Zur Umfrage ‚Voice of the People’

Der spanischsprachige US-Fernsehsender Univision veröffentlichte Mitte Februar 2014 die Umfrage 'Voice of the People'. In ihr werden Katholiken aus zwölf ausgewählten Ländern auf vier Kontinenten nach ihren Einstellungen zu Fragen der Individualmoral, der Lebensführung und des Zölibats befragt. Judith Könemann, Professorin für katholische Theologie und Mitglied des Centrums für Religion und Moderne, kommentiert die Umfrage und ihre Ergebnisse.

Prof. Dr. Judith Könemann

In innerkirchlichen Debatten über die zukünftige Ausrichtung der katholischen Kirche begegnen oft Aussagen wie "Die Zukunft der Katholischen Kirche liegt in den Ländern des Südens, vor allem im katholischen Kontinent Lateinamerika, aber eben auch in Afrika und Asien", oder auch "Nur die Katholiken in den Ländern des hochsäkularisierten Westeuropas haben sich von der römischen Lehrmeinung entfernt, während in den Ländern des Südens die 'katholische Welt' noch in Ordnung ist". Doch diese Einschätzungen sind – glaubt man der jüngsten Umfrage 'Voice of the people' – so nicht (mehr) zutreffend.

Offensichtlich erfolgte diese Umfrage in Anlehnung an die von Papst Franziskus im Herbst letzten Jahres initiierte Umfrage zu den Einstellungen der Katholiken gegenüber der Morallehre der katholischen Kirche, allerdings wurde die Umfrage 'Voice of the Pople' um die beiden 'Reizthemen' Zölibat und Priestertum der Frau erweitert. Befragt wurden Katholiken in zwölf Ländern in vier Kontinenten. Kriterium für die Länderauswahl war offensichtlich unter anderem die historische oder auch aktuelle Prägung als sogenanntes 'katholisches' Land. So kann man sich die Auswahl, mindestens in Europa mit Spanien, Italien, Frankreich und Polen und in Asien mit den Philippinen erklären. Des Weiteren wurden in Afrika die Demokratische Republik Kongo und Uganda, in Lateinamerika Kolumbien, Argentinien und Brasilien, in Mittelamerika Mexiko und für Nordamerika die USA ausgewählt.

Die Ergebnisse fördern Bekanntes, aber auch Überraschendes zutage. So scheinen sich neue Allianzen hinsichtlich der Übereinstimmung oder Nicht-Übereinstimmung mit der offiziellen Lehrmeinung der katholischen Kirche anzubahnen. Eine Allianz der Nicht-Übereinstimmung kristallisiert sich vor allem zwischen den europäischen Ländern und denen in Lateinamerika, hier insbesondere Argentinien und etwas abgeschwächter Brasilien, heraus − gegenüber einer Linie der Übereinstimmung zwischen den afrikanischen Ländern und dem asiatischen Kontinent, vertreten durch die Philippinen. Diese Allianz gilt bezüglich der meisten Themen, so beispielsweise für die Frage der Akzeptanz von Scheidung durch die katholische Kirche, die Frage nach dem Zölibat oder auch der des Frauenpriestertums. In allen drei Themen votieren Katholiken in Europa und in Lateinamerika, wenn auch graduell unterschiedlich, in Richtung einer deutlichen Akzeptanz, während insbesondere in Afrika die Ablehnung sehr hoch und auf den Philippinen immer noch hoch ist. Auch bezüglich des Schwangerschaftsabbruchs, der in den europäischen und lateinamerikanischen Ländern unter bestimmten Bedingungen doch in hohem Maße akzeptiert wird, in Afrika und auf den Philippinen jedoch die höchsten Werte einer grundsätzlichen Ablehnung in allen Fällen erfährt, werden die genannten Allianzen deutlich.

Hohe Zustimmung in allen Ländern erfährt die Zulassung von Verhütungsmitteln mit Zustimmungswerten von 93% in Brasilien und immerhin noch 68% auf den Philippinen, nur in den afrikanischen Ländern überwiegt auch hier die Ablehnung (54% in Uganda, 49% im Kongo). Im Vergleich zu den anderen Themen wird die Zulassung von Verhütungsmitteln mit Werten von 44% in beiden Ländern doch auch vergleichsweise deutlich akzeptiert, wenn auch nicht in der Mehrheit befürwortet. Dieser Befund ist einerseits überraschend, angesichts der AIDS-Katastrophe in Afrika aber auch durchaus erklärbar.

Das umstrittenste Thema ist und bleibt das Thema Homosexualität, hier erfragt in der Zuspitzung der Erlaubnis homosexueller Ehen. Mit Ausnahme von zwei Ländern überwiegt in allen Ländern, auch den europäischen, die Ablehnung, wenn auch mit deutlich unterschiedlichen Werten. So liegt die Ablehnung in Afrika bei 99%, auf den Philippinen bei 84%, aber auch in den europäischen Ländern finden sich Ablehnungswerte mehr oder weniger deutlich über 50% (Polen 78%, Italien 66%, Frankreich 51%). In Lateinamerika erfährt das Thema die höchste Ablehnung in Kolumbien (71%), in Mexiko liegt sie bei 62%. Nur in Spanien und den USA finden homosexuelle Eheschließungen die Zustimmung der katholischen Bevölkerung, in Spanien wird sie von 64% der Katholiken befürwortet und in den USA sind noch 54% für die Möglichkeit der Eheschließung homosexueller Paare. Noch deutlicher fällt die Ablehnung aus, wenn es um eine Zulassung einer kirchlichen homosexuellen Eheschließung geht. Dann überwiegt in allen Ländern, auch in Spanien und den USA, die Ablehnung, allerdings stimmen immerhin 43% der Katholiken in Spanien auch einer kirchlichen homosexuellen Eheschließung zu, auch in den USA sprechen sich 35% dafür aus, in Argentinien sind es 32%. Nach wie vor scheint aber das Thema Homosexualität und homosexueller Eheschließungen für die Katholiken und innerhalb der katholischen Kirche nicht nur ein höchst umstrittenes, sondern das umstrittenste Thema überhaupt zu sein.

Betrachtet man die Untersuchungsergebnisse insgesamt mit Blick auf die Übereinstimmung mit den lehramtlichen Positionen der katholischen Kirche, so ist Spanien von allen untersuchten Ländern das Land, in dem sich die Katholiken am Weitesten von der Kirche entfernt haben, insofern in den erfragten Themenbereichen die geringste Übereinstimmung mit den kirchlichen Positionen festzustellen ist. Dies ist angesichts der Tatsache, dass Spanien neben Italien, Polen und Irland als eines der 'katholischsten' Länder in Europa gilt, ein erstaunlicher Befund. Überraschend ist aber auch der Blick auf die lateinamerikanischen Länder, insbesondere Argentinien und Brasilien, von denen Argentinien die geringste Übereinstimmung mit der lehramtlichen Position der katholischen Kirche aufweist, die Identifikation in Brasilien jedoch nicht wesentlich höher ist. Demgegenüber gehören Kolumbien und Mexiko zu den eher 'konservativen' Ländern. Es ist sicher interessant, den Ursachen für diese Entwicklung näher auf den Grund zu gehen. Dazu bedarf es jedoch einer ausführlichen kontextuellen Analyse von Religiosität, des Zueinanders der verschiedenen Konfessionen, insbesondere des Einflusses der Freikirchen sowie der sozioökonomischen Faktoren. Die Ergebnisse der beiden afrikanischen Länder dagegen überraschen weniger hinsichtlich der hochgradigen Ablehnung jeglicher Veränderung in der katholischen Kirche, sondern eher in der Höhe der Übereinstimmung mit der offiziellen katholischen Lehre.

Welche Schlussfolgerungen sind aus diesen Ergebnissen zu ziehen?

Zum einen zeigt sich, dass sowohl in der Individual- und Sexualmoral als auch beim Thema Zölibat und der Frage der Zulassung von Frauen zum Priesteramt eine wenn auch graduell unterschiedlich große Kluft zwischen den Einstellungen der Katholiken und der offiziellen kirchlichen Lehrmeinung existiert. Es wird zudem deutlich, dass diese Differenz – vielleicht mit Ausnahme des afrikanischen Kontinents – in allen Ländern existiert und nicht nur in einem stark säkularisierten Westeuropa. Festzuhalten ist auch, dass mit Blick auf die doch unterschiedlichen und teilweise überraschenden Ergebnisse, gerade zum Beispiel für Spanien, aber auch für Argentinien und – wenn auch etwas abgeschwächter – für Brasilien, das Kriterium oder Etikett 'katholisches Land' kein Gradmesser (mehr) für die Haltung gegenüber den innerhalb der katholischen Kirche strittig diskutierten Themen ist. Vielmehr spielen noch andere in genaueren Analysen zu bestimmende kontextuelle Faktoren offensichtlich eine wesentliche Rolle für die jeweils eingenommene Haltung. Und schließlich belegen die Ergebnisse dieser Umfrage auch deutlich, dass Veränderungs- und Reformanliegen innerhalb der katholischen Kirche nicht auf die westeuropäischen Länder und die Partikularität einzelner Ortskirchen beschränkt und zu beschränken sind, wodurch auch das vielfach bemühte Erklärungsmuster der hochgradigen Säkularität und Liberalität moderner Gesellschaften für deren Distanz zur kirchlichen Lehre seine Erklärungskraft verliert.

Ohne die methodische Anlage der Untersuchung an dieser Stelle im Einzelnen untersuchen zu können, sei abschließend noch eine methodische Anmerkung zur Länderauswahl gemacht: So sehr das Kriterium einer überwiegend katholischen Bevölkerung in einigen Ländern mindestens von der Tradition her einleuchten mag, so wenig kann dieses für die asiatischen und afrikanischen Ländern gelten; und gerade in diesen Kontexten wirft die Auswahl der Ländern Fragen auf. So fehlt mit Australien der fünfte Kontinent und Asien ist mit nur einem Land vertreten, mindestens hätte zum Beispiel Südkorea als ein Land mit einer stark aufstrebenden katholischen Kirche miteinbezogen werden sollen. Wenig einleuchtend ist auch die Auswahl von zwei geografisch nebeneinander liegenden Ländern in Afrika, hier hätte die Wahl eines westafrikanischen Landes wie etwa Nigeria oder Ghana mindestens zu einer größeren geografischen Breite geführt. An den grundsätzlichen Ergebnissen würden diese Weiterungen aber wohl nichts ändern, wie man auch aus den Rückmeldungen zu dem Fragebogen von Papst Franziskus in den einzelnen Ländern weiß.