Theorieplattform E Emotionalität

Emotionen sind stets historisch und kulturell kodiert. Sie prägen die individuelle und kollektive Konstruktion von Selbst- und Fremdbildern, verschärfen oder vermindern Intergruppenkonflikte und ermöglichen oder verhindern soziale Bindungen. Alle Forschungsfelder des Exzellenzclusters lassen sich im Hinblick auf die Relevanz von Emotionalität betrachten. Dabei überkreuzen sich allerdings sehr unterschiedliche Begriffs- und Theorietraditionen.

Im Sinne der antiken Rhetorik lässt sich etwa von „Affekten“ sprechen, um Gemeinschafts- und Gruppenbildung zu erklären. Im Mittelalter diente die Darstellung von Emotionen der Kommunikation von Entscheidungen. Spricht man hingegen von „Gefühl“, so steht man in der Tradition der modernen Subjektkonzeption, wie sie sich erst im späten 18. Jahrhundert ausgeprägt hat. „Emotion“ wiederum ist die Bezugskategorie in einer eher kognitionswissenschaftlich ausgerichteten Forschungsrichtung.

Der Gesichtspunkt der Emotionalität ist für die Leitfrage des Exzellenzclusters nach der Rolle von Religion als Motor politischen und gesellschaftlichen Wandels in verschiedener Hinsicht von Bedeutung. So untersucht die Theorieplattform B, inwiefern man von spezifisch religiösen Emotionen sprechen kann, ob sich Phasen intensivierter religiöser Affektivität beobachten lassen und welche Emotionen im Diskurs in den jeweiligen historischen Kontexten zulässig und wirkmächtig waren oder sind. Zum anderen fragt sie, welche Wirkungen von religiös basierten Emotionen auf individueller und kollektiver Ebene ausgelöst werden, inwieweit sie soziale Konflikte anheizen oder zu deren Überwindung beitragen sowie mit welchen rhetorischen und ästhetischen Verfahren und Medien in Bildender Kunst, Architektur, Literatur, religiösen Texten und Debattenkultur sie ihre Wirkungen erzielen.