte Ressourcen und zur Wirklichkeit drängende Latenz als Freiheitsräume des Ausdrucks sichtbar zu machen. Da im ästhetischen Kontext Haltungen, Einstellungen und Sichtweisen unverbindlich simulierend erprobt und spielerisch eingeübt werden können, erlernt man gerade hier und in besonderem Maße für die eigenen Überzeugungen expressiv und argumentativ einzustehen.

Eine so verstandene Kritik durch Kunst vermag sich gegen die eigene Ermattung gleichermaßen zur Wehr zu setzen wie gegen fremde Disziplinierungen, weil eine so verstandene Kritik das pragmatische Prinzip ‚Unmöglich‘ unmöglich macht. Aus der Perspektive der Kritik reicht es eben nicht aus, gute Gründe und Plausibilitäten für den Einsatz von Literatur im Unterricht anzuführen ohne zugleich auch deren Präsuppositionen zum Gegenstand eines selbstreflexiven Diskurses hervorzubringen (Menschenbild, ästhetische Präferenzen, Geschichtsverständnis, Lerntheorie, normative Setzungen und ethische Befunde etc.).

Für den komplizierten Kontaktbereich zwischen wissenschaftlich betriebener Germanistik und Selbstbildung von Lehramtsstudenten einerseits sowie dem komplexen Professionalisierungswissen hinsichtlich der Interdependenz von prospektiven beruflichen Anforderungsprofilen und den hierfür notwendigen Reflexionskompetenzen andererseits bedeutet dies: Eine kritische Haltung, Sichtweise und Intellektualität ist zugleich gegenüber den Wissensgegenständen, den Forschungs- und Aneignungsmethoden sowie gegenüber dem eigenen Bildungshabitus und der Antizipation prospektiver Berufskompetenz nötig. Ohne eine intellektuell anspruchsvolle Korrelation von Wissen und Kritik, davon geht die Tagung aus, gibt es auch keine Garantie gegen alle möglichen Varianten von Trivialisierung und Banalität. Erst wenn der geisteswissenschaftlich kompetente Deutschlehrer nicht länger als unvermittelte Summe aus Fachwissen plus didaktischer Expertise gedacht wird, sondern als kritischer Selbstbildner in allen Phasen seiner Ausbildung, kann die unablässig drohende Selbsttrivialisierung ebenso abgewiesen werden wie die institutionell verfestigten Zumutungen akademisch verengter Fachwissenschaft gegenüber einer völlig falschen und trivialisierenden Sichtweise auf Fachdidaktik.

Darüber hinaus gilt es das Problem zu klären, was kritisches Denken und Verhalten in Studium, Forschung und Lehre überhaupt mit der Ausbildung von Unterscheidungsvermögen und mit der Herstellung von Zusammenhängen zu tun hat. Hierzu werden Konzepte von Kritik an sprach und literaturwissenschaftlichen Gegenständen so vorgestellt, dass zwei Aspekte besonders bearbeitet werden: Kritik meint zunächst grundsätzlich die Ausbildung von Urteilskraft als doppeltem Unterscheidungsvermögen gegenüber Gegenständen und Ansichten über Gegenstände. Zum anderen ist ein avanciertes Unterscheidungsvermögen als eine Urteilskraft im Sinne der Neubestimmung von Zusammenhängen angesprochen.

So verstanden sind kritische Diskurse vor allem auch Verständigungsformen über die Maßstäbe, nach denen überhaupt zu unterscheiden, beurteilen und zu entscheiden ist. Relevant werden diese Fragestellungen dann, wenn unter wissenschaftlicher und kritischer Bildung verstanden wird, dass sich theoretische Phantasie besonders auf zwei Gebieten ausbilden kann. Erstens auf dem Gebiet der Kritik, d.h. der regelgeleiteten Überprüfung des Gegebenen, denkend Unterscheidungen vornehmen zu können, um den Schein des Unmittelbaren zu durchbrechen und als jeweils Vermitteltes nachweisen zu können. Und zweitens im Hinblick auf das Unterscheidungsvermögen gegenüber Werturteilen / Ansichten / Bewertungen von Gegenständen und Sachverhalten. Es geht hier u.a. darum zu erkennen und zu reflektieren, dass jedem Denken und (sprachlichem) Handeln bereits weltanschaulich verankerte Wertentscheidungen zugrunde liegen.

Hiervon ausgehend wird es darum gehen, die anzustrebenden Berührungsflächen zwischen Sprachanalyse, Literatur- und Medienbetrachtungen exemplarisch so zu bearbeiten, dass die zentralen Probleme sichtbar werden und alternative Vorschläge diskutiert werden können.
Konkret lassen sich folgende Fragen und Problemfelder, die überarbeitet werden sollen, aufführen:

  • Was heißt Kritik in sprachwissenschaftlichen und literaturwissenschaftlichen Zusammenhängen?
  • Welche Rolle spielen die sprach- und literaturwissenschaftlichen Konzepte von Kritik im Kontext der universitären Lehrerausbildung und wie können diese fruchtbar zusammengebracht werden?
  • In welchem Zusammenhang stehen Wissen und Kritik in sprach-, literatur- und medienanalytischen Zusammenhängen?
  • Welche epistemische Rolle spielt ein Modus der Kritik für den Kontakt zwischen Fachwissenschaften und Fachdidaktiken?
  • Was bedeutet Sprachkritik in verschiedenen Kommunikationszusammenhängen und Bereichen wie z. B. der Alltagssprache, der Literatursprache, der Sprache in verschiedenen (auch neuen) Medien?
  • Welche Rolle spielen Normenreflexion und Normenkritik im Kontext von Literatur- und Sprache?
  • Welche Kriterien kritischer Analyse spielen in den verschiedenen disziplinären Kontexten eine Rolle? Können sich diese Kriterien ergänzen?
  • Wie können sprachkritische Kriterien der Analyse (wie z.B. das Kriterium der Angemessenheit) im Kontext der Arbeit mit Literatur in Zusammenarbeit mit der Literaturdidaktik / Literaturwissenschaft zur Geltung gebracht bzw. methodisch umgesetzt werden?
  • Welche konkreten Perspektiven lassen sich für die Integration linguistischer und literaturwissenschaftlicher Fragestellungen im Hinblick auf den Kritik- und Wissensbegriff entwerfen?
  • Welche konkreten Gegenstände könnten Anlass für ein integratives Vorgehen (auch im Hinblick auf didaktische Fragestellungen) darstellen?
  • Was bedeutet es, Literatur als Form von Kritik zu denken und welches literaturwissenschaftliche Wissen ist besonders Relevant für die Lehrerausbildung?
  • Worin bestehen jeweils die Unterschiede zwischen der Kritik von Literatur und einer Kritik durch Literatur?
Wissen Kritik Plakat

Lernen Nicht Zu Lernen

Themenheft "Der Deutschunterricht" zu Alexander Kluge

Herausgeber:
Jens Birkmeyer (Münster), Torsten Pflugmacher (Mainz), Ulrike Weymann (Mainz)

Erscheinungstermin: Juni 2012

In diesem Themenheft soll deutlich gemacht werden, weshalb Alexander Kluges Erzählungen für die schulische Lektüre relevant wird und warum dieser außergewöhnliche Autor von jungen Lesern entdeckt werden sollte.

Die thematischen Schwerpunkte umfassen vor allem diese Aspekte:

  • GESCHICHTE VERSUS GESCHICHTEN: Faktizität/Fiktionalität; Historiographie/Narration; Narrationsformen und Erzählformen
  • Thema TSCHERNOBYL
  • FERNSEHARBEIT (die Kurzfilme)
  • LEBENSLÄUFE: Krieg und Nationalsozialismus, Wissen und Aufklärung
  • FINANZKRISE (Fragestellung auf Kluge zugespitzt)
  • FRAGEN LERNEN LEHREN / DIALOGISCHES ERZÄHLVERFAHREN
  • INTERMEDIALES ERZÄHLEN / HÖRVERSTEHEN / TEXTVERSTEHEN
  • KÄLTE / KOOPERATION / UTOPIE

Im kommenden Jahr wird Alexander Kluge achtzig Jahre alt. In den vergangenen zehn Jahren ist er wie kaum ein anderer deutscher Autor literarisch und medial produktiv gewesen, allein die Zahl seiner neuen Kurzprosatexte dürfte vierstellig sein. Neben den drei Großwerken Chronik der Gefühle (2000), Die Lücke, die der Teufel läßt (2003) und Tür an Tür mit einem anderen Leben. 350 neue Geschichten (2006) sowie neuerdings Das Bohren harter Bretter. 133 neue Geschichten (2011) gibt es eine Reihe kleinerer Prosasammlungen zur Geschichte des Kinos, zur Liebe u.v.m. Daneben hat er zahlreiche Interviewbände publiziert, seine Fernsehsendungen wurden transkribiert und veröffentlicht. Mittlerweile sind sie auch als DVDs mit verschiedenen thematischen Schwerpunktsetzungen auf dem Markt. Es gibt kaum einen bedeutenden Preis für Autoren und Medienschaffende, den Kluge in den letzten Jahren nicht erhalten hat. Kurz und gut: In der Auseinandersetzung mit dem aktuellen Kulturgeschehen, aber auch mit der deutschen Fernseh- und Filmgeschichte kommt man an Alexander Kluge als Schriftsteller, Fernsehproduzent und Vertreter des Neuen Deutschen Films, den er theoretisch und praktisch (weiter-)entwickelt hat, nicht vorbei. Umso erstaunlicher ist, dass Kluge in der Deutschdidaktik bisher keine nennenswerte Resonanz gefunden hat.

Eventuell ist dieser Umstand darauf zurückzuführen, dass Alexander Kluge kein leichter Vermittler ist, sein häufig durchaus didaktisches Anliegen nicht vordergründig ersichtlich und lehrhaft vermittelt, sondern über Umwege erschlossen werden muss. Zu fragen ist also, wie das Verhältnis von Lernen, Lehren, Vermittlung aussieht. Was bedeutet „Verstehen“ bei Kluge? Bei vielen seiner kurzen und Kürzestgeschichten benötigt der Leser viel historisches Wissen, um überhaupt die Voraussetzung des Verstehens zu erfüllen. Wie wäre dieses (Kurzgeschichten-)Material im Unterricht einzusetzen? Häufig erscheint es überhaupt fraglich, ob eine Verstehen suchende Informationsentnahme überhaupt eine geeignete Lesestrategie für seine Texte ist. In den Texten selbst treten Versehen suchende Instanzen auf, die an dieser Herausforderung und/oder der Kommunikation miteinander scheitern. Andere Texte thematisieren gesellschaftliche und politische Herausforderungen der Gegenwart (Irakkrieg, Tschernobyl, Finanzkrise etc.) und erlauben damit eine vergleichende Perspektive zwischen seiner Autorenpoetik und den Montageeffekten unseres alltäglichen Nachrichtenkonsums in den Medien herzustellen. Dies macht den Autor und Filmemacher Kluge zunächst zu einem sperrigen Gegenstand für den Deutschunterricht. Gleichwohl liegt darin und in den ungewöhnlichen Themenkomplexen der Reiz, ihn Deutschlehrenden aufzuschließen, ohne ihn voreilig vermittelbar erscheinen zu lassen.

 


 

 

Internationale Tagung mit Graduiertenkolleg und Workshop
19. / 20. November 2010
Duitsland Instituut Amsterdam
Dr. Nicole Colin, Kerstin Hämmerling (Duitsland Instituut Amsterdam)
in Zusammenarbeit mit
Dr. Jens Birkmeyer (Universität Münster, Germanistik)
Dr. Nicola Eisele (Universität Freiburg, Geschichte)


Gleich ob im Deutsch- oder Geschichtsunterricht, die Vermittlung von Nationalsozialismus, 2. Weltkrieg und Shoah müssen als zentrale Themen bezeichnet werden, die nicht nur einen entsprechenden Platz in den Curricula einnehmen, sondern auch von Schülern als herausragende Problemfelder erkannt werden. So bemerkte auf einer vom Duitsland Instituut Amsterdam ausgerichteten Konferenz zum deutsch-französischen Geschichtsbuch und der Frage transnationaler Geschichtsschreibung (Dezember 2009) ein Gymnasiast aus Amsterdam, aus niederländischer Schülerperspektive sei die Frage, wie eigentlich in Deutschland diese Ereignisse im Unterricht vermittelt werden, besonders interessant.

Neben diesem unmittelbaren Interesse von Seiten der Schüler führt gleichzeitig der zunehmende Abstand zu den Ereignissen und das Aussterben der Zeitzeugen notwendigerweise zu einer veränderten Haltung gegenüber den Geschehnissen. Zum einen gilt es den zu konstatierende Mangel an Authentizität zu kompensieren. So haben etwa immer weniger Menschen aus der konkreten Lebenswelt der Schüler der heranwachsenden 4. Generation überhaupt noch eigene Erinnerungen an diese Zeit. Zum anderen stellt der Unterricht in multikulturellen Klassen hinsichtlich dieses Themas (aus unterschiedlichen Gründen) eine besondere Herausforderung dar und wirft neue Problemstellungen und Vermittlungsschwierigkeiten auf. Sollte beispielsweise das Thema auch im Bezug auf Themen wie Rechtextremismus, Rassismus und Antisemitismus diskutiert werden, um auf diesem Wege einen konkreten Bezug zur Gegenwart der Schüler herzustellen? Oder tragen solche Verflechtungen eher dazu bei, das Thema beliebig zu machen und Verwirrung zu stiften.

Ausgehend von diesen Überlegungen soll das Problemfeld aus didaktischer sowie fachwissenschaftlicher Perspektive beleuchtet und die Vermittlung der Zeit zwischen 1933 und 1945 im Deutsch- und Geschichtsunterricht in Deutschland und den Niederlanden verglichen werden. Sind hier neue Tendenzen und Perspektiven für das 21. Jahrhundert auszumachen und kann hier u. U. vom Nachbarn gelernt werden? Dabei stellt sich u. a. auch die Frage nach den Möglichkeiten eines fächerübergreifenden Unterrichts, besonders z. B. auch in bilingualen Klassen. Dieses Projekt wird in Zusammenarbeit der Abteilungen Onderwijs und Onderzoek des DIA durchgeführt.


Zielgruppe:
Studenten/Graduierte sowie Lehrer und Wissenschaftler aus der Germanistik und Geschichte sowie angrenzenden Fächern (z.B. Niederlandistik).

Duitsland Instituut 
Programm Gelernte Erinnerung
Konferenz Gelernte Erinnerung
Workshopbeschreibungen

 


 

Holocaust im Deutschunterricht. Modelle für die Sekundarstufen I und II
 

Dieses Projekt schließt an den Band Jens Birkmeyer (Hg.): Holocaust-Literatur und Deutschunterricht. Perspektiven schulischer Erinnerungsarbeit, Hohengehren: Schneider Verlag 2007 an, in dem bereits vor allem theoretische Grundlagen für den Umgang mit dem Thema Holocaust im Deutschunterricht gelegt und konzeptionelle Perspektiven formuliert wurden.

Die anhaltende Erinnerungskonjunktur zum Holocaust wirft gerade auch neue Fragen für den Deutschunterricht auf. Heutige Schüler sind etwa in besonderem Maße den Fa­schismus-Bildern der Medien und den Ritualen der offiziellen Gedenkkultur ausge­setzt. Heran­wachsende müssen sich ihr Wissen über den Nationalsozialismus aller­dings nicht mehr gegen eine schweigende Mehrheitsgesellschaft erstreiten. Eher fühlen sie sich von den vielfältigen Erinnerungsangeboten überfordert, mitunter auch von den sogleich mitgelieferten moralischen Anforderungen bedrängt.

Doch die keineswegs paralysierte Neugier und der Wille, die Vergangenheit begreifen und einen Standpunkt hierzu finden zu wollen, verlangt nach zeitgemäßen Antworten. Diese dürfen sich nicht darin erschöpfen, Erinnerungsroutinen abzurufen oder eine groteske Choreographie der Emotionen zu betreiben. Das anhaltende Interesse an der Vergangenheit verlangt deshalb danach, auch die schulischen Formen der Beschäftigung und ihren Anteil am kollektiven Gedächtnis genau zu überprüfen. Denn ästhetische Bildung und literarisches Lesen gehören notwendig zur Erinnerungskultur hinzu. Die beiden Bände mit Unterrichtsmodellen wollen diesen Ansprüchen angemessen Rechnung tragen.

Die vorliegenden Beiträge von LehrerInnen und DidaktikerInnen entwerfen prakti­sche Modelle für den Deutschunterricht unter einer gemeinsamen Fragestellung: Wie könnte ein zeitgemäßer Literaturzugriff angelegt sein, der weder mentale Abwehrreaktionen junger Le­ser gegen zu viel Erinnerung mobilisiert noch die besondere Qualität und Wirksam­keit von Literatur übersieht?



Veröffentlichungen:

Jens Birkmeyer, Annette Kliewer (Hrsg.): Holocaust im Deutschunterricht. Modelle für die Sekundarstufe I. Hohengehren: Schneider Verlag 2010.

Cover Sek I 

Jens Birkmeyer, Annette Kliewer (Hrsg.): Holocaust im Deutschunterricht. Modelle für die Sekundarstufe II. Hohengehren: Schneider Verlag 2010.

Cover Sek Ii 


 


 

Tagung, 07.–09.07.2006:

Fünfundzwanzig Jahre Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands«

Arnd Beise / Jens Birkmeyer / Michael Hofmann (Hrsg):
Diese bebende kühne zähe Hoffnung.

25 Jahre Peter Weiss Die Ästhetik des Widerstands

zum Inhaltsverzeichnis 

 

 

 

 

25jahre Pw Klein 
 


Im Jahre 1981 erschien der dritte Band von Peter Weiss' Ästhetik des Widerstands. Seit dem Erscheinen des ersten Bandes im Jahre 1975 und bis zum Ende der DDR 1989/90 stand der Roman, der eine Reflexion über das Scheitern der Arbeiter­bewegung im Angesicht der national­sozialistischen Gewaltherrschaft mit einer literarischen Reflexion über Grundlagen einer kriti­schen Ästhetik verbindet, im Zentrum zahlreicher litera­risch­ästhetischer und politischer Diskus­sionen. Auch Fragen des Selbstverständnisses der deutschen Linken in einer postmodernen Welt und im Kontext einer massiv einsetzenden Globalisierung wurden im Hinblick auf Weiss' Text diskutiert. Mit dem Ende des zweiten deutschen Staates und der staatssozialistischen Regime wurden auch die Grundlagen solcher Diskus­sionen in einschneidender Weise verändert. Die Beschäftigung mit Weiss' Text verla­gerte sich in die Schreibstuben der Germanisten, während in der kulturellen Öffentlichkeit das Interesse an dem Roman deutlich abnahm. Auch in der ostdeutschen Diskussion der Nach-Wende-Zeit konnte der fulminante Text nicht die Funktion übernehmen, die mancher ihm gern zugewiesen hätte. Im 1992 gegründeten Peter Weiss Jahrbuch wurde die Diskussion um den Roman auf einem beachtlichen Niveau weiter geführt, ohne dass sich etwas an dem man­gelnden Interesse einer breiteren Öffentlichkeit änderte. Peter Weiss wurde in den letzten Jah­ren weitgehend als der Autor des Marat/Sade und der Ermittlung wahrgenommen, und im Jahre 2003 stieß die Veröf­fentlichung des Nachlass-Dramas Inferno aus dem Divina Comedia-Komplex nur auf ein vergleichsweise geringes Interesse.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung laden wir zu einer Bestandsaufnahme fünfund­zwanzig Jahre nach Erscheinen des dritten Bandes der Ästhetik des Widerstands ein. Dabei stellen sich aus unserer Sicht vor allem folgende Fragen: Hat die Ästhetik des Widerstands in unserer heutigen Welt, die durch die Folgen der Globalisierung und das Vorherrschen einer aggressiven neo­liberalen Politik gekennzeichnet ist, nur noch einen historischen Charakter? Gibt es Anknüp­fungspunk­te zwischen dem Roman und den Anliegen und Interessen einer postmodernen Gesellschaft? Gibt es Berührungspunkte mit aktuellen Forschungsinteressen, die sich auf die Darstellung von Körperlichkeit und Gewalt, auf die Frage eines Gedächtnisses der Shoah, auf die Bedeu­tung interkultureller Konstellationen, auf die Relevanz von Gender-Konzepten in der Be­schreibung historischer Erfahrung, auf die Interdependenz von Narration und Historie bezie­hen? Welches Bild des Romans ergibt sich aus poststrukturalistischer, kultur­wissenschaftli­cher, feministischer und postkolonialistischer Perspektive sowie im Hinblick auf die Diskus­sionen um eine Politik des historischen Gedächtnisses, das heißt: Welchen Stellenwert ge­winnt der Roman in der augenblicklichen methodischen Ausrichtung der Literaturwissen­schaft und Ästhetik? Lässt sich die Ästhetik des Widerstands womöglich als Korrektiv für eine Kulturwissenschaft verstehen, die Fragen nach den mate­riellen und Herrschaftsverhältnissen immer weniger Beachtung schenkt? Oder ist Weiss' Ro­man aus heutiger Sicht selbst nur ein untrügliches Symptom für das Scheitern sozialistischer Utopien und engagierter Kunst? Welche neuen Lesarten, welche Lektüren können heute noch als produktiv gelten?

Diese und ähnliche Fragen möchten wir sowohl mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaft­lern diskutieren, die sich bereits in den 1980er Jahren mit Peter Weiss und seinem opus magnum beschäftigen, als auch mit solchen, die in den letzten Jahren fundierte Forschungsbeiträge geliefert haben. Auch Schriftsteller, die sich entweder in Texten mit Peter Weiss auseinander gesetzt haben oder die in seinem Sinne eine Verbindung von politischem Engagement und ästhetischem Anspruch anstreben, möchten wir zu der ge­planten Bestandsaufnahme und aktualisierenden Relektüre der Ästhetik des Widerstands einladen. Die Beiträge werden in einem Tagungsband publiziert.

Tagungstermin: 07.–09.07.2006
Tagungsort: Evangelische Akademie Iserlohn
Anmeldung: über die Evangelische Akademie Iserlohn
Weitere Informationen: Weitere Informationen erhalten Sie in einer PDF, die Sie hier abrufen können

Veranstalter: Dr. Jens Birkmeyer (Germanistisches Institut der Universität Münster) und Prof. Dr. Michael Hofmann (Institut für Germanistik der Universität Paderborn) in Kooperation mit der  Internationalen Peter Weiss Gesellschaft (Marburg).

Tagungsprogramm:

Freitag, 07. Juli 2006
16:00 Uhr Dr. Jens Birkmeyer, Prof. Michael Hofmann: Begrüßung
16:30 Uhr Prof. Martin Rector  (Hannover): Was die ersten 25 Jahre Rezeption über die Bedeutung der „Ästhetik des Widerstands“ vermuten lassen
17:30 Uhr Dr. Jens-Fietje Dwars (Jena): Ein anderes Deutschland? Oder: Was bleibt von der DDR im Prisma der  „Ästhetik des Widerstands“?
19:30 Uhr Round Table: Die „Ästhetik des Widerstands“ aus heutiger Sicht
Moderation: Dr. Arnd Beise (Marburg)
Teilnehmer: Prof. Moritz Baßler (Münster), Dr. Christa Grimm (Leipzig), Prof. Burkhardt Lindner (Frankfurt am Main), Dr. Rüdiger Sareika (Iserlohn)
 
Samstag, 08. Juli 2006
09:00 Uhr Prof. Burkhardt Lindner (Frankfurt am Main):
Die Arbeit am Bild (als Ästhetik des Widerstands)
10:00 Uhr Prof. Hans Höller (Salzburg): Über die Grenzen von Malerei und Poesie. Die Aktualisierung von Lessings Frage in der „Ästhetik des Widerstands“
11:00 Uhr Prof. Jürgen Schutte (FU Berlin):
Für eine kritische Ausgabe der „Ästhetik des Widerstands“
14:00 Uhr Dr. Jens Birkmeyer (Münster): Eigensinn und Anerkennung. Anthropologische Phantasie bei Peter Weiss und Alexander Kluge
15:00 Uhr Rudolf Gerstenberg (Jena): Brocken im Schlund. Von Nutz und Frommen des Unverdaubaren in einer ‚histoire intellectuelle'
16:00 Uhr Prof. Uta Kösser (Leipzig): Die „Ästhetik des Widerstands“ aus kulturwissenschaftlicher Perspektive
17:00 Uhr MA Jenny Willner (Berlin): Deckname Karin. Gespräche mit Solveig Hansson, einer Figur der „Ästhetik des Widerstands“
19:30 Uhr Dr. Caglar Tanyeri, Prof. Turgay Kurultay (Istanbul): Der Stellenwert und die Rezeption der „Ästhetik des Widerstands“ in der Türkei 2006. Kritische Reflexionen der Übersetzer
 
Sonntag, 09. Juli 2006
10:00 Uhr Prof. Michael Hofmann (Paderborn): Pergamon und Angkor Wat. Postkolonialistische Perspektiven der „Ästhetik des Widerstands“
11:00 Uhr Prof. Alfons Söllner (Chemnitz): Lässt sich mit der „Ästhetik des Widerstands“ die politische Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts erzählen?
12:00 Uhr Dr. Mediha Gödenli (Istanbul): Die „Ästhetik des Widerstands“ und die engagiert-avantgardistische türkische Literatur des 20. Jahrhunderts
14:00 Uhr Abschlussdiskussion



 

 


 

Tagung, 11.–13.11.2005:

»Holocaustliteratur und Deutschunterricht. Erinnerungskultur in schulischer Perspektive

Jens Birkmeyer (Hrsg.)
Holocaustliteratur und Deutschunterricht

zum Inhaltsverzeichnis 




Holocaustliteratur Und Deutschunterricht
 

In den letzten Jahren hat bereits erneut eine intensive Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust in der Schule eingesetzt. Besonders im Bereich des Geschichtsunterrichtes und der politischen Bildung sind maßgebliche Überlegungen angestellt worden. Gleiches lässt sich vom Deutschunterricht und seinen Aufgaben jedoch nicht beobachten. Der Anlass dieser Tagung setzt an diesem Umstand an und soll die vorhandenen Defizite bearbeiten. Es ist unbedingt davon auszugehen, dass gerade für den Literaturunterricht in den Schulen neue Konzepte und didaktische Überlegungen angestellt werden müssen, um der dramatisch nachlassenden literarischen Bildung über die Komplexe Antisemitismus, Nationalsozialismus und Shoah heute zu begegnen. Gerade der Literaturunterricht steht hierbei vor Problemen, die dringend einer theoretischen, konzeptionellen und auch unterrichtspraktischen Innovation bedürfen.

Der immer häufiger von Schülern zu vernehmende Überdruss an der schulischen Beschäftigung mit dem Holocaust sollte daher sowohl Lehrer, Fachdidaktiker als auch die demokratische, um Erinnerungskultur und kollektives Gedächtnis besorgte Öffentlichkeit alarmieren. Auf der anderen Seite scheint aber auch das im Alltag durchaus wahrnehmbare subjektive Wissensinteresse junger Menschen an Auschwitz und dem Genozid den Verdrusssymptomen zu widersprechen. Es gilt daher, diese Problemkonstellation aufzuklären, kritisch zu bilanzieren und verstärkt über neue Impulse und Konzepte nachzudenken, die den heutigen Anforderungen angemessen sind und vor allem die kulturell-literarischen Möglichkeiten des Deutschunterrichts betonen.

Die Tagung stellt sich in dieser Hinsicht das Ziel, Experten aus Schule, Wissenschaft und Pädagogik zu einem Wissens- und Erfahrungsaustausch zusammenzuführen, um hierbei zentral folgende Teilbereiche intensiv zu erörtern. Angesprochen werden sollen Lehrer, Fachwissenschaftler, Studierende und die interessierte Öffentlichkeit. Aus wissenschaftlicher Sicht gilt es heute u. a.

  • innovative Impulse für die theoretische Begründung einer inzwischen weitgehend ermatteten und redundanten schulischen Holocaust-Didaktik im Fach Deutsch zu entwickeln;
  • die genuine Relevanz ästhetischer Gegenstände (Literatur, Medien etc.) im heuristischen Feld einer Ästhetik der Erinnerung zu erkunden und danach zu fragen, ob das kulturpolitische Dispositiv Erinnern und Gedenken überhaupt ein valides Kriterium für eine gehaltvolle Literaturdidaktik sein kann;
  • Möglichkeiten einer »Ethik der Erinnerung« (Margalit) im didaktischen Feld zu reflektieren und gezielt nach dem Erkenntnisdesiderat zu fragen, welche empirischen Zusammenhänge zwischen Literaturaneignung und moralischer Genese bei Junglesern überhaupt bestehen und zu beschreiben sind;
  • neue Impulse zu geben für Aneignungs- und Beschäftigungsformen mit dem Holocaust in der Literatur, die nicht mehr auf erzwungene Mimesis der Schüler und pädagogisch ritualisierte Betroffenheitsaffekte setzt, die zu bedrohlichen und kontraproduktiven Abwehrreaktionen bei Schülern geführt haben und das vehemente Interesse konterkarieren, sondern auf wissensgestützte Suchbewegungen im literarisch-medialen Feld der Literatur;
  • Kritik an jenen Didaktikfetischen und Unterrichtsinszenierungen zu leisten, die von einem naiven und theoriefeindlichen pädagogischen Erlebniskonzept ausgehen und den Literaturunterricht als willkürliche Krypto-Geschichtsdidaktik unverantwortlich verzerren;
  • die originäre Leistung von Literatur und den notwendigen methodischen Praxisformen in der Schule in eine wissenschaftswürdige kulturtheoretische Reflexion einzubinden, die sowohl auf der Höhe zeitgenössischer Kulturkritik ist als auch die veränderten Sozialisationsbedingungen und Rezeptionshaltungen der Spaßgesellschaft zum Ausgangspunkt für eine politisch motivierte und wache Erziehung nach/über Auschwitz unter veränderten Gesellschaftsbedingungen berücksichtigt;
  • in unterrichtspraktischer Perspektive müssen die Anschlussstellen sichtbar werden, an denen gehaltvolle Unterrichtsentwürfe und Schulmaterialien für einen »anderen« Deutschunterricht zum Holocaust praktisch entstehen sollen;
  • an einem zukunftsfähigen und innovativen Holocaustcurriculum für den Literaturunterricht in allen Schulstufen zu arbeiten, das sich auf der Höhe der Theorie und auf der Höhe der gegenwärtig verfügbaren Holocaustliteratur (vom Bilderbuch bis zum autobiographischen Roman) befindet.


Es scheint derzeit dringend geboten, die Kompetenzen der einzelnen Arbeitsgebiete miteinander zu vernetzen und an zukunftsfähigen Arbeitsmaterialien für den Unterricht von der Grundschule bis zur Sekundarstufe zu arbeiten. Ausgehend von einem Tagungsband, den ich herausgeben werde, sollen in den nächsten Jahren weitere didaktische Handreichungen erstellt werden, die vor allem den veränderten Literatur- und Medienangeboten der letzten zehn Jahre, aber auch den veränderten Interessenlagen und Lernbedingungen heutiger Schüler Rechnung tragen sollen.

Unter den Bedingungen eines dramatischen Wissensverlustes unter Jugendlichen über die jüngste Geschichte, des neuen diffusen Antisemitismus in Europa, der neonationalistischen Ideologien zur ultimativen Vergangenheitsentsorgung sowie der zunehmend wachsenden historischen Distanz junger Generationen zum Zivilisationsbruch Auschwitz ist es unerlässlich, intensiv über neue Antworten nachzudenken, welche Aufgaben und Ziele der Deutschunterricht überhaupt vertreten kann und soll, will er nicht zu einem Stellvertreter für politische Bildung degenerieren. In Zeiten instabiler kultureller Identitäten und dramatisch erodierender Bildungskompetenzen scheint es diesbezüglich angeraten, die Bedeutung von ästhetischer Erziehung, literarischer Bildung und textvermittelter Sinnorientierung für die Erinnerungs­bereitschaft junger Menschen nicht zu unterschätzen. Vom Gelingen literarischer Bildung hängt nicht unerheblich die Befähigung ab, am kollektiven Gedächtnis überhaupt teilzunehmen zu können. Wie sollte ein Deutschunterricht angelegt sein, der diesen veränderten Anforderungen angemessen Rechnung tragen kann?

Tagungsprogramm:

Freitag, 11. November 2005
09:00 Uhr Begrüßung
09:15 Uhr Prof. Dr. Clemens Kammler (Uni Essen):
Erinnerung als Aufgabe des Literaturunterrichts
10:00 Uhr Diskussion
10:30 Uhr PD Dr. Ursula Reitemeyer (Uni Münster):
Erinnerungsarbeit als Aufgabe (allgemein)bildenden Unterrichts?
11:00 Uhr Diskussion
11:30 Uhr Kaffeepause
11:45 Uhr Dr. Jens Birkmeyer (Uni Münster):
Erinnerung als didaktische Kategorie? Ethische Zugänge im Literaturunterricht
12:15 Uhr Diskussion
12:45 Uhr Mittagspause
14:30 Uhr Prof. Dr. Cornelia Blasberg (Uni Münster):
Identitätsarbeit und/gegen Vergangenheitsbewältigung? Die dritte Generation nach dem Holocaust in der aktuellen Literatur
15:00 Uhr Diskussion
15:30 Uhr Dr. Gabriele von Glasenapp (Uni Frankfurt/Main):
»Man kann nie alles sagen« – Jüdische Kindheit und Jugend während des Dritten Reiches im Spiegel autobiographischer Texte
16:00 Uhr Diskussion
16:30 Uhr Kaffeepause
17:00 Uhr Prof. Dr. Juliane Köster (Uni Jena):
Die Nachgeschichte des Holocaust in der aktuellen Jugendliteratur. Unterschiedliche Darstellungsperspektiven und ihre didaktische Relevanz
17:30–
18:30 Uhr
Diskussion
 
Samstag, 12. November 2005
09:00 Uhr Prof. Dr. Gerd Steffens (Uni Kassel):
Identfikation oder Autonomie? Zwei Modelle der Universalisierung von Erinnerung
09:30 Uhr Diskussion
10:00 Uhr Dr. Sascha Feuchert (Uni Gießen):
Fiction oder Faction? Plädoyer für einen schulischen Umgang mit authentischen Texten
10:30 Uhr Diskussion
11:00 Uhr Kaffeepause
11:30 Uhr Jeanette Hoffmann (FU Berlin):
»Was sage ich dazu?« – Herausforderungen zeitgeschichtlicher Jugendliteratur im literarischen Gespräch
12:00 Uhr Diskussion
12:30 Uhr Mittagspause
14:00 Uhr Dipl. Päd. Alexandra Flügel (Uni Köln):
Die Kommunikation von Kindern über den Holocaust: Umgangsweisen und Verarbeitungsstrategien
14:30 Uhr Diskussion
15:00 Uhr Benedikt Terrahe (Lehrer / Uni Gießen):
Holocaust als Thema im Deutschunterricht der Grundschule. Vorläufige Ergebnisse aus der empirischen Unterrichtsforschung für die Literaturdidaktik
15:30 Uhr Diskussion
16:00 Uhr Kaffeepause
16:30 Uhr Dr. Irit Wyrobnik (TU Darmstadt):
Holocaust und NS-Zeit als fächerübergreifendes Thema im Grundschulunterricht? Ansätze und Erfahrungen
17:00 Uhr Diskussion
18:00–
19:30 Uhr
Podiumsveranstaltung:
Lektüren des Holocaust in der Schule. Neue Perspektiven für den Deutschunterricht?
 
Sonntag, 13. November 2005
09:30 Uhr Dr. Matthias Heyl (Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück):
Gibt es überhaupt eine »Erziehung nach Auschwitz«? Kritische Beobachtungen aus der pädagogischen Arbeit
10:00 Uhr Diskussion
10:30 Uhr Dr. Ulrike Schrader (Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal):
Öffentliche Texte. Bewältigung und Bewahrung der (NS-)Vergangenheit als Thema einer multikulturellen Menschenrechtsbildung
11:00 Uhr Diskussion
11:30 Uhr Kaffeepause
12:00 Uhr Dr. Astrid Messerschmidt (TU Darmstadt):
Aneignungsprozesse – Beobachtungen in der dritten Generation nach dem Holocaust
12:30 Uhr Diskussion
13:00 Uhr Abschlussdiskussion
14:00 Uhr Ende der Tagung

 
Zur Anzeige oder zum Download des Leporellos mit dem Tagungsprogramm (pdf-Datei, 150 KB) klicken Sie bitte hier.

Tagungstermin: 11.–13.11.2005
Tagungsort: Geschichtsort Villa ten Hompel
Kaiser-Wilhelm-Ring 28
48145 Münster

Fon: 0251 492 71 01
Fax: 0251 492 79 18

E-Mail: tenhomp@stadt-muenster.de
Web: http://www.muenster.de/kultur

Anmeldung: über den Geschichtsort Villa ten Hompel
Tagungsgebühr: 15,– € (für Studierende 8,– €)
Verantwortung für Planung und Organisation: OStR i. H. Dr. Jens Birkmeyer  

 


 

 

Ringvorlesung im Sommersemester 2005:

»Erinnern des Holocaust? Eine neue Generation sucht Antworten«


Von der heutigen Bevölkerung der Bundesrepublik gehören nur noch ungefähr 18 % zur Generation der Zeitgenossen von Nationalsozialismus und Holocaust, 45 % hingegen sind nach 1972 geboren. Diese sind selbstverständlich weder politisch noch persönlich für die Untaten der Hitler-Diktatur verantwortlich zu machen, und doch stehen sie weiterhin – wenn auch in schwächerem Maße als ihre Großeltern und Eltern – im Bann einer kollektiven (Selbst-)Zuschreibung von Schuld und Versagen. Aufgrund dieser intrikaten Gemengelage aus Kontinuität und Diskontinuität muss die ›dritte‹ und ›vierte‹ Generation nach dem Holocaust an die Bewältigungsstrategien ihrer Vorgänger anschließen und ist gleichzeitig gezwungen, nach eigenen Wegen des Umgangs mit der deutschen Vergangenheit zu suchen. Der Wunsch nach Neu-Orientierung ist allgemein stark und überall spürbar, je nach Diskurs- und Praxisfeld nimmt seine Realisierung jedoch individuelle Formen an. 

2005ss Ringvorlesung Plakat 0300x0425x08Wenn die Ringvorlesung versucht, die präg­nanten Erscheinungsformen dieser Such­bewegung namhaft zu machen, sie zu beschreiben und zu analysieren, dann zieht das zwangsläufig eine Auseinandersetzung mit der traditionellen und in der Öffentlichkeit bis heute geübten ›Bewältigungs‹- und ›Erinnerungs‹-Praxis nach sich, wie sie von der Politik, von Museen und Schulen, psycho­logischer und historischer Forschung in großer Vielfalt und durchaus kontrovers vorange­trieben wird. Ohne eine solche Auseinander­setzung haben Innovationsbestrebungen keine Chance. Umgekehrt wird deutlich, dass man sich der ›Geschichte‹ nicht wie eines Reservoirs unumstößlicher Formeln bedienen kann, sondern dass ›Geschichte‹ das, was gewesen ist, im Licht sich verändernder Zukunftserwartungen immer wieder neu interpretiert.

Im Mittelpunkt der Ringvorlesung werden drei Themenbereiche stehen:

1. Tradierung und Interpretation der Erfah­rung von Nationalsozialismus und Holocaust im sozialen Nahbereich der Familie, wobei vor allem das Verhältnis zwischen den Genera­tionen und das Selbst- und Geschichts­verhältnis der ›dritten‹ und ›vierten‹ Generation interessiert.

2. Institutionen historischer Wissensvermittlung (Universitäten, Schulen, Museen etc.) als Orte der Neukonzeptualisierung historischen Wissens.

3. Literatur und Kunst als Foren symbolischer Kommunikation über den Holocaust.

 

Der Zeitplan der Ringvorlesung:

26.04.05 Prof. Dr. Harald Welzer (Witten/Herdecke):
Kollateralschäden der Aufklärung. Über den privaten Gebrauch von Geschichte
03.05.05 Dr. Nina Leonhard (Strausberg):
Öffentliche versus familiale Erinnerung? Deutungen der nationalsozialistischen Vergangenheit im Verlauf von drei Generationen
10.05.05 Prof. Dr. Gabriele Rosenthal (Göttingen):
Transgenerationelle Folgen des Nationalsozialismus. Ein kontrastiver Vergleich zwischen den Nachkommen von Opfern und Tätern in Deutschland und Israel
24.05.05 Prof. Dr. Hans-Ulrich Thamer (Münster):
Der Holocaust in der deutschen Erinnerungskultur vor und nach 1989
31.05.05 Prof. Norbert Nowotsch (Münster):
Ausstellungsgestaltung und Visualisierung zu Themen des Nationalsozialismus
07.06.05 Dr. Ulrike Schrader (Wuppertal):
Lästige Orte. Angebote und Chancen zu einem neuen Verständnis von »Vergangen­heitsbewältigung«
14.06.05 Prof. Dr. Cornelia Blasberg (Münster):
Erinnern? Tradieren? Erfinden? Zur Konstruktion von Vergangenheit in der aktuellen Literatur über die dritte Generation
21.06.05 Dr. Jens Birkmeyer (Münster):
Nicht erinnern – nicht vergessen. Das Gedächtnisdilemma in der Popliteratur
28.06.05 Dr. Doerte Bischoff (Münster/Berlin):
»Einmal muß Schluß sein«? Über Abrechnungen, Entschuld(ig)ungen und Holocausterinnerung bei Doron Rabinovici
05.07.05 PD Dr. Ursula Reitemeyer (Uni Münster), Dr. Oliver Näpel (Uni Münster), Christoph Spieker (Villa ten Hompel), Dr. Jens Birkmeyer (Uni Münster):
Podiumsdiskussion: Wohin mit dem Holocaust? Perspektiven aktueller Erinnerungsdiskurse

Zeit: Di, 18–20 Uhr (Beginn: 26.04.2005)
Ort: S 1, Schloss, Schlossplatz 2
Verantwortung: Prof. Dr. Cornelia Blasberg, Dr. Jens Birkmeyer

 

Jens Birkmeyer / Cornelia Blasberg (Hrsg.)
Erinnern des Holocaust?

Eine neue Generation sucht Antworten

Münstersche Arbeiten zur Internationalen Literatur Bd. 2


2006, ISBN 3-89528-531-5,
248 Seiten, kart. ca. EUR 19,80

zum Inhaltsverzeichnis

Erinnern Des Holocaust

Wie erinnern sich junge Menschen heute an den Holocaust? Die „dritte Generation“ verfügt nur mehr über Erinnerungen an andere Erinnerungen: an familiäre Erzählungen, Fotos in Alben und Ausstellungen, an Geschichtswissen in Schulbüchern, an Literatur und Filme. Aus unterschiedlichen Fachperspektiven widmen sich die Beiträge daher aktuellen Suchbewegungen der jüngeren Generation nach einer konsensfähigen Erinnerung. So unterschiedlich, ja gegensätzlich persönliche Zugänge zur Geschichte über Medien und wissenschaftliche Einsichten auch sein mögen, in den Familien können die im Überlieferungsprozeß entstandenen Verzerrungen der privaten Geschichte mit historischem Wissen durchaus koexistieren. Offenkundig prägen die gegenwärtigen sozialen Rahmungen das Gedächtnis stärker als die Vergangenheit selbst. Erinnerungsgemeinschaften finden sich erst auf der Basis gemeinsamer Deutungen, Sinnwünsche, und Gefühlslagen zusammen. Den Konturen jener Rahmungen geht der Band nach und versucht, eine thematische Balance herzustellen: zwischen den generationellen Verabredungen und historischen Gegenständen sowie den kulturellen Praktiken, in deren Kontext sich Erinnerungen erst konstituieren und artikulieren. Können junge Menschen Narrative der Erinnerung aufbauen, die zu Bestandteilen des kulturellen Gedächtnisses werden?

Inhalt:

  • Jens Birkmeyer, Cornelia Blasberg: Vorwort
  • Gabriele Rosenthal: Transgenerationelle Folgen von Verfolgung und von Täterschaft. Familien von Überlebenden der Shoah und von Nazi-Tätern
  • Harald Welzer: „Ach Opa!“ Einige Bemerkungen zum Verhältnis von Tradierung und Aufklärung
  • Nina Leonhard: Zwischen Vergangenheit und Zukunft: Die Erinnerung an den Nationalsozialismus im Verlauf von drei Generationen
  • Hans-Ulrich Thamer: Der Holocaust in der deutschen Erinnerungskultur vor und nach 1989
  • Ulrike Schrader: Lästige Orte. Bedeutung und Zukunft von Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus
  • Norbert Nowotsch: Ausstellungsgestaltung und Visualisierung zu Themen des Holocaust
  • Jens Birkmeyer: Nicht erinnern – nicht vergessen. Das Gedächtnisdilemma in der Popliteratur
  • Cornelia Blasberg: Erinnern? Tradieren? Erfinden? Zur Konstruktion von Vergangenheit in der aktuellen Literatur über die dritte Generation
  • Doerte Bischoff: „Einmal muß Schluß sein“? Über Abrechnungen, Entschuldungen und kommunikative Erinnerung anläßlich einer Lektüre von Doron Rabinovici

       

Wohin mit dem Holocaust? Eine Podiumsdiskussion

  • Christoph Spieker: Über die Notwendigkeit von ethischem Training
  • Jens Birkmeyer: Thesen über ein zukünftiges Erinnern
  • Ursula Reitemeyer: Erinnern ja – aber wie? Erinnerungsarbeit versus Kulturindustrie. Sechs Thesen
  • Oliver Naepel: Der Holocaust in Schule und Geschichtsunterricht zwischen den Polen Betroffenheitspädagogik und Aufklärung

 


 

 

J. Birkmeyer / Th. Kleinknecht / U. Reitemeyer (Hrsg.)
Erinnerungsarbeit in Schule und Gesellschaft

Ein interdisziplinäres Projekt von Lehrenden und Studierenden der Universität Münster in Zusammenarbeit mit dem Geschichtsort Villa ten Hompel

zum Inhaltsverzeichnis 

Erinnern Schule Gesellschaft Hq 

„Erinnerungsarbeit als Aufgabe einer reflexiven Moderne“ thematisiert die divergenten Erinnerungspraxen sowie die disparaten Erinnerungshorizonte, die wissenschaftsinterdisziplinär bearbeitet werden. Neben Historikern beteiligten sich seit dem WS 2004/05 an der WWU Philosophen, Soziologen, Germanisten und Pädagogen an diesem Diskurs, der in diesem Band dokumentiert werden soll. Erinnerungsarbeit, nicht nur als Aufgabe der Geschichtsschreibung, sondern auch in Form eines intergenerationellen gesellschaftlichen Dialoges kann sich nicht allein auf eine gewissermaßen selbstreferentielle Aussagekraft archivierten Materials verlassen. Vielmehr muss das Archiv selbst zum Sprechen gebracht werden, d. h. es muss auf Fragen antworten, durch die Daten und Fakten in Bezug zueinander treten und zu einem Kontext werden. Nun stellen sich Fragen nicht von selbst ein, insbesondere nicht in dem von Routinehandeln geprägten Alltag. So können die in einem solchen Erinnerungsdiskurs gewonnenen Einsichten als Außenperspektive in das eigene Alltagshandeln transformiert werden, um so die Routine vor ihrer eigenen Bewußtlosigkeit zu schützen. Unter den Stichpunkten: Arbeit am Begriff, Arbeit in der Schule und Arbeit am Geschichtsort werden verschiedene Zugänge zum Komplex Erinnerung eröffnet und auf ihre pädagogische Eignung überprüft. Gemeinsam ist hierbei allen Beiträgen, dass sie Erinnerungsarbeit als einen schwierigen und durchaus mühevollen Prozess historischer und kritischer Selbstverortung in der heutigen Moderne begreifen.

Jens Birkmeyer, Thomas Kleinknecht, Ursula Reitemeyer (Hrsg.): Erinnerungsarbeit in Schule und Gesellschaft. Ein interdisziplinäres Projekt von Lehrenden und Studierenden der Universität in Zusammenarbeit mit dem Geschichtsort Villa ten Hompel. Waxmann: Münster 2007.

 


 

Internationales Symposium, 21.–23.01.2004:
»Blumenworte welkten« – Entwürfe von Identität und Fremdheit in Rose Ausländers Lyrik 


Rose Ausländer (1901–1988) gehört fraglos zu den bedeutendsten und bekanntesten deutsch-jüdischen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. Hin- und hergeworfen auf der »Luftschaukel Europa-Amerika-Europa«, lebte sie in Czernowitz, Wien, Bukarest, New York und Düsseldorf. In der Bukowina (Rumänien) kam Rose Ausländer, geb. Rosalie Beatrice Ruth Scherzer, zur Welt. Sie wuchs in einem weltoffenen, liberal-jüdischen, auch kaisertreuen Elternhaus auf, in dem jedoch die wichtigsten Regeln der jüdischen Tradition bewahrt wurden. Zudem gab es in dieser ehemals östlichsten Provinz deutsch-österreichischer Kultur eine fast 200-jährige deutsche Sprach- und Literaturtradition, von der sie stark geprägt wurde. Rose Ausländer studierte 1919/1920 Literaturwissenschaft und Philosophie an der Universität Czernowitz und wanderte 1921 mit ihrem Studienfreund Ignaz Ausländer in die USA aus. In Amerika publizierte sie ihre ersten Gedichte und arbeitete u. a. als Redakteurin, Sekretärin und Bankangestellte. Nach ihrer Rückkehr nach Czernowitz erschien dort 1939 ihr erster Gedichtband, »Der Regenbogen«.

Plakat1941 bis 1944 hielten die Nazis die Stadt besetzt. Rose Ausländer gelang es, unter elendsten Bedingungen im Ghetto zu überleben. Sie musste Zwangsarbeit leisten und versteckte sich zeitweise in einem Keller. Die Lyrikerin übersiedelte 1946 nach New York, wo sie Gedichte in deutscher und englischer Sprache veröffentlichte. Das erste Buch nach dem Krieg, »Blinder Sommer«, erschien 1965 in Wien. Rose Ausländer übersiedelte 1965 in die Bundesrepublik, reiste viel und lebte von 1970 bis 1988 im Nelly-Sachs-Haus, dem Altenheim der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf. Die letzten zehn Jahre ihres Lebens war sie bettlägerig. Sie veröffentlichte mehr als zwanzig Gedichtbände. Rose Ausländer erhielt gegen Ende ihres Lebens zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Die Rose-Ausländer-Gesellschaft und das Rose-Ausländer-Dokumentationszentrum in Uxheim/Eifel fördern intensiv die Publikation, Verbreitung und Erforschung ihres Werkes.

Die intensive akademische Beschäftigung mit dieser außergewöhnlichen Autorin, die knapp 3000 Gedichte und einige Prosatexte hinterließ, ist noch keineswegs erschöpft. Daher wurde in Münster (21.–23.01.2004) das literaturwissen­schaftliche Symposion »›Blumenworte welkten‹ – Entwürfe von Identität und Fremdheit in Rose Ausländers Lyrik« durchgeführt, an dem Fachleute aus sechs Ländern beteiligt waren. Durchgeführt wurde die Veranstaltung vom »Institut für Deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik« der Westfälischen Wilhelms-Universität (Dr. Jens Birkmeyer) in Kooperation mit der »Rose Ausländer-Stiftung« (Köln) und der »Akademie Franz Hitze Haus« (Münster). Der thematische Schwerpunkt lag auf dem lyrischen Werk nach dem stilistischen Wandel in den 50er Jahren. Die Orientierungsbegriffe »Identität« und »Wandel« erhellten die Zusammen­hänge zwischen Werk und Biographie. Es galt zugleich aber auch, die Kontrapunkte »Fremde«, »Fremdheit«, »Verlust« und »Scheitern« in Rose Ausländers Werk zu betrachten.

Zur Anzeige oder zum Download des Veranstaltungsplakats (pdf-Datei, 105 KB) klicken Sie bitte  hier.

Zur Anzeige oder zum Download der Tagesordnung des Symposiums (pdf-Datei, 88 KB) klicken Sie bitte  hier.

Parallel zur Tagung fand im Ausstellungspavillon der Universitäts-Bibliothek eine Ausstellung zum Leben und Werk Rose Ausländers statt: »Mit meinem Seidenkoffer / reise ich in die Welt«. Rose Ausländer 1901–1988.

Ebenso gehörte zur Tagung eine literarische Soiree, in der Schauspieler der Städtischen Bühnen Münster im Vortragssaal des Landesmuseums Texte von und über Rose Ausländer rezitierten. Musikalisch begleitet wurde die Lesung von Eva-Susanne Ruoff (Cello) aus Düsseldorf. Moderation: Dr. Helmut Braun (Köln).

Jens Birkmeyer (Hg.)
»Blumenworte welkten«
Entwürfe von Identität und Fremdheit in Rose Ausländers Lyrik

2008, ISBN 978-3-89528-603-2
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