Der integrierte Studiengang des Lehrgebiets Deutsch als Fremdsprache (LDaF) mit der Soochow University in Taipeh

Ein Gruppenbild vom 30-jährigen Jubiläum
© Lehrgebiet Deutsch als Fremdsprache

Der integrierte Studiengang mit der Soochow University
Seit 1995 besteht ein integrierter Studiengang zwischen dem Sprachenzentrum der Universität Münster und der Soochow University in Taipeh. Im Rahmen ihres vierjährigen Bachelorstudiums „Deutsche Sprache & Kultur“ verbringen die taiwanischen Studierenden das komplette zweite Studienjahr in Münster, um ihre Deutschkenntnisse zu vertiefen und Land und Leute kennenzulernen. Neben den internationalen DaF-Kursen am Lehrgebiet erhalten sie auch Unterricht in Englisch sowie Landes- und Kulturkunde, ergänzt durch ein umfangreiches kulturelles und kommunikatives Rahmenprogramm.

© Lehrgebiet Deutsch als Fremdsprache

Im Gespräch mit:
Anna-Luisa Eich & Assoc. Prof. Hsu Yu-Fang

Worum geht es bei der Kooperation mit der Soochow University genau?
Frau Eich:
Jedes Jahr im August landet eine ganze Kohorte junger Menschen aus Taipeh in Münster, rund 20 Studierende, etwa ein Drittel der gesamten Jahrgangsstärke der deutschen Abteilung an der Soochow. Bis Mitte Juli des Folgejahres verbringen sie in Münster dann ihr zweites Bachelorjahr: intensive Deutschkurse, wer mag, zusätzlich Englischunterricht, und am Ende zählt das komplette Jahr ganz regulär auf den Abschluss in Taipeh. Umgekehrt geht das übrigens auch, nur eben nicht über das Lehrgebiet Deutsch als Fremdsprache (LDaF); Münsteraner Studierende, die es nach Taiwan zieht, organisieren das über die reguläre Mobilität ihres Fachbereichs. Bei uns im Lehrgebiet ist diese Verbindung nach Taiwan tatsächlich die einzige ihrer Art, und das schon seit 1995.

Wie sind Sie beide zu dieser Kooperation gekommen, und was ist heute Ihre Rolle darin?
Frau Eich:
Ich habe das Programm von 2019 bis 2025 koordiniert und bin inzwischen in die Leitung des LDaF gewechselt. Die Koordination liegt jetzt bei Eka Chakvetadze. Während wir hier sprechen, ist sie gerade mit der aktuellen Gruppe auf Abschlussfahrt nach Wangerooge, was ganz gut zeigt, wie viel in diesem Amt steckt: Semesterplanung und Prüfungstermine, Exkursionen, aber auch ganz konkret helfen, wenn es im Alltag hakt. Unsere Betreuerin unterstützt sie bei diesen Aufgaben. 
Frau Hsu: Ich unterrichte an der Soochow-Universität am Institut für Deutsche Sprache und Kultur. Wenn wir als Mentor:innen für die Studierenden des ersten Studienjahres tätig sind, entscheiden wir auf Grundlage ihrer Studienleistungen, wer die Möglichkeit erhält, nach Deutschland zu gehen. Dabei spielt vor allem das Deutschsprachniveau eine entscheidende Rolle. Die Studierenden brauchen ein A2-Niveau, um am Programm teilnehmen zu dürfen. Und jedes Jahr reist eine Lehrperson aus unserer Abteilung eine Woche mit der Gruppe nach Münster. Dieses Jahr bin das ich, zum zweiten Mal, mein erster Aufenthalt war 2023. Bei uns an der Soochow machen wir intern viel Werbung für das Programm, weil wir aus der langjährigen Erfahrung wissen, wie viel unsere Studierenden davon mitnehmen.

Wie kam die Kooperation zustande?
Frau Eich: Von unserer Seite hat Renate Otte, die inzwischen im Ruhestand ist, das Programm 1995 mit angestoßen und eher zufällig, wie es mir erzählt wurde. Es gab eine Anfrage aus Taiwan, ob man nicht gemeinsam etwas aufbauen könnte.
Frau Hsu: Damals hatte bereits eine andere Universität in Taiwan ein Austauschprogramm mit einer Universität in Deutschland. Das fanden wir spannend und haben daraufhin über das Bildungsministerium in Taiwan sowie die taiwanische Vertretung in Deutschland Kontakt zur Universität Münster aufgenommen. So ist aus einer Anregung von außen eine eigene Kooperation entstanden.

Wie hat sich das Programm seither verändert?
Frau Eich:
Um das wirklich für alle 30 Jahre zu beurteilen, hätte ich von Anfang an dabei sein müssen, ehrlicherweise kenne ich nur einen Ausschnitt. Aber angepasst wurde ständig, im Unterricht sowie im Rahmenprogramm. Am deutlichsten verändert haben sich, glaube ich, die Studierenden selbst. Kollegen und Kolleginnen, die schon viel länger dabei sind als ich, erzählen von jungen Menschen vor 20 Jahren, die eher verschüchtert waren und sich kaum etwas zugetraut haben. Die Generation, die heute zu uns kommt, ist viel unabhängiger, sie reist an den Wochenenden quer durch Europa und gestaltet ihr Jahr sehr eigenständig.
Frau Hsu: Eine Information dazu habe ich mir extra noch einmal von unserer Sekretärin bestätigen lassen: Ursprünglich lief das Programm nur ein halbes Jahr, erst seit 1999 sind es die vollen zwölf Monate.
Frau Eich: Genau, und dahinter steckt eine ganz praktische Erfahrung: Nach einem halben Jahr macht es sprachlich gerade erst richtig „klick“ bei den Studierenden. Ein ganzes Jahr lohnt sich für sie viel mehr. Man hat sich gerade eingelebt, weiß, wie der Bus fährt und wie der Alltag hier funktioniert, und müsste dann direkt wieder zurück. Das fänden wir schade.

Wie sieht ein Jahr für die Studierenden ganz praktisch aus?
Frau Eich: Von Mai bis August ist bei uns besonders viel los, denn dann laufen alle Vorbereitungen für die Ankunft im August: Die Koordinatorin und die Betreuerin kümmern sich um Ausländerbehörde, Kontoeröffnung und Krankenversicherung, organisieren die Unterbringung und besorgen sogar die Bettwäsche. Alle Studierenden wohnen im Studierendenwohnheim. Ist die Gruppe dann da, gibt es vier Tage Unterricht pro Woche und jeden Monat eine gemeinsame Aktivität, sei es einen Tagesausflug, eine Führung oder eine Runde Bowling. Im Winter backen wir zusammen Plätzchen oder basteln Weihnachtsdeko, und gefeiert wird natürlich auch. Viele Studierende nutzen aber vor allem die drei freien Tage jede Woche, um möglichst viele Städte und Länder zu sehen, manchmal kennen sie Münster selbst wenig, waren aber schon in mehreren europäischen Hauptstädten.
Frau Hsu: Zur Einordnung: An unserem Institut für Deutsche Sprache und Kultur studieren insgesamt etwas mehr als 200 Studierende. Jedes Jahr nehmen wir knapp 60 neue Studierende auf. Von ihnen gehen im zweiten Studienjahr etwa 20 an die Universität Münster. Viele unserer Studierenden entscheiden sich außerdem für ein Doppelstudium oder ein Nebenfach. In Münster dürften sie theoretisch auch andere Kurse der Universität belegen, machen davon in der Praxis aber so gut wie nie Gebrauch.

Und wie entwickeln sich die Studierenden sprachlich über das Jahr?
Frau Eich:
Sehr unterschiedlich, muss ich ehrlich sagen. Die meisten bleiben auf B1-Niveau oder erreichen dieses Niveau erst im Laufe des Jahres wirklich sicher, nur wenige schaffen es auf B2-Niveau, und C1 hat seit Längerem niemand mehr innerhalb eines Jahres geschafft. Dieses Jahr haben beispielsweise nur zwei von 20 Studierenden den B2-Kurs besucht, früher sah das anders aus.
Jedes Jahr bleiben aber auch ein bis zwei Personen aus der Gruppe nach dem Austauschjahr hier und verlassen die Soochow University, um weiter bei uns Deutsch zu lernen und anschließend an der Uni Münster ins Fachstudium zu gehen. Andere schließen ihren Bachelor in Taiwan ab und kommen später für ihren Master nach Münster zurück.

Gab es besondere Meilensteine oder Momente, die Ihnen in Erinnerung geblieben sind?
Frau Eich:
Das 30-jährige Jubiläum im vergangenen Sommer war sicher ein besonderer Moment mit Studierenden, ehemaligen Projektbegleiter*innen und Lehrenden an einem Ort. Schön war vor allem zu sehen, wie viele Menschen über die Jahre am Programm mitgewirkt haben und es damit erst ermöglichen.
Frau Hsu: Ich bin selbst noch nicht sehr lange an der Soochow Universität, aber mich beeindruckt, wie sorgfältig das Austauschprogramm organisiert ist. Als ich selbst Austauschstudentin war, mussten wir uns um viele organisatorische Dinge selbst kümmern. Hier erhalten die Studierenden in dieser Hinsicht mehr Unterstützung. 
Frau Eich: Apropos Fürsorge: Einmal hat uns eine Studierende geschrieben und um Hilfe gebeten, weil sie eine Spinne im Zimmer hatte! Solche Anekdoten zeigen ganz gut, welche Erwartungen manchmal an uns herangetragen werden, die kennen wir von gleichaltrigen deutschen Studierenden so nicht unbedingt. Wir schmunzeln darüber, nehmen die Sorgen dahinter aber natürlich trotzdem ernst.

Welche Herausforderungen bringt die Zusammenarbeit mit sich?
Frau Eich:
Eine ganz praktische Herausforderung ist das Sprachniveau: Studierende mitzunehmen, die B1 noch nicht ganz erreicht haben, ist für unsere Lehrkräfte genauso anspruchsvoll wie für die Studierenden selbst. Dazu kommt ein anderes Thema, das uns immer wieder begegnet: die Eltern. Sie machen sich viele Sorgen und sehen die Universität ein Stück weit als „Mutti“, die sich um alles kümmern muss. Das war für uns am Anfang etwas ungewohnt, mittlerweile wissen wir aber damit umzugehen.
Frau Hsu: Ich glaube, gerade weil unser Programm bis ins Detail organisiert ist, etwa durch die verlässliche Unterbringung im Wohnheim, schicken Eltern ihre Kinder lieber über uns nach Deutschland als über andere Programme. Münster genießt bei uns auch aufgrund der hohen Sicherheit in der Stadt einen sehr guten Ruf. 
Frau Eich: Beim Wohnheim schwitzen wir tatsächlich jedes Jahr ein bisschen, ob wieder alles klappt: Unsere Studierenden müssen sich wie alle anderen um einen Platz bewerben, eine Garantie für ein Zimmer pünktlich zum Ankunftstag gibt es formal nicht. Bislang hat es aber immer geklappt, und dafür sind wir dem Studierendenwerk sehr dankbar.

Welche Perspektiven sehen Sie für die Zukunft?
Frau Hsu:
Eine unserer Studierenden wird im August gemeinsam mit der Sinologie der Universität Münster eine Teezeremonie veranstalten. Die Initiative dafür ging von ihr selbst aus und wird vom taiwanischen Bildungsministerium unterstützt. Besonders freut mich, dass unsere Studierenden durch die langjährige Kooperation selbst auf die Idee kommen, den Kontakt zur Universität Münster zu suchen und eigene Projekte anzustoßen. Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass es noch mehr solcher Initiativen und Austauschmöglichkeiten gibt und dass künftig auch mehr Studierende aus Münster zu uns an die Soochow Universität kommen.

Welche Empfehlungen würden Sie anderen geben, die eine ähnliche Kooperation aufbauen möchten?
Frau Eich:
Am wichtigsten ist es, gut organisiert zu sein und sich frühzeitig um Dinge zu kümmern, denn vieles hat man nicht selbst in der Hand. Deadlines gibt es trotzdem. Der regelmäßige Kontakt zur Soochow University ist enorm wichtig, dazu gehört auch, zwischendurch einfach mal eine Nachricht zu schreiben, dass es der Gruppe gut geht. Bei den Studierenden selbst hilft es, Dinge mehrmals zu sagen – besser zwei- oder dreimal als einmal – und wichtige Informationen lieber schriftlich als nur mündlich weiterzugeben.
Frau Hsu: Auf unserer Seite würde ich sagen: Es ist eine wirklich einzigartige Kooperation, weil Frau Eich und ihre Kolleginnen den Studierenden tatsächlich verlässlich Wohnheimplätze verschaffen, das bieten längst nicht mehr so viele deutsche Universitäten. Ich kenne viele andere Austauschprogramme mit deutschen Hochschulen, die nicht annähernd so bis ins Detail organisiert sind. Genau das macht dieses Programm für Eltern und Studierende so attraktiv.

Ich bedanke mich herzlich bei Frau Eich und Frau Hsu für das schöne Gespräch!

 

Profilfoto von Anna-Luisa Eich
© Anna Luisa Eich

Anna-Luisa Eich leitet das Lehrgebiet Deutsch als Fremdsprache (LDaF) am Sprachenzentrum der Universität Münster und war von 2019 bis 2025 Koordinatorin des Austauschprogramms mit der Soochow University. Kontakt

Profilfoto von Assoc. Prof. Hsu Yu-Fang
© Assoc. Prof. Hsu Yu-Fang

Hsu Yu-Fang ist Associate Professor am Institut für Deutsche Sprache und Kultur der Soochow University in Taipeh. Sie ist seit sechs Jahren an der Universität tätig und begleitet die Studierendengruppe in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal persönlich nach Münster. Kontakt