22.7.2026
Ich kann Euch Eines sagen. Der Wecker hat tatsächlich um 2:30 Uhr geklingelt und mich aus meinen süßen Träumen gerissen. Absolut kein Spaß! Ich gehe als erster duschen, während Nico noch wach wird. Dann ist Platzwechsel angesagt und während er Körperpflege betreibt, kopiere ich noch die Bilder des gestrigen Tages von meiner Kamera. Das alles ist in einer halben Stunde erledigt und wir können uns über die Straße ins Terminal begeben. Einige Reisende liegen auf dem Boden oder auf irgendwelchen Bänken herum. Genau wie wir letztes Jahr! Aus der Erfahrung sind wir aber klug geworden und ich bin froh, dass ich dieses Jahr zumindest ein paar Stunden in einem ordentlichen Bett habe schlafen können. War das Geld wert, den alten Knochen etwas „Luxus“ angedeihen zu lassen.
Was ist denn das? Die Sicherheitskontrolle ist noch geschlossen! Wir hätten also noch eine extra halbe Stunde Matratzenhorchdienst betreiben können. Egal, ich nutze die Zeit, um meine Bildunterschriften fertig zu machen und sie zusammen mit den bearbeiteten Bildern auf unseren Uni-Sever zu legen. Kaum ist das erledigt, öffnet auch schon das Rollo zur Sicherheitskontrolle. Am Ende also ein fast perfektes Timing. Wir sind so ziemlich die ersten heute und sind in ein paar Minuten fertig. Es erspart schon enorm viel Zeit, wenn man bereits eingecheckt ist und sein Gepäck aufgegeben hat. Da wir beides nicht erledigen mussten, sind wir tatsächlich viel zu schnell. Selbst für den Flughafen, der nur langsam wach wird. Alle Geschäfte haben noch geschlossen, so dass wir selbst auf einen Kaffee warten müssen. Nico leistet heroisches und korrigiert zu nachtschlafender Zeit den Blog, bevor ich ihn hochlade. Im Café sitzt auch eine größere Gruppe 16-18jähriger Mädels und ich kriege eine Vorstellung davon, wie es wohl auf der Klassenfahrt meiner Tochter kurz vor meiner Abreise zuging. Schon witzig zu sehen, diese Gruppendynamik.
Am Gate müssen wir noch bis zum Einsteigen warten, was kein Problem ist, weil wir bequeme Sitze am ansonsten doch recht kleinen Gate finden. Neben uns sitzen ein paar Jungs in rosafarbenen kurzen Hosen und den passenden Oberteilen dazu. Schon ein gewagtes Modestatement diese Schlafanzüge und bestens dazu geeignet, bei anderen Leuten Augenkrebs zu verursachen. Aber was soll’s, ich muss ja in den Klamotten nicht herum laufen. Und wenn, dann will das sicher keiner sehen!
Ich bin tatsächlich der erste an Bord, was mir sonst noch nie passiert ist. Und da der Flug nicht ausgebucht ist und das Einsteigen viel schneller als geplant beendet ist, fliegen wir vor der Zeit aus Oslo ab. Auch das ist mir noch nie passiert. Schweizer Pünktlichkeit, denn wir fliegen mit Helvetic Air mit dem großen weißen Kreuz auf rotem Grund am Höhenleitwerk nach Zürich. Kuckuck! Wie es im „Asterix in der Schweiz“ so schön heißt.
Ich habe übrigens nicht den blassesten Schimmer, warum wir heute zunächst nach Zürich und dann nach Frankfurt fliegen. Die Anzeigetafel in Oslo hat zumindest einen Lufthansa-Direktflug nach Frankfurt um 6:35 Uhr angezeigt. Wir hätten also länger schlafen können und wären früher zu Hause gewesen. Was für eine amateurhafte Planung. Total bescheuert, aber so sehe ich auch mal den Flughafen in Zürich, den ich tatsächlich noch nicht kenne. Das wollte ich schon immer und ganz unbedingt. Die Lehre ist aber, dass ich beim nächsten Mal besser beim Buchen aufpasse und nicht wieder so einen ökologischen Desaster-Flug buche, der mir obendrein viel Zeit kostet. Fototechnisch verläuft der Flug wie der gestrige. Wolken und diesiges Wetter auf einem Großteil der Strecke nach Zürich. Um 7:05 Uhr überfliegen wir den Frankfurter Flughafen, den ich sofort aus der Luft erkenne!
Zumindest ist das Frühstück in der Business-Class sehr gut. Rühreier mit Tomaten, Käse, frisches Obst, mit z.B. Feigen, und ein Bircher Müsli mit roten Beeren. Also quasi Schweizer Porridge! Aber zumindest kalt, wenn auch die weichen Haferflocken nach wie vor nicht mein Ding sind. Und wirklichen Kaffee, der auch den Namen verdient. Das absolute Highlight ist aber das Besteck, auf dem kleine Edelweiße eingeprägt sind. Die Liebe zum Detail, Kuckuck!
„Wie war die Schweiz, Obelix? Flach! So kurz und prägnant kann man seine Erfahrungen beschreiben. Anders als in einem gewissen Blog, den manche Leute schon wieder viel zu lang finden. Aber ich stimme zu, die Schweiz ist zumindest um Zürich herum in der Tat flach. Aber natürlich sieht man auch die beeindruckende Bergkette der Schweizer Alpen. Den Flughafen in Zürich empfinde ich als dunkel, grau, verwinkelt und in die Jahre gekommen. Aber für die etwas mehr als eine Stunde, die wir hier Aufenthalt haben, ist es erträglich.
Ein Bus bringt uns zum Air Dolomiti Flug nach Frankfurt. Wir haben also heute und gestern einen guten Überblick über einige der Fluggesellschaften des Star Alliance Verbundes bekommen. So sind wir Lufthansa, SAS, Helvetic Airlines, und Air Dolomiti geflogen. Ich lasse mich jetzt absichtlich nicht darüber aus, welche denn nun die beste Fluggesellschaft sei. Selber ausprobieren! Aber ich habe einen klaren Favoriten! Der Flug verläuft angenehm und bietet einen spektakulären Blick auf den Bodensee. Nur schade, dass es so diesig ist.
In Frankfurt müssen wir etwa eine halbe Stunde auf unser Gepäck warten, das aber zumindest vollständig ankommt. Den Weg zum Fernbahnhof finden wir problemlos aber einen Aufzug zu finden, der uns zum Gleis 6 bringt, gestaltet sich schon schwieriger. Der erste Aufzug fährt nur nach oben aber nicht nach unten. Auf der Toilette funktioniert die Wasserspülung nicht, geschweige denn, dass es Papierhandtücher geben würde. Dafür kommt der Zug dann auch „Heute ca. 10 Minuten später“. Am Bahnsteig stelle ich fest, dass die Schlösser meiner orangen Box fehlen. Offensichtlich hat sie jemand abgeschnitten, um in die Kiste zu schauen. Als ich sie öffne ist aber alles noch am exakt gleichen Ort, wie ich die Kiste gepackt habe. Also wurden nur die Schlösser zerstört, offensichtlich oberflächlich in die Kiste geschaut und dann wieder zugemacht. Zumindest der Klettbandverschluss wurde wieder korrekt verschlossen. Fast muss man ja schon dankbar sein, denn ohne ihn ist es relativ wahrscheinlich, dass die Verschlüsse der Kiste aufgehen und mein ganzes Zeug über halb Europa verteilt wird. Ich ärgere mich schon sehr über so eine unnötige und sinnfreie Zerstörung meiner Schlösser. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube wir sind wieder in Deutschland. Hätte ich keine Familie auf die ich mich freue, könnte ich auf dem Absatz kehrt machen. Themenwechsel und wie immer schön positiv bleiben!
Wie jedes Jahr sollen nämlich auch wieder ein paar letzte Gedanken den Blog zu Ende bringen, die unterschiedliche Aspekte unserer Reise betreffen. Flugtechnisch wird es z.B. leider immer komplizierter nach Longyearbyen bzw. Ny Alesund zu gelangen. Konnten wir jahrelang an einem oder zwei Tagen dorthin reisen, sind es in den letzten Jahren immer zwei bis drei Tage gewesen. Dies ist eigentlich sehr verwunderlich, wenn man bedenkt, dass vermutlich immer mehr Kreuzfahrttouristen nach Longyearbyen kommen, um dort auf ihre Schiffe zu steigen. Die verlängerte An- und Abreise kostet uns wertvolle Geländezeit und verursacht zusätzliche Kosten in nicht unerheblicher Höhe. Longyearbyen durchlebt einen Wandel mit vielen neuen Gebäuden, die in den letzten Jahren errichtet wurden. Leider geht mit dieser Entwicklung auch das Flair der alten Bergbau-Siedlung Stück für Stück verloren, was ich persönlich als recht schade empfinde. In diesen Trend passt auch, dass darüber nachgedacht wird, dass jeder einen norwegischen Führer anheuern muss, der einen ins Gelände begleitet. Auch Wissenschaftler! Sollte dies so kommen, ist es das Ende vieler Expeditionen, vor allem der kleineren, die dafür einfach kein Budget haben. Wir finanzieren unsere Expedition aus „Bordmitteln“ des Instituts und erhalten keinen Cent Förderung von der DFG oder anderer Institutionen, mit Ausnahme der logistischen Unterstützung des AWIPEVs. Einen vermutlich teuren Führer anheuern zu müssen ist da einfach nicht drin! Ich kann nur hoffen, dass diese Regelung noch einmal kritisch hinterfragt und entsprechend angepasst wird. Ich habe mich bereits erkundigt, diesen „Führerschein“ zu machen aber alles was ich finden konnte ist ein gesamter Bachelor-Studiengang, der eigentlich nur machbar ist, wenn man mehrere Monate vor Ort ist. Hedda meinte, dass es vielleicht einen abgespeckten Kurs geben wird. Wie dem auch sei, geopolitische Überlegungen hin oder her, eine solche Regelung verhindert geradezu großflächig, dass in Spitzbergen weiterhin Forschung gemacht werden kann. Was gerade in Zeiten des Klimawandels aber von höchster Priorität sein sollte, da man hier die Auswirkungen besonders gut beobachten kann.
Neben diesen etwas negativen bzw. besorgten Gedanken gibt es aber auch reichlich Positives zu berichten. Da ist an aller erster Stelle das diesjährige AWIPEV-Team zu nennen. Rey, Francois, Marc und Auriane haben perfekt zusammen gearbeitet und uns enorm viele Dinge ermöglicht. Hinzu kam aber dieses Jahr eine ungewöhnlich enge Verbundenheit mit unserem Team. Diese hatte sich bereits letztes Jahr sehr deutlich heraus kristallisiert und ist dieses Jahr weiter gewachsen. Ich vermute, dass Auriane dies alleine schon durch ihre Anwesenheit und mit der Weitergabe ihrer Erfahrungen mit uns, gefördert hat. So ist z.B. das gesamte AWIPEV-Team in unterschiedlichen Besetzungen und an unterschiedlichen Tagen mit uns ins Gelände gegangen, um zu sehen, was wir erforschen und wie wir es machen. Ich halte das für eine sehr gute Idee, weil es dem AWIPEV-Team viel tiefere Einblicke in unsere Arbeiten gewährt und es dadurch unsere Bedürfnisse besser einschätzen kann. Klar, manch einer könnte das auch als „Überwachung“ im weitesten Sinn empfinden. Keiner im SPLAM-Team hat es das aber! Im Gegenteil, vor allem auch, weil wir immer gefragt wurden, ob es okay ist, besucht zu werden. Und die Besuche waren einfach gut und schön. Lange Rede kurzer Sinn, macht das bitte weiter! Für einen Besuch bei uns seid ihr immer herzlich eingeladen!
Besonders schön war, dass uns Rey über solch einen Besuch mit Hedda in Kontakt gebracht hat. Hedda ist Geologin und hat innerhalb kürzester Zeit verstanden, was wir machen. Da sie bereits enorme Erfahrung mit Permafrost- und periglazialer Forschung hat und zudem immer in Ny Alesund vor Ort ist, freut es uns ganz besonders, dass wir sie als neues Team-Mitglied gewinnen konnten. Somit hat Rey, vielleicht unwissentlich, ganz wesentlich zur Weiterentwicklung unserer Forschung beigetragen. Francois und Marc haben uns mit den Booten enorm geholfen. Ohne ihre Hilfe wären einige Dinge unmöglich gewesen. Auch hat uns Francois die unvergessliche Tour auf der „Maria S. Merian“ möglich gemacht, die sicher ein Highlight unseres Aufenthalts war. Vielen Dank! Und natürlich haben wir uns ganz riesig über die Einladungen zu Marcs und Reys Geburtstagsfeiern gefreut. Auch dadurch wurden für uns neue Türen aufgestoßen, weil wir neue Leute kennen lernen durften. Auch dafür herzlichen Dank!
Wissenschaftlich haben wir alle Untersuchungen durchgeführt, die wir geplant hatten. Besonders das neue LIDAR-System hat sich als äußert praktikabel erwiesen und in kurzer Zeit sehr große Datenmengen produziert. Gegenüber dem Vorjahr war dies nochmals eine deutliche Verbesserung. Auch die Drachenflüge haben sehr gut funktioniert und die Wassermessungen sind etwas, das wir nächstes Jahr vielleicht weiter ausbauen könnten. Das Einzige, das nicht funktioniert hat, war die Verbindung der Datenlogger-Station mit meinem neuen Computer. Das ist sehr ärgerlich aber wenn man es genau nimmt, fällt es rein in meine eigene Verantwortung. Man testet eben alles, bevor man mit einer Ausrüstung, gleich welcher Art, ins Gelände geht. Ich weiß das natürlich, aber mit dem verrückten Zeitplan vor der Abreise habe ich das einfach nicht mehr geschafft. Für nächstes Jahr nehme ich mir vor gewissenhafter in der Beziehung zu sein.
Last but not least, als Expeditionsleiter bin ich sehr froh, dass sich niemand verletzt hat und wir wieder alle gesund und munter aus dem Gelände zurück gekommen sind. Und auch, dass wir nie in die Verlegenheit kamen, einen Bären vertreiben oder gar erschießen zu müssen. Das wäre die volle Katastrophe für mich. Froh bin ich auch, dass die Bootsfahrten dieses Jahr sehr gut funktionierten und wir immer die richtige Entscheidung trafen, wann wir mit dem Boot unterwegs sein wollten und wann es uns zu unsicher erschien, z.B. am Strand der Corbel-Station zu ankern. Ich denke, wir haben in den letzten Jahren viel Erfahrung sammeln können, die uns zunehmend das Leben leichter macht und uns bei unseren Entscheidungen sehr zu Gute kommt. Und letztlich hat auch das AWIPEV-Team diese Erfahrung zu spüren bekommen, was sicher geholfen hat, uns in unseren Entscheidungen zu vertrauen.
Die Stimmung im Team war wieder mächtig gewaltig gut und wir haben viel gelacht und Spaß gehabt aber andererseits auch interessante wissenschaftliche Diskussionen gehabt. Auch dafür bin ich sehr dankbar, weil wir nie ein böses Wort gewechselt haben und ich nie als Vermittler zwischen zwei Streithähnen auftreten musste. Cynthia war eine sehr gute Ergänzung des Teams und hat Andreas mehr als würdig vertreten. Mit vier stinkigen Männer in einer Hütte ohne Toilette oder anderen Privaträumen zu übernachte, ist sicher nicht jeder Fraus Sache. Cynthia hat das bravourös gemeistert und sich nie über das Geschnarche der anderen drei Männer beklagt. Die Auswertung aller unserer Daten wird sicher einige Zeit in Anspruch nehmen und ich hoffe, einen Masterstudenten dafür begeistern zu können.
Zum Schluss allen Beteiligten, die diese Expedition zu einem Erfolg werden ließen, ein herzliches Dankeschön. Thomas Heyer und Nico, die sich um den Blog verdient gemacht haben, dem AWI-Team in Bremerhaven, stellvertretend besonders Marion Maturilli, der Bekleidungskammer und natürlich dem grandiosen AWIPEV-Team in Ny Alesund.
Und ganz zum Schluss ein persönliches Dankeschön an Auriane, der guten Fee, die uns während zweier Feldaufenthalte weit über die Maßen unterstützt hat. Das war wirklich erstklassige Arbeit und die positive und freundliche Art, wie sie diese Aufgabe erledigt hat, verdient höchsten Respekt. Alles Gute für die Zukunft – wir werden dich nächstes Jahr sehr vermissen. Aber Rey und ihr neues Team füllen die Fußstapfen schon jetzt mehr als gut aus und wir freuen uns auf eine gute Zusammenarbeit im nächsten Jahr. Ihr seid klasse!
So, das wars! Jetzt dauert es erst einmal wieder ca. 11 Monate, bis es die dann 11. Auflage des Blogs gibt. Danke fürs treue Lesen!
Fotos


Endlich eine ernsthafte Konkurrenz zu Vi Menn© KOP 132 SPLAM 
Nico wartet mit unserem Gepäck auf den verspäteten ICE nach Münster© KOP 132 SPLAM 
Zum Abflug von Oslo bereit© KOP 132 SPLAM 
Kurz nach dem Start© KOP 132 SPLAM 
Ein Steinkreis der anderen Art© KOP 132 SPLAM 
Die flache Schweiz© KOP 132 SPLAM 
Frankfurt Flughafen© KOP 132 SPLAM






















































































































































































































































































































































