18.7.2026
Als ich den heutigen Tag beim Schreiben des Blogs noch einmal vor meinem geistigen Auge vorbei ziehen lasse, reiht sich Perle an Perle und ein Highlight jagt das andere. Zwar ist 7:15 Uhr aufstehen etwas früh, wenn man letzte Nacht noch bis um 2:00 Uhr morgens am Blog gearbeitet und die RIS-Umbuchungen durchgeführt hat. Dadurch, dass uns ja der Eisbär die Übernachtung auf der Corbel-Station „versaut“ hat, sind wir eine Nacht länger in Ny Alesund als ursprünglich geplant. Das muss dann auch schön akribisch im „Research in Svalbard“ System verbucht sein, dass wir letztlich auch eine korrekte horrende Rechnung von KingsBay bekommen und keine falsche horrende Rechnung. In anderen Worten, der Eisbär kostet uns Geld und Zeit! Wenn wir ihn wenigstens gesehen hätten. Aber so zahlen wir für nichts.
Kurz nach 7:15 Uhr erwartet mich die voraussichtlich letzte Nudelsuppe der Saison, die völlig untypisch im Blauen Haus genossen wird und nicht in der Corbel-Station. Ich bin froh, dass ich nicht vergesse ein Foto der Nudelsuppe zu machen. Das ist ja eine Tradition, die seit vielen Jahren gepflegt wird. Um 8:00 Uhr stehen Marc, Auriane, Susana, Ruben und Sander vor der Türe. Der Plan ist, dass wir bis auf Marc alle am Beginn der Lateralmoräne des Kongsvegen-Gletschers absetzen, von wo aus sie zu Fuß über den Gletscher bis zur Jensebu-Hütte laufen wollen. Mit vier Leuten in einer Hütte zu übernachten, die eigentlich für zwei gedacht ist, wird sicher kuschelig. Wir beladen „Polar Tomato“ und „Beluga“ und verteilen uns auf die Boote. Marc wird „Beluga“ chauffieren und ich werde versuchen, mit „Polar Tomato“ Schritt zu halten. Susana, Sander und Marc ist das A-Team, Auriane, Ruben, Ernst und ich das B-Team.
Schon bei der Hafenausfahrt wird klar, dass wir nicht mit dem A-Team mithalten können. Marc schlägt deshalb vor, den „big guy“ auf „Beluga“ umsteigen zu lassen. Mir soll das recht sein, solange wir zügig durchs Wasser gleiten und irgendwie fühlt Ernst sich angesprochen, denn er steigt ohne Murren auf das andere Boot. Das macht einen großen Unterschied und wir können jetzt plus minus mithalten. Der Fjord ist heute erneut spiegelglatt und wir kommen gut vom Fleck. Allerdings nur, bis wir die ersten Zwergwale in der Nähe der Tyske Hytta sehen. Es ist klar, dass wir da stehen bleiben und schauen müssen.
Je näher wir dem Gletscher kommen, desto mehr Eis schwimmt auf der Wasseroberfläche. Ich frage Auriane ob es okay sei in das Eisfeld zu fahren und sie meint nur, dass diese Art von Eisbrocken kein Problem seien, solange man nur langsam durchfährt. Gesagt, getan! Anders als die Titanic manövriere ich vorsichtig durch das Eis und erreiche schließlich wieder freieres Wasser, so dass wir relativ nahe an die Abbruchkante des Kongsvegen-Gletscher heranfahren können. Es erklärt sich von selbst, dass Handis und Kameras jetzt im Dauerstress sind. Ab und zu brechen große Eisblöcke aus der Gletscherfront heraus und stürzen mit einem donnernden Getöse ins Wasser, um einen „Tsunami“ über die Gletscherbucht zu schicken. Steht man so nahe vor dem Gletscher sieht man erst, wie stark zerklüftet er tatsächlich ist. Im Gegensatz dazu, scheinen die Randbereiche aus weniger klüftigen Eismassen zu bestehen. Und sehr schön sieht man auch, dass die Lateralmoräne aus Gletschereis besteht, das mit Gesteinsschutt überdeckt ist. Ruben berichtet von einem Eistunnel, in dem man noch bis vor kurzem mehrere hundert Meter hineinlaufen konnte. Das hätte ich mir zu gerne angesehen aber leider existiert der Tunnel nicht mehr. Jetzt kommt dort Schmelzwasser unter dem Eis hervor, das einen kleinen Schwemmkegel angehäuft hat. Genau dieser Schwemmkegel ist das Ziel der Landungsoperation. Von dort aus sollten die vier einen leichten Aufstieg auf die Moräne haben, die sie bis zur Jensebu-Hütte leitet. Morgen geht es dann wieder den gleichen Weg zurück.
Aber das Anlanden muss erst noch warten, denn auf einem flachen Eisberg hat sich eine Bartrobbe bilderbuchmäßig für uns in die Sonne gelegt. Sie schaut uns kurz schläfrig an und döst dann weiter. Bartrobben sind um ein Vielfaches größer als die normalen Robben, die wir sonst zu Gesicht bekommen und ihr rötlich-braunes Fell glänzt in der Sonne. Da wir sie nicht stören wollen, halten wir einen größeren Abstand. Trotzdem bekommt jeder eine Chance für gute Fotos.
Das Wasser ist mit vielen Sedimenten beladen und vollständig trüb und milchig. Man weiß also nicht genau, ob man die Schraube der Außenborders noch vollständig im Wasser lassen kann, oder ob man den Motor bereits hochfahren muss. Marc und ich tasten uns langsam vor und alle Propeller überleben. Jetzt ist noch schnell die letzte Chance für eine Umarmung und um sich gegenseitig viel Spaß und eine sichere Reise zu wünschen. Wir verzichten auf das Ausbringen von Ankern. Stattdessen halten Marc und ich einfach die Boote, bis alle ausgestiegen und das ganze Gepäck ausgeladen ist. Die durch das Kalben des Gletschers verursachten Wellen überraschen die Wanderer. Plötzlich muss alles ganz schnell gehen, um Schuhe und Rucksäcke nicht nass werden zu lassen, die zu nahe am Strand abgelegt wurden. Aus meiner Perspektive schaut das recht lustig aus. Allerdings habe ich mit beiden Händen voll zu tun, um zu verhindern, dass „Polar Tomato“ auf den Strand gespült wird.
Ich bin jetzt alleine auf „Polar Tomato“, denn Ernst bleibt auf „Beluga“. Ich lege als erster ab, und nutze die Zeit, um weitere Fotos von den Kronebreen- und Kongsvegen-Gletschern zu machen. Aus der Position heraus, ist es auch möglich „um die Colletthogda herum“ zu schauen und die genaue Eisposition zu bestimmen. Denn das muss man sich einmal vorstellen. Da wo wir heute Motorboot fahren, war noch vor wenigen Jahre 15-20 m hohes hartes blaues Gletschereis. Absolut verrückt und verstörend!
Bei der Rückfahrt zu unserem Untersuchungsgebiet müssen wir wieder durch das dichte Eisfeld. Aber auch dieses Mal geht alles gut. Ich denke, wir hatten in der Vergangenheit schon dichteres Eis, aber es ist einfach immer wieder ein komisches Gefühl mit einem Boot zwischen Eisbrocken und -bergen umher zu fahren. Der Strand an unserem Untersuchungsgebiet ist eisfrei und wir haben freie Auswahl uns einen Parkplatz auszusuchen. Das Ankermanöver, das ich ja alleine durchführen muss, klappt hervorragend. Erst setze ich den Heckanker, dann fahre ich langsam auf das Ufer zu und schleppe den Buganker an Land. Motor aus, Motor hoch, Batterie aus, nachtanken, umziehen.
Unsere Aufgabe hier und heute ist das Einsammeln der Zeitraffer-Kameras, sowie das Aufnehmen ein paar letzter Fotos. Marc erklären wir natürlich im Detail was wir hier tun und es geht ihm wie den anderen. Als er das Gletschereis unter der Schuttschicht sieht und realisiert, dass er eigentlich auf einem Gletscher läuft, werden die Augen groß. Natürlich macht auch er viele Fotos. Das war es dann für diese Saison! Das Untersuchungsgebiet muss bis nächstes Jahr auf uns warten!
Am Strand trennen sich unsere Wege. Marc fährt direkt nach Ny Alesund zurück, während Ernst und ich noch einen Zwischenstopp an der Corbel-Station einlegen werden. Es müssen noch die zwei großen Schubkarren verstaut und das Gas in der Küche abgestellt werden. Wir laufen in unseren Überlebensanzügen bis zur Hütte und verstauen die zwei Schubkarren in den Schlafzimmern. Das Gas abzustellen ist buchstäblich eine Sache von Sekunden. Somit war es das auch für diese Saison. Die Corbel-Station muss bis nächstes Jahr auf uns warten!
Ohne großes Gepäck, mit nur zwei Personen an Bord und bei flachem Wasser und Rückenwind, wird die Fahrt nach Ny Alesund zum reinsten Vergnügen. Schade eigentlich, dass sie so schnell vorbei geht. Ich hätte schon noch gleich bis in den letzten Winkel des Krossfjorden fahren mögen. Aber die Häuser von Ny Alesund werden schnell größer und bis man sich versieht, liegt auch schon die Hafeneinfahrt vor dem Bug.
Wir kommen genau dann an, als das deutsche Forschungsschiff „Maria S. Merian“ an der Pier anlegt. Ein absolut geniales Schiff und nachdem Francois gemeint hat, dass wir es vielleicht besichtigen können, drücken wir uns selbst die Daumen, dass der Besuch auch klappt.
Nach den üblichen Aufräumarbeiten wie z.B. Boot tanken, Überlebensanzüge abduschen, Waffen säubern und zurück geben, führt uns unser nächster Gang direkt in die Kantine. Planmäßig hätten wir noch so rechtzeitig nach Ny Alesund zurückkehren wollen, dass wir noch etwas vom Brunch abbekommen. Nun, dieses Ziel haben wir verpasst. Der Hunger ist aber trotzdem da! Im Speisesaal ist bereits alles für das Abendessen heute hergerichtet und gedeckt. Wir finden aber noch einen kleinen Tisch am Rand, wo wir noch schnell Brotzeit machen können.
Da wir realistischerweise nicht vor 15:00 Uhr ins Gelände kommen würden, um zum Broggerbreen-Gletscher zu laufen und wir aber andererseits bereits um 18:00 Uhr wieder zum Essen zurück sein müssen, bleibt nur eine vernünftige Entscheidung. Der Broggerbreen-Gletscher muss bis morgen warten. Wer will denn schließlich Rinderfilet verpassen, nur wegen schlechtem Zeitmanagement? Wir jedenfalls nicht!
So haben wir den Nachmittag für uns, um z.B. am Blog zu arbeiten, Daten zu kopieren, das Feldbuch zu vervollständigen oder andere Dinge zu erledigen, die halt gemacht werden müssen. So ist auch eine Dusche nach einem Tag im Überlebensanzug vor dem feinen Essen und dem samstäglichen Mellageret-Bar Besuch vielleicht durchaus angesagt.
Francois war erfolgreich im Organisieren des Besuchs auf der „Maria S. Merian“ und er ist daher der Held des Tages. Ich freue mich schon sehr darauf, dieses Schiff näher anschauen zu können. Alleine die Aufbauten am Heck mit unterschiedlichen Kränen und Seilwinden sowie die massige, vermutlich eisgängige Bugform sind absolut beeindruckend. Um 19:00 Uhr ist Treffpunkt an der Pier!
Das Essen ist sehr fein aber wir haben letztlich nur 30 Minuten um es zu genießen. Zunächst bekommen wir an Bord der „Maria S. Meridian“ eine Einführung in die wissenschaftlichen Ziele der gegenwärtigen Expedition. Viel spannender ist aber die Führung durch das Schiff, die der Kapitän höchst persönlich mit uns macht. Er ist noch sehr jung aber voller Dynamik und mit klaren Ansagen und dazu sehr nett. Die Schiffstour wird zu einem absoluten Highlight.
Wir dürfen auf die Brücke, sehen die Ausrüstung am Achterdeck, die Kabinen der Besatzung, die Krankenstation, den Motorenraum und auch die Winden. Diese haben bis 8 km Kabel aufgewickelt, teilweise mit Datenleitung im Inneren des Stahlmantels. Der Kapitän erzählt uns, wie schwierig es ist, das Kabel korrekt auf die Trommel gewickelt zu bekommen, ohne es zu beschädigen. Auch hier gibt es Fachkräftemangel, denn das angesammelte Wissen in der „alten“ Generation kann nur mehr bedingt an die nächste Generation übergeben werden.
Das Schiff ist in einem absolut makellosen Zustand und wo immer wir hinschauen ist alles Tip Top gepflegt. Es ist völlig klar, dass sich die Mannschaft mit ihrem Schiff identifiziert und es bestens pflegt. Da können ein paar Wissenschaftler an Bord mit ihren Experimenten nur im Weg umgehen, wenn z.B. ein frischer Farbanstrich bestimmte Experimente zerstören würde. Die Tour ist super interessant und wir sind alle begeistert. Als Sahnehäubchen oberdrauf, bekommen wir alle sehr schöne Fleece-Jacken mit dem gestickten Schiffslogo. Vielen vielen Dank für eine geniale Schiffsführung, die rundum ein besonderes Erlebnis für uns war!
In der Mellageret-Bar treffen wir dann auch einige Schiffsmitglieder. Ein Bootsmann erzählt uns beim Bier, dass wir seit zwei Tagen als Besucher angemeldet waren und sich der Kapitän speziell für unseren Besuch vorbereitet hätte. Die Crew hat seit Tagen hart gearbeitet, um das Schiff auf Vordermann zu bringen. Da freut es den Bootsmann dann umso mehr, dass uns die Sauberkeit und der exzellente Zustand des Schiffs ins Auge gesprungen sind und wir ihn und seine Kollegen dafür sehr loben. Ernst macht auch dem Kapitän gegenüber eine Bemerkung über die Sauberkeit an Bord und der meint nur ganz lapidar „Ja klar, wir leben ja auch hier!“
Ich denke, es ist fantastisch, dass sich Deutschland solche Forschungsschiffe leistet, die sicher nicht ganz billig sind im Unterhalt. Die Begeisterung der Crew und der Wissenschaftler springt sofort auf einen über und man spürt einfach, dass man hier etwas ganz Besonderes vor sich hat. Wissenschaftlich ist es sicher absolut notwendig solche Schiffe zu besitzen. Der Chef-Wissenschaftler dieser Expedition ist übrigens Uwe John, der Zwillingsbruder von Timm John, mit dem ich im Rahmen unseres Großforschungsverbundes „Early Accretion“ zusammengearbeitet habe. Kleine Welt!
An Bord habe ich übrigens noch Hedda getroffen und als ich sie fragte, ob sie Interesse hat mit uns zusammenzuarbeiten, um die Lateralmoräne und die Steinkreise weiter zu untersuchen, kriege ich als Antwort eine fette Umarmung. Sie hat sich sehr darüber gefreut und wird uns morgen zum Broggerbreen begleiten. Auch ich freue mich sehr über die zukünftige Zusammenarbeit mit ihr!
So, jetzt neigt sich ein fantastischer Tag dem Ende zu. Gletscher aus der Nähe, Wale, Robben, der Besuch von Marc, ein leckeres Essen, die geniale Führung auf der „Maria S. Merian“, die zukünftige Zusammenarbeit mit Hedda, der Barbesuch, das Wiedersehen mit Uwe John, der wettermäßig begnadete Tag und letztlich auch ein perfekt gelungenes Anlegemanöver mit „Polar Tomato“, machen diesen Tag unvergesslich. Danke an alle, die mitgeholfen haben, diesen Tag zu einem ganz besonderen zu machen.
Fotos


Nahe der Abbruchkante des Kongsvegen-Gletschers© KOP 132 SPLAM 
Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt© KOP 132 SPLAM 
Eine etwas ungewöhnliche Panorama-Perspektive© KOP 132 SPLAM 
Der Speisesaal ist für das heutige Abendessen bereit© KOP 132 SPLAM 
Die vermutlich letzte Nudelsuppe der Saison© KOP 132 SPLAM 
Blick über den Kronebreen-Gletscher auf den Steindolpen© KOP 132 SPLAM 
Die Eisgrenze an der Colletthogda© KOP 132 SPLAM 
Blick auf den 1071 m hohen Pretender mit dem Kronebreen-Gletscher im Vordergrund© KOP 132 SPLAM 
Auriane und Ruben© KOP 132 SPLAM 
Am Kronebreen-Gletscher© KOP 132 SPLAM 
Bartrobbe oder Harry?© KOP 132 SPLAM 
Eindeutig Harry!© KOP 132 SPLAM 
Die Wanderer werden direkt vor dem Kongsvegen-Gletscher abgesetzt© KOP 132 SPLAM 
Marc und Ernst an meinem Steinmann. Wenige Minuten später war die Kamera abgenommen und der Steinmann umgeschmissen© KOP 132 SPLAM 
Blick von der Brücke auf das Achterdeck der „Maris S. Meridian“© KOP 132 SPLAM 
Die Kuppel des Kranführers – fast wie die ISS. Aber nur fast© KOP 132 SPLAM 
So sehen 8 km sauber aufgerolltes Kabel aus. Eine Kunst für sich!© KOP 132 SPLAM 
Harry auf dem Stuhl des Kapitäns. Mindestens eine Nummer zu groß für mich© KOP 132 SPLAM




































































































































































































































































