DFG-Projekt

„Entscheiden im Prosaroman des 15. und 16. Jahrhunderts“

(Szene Übergabe Geldsäckel, Druck ‚Fortunatus‘, nach 1600, HAB Wolfenbüttel)
© Germanistisches Institut


Versteht man ‚Entscheiden‘ in Abgrenzung von den sozial- und wirtschaftswissenschaftlich geprägten decision sciences nicht als mentalen, rationali-stischen und routinehaften Akt, sondern als soziales, durch kulturelle Semantiken und Narrative geprägtes Handeln, dann ist Entscheiden zwischen sich ausschließenden Alternativen keineswegs die Regel, sondern die Ausnahme. Entscheiden als Sprung über den „Graben der Ungewißheit“ (LÜBBE) markiert vielfach biogra-fische Wendepunkte und stellt epochenüber-greifend einen attraktiven Erzählgegenstand dar. Im vormodernen volkssprachlichen Roman geraten aus der Perspektive des Entscheidens Lebensweg-entscheidungen (Berufswahl, Heirat), monologisch verhandelte Gewissenskonflikte (Dilemmata), Gerichtsprozesse und -urteile sowie göttliches und schicksalhaftes Entscheiden (z. B. durch das Los) in den Blick. Literatur tradiert spezifische Entscheidensnarrative, diskutiert Handlungs-spielräume des Individuums gegenüber transzendenten Mächten (Gott, Fortuna) und reflektiert gesellschaftlich präferierte Formen kollektiver und individueller Konfliktlösung.
Das in drei Unterprojekte gegliederte DFG-Projekt setzt sich zum Ziel, Entscheidensdiskurse in frühneuhochdeutschen Prosaromanen des 15. und 16. Jahrhunderts zu rekonstruieren, Sinndimensionen erzählten Entscheidens aufzudecken und die Rolle des Entscheidens als Vermittlungsverfahren zwischen Individuum, Gesellschaft und transzendenten Mächten zu bestimmen. Das Projekt betrachtet Entscheidensszenen aus historisch-kulturwissenschaftlicher Perspektive und untersucht die literarische Darstellung von Entscheiden in narratologischer und diskursgeschichtlicher Hinsicht.
Die Forschungsarbeit nimmt zum einen die in ihrer Zeit erfolgreichsten Werke der Erzählliteratur in den Blick – z.B. Thürings von Ringoltingen ‚Melusine‘ (1456), den anonymen ‚Fortunatus‘ (Erstdruck 1509) und das ‚Faustbuch‘ (Erstdruck 1587) –, setzt zum anderen einen Schwerpunkt auf die Werke Jörg Wickrams und sieht auch Vergleiche mit Entscheidensszenen des mittelalterlichen höfischen Romans vor. Das Projekt soll so einen Beitrag zur historischen Dimensionierung des populären Themas ‚Entscheiden‘ sowie zur Bestimmung der Rolle von Literatur in der frühneuzeitlichen Gesellschaft leisten.

Laufzeit:
April 2021 – März 2024

Projektleiter:
Prof. Dr. Bruno Quast

Mitarbeiter*innen:
Dr. Susanne Spreckelmeier
Tim Meyer, M.A.

Unterprojekte:

  • Unterprojekt A
    „Religiöses Entscheidenswissen im Prosaroman des 15. und 16. Jahrhunderts“
    (Prof. Dr. Bruno Quast)
  • Unterprojekt B
    „Entscheiden im historischen Wandel: Die Entscheidensinszenierung im frühneuhochdeutschen Prosaroman als Signatur des Epochenumbruchs“
    (Dr. Susanne Spreckelmeier)
  • Unterprojekt C
    „Entscheiden und Unterweisen. Entscheidenserzählungen
    als Orte moralischer und religiöser Reflexion im Werk Jörg Wickrams“
    (Tim Meyer, M. A.)