18.7.2026

Als ich den heutigen Tag beim Schreiben des Blogs noch einmal vor meinem geistigen Auge vorbei ziehen lasse, reiht sich Perle an Perle und ein Highlight jagt das andere. Zwar ist 7:15 Uhr aufstehen etwas früh, wenn man letzte Nacht noch bis um 2:00 Uhr morgens am Blog gearbeitet und die RIS-Umbuchungen durchgeführt hat. Dadurch, dass uns ja der Eisbär die Übernachtung auf der Corbel-Station „versaut“ hat, sind wir eine Nacht länger in Ny Alesund als ursprünglich geplant. Das muss dann auch schön akribisch im „Research in Svalbard“ System verbucht sein, dass wir letztlich auch eine korrekte horrende Rechnung von KingsBay bekommen und keine falsche horrende Rechnung. In anderen Worten, der Eisbär kostet uns Geld und Zeit! Wenn wir ihn wenigstens gesehen hätten. Aber so zahlen wir für nichts.
Kurz nach 7:15 Uhr erwartet mich die voraussichtlich letzte Nudelsuppe der Saison, die völlig untypisch im Blauen Haus genossen wird und nicht in der Corbel-Station. Ich bin froh, dass ich nicht vergesse ein Foto der Nudelsuppe zu machen. Das ist ja eine Tradition, die seit vielen Jahren gepflegt wird. Um 8:00 Uhr stehen Marc, Auriane, Susana, Ruben und Sander vor der Türe. Der Plan ist, dass wir bis auf Marc alle am Beginn der Lateralmoräne des Kongsvegen-Gletschers absetzen, von wo aus sie zu Fuß über den Gletscher bis zur Jensebu-Hütte laufen wollen. Mit vier Leuten in einer Hütte zu übernachten, die eigentlich für zwei gedacht ist, wird sicher kuschelig. Wir beladen „Polar Tomato“ und „Beluga“ und verteilen uns auf die Boote. Marc wird „Beluga“ chauffieren und ich werde versuchen, mit „Polar Tomato“ Schritt zu halten. Susana, Sander und Marc ist das A-Team, Auriane, Ruben, Ernst und ich das B-Team.
Schon bei der Hafenausfahrt wird klar, dass wir nicht mit dem A-Team mithalten können. Marc schlägt deshalb vor, den „big guy“ auf „Beluga“ umsteigen zu lassen. Mir soll das recht sein, solange wir zügig durchs Wasser gleiten und irgendwie fühlt Ernst sich angesprochen, denn er steigt ohne Murren auf das andere Boot. Das macht einen großen Unterschied und wir können jetzt plus minus mithalten. Der Fjord ist heute erneut spiegelglatt und wir kommen gut vom Fleck. Allerdings nur, bis wir die ersten Zwergwale in der Nähe der Tyske Hytta sehen. Es ist klar, dass wir da stehen bleiben und schauen müssen.
Je näher wir dem Gletscher kommen, desto mehr Eis schwimmt auf der Wasseroberfläche. Ich frage Auriane ob es okay sei in das Eisfeld zu fahren und sie meint nur, dass diese Art von Eisbrocken kein Problem seien, solange man nur langsam durchfährt. Gesagt, getan! Anders als die Titanic manövriere ich vorsichtig durch das Eis und erreiche schließlich wieder freieres Wasser, so dass wir relativ nahe an die Abbruchkante des Kongsvegen-Gletscher heranfahren können. Es erklärt sich von selbst, dass Handis und Kameras jetzt im Dauerstress sind. Ab und zu brechen große Eisblöcke aus der Gletscherfront heraus und stürzen mit einem donnernden Getöse ins Wasser, um einen „Tsunami“ über die Gletscherbucht zu schicken. Steht man so nahe vor dem Gletscher sieht man erst, wie stark zerklüftet er tatsächlich ist. Im Gegensatz dazu, scheinen die Randbereiche aus weniger klüftigen Eismassen zu bestehen. Und sehr schön sieht man auch, dass die Lateralmoräne aus Gletschereis besteht, das mit Gesteinsschutt überdeckt ist. Ruben berichtet von einem Eistunnel, in dem man noch bis vor kurzem mehrere hundert Meter hineinlaufen konnte. Das hätte ich mir zu gerne angesehen aber leider existiert der Tunnel nicht mehr. Jetzt kommt dort Schmelzwasser unter dem Eis hervor, das einen kleinen Schwemmkegel angehäuft hat. Genau dieser Schwemmkegel ist das Ziel der Landungsoperation. Von dort aus sollten die vier einen leichten Aufstieg auf die Moräne haben, die sie bis zur Jensebu-Hütte leitet. Morgen geht es dann wieder den gleichen Weg zurück.
Aber das Anlanden muss erst noch warten, denn auf einem flachen Eisberg hat sich eine Bartrobbe bilderbuchmäßig für uns in die Sonne gelegt. Sie schaut uns kurz schläfrig an und döst dann weiter. Bartrobben sind um ein Vielfaches größer als die normalen Robben, die wir sonst zu Gesicht bekommen und ihr rötlich-braunes Fell glänzt in der Sonne. Da wir sie nicht stören wollen, halten wir einen größeren Abstand. Trotzdem bekommt jeder eine Chance für gute Fotos.
Das Wasser ist mit vielen Sedimenten beladen und vollständig trüb und milchig. Man weiß also nicht genau, ob man die Schraube der Außenborders noch vollständig im Wasser lassen kann, oder ob man den Motor bereits hochfahren muss. Marc und ich tasten uns langsam vor und alle Propeller überleben. Jetzt ist noch schnell die letzte Chance für eine Umarmung und um sich gegenseitig viel Spaß und eine sichere Reise zu wünschen. Wir verzichten auf das Ausbringen von Ankern. Stattdessen halten Marc und ich einfach die Boote, bis alle ausgestiegen und das ganze Gepäck ausgeladen ist. Die durch das Kalben des Gletschers verursachten Wellen überraschen die Wanderer. Plötzlich muss alles ganz schnell gehen, um Schuhe und Rucksäcke nicht nass werden zu lassen, die zu nahe am Strand abgelegt wurden. Aus meiner Perspektive schaut das recht lustig aus. Allerdings habe ich mit beiden Händen voll zu tun, um zu verhindern, dass „Polar Tomato“ auf den Strand gespült wird.
Ich bin jetzt alleine auf „Polar Tomato“, denn Ernst bleibt auf „Beluga“. Ich lege als erster ab, und nutze die Zeit, um weitere Fotos von den Kronebreen- und Kongsvegen-Gletschern zu machen. Aus der Position heraus, ist es auch möglich „um die Colletthogda herum“ zu schauen und die genaue Eisposition zu bestimmen. Denn das muss man sich einmal vorstellen. Da wo wir heute Motorboot fahren, war noch vor wenigen Jahre 15-20 m hohes hartes blaues Gletschereis. Absolut verrückt und verstörend!
Bei der Rückfahrt zu unserem Untersuchungsgebiet müssen wir wieder durch das dichte Eisfeld. Aber auch dieses Mal geht alles gut. Ich denke, wir hatten in der Vergangenheit schon dichteres Eis, aber es ist einfach immer wieder ein komisches Gefühl mit einem Boot zwischen Eisbrocken und -bergen umher zu fahren. Der Strand an unserem Untersuchungsgebiet ist eisfrei und wir haben freie Auswahl uns einen Parkplatz auszusuchen. Das Ankermanöver, das ich ja alleine durchführen muss, klappt hervorragend. Erst setze ich den Heckanker, dann fahre ich langsam auf das Ufer zu und schleppe den Buganker an Land. Motor aus, Motor hoch, Batterie aus, nachtanken, umziehen.
Unsere Aufgabe hier und heute ist das Einsammeln der Zeitraffer-Kameras, sowie das Aufnehmen ein paar letzter Fotos. Marc erklären wir natürlich im Detail was wir hier tun und es geht ihm wie den anderen. Als er das Gletschereis unter der Schuttschicht sieht und realisiert, dass er eigentlich auf einem Gletscher läuft, werden die Augen groß. Natürlich macht auch er viele Fotos. Das war es dann für diese Saison! Das Untersuchungsgebiet muss bis nächstes Jahr auf uns warten!
Am Strand trennen sich unsere Wege. Marc fährt direkt nach Ny Alesund zurück, während Ernst und ich noch einen Zwischenstopp an der Corbel-Station einlegen werden. Es müssen noch die zwei großen Schubkarren verstaut und das Gas in der Küche abgestellt werden. Wir laufen in unseren Überlebensanzügen bis zur Hütte und verstauen die zwei Schubkarren in den Schlafzimmern. Das Gas abzustellen ist buchstäblich eine Sache von Sekunden. Somit war es das auch  für diese Saison. Die Corbel-Station muss bis nächstes Jahr auf uns warten!
Ohne großes Gepäck, mit nur zwei Personen an Bord und bei flachem Wasser und Rückenwind, wird die Fahrt nach Ny Alesund zum reinsten Vergnügen. Schade eigentlich, dass sie so schnell vorbei geht. Ich hätte schon noch gleich bis in den letzten Winkel des Krossfjorden fahren mögen. Aber die Häuser von Ny Alesund werden schnell größer und bis man sich versieht, liegt auch schon die Hafeneinfahrt vor dem Bug.
Wir kommen genau dann an, als das deutsche Forschungsschiff „Maria S. Merian“ an der Pier anlegt. Ein absolut geniales Schiff und nachdem Francois gemeint hat, dass wir es vielleicht besichtigen können, drücken wir uns selbst die Daumen, dass der Besuch auch klappt.
Nach den üblichen Aufräumarbeiten wie z.B. Boot tanken, Überlebensanzüge abduschen, Waffen säubern und zurück geben, führt uns unser nächster Gang direkt in die Kantine. Planmäßig hätten wir noch so rechtzeitig nach Ny Alesund zurückkehren wollen, dass wir noch etwas vom Brunch abbekommen. Nun, dieses Ziel haben wir verpasst. Der Hunger ist aber trotzdem da! Im Speisesaal ist bereits alles für das Abendessen heute hergerichtet und gedeckt. Wir finden aber noch einen kleinen Tisch am Rand, wo wir noch schnell Brotzeit machen können.
Da wir realistischerweise nicht vor 15:00 Uhr ins Gelände kommen würden, um zum Broggerbreen-Gletscher zu laufen und wir aber andererseits bereits um 18:00 Uhr wieder zum Essen zurück sein müssen, bleibt nur eine vernünftige Entscheidung. Der Broggerbreen-Gletscher muss bis morgen warten. Wer will denn schließlich Rinderfilet verpassen, nur wegen schlechtem Zeitmanagement? Wir jedenfalls nicht!
So haben wir den Nachmittag für uns, um z.B. am Blog zu arbeiten, Daten zu kopieren, das Feldbuch zu vervollständigen oder andere Dinge zu erledigen, die halt gemacht werden müssen. So ist auch eine Dusche nach einem Tag im Überlebensanzug vor dem feinen Essen und dem samstäglichen Mellageret-Bar Besuch vielleicht durchaus angesagt.
Francois war erfolgreich im Organisieren des Besuchs auf der „Maria S. Merian“ und er ist daher der Held des Tages. Ich freue mich schon sehr darauf, dieses Schiff näher anschauen zu können. Alleine die Aufbauten am Heck mit unterschiedlichen Kränen und Seilwinden sowie die massige, vermutlich eisgängige Bugform sind absolut beeindruckend. Um 19:00 Uhr ist Treffpunkt an der Pier!
Das Essen ist sehr fein aber wir haben letztlich nur 30 Minuten um es zu genießen. Zunächst bekommen wir an Bord der „Maria S. Meridian“ eine Einführung in die wissenschaftlichen Ziele der gegenwärtigen Expedition. Viel spannender ist aber die Führung durch das Schiff, die der Kapitän höchst persönlich mit uns macht. Er ist noch sehr jung aber voller Dynamik und mit klaren Ansagen und dazu sehr nett. Die Schiffstour wird zu einem absoluten Highlight. 
Wir dürfen auf die Brücke, sehen die Ausrüstung am Achterdeck, die Kabinen der Besatzung, die Krankenstation, den Motorenraum und auch die Winden. Diese haben bis 8 km Kabel aufgewickelt, teilweise mit Datenleitung im Inneren des Stahlmantels. Der Kapitän erzählt uns, wie schwierig es ist, das Kabel korrekt auf die Trommel gewickelt zu bekommen, ohne es zu beschädigen. Auch hier gibt es Fachkräftemangel, denn das angesammelte Wissen in der „alten“ Generation kann nur mehr bedingt an die nächste Generation übergeben werden.
Das Schiff ist in einem absolut makellosen Zustand und wo immer wir hinschauen ist alles Tip Top gepflegt. Es ist völlig klar, dass sich die Mannschaft mit ihrem Schiff identifiziert und es bestens pflegt. Da können ein paar Wissenschaftler an Bord mit ihren Experimenten nur im Weg umgehen, wenn z.B. ein frischer Farbanstrich bestimmte Experimente zerstören würde. Die Tour ist super interessant und wir sind alle begeistert. Als Sahnehäubchen oberdrauf, bekommen wir alle sehr schöne Fleece-Jacken mit dem gestickten Schiffslogo. Vielen vielen Dank für eine geniale Schiffsführung, die rundum ein besonderes Erlebnis für uns war!
In der Mellageret-Bar treffen wir dann auch einige Schiffsmitglieder. Ein Bootsmann erzählt uns beim Bier, dass wir seit zwei Tagen als Besucher angemeldet waren und sich der Kapitän speziell für unseren Besuch vorbereitet hätte. Die Crew hat seit Tagen hart gearbeitet, um das Schiff auf Vordermann zu bringen. Da freut es den Bootsmann dann umso mehr, dass uns die Sauberkeit und der exzellente Zustand des Schiffs ins Auge gesprungen sind und wir ihn und seine Kollegen dafür sehr loben. Ernst macht auch dem Kapitän gegenüber eine Bemerkung über die Sauberkeit an Bord und der meint nur ganz lapidar „Ja klar, wir leben ja auch hier!“
Ich denke, es ist fantastisch, dass sich Deutschland solche Forschungsschiffe leistet, die sicher nicht ganz billig sind im Unterhalt. Die Begeisterung der Crew und der Wissenschaftler springt sofort auf einen über und man spürt einfach, dass man hier etwas ganz Besonderes vor sich hat. Wissenschaftlich ist es sicher absolut notwendig solche Schiffe zu besitzen. Der Chef-Wissenschaftler dieser Expedition ist übrigens Uwe John, der Zwillingsbruder von Timm John, mit dem ich im Rahmen unseres Großforschungsverbundes „Early Accretion“ zusammengearbeitet habe. Kleine Welt!
An Bord habe ich übrigens noch Hedda getroffen und als ich sie fragte, ob sie Interesse hat mit uns zusammenzuarbeiten, um die Lateralmoräne und die Steinkreise weiter zu untersuchen, kriege ich als Antwort eine fette Umarmung. Sie hat sich sehr darüber gefreut und wird uns morgen zum Broggerbreen begleiten. Auch ich freue mich sehr über die zukünftige Zusammenarbeit mit ihr!
So, jetzt neigt sich ein fantastischer Tag dem Ende zu. Gletscher aus der Nähe, Wale, Robben, der Besuch von Marc, ein leckeres Essen, die geniale Führung auf der „Maria S. Merian“, die zukünftige Zusammenarbeit mit Hedda, der Barbesuch, das Wiedersehen mit Uwe John, der wettermäßig begnadete Tag und letztlich auch ein perfekt gelungenes Anlegemanöver mit „Polar Tomato“, machen diesen Tag unvergesslich. Danke an alle, die mitgeholfen haben, diesen Tag zu einem ganz besonderen zu machen.

Fotos

„Beluga“ hat Susana, Sander, Marc und Ernst an Bord, als wir den Kongsvegen-Gletscher besuchen
„Beluga“ hat Susana, Sander, Marc und Ernst an Bord, als wir den Kongsvegen-Gletscher besuchen
© KOP 132 SPLAM
  • Nahe der Abbruchkante des Kongsvegen-Gletschers
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  • Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt
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  • Eine etwas ungewöhnliche Panorama-Perspektive
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  • Der Speisesaal ist für das heutige Abendessen bereit
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  • Die vermutlich letzte Nudelsuppe der Saison
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  • Blick über den Kronebreen-Gletscher auf den Steindolpen
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  • Die Eisgrenze an der Colletthogda
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  • Blick auf den 1071 m hohen Pretender mit dem Kronebreen-Gletscher im Vordergrund
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  • Auriane und Ruben
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  • Am Kronebreen-Gletscher
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  • Bartrobbe oder Harry?
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  • Eindeutig Harry!
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  • Die Wanderer werden direkt vor dem Kongsvegen-Gletscher abgesetzt
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  • Marc und Ernst an meinem Steinmann. Wenige Minuten später war die Kamera abgenommen und der Steinmann umgeschmissen
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  • Blick von der Brücke auf das Achterdeck der „Maris S. Meridian“
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  • Die Kuppel des Kranführers – fast wie die ISS. Aber nur fast
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  • So sehen 8 km sauber aufgerolltes Kabel aus. Eine Kunst für sich!
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  • Harry auf dem Stuhl des Kapitäns. Mindestens eine Nummer zu groß für mich
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17.7.2026

Der Wetterbericht hatte recht. Als ich das Rollo hoch mache schaue ich in einen dunkelgrauen Himmel, der knapp über Dachhöhe des Blauen Hauses hängt und einen fiesen kalten Nieselregen entlässt. Eigentlich haben wir bei so einem Wetter nichts zu tun und könnten eigentlich noch ein paar Stunden schlafen. Aber das Frühstück ruft und wir folgen seinem Ruf. Offensichtlich haben heute mehr Leute die Idee etwas länger zu schlafen, denn im Speisesaal ist es auffallend ruhig und leer. Man kommt also direkt an die Spiegeleier mit Speck! Das Aufstehen hat sich also schon einmal gelohnt!
Ich sammle auf dem Rückweg noch schnell meine trockene Wäsche ein und Nico hat die gleiche Idee. Leider muss er feststellen, dass jemand seine Socken und sein Merino-Wollhemd mitgenommen hat. Das war vermutlich keine Absicht, ist aber nichtsdestotrotz sehr ärgerlich, weil die Dinger ja nicht gerade billig sind. Merino-Wolle ist das Maß aller Dinge. Man kann die Unterhemden wenn nötig wochenlang tragen ohne zu stinken, selbst nass wärmen sie noch und sind generell einfach gut zu tragen. Jeden Cent wert! Aber es müssten ja nicht so viele Cents sein! Nico lamentiert vor sich hin, bis ihm Cynthia einen Zettel schreibt, den er ans „schwarze Brett“ hängen kann, was vielleicht die Chance erhöht, das Hemd zurück zu bekommen. Alternativ beklagt er sich, dass er die sechsmonatige Abrechnungsfrist für Dienstreisen verpasst hat und nun kein Geld erstattet bekommt. Das ist natürlich ärgerlich und ich kann mit ihm mitfühlen, weil es mir auch schon so ergangen ist.
Mike macht heute Morgen ein Nickerchen und auch Cynthia ist irgendwann verschwunden. Nico sehe ich auch nicht, nur Ernst läuft ab und zu vorbei, als ich den gestrigen Blog auf dem Computer schreibe, der eigentlich für die Exkursionslogs vorgesehen ist und kein Textverarbeitungsprogramm hat, sondern nur ein Notizbuch. Irgendwann schauen Auriane und Rey bei mir vorbei und wir unterhalten uns für eine Weile bis Rey weiter muss. Auriane und ich führen unser Gespräch weiter. Auriane meint, dass der Blog recht witzig sei. Als ich frage ob sie ein Übersetzungsprogramm nimmt, sagt sie ganz beiläufig, dass sie ja Deutsch spricht. Da reden wir seit zwei Feldsaisonen Englisch miteinander, obwohl wir uns auch auf Deutsch hätten unterhalten können! Mein Französisch ist mittlerweile viel zu schlecht, als dass ich noch eine Konversation führen könnte. Zum Essen bestellen und Hotel buchen reicht es noch, aber dann wird es schon sehr dünn bei mir.
12:20 Uhr! Essenszeit! Heute gibt es ein Allerlei aus unterschiedlichem Gemüse, Fleisch und Würstchen, das überraschend scharf gewürzt ist. Anschließend wollen wir dann auch gleich los, um unser Gepäck aus der Corbel-Station zu holen und um die Hütte zu putzen. Auriane stattet uns mit Waffen, Signalpistolen und In-Reach aus, so dass wir bereit sind. Mit Francois habe ich vorher schon abgesprochen, dass wir „Beluga“ für unsere Fahrt nutzen können. Da absehbar ist, dass wir nach der offiziellen Essenszeit zurück kommen werden, bestelle ich noch ein „Late Dinner“ für uns. Die Küche stellt uns in dem Fall Essen warm, das wir essen können, wann immer wir zurück kommen.
Unsere Abfahrt wird aber unerwarteterweise verzögert. In der Hafeneinfahrt liegt ein riesiger Eisberg und zwei KingsBay Mitarbeiter versuchen ihn aus dem Hafen zu schleppen. Sie drehen dazu eine Eisschraube in den Eisberg, wie sie auch Bergsteiger verwenden. Dann hängen sie den Eisberg an ihr Polarcirkel-Boot mit 100 PS Außenborder und geben Gas. Der Tonnenschwere Eisberg setzt sich langsam in Bewegung und ich bin von der Kraft des Bootes und der Haltekraft der Eisschraube beeindruckt. Diese Polarcirkel-Boote sind einfach nur genial und absolut unkaputtbar. Das richtige Boot für extreme Bedingungen und absolute Arbeitstiere!
 

Aber auch die gute „Beluga“ leistet treue Dienste und bringt uns zügig zum Corbel-Strand. Ich koche einen Topf Wasser für Kaffee und Tee. Anschließend packen wir unsere Sachen, was in meinem Fall in fünf Minuten erledigt ist. Alle Schlafsäcke werden wieder in der großen Tasche verstaut und der Rest der persönlichen Ausrüstung landet in wasserdichten Säcken. Insgesamt sind es drei Karren voll Gepäck, die wir zum Strand ziehen müssen. Das Putzen der Hütte kommt aber noch davor und wird gemeinschaftlich erledigt. Mike und Cynthia kümmern sich um den Abfall, ich um den Toilettensack mit dem Klopapier, Ernst fegt, Nico räumt Dinge weg. Nach kurzer Zeit ist das Werk zu unser aller Zufriedenheit erledigt und wir können den Weg zum Strand antreten. Es bleibt mir aber noch genügend Zeit, eine Wassermessung an dem kleinen See unmittelbar unterhalb der Corbel-Station zu machen und dabei auch bisher nie gesehene gelbe Blumen zu fotografieren. Dann heißt es aber endgültig Abschied zu nehmen. Bis nächstes Jahr!
 

Die Fahrt nach Ny Alesund verläuft aufgrund des schweren Gepäcks und unserer fünf Luxuskörper eher langsam. Da wir nur wenig Wind und kleine Wellen haben, bleiben wir dieses Mal auch alle schön trocken. Als wir um die Pier biegen, erwartet uns dann aber doch noch eine Überraschung. Der Eisberg ist zurück und liegt wieder in der Hafeneinfahrt. Dieses Mal aber schon deutlich kleiner und ich bin erstaunt, wie schnell er abgetaut ist. Er liegt aber Gott sei Dank so, dass er meine Manöver nicht behindert. Heute klappt das Einfahren in die Box ohne das Dock zu berühren. Leinen fest. Das Ausladen kann beginnen. Cynthia holt Goupil und es ist recht lustig zu sehen, mit welcher affenartigen Geschwindigkeit sie damit zum Hafen zurück kommt. Blümchen pflücken auf der Fahrt ist durchaus möglich! Ich melde mich beim AWIPEV zurück und Francois meint, dass er uns heute noch gerne sehen würde. 
Wir treffen ihn dann beim Abendessen und besprechen kurz, wie der Tag morgen ablaufen soll. Da Ernst und ich bereits um 8:00 Uhr in Richtung Untersuchungsgebiet aufbrechen wollen, vereinbaren wir, dass wir uns nicht bei ihm abmelden, wenn wir den Hafen verlassen werden. Dann ist es Zeit, im Aufenthaltsraum auf Andreas anzustoßen. Eine durchaus liebgewonnene Tradition. Nächstes Jahr werden wir dann eine andere x-beliebige Person aussuchen, um permanent auf ihr Wohl zu trinken. Kann ja auch nicht schaden, oder? Während ich am Blog schreibe, spielen Cynthia, Ernst und Nico „Polar-Quiz“, mit vielen interessanten Fragen zur Arktis and Antarktis. Ernst ist allerdings nicht ganz glücklich darüber fast ausschließlich Fragen zu unterschiedlichen Vögeln zu bekommen. Ah, und Mike versucht noch immer sein Lizenz-Problem zu lösen.

Fotos

Ein Eisberg blockiert den Hafen und wird weggeschleppt
Ein Eisberg blockiert den Hafen und wird weggeschleppt
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  • Der „Fetthennen-Steinbrech“, den ich bisher noch nie gesehen habe
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  • Die Corbel-Station
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  • Ein trauriger Anblick, die verschlossene Corbel Haupthütte
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  • Rentiere mitten in Ny Alesund
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16.7.2026

Spiegelglatt. So liegt der Fjord vor mir, als ich um 1:30 Uhr ins Bett gehe. Eben habe ich noch den Blog an Thomas geschickt und die Filme der GoPro Kamera heruntergeladen, so dass wir Mike seine Speicherkarte zurück geben können. Frühstück ist für 8:30 Uhr angesetzt, denn wir wollen den Tag noch so gut ausnutzen, wie es nur irgendwie geht. Denn laut Wettervorhersage soll es morgens sonnig, nachmittags bewölkt und abends stark bewölkt sein, bevor es dann am Freitagmorgen zu regnen beginnt und bei 2-3°C den ganzen Tag durchregnet.
Das erste was ich heute mache, nach dem Aufstehen natürlich, sind Fotos, denn es könnte kein schönerer Tag sein. Warm, sonnig, windstill und dann dieses famose Panorama an dem man sich auch nach mehr als 10 Jahren nicht satt sehen kann. Das Frühstück verläuft unspektakulär und wir sind alle heiß darauf, möglichst schnell ins Gelände zu kommen. In Anbetracht des schlechten Wetters morgen, wollen wir zunächst möglichst alles im Untersuchungsgebiet fertig bekommen und dann heute Abend einen schnellen Trip nach Ny Alesund machen, um schon mal Mikes große Kisten dort hin zu bringen. Denn alles würde morgen sicher nicht ins Boot passen. Also muss Mike zunächst sein Rucksack-LIDAR reisefertig machen und verpacken, so dass sich die Abfahrt dann doch etwas verzögert. Aber das ist okay, denn diesen Plan haben wir erst beim Frühstücken ausgeheckt, so dass klar ist, dass es etwas dauert. Ich nutze die Zeit um noch schöne Fotos der Corbel-Station und ihrer Umgebung zu machen. Mike ist schneller fertig mit Packen als ich mit Fotografieren. So ist das, wenn einen die Gegend begeistert.
Auf dem Weg zum Strand sehen wir das große AWIPEV-Boot „Jean Floch“ mit vielen Personen an Bord an uns in Richtung Kongsvegen-Gletscher vorbei fahren. Wie wir später erfahren sollten, sind es die Ornithologen, die heute auf große Fjordtour gehen, um Vögel zu zählen. Ich mache das Boot in gewohnter Weise reisefertig, d.h. Batterie verbinden, Benzin checken, Entlüftung des Benzinkanisters öffnen, Motor absenken, Motor starten und schließlich ein Auge darauf werfen, dass der Motor Kühlwasser durchpumpt. Nachdem alle Gewehre verladen sind, ist es Zeit fürs Ankermanöver. Ernst holt wie üblich den Anker ein, Nico zieht die Leine bzw. Kette an Bord und verstaut den Anker, während Ernst unsere Bugklappe schließt. Dann kann Cynthia beginnen den Heckanker zu lichten, wobei ich ihr durch langsames Rückwärtsfahren helfe. Trotzdem ist es eine schwere Arbeit, die sie da jeden Tag verrichtet. Respekt, denn es erfordert manchmal viel Kraft und ist nicht gerade angenehm für den Rücken. 
Wir scherzen nach dem Ablegen, denn Mike will heute nicht wie üblich hinter mir sitzen, sondern auf der anderen Bootsseite. Er hat lange genug auf meinen Allerwertesten geschaut, so sein Argument. Die Diskussion, die sich entspinnt als ich frage was es den Besseres geben könnte, kann ich hier nicht im Detail wiederholen. Wir hatten jedenfalls unseren Spaß und nachdem die Sitzfrage geklärt ist, fliegen wir unserem Untersuchungsgebiet entgegen. Der Fjord ist glatt und das einzige auf was ich heute verstärkt aufpassen muss, sind wieder einmal die Eisbrocken. Heute gibt es davon leider besonders viele und so gleicht die Fahrt teilweise einem Slalomkurs. 
Beim Ankermanöver verschätze ich mich heute Morgen um ca. 3 m. Das heißt, unsere Leine für den Heckanker ist nicht lang genug, um halbwegs trocken aussteigen zu können. Da hilft leider nur eines und das ist, das Manöver zu wiederholen. Also, Anker auf und das Spiel beginnt von Neuem. Sorry, Cynthia. War keine Absicht! Das zweite Anlegemanöver klappt dann aber wie gewohnt, so dass wir bald danach für den Tag bereit sind und zu unseren Erosionsstrukturen hoch laufen können.
Mike und Ernst nehmen einen anderen Weg, weil Mike schon auf dem Weg seine ersten LIDAR-Scans des Tages machen will. Wir anderen drei laufen den üblichen Weg. Irgendwie ist der Weg heute viel anstrengender als die letzten Tage. Das empfinde nicht nur ich so, sondern auch die anderen. Es ist vermutlich ein Effekt des schönen und vor allem warmen Wetters, der uns ordentlich ins Schwitzen bringt. 
Wir waren im Prinzip ja nur ein paar Stunden weg und trotzdem fallen uns durchweg die kleineren Veränderungen der Erosionsstrukturen ins Auge. Hier ist was neues abgebrochen, da ist was gerutscht, hier ist ein Stein bewegt worden und da hat sich eine neue Schlammlobe gebildet. Auch die neue Erosionsstruktur hat sich weiter hangaufwärts entwickelt und an "meiner" sind nochmals einige größere Brocken abgerutscht.
Um dem ganzen Unterfangen ein bisschen mehr Struktur zu geben, wird Mike so viele LIDAR-Scans wie möglich machen, Nico wird zunächst die Markierungspunkte kontrollieren, so dass wir für eine Befliegung bereit sind, sollte der Wind auffrischen. Momentan ist nicht an fliegen zu denken, da es noch immer fast komplett windstill ist. Ich will meine Erosionsstruktur natürlich noch im Detail fotografieren und Panoramas davon machen. Das Gleiche gilt auch für Ernst. Und Cynthia wird zunächst Wache stehen. Und wir alle stehen einfach auch nur in der Landschaft und schauen und staunen! Bei so einem Kaiserwetter muss das auch sein! 
Nachdem ich mit dem Fotografieren fertig bin, muss ich noch die Koordinaten meines Steinmanns mit dem GPS bestimmen und schließlich noch meine Loggerstation abbauen, die ich ja in diesem Jahr völlig umsonst aufgebaut habe, weil die Loggerstation sich nie mit dem Computer verbinden ließ. Das ist an sich schon sehr ärgerlich. Als ich aber die Station abbaue, stelle ich fest, dass sie in der idealen Position gewesen wäre das eindringende Regenwasser und die damit verbundene Temperaturschwankung zu messen. Beim Einrichten der Station war der Boden relativ trocken, jetzt ist er wassergesättigt. Die Feuchtigkeits- und Temperatursensoren in 30 bzw. 60 cm Tiefe hätten uns also erlaubt genau zu monitoren, wie das Sediment durchfeuchtet wird, wie lange das dauert und in welchem Umfang das geschieht. Ich ärgere mich schwarz über diese Loggersoftware. Aber es hilft ja nichts. Die Daten sind endgültig verloren und da hilft auch kein Fluchen und Schimpfen. Haken dahinter und weiter gehts! Immer schön positiv bleiben, auch wenn es schwer fällt.
Nach dem Ärger ist erst einmal eine Tasse Tee, Schokolade, Fisch und Brot angesagt. Kurz es ist schon wieder 13:30 Uhr und damit höchste Eisenbahn für das Mittagessen. Anschließend ist es für mich an der Zeit, von unserem Wachhügel aus die anderen abzusichern. Zwar hat jede Gruppe eine Signalpistole oder ein Gewehr dabei, aber den wirklichen Überblick über das Gelände hat man nur von hier oben aus. Den Strand sieht man tatsächlich nur von hier und das ist enorm wichtig, weil Eisbären sehr häufig am Strand entlang laufen. Beim eigentlichen Arbeiten ist die Sichtweite doch eher begrenzt, was für sehr unangenehme Überraschungen sorgen könnte, Darum ist es umso wichtiger immer jemand als Wache auf dem Hügel zu haben. 
Ernst erlöst mich von meiner Wache und ich kann mich daran machen, Messungen der Wasserqualität der vielen kleinen Tümpel im Untersuchungsgebiet zu machen. Ich versuche möglichst vielfältige Tümpel zu untersuchen. So z.B. ganz frische unterhalb der Erosionsstrukturen und alte, die in stabilen Teilen des Untersuchungsgebietes auftreten. Und natürlich Tümpel in unterschiedlichen Höhenlagen auf der Seitenmoräne. Von den frischen Tümpeln würde ich z.B. erwarten, dass das Wasser zum überwiegenden Teil aus dem Abschmelzen des Gletschereises stammt, während sich in den alten Tümpeln vielleicht mehr Regenwasser ansammelt, was vielleicht eine unterschiedliche Charakteristik hat als das Schmelzwasser. Ähnlich könnten tiefer gelegene Tümpel eine andere Zusammensetzung zeigen, weil z.B. mehr Komponenten darin gelöst wurden. Die durchgeführten Untersuchungen werden dabei aber realistischer Weise keine eindeutigen Ergebnisse liefern. Was ich mir aber erhoffe ist zu sehen, ob es solche Unterschiede tatsächlich gibt und ob es die Mühe wert ist, nächstes Jahr mit genaueren Messgeräten und einem systematischeren Ansatz die Sache weiter zu verfolgen. Denn will man alles wirklich sauber dokumentieren, bedarf es dafür im Regelfall viel Zeit und Akribie, die ich dieses Jahr leider nicht aufwenden konnte. Spannend finde ich das Thema allemal und ich hätte schon Lust darauf, die "Wasserthematik" weiter zu verfolgen. Auch schon alleine deshalb, weil mir in den Tümpeln jede Menge kleinskaliger Sedimentations- und Erosionsstrukturen aufgefallen sind, die, abgesehen vom Maßstab, sehr große Ähnlichkeiten mit jenen auf dem Mars haben. Canyons, Deltas, und vieles mehr gibt es in oder an den Tümpeln zu beobachten. Ein komplett eigenes Forschungsfeld!
Last but not least muss ich noch von einem Hügel unterhalb des Untersuchungsgebietes Panoramaaufnahmen des gesamten Gebietes machen. Der Hügel ist seit Jahren relativ stabil und dient uns daher als guter Beobachtungspunkt, von dem wir immer ein Gesamtpanorama aufnehmen. Wir sollten wirklich alle diese Panoramen einmal miteinander vergleichen. Das wäre sicher super interessant. Ernst meint, dass er das vor Jahren bereits einmal versucht hat, es aber aufgrund der ständigen Veränderungen der Landschaft und der unterschiedlichen Beleuchtungsbedingungen gar nicht so einfach sei, die Details zu erkennen. Man müsste jedes Panorama also gewissermaßen kartieren, um die Unterschiede herauszuarbeiten.
Auf dem Weg nach oben teilen mir die anderen mit, dass sie nun anfangen die Markierungspunkte einzusammeln, "Weil eh kein Wind mehr kommt". Ich frage nur "Seid ihr sicher?". Obwohl ich auch keine Hoffnung mehr auf Wind habe. Prompt setzt sich der Wind durch, als fast alle Markierungspunkte eingesammelt sind. Auf dem Fjord ist die Windlinie auf dem Wasser fast textbuchreif zu sehen. Fünf Minuten später weht eine frische Brise. In der Tat so frisch, dass es vielleicht schon zu viel für den Drachen gewesen wäre. Wie auch immer, heute wird nicht geflogen. So oder so! Basta!
Auf dem Weg nach untern wollen Cynthia und Ernst noch ein paar Sedimentproben einsammeln, während der Rest des SPLAM-Teams noch weiter im Osten liegende Erosionsstrukturen anschauen bzw. scannen wollen. Je näher man nach Osten hin zum Kongsvegen-Gletscher kommt, desto frischer ist die Seitenmoräne noch. Westlich unseres Untersuchungsgebietes ist das meiste Eis bereits abgetaut und es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch unser Gebiet weniger und weniger aktiv ist und wir unsere Untersuchungen daher weiter nach Osten zum Gletscher hin, verlagern müssen. Nächstes Jahr schon? 
Hier erreicht mich auch ein Funkspruch von Rey, die uns vor einem Eisbären warnt, der beobachtet wurde wie er über den Fjord in Richtung Gasebu-Hütte schwamm. Das ist die rote Hütte in Sichtwiete der Corbel-Station! Der Wind hat mittlerweile weit über die vorhergesagte Stärke aufgefrischt und weht konstant mit 5-6 Bft aus Westnordwest. Also genau aus der Richtung, in die wir wollen. Und da die Wellen die ganze Fjordlänge haben, um sich aufzubauen, wird es ein holpriger und nasser Ritt zurück. Allerdings nicht zur Corbel-Station, weil sich der Eisbär hinter der Hütte in den Moränen der Austre und Midtre Lovenbreen-Gletscher aufhält. Das ist quasi in unserem Vorgarten und es wäre viel zu gefährlich dort sehenden Auges hin zu laufen. Das Gepäck, das wir eigentlich heute nach Ny Alesund bringen wollten, muss also vorerst am Strand bleiben und wir fahren direkt nach Ny Alesund.
Nun noch einmal zu meinem Allerwertesten! Wie gesagt, wir haben starken Wind und hohe Wellen und mehr als einmal kriegt jeder eine ordentliche Dusche ab. Als Fahrer stehe ich ja hinter dem Windschutz hinter dem ich mich abducken kann, aber Ernst und Nico sitzen vorne und kriegen das volle Programm in ganzer Herrlichkeit ab. Und siehe da, nun ist Mike plötzlich sehr froh, hinter mir sitzen zu können. Noch nie war mein Allerwertester so wertvoll wie heute!. Es schwimmen immer noch viele Eisbrocken im Fjord aber wir schaffen es, ihnen aus dem Weg zu gehen und trotzdem einen halbwegs passablen und halbwegs trockenen Kurs durch die Wellen zu steuern.
Die „Hondius“, ein Passagierschiff das vor Kurzem wegen dem Ausbruch des Hantavirus zu Weltberühmtheit gelangt ist, kommt uns entgegen. Zunächst denke ich, dass es in NyAlesund anlegen will. Aber es fährt an der Pier vorbei und ist auf dem Weg zu den Gletschern. Ich will seinen Weg nicht kreuzen, auch wenn das der kürzeste Weg in den Hafen gewesen wäre. So bleibe ich auf seiner Backbordseite mit nötigem Abstand, also mehr in der Fjordmitte. Ich denke, die Kreuzfahrer haben genügend Bilder von fünf bunt gekleideten Personen in einer kleinen Nussschale beim Duschen schießen können.
Die Hafeneinfahrt ist bei unserer Ankunft doch tatsächlich "blockiert". Zwei Segelschiffe versuchen gleichzeitig in den Hafen zu fahren und deshalb entschließe ich mich, noch ein paar Warteschleifen zu drehen bis sich die zwei Segler sortiert haben. Der Zweimaster fährt dabei Manöver, die ich als wenig Gentlemen-like bzw. auch als gefährlich einstufen möchte. Das andere Segelboot hatte bereits seine Hafenmanöver begonnen, als der Zweimaster an der Pier entlang sich zwischen Segler und Pier hinein manövrierte und dabei für Irritationen sorgte. So nahe an der Pier zu fahren und dann eine relative enge Kurve zu fahren halte ich für mindestens unklug, weil man auf keinem Fall sehen kann, ob in diesem Moment ein anderes Schiff den Hafen verlassen will. Aber gut, es ist nicht an mir anderen Leuten zu sagen, wie sie ihr Schiff zu manövrieren haben. Ich wäre es nur anders angegangen!
Und mir steht ja auch noch die Aufgabe bevor, unser Boot in die Box zu bekommen. Das ist bei dieser Windrichtung und den Wellen im Hafen, die quer zur Box laufen, nicht einfach. Zumindest für mich nicht! Klappt aber ganz gut und letztlich liegen wir sicher in der Box. Mir fällt ein Stein vom Herzen und Mike meint nur "impressive boat skills!" Das freut mich natürlich und so kann ich ihm auch seine Kommentare über mein Hinterteil verzeihen! Auch bin ich ganz froh, dass wir das Boot heute nicht am Strand der Corbel-Station ankern müssen, denn bei den Wellen liegt es dort einfach nicht gut.
Rey ist sehr erleichtert, als wir uns bei ihr zurückmelden. Ein paar Minuten später holt sie uns und das Gepäck mit Emily ab. Wieder ein paar Minuten später stehen wir alle unter der warmen Dusche. Speziell Nico und Ernst wurden trotz Überlebensanzug recht nass und haben begonnen zu frieren. Sie kriegen also die ersten warmen Duschen ab. Dann kommen Mike und ich. Cynthia ist ja im Rabot-Gebäude untergebracht und hat dort sowieso alle Duschen zur Verfügung. Sowohl Rabot als auch das Blaue Haus sind nach der Abreise von Julia und ihrem Team nun nur noch von uns besetzt. Welcher Luxus!
Jetzt noch schnell Abendessen und dann ist es auch schon Zeit für Reys Geburtstagsfeier. Ihr Appartement ist bereits voll mit Leuten und wir verbringen einen netten Abend! Rey bekommt viele erstklassige selbstgebastelte Geschenke von Auriane, Francois und Marc. Es ist wirklich sehr schön zu sehen, wie gut diese vier zusammenarbeiten und wie herzlich sie miteinander umgehen. 
Dann bleibt uns nur noch eine wichtige Aufgabe zu erledigen. Nämlich auf Andreas anzustoßen. Da kommt uns der letzte Rest Whiskey gerade recht, den wir noch im Aufenthaltsraum des Blauen Hauses gebunkert haben. Wir übernehmen die Aufgabe heute mit verkleinerter Truppe, den Cynthia und Mike liegen bereits in ihren Kojen. So geht letztlich ein schöner, aufregender und ereignisreicher Tag zu Ende, der nur in Teilen so verlief, wie wir ihn geplant hatten. Die "Evakuierung" der Corbel-Station war sicher nicht geplant und ist auch ein Novum für uns, denn bisher hatten wir nie Probleme mit Bären so nahe an dieser Hütte. Das muss jetzt auch nicht unbedingt zur Gewohnheit werden!

Fotos

Weites Land
Weites Land
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  • Da hat jemand Spaß
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  • „Nördlichen Alpennelke“
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  • Kleines Delta in einem Tümpel
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  • Für ein Abendessen wird es nicht ganz reichen
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  • „Glatte Gänsekresse“
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  • Gekritztes Geschiebe und Frostsprengung. Die Kratzer entstehen wenn in einem Gletscher Gesteinsbrocken aneinander schrammen. Die Spalten entstehen durch Wasser, das im Inneren des Brockens gefriert und ihn dadurch sprengt
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  • Der Olssonfjellet
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  • Schmelzwasserkanal auf dem Midtre Lovenbreen-Gletscher
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  • Die Ornithologen sind mit „Jean Floch“ unterwegs
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  • Das deutsche Forschungsschiff „Maria S. Merian
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  • Kongsbreen-Gletscher
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  • Die „Martians“ sind gelandet
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  • Kronebreen-Gletscher
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  • Die Eiskante des Kongsvegen-Gletschers
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  • Chaos pur
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  • Der Kongsbreen-Gletscher schaut hinter der Colletthogda hervor
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  • Mike oder Freiheitsstatue?
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  • Der Wind kommt. Und viel stärker als gedacht!
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15.7.2026

Definitiv keine gute letzte Nacht. Obwohl ich bereits um 1:00 Uhr in meiner Mümmeltüte liege, brauche ich ewig um den Schlafsack warm zu kriegen. Das ist normalerweise kein Problem und innerhalb weniger Minuten ist es dann mollig warm. Aus irgendeinem Grund funktionierte das aber letzte Nacht nicht. Schließlich schließe ich dann irgendwann entnervt den Reißverschluss der zweiten Daunenlage, wohlwissentlich, dass dies der volle Overkill ist und eigentlich viel zu warm ist. Aber immerhin werde ich warm und kann dann auch endlich einschlafen. Aber es kommt, wie es kommen musste. Irgendwann wache ich schweißgebadet auf. Und dann muss man natürlich auf die Toilette und so steht man dann mit seinem verschwitzten „Nachthemd“ im kalten Wind und denkt sich „ Sch…, ist das kalt“. Um das Temperaturmanagement besser unter Kontrolle zu kriegen, bleibt die zweite Lage nach meiner Rückkehr in den Schlafsack weg. So schlafe ich dann doch noch ganz gut bis um 8:00 Uhr der Wecker klingelt.
Genau heute vor einem Jahr haben wir die drei Eisbären am Strand vor der Mellageret-Bar gesehen. Ich denke, das reicht noch immer und hoffe, dass wir heute mit keinem Eisbär die Wege kreuzen.

Heute wollen Rey und Hedda zu uns kommen und das sollte so gegen 10:00 Uhr passieren. Ich koche dementsprechend viel Wasser, um für alle genügend Tee/Kaffee und natürlich Nudelsuppen bereit zu haben. Ich bin gerade fertig, als Mike auftaucht. Wenig später sitzt auch Nico am Frühstückstisch und die ersten Nudelsuppen verschwinden bereits in unseren Bäuchen. Ernst und Cynthia komplettieren die SPLAM-Frühstücksmannschaft und wir sind für unsere Gäste bereit. Um mir die Wartezeit zu verkürzen, laufe ich kurz zum Strand. Ich will sehen, ob das Boot gut und korrekt verankert liegt. Es wäre ja peinlich, sollte das Boot auf dem Trockenen liegen. Schließlich wollen wir ja auch einen guten Eindruck hinterlassen. Um kurz nach 10:00 Uhr sehen wir Rey und Hedda auf die Hütte zulaufen. Hedda ist übrigens bei KingsBay an der Rezeption beschäftigt und ich hatte bei der Vorbereitung der Expedition öfter mit ihr einen sehr netten E-Mail Austausch. Schön, sie heute einmal persönlich kennenlernen zu können.
Nach einer kurzen aber herzlichen Begrüßung gibt es einen Kaffee für die beiden. Unsere Nudelsuppen wollen sie nicht probieren und ich kann gar nicht verstehen warum. Vermutlich weil sie in Ny Alesund ein etwas besseres Frühstück serviert bekommen haben. Hedda ist Geologin und hat in Oslo und in Longyerabyen an der UNIS studiert. Man kann also ganz direkt mit ihr über die Geologie hier reden, die sie vermutlich eh besser kennt, als wir das jemals hinbekommen werden. Es ist schon cool, bei den beiden auf die Zwischentöne zu hören. Ihnen fällt das natürlich nicht auf, aber ich bekomme große Augen wenn sie von einer Schlittenhundefahrt hier und einer Schneemobiltour da ganz beiläufig erzählen. Auch die Exkursionen, die Hedda bei UNIS gemacht hat, haben es durchaus in sich. Und Rey erzählt, dass sie eineinhalb Monate auf einem Eisschild gezeltet hat. Ohne Dusche! Da sind wir doch ganz kleine „Polarforscherchen“, die schon meinen besonders hart zu sein, nur weil wir 4 Tage in einer Hütte verbringen. Gerade zu Kindergarten, Streichelzoo, Ponyhof, was auch immer.
Wir erklären Rey und Hedda an was wir generell so arbeiten, was wir hier in Spitzbergen tun und was wir heute so vorhaben. Dann ist es aber auch Zeit ins Gelände zu gehen. Denn am Tisch sitzend kann man vieles erklären, im Gelände kann man es aber direkt selbst sehen und erfahren. Mike mit seinem LIDAR-Rucksack wird bei Rey und Hedda auf „Luciole“ mitfahren. So sollten wir durch die bessere Gewichtsverteilung alle schneller ans Ziel kommen. Außerdem ist es vermutlich etwas trockener auf „Luciole“, was speziell für Mikes Gerät wichtig ist.
Rein in die Überlebensanzüge und schon sind wir dahin. Nach einer ruhigen und trockenen Fahrt sind wir im Nu an unserer Landestelle. Noch einmal nach Eisbären geschaut und dann geht es an Land. Bereits beim Aufstieg zeigen wir den beiden das klare Gletschereis unter der teilweise nur wenige Dezimeter dicken Schuttschicht. Ich denke, es gefällt ihnen.
Das Wetter ist heute etwas durchwachsen. Am Morgen war es sehr schön sonnig und lau, aber mit den zunehmenden Wolken kommt auch der Wind und es wird merklich kühler. Das merkt man vor allem auf unserem Hügel bei der Eisbärenwache. Man hat ja nichts weiter zu tun als auf dem Hügel herum zu stehen und zu schauen. Im frischen Wind wird das schon recht schnell unangenehm kalt. Wir wechseln uns natürlich ab, aber ich denke, dass Cynthia heute am meisten Wache gestanden hat. Danke!
Mit dem Wind ergibt sich natürlich auch die Möglichkeit, den Drachen steigen zu lassen. Zunächst geht auch alles gut und der Drachen bleibt relativ stabil in der Luft. Leider nimmt der Wind dann aber ab, so dass wir eine Notlandung hinlegen müssen. Denn es wäre eine Katastrophe, würde der Drachen in mitten eines Schlammstroms herunterkommen. Die Chance wäre dann recht groß, dass einer von uns Stiefel, Socken und Hose ausziehen müsste, um in Unterhosen durch den kalten Schlamm zu laufen, um den Drachen zu bergen. Arrrgghhh, da mag ich gar nicht daran denken.
Nach einer kleinen Pause, die Nico zum Anfertigen der Polevideos nutzt, frischt der Wind wieder auf und wir können einen zweiten Versuch wagen. Der Wind ist nun stärker und der Drachen bleibt viel stabiler in der Luft. Wir fliegen so lange, bis die erste Batterie leer und die Speicherkarte voll ist. Mit neuer Speicherkarte können wir mehr als vier Stunden Daten sichern. Rein theoretisch natürlich, denn vorher gibt sicher auch die zweite Batterie auf. Die erste hängt an der Powerbank in meinem Rucksack. Wir fliegen, fliegen und fliegen. Ich glaube, dass wir noch nie soviel geflogen sind und noch nie ein so großes Gebiet abgedeckt haben. Ich bin schon gespannt, wie das Höhenmodell ausschauen wird, das Nico in den nächsten Wochen und Monaten berechnen wird.
Schneller geht es natürlich mit Mikes LIDAR-Scanner. Und deshalb nutzt auch Mike heute den Tag, um mit seinem Rucksack-Scanner und dem neuen LIDAR möglichst große Gebiete abzudecken. Am Ende ist er ziemlich geschafft von dem permanenten Rumrennen in diesem unebenen Terrain. Mir geht es nach der Drachenbefliegung ebenso. Der Drachen zieht und zerrt natürlich und auf dem steilen und teilweise sehr nassen und weichen Boden hat man sowieso schon Schwierigkeiten beim Laufen und muss genau hinschauen, wo man hintritt. Da braucht man nicht noch einen zerrenden Drachen! Am Ende bin ich total durchgeschwitzt.
Um nicht komplett kalt zu werden und zu frieren, mache ich Detailfotos der Erosionsstrukturen sowie Panoramaaufnahmen. Dabei stelle ich fest, dass die neue Erosionsstruktur sich stark verändert hat und dass Ernsts erster Steinmann noch immer steht. An meiner Erosionsstruktur haben sich viele Spalten entlang der Abbruchkante gebildet, so dass wir voraussichtlich noch einige Aktivitäten beobachten werden können. Spannend sind auch die Veränderungen der Erosionsstruktur an der Stelle, an der ein kleiner Bach über die Kante fließt. Die Gesteinsbrocken sind alle sauber abgewaschen, während sie sonst im Schlamm eingebettet sind. A einer anderen Stelle der Abbruchkante hat man einen schönen Einblick in die Korngrößenverteilung der Schuttschicht.
 

Rey und Hedda werden von Mike losgeschickt, um vor allem das Gelände hinter unserem Hügel zu scannen. Dort gibt es z.B. einen Schmelzwasserbach eines kleinen Gletschers, der in mehreren Phasen einen Schwemmkegel aufgeschüttet und sich nun tief darin eingeschnitten hat. Von Weitem sah es so aus, dass in den Wänden vielleicht auch Gletschereis angeschnitten sein könnte. Nachdem Rey und Hedda sich verabschieden, um pünktlich zum Essen in Ny Alesund zu sein, inspizieren Cynthia und ich diesen Taleinschnitt.  Ernst war viel schneller und hat die Gegend schon vor uns erkundet. Wir stimmen aber alle darin überein, dass wir kein Eis sehen. Und auch die thermalen Infrarot-Aufnahmen, die Cynthia anfertigt, lassen nicht auf Eis schließen.
Auf dem Weg zu dem Schmelzwasserbach als auch auf den Rückweg beproben Cynthia und ich mehrere Wasserpools und natürlich auch den Bach. Die Pools sind mit 6-8°C um einiges wärmer als das 2-3°C warme Bachwasser. Die anderen Wasserqualitäts-Parameter müssen wir erst noch im Detail untersuchen. Aber auf den ersten Blick gibt es schon eindeutige Unterschiede.
Die anderen drei werden unruhig! Nach einem kalten und windigen Tag wollen sie heim! Da gibt es auch nichts zu diskutieren, denn das Arbeitspensum für heute ist mehr als übererfüllt, so dass wir nun mit ruhigem Gewissen in Richtung Boot gehen können. Dabei gibt es aber noch eine gehörige Schrecksekunde als Mike ausrutscht, sich nur mit Mühe mit den Händen abfangen kann und der Sensor des LIDAR-Rucksacks nur um ca. 20 cm den Aufschlag auf den Boden verpasst. Das wäre mit Sicherheit sein Ende gewesen und hätte einen Schaden von ungefähr 70,000 Euro bedeutet. Ging ja Gott sei Dank nochmal gut! Und auch Mike hat bis auf den Fast-Herzinfarkt alles gut überstanden.
Cynthia fragt mich beim Beladen des Bootes, ob wir in Richtung Colletthogda fahren könnten, um ein Eisfeld aus der Nähe zu sehen. Der leichte Regen, der uns beim Abstieg begleitet hat, hört dabei auf und die Sonne kommt hinter den Wolken heraus. Perfektes Timing! Die anderen machen Fotos, während ich mich darum kümmere, keine Eisberge zu rammen. Mit den Eisbergen ist es wie mit den Austern – die Kleinen sind die Besten. Frei abgewandelt nach Obelix! In der Tat sind die Eisberge nicht das Problem sondern die kleinen Eisbrocken, die kaum über die Wasseroberfläche heraus schauen aber trotzdem einigen Schaden anrichten können, wenn man mit dem Boot darüber rauscht. Da die Sonne genau dort steht wo wir hin wollen, muss ich die ganze Zeit versuchen in der spiegelnden Wasseroberfläche diese kleinen Eisbrocken zu entdecken. Gelingt und wir rammen nichts!
Das Anlegemanöver ist mittlerweile reine Routine und so kann ich mich bei Auriane für den heutigen Tag abmelden. Wenig später gibt es schwedische Pfannenkuchen zum Abendessen. Die sind dicker als deutsche, bestehen nur aus Wasser und Mehl und enthalten Fleischstückchen. Man isst sie mit Blaubeer- oder anderer Marmelade. Sie sind also definitiv anders als meine Rahmspinat- Pfannenkuchen, aber nicht weniger gut. Die Abwasch und Küchendienst Lotterie hat heute meinen Namen gezogen und so koche ich erstmal einen großen Pott Wasser. Ich mache kurzen Prozess mit dem dreckigen Geschirr und der dreckigen Küche.
Heute gibt es übrigens noch etwas Neues. Mike, Nico und Cynthia spielen Karten. Da sie dabei auch den täglichen Whiskey genießen, fehlen eigentlich nur die dicken Zigarren und die leichtbekleideten Serviererinnen, um sich das nördlichste Casino der Welt vorstellen zu können. Okay, keiner von uns trägt heute Smoking!

Fotos

Mich blendet die Sonne auf dem Weg zurück zur Corbel-Station
Mich blendet die Sonne auf dem Weg zurück zur Corbel-Station
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  • Der Drache ist in der Luft und die Kamera läuft!
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  • Algen in einem Tümpel
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  • Die Nachmittag Sonne macht ihr Ding
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  • Nico und Ernst freuen sich über die Pfannenkuchen
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  • Auf unserem Weg ins Untersuchungsgebiet liegt die gut getarnte Tyske-Hytta
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  • Unser Untersuchungsgebiet vom Boot aus gesehen
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  • Das Westende der Colletthogda
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  • Der Blomstrandbreen
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  • Mittagspause
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  • Der Kronebreen schmilzt
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  • Spalten entlang meiner Erosionsstruktur
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  • Gesteinsbrocken in der Wand der Erosionsstruktur
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  • Glasklares Gletschereis mit Schlamm bedeckt
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  • Rentier, dem ein Seil zum Verhängnis wurde
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  • Schmelzwasserbach, der sich in einen Schwemmfächer eingeschnitten hat
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  • Ein Schmelzwassertümpel läuft über
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  • Schwedische Pfannenkuchen
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  • Die Kronebreen und Kongsvegen Gletscher sind nur noch durch eine schmale Eisbrücke miteinander verbunden
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  • Nico freut sich, dass die Physik auch in Spitzbergen funktioniert
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14.7.2026

Der Tag fängt schon erst gar nicht schlecht an. Er startet mit trockenem Wetter und einer schönen heißen Dusche für meinen verschlafenen Körper. Und in der Kantine gibt es heute keinen Porridge! Stattdessen hart- und weichgekochte Eier! Julia Boike ist auch wieder unter den Lebenden, nachdem sie gestern den ganzen Tag krank in ihrem Zimmer lag und wir sie selbst bei den Essenszeiten nicht zu Gesicht bekommen haben. Und es geht heute endlich zur Corbel-Station und voraussichtlich auch ins Gelände.
Speziell auf den Besuch unseres Untersuchungsgebietes bin ich gespannt. Der viele Regen der letzten Tage hat sicher sehr viel zur Erosion der Seitenmoräne beigetragen. In der Tat mache ich mir Sorgen, dass der weiche Boden unter meinem Steinmann nachgegeben haben könnte oder der Steinmann durch den starken Wind beschädigt worden ist. Beides hätte zur Folge, dass meine Zeitrafferkamera im Dreck liegt und wir somit die Veränderungen unserer Erosionsstruktur nicht dokumentiert hätten. Das wäre natürlich sehr schade! Aber wenigstens habe ich die Kamera mit einem Seil gesichert, so dass ich sie wiederfinden und bergen kann. So ist jedenfalls der Plan, sollte sie tatsächlich im Dreck liegen. Auch die anderen machen sich Gedanken über ihre Zeitrafferkameras, weil sie sie teilweise an gefährdeten Stellen aufgestellt haben. Ernsts steht z.B. an einem relativ steilen Abhang und Mikes Kameras stehen nahe der Abbruchkante.
Für den geplanten Aufenthalt an der Corbel-Station bis Freitag planen wir nur leichtes Gepäck mitzunehmen. An Ausrüstung sind nur das LIDAR, der Drachen und die Polestangen vorgesehen, plus jeweils das persönliche Gepäck und natürlich die Essensvorräte. Aber auch da können wir relativ sparsam planen, weil sich ja noch Lebensmittel von uns in der Corbel-Station befinden, die wir letzte Woche dort zurückgelassen haben. Sollte also alles relativ entspannt sein und sobald der Wind noch etwas mehr nachlässt sollten wir dann nach dem Mittagessen auf die Piste kommen. Die Italiener erzählen mir von einem weiteren Eisbären, der heute Morgen wohl beobachtet wurde, wie er über den Fjord schwamm. Der oder die Bären treiben sich also in der Gegend herum und wir werden wieder extra vorsichtig sein müssen, so bald wir im Gelände unterwegs sind.
Meine sieben Sachen sind schnell gepackt, heute Morgen. Ein paar Unterhosen, Socken, Wollunterhemden, Fleece-Jacken, die AWI-Regenausstattung, Mütze, Waschzeug, Schlafsack und der ganze Technikkram. Schon bin ich fertig und kann einen Anruf der Präsidentin von einem der Rotary-Clubs in Münster entgegennehmen. Ihr ist kurzfristig der Referent für den Vortrag heute ausgefallen und fragt, ob ich kurzfristig einspringen könnte. Leider muss ich dazu aus offensichtlichen Gründen nein sagen. Ich gebe ihr aber Carolyns Nummer und aus einem Telefonat mit ihr erfahre ich, dass sie den Vortrag halten und dieser bereits um 13:30 Uhr stattfinden wird. Auch das Problem mit einem in der Post verloren gegangenen LROC-Bericht an die Raumfahrtagentur können wir dabei schnell lösen. Emails sind auch schnell abgearbeitet und ich kann mich nun physisch und psychisch auf den Corbel-Trip vorbereiten. Das heißt, ich liege auf dem Bett und arbeite noch ein paar kleinere Dinge ab.  Ist also schon wieder ein produktiver Dienstagmorgen! Auch für Nico, denn er zersägt noch vor dem Mittagessen ein paar Hektar Wald. Von den anderen Dreien hört und sieht man absolut nichts.
Draußen laufen wieder kleinere Gruppen von Kreuzfahrttouristen durch Ny Alesund. Heute sind sie viel lebendiger als die letzten Tage und ich denke das hat unmittelbar mit dem besseren Wetter zu tun. Ist ja auch schade, wenn man für viel Geld hier in den wunderschönen Kongsfjorden kommt und dann nur graue Wolken und ein quasi ausgestorbenes Dorf sieht, wo sich alle Bewohner in ihren Häusern verschanzen. Wenn man dann selbst auch noch im Regen rumlaufen muss, ist es klar, dass die Stimmung eher dem Wetter angepasst, trübe ist. Aber wie gesagt, heute sind sie wieder putzmunter und fotografieren sich gegenseitig an der Amundsen-Büste. Der Spaß ist auch bei ihnen zurück! 
Sehr auffallend in diesem Jahr ist die enorme Anzahl an chinesischen Touristen. Offensichtlich ist es vielen Chinesen mittlerweile möglich, sich so teure Kreuzfahrten leisten zu können, so dass ganze Schiffe ausschließlich von chinesischen Gästen belegt zu sein scheinen. Französische oder deutsche Kreuzfahrer sieht man mittlerweile eher selten, obwohl sie noch vor wenigen Jahren das Hauptkontingent stellten. Die Zeiten ändern sich, bzw. haben sich bereits geändert.
Gegen 11:00 Uhr machen wir noch eine kurze Inspektion unserer Ausrüstung im Rabot-Gebäude. Das Gimbel für die Aufhängung der Kamera unter dem Drachen, das wir bei unserem letzten sehenswürdigen Absturz massiv verbogen haben, ist schnell im Schraubstock und mit ein paar gezielten Hammerschlägen repariert. Feinmechanik und deutsche Ingenieurskunst vom Feinsten. In anderen Worten: Dumm darf man sein, man muss sich nur zu helfen wissen. Meine Bialetti-Maschine samt meiner blauen Metalltasse und der gute italienische Espresso finden noch in der Essenskiste Platz und mein Schuhband meines zweiten Paar Stiefel ist mit dem Heißschneide-Gerät in Sekunden repariert. Cynthia hat die Essenskiste bereits randvoll mit den üblichen Leckereien gemacht, so dass wir in den nächsten Tagen auf keine Köstlichkeit der Welt verzichten müssen. Kurz, wir sollten also mehr oder weniger bereit sein für die nächsten paar Tage. Und falls wir wirklich etwas vergessen haben sollten, kann Rey und Hedda es uns morgen mitbringen, denn die zwei wollen uns morgen bei der Lateralmoräne besuchen.
Beim Mittagessen verabschieden wir uns von Julia und ihrem Team. Sie werden nach Deutschland zurück fliegen, bevor wir von der Corbel-Station zurückkommen werden. Auriane händigt uns die Waffen und das In-Reach aus und wir dürfen „Goupil“, eines der AWIPEV E-Autos verwenden, um unsere Ausrüstung bis an den Hafen zu bringen.  So stehen wir kurze Zeit später vor einem Berg an Zeugs, der unmöglich zusammen mit fünf Personen auf Beluga Platz hat. Hatte ich nicht noch vor ein paar Absätzen getönt, dass wir dieses Mal „leicht“ reisen? Nun, dann ist das eben der Unterschied zwischen rosarotem Wunschdenken und grausiger Realität.
Es werden also zwei Trips zur Corbel-Station werden. Soviel steht fest. Die Frage ist jetzt nur, wie wir uns am geschicktesten organisieren. Wir gehen die Sache natürlich streng wissenschaftlich an, versteht sich doch von selbst. Zunächst machen wir also zwei Haufen, einen mit Seesäcken und Kisten, die heute nur bis Corbel reisen müssen und andere Säcke und Kisten, die bis ins Untersuchungsgebiet mitgenommen werden sollen. Erledigt! Jetzt teilen wir noch die Personen sinnvoll auf und dann kann es losgehen. Ernst und Cynthia werden mit der Corbel-Ausrüstung die erste Tour machen. Mit Waffe, Signalpistole, Funkgerät und Tee ausgestattet, werden sie am Strand abgesetzt und dort warten, bis ich mit Mike und Nico sowie dem restlichen Gepäck aus Ny Alesund zurück kehre. Der fabulöse Plan wird sofort umgesetzt und die ersten drei Personen steigen in die Überlebensanzüge.
Die Fahrt zur Corbel-Station ist ruhig und trocken. Der starke Wind der letzten Tage ist fast vollständig abgeflaut und auch die Wellenhöhe ist absolut kein Problem. Am Strand bringen wir nur den Heckanker aus, während ich das Boot am Bug halte, bis die anderen alles ausgeladen haben. Das dauert keine zehn Minuten, dann befindet sich schon ein Großteil der Ausrüstung auf dem Trockenen. Da ich dem Wetterbericht aber nicht traue, haben wir auch eine Plane mitgebracht, mit der wir z.B. unsere Tasche mit den Schlafsäcken abdecken können. Sicher ist sicher! Bei nassen Schlafsäcken hat der Spaß schnell ein Loch, wie Eberhofer immer sagt.
Ich fahre alleine mit dem Boot nach Ny Alesund zurück. Das Hochholen des Ankers funktioniert prima und schon bin ich unterwegs. Da ich alleine fahre, mache ich die rote Leine zur Notabschaltung um mein Handgelenk. Sollte ich tatsächlich über Bord gehen, werde ich zumindest nicht vom Propeller zerhäckselt, weil beim Ziehen der Leine der Motor sofort aus geht. Damit kann das Boot auch nicht weiterfahren und man hat vielleicht die Chance, es schwimmend zu erreichen. Rein theoretisch. Denn bei nur etwas Wind wird so ein Boot schneller treiben als man in den Überlebensanzügen vermutlich schwimmen kann. Aber man hat zumindest ein gutes Gefühl mit der Leine ums Handgelenk.
Die Fahrt ist ruppiger als erwartet und ich muss öfter das Gas weg nehmen, um nicht all zu hart in die Wellen einzuschlagen. Kurz vor dem Hafen bringe ich die Fender aus. Mike steht am Steg und filmt mein Anlegemanöver in der relativ engen Box. Natürlich hofft er auf spektakuläre Aufnahmen, wie ich beim Einfahren in die Box deutsche und französische Steuergelder in aller Herrlichkeit versenke.
 

Das Anlegemanöver klappt aber perfekt, Mike ist enttäuscht und die Steuergelder bleiben erhalten. Genial! Ich bin fast stolz auf mich!
Das restliche Gepäck und Mike und Nico sind schnell verstaut und schon sind wir wieder unterwegs zur Corbel-Station. Dort sammeln wir Cynthia und Ernst auf. Ich lasse Cynthia das Boot fahren und sie freut sich. Ich sitze einfach auf der Bordkante und schaue mir die Landschaft an. Beim ersten Ankermanöver haben wir zu wenig Ankerleine, so dass der Anker nicht hält und das Boot zu nahe am Strand zum Liegen kommt. Mir gefällt das nicht und darum parke ich noch einmal um. Nach dem zweiten Versuch liegen wir besser und das Boot kann sich aufgrund der längeren Heckankerleine besser an die tidenbedingten Wasserstandsänderungen anpassen.
Auf dem Weg nach oben zu unserem „Basislager“ fallen uns sofort die vielen Veränderungen auf. Zahlreiche der Erosionsstrukturen sind nun viel größer geworden und haben sich hangaufwärts „gefressen“. Das abgetragene Material hat sich dabei in massige Schlammströme verwandelt, die wunderbare Loben bilden. Auch der ganze Boden ist heute viel weicher und matschiger als noch vor ein paar Tagen. Wo wir letzte Woche ohne Probleme laufen konnten, sinken wir nun tief ein.  An der Flanke des höchsten Hügels in unserem Gebiet hat sich eine neue Erosionsstruktur gebildet, die blankes Gletschereis freigelegt hat. Dadurch wird ersichtlich, dass der Hügel überwiegend aus Eis besteht und nur die obersten 50-60 cm aus Gesteinsschutt bestehen. Das ist schon absolut klasse, das so zu sehen. Und der große Stein, an dem wir jahrelang unsere Ausrüstung abgelegt hatten, ist nun Teil eines Schlammstroms.
Eine der wichtigsten Fragen gilt natürlich unseren Zeitraffer-Kameras. Nun, die gute Nachricht ist, dass noch alle dort sind, wo wir sie installiert haben. Ernsts Kamera ist allerdings nur äußert knapp dem Desaster entgangen, steht sie doch unmittelbar an der Abbruchkante. Sie hätte vermutlich keinen weiteren Tag überlebt. Ernst baut einen neuen Steinmann, von dem aus seine Kamera die ganz neue Erosionsstruktur in unserem Hügel beobachten kann. Das sollte interessante Bilder geben. Nico und ich hatten 2021 den gleichen Hügel beobachtet, weil auch damals Gletschereis an dieser Stelle exponiert war und wir deshalb mit viel Aktivität gerechnet hatten. Im Mai 2021 war es aber zu kalt, als dass sich viel Bewegung gezeigt hätte. Ernst hat dieses Jahr die viel besseren Karten dafür.
 Mikes Kameras müssen auch abgebaut werden, da auch sie zu nahe an der Kante stehen und eine Kamera bereits umgefallen ist. Die Filme, die seine zwei Kameras aufgenommen haben, sind aber spektakulär und zeigen, wie sich sehr große Schlammmengen als eine kohärente Masse talabwärts bewegen. Zunächst bewegen sie sich kaum, bis ein Punkt erreicht ist, wo die Wassersättigung und die Hangkräfte so groß werden, dass das gesamte Paket mobilisiert wird. Auch ist zu sehen, dass es bereits vor dem Starkregen größere Bewegungen gegeben hat, die durch den Regen weiter verstärkt und beschleunigt wurden.
Ich mache jede Menge Fotos der einzelnen Erosionsstrukturen und nutze mein Handy, um damit Panorama-Aufnahmen anzufertigen. Die geben einen sehr schönen Überblick und können quasi sofort betrachtet werden, was ein großer Vorteil ist. So sieht man z.B. sofort, ob die Bildqualität gut ist, oder ob die Aufnahmen wiederholt werden muss. Bei meiner normalen Kamera braucht es dazu erst einen Computer, mit dem Panoramabilder aus Einzelbildern berechnet werden können. 
Nico läuft alle unsere Markierungspunkte ab und versucht diejenigen zu bergen, die mit den Schlammströmen bewegt wurden. Drei der ursprünglich ca. 60 Markierungspunkte sind komplett unauffindbar und liegen vermutlich irgendwo im Schlamm begraben. In ein paar Jahren werden wir sie dann wieder finden, wie es uns schon oft passiert ist. 
Zu viel Zeit bleibt uns heute im Untersuchungsgebiet nicht, denn es ist mittlerweile nach 18:00 Uhr. Darum brechen wir ab nachdem Ernst seinen Steinmann fertig gebaut und die Kamera ausgerichtet hat. Das passt auch ganz gut, weil es zu regnen anfängt. Da ist man umso besser in einem Überlebensanzug aufgehoben. Der einzige Nachteil der Anzüge ist, dass sie keine Kapuze haben. Dadurch werden unsere Wollmützen nass und ich bin ehrlich gesagt froh, als es auf der Rückfahrt dann auch bald wieder aufhört zu regnen. Über die Idee eine Plane auf die Schlafsäcke zu legen, bin ich nun froh. 
Im Fjord laufen große langgezogene Wellen aus, die Überbleibsel des Sturms. Trocken und wohlbehalten kommen wir am Strand der Corbel-Station an. Ich melde uns beim Station Leader als zurückgekehrt und Rey wünscht uns einen schönen Abend. Gleichzeitig warnt sie uns auch vor einem Eisbären, der heute auf einer der Inseln im Fjord gesichtet wurde. Ihr Rat ist, vorsichtig zu sein. Natürlich suchen wir sofort mit allen Ferngläsern alle Inseln ab, ohne auch nur irgendetwas zu sehen, was nach Ursus maritimus ausschaut. Nachdem wir unser Gepäck zu den Hütten gebracht haben und nach Bären Ausschau gehalten haben, können wir Essen kochen und schließlich den Abend ausklingen lassen. Cynthia kocht uns heute Nudeln mit Tomaten-Fleischsauce. Bolognese, wie man so schön sagt. Genau das Richtige! Dass es geschmeckt hat zeigt sich daran, dass kein Fitzelchen davon übrig bleibt. Nico übernimmt heute den Abwasch.
In der Hütte ist es übrigens überraschend und ungewöhnlich kühl, was eher ein Euphemismus ist, denn man könnte auch sagen, dass es ungemütlich kalt ist. Die letzten Tage waren mit nur 3°C aber auch sehr kalt und da keine Sonne geschienen hat, haben die Isolierfenster der Corbel-Station das Innere der Hütte nicht erwärmen können, so dass sie schön ausgekühlt ist. Suboptimal! Cynthia kommt mit mehreren Lagen Fleece in den Aufenthaltsraum zurück und verzieht sich unter einer der herumliegenden Decken. Heißer Tee ist auch begehrt! Und natürlich der obligatorische und traditionelle Schluck Whiskey, den wir wie immer auf Andreas Wohl zu uns nehmen. Ich hatte extra dafür ein paar größere Stücke von einem Eisbrocken abgeschlagen. Die liegen jetzt noch immer im Boot und schmelzen langsam vor sich hin, ohne uns was Gutes zu tun. Was könnte sich ein Broken Gletschereis Schöneres vorstellen, als seine letzten paar Minuten in einem Whiskey-Glas zu fristen. Morgen werde ich daran denken, das Eis nicht nur abzuschlagen, sondern auch bis in die Gläser zu bringen. Cheerio, Miss Sophie!

Fotos

Ein kleiner neugieriger Besucher am Abend
Ein kleiner neugieriger Besucher am Abend
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  • Vier Exemplare der „Nördlichen Alpennelke“
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  • Die beobachtete Erosionsstruktur
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  • Es war höchste Zeit Ernsts Kamera zu bergen
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  • Nicht mehr ganz gerade, aber er steht noch. Im Hintergrund gut zu sehen ist auch, wie wassergesättigt die Schlammströme sind
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  • Mike neben der neu gebildeten Erosionsstruktur. Bei unserem ersten Besuch gab es diese Struktur nicht einmal ansatzweise
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  • Gletschereis unter einer dünnen Schuttschicht
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  • Irgendwie komme ich von den beschneiten Bergen nicht los. Eine vergängliche Schönheit, denn in ein paar Tagen wird wieder alles getaut sein
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  • Überblick über die einzelnen Erosionsstrukturen in unserem Untersuchungsgebiet
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  • Immer wieder ein dankbares Motiv, der Mitra-Berg
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  • „Hast Du dieses Licht gesehen?“ würde Jake von den Blues Brothers fragen
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  • Auch vor Blumen macht der Fresstrieb nicht Halt
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13.7.2026

Wie schlimm ist es? Das ist die erste Frage, die sich mir heute stellt. Der Blick auf den Fahnenmast zeigt mehrere Dinge. Erstens, es ist bewölkt, zweitens, es regnet und drittens, es weht ein starker Wind aus Südwest. Aber zumindest aus der warmen Stube heraus sehe ich nichts, was mich wirklich beunruhigen würde. Solches Wetter hatten wir schon öfter, denke ich. Mal schauen, was der Weg zur Kantine für weitere Erkenntnisse bringt. Eine Erkenntnis ist, dass es kälter ist als die letzten Tage. Laut Wettervorhersage sollen die Spitzengeschwindigkeiten des Windes heute Vormittag auftreten und spätestens morgen soll der Wind wieder so weit abflauen, dass wir wieder mit dem Motorboot unterwegs sein können. Da aber für heute durchweg 5-6 Windstärken und in Böen bis 8 Windstärken angesagt sind und es den ganzen Tag regnen soll, verziehen wir uns in unsere Zimmer.
Die zweite Erkenntnis, die der Weg zur Kantine liefert, ist, dass es schon wieder Porridge gibt. Passend zum Wetter und zum 13. Mehr muss ich dazu nicht sagen. Meine Vorliebe für Porridge ist ja schon bekannt. Wenigstens wecken der Kaffee und die anderen feinen Sachen meine Lebensgeister. Dieses momentane Hoch muss ich besser schnell ausnutzen, bevor es wieder verpufft und ich in die Schläfrigkeit zurück falle. Ich mache mich zunächst an meine E-Mails, die heute Gott sei Dank viel schneller erledigt sind, als ich es mir in meinen kühnsten Träumen jemals vorgestellt habe. Die Buchung meines Fluges nach Taiwan für eine Mondkonferenz ist da schon etwas zeitaufwendiger, weil ich bei den ersten herausgesuchten Verbindungen in Tokio den Flughafen wechseln müsste. Das ist definitiv eine Einladung für eine Katastrophe. Schließlich finde ich aber eine passende Verbindung, die mich von München aus über Osaka nach Taipeh bringt und drei Tage später wieder  von Taipeh über Bangkok nach München zurück bringt. Zwischen meiner Rückkehr aus Spitzbergen und dem Trip nach Fernost, ist aber auch noch die COSPAR Konferenz in Florenz zu erledigen. Wird also in den nächsten paar Wochen etwas stressig und alle Termine müssen genau aufeinander abgestimmt werden. Daher kann ich auch nicht jeden Flug nehmen, sondern bin an gewisse Reisetage gebunden, da ansonsten mein großer Masterplan ins Wanken gerät. Deshalb telefoniere ich auch heute Morgen mit Carolyn, um alles genau zu besprechen.
Rey hat inzwischen bei KingsBay unsere Zeiten in Ny Alesund korrigiert und nun muss ich nur noch die Buchungen für uns alle auf der RIS-Webseite umbuchen bzw. aktualisieren. RIS steht übrigens für „Research in Svalbard“ und erlaubt die Koordination und Vernetzung aller Forschungsvorhaben. Nachdem ich ja schon einige Erfahrung im Umgang mit dieser Webseite habe, ist die Umbuchung in ein paar Minuten erledigt. Und auch die Bestätigungs-Emails landen innerhalb kurzer Zeit in meinem Postfach. Jetzt hat wieder alles seine Ordnung!
Dann kommt die große Aufgabe für heute, nämlich zu versuchen, meine Datenlogger-Software endlich zum Laufen zu bekommen. Als Computer „Un-Fachmann“ stoße ich dabei natürlicherweise sehr schnell an meine Grenzen. Also ziehe ich Nico zu Rat. Zusammen probieren wir den nötigen Treiber zu installieren und probieren auch sonst alles, was uns so einfällt. Leider sind alle Anstrengungen umsonst und wir kommen letztlich keinen Schritt weiter. Das Ding bleibt bockig und will einfach nicht arbeiten. Kurz vor Mittag kommt Mike zu unserer „Expertenrunde“ dazu. Jetzt arbeiten drei nicht ganz doofe Personen an dem Problem, dass sich die Software nicht mit der eigenen Webseite verbinden will. Langsam aber sicher dämmert es uns, dass vielleicht der Fehler auf der Webseite des Herstellers liegen könnte. Das wäre ein Problem, das wir heute sicher nicht mehr gelöst bekommen. Insgesamt ist die Situation mehr als frustrierend, da wir dadurch dieses Jahr keine Daten zur Bodenfeuchte und -temperatur in unmittelbarer Nähe der untersuchten Erosionsstrukturen bekommen werden. Und dafür habe ich das ganze Zeug quer durch halb Europa geschleppt! Grandios! AAARRRGGGHHHH!!!!!!
Nachdem wir das Problem aller Voraussicht nach nicht unter Kontrolle bekommen, können wir genau so gut zum Essen gehen. Es gibt Curry-Reis und die Reste des Kartoffel-Auflaufs. Mike fragt mich, wo die Hauptspeise sei, denn alles schaut irgendwie nach Beilagen aus. Der Blick auf die Teller anderer lässt uns zu dem Schluss kommen, dass ein Warten auf Fleisch oder Fisch heute vermutlich vergeblich wäre. Auf der positiven Seite schadet es unseren Luxuskörpern ja auch nicht, wenn wir mal etwas weniger essen! Nichtsdestotrotz bin ich vom Essen völlig ermattet und kämpfe am Nachmittag mit dem Schlaf. Ich denke, bei diesem grauen, nasskalten und windigen Regenwetter bin ich heute vermutlich gar nie richtig wach geworden. Da hilft nur Eines: Raus vor die Türe! Es steht mein Rundgang zum Hafen an!
Sobald ich die Türe aufmache, schlägt mir Regen ins Gesicht. Jetzt bin ich wach! In Ny Alesund ist außer ein paar verzweifelten Kreuzfahrern der „Fram“ niemand auf der Straße. Es ist himmlisch ruhig und die frische Luft tut gut. Das Hurtigruten-Schiff „Fram“ liegt an der Pier und einige der Schiffe haben den Hafen verlassen, andere haben sich umgelegt. Ansonsten hat sich hier seit gestern nicht viel geändert. Ich mache schnell ein paar Fotos und stelle dann mit Entsetzen fest, dass es schon 17:00 Uhr ist. Das ist mitten in der Essenszeit, die unter der Woche ja schon für 16:50-17:30 Uhr angesetzt ist. Jetzt aber hurtig! Nach dem Mittagessen freue ich mich auf ein opulentes Mal. Und was gibt es? Kartoffeln, Blumenkohl und Nudel-Fischauflauf. Alles gut, aber nicht ganz, was ich mir erhofft hatte. Dafür hatte ich ein nettes Gespräch mit Auriane und Fieke. Fieke war vor Jahren beim AWIPEV Station Leader und arbeitet jetzt seit einiger Zeit für das Norsk Polarinstitutt. Wer es nicht kennt, es gibt einen sehr guten Bericht über Spitzbergen mit dem deutschen Astronauten Alexander Gerst und eben Fieke. Unbedingt sehenswert!
Um kurz vor 18:00 Uhr landet heute neben dem regulären Flug, ein zweites Flugzeug aus Longyearbyen. Ist schon sagenhaft, dass sie überhaupt fliegen und dann hier landen können, denn es ist alles aufgeweicht. 18:00 Uhr ist auch eine magische Zeit. Denn dann schließt der Laden und bis dahin müssen wir uns im Klaren sein, ob wir z.B. noch Bier kaufen müssen. Durch unseren sehr sparsamen Umgang ist aber noch genügend Vorrat vorhanden, um bis Samstag versorgt zu sein. Also lassen wir die 18:00 Uhr Deadline verstreichen. 
Stattdessen statte ich der Werkstatt im Rabot-Gebäude einen spontanen Kurzbesuch ab. Mir ist einfach nur langweilig und eigentlich habe ich dort nichts zu tun. In der Biologie nennt man das, glaube ich, Leerlaufhandlung. Dabei fällt mir auf, dass das Gebäude eine neue Eingangstreppe erhalten hat. Sie ersetzt das alte verbogene Ding, das irgendwann vermutlich vom Schneepflug gerammt wurde und danach über viele Jahre im krummen Zustand noch gute Dienste geleistet hat. Jetzt ist wieder alles schick und gerade und ein neues Holzgeländer sichert das Treppenpodest weithin sichtbar ab. 
Es hat heute nicht viel gefehlt, und der Regen wäre als Schnee niedergegangen. Denn nach dem Abendessen lichten sich die Wolken etwas und man kann sehen, dass alle Berge um Ny Alesund eine weiße Zuckerhaube tragen. Der Blick währt allerdings nicht lange und Minuten später ist wieder alles in den gleichen Einheitsbrei aus Grau getaucht.
Als wir im Aufenthaltsraum des Blauen Hauses zusammen sitzen, hören wir plötzlich zwei Böller aus einer Signalpistole. Das kann nur eines bedeuten! Die Schüsse kamen aus Richtung der Thiisbukkta und wir wollen mal schauen, ob wir vielleicht noch einen Blick auf den Eisbären erhaschen können. Andere haben natürlich die gleiche Idee, aber zumindest ich sehe nichts vom Eisbären, der vermutlich über die Bucht in Richtung Flughafen schwimmt. Das schließe ich daraus, dass der Watchman mit seinem Auto mit schneller Geschwindigkeit in diese Richtung davon braust, um den Bären weiter zu verjagen.
In der Kantine nehmen wir nach der „Aufregung“ noch einen kleinen Happen zu uns, so dass sicher gestellt ist, dass niemand von uns im Schlaf verhungern wird. Dann ist es aber Zeit ins Bett zu kriechen, denn morgen wollen wir endlich wieder ins Gelände. Es gibt noch einiges zu tun!

Fotos

Screenshot der Windy.com Webseite mit der Windstärke heute Morgen um 2:00 Uhr. Die langgezogene Insel im Westen Spitzbergens östlich dem roten Fleck ist das Prins Karls Forland. Ny Alesund befindet sich östlich dieser Insel am landeinwärts gerichteten Kongsfjorden. Die Windstärken sind unten rechts farbkodiert angezeigt.
Screenshot der Windy.com Webseite mit der Windstärke heute Morgen um 2:00 Uhr. Die langgezogene Insel im Westen Spitzbergens östlich dem roten Fleck ist das Prins Karls Forland. Ny Alesund befindet sich östlich dieser Insel am landeinwärts gerichteten Kongsfjorden. Die Windstärken sind unten rechts farbkodiert angezeigt.
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  • Graues Wetter mit stark eingeschränkter Sicht
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  • Die neue Treppe des Rabot-Gebäudes
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  • Eines der Elektroautos des AWIPEVs
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  • Die Werkstatt des Rabot-Gebäudes
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  • Mit Schnee überzuckerte Berge
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  • Wie sich die Bilder gleichen. Das linke wurde am 11.7., das mittlere am 12.7 und das rechte am 13.7. aufgenommen
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  • Ein wildes Sortiment an Brotaufstrichen aus der Tube.
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  • Teil des Snacks. Mike meint darin Carolyn und mich zu sehen…
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  • Gruppenbild der anderen Art im Aufenthaltsraum des Blauen Hauses
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  • Nein, das ist nicht der Eisbär, der vertrieben wurde. Der hier steht seit vielen Jahren am Eingang zum Essensbereich des Service-Gebäudes
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12.7.2026

Regen! Ich höre ihn bereits als ich noch im Bett liege. Dazu rüttelt ein starker Ostwind am Fenster. Ein ungeheurer Motivationsschub, um aus dem Bett zu klettern! Okay, noch ein Mal umdrehen. Nur noch 10 Minuten. Dann ist aber Schluss und es wird aufgestanden. Denn Faulheit und sich gehen lassen sind meist die größten Probleme, zumindest bei lang andauernden Expeditionen. Das habe ich aus der Lektüre vieler Expeditionsberichte vom Anfang des letzten Jahrhunderts gelernt. Erfolgreiche Expeditionen hatten immer einen straffen Tagesplan und Routinen, die die Expeditionsteilnehmer beschäftigt hielten. Nur dadurch konnten Leute mehrere antarktische Winter unter einem umgedrehten Rettungsboot überleben, ohne verrückt zu werden. Die Shackleton-Expedition ist ein Paradebeispiel dafür. Jetzt sitzen wir hier natürlich nicht in Dunkelheit mit vielen Leuten unter einem umgedrehten Rettungsboot und warten auf unsere vielleicht stattfindende Rettung. Dennoch sitzen wir hier auch meist in unseren Zimmern und müssen uns irgendwie beschäftigen, um die Wartezeit auf besseres Wetter halbwegs sinnvoll vergehen zu lassen und nicht rammdösig zu werden. Uns juckt es natürlich unter den Nägeln, ins Gelände zu kommen und werden daher auf eine Geduldsprobe gestellt.
Wie wäre es da z.B. mit einem ausgiebigen Brunch. Das ist schon so die Luxusvariante des Zeit-Totschlagens. Aus Erfahrung wird man klug und so passe ich meine Auswahl heute an und nehme weniger Frittiertes und dafür mehr Lachs, Krabben, Speck und Eier, Und Honigmelone und Pfannkuchen, american style, d.h. kleiner und fluffiger. Das Ganze wird langsam verschlungen wobei dazwischen immer noch Zeit ist, mit Julia Boike und ihrer Truppe zu quatschen, mit denen wir uns den Tisch teilen. Heute ist es auffällig ruhig beim Brunch. Ich denke viele Norweger müssen erst noch die gestrige Niederlage verdauen und haben noch keinen rechten Appetit um 10:00 Uhr morgens. Da absolut nichts pressiert, gibt es auch eine zweite Tasse Kaffee für mich. Ah, Tiefenentspannung! 
Rey stoppt noch kurz an unserem Tisch, um unsere Pläne zu diskutieren. Ich denke sie ist froh, als ich ihr mitteile, dass wir bis Dienstag hier bleiben werden, weil ich nicht riskieren will, dass das Boot bei starkem Wind an der Ankerstelle vor der Corbel-Hütte beschädigt wird. Sie bestärkt uns in unserem Plan und unterstreicht noch einmal, dass das Wetter morgen sogar noch schlechter sein soll. In der Tat sagt der Wetterbericht bis zu 3 mm pro Stunde Regen voraus und das anhaltend über einen Zeitraum von 24 Stunden. Das sind schon beachtliche Niederschlagsmengen hier in der Arktis, wenn man bedenkt, dass das jährliche Mittel in Longyearbyen bei ca. 190-200 mm und hier in Ny Alesund bei weniger als 400 mm liegt. Zum Arbeiten ist dieses Wetter jedenfalls gänzlich ungeeignet!
Nachdem sich das „Frühstück“ so in die Länge zieht, kann ich anschließend auch gleich meine Wäsche aus der Waschmaschine nehmen und im Trockenraum aufhängen. Eine Wäsche „Pflegeleicht“ dauert hier mit den teuren Maschinen der Marke mit dem „M“ nur 40 Minuten. Exakt die Dauer, die ich auch in den Brunch investiert habe. Die andere Wäsche ist natürlich auch längst trocken und kann von mir eingesammelt werden. Zwei Fliegen mit einer Klappe!
Ein kurzes Telefonat mit meiner Mutter und mit Carolyn sind die nächsten Punkte auf meiner To-Do Liste. Zuhause ist es bereits um 11:00 Uhr morgens 27°C warm. Kein Vergleich zu unseren erfrischenden 8°C und den noch kühleren 3°C, die wir morgen haben werden. Anschließend räume ich meine Sachen im Zimmer auf und schreibe am Blog. Nico liest die Daten von der Speicherkarte des DGPS und bereitet bereits den ganzen Papierkram für die Verschiffung unserer Ausrüstung zurück nach Bremerhaven vor. Dann können wir bereits die Kisten im Laufe des Tages soweit fertig machen, dass wir am Sonntag nur mehr kleinere Dinge verpacken müssen und somit eventuell extra Zeit im Gelände verbringen können. Und Francois wird sich sicher auch freuen, wenn er den Papierkram bereits so frühzeitig in die Finger bekommt. Genau das ist es, was ich meine, dass man sich mit irgendwas beschäftigen und die Zeit möglichst gut nutzen muss! 
Nico ist wieder viel schneller als ich! Bevor ich mich vom Blog schreiben und E-Mail beantworten losreißen kann, hat er schon zusammen mit Cynthia alle Kisten mit neuen Adresszetteln versehen und zwar pro Kiste jeweils fünf, vier für die Seiten und einer für den Deckel. Ganz gleich wie die Kisten dann auf der Palette gestapelt werden, man sieht immer sofort, welche Kisten zusammengehören und wohin sie gehen. Eigentlich genial aber auch umständlich, weil jeder Zettel erst gedruckt und dann in eine Klarsichtfolie geschoben werden muss. Dann muss jetzt „nur“ noch der Papierkram im neuen AWIPEV Logistik-System „EIS“ verwaltet werden.
Apropos lästige Arbeiten. Heute Morgen habe ich mich durch 284 E-Mails gekämpft, viele beantwortet, viele archiviert und noch mehr gelöscht. Dabei hatte ich noch Glück, dass es nur 284 E-Mails waren. Es hätte auch schlimmer kommen können. Jedenfalls mache ich drei Kreuze, als ich damit fertig bin. Auch die notwendigen Freigaben in unserem SAP-System habe ich heute erledigt. Da war z.B. eine Pumpe für das Rasterelektronen-Mikroskop freizugeben, ohne die das Instrument nicht funktionsfähig ist. Wir hatten am Dienstag am Institut eine großflächige Stromabschaltung und die Pumpe hat diese leider nicht überlebt. Und auch ein paar Dienstreisegenehmigungen waren zu machen. Fühlt sich also wie ein  normaler Bürotag an. Nur kommt nicht alle fünf Minuten jemand zur Türe herein, weil er was braucht.
Zur Erholung gehe ich in den Aufenthaltsraum, um zu checken, was dort so los ist. Mike sitzt einsam und verlassen dort und prozessiert Daten bzw. räumt seinen Computer auf. Ich nehme mir zum x-ten Mal das Buch „Geoscience Atlas of Svalbard“ von Winifred Dallmann zur Hand und stöbere darin rum. Ich kenne das Buch natürlich seit vielen Jahren, aber jedes Mal entdecke ich wieder etwas Neues darin. Es ist einfach ein sehr gutes Buch, das einen ausgezeichneten Überblick über die Geologie Spitzbergens liefert. Von den geologischen Karten und von besonders relevanten Seiten mache ich Fotos. Es kann ja nicht schaden, diese Karten mit im Gelände zu haben.
Ups, vor lauter Schmökern hätte ich doch glatt vergessen, dass es 15:00 Uhr ist. Kaffeezeit! Nur gut, dass wir es nicht weit haben und nach ein paar Minuten dampft die schwarze Flüssigkeit vor mir. Dazu gibt es heute Karottenkuchen mit einer mir viel zu süßen Creme oben drauf. Der Versuch die Süße mit Keksen zu mildern scheitert kläglich. Da muss man mit härteren Bandagen ran. Also, Salzcracker mit Chili-Sauce. Das funktioniert und ich bin den pappig-süßen Geschmack wieder los. Auch wenn die Kekse nicht geholfen haben, sie waren zumindest hübsch verziert.
Ihr ahnt es? Ja, auch heute mache ich meine Tour zum Hafen. Nicht ohne jedoch zuvor mit Mike in den Laden zu gehen, um Bier zu kaufen. Leider ist die Getränkeabteilung geschlossen, so dass wir Souvenirs kaufen müssen. Es wird leider von Jahr zu Jahr schwieriger, weil die Kinder und Carolyn ja mittlerweile eine ganze Kollektion an Ny Alesund T-Shirts, Mützen und dergleichen besitzen. Und so oft wird das Design der angebotenen Waren auch nicht erneuert. Aber ein paar Kleinigkeiten finde ich dann doch noch. Aber natürlich werde ich jetzt nicht weiter darüber reden. Soll ja eine Überraschung werden, wenn ich heim komme. Der Laden ist übrigens voll mit chinesischen Kreuzfahrern, die den Laden in Wellen bzw. Gruppen betreten. Mir wird das trotzdem schnell zu wuselig und ich mache mich zügig wieder vom Acker.
Im strömenden Regen laufe ich zum Hafen, während sich Mike auf den Weg zum Blauen Haus macht. Wie gestern werde ich in kurzer Zeit nass, aber für ein paar Bilder reicht es dennoch. Ich habe mich also wieder für den Blog geopfert und keine Mühen gescheut. Aber ehrlich gesagt, hat die frische Luft auch ganz gut getan, so dass Opfer und Mühe doch sehr begrenzt sind. Waren die Straßen gestern schon matschig, gibt es jetzt Rinnsale von Wasser auf den Straßen und große Pfützen neben den Straßen. Es ist eine riesige Sauerei und spätestens jetzt kann man verstehen, warum es eine nicht nur gute, sondern sogar eine sehr gute Idee ist, die Schuhe am Eingang eines Gebäudes auszuziehen. Alles hat sich mit Wasser vollgesaugt und ich frage mich, ob das kleine Flugzeug von Longyearbyen bei diesen Bedingungen überhaupt starten bzw. landen kann. Denn auch das Flugfeld ist vermutlich sehr weich und matschig, was dazu führen könnte, dass die Räder des Flugzeugs zu weit einsinken und das Fahrwerk beschädigt wird. Wir werden es ja morgen sehen.
Der Wind hat nun mehr auf westliche Richtungen gedreht und für ca. 30 Sekunden reißt die Wolkendecke auf und man sieht blauen Himmel. Nico zitiert die Olsenbande und meint der blaue Fleck sei „mächtig gewaltig“. Ich denke, er übertreibt ein klein wenig, denn schneller als ich Olsenbande sagen kann, ist der blaue Fleck auch schon wieder verschwunden. Hat auch gar nicht zum bisherigen  heutigen Tag gepasst!
Am späteren Nachmittag versuche ich meinen Datenlogger mit der dazugehörigen Software zu verbinden. Trotz Internetverbindung des Computers will sich die Software, aus welchem Grund auch immer, nicht damit verbinden. Somit wird auch nicht nach dem nötigen Treiber gesucht, der für die Identifizierung der Logger-Station notwendig ist und am Ende funktioniert wieder einmal nichts. Ich denke, da müssen wir morgen vielleicht gemeinsam auf Fehlersuche gehen. Passend zum Wetter ist dann auch meine Stimmung. Bevor sie jedoch ganz den Bach runter geht, kommt uns Ernst zum Essen abholen. Alles bleibt stehen und liegen und wir eilen in die Kantine.
Heute gibt es Hamburger mit Pommes. Während wir so kauend am Tisch sitzen, werden wir Zeugen eines einmaligen Naturereignisses, zumindest für heute. Die Sonne kommt hinter den Wolken hervor! Sofort fühlt jeder die absolute Notwendigkeit nach draußen zu gehen. So machen sich das gesamte SPLAM-Team und Niko aus Julias Gruppe, gemeinsam zum Hafen auf. In Höhe des Ladens läuft uns ein Fuchs über den Weg, der das Maul mit einem Jungvogel voll hat. Ich vermute, es handelt sich um ein Gänsejunges. Maarten wird das nicht gerne hören! 
Immer mehr große blaue Wolkenlücken tun sich auf und die Sonne taucht alles in dieses spezielle Spitzbergen-Licht. Blauer Himmel, schwarze Wolken dunkle oder sonnenbeschienene Berge, funkelnde Gletscher. Es geht einem das Herz auf und jeder von uns macht viele Fotos. Nach dem Regen ist die Luft frisch und klar und durch den niedrigen Sonnenstand erhält die ganze Landschaft eine enorme Plastizität. Und die Sonne setzt ihre Akzente. Wunderschön! Ganz gleich in welche Richtung man schaut, ob mit der Sonne, gegen die Sonne oder seitlich, die schönen Motive gibt es überall reichlich. Selbst so banale Dinge wie ein Festmacher an der Pier werden da zum Fotomotiv, weil er knallig rot leuchtend in der Sonne liegt. Und auch die Mellageret-Bar hebt sich mit ihren rot gestrichenen Wänden fantastisch aus dem Grün-Grau-Braun der Landschaft ab. So komme ich heute dank der wenigen Sonne trotzdem noch auf ein paar ganz gute Bilder, die ich gerne mit euch teile.
Besondere Aufmerksamkeit erhält auch ein Katamaran, der östlich der Pier zu ankern beginnt. Dabei liegt er relativ nahe an der Pier. Mir wäre das definitiv zu knapp, vor allem weil er bei dem angesagten Sturm sicher eine lange Ankerkette braucht und der Wind ja drehen soll. Aber die Leute werden schon wissen, was sie machen. Ein anderes Boot ist fast noch interessanter, weil es nämlich ein Ruderboot ist. Vier Namen mit Schweizer Fahnen daneben zeigen, dass darauf vier Personen unterwegs sind. Zwei können rudern, zwei dürfen dann vermutlich in den kleinen Kabinen am Bug und Heck schlafen. Die Bootskonstruktion legt nahe, dass damit größere Strecken über das offene Wasser zurückgelegt werden können und in der Tat wollen die vier nach Norden bis an die Eisgrenze rudern und dann über Island bis Schottland rudern. Insgesamt 3100 km! Ich drücke die Daumen, dass das gut geht.
Nachdem wir uns alle satt gesehen haben und vom starken Wind, der jetzt wieder aus Süden kommt, ausgeblasen wurden, versammeln wir uns im Blauen Haus zum Ratschen.  Gegen 11:30 Uhr braucht Mike noch einen Mitternachts-Snack und wir begleiten ihn in die Kantine. Durch die große Panoramaverglasung des Essbereichs haben wir eine atemberaubende Aussicht auf den Kongsfjorden. Da vergisst man fast, warum man eigentlich hierhergekommen ist.
Als ich bis ca. 1:00 Uhr am Blog arbeite, ziehen die ersten Schlechtwetterwolken auf und der Himmel verdüstert sich. Von Sonne ist jetzt keine Rede mehr. Und auch der Wind nimmt stetig zu und rüttelt an allen Ecken und Enden des Blauen Hauses. Und das sind erst die Vorboten, denn gegen 5:00 Uhr morgens soll es besonders heftig werden. Doch darüber berichte ich morgen!

Fotos

Eisbrocken am Strand von Ny Alesund
Eisbrocken am Strand von Ny Alesund
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  • Jede Menge „Fun“ hier
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  • Nico macht das Beste bei dem schlechten Wetter
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  • Die Mellageret-Bar leuchtet in der Abendsonne
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  • Regen
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  • Die Überlebensanzüge hängen auch bei Regen trocken
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  • Der Zeppelin-Mast bei tiefhängenden Wolken
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  • Das Blaue Land – Kandinsky und Münter hätten ihre Freude daran
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  • Kaum kommt die Sonne nur etwas hervor, bieten sich dramatische Stimmungen
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  • Seeschwalbe
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  • Blick auf die Collethogda
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  • Ruderboot! Das muss man mögen
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  • Midtre und Austre Lovenbreen
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  • Blick in Richtung Stuphallet
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  • Klare Anweisung
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  • Die Gipfelstation auf dem Zeppelinfjellet
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  • In der Sonne ist sogar ein Festmacher an der Pier von Ny Alesund interessant
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  • Hangrutsch am Zeppelinfjellet
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  • Alte Türe am Museums-Gebäude
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  • Hangrutsch, den wir seit Jahren beobachten
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  • Der Polarfuchs hat einen Jungvogel erlegt
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  • Durchblick
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11.7.2026

Regen und zwar von der üblen Sorte empfängt uns an diesem Samstag. Ein langsamer Tag! Heute gibt es nicht um 7:30 Uhr Frühstück, sondern erst um 10:00 Uhr Brunch. Fast wie zuhause! Der Brunch ist eine schöne Tradition hier und erlaubt uns, unsere müden Knochen etwas länger in der Waagrechten zu belassen. Aber schließlich treibt uns die Neugierde aus den Federn. Was gibt es Gutes in der Kantine? Oh, eine Menge! Verschiedene Käse- und Wurstsorten, Früchte, Burgerfleisch, gegrillte Würstchen, frittierte Zwiebeln und Jalapeños, frittierten Käse, Hühnchenschenkel, Räucherlachs, Croissants, Krabben und vieles mehr. Das Problem ist nur, dass die Teller die übliche Größe haben und bei Weitem nicht alles darauf passt. Selbstverständlich gibt es auch Kaffee, Tee, Milch und Säfte. Kurz, heute wird keiner verhungern. Und wenn er es tut, ist er selber schuld.
Wir sitzen alle an einem großen Tisch mit Francois, Auriane, den Niederländern und den Spaniern und lassen es uns schmecken. Nach dem ersten Teller bin ich pappsatt und verzichte freiwillig auf einen Nachschlag. Ich habe den klassischen Anfängerfehler begangen und mir zu viele frittierte Sachen auf den Teller genommen. Andere waren schlauer und haben noch Platz für eine zweite Runde. Die Zeit vergeht wie im Flug und langsam aber sicher sollten wir etwas arbeiten. Aber es ist halt ein langsamer Tag.
Die größte Priorität hat natürlich der Blog, der ja in den letzten Tagen nicht aktualisiert werden konnte, was meine Stammleser vermutlich an den Rand der Verzweiflung gebracht und für höchste Spannung gesorgt hat. Um dem Leiden ein Ende zu bereiten, habe ich gestern Nacht noch Bilder dafür bearbeitet, Bildunterschriften verfasst und den Text für den gestrigen Tag geschrieben. Das alles hat viel länger gedauert, als ich gedacht habe und hat mich letztlich bis 5:00 Uhr morgens auf Trab gehalten. Mike meint, ich hätte ein Problem mit meiner Arbeitsmoral. Hm, könnte sein! Jetzt ist aber zunächst Nico an der Reihe. Er hat das überaus große Vergnügen, die Texte für den 6.-10.7. Korrekturlesen zu dürfen. Ich bin da erst einmal außen vor! Deutsch kann ich eh nicht! Es dauert schon eine Weile, bis Nico sich mit der gewohnten Sorgfalt durch die Texte gekämpft hat. Insgesamt war er gnädig und hat nur ca. 50 Verbesserungen eingefügt. Sobald ich meinen Computer von ihm zurück bekomme, kann ich die Bilder und Textdateien auf unseren Uni-Server legen, so dass Thomas sie dem Blog hinzu fügen kann. Ich schicke ihm dazu eine WhatsApp Nachricht, um ihn wissen zu lassen, dass es nach ein paar Tagen Zwangspause und Ruhe nun wieder etwas für ihn zu tun gibt. Typisch Thomas, nach kurzer Zeit ist alles online. Und das am Samstag! Danke Thomas, für den Einsatz! Und danke auch Nico fürs Korrigieren! Die Stammleser des Blogs werden es euch ewig danken! Also sprich, meine Mutter!
Während Nico beim Blog lesen ist, regnet es noch immer. Ich lade meine Powerbanks und andere Akkus voll, sortiere Bilder auf dem Handy, schicke mir Bilder vom Handy an meine E-Mail und mache sonstige Dinge für die ich keinen Computer brauche. Es ist halt, wie gesagt, ein langsamer Tag und das Wetter lädt nicht gerade dazu ein, nach draußen zu gehen. Eine Gruppe Kreuzfahrer trifft es da ziemlich hart. Im prasselnden Regen erkunden sie Ny Alesund. Sie stehen dick verpackt im Regen und lauschen den Ausführungen ihrer Exkursionsleiter. Ich könnte mir was Schöneres vorstellen! Aber so ein Schiff hat nun einmal seinen Fahrplan und da kann auf das Wetter eben keine Rücksicht genommen werden. Mir ist es jedenfalls lieber, auf der trockenen Seite des Fensterglases auf meinem Bett zu sitzen, als draußen im Regen zu stehen.
Die gute Nachricht ist, dass es laut Wettervorhersage morgen noch viel mehr regnen soll. Dafür sinken die Temperaturen aber auf 2-3°C, um es noch etwas unangenehmer zu machen. Erst gegen Abend, ca. 23:00 Uhr, soll der Regen für ein paar Stunden aufhören. Unter den Bedingungen macht es wenig Sinn ins Gelände zu gehen. Spätestens beim Ausziehen unserer Überlebensanzüge wären wir bereits nass. Vermutlich sogar früher, denn es ist ein starker Wind mit Böen bis Stärke 9 aus Nordwest angesagt. Eine Motorbootfahrt wäre unter diesen Umständen extrem nass und ungemütlich, wenn sie überhaupt machbar ist. Ich würde jedenfalls nicht die Verantwortung übernehmen wollen, wenn es nicht absolut notwendig ist. Selbst ohne Gepäck würden wir spätestens auf der Rückfahrt vom Untersuchungsgebiet Probleme bekommen, weil wir dann gegen die steilen und kurzen Wellen ankämpfen müssten.
Die noch bessere Nachricht ist, dass die Vorhersage für Dienstag ähnlich bescheiden aussieht. Ab Mittwoch sind dann zumindest die vorhergesagten Windstärken wieder machbar. Ich denke, wir werden angesichts des schlechten Wetters morgen noch in Ny Alesund bleiben und dann für den Montag ein Ersatzprogramm entwickeln. Eine Möglichkeit wäre, die für das kommende Wochenende geplanten Arbeiten vor zu ziehen und dafür den Besuch der Corbel-Station nach hinten zu verschieben. Das müssen wir im Team noch diskutieren. Momentan hat das noch keine Priorität, weil wir ja noch genügend Zeit haben, um eine Entscheidung zu treffen. Hier sind wir erst einmal sicher, trocken und warm untergebracht. Das ist das Wichtigste!
Nachmittags gibt es um 15:00 Uhr Kaffee und Kuchen. Bei der Gelegenheit treffen wir auch Maarten und wir gehen hoch in den ersten Stock, in den Raum mit dem großen Fenster, an das der Regen klatscht. Da ich aber schon zumindest für fünf Minuten frische Luft brauche und natürlich auch „spektakuläre“ Fotos für den Blog schießen will, mache ich mich frisch gestärkt zum Hafen auf. Zwei Kreuzfahrtschiffe sind bei diesem Sauwetter unterwegs. Eines liegt auf Reede, das andere an der Pier. Und jede Menge bunt gekleideter vermummter Personen wuseln, nach Farben getrennt, auf die einzelnen Schiffe zu. Schnell die Kamera aus der Jackentasche geholt und ein paar Fotos gemacht, dann habe ich auch schon wieder genug Opfer für den Blog gebracht, denn meine Hose ist schon vom Regen nass, so dass der Spaßfaktor exponentiell abnimmt. Hat weniger als 10 Minuten gedauert, um nass zu werden!
Jetzt heißt es warten auf das Abendessen, das heute um 18:30 Uhr serviert wird. Beim Kaffeetrinken haben die Köche bereits alle Tische festlich eingedeckt, denn das Samstagabend Essen wird hier immer zelebriert. Inklusiver schöner Kleidung. Aber wie gesagt, bis dahin ist es noch etwas hin. Nico kopiert die Videos der GoPro Kamera, ich die Bilder von Cynthia. Dann fotografiere ich noch mein Feldbuch, so dass ich zumindest noch alle Einträge habe, sollte das Buch verloren gehen. Mike bastelt weiter an der Prozessierung der LIDAR-Daten und gibt mir einen absolut coolen Querschnitt durch die Geopol-Hütte, den er aus Daten der Innen- und Außenseite generieren konnte. Man sieht bereits jetzt sehr viele Details wie den Wasserkessel auf dem Herd und wenn die Daten endgültig prozessiert sind, sollte die Qualität noch um einiges besser werden. Absolut fantastisch! Cynthia verbringt heute die meiste Zeit im Rabot-Gebäude und wir sehen sie kaum. Ernst ist an seinem Computer unterwegs und arbeitet E-Mails ab. Dazu konnte ich mich noch nicht durchringen. Es ist halt ein langsamer Tag heute!
Das Abendessen besteht aus Entenbrust mit den unterschiedlichsten Beilagen. Sehr fein! Zum Nachtisch Sorbet und Schokoladenkuchen. Der hat es allerdings gewaltig in sich. Er ist eher wie ein amerikanischer Brownie und enthält geschätzte 3935 kcal. Pünktlich wie ein Mauerer trottet nach meinem letzten Bissen Schokoladenkuchen ein Eisbär am Strand vor dem Service-Gebäude vorbei. Komischerweise ist das Essen nun völlig unwichtig und die Sensationslust übersteigt die Fresslust. Fast alle Anwesenden versuchen durch die Glasscheibe ein halbwegs passables Bild des Bären zu schießen. Ich natürlich auch. Nur Mist, dass ich gerade nur mein altes Handy in der Tasche habe, dessen Kamera eher von bescheidener Qualität ist. Ja, man kann den Bären als solchen erkennen, aber gute Bilder schauen anders aus. Mike macht eindeutig die besseren Bilder, auf denen der Bär schon etwas klarer zu sehen ist. Zur Freude aller, erledigt der Bär erst einmal seine Abendtoilette, bevor er verjagt wird. Für kurze Zeit war der langsame Tag dann doch etwas schneller!

Der Eisbär wird vom Watchman mit der Signalpistole verjagt

Zurück zum Essen… Abends hat heute die Bar geöffnet und die Norweger fiebern heute natürlich dem Fußball WM-Spiel gegen England entgegen, das dort ab 23:00 Uhr übertragen wird. Wegen des erwarteten Andrangs findet das Public Viewing aber nicht in der Mellageret-Bar statt, sondern in den Kongsfjord Hallen. Klare Sache, dass wir dort sind, um für Norwegen die Daumen zu drücken und mit zu fiebern! Leider hat Norwegen nach Verlängerung 1:2 verloren.
Auf dem nach Hause Weg um gegen 2:00 Uhr regnet es noch immer und alle Straßen in Ny Alesund sind eine einzige Matsche.

Fotos

Mikes Bild des Eisbären
Mikes Bild des Eisbären
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  • Der Wetterbericht für die nächsten Tage verheißt nichts Gutes
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  • Ein eher schlechtes Bild vom vermutlich meist fotografierten Eisbär dieser Woche
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  • Regen prasselt gegen das Fenster unseres Zimmers im Blauen Haus. Das ging den ganzen Tag so
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  • Zumindest ein kleiner Lichtblick
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  • Dunkle Wolken über dem Blauen Haus
  • Nachmittags ist am Samstag Kaffee und Kuchen Zeit
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  • Die „Ortelius“ an der Pier von Ny Alesund
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  • Diese Mal keine Steinkreise, sondern Wasserkreise. Faszinierend!
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10.7.2026

Es ist kaum zu glauben, aber unsere Zeit auf der Geopol-Hütte nähert sich mit schnellen Schritten ihrem Ende. Für mich ist das immer sehr schade, denn diese Hütte hat eben etwas ganz besonderes. Ich denke, dass es vor allem die Abgelegenheit ist, die mich fasziniert. Kein Internet, kein Strom, man ist einfach weg. Die einzige Verbindung sind kurze Textnachrichten per In-Reach, um das AWIPEV-Team wissen zu lassen, dass alles okay ist und um den Wetterbericht zu bekommen. Ansonsten ist man auf sich gestellt. Kvadehuksletta heißt ja nicht umsonst frei übersetzt „schlechte Ecke“, weil dort das Wetter immer etwas rauer ist als in Ny Alesund. Der Wind kann ungehindert von drei Seiten über die Ebene pfeifen und es kann dort schon recht unangenehm werden. Aus diesem Grund wurde ja auch der Flugplatzbau schon sehr früh wieder eingestellt. Bis auf eine planierte Ebene ist davon heute nichts mehr geblieben. Genau in dieser Gegend steht die Geopol-Hütte und bietet Behaglichkeit, Schutz, Betten, eine Küche und einen Tisch an dem man gemütlich essen kann. Und man muss nicht Wache stehen. Sie ist bereits auf große Entfernung sichtbar und nach einem Tag in Wind und Kälte freut man sich einfach, wenn man sich darin verkriechen kann. Wer würde diese Hütte nicht lieben und schätzen? Es gibt nichts besseres!
 Der Tag beginnt mit der üblichen Morgenroutine. Ernst und ich sind als erste wach und bereiten das Frühstück für den Rest der Mannschaft vor. Essenstechnisch passt Cynthias Planung sehr gut. Das meiste Essen ist vertilgt und die Essenskiste hat sich bis auf ein paar Dinge doch deutlich geleert. Heute Morgen geht auch die letzte Zwiebelwurst weg, so dass es Zeit ist an die Fleischtröge in Ny Alesund zurück zu kehren. Da wir die genaue Abholzeit noch nicht kennen, schickt Mike noch eine Nachricht an Rey, während die anderen schon mit dem Packen beginnen. Falls wir noch vor dem Mittagessen abgeholt werden sollten, müssen wir natürlich parat stehen. Das heißt, jeder muss fertig gepackt haben, die Hütte muss sauber sein und wir müssen unser gesamtes Gepäck bis zum Strand bringen, was uns ca. 45-60 Minuten kostet. Es gibt also keine Zeit zu vertrödeln.
Mitten in der schönsten Packlaune erreicht uns die Nachricht, dass wir um 15:00 Uhr abgeholt werden. Da wir also noch reichlich Zeit haben, nämlich ungefähr 2,5 Stunden, überlegen wir, wie wir die Zeit am sinnvollsten verwenden können. Cynthia, Ernst und Mike werden das Hallet-Untersuchungsgebiet 2 mit dem LIDAR scannen und Nico und ich werden mit dem Drachen die Kvadehukelva befliegen. Der Wind weht relativ frisch von Süd-Südost und wir bringen den Drachen direkt an der Geopol-Hütte in die Luft. Auch heute ist der Wind zunächst recht beständig. Die Probleme beginnen, als wir an der Kvadehukelva ankommen. Anders als alle anderen Bäche führt sie reichlich Wasser, so dass wir sie nicht ohne Weiteres überqueren können. In der Vergangenheit haben wir dazu immer die Schuhe ausziehen und die Hosenbeine hochkrempeln müssen. Das geht natürlich nicht, wenn man einen Drachen in der Luft hat. 
Beim Suchen nach einer Querungsmöglichkeit werden wir langsamer und da der Wind zunehmend durch den Nekknuten-Berg geblockt wird, landet der Drachen unsanft auf einer Kiesbank. Das ist nicht schön, aber immerhin ist er nicht im Wasser gelandet. Das wäre wirklich schlecht, weil mein Kameragehäuse seit dem katastrophalen Absturz letztes Jahr einen Sprung hat und vermutlich nicht mehr wasserdicht ist. Nico ist sehr schnell im Bergen der Kamera und des Drachens und nach ein paar Minuten sind wir wieder in der Luft. Auf der Suche nach einer geeigneten Stelle um über die Kvadehukelva zu kommen, wandern wir immer mehr hangaufwärts. Zwar wird das Tal dort immer schmaler. Eine geeignete Stelle findet sich aber nicht. Eine Stelle mit zwei großen Steinen im Bachbett hätte vielleicht funktionieren können, aber Nico rät davon ab und so ziehen wir weiter. Je enger das Tal wird und je näher wir an die Berge kommen, desto unberechenbarer wird der Wind. 
Irgendwann haben wir dann den Salat! Der Drachen fängt an, völlig unkontrolliert hin und her zu fliegen. Ich kenne dieses Verhalten bereits aus dem letzten Jahr und das Ergebnis ist auch dieses Mal das Gleiche. Der Drachen holt noch einmal Schwung, geht in einen kurzen aber schnellen Sturzflug über und landet dabei auf dem Boden. Leider kracht dabei auch die Kamera mit hoher Geschwindigkeit auf den Kiesboden. Der gibt nur relativ wenig nach, so dass der Großteil der kinetischen Energie dafür verbraucht wird, das Kameragehäuse zu verkratzen und das Aluminium-Gimbel gehörig zu verbiegen. Katastrophe! Da die Kamera Gott sei Dank noch Lebenszeichen von sich gibt, fliegen wir erneut weiter. Allerdings wird es durch die Windabdeckung zunehmend schwieriger, Drachen und Kamera in der Luft zu halten. Da wir keinen weiteren Crash verursachen wollen, packen wir alles ein und machen uns auf den Rückweg zur Geopol-Hütte.
Zuvor muss ich aber zumindest noch ein paar Fotos von der Kvadehukelva  und ihr eng eingeschnittenes Flussbett machen. Wenn man den Drachen fliegt hat man ja dazu keine Zeit. Auch bietet es sich natürlich an, auch gleich noch eine Wassermessung durchzuführen. In wohlweislicher Vorahnung habe ich meinen Wassertester dafür mitgebracht.
Wir treffen die anderen an der Hütte und packen die letzten Kleinigkeiten, bevor ich alles auf den zwei Wägen verzurre. Alles gut verschließen und schon sind wir auf dem Weg zum Strand. Ich kann euch sagen, die leichteren Wägen ziehen sich bei Rückenwind und bergab deutlich leichter, als am Montag. Im Kies des unteren Teils des Wegs wird es aber dann doch noch einmal anstrengend. Zusätzlich setzt leichter Regen ein und wir befürchten, dass wir längere Zeit im Regen auf die Motorboote warten müssen. Es ist 14:30 Uhr und die Abholung soll dementsprechend noch eine halbe Stunde auf sich warten lassen. Ich packe meine Rucksäcke in die wasserdichten Seesäcke damit nicht alles völlig nass wird und schenke mir eine Tasse Tee ein. Ich bin bereit zum Warten!
Kaum habe ich mich auf das Warten mental vorbereitet, biegen Rey und Marc  mit „Luciole“ und „Beluga“ um die Ecke, also sprich Kongfjordneset. Das ist ja mal perfektes Timing und eine angenehme Überraschung zugleich. Rey bekommt beim Anlegen die Leine des Heckankers in die Schraube, reagiert aber prompt und nach ein paar Sekunden ist wieder alles klar. Souverän gemacht! Klasse!
Wir steigen in die mitgebrachten Überlebensanzüge und  verteilen das Gepäck auf die zwei Boote. Rey lässt uns wissen, dass heute Marcs Geburtstag ist und so singen wir ihm noch am Strand ein „Happy Birthday“ Ständchen. Er freut sich darüber, auch wenn es vermutlich sehr schief geklungen hat. Zumindest hat es die Eisbären in einem größeren Umkreis ferngehalten!
Ernst, Cynthia und Mike fahren mit Marc auf „Beluga“ zurück und Nico und ich finden bei Rey auf „Luciole“ Platz. Da wir viel langsamer sind, verschwinden die anderen schnell aus unseren Augen. Nico findet am Bug sein Plätzchen, und ich kann mich gemütlich auf der Hecksitzbank ausbreiten. Im Fjord weht ein frischer Ostwind und „Luciole“ muss gegen die Wellen ankämpfen. Nico kriegt dabei natürlich deutlich mehr Meerwasser ab als ich. So habe ich eine entspannte und trockene Rückfahrt.
Im Hafen liegt gerade ein Kreuzfahrtschiff und auch sonst ist der Hafen mit Segelbooten gut belegt, Rey zirkelt „Luciole“ perfekt in die Stegbox und wir können mit dem Ausladen beginnen. Danach duschen wir die Überlebensanzüge ab und verstauen sie im Trockenraum. Als wir damit fertig sind, fragt uns eine Touristin, ob wir Fischer seien. Wir verneinen es und geben uns als Wissenschaftler zu erkennen.
Die warme bis heiße Dusche ist herrlich! Eigentlich will ich gar nicht mehr raus, aber die anderen wollen ja auch duschen und dann wird es auch schon wieder Zeit fürs Abendessen. Heute gibt es Tacos. Und auch Baileys und Jameson Whiskey wird gereicht. Das war ja noch nie da, dass es in der Kantine Alkohol gegeben hat. Jedenfalls langen wir ordentlich zu. Nein, nicht beim Whiskey, sondern bei den Tacos! Besonders schön ist, das wir Hadong wiedersehen, der die koreanische Dasan-Station betreut. Wir hatten uns 2024 angefreundet und auch er freut sich sehr uns wiederzusehen. Kleine Welt!
Im Aufenthaltsraum des Blauen Hauses treffen wir uns anschließend mit Julia Boike und zwei ihrer Mitarbeiter. Es ist ein munterer Erfahrungsaustausch und ein netter Plausch, der durch einen längeren Anruf bei meiner Familie unterbrochen wird. Viel Zeit haben wir allerdings nicht, denn um 20:30 Uhr sind wir zu Marcs Geburtstagsfeier eingeladen. Sein Appartement ist sehr schön mit Wohnzimmer, Essecke und kleiner Küche ausgestattet. Die Türen, die vom Wohnzimmer wegführen lassen auf ein zusätzliches Schlafzimmer und Bad schließen. Insgesamt sind ca. 20 Personen anwesend, darunter Auriane, Francois, Rey, Susana, Ruben und Antoine Als Geschenk bekommt Marc ein Spiel, das das AWIPEV-Team speziell auf Ny Alesund angepasst hat. Und natürlich singen wir erneut „Happy Birthday“, diesmal aber schöner und lauter!
Ich habe auf der Party ein sehr nettes Gespräch mit Rey in dessen Verlauf sie auch meint, dass der von uns angemeldete Plan, eine Abfahrt zur Corbel-Hütte für Sonntag vorsieht und nicht für Samstagnachmittag. Das klingt jetzt nach keinem großen Unterschied. Sollten wir aber tatsächlich bereits Morgen zur Hütte fahren wollen, müsste Rey zunächst alles bei KingsBay umbuchen. Und da bekanntlich Wochenende ist, hat die Rezeption von KingsBay geschlossen. Letztes Jahr war zumindest im Gespräch, dass es eine erkleckliche Summe an Geld kosten würde, um die Rezeption am Wochenende nutzen zu können, um seine Abfahrts- bzw. Ankunftszeiten dort zu melden. Ich beschließe spontan, dass wir beim ursprünglichen Plan bleiben werden. Das erspart ihr viel Arbeit und respektiert auch die Arbeitszeiten des AWIPEV-Teams, das ja auch Wochenende hat und uns spart es vermutlich viel Geld. Ich habe den Entschluss zwar nicht mit dem Rest des Teams diskutiert, denke aber, dass Mike und Cynthia auch nicht ganz unglücklich darüber sein werden. Ernst und Nico, die mit auf der Party sind, stimmen sofort zu.
Den Abend lassen wir dann bei Tee bzw. Kaffee und Keksen im oberen Aufenthaltsraum des Servicegebäudes enden. Dort schmökern wir in den ausliegenden Büchern, von denen eines über das Leben auf der AWIPEV-Station in Ny Alesund berichtet und mit vielen sehr schönen Bildern aufwartet. Wirklich ein interessantes Buch in dem wir die Gesichter vieler Freunde wiederentdecken.

Fotos

Ein trauriger Moment. Wir müssen die Geopol-Hütte verlassen. Die Zeit verging viel zu schnell, aber hoffentlich sind wir ja nächstes Jahr wieder hier
Ein trauriger Moment. Wir müssen die Geopol-Hütte verlassen. Die Zeit verging viel zu schnell, aber hoffentlich sind wir ja nächstes Jahr wieder hier
© KOP 132 SPLAM
  • Eine schöne Gumpe der Kvadehukelva
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  • Taleinschnitt der Kvadehukelva
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  • Der Walwirbel vor der Geopol-Hütte im Detail
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  • Mutter mit jungem Rentier
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  • Ein weiteres Jungtier
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  • Jungtier beim Trinken. So habe ich Rentiere noch nie gesehen
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  • Das Ende der Schlepperei. Wir sind am Strand angekommen
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9.7.2026

Nebel! Sichtweite vielleicht 200 m. Berge existieren nicht, Fjord gibt es nicht. Kein wirklich verlockendes Wetter, um in unebenen Gelände zu arbeiten. Sobald man einen Eisbären sieht, ist es auch schon fast zu spät, um noch viele Optionen zu haben. Gott sei Dank wird es bereits während des Frühstücks mit der Sicht besser. Mike muss noch an seinem Rucksack-LIDAR herumbasteln, weil es noch immer nicht so will, wie es eigentlich soll. Ich spiele in der Zeit mit meinem Wassermessgerät herum, denn heute wollen wir in Richtung der Lagunen nahe unserem Anlandepunkt laufen und dabei unter anderem Wassertümpel, Bäche und Quellen messen. 
Nach dem Frühstück spüle ich noch schnell das Geschirr weg und richte meine Brotzeit für den Tag her. Die anderen machen natürlich genau das Gleiche und jeder hat so seine Routine darin. Bei mir ist es immer eine Fischbüchse – heute gibt es Herring in Tomate/Mozzarella Sauce – zwei Scheiben Brot, einen Müsliriegel und eine Tafel Schokolade. Und natürlich Tee. Die Kanne ist gefüllt mit 8-Kräuter Tee und steht den ganzen Tag in der Küche, weil ich sie nämlich heute vergessen habe. Aber das werde ich erst später merken, wenn es ans Mittagessen geht. So doof kann man sein!
Die erste wichtige Aufgabe für den heutigen Tag ist die Suche nach einem Sprechfunkgerät, das wir gestern verloren haben. Es ist die buchstäbliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Ein 5 x 10 cm großes schwarzes Etwas auf einer Fläche von ein paar Quadratkilometern zu finden, wo viele große und kleine dunkle Steine herum liegen und auch die spärliche Vegetation nicht gerade die Aufgabe erleichtert. Wir wissen ja nur ungefähr, wo wir es das letzte Mal gesehen haben und wohin wir anschließend gegangen sind. Wir bilden eine Reihe und laufen im Abstand von 10-20 m unserer gestrigen Wegstrecke nach. Jeder kann sich ausmalen, wie groß die Chancen sind, das Sprechfunkgerät zu finden. Aber wer die Wahrscheinlichkeit jetzt ausrechnet, macht die Rechnung sicher ohne Ernst. Es dauert nicht zu lange, dann höre ich ihn schreien. Und tatsächlich, er hält das verlorene Gerät freudestrahlend in die Höhe. Das verdient natürlich ein extra Bier heute Abend!
In unmittelbarer Nähe des Hallet Untersuchungsgebietes Nummer 4 sehen wir außergewöhnliche Steinkreise, die aus Dezimeter-großen plattigen Gesteinen bestehen. Diese Platten stecken teils senkrecht im Boden und bilden die Seiten des Steinkreiswalls, andere liegen flach auf dem Wall. So eine Anordnung haben wir bisher noch nicht gesehen! Auch nach 14 Jahren Feldarbeit in diesem Gebiet lernt man also noch immer etwas dazu. Ein kleiner Tümpel in unmittelbarer Nähe der Steinkreise ist mein erstes Ziel. Der Tümpel ist der traurige Rest eines normalerweise viel größeren Sees, der aber in dieser Saison fast völlig ausgetrocknet ist. Es ist also schon fast Ironie. Seit 14 Jahren kommen wir hierher und haben uns bisher nur wenig um die Wasserparameter gekümmert. Seen und sumpfige Gebiete gab es zuhauf und waren immer ein Problem, weil man dadurch größere Umwege machen musste und im Schlamm versank. Dieses Jahr interessieren wir uns für die Wasserparameter und die Seen sind fast alle ausgetrocknet. Selbst der See hinter der Geopol-Hütte hat seit gestern wieder 2-3 cm an Wasser verloren. Da macht man sich schon seine Gedanken, wo das hinführen wird.
Wir laufen immer weiter in Richtung der Lagunen und werden dabei regelmäßig von Seeschwalben angegriffen, die ihr gut verstecktes Gelege verteidigen wollen. Im Sturzflug kommen sie auf einen zu und Cynthia wird sogar am Kopf von einer getroffen.
Insgesamt mache ich 20 Messungen in unterschiedlichen Tümpeln und Bächen. Fast alle zeigen ähnliche Werte und mein Messinstrument zeigt mir immer 0% Salzgehalt an. Alle Seen sind dementsprechend durch Regen- oder Schmelzwasser gespeist. Erst als wir fast am Fjord sind, ändern sich die Werte, wobei speziell der organische Kohlenstoff ansteigt. Überraschenderweise sind aber selbst die Lagunen salzfrei, obwohl sie nur durch 10-20 m breite Strandrücken vom Fjord getrennt sind. Wir erklären uns das so. Süßwasser, das die Lagunen speist ist leichter als Salzwasser, das von unten bzw. der Seite in die Lagune gedrückt wird und bildet daher eine Süßwasserschicht auf dem salzigeren tieferen Schichten. Da wir natürlich nur vom Ufer aus messen, beproben wir vermutlich nur die Süßwasserschicht. Zum Beproben der Salzwasserschicht bräuchten wir eine Wathose oder ein Boot, was wir beides natürlich nicht zur Verfügung haben.
Wir wandern am Strand entlang zu einer zweiten Lagune und wandern auch dort weiter den Strand entlang, weil es auf der „Bergseite“ der Lagune recht feucht und schlammig sein könnte. Ich schaue mich extrem genau um, denn sobald man auf dem Strandrücken zwischen Fjord und Lagune unterwegs ist, möchte man keinen Eisbären dort begegnen. Auf dem wenige Zehnermeter breiten Rücken hat man keine Chance dem Bären aus dem Weg zu gehen und neugierig wie sie sind, würde er auch nicht einfach an uns vorbei laufen. Mir ist echt erst wohler, als wir am Lagunenende ankommen sind und somit mehr Raum zum Zurückziehen vorhanden ist. Eine kleine Pause gönnen wir uns dennoch am Lagunenende. Es ist sehr interessant, was dort alles herum liegt. Große bunte Bälle vermutlich aus der Fischerei, Treibholz und erschreckenderweise sehr viel Plastikmüll. Plastikflaschen, Plastikfetzen, Plastikschnüre, Plastikbecher. Plastik, Plastik, Plastik! Und das in so hohen Breiten, wo eigentlich ja wenige Leute leben. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass die vielen Kreuzfahrtschiffe schon einen gewichtigen Beitrag dazu leisten, wenngleich auch vieles von weit her angeschwemmt wird. Das Treibholz kommt z.B. teilweise aus Sibirien und hat eine lange polare Reise hinter sich. Ein interessantes Stück Holz ist vollständig von vermutlich Bohrmuscheln durchlöchert. Der Tod eines jeden Holzschiffes. Ist aber cool anzuschauen und echt ästhetisch.
Auf dem Rückweg machen wir an einem relativ tiefen Taleinschnitt Halt. Es ist ganz klar zu sehen, dass hier im Regelfall viel mehr Wasser fließt und die Höchststände werden sicher zur Schneeschmelze im Mai auftreten. Diese sind als Farbveränderungen klar auszumachen. Jetzt fließt nur ein kleines Rinnsal im Tal. Genug aber, um beprobt zu werden.
Besonders spannend finde ich zwei Quellen inmitten der Hänge. Die ganzen Hänge sind grau, nur an den Quellen und im Bereich des abfließenden Wassers gibt es knallgrüne Vegetation, was fast schon skurril ausschaut. Das Wasser kommt einfach über 20 m verteilt aus dem Hang, ohne genügend Energie zu haben, ein Bachbett zu graben. Es fließt stattdessen in einer breiten Senke hangabwärts. Nach einiger Suche finden wir zwei kleine Wasserstellen, die es uns erlauben, unsere Messungen zu machen, Und siehe da, das Quellwasser ist viel kälter als alle anderen Gewässer die wir heute gemessen haben. Hatten alle Tümpel so um die 10°C, kommt hier das Wasser mit ca. 3°C aus dem Boden. Vielleicht ist dies also eine Quelle, die nicht durch Regen- oder Schmelzwasser gespeist wird, sondern vielleicht von tauendem Permafrost.
Kurz vor unserer Hütte scannt Mike noch ein paar schöne Polygon-Netzwerke, während ich nochmals den kleinen See messe, den ich gestern schon mit Cynthia beprobt habe. Mich interessiert vor allem die Temperatur, weil ich an der Quelle festgestellt habe, dass sich mein Messgerät nur sehr langsam an die Wassertemperatur anpasst. Hält man es zu kurz ins Wasser, wird die Temperatur zu hoch angezeigt, weil ich das Messgerät ja in der Jackentasche mit mir trage und es deshalb warm ist. In der Tat messe ich heute niedrigere Temperaturen. Bevor ich den Sensor ins Wasser tauche, trage ich ihn für ein paar Minuten im Freien. Damit hat er die gleiche Temperatur wie die Luft, die heute bei ca. 7°C liegt. Im Wasser wird er also langsam wärmer, bis er sich bei ungefähr 10,8°C einpendelt. Ich wiederhole meine Messung auch am See bei der Geopol-Hütte. Dort messe ich eine Temperatur von 11,4°C, was ebenfalls kälter ist als meine gestrige Messung. Allerdings war gestern auch ein sehr sonniger Tag, so dass es direkt am Ufer vielleicht tatsächlich etwas wärmer war.
An der Hütte angekommen, gibt es erst einmal einen Tee, der wie gesagt den ganzen Tag in der Küche sehnsüchtig auf mich gewartet hat. Jetzt wird er seiner Bestimmung zugeführt! Mit frischer Energie versehen, laufe ich noch zu einem letzten kleinen See, um auch diesen zu beproben. Damit habe ich die magische Zahl von 20 Wassermessungen durchgeführt und darf mich auf das Abendessen freuen, das Cynthia bereits zubereitet. Heute gibt es noch den Reis von gestern, dazu Nudeln und Thunfisch Sauce. Bier ist auch noch da. Wir haben sogar drei Extra-Biere, wobei natürlich eines bereits für Ernst reserviert ist, die anderen zwei gehen an Mike und Nico. Als Dessert gibt es einen etwas üppigeren Whiskey, denn wir wollen eine fast leere Flasche sicher nicht zum Strand schleppen. Eine ganz leere Flasche schleppt sich schon leichter!
Wie jeden Tag haben wir uns natürlich per In-Reach bei Rey zurückgemeldet und mitgeteilt, dass wir wieder gut auf der Hütte angekommen sind. Heute müssen wir aber auch unsere morgige Rückkehr nach Ny Alesund organisieren. Normalerweise laufen ja immer ein paar von uns nach Ny Alesund zurück. Da aber das Wetter laut Reys Wetterbericht eher bescheiden sein soll, werden wir alle mit dem Boot zurück fahren. Wann wir abgeholt werden, steht allerdings noch nicht fest. Für Mike wäre es gut, möglichst früh nach Ny Alesund zu kommen, damit er noch mit der Firma in den USA telefonieren kann, die die Software für seinen LIDAR-Scanner hergestellt hat. Wir werden sehen!
Das Wetter war heute grau in grau und die meiste Zeit des Tages war es fast windstill. Erst gegen Nachmittag hat sich ein westlicher Wind eingestellt, der leider auch Regenwolken mit sich brachte. Wir hatten aber insofern Glück, dass wir untertags bis auf einzelne kurze Schauer trocken blieben. Abends haben wir dann einen unangenehmen Nieselregen. Aber da sitzen wir schon gemütlich in der Hütte bzw. liegen in unseren Betten.

Fotos

Ein neugieriger Besucher
Ein neugieriger Besucher
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  • Heute keine Berge!
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  • Die Größe der Flagge ist alles eine Frage der Perspektive. Cynthia hat die schwedische Flagge extra für Andreas zur Geopol-Hütte gebracht
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  • Der Held des Tages mit seinem Fundstück
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  • Scheuchzers Wollgras
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  • Cynthia beim Mittagessen
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  • Mike tut es ihr gleich
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  • Rote Sedimentablagerungen und frisches Grün bilden einen spannenden Kontrast
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  • Eismöwe beim Gefiederputz
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  • Durchlöchertes Treibholz
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  • Farbakzente am Strand zwischen Treibholz
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  • Reste eines Seeigels
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  • Strandfund
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  • Quelle am Hang. Das Wasser war nur ca. 3°C warm und damit viel kälter als alle Tümpel und Bäche, die wir gemessen haben
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  • Dieser Schmarotzerraubmöwe konnte ich mich auf 3 Meter nähern, ohne dass er sich hätte stören lassen
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  • Rasensteinbrech
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  • Eine alte Untersuchungsstelle nahe der Geopol-Hütte
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8.7.2026

Was für ein grandioser Tag! Als ich um 8:00 Uhr aus der Hütte stolpere, scheint die Sonne. Im Vergleich zu gestern ist es allerdings deutlich wolkiger und windiger. Das ist natürlich fantastisch, weil wir damit unseren Drachen fliegen lassen können. Aber erst einmal ganz ruhig! Zunächst will das Frühstück hergerichtet werden, das ich mit mittlerweile eingespielter Routine erledige. Um es kurz zu sagen, auch beim Frühstücksangebot gibt es nicht viel Neues zu berichten. Ihr ahnt es schon, Tee, Nudelsuppen, Brot, Frühstücksfleisch. Doch halt! Da steht noch ein Glas mit gekochter Zwiebelwurst auf dem Tisch, das die 4/5 leere Frühstücksfleischdose ersetzen muss. Also, nachdem es beim Frühstück keine weltbewegenden Veränderungen gibt, was ist so grandios an diesem Tag?
Nun, zum einen, dass mein Wassermessgerät heute funktioniert im Gegensatz zu gestern. Die Götter wissen warum! Jedenfalls freue ich mich sehr darüber und muss das natürlich sofort Cynthia mitteilen. Kurzerhand kommen wir überein, dass wir beide Messgeräte an einem kleinen See in der Nähe der Geopol-Hütte ausprobieren sollten. Gesagt, getan! Nach ein paar Minuten stehen wir am Rande des Sees. Oder zumindest was davon übrig ist. Alle Seen auf Kvadehuksletta haben einen extrem niedrigen Wasserstand, inklusive dem See bei der Geopol-Hütte. Hier fehlt mindestens 1 m Wasser und Nico meint sogar, dass der Wasserstand seit gestern um ca. 2-3 cm gefallen sei. Es ist uns unklar, ob es dieses Jahr weniger Schmelzwasser gegeben hat oder ob es schlichtweg weniger geregnet hat. Das Positive am niedrigen Wasserstand ist, dass wir Steinkreise sehen können, die sonst unter dem Seespiegel liegen. In erster Näherung gibt es tatsächlich Unterschiede in den zwei Steinkreisen. Das Gleiche beobachten Cynthia und ich auch an dem kleinen See vor dem wir jetzt stehen, um unsere Messfühler hineinzustecken. Meine Ergebnisse zeigen z.B. eine Wassertemperatur von ca. 15°C, was mich doch überrascht, wenn man bedenkt, dass die Lufttemperatur ja nur bei 7-9°C liegt. Der Salzgehalt liegt bei 0. Organischer Kohlensoff und Gehalt an gelösten Stoffen sind wie Temperatur und Salzgehalt sehr ähnlich wie die Werte für den See bei der Geopol-Hütte. Cynthia kriegt übrigens ähnliche Werte, was naturgemäß das Vertrauen in die gemessenen Werte steigert. Also, alleine deshalb schon ein erstklassiger Tag!
Was den Tag aber zu einem grandiosen Tag macht, ist der nordwestliche Wind. Er weht mit genau der richtigen Stärke für den Drachen und ist extrem gleichmäßig. Fast keine Böen, die die Kamera in wilde Schwingungen versetzen würden. In einem ersten Profil laufen Nico und ich bis zu dem kleinen Hügel mit anstehendem Gestein. Ziel ist es, dass wir zwischen den beiden Radarprofilen Genügend Bilder aufnehmen, um eine Datenlücke von der letzten Drachenbefliegung verkleinern zu können. Die Befliegung entlang der Strecke der Radarprofile haben wir ja schon in einer der vorherigen Feldsaisonen aufgenommen. Dazwischen klaffte allerdings eine große Datenlücke, die einfach unschön ist, wenn man die Daten z.B. in einem Vortrag zeigen will. Das soll sich heute ändern. Also, auf geht’s zu den Hügeln. Zwei Vögel haben aber etwas dagegen, weil unsere Strecke wohl zu nah an ihrem Nest vorbei geht. Zunächst versuchen sie unsere Aufmerksamkeit zu erwecken, in dem sie so tun als könnten sie nicht mehr fliegen. Wir folgen ihnen, da das vermutlich der schnellste und beste Weg ist, das Nest nicht zu stören. Was ich allerdings nicht verstehe ist, das sie dann den Drachen attackieren. Ich vermute, sie empfinden den Drachen als zusätzliche Gefahr aus der Lust und attackieren ihn deshalb. Allerdings wäre es super cool, sollte die Kamera dies tatsächlich aufgenommen haben.
 Bei den Hügeln angekommen, wechseln wir zur Sicherheit die Batterie der GoPro-Kamera, bevor wir den Drachen erneut in die Luft gehen lassen und uns wieder in Richtung Geopol-Hütte auf den Weg machen. Die gebrauchte Batterie laden wir im Rucksack gleich über eine meiner Powerbanks wieder auf, so dass wir möglichst viel und lange fliegen können. Habe ich auf dem Hinweg den Drachen gegen den Wind ziehen müssen, was recht anstrengend ist, muss ich nun aufpassen, dass ich bei dem Rückenwind nicht zu schnell laufe, da ansonsten der Drachen dem Boden bedenklich nahe kommt. Aber das gelingt ganz gut und an der Hütte bläst der Wind kräftig genug, dass wir uns die Hütte ganz genau von oben anschauen können, samt Mike, der vor der Tür steht.
Kurzerhand befliegen wir dann auch gleich noch die alte Stelle an der Bernard Hallet in den frühen 80er Jahren bereits die Steinkreise untersucht hat. Bernard sehen wir immer in unseren vierzehntägigen Zoom-Meetings und es ist schön zu sehen, wieviel Herzblut er noch immer in die Erforschung der Steinkreise steckt. Er ist voll von Ideen, die uns sicher ein paar Monate kosten würden, wollten wir alles komplett abarbeiten. Aber natürlich nehmen wir Daten „seiner“ Untersuchungsgebiete auf und berichten ihm über die beobachteten Veränderungen sobald wir wieder zuhause sind.
Dann ist es aber auch schon Zeit fürs Mittagessen. Bei der Gelegenheit erfahren wir auch, dass Mike mit seinem Rucksack-LIDAR die Hallet-Stelle auch schon gescannt hat und dass uns Auriane und Francois um 14:30 Uhr besuchen werden. Wir genießen noch für ein paar Minuten die Sonne auf unserer Sonnenbank vor dem frisch reparierten Küchenfenster der Geopol-Hütte bevor sich Nico und ich auf den Weg zu einem ausgetrockneten Flussbett machen, das sich tief eingeschnitten und anstehendes Gestein freigelegt hat. Es handelt sich um extrem klüftige Kalksteine die sehr scharfkantig sind, viele Hohlräume besitzen und Hornsteinlagen enthalten. Wir laufen zunächst talabwärts und als es sich zu einem großen Schwemmfächer aufweitet, drehen wir um und laufen talaufwärts. Somit sollten wir das Tal insgesamt gut mit Bildern abgedeckt haben. Wir sehen die anderen drei und laufen zu ihnen hinüber. Der Drachen folgt uns wie immer heute immer schön ruhig in der Luft. Ich denke, wir haben heute perfektes Flugwetter und werden deshalb auch noch das Hallet-Untersuchungsgebiet Nummer 4 befliegen, das nicht weit weg liegt. Auch mit diesem Untersuchungsgebiet sind wir relativ schnell fertig. Perfektes Timing, denn wir sind genau dann fertig, als wir Auriane und Francois über die Hügel auf uns zulaufen sehen.
Wir alle freuen uns über das Treffen und nach ein paar Minuten kommen auch Ernst, Mike und Cynthia dazu. Mike macht von der Gruppe einen LIDAR-Scan, für den wir so lange still stehen müssen, bis er zwei Runden um uns herum gedreht hat. Ich bin schon gespannt auf das Ergebnis.

LIDAR-Scan von Auriane, Harry, Ernst, Francois und Nico. Jetzt haben wir unsere Avatare!

Da wir alle einzeln stehen, sollte es auch möglich sein, jeden von uns im 3d-Drucker auszudrucken. Da wäre sicher extrem lustig. Anschließend wollen die drei noch das Hallet-Untersuchungsgebiet scannen, während Nico und ich uns einen kleinen See anschauen wollen, um den Übergang von Steinkreisen oberhalb und unterhalb des Seespiegels zu untersuchen. Auriane und Francois wollen natürlich den Drachen fliegen sehen und kommen deshalb mit uns mit. Nach ein paar Minuten stehen wir dann auch schon an dem kleinen See. Wir bauen den Drachen auf und Auriane fliegt damit das Gebiet ab. Ich denke, sie hat Spaß dabei und nach einer Runde um den See ist es dann Francois Zeit, den Drachen zu fliegen. Auch er hat Spaß. So kommen wir schließlich an unserer Hütte an.
Ich mache Auriane und mir einen kleinen Espresso, während Francois Tee bevorzugt. So sitzen wir dann im Windschatten der Hütte auf der Sonnenbank und genießen die Sonne heute schon zum zweiten Mal. Schokolade und Kaffee bzw. Tee und nette Gespräche runden die Sache ab! Einfach schön, dass die zwei uns heute besuchen. Habe ich schon gesagt, dass es ein grandioser Tag ist?  Es ist übrigens eine Premiere, denn bisher hat uns noch nie jemand jemals auf der Geopol-Hütte besucht.
Frisch gestärkt, zeigen wir Auriane und Francois einige unserer markierten Steinkreise. Selbst für jemanden, der sich noch nie mit Steinkreisen befasst hat, zeigen die Markierungen sehr eindrücklich, dass sich Gesteinsbrocken bewegen und die Steinkreise verändern. Nebenbei bekommen die beiden von Nico und mir auch noch einen Grundkurs in Geologie und Planetologie. Alles während wir durch die tollste Landschaft bei schönstem Wetter wandern! Auch das geplante Flugfeld zeigen wir ihnen. Und Francois ist davon a) überrascht und b) beeindruckt. Insgesamt war es eine sehr schöne, wenn auch kurze Tour mit den beiden, die von Ernsts Funkspruch unterbrochen wird. Er will wissen was wir machen und planen. Unser Plan ist zur Hütte zurückzugehen und zu essen.
Wir stellen heute mal die Reihenfolge auf den Kopf und servieren den Whiskey als Aperitif. Nach kurzer Rücksprache mit Cynthia steht fest, dass wir ausreichend Essen dabei haben, um die zwei zum Abendessen einzuladen. Auriane und Francois nehmen die Einladung gerne an. Sie wollen heute noch zur Gorilla-Hütte und bis sie dort ankommen, wäre es für Abendessen schon recht spät. Als ich dann noch sage, dass sie ja dann auf der Gorilla-Hütte auch nicht abspülen müssten wenn sie mit uns essen, steht die Entscheidung fest. Es gibt Reis und Fleisch mit Marsala-Sauce. Francois reagiert sehr cool darauf, als wir uns dafür entschuldigen, dass wir nicht wussten, dass er Vegetarier ist. Er meint nur ganz trocken „heute nicht“. Damit ist das Thema durch! Zum Nachtisch gibt es Haribo, M&Ms und Erdnüsse. Unsere Gespräche drehen sich um alle möglichen Dinge, unter anderem natürlich auch den Umgang mit Wissenschaftlern. Es ist ja nicht immer leicht für das AWIPEV-Team, wenn eine Bande Wissenschaftler nach ein paar Feldtagen stinkig in Ny Alesund einmarschiert. Auriane charakterisiert mich in diesem Zusammenhang als „Sein Schnauzbart ist immer perfekt und er stinkt nicht“. Ich nehme es als Kompliment und wir lachen alle herzlich darüber.
Irgendwann ist es aber Zeit für die zwei zum Boot zurückzulaufen und bis zur Gorilla-Hütte zu fahren, denn morgen früh um 8:00 Uhr wollen sie bereits wieder in Ny Alesund sein. Nico und Ernst machen in der Hütte klar Schiff, wir anderen kollabieren in unseren Betten. Gegen 22:00 Uhr hat sich das Wetter drastisch verändert. Wir sitzen jetzt in Mitten einer Wolke und die Sichtweite beträgt wenige hundert Meter. Das bedeutet, keine Berge, kein Meer, keine Gletscher, nur grau in grau. Auch ganz spannend! 
Habe ich schon gesagt, dass dieser Tag grandios und der Besuch von Auriane und Francois die Kirsche auf dem Sahnehäubchen war? Na gut, ich wollte nur sicher gehen, das es jeder mitbekommen hat.

Fotos

Unser Steinkreis Nummer 3 mit Scheteligtoppen und Nekknuten im Hintergrund
Unser Steinkreis Nummer 3 mit Scheteligtoppen und Nekknuten im Hintergrund
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  • In allen Jahren, in denen wir unser Essen im Januar oder Februar nach Spitzbergen verschiffen, ist das unsere erste verdorbene Dose
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  • Die neue Kamerahalterung für unsere Drachenaufnahmen
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  • Kurze Pause in der Sonne
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  • Cynthia beim Messen der Wasserparameter
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  • Ausgetrockneter See. Interessant vor allem deshalb, weil wir nun Steinkreise untersuchen können, die sich unter Wasser gebildet haben. Sind sie unterschiedlich zu den „normalen“ Steinkreisen?
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  • Nico hat sich den Zorn eines Vogels zugezogen
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  • Vogel, der vorgibt verletzt zu sein, um uns vom Nest wegzulocken
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  • Auriane und Francois fliegen mit Nico unseren Drachen unter dem die Kamera hängt
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  • Francois nimmt weitere Gebiete mit der Drachen-Kamera auf
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  • Nach getaner Arbeit darf auch ausgeruht werden
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  • 3d LIDAR-Scan von der Innen- und Außenseite der Geopol-Hütte in einem Bild kombiniert. Man sieht quasi einen Querschnitt durch die Hütte. Klar zu sehen ist. Z.B. der Wasserkessel auf dem Gasofen links unterhalb des Fensters. Die Qualität der Daten wird sich durch eine nachfolgende Prozessierung weiter verbessern
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7.7.2026

Um 7:00 Uhr schlagen sowohl Cynthias als auch mein Wecker Alarm. Angeblich ist es Zeit zum Aufstehen. Da aber aus allen Ecken ein Schnarchen an mein Ohr dringt, dass sich auch durch den Wecker nicht stoppen lässt, ist relativ schnell klar, dass das nichts wird. Also schalte ich ihn aus. Cynthias Wecker versucht es nach 10 min noch einmal. Das Ergebnis ist das Gleiche. Um 8:00 Uhr ist dann aber der Spaß vorbei  und ich fange an, Radau zu machen. Bei Ernst genügt es bereits, dass ich die Türe öffne. Es empfängt mich ein Tag, wie er schöner nicht sein könnte. Sonne, blauer Himmel, laue Temperaturen, windstill und ein Panorama, das seines Gleichen sucht. Da geht einem morgens schon das Herz auf. Ich schaue erst einmal nur und lasse alles auf mich wirken. Kein Laut, es ist Mucksmäuschen still. Nur die letzten Schnarcher aus der Hütte stören etwas. Ich gehe einfach ein paar Schritte weg!
Während sich alle so langsam aus den Schlafsäcken schälen, und Ernst seine Schlafunterlage und seinen Schlafsack wegräumt, mach ich schon Frühstück. Ernst hat wieder freiwillig den Schlafplatz auf dem Boden gewählt und muss deshalb immer warten bis alle im Bett sind, so dass er die Bank und Stühle wegrücken kann, um Platz zu finden. Morgens funktioniert die Prozedur dann genau anders herum. Während er so räumt, koche ich eine große Kanne Wasser, richte die Nudelsuppen her und das Frühstücksfleisch, decke den Tisch mit Tellern, Tassen, Löffeln und Messern und stelle die Teebeutel auf den Tisch. Nun kann die hungrige Meute kommen. Die gemeinsamen Essen in der Geopol-Hütte sind immer ein Erlebnis, weil fünf Leute um einen kleinen Tisch Platz finden müssen. Das muss schon genau orchestriert sein, ist aber auch das Schöne daran. Und bisher hat es immer geklappt. Wir schmieden natürlich den Plan für heute und diskutieren wer was macht. Wir wollen heute unsere im Jahr 2012 markierten Steinkreise besuchen und schauen, wie sie sich verändert haben. Ernst und ich werden die Beschreibungen und Detailphotos machen, Nico die Pole-Bilder, Mike die LIDAR-Scans und Cynthia wird Wassermessungen durchführen. Jeder hat also seine Aufgabe in unserem grandiosen Masterplan. Doch noch ist Frühstücken angesagt!
Ich nutze die Zeit in der alle am Tisch sitzen und schnappe mir Gewehr, Schaufel und Toilettenpapier. Habe ich schon gesagt, dass heute ein guter Tag ist? Aus der obigen Liste ist hier besonders die Windstille zu erwähnen. Das Papier wird dadurch nicht von den wesentlichen Stellen weggeweht, was das Leben wesentlich erleichtert. Auch dass es nicht regnet ist von großem Vorteil, weil dadurch das Papier nicht schon halb aufgeweicht wird, bevor man es benutzt. Und dann gibt es wohl keine noch so teure Toilette mit einem solchen 360° Panorama. Wer braucht schon goldene Wasserhähne und Marmor?
Als nächstes teste ich mein Wassermessgerät. Gleich im ersten Versuch liefert es sinnvolle Messergebnisse des kleinen Sees bei der Geopol-Hütte. Der Salzgehalt beträgt 0% und insgesamt wird die Wasserqualität mit „poor“ bewertet. Leider habe ich aber Probleme beim Abspeichern der Daten, die ich auch durch längeres Ausprobieren nicht lösen kann. Ich beschließe deshalb, das Gerät heute nicht mit ins Gelände zu nehmen. Wir haben ja auch schon ein dichtes Programm. Als ich zur Hütte zurück komme, kalibriert auch Cynthia ihr Gerät. Mike hat technische Probleme mit dem Rucksack-LIDAR. Auch er gibt nach einer Weile auf, weil er uns nicht länger aufhalten will. Wir kommen trotz aller Probleme um ca. 11:00 Uhr los.
Der erste Steinkreis ist schnell erreicht und wir starten unsere Beobachtungen. Dabei entwickeln wir eine Routine, die wir auch bei den anderen 12 Steinkreisen anwenden werden. Jeder weiß also genau wann er dran ist und so verlieren wir keine Zeit, dadurch dass Messungen wiederholt werden müssen, weil, z.B. jemand im Bild rumstand. Ernst und ich fangen mit den Detailphotos an, anschließend notieren wir unsere Beobachtungen in unseren Feldbüchern. Nico legt parallel dazu die Markierungspunkte für die Pole-Bilder aus. Sind Ernst und ich mit unseren Aufgaben fertig, legt Nico mit den Polebildern los. Und schließlich läuft Mike ein größeres Gebiet um den markierten Steinkreis ab, um den Kontext zu liefern. Das alles klappt hervorragend und so hangeln wir uns von Steinkreis zu Steinkreis. Ernst hat seine Kamera vergessen und geht nach dem dritten Steinkreis noch kurz zur Hütte zurück, um sie zu holen. Das trifft sich gut, denn nur mit meinem Merino-Shirt und der AWI Fleece-Jacke ist es auf die Dauer doch etwas zu frisch. Ich bitte Ernst daher mir meine zweite Flee-Jacke mitzubringen. Und siehe da, das Komfortlevel steigt von Economy-Class auf Business-Class Niveau. Mollig warm aber nicht zu warm kann es weitergehen.
Nach dem neunten Steinkreis ist es auch schon fast 15:00 Uhr und wir sind hungrig. Wir sind in der Nähe eines kleinen Hügels mit extrem scharfkantigen Kalksteinen von dem wir einen guten Überblick über das gesamte Gelände haben und so von möglichen Eisbären nicht überrascht werden können. Der Hügel hat uns schon vor einigen Jahren als Zuflucht vor einem Eisbären gedient, der damals zwischen unserer, zu dem Zeitpunkt aufgeteilter  Gruppe, hindurchgelaufen ist. Das war damals schon sehr aufregend. Heute stört uns zum Glück kein Eisbär und wir können in Ruhe unsere Fischbüchsen genießen. Dazu Tee und Schokolade und schon ist der Tag noch besser geworden. Im See sehe ich wieder die gleichen Vögel, die ich letztes Jahr schon im Nest fotografiert habe. Dieses Jahr sind sie offensichtlich etwas schneller mit ihrem Brutgeschäft, denn zwischen Mama und Papa schwimmt ein kleiner Jungvogel über den See. Vom Hügel beobachten wir, wie ein Zweimaster mit dem Schlauchboot mehrere Personen an Land absetzt. Genau an der Stelle, an der auch wir gestern gelandet sind. Wir vermuten, sie wollen sich die alten Hausruinen anschauen, auch wenn es da ja eigentlich nichts mehr zu sehen gibt außer ein paar Fundamenten, Holzbrettern und einem großen Eisen Rad. Dann müssen wir aber auch schon weiter.
Steinkreise 10, 11, 12 und 13 werden gewohnt routiniert abgearbeitet, bevor ein kurzer Besuch an der Wetterstation ansteht. Diese Station wurde vor ein paar Jahren installiert und es ist ganz interessant, wie weit das Fundament bereits aus dem Boden schaut. Eine Möglichkeit wäre, dass der Permafrostboden absinkt. Sollte das wirklich der Fall sein, wären das absolut verheerende Absenkungsraten. In erster Näherung würde ich sagen, dass sich seit letztem Jahr nicht viel verändert hat. Das muss ich aber erst noch anhand von Bildern aus dem letzten Jahr überprüfen.
Der Besuch eines kleinen Seezeichens an der Spitze von Kvadehuksletta muss leider kurz vor dem Erreichen des Ziels abgesagt werden. Zwischen uns und dem Seezeichen liegt ein kleiner See, der von vielen Vögeln zum Brüten verwendet wird. Dementsprechend groß ist die Aufregung, als wir fünf uns dem See nähern. Tatsächlich stören wir auch ein Küken, das hektisch davon läuft. Um nicht noch mehr Unruhe in dieses Ökosystem zu bringen, drehen wir lieber um. Es muss ja auch nicht sein. Auf dem Rückweg entdecken wir noch eine sehr interessante Stelle, wo Polygonböden in Steinkreise übergehen. Bei den Polygonen liegen die großen Steine in Rinnen um die erhöhten feiner körnigen Zentren, bei den Steinkreisen sind die Wälle höher als das Zentrum. Mike macht natürlich einen LIDAR-Scan von diesem Gebiet. Damit hat er heute insgesamt 16 solcher Scans gemacht. Sein neues Gerät funktioniert also sehr gut und liefert uns sehr schnell erstklassige Daten, die wir sonst erst mühsam aus Videobildern berechnen müssten.
Der Rückmarsch gestaltet sich sehr angenehm. Mit dem Wind im Rücken ist es so warm, dass ich meine beiden Fleece-Jacken ausziehe und nur mit meinem langärmeligen Merino-Wolle T-Shirt zurück zur Geopol-Hütte laufe. Ich komme als erster dort an und stelle gleich schon ein Mal Wasser auf den Herd. Es ist kurz vor 20:00 Uhr und langsam Zeit für was zum Beißen. Heute gibt es Nudelsuppen, mit hartgekochten Eiern, Speck und japanischen Gewürzen, die Cynthia aus dem Land der aufgehenden Sonne mitgebracht hat. Das Bier aus den kleinen grünen Dosen darf natürlich nicht fehlen. Der Abwasch ist heute meine Sache. Ich habe ja heute großes Glück, weil nur wenig fettiges Geschirr zu reinigen ist. Die Teller mit Nudelsuppen sind schnell gespült und hinterher glänzt die Küche fast wie neu. 
Danach wird es sehr schnell ruhig in der Hütte. Jeder verzieht sich in sein Bett und ich schreibe am Blog während die anderen andere Dinge machen. Eine letzte Amtshandlung haben wir aber noch für heute: Wir müssen noch auf Andreas mit einem winzigen Whiskey anstoßen.  Mike liegt schon im Schlafsack und bekommt sein Glas ans Bett serviert. Ist ja schließlich ein 5-Sterne Hotel hier! 

Fotos

Harry vor der Geopol-Hütte
Harry vor der Geopol-Hütte
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  • Frühstück in der Geopol-Hütte
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  • Olssonfjellet: Der ideale Skihang
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  • Mike baut seinen LIDAR-Rucksack zusammen
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  • Wolkenstimmung
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  • Die blau markierten Steine bildeten 2012 noch eine Linie. Seither hat sich der Steinkreis deutlich verändert
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  • Nico nimmt Bilder der Steinkreise mit eine Kamera am Ende einer Stange auf. Das sind unsere sog. „Pole-Bilder“
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  • Während Nico die Pole-Bilder aufnimmt, wartet jeder, bis er an der Reihe ist, den Steinkreis zu untersuchen
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  • Blick über einen ausgetrockneten See und einen Strandrücken auf den Grimalditoppen
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  • Grandiose Landschaft an der man sich nie satt sieht
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  • Ein Steinkreis speziell für Carolyn
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  • Nico ist der Meister unseres Gepäcks
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  • Drei unterschiedlich farbige Gesteine in unmittelbarer Nähe
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  • Die zwei Hügel aus anstehendem Gestein, die uns immer wieder als Anlaufpunkt dienen
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  • Die zwei Hügel aus einer anderen Perspektive mit dem Mitra im Hintergrund
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  • Polygonale Netzstrukturen, die durch wiederholtes Gefrieren und Tauen entstehen
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  • Rentier, das den Winter nicht überlebt hat – sauber abgenagt
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  • Seezeichen am Kvadehuken
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  • Die Sonne bescheint den Scheteligtoppen
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  • Es blüht! Das Felsenblümchen
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  • Arktische Hornkraut
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  • Scheuchzers Wollgras
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6.7.2026

7:30 Uhr ist Frühstück im Service-Gebäude. Glaubt es oder nicht, aber ausgerechnet heute gibt es Porridge! Porridge! Wenn ich etwas nicht mag dann diese schleimigen Haferflocken. Da ist mir doch der marinierte Herring, Käse und Salami tausend Mal lieber als Porridge!!! Ich glaube Cynthia denkt ähnlich wie ich, denn auch sie macht einen Bogen um diesen Urschleim. Die anderen essen ihn mit unterschiedlichen Früchten. Apropos Früchte. Heute hat es Mangos gegeben, die allerdings noch nicht voll aufgetaut waren und sowohl bei Ernst als auch bei mir keinen Zuspruch fanden. Der Kaffee hat umso besser geschmeckt und wir nutzen die Zeit, um unsere Pläne für die nächsten paar Tage zu diskutieren. Realistischer Weise werden wir heute nicht mehr viel anstellen können. Zwar wollen wir Ny Alesund so gegen 1:30-2:00 Uhr verlassen, aber die Bootsfahrt dauert seine Zeit und dann müssen wir ja die ganze Ausrüstung noch bis zur Hütte schleppen. Bei der Menge an Gepäck sind dazu sicher zwei Touren notwendig. Und Freitagmorgen dann wieder alles zurück. Halleluja!
Sobald wir mit dem Frühstück und unserer Diskussion fertig sind, hole ich meine Klamotten aus dem Trockenraum. Leider muss ich feststellen, dass mein zweites Paar Stiefel noch immer leicht feucht ist. Ich lasse sie noch bis Mittag im Trockenraum in der Hoffnung, dass sie noch trocken werden. Das wäre schon gut, denn gestern habe ich mit Entsetzen festgestellt, dass sich von meinem ersten Paar Stiefel an beiden Schuhen die Sohlen abzulösen beginnen. Das kann eine potentielle Vollkatastrophe sein, sollte ich die Sohlen auf Kvadehuksletta verlieren. Zu allem Überfluss riss mir auch gestern Abend noch die Ummantelung meines Schuhbandes, so dass ich auch dafür noch Ersatz finden muss. Jedenfalls gibt es mindestens zwei Gründe, das extra Gewicht der zweiten Stiefel mit zur Hütte zu schleppen. Dafür packe ich ansonsten viel leichter als sonst. Ich hoffe, ich werde es nicht bereuen!
Dann explodiert unser Zimmer! Nein, nicht wirklich, aber das ganze Gepäck muss sortiert und überprüft werden, Batterien müssen geladen werden, Daten müssen gesichert werden. Und in dem ganzen Chaos soll man den Überblick behalten und möglichst wenig vergessen, vor allem wichtige Dinge. Letztlich findet aber alles für wichtig Befundene seinen Platz in einem Rucksack. Bis auf ein paar Kleinigkeiten, die ich später noch packen will und meine Klamotten, die ich fürs Gelände anziehen will. Man muss da schon überlegen, was man mitnimmt und im Gelände einsaut und was zuhause bleibt, um z.B. in der Kantine getragen zu werden.
Rey und Marc geben uns noch destilliertes Wasser, so dass wir unsere Messgeräte kalibrieren können. Wir wollen dieses Jahr neben unserem Standardprogramm auch erstmals Wasser in den Seen und Tümpeln beproben, um zu sehen, wie salzhaltig sie sind. Die Kalibration meines neuen Messgeräts funktioniert problemlos und ein erster Test mit dem Leitungswasser im Blauen Haus liefert Werte, die sich deutlich von jenen des destillierten Wassers abheben. Es funktioniert also! Die Wasserqualität wird übrigens als „durchschnittlich“ eingestuft. Was immer das jetzt genau heißen soll. Jedenfalls bin ich froh, dass die gemessenen Werte Sinn zu machen scheinen und ich somit beruhigt auf Kvadehuksletta meine Messungen durchführen kann. Cynthia hat ein professionelles Gerät dabei, das allerdings deutlich größer und schwerer ist. Ich bin schon gespannt, wie sehr die gemessenen Werte der zwei unabhängigen Instrumente voneinander abweichen werden. Mit beiden Geräten sollten wir aber eine halbwegs gute Idee einiger Kenngrößen bekommen. Temperatur, Trübe, Salzgehalt, Gehalt an gelösten Stoffen, Gehalt an organischem Kohlenstoff und Wasserhärte sind einige, die mein Gerät bestimmen kann. Mich würde vor allem interessieren, ob es systematische Veränderungen z.B. im Salzgehalt gibt, je näher man Richtung Strand kommt. Das würde auf einen Austausch mit Meerwasser hindeuten. Sehen wir keine Veränderungen handelt es sich vermutlich um isolierte Regen/Schmelzwasser-gespeiste Seen. Das ist ja schon ein gravierender Unterschied, der vielleicht auch für die Entwicklung der Steinkreise relevant sein könnte. Denn gelöste Salze führen dazu, dass der Boden vielleicht später friert und früher auftaut und es vielleicht auch zu weniger Hebungen und Senkungen während des Tau/Gefrierzyklus kommt. Das sind natürlich jetzt nur wilde Spekulationen und Hypothesen, die alle erst noch geprüft werden müssen.
12:20 Uhr! Mittagessen! Nudelauflauf. Aber was solls. Wir haben noch einiges zu tun bis 13:30 Uhr, wenn wir uns mit Auriane und Marc im Rabot-Gebäude treffen wollen. Die beiden werden uns mit „Luciole“ und „Beluga“ zur Geopol-Hütte bringen. Von Francois bekomme ich auch ein Stück Schnur, das meinen kaputten Schnürsenkel ersetzen wird. Dann noch schnell einen letzten Durchflug durch die Toilette, denn es pressiert mittlerweile. Waffen müssen wir ja auch noch holen und ich möchte mit Rey noch besprechen, wie wir die Kommunikation regeln wollen. Wir einigen uns auf In-Reach Nachrichten. Bis ich damit fertig bin, haben die anderen bereits alles in Emily geladen, so dass wir uns Richtung Hafen bewegen können. Uns kommen viele Touristen des Kreuzfahrtschiffs „Spitzbergen“ entgegen, die uns etwas komisch anschauen. Schuhe ungeschnürt, Fleece-Jacken halb offen, die wilden AWI-Schlumpfmützen auf unseren Köpfen, unrasiert und Waffen tragend geben wir aber sicher auch ein etwas schräges Bild ab. Auriane und Marc haben bereits angefangen die Boote zu beladen, als wir im Hafen einmarschieren. Jetzt schnell noch in die Überlebensanzüge hüpfen, dann geht es endlich zu meiner heißgeliebten Geopol-Hütte. Das ist immer ein persönliches Highlight für mich, in dieser Hütte zu übernachten. Weit und breit keine Seele, dem Wind ausgesetzt und drinnen einfach eingerichtet aber urgemütlich. Einfach genau nach meinem Geschmack! Das Gute ist, dass zwei Schreiner von KingsBay gestern das Hüttenfenster repariert haben, das von einem Eisbär zerstört wurde. Einem komfortablen Aufenthalt steht also nichts im Wege. Ich freue mich riesig auf die kommenden Tage.
Mike, Ernst und Nico finden auf „„Luciole““ Platz und Cynthia und ich auf „„Beluga““. Auriane fährt „Luciole“ und Marc fährt „Beluga“. Wir kommen allerdings nur vielleicht einen Kilometer aus dem Hafen, dann müssen wir stoppen. Nein, mit den Booten ist alles okay. Wir haben aber einen Minkwal gesehen, der immer wieder an die Oberfläche kommt. Nur ein paar hundert Meter vom Boot entfernt. Da klicken natürlich die Kameras. Ich bekomme ein paar ganz gute Bilder von der Schwanzflosse und eines mit dem Kopf weit aus dem Wasser aufsteigend. Da aber Minkwale so etwas in der Regel nicht tun, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es sich tatsächlich um einen Buckelwal gehandelt hat. So etwas habe ich tatsächlich noch nie gesehen. Absolut genial. Ich denke es sind mehrere Tiere, denn wir beobachten sie in unterschiedlichen Position kurz hintereinander. Die Möwen zeigen uns an, wo der Wal gerade ist. Offensichtlich fällt von seinem Essen auch etwas für die Möwen ab, die sich lautstark darüber freuen. Ist einfach super cool, dass wir das aus so geringer Nähe beobachten können. Kaum sind die Minkwale an uns vorbeigezogen, sehen wir eine große Anzahl an Belugawalen vor unserem Bug. Was ist denn heute los? Es wimmelt quasi nur so von Walen. Ich denke es sind mindestens 10-20 Belugawale, die in einer langen Reihe durch den Fjord ziehen. Bis zum Horizont sehen wir immer wieder ihre weißen Rücken aus dem Wasser kommen. Uns fällt schier die Kinnlade runter. Die Belugawale halten einen größeren Abstand zu uns und lassen sich deshalb nur schwer fotografieren. Aber was solls. Wichtiger ist, dass wir sie gesehen haben! Nur noch mal was zum auf der Zunge zergehen lassen: Innerhalb von vielleicht 10 Minuten haben wir Minkwale gesehen, vermutlich einen Buckelwal und viele Belugawale. Besser geht es einfach nicht mehr! Ein Sechser im Lotto mit Zusatzzahl und Spiel 77, oder was auch immer so gespielt wird. 
Jetzt wird es aber wirklich Zeit weiter zu fahren. Da „Luciole“ deutlich langsamer vom Fleck kommt, machen wir mitten im Fjord eine Personenübergabe. Mike kommt zu uns an Bord. Natürlich kommen von Marc und mir ein paar Kommentare zum Körpergewicht der Personen auf „Luciole“. Kaum ist Mike an Bord, geht es weiter. Zunächst fährt Marc aber nur sehr langsam, schaut zu Mike und meint, dass Mike wohl sehr schwer sein muss, weil er trotz Vollgas nicht schneller fahren kann. Mike schaut in nur verständnislos an, bis Marc in schallendes Gelächter ausbricht und den Gashebel nach vorne bewegt. Und siehe da, sowohl „Luciole“ als auch „Beluga“ fliegen dem Strand entgegen. Bevor wir anlanden drehen wir noch eine kleine Runde, um nach Eisbären Ausschau zu halten. Nichts zu sehen. Alles klar, um an den Strand zu gehen. Marc fährt ein sehr sauberes Anlegemanöver und ich bringe den Buganker aus. Das Ausladen ist zügig erledigt und auch das Ausziehen der Überlebensanzüge geht schnell über die Bühne. Auriane und Marc nehmen sie zusammen mit den Schwimmwesten zurück nach Ny Alesund. Wir ratschen noch ein bisschen am Strand mit den zweien, aber dann kommt die Zeit des Abschieds. Die Boote verschwinden schnell außer Sichtweite. Jetzt sind wir alleine. 
Als erste Amtshandlung verstauen wir unsere Ausrüstung auf die zwei mitgebrachten Wagen. Ist es Zufall oder unschlagbar gute Planung? Ich weiß es nicht, aber beide Alu-Kisten passen perfekt in die Wägen. Schlafsäcke bzw. Mikes LIDAR kommen obendrauf, so dass wir schwer beladen sind. Meinen Tagesrucksack schnalle ich in bewährter Manier auf meinen großen Rucksack. Ich kann Euch sagen, zwei große Powerbanks erleichtern das Gepäck nicht gerade. Letztes Jahr hatten wir ja den Generator, so dass ich keine Powerbanks mitbringen musste. Ja, die Zeiten ändern sich. Unser Freund Mike Angelopoulos kann dieses Jahr leider nicht kommen und deshalb rentiert es sich auch nicht, einen Stromgenerator und Benzin dafür  für die wenigen Tage mitzuschleppen. Nico und Ernst ziehen den kleineren Wagen, Cynthia und ich den größeren und Mike kämpft mit seiner großen schwarzen Box. Er hat eigens Holzräder dafür gebaut. Wir sind skeptisch, ob sie funktionieren werden aber bei der ersten Pause müssen wir eingestehen, dass diese Krone an Ingenieursleistung bestens funktioniert. Sie müssen ja auch nur den Weg zur und von der Geopol-Hütte aushalten.
Gott im Himmel! Der Weg zur Hütte wird jedes Jahr steiler! Cynthia und ich quälen uns mühsam vorwärts. Speziell der Kiesweg auf dem ersten Kilometer in Verbindung mit den größten Steigungen entlang der alten Straße, machen uns das Leben schwer. Den anderen geht es natürlich ganz genauso. Jeder dampft und schnauft. Sobald wir die Hütte sehen können, kommen wir auch auf etwas ebeneres Gelände mit weniger Kies. Der Unterschied ist gewaltig. Ich will jetzt nicht sagen, dass es dadurch zum reinen Vergnügen wird, aber zumindest ist es viel weniger anstrengend. Dafür fängt der Rucksack zu drücken an. Aber gegen 17:00 Uhr sind wir an der Hütte. Cynthia hat trotz Erkältung kräftig gezogen und hat nun zum ersten Mal die Erfahrung gemacht, wie es ist, die Geopol-Hütte zu erreichen. Bisher hat sie das ja nur vom Hörensagen gekannt. Generell ist es Cynthias erstes Mal, dass sie auf der Geopol-Hütte übernachtet. Wir öffnen die Tür und die Fensterläden der Hütte und bewundern die neuen Fenster auf beiden Seiten der Hütte. Sehr schöne filigrane Schreinerarbeit. Vielen Dank, KingsBay, dass die Reparatur so schnell und genau zum richtigen Zeitpunkt durchgeführt wurde, so dass wir hier für ein paar Tage bleiben können. Ein Dank auch an das AWIPEV-Team, das sicher auch die Reparatur beschleunigt hat.
Als erstes gibt es Tee, den wir noch aus Ny Alesund mitgebracht haben und eine Tafel Schokolade. Nach ca. 5-10 Minuten weht die bayerische Fahne. Cynthia hat eine schwedische Fahne mitgebracht, die sie vor dem Küchenfenster an einem Holzpflock befestigt. Wir haben jetzt also zwei Windanzeiger. Anschließend hole ich Wasser zum Kochen. Heißes Wasser ist hier immer gut und als es sprudelt stehen auch ruckzuck die Nudelsuppen auf dem Tisch. Ich muss allerdings an dem kleinen Tisch am Fenster neben meinem Bett essen, da der Eisbär auch einen Stuhl demoliert hat, der uns jetzt fehlt. Hühnersuppe gibt es für mich und dazu einen schönen Espresso aus der Bialetti-Maschine, die ich mitgebracht habe. Dann mache ich mich an die Reparatur des Stuhls, während Ernst und Mike eine Platte schneiden, die die Holzbox zu einem Sitz umfunktioniert. Beide Arbeiten funktionieren und so haben wir am Ende sogar eine Sitzgelegenheit zu viel. Wir sind also bereit, Gäste zu empfangen. Auriane, Rey und Francois wollen uns vielleicht am Mittwoch besuchen. Falls sie alle tatsächlich kommen, müssen wir noch weitere Sitzmöglichkeiten aus unserer Trickkiste zaubern.
Nachdem jeder ein kleines bisschen Zeit für sich gehabt hat, das einige für ein kleines Nickerchen genutzt haben, ist es auch schon Zeit für das Abendessen. Cynthia macht uns Nudeln mit einer Rahmsoße. Den Abwasch übernimmt? Genau, Ernst! Er ist damit so schnell zu Gange, dass ich noch nicht einmal meine 0,33 l Bierdose ausgetrunken habe. Nichts als eine Hetzerei hier! Der Rest der Mannschaft verschwindet schnell in den Kojen. Der eigentlich geplante Spaziergang wird kurzerhand abgesagt und durch Beine austrecken in den Betten ersetzt. Ich denke, der Anmarsch war doch anstrengender als erwartet. Im Vergleich zu den letzten Jahren sind wir aber heute noch gut weggekommen, weil wir alles in einer Tour geschafft haben. Das hat uns mindestens 1,5-2 Stunden Lauferei und Schlepperei erspart.
Wie gesagt, ich bin froh hier zu sein. Die Geopol-Hütte ist tatsächlich der einzige Ort den ich besuche, wo man absolut „vom Planeten fällt“, d.h. wo man keinen Telefon- oder Internetzugang hat. Diese paar Tage kann ich also ohne schlechtes Gewissen von vielen Dingen abschalten, die ansonsten meine Aufmerksam verlangen. Bürokratischer Unfug, virtuelle Meetings, und viele andere Dinge, hier auf dieser Hütte existieren sie einfach nicht. „Ich bin dann mal weg!“ Ich genieße das, solange ich hier sein kann. Und ich bin mir sicher, dass dadurch die Welt nicht aufhören wird, sich zu drehen. Das Leben ist hier auf ein paar wirklich essentielle Dinge reduziert. Essen kochen, Wasser holen, schlafen. Das wirkliche Leben ist wirklich einfach. Man muss es nur wollen!  Aber natürlich bin ich nicht naiv. Ich weiß schon jetzt, dass sofort nach Rückkehr nach Ny Alesund wieder die übliche Hölle losbrechen wird mit bis dahin vermutlich 400-500 E-Mails, die dann alle gesichtet und beantwortet werden wollen. Aber daran will ich jetzt und hier nicht denken. Diese Gedanken verbanne ich bis Freitag und werde einfach im hier und jetzt leben. Und dazu gehört auch, dass es nun hier und jetzt einen kleinen Schluck Willkommens-Whiskey gibt, den wir uns alle schwer verdient haben. Und dann wird es ein frühes zu Bett gehen werden.

Fotos

Spektakuläres 360° Panorama an der Geopol-Hütte
Spektakuläres 360° Panorama an der Geopol-Hütte
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  • Harry auf dem Weg zur Geopol-Hütte - darum das breite Grinsen
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  • Ein Teil unseres Gepäcks auf „Beluga“
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  • Der Buckel-Wal hat Spaß
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  • Vermutlich ein Mink-Wal
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  • Schwanzflosse
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  • „Luciole“ in voller Fahrt
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  • Beluga-Wale
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  • Marc auf „Beluga“ hat uns am Strand der Geopol-Hütte abgesetzt
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  • Meine zwei Rucksäcke, die ich zur Geopol-Hütte hochschleppen muss
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  • Das frisch reparierte Fenster der Geopol-Hütte
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  • Wir sind an der Geopol-Hütte angekommen
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  • Wie jedes Jahr ist eine meiner ersten Amtshandlungen das Hissen der bayerischen Flagge
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  • Das Prins Karls Forland
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  • Das nördliche Ende des Prins Karls Forlands
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  • Wirbelknochen eines Wals
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  • Nico und Cynthia fühlen sich pudelwohl
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5.7.2026

Ich hätte die 3-4 Tassen Tee gestern Abend nicht trinken sollen. Das Ergebnis war, dass ich zweimal aufstehen musste. Da steht man dann morgens um 2:30 Uhr in Unterhose und T-Shirt in seinen Bergstiefeln und mit Gewehr um die Schulter und verrichtet die Dinge derer wegen man aufgestanden ist. Nur gut, dass ich mich dabei nicht selber sehen muss! Frisch aus dem warmen Schlafsack geklettert ist das schon unangenehm kalt, so dass ich mich beeile fertig zu werden. Die Landschaft entschädigt aber für alles. Es ist totenstill, die Sonne scheint und das Wasser auf dem Fjord ist wie ein Spiegel in dem sich alle Berge und Gletscher perfekt spiegeln. Traumhaft schön. Und so bleibe ich tatsächlich noch eine Weile stehen, einfach nur um zu genießen. Als die Gänsehaut einsetzt, geht es aber zurück in die Restwärme des Schlafsacks. Beim zweiten Mal ist der Himmel bedeckt und der Zauber gebrochen. Schnell wieder ins Bett!
Frühstück ist schnell gemacht. Mit Routine geht eben alles leichter und um 7:30 Uhr bin ich fertig damit. Nico, Mike, Ernst und Cynthia ist die Reihenfolge des Erscheinens heute. Heute sind wir etwas schneller mit dem Frühstück fertig, denn jeder weiß, dass wir noch einiges im Untersuchungsgebiet erledigen wollen und spätestens bis zum Abendessen in Ny Alesund sein müssen. Also, auf geht’s mit Hütte reinigen. So ein Spaß! Mike übernimmt den Abwasch, Cynthia und ich kümmern uns um den Abfall, anschließend kehre ich unsere gute Stube. Meine Sachen habe ich vorher schon reisefertig gemacht, so dass Nico das Kehren in den Schlafräumen übernehmen kann. Und Ernst macht sowieso immer viel, auch wenn ich jetzt nicht genau weiß, was er gerade macht. Jedenfalls braucht man sich keine Sorgen machen, dass er zu wenig tun würde. Das Ergebnis kann sich dementsprechend sehen lassen. In kurzer Zeit erstrahlt die Hütte wieder, als ob wir nie darin gehaust hätten. Unser gesamtes Gepäck findet auf vier Schubkarren bzw. Wägen Platz, so dass wir nicht zweimal zwischen Strand und Hütte hin und her laufen müssen. Die Karawane zieht also weiter! Das Gute ist ja, dass wir nächste Woche wieder hier sein werden. Denn unser Plan sieht vor, morgen zur Geopol-Hütte zu fahren, dort bis Freitag zu bleiben und dann am Samstag wieder zur Corbel-Hütte aufzubrechen. Ein durchaus ehrgeiziger Plan, wenn man bedenkt, dass wir dazwischen noch waschen und umpacken müssen. 
Jetzt geht es aber erst einmal zu unserer Seitenmoräne. Belugas 70 PS Motor schiebt uns brav unserem Ziel entgegen. Nach der üblichen Ausschau nach Eisbären, können wir sicher an Land gehen. Jeder hat mittlerweile seine Aufgabe gefunden und ich brauche bei den Manövern nicht mehr viel zu sagen. Das Wetter ist heute um Klassen besser, als vom Wetterdienst vorhergesagt wurde. Die Sonne scheint, es ist windstill und daher auch von der Temperatur her, sehr angenehm. Ein perfekter Tag!  Ich habe heute vor, den Datenlogger anzuschmeißen und meine anderen Logger auszulesen. Leider verbindet sich der Logger trotz aller Bemühungen noch immer nicht. Ich probiere alles, was ich gestern in der Corbel-Hütte im Internet finden konnte. Der Erfolg ist gleich null und nach einer Stunde gebe ich entnervt auf. Und auch Mike schafft es nicht, die Verbindung herzustellen. So eine Schande! Es liegt vermutlich daran, dass ich ja einen neuen PC dabei habe, der sich noch nie mit der Basisstation verbunden hat. Dazu braucht es offenbar einen Treiber, der nicht automatisch mit der Installation des Programms auf dem neuen Computer installiert wurde. Das Programm läuft, so dass man meint, alles sei in Ordnung. Das böse Erwachen kommt erst, wenn man versucht, seine Logger anzusprechen. Ich verstehe ja nicht viel von Computern, aber irgendwie scheint mir das schon eine besonders blödsinnige Art und Weise zu sein. 
Frustriert schnappe ich mir eine Schaufel und mache mich daran, meine anderen Datenlogger auszugraben. Wenigstens das gelingt viel besser, als ich es mir erwartet habe. Ein Temperaturlogger ist ja auf ca. 60 cm Tiefe vergraben und ein zweiter in ca. 30 cm Tiefe. An der Oberfläche sitz ein weiterer Logger, der die Temperatur und die Sonneneinstrahlung misst. Da sich diese Logger auch nicht mit dem Computer verbinden lassen, wechsle ich die Batterien an allen drei Loggern. Und siehe da, sie melden sich brav und spucken ihre Daten aus, bevor ich sie wieder installiere. Ich habe die Logger am 8.7.2024 vergraben, so dass wir nun Temperaturverläufe von gut 1,5 Jahren haben, denn irgendwann im Januar 2026 sind die Batterien wohl gestorben. Die Daten sind super interessant, müssen aber natürlich noch erst genauer ausgewertet werden. Was ich auf die Schnelle sehen kann ist, dass in 30 cm Tiefe die Temperatur zwischen 12°C und -18°C schwankt. In 60 cm Tiefe schwankt die Temperatur viel weniger, nämlich zwischen 8°C und -14°C. An der Oberfläche wurden Temperaturen zwischen -23,5°C und 29,7°C gemessen. Dabei muss man aber bedenken, dass diese Temperaturen ca. 20 cm über der Oberfläche gemessen wurden und natürlich in der Sonne. Mal schauen, was man mit diesen Daten alles anfangen kann! Jedenfalls bin ich sehr froh, dass ich wenigstens diese Daten bekommen habe. Immerhin stecken ja fast zwei Jahre Zeit darin. Und die nächsten Daten gibt es dann vermutlich in 1-2 Jahren wieder. Wissenschaft ist also nichts für Schnellschüsse. Es dauert einfach. Sei es hier in Spitzbergen oder bei den Raumfahrtmissionen wie BepiColombo, wo wir mittlerweile 8 Jahre auf Daten warten.
Nico, Cynthia und Ernst vermessen heute unsere markierten Steine. Vor ein paar Jahren hatten wir ja 50 Steine im gesamten Untersuchungsgebiet markiert und deren Position mit dem DGPS ermittelt. Durch unsere wiederholten Messungen können wir feststellen, ob und wie sich die Steine bewegen. Dabei stellen wir nicht nur laterale Bewegungen fest, sondern auch, dass sich die Position in der Höhe ändert. Und natürlich sind einige Steine mittlerweile durch die schnelle Erosion der Seitenmoräne unauffindbar, so dass sich die Suche nach den Steinen zu einer Suche nach der Nadel im Heuhaufen entwickelt, obwohl wir ja die Koordinaten aus dem letzten Jahr als Anhaltspunkt haben. Deshalb zieht sich die Messung der Drei fast den ganzen Tag hin.
Für mich ist der Tag jedenfalls gerettet und es ist Zeit für ein kleines Mittagessen. Es ist immerhin schon nach 14:00 Uhr und höchste Zeit, sich vom Acker zu machen. Mike will noch einen letzten LIDAR-Scan machen und Ernst begleitet ihn mit dem Gewehr. Wir anderen Drei sammeln unsere Ausrüstung zusammen, verpacken sie so gut es geht und schleppen sie zum Motorboot. Mit den Kisten, die wir am Strand zurückgelassen haben, wird das Motorboot nun schwer beladen. Nur gut, dass kein Wind und damit auch keine Wellen sind. So wird es eine ruhige, wenn auch etwas langsame Fahrt zur Corbel-Hütte. Wir setzen Ernst dort mit einem Gewehr, einer Signalpistole und einem Funkgerät aus. Fast wie Captain Sparrows! Dafür nehmen wir weitere Seesäcke auf, so dass letztlich nur mehr ein paar große Kisten Ernst Gesellschaft leisten.
Die Fahrt nach Ny Alesund wird zum Erlebnis, weil wir mindestens dreimal einen Minkwal sehen, den man gut an der kleinen Rückenflosse erkennen kann. Ist vermutlich nur ein Tier aber cool ist es trotzdem. Wann sieht man sowas schon, außer bei einem Whale-Watching Trip? Genial! Vor Ny Alesund liegt ein Kreuzfahrtschiff und am Pier liegt die Seretissima, ein klassisch schöner Passagierdampfer. Wir legen nur kurz an, um auszuladen und Cynthia und Mike von Bord gehen zu lassen. Und schon sind Nico und ich wieder unterwegs zurück zur Corbel-Hütte. Mittlerweile ist etwas Wind aufgekommen und es bilden sich kleinere Wellen. Sowohl Wind und Wellen, als auch die 70 PS, beschleunigen das nun sehr leichte Boot ganz gehörig. Es macht einfach einen Mordsspaß so zur Corbel-Station zu düsen und Ernst ist nicht ganz schlecht überrascht, wie schnell wir zurück waren. Er hatte es sich gerade erst auf den Kisten bequem gemacht. Bugklappe auf, ich halte das Boot am Bug, während der Heckanker sicher stellt, dass wir nicht stranden. Die Kisten sind so zügig verladen und damit geht es anschließend wieder zurück nach Ny Alesund. Mit nur einer Tour hätten wir es nie geschafft, das ganze Gepäck plus fünf Personen sicher über den Fjord zu kutschieren. Kaum haben wir angelegt, kommen auch schon Cynthia und Mike mit „Emily“, um das Gepäck abzuholen. Auch sie sind über unsere schnelle Rückkehr erstaunt. Wir duschen unsere Überlebensanzüge ab und ich schaffe es tatsächlich eine völlig sinnfreie Frage zu stellen, nämlich ob Ernst auch seine Rettungsweste abgespritzt hat? Er meint nur, dass das vielleicht keine gute Idee ist und da dämmert es selbst mir, dass das eher grober Unfug wäre. Denn diese Westen funktionieren mit Salztabletten, die sich bei Wasserkontakt auflösen und damit eine kleine CO2-Flasche aktivieren, die die Weste dann aufbläst. Erst denken, dann reden!
Gewehre sicher verstauen, Exkursionseintrag löschen, duschen. Wir haben ca. eine halbe Stunde, um uns wieder präsentabel präsentieren zu können. Denn um 18:30 Uhr gibt es Abendessen. Es gibt Pizza und hinterher Eis der unterschiedlichsten Sorten. Wir langen kräftig zu! Nicos Eisportion ist sehenswert, auch wenn er behauptet einen kleineren Teller zu haben und das Eis dadurch nur größer ausschaut. Egal, er hat sich das Eis auf alle Fälle verdient! Während wir so unser Eis löffeln, habe ich noch eine nette Unterhaltung mit Maarten, der mir über seine neusten Erfahrungen mit Seeschwalben berichtet. Auch stellt sich heraus, dass er meinen Blog liest! Wie cool ist das denn!
Im Blauen Haus reinigen Nico und Ernst die Waffen. Auf meine Frage ob sie mich brauchen kommt ein Nein wie aus der Pistole geschossen. Na gut! Dann schreibe ich eben am Blog! Irgendwann schauen Auriane und Rey vorbei, die gerade von einer längeren Tour zu einer Walross-Kolonie zurückgekommen sind. Sie berichten uns kurz über die Walrösser und ziehen dann weiter zum Abendessen. Ansonsten daddelt jeder auf seinem Handy rum und Ernst zersägt schon mal ein paar dünnere Bäume. Bei einem Bier und einem kleinen Schluck Whiskey lassen wir den Abend ausklingen. Und wir trinken natürlich auf Andreas – wie jeden bisherigen Tag!

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Eine Rarität und ein Novum. In allen Jahren seit wir nach Spitzbergen kommen, ist dies unser erstes Gruppenbild
Eine Rarität und ein Novum. In allen Jahren seit wir nach Spitzbergen kommen, ist dies unser erstes Gruppenbild
© KOP 132 SPLAM
  • Was für die Floristen: Silberwurz
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  • Stengelloses Leimkraut
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  • So einem Ausblick zu Beginn des Tages lasse ich mir gefallen
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  • Baumstumpf und der Schwemmfächer bei der Corbel-Station. Unser täglicher Weg zum Boot
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  • Grandioser Blick (von der Toilette)
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  • Colletthogda: Um ihre Gipfel jagen – Nebelschwaden
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  • Immer wieder ein schöner Blick
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  • Und jetzt den Eisberg in groß und schön
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  • So gewaltig die Eismassen erscheinen mögen - Der Kronebreen-Gletscher zieht sich sehr schnell zurück
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  • Meine Logger
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  • Der Kronebreen-Gletscher
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  • Alle Nährstoffe werden genutzt: Der Kreislauf des Lebens
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  • Meine zweite Loggerstation, die ich heute nicht zum Laufen bekommen
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  • Einer der ca. 200 Messpunkte, die wir im Untersuchungsgebiet verteilt haben. Diese Punkte werden uns die Berechnung von Höhenmodellen erleichtern
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  • Ein Strand ohne Sonnenliegen samt Handtüchern und Sonnenschirmen
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  • Der Strand bei unserem Untersuchungsgebiet
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  • Die Robbe war sehr daran interessiert, was wir machen
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4.7.2026

Nach dem langen gestrigen Tag sind wir nach sehr kurzer Diskussion übereingekommen, dass wir heute bis 8:00 Uhr schlafen dürfen und es um 8:30 Uhr Frühstück geben soll. Ich stelle mir den Wecker auf 7:00 Uhr, weil ich dann noch ein paar Dinge erledigen kann, bevor der eigentliche Tag losgeht. So z.B. 186 E-Mails lesen. Brav weckt mich der Wecker auch zur eingegebenen Zeit. Jetzt nur noch langsam wach werden! Pustekuchen! Um 7:45 Uhr wache ich wieder auf. Offensichtlich waren weniger als fünf Stunden Schlaf doch zu wenig für meinen Körper. Der erste Blick geht aus dem Fenster um das Wetter zu checken und nach Eisbären zu schauen, bevor ich die Türe öffne. Gestern Abend habe ich feststellen müssen, dass man sie leider nicht verriegeln kann. Aber kein Bär wollte etwas von mir und auch jetzt ist keiner zu sehen, so dass ich mich auf den beschwerlichen Weg bis in den Aufenthaltsraum der Corbel-Station machen kann. 30 Sekunden später steht ein großer Pott Wasser auf dem Gasofen. Und nach zwei Minuten ist der Frühstückstisch fertig gedeckt. Ich kann es schon gar nicht mehr erwarten, meine erste Nudelsuppe der Saison zu essen. Das muss ich meinen Kindern irgendwie weiter gegeben haben, denn wenn sie aus der Schule kommen, essen sie recht häufig eine Nudelsuppe. Allerdings in der Luxusausführung im Becher. Wir bleiben bei unseren altbewährten Suppen, die uns schon seit vielen Jahren das Leben hier schmackhaft machen. Ich erinnere mich daran, diese Nudelsuppen bereits 2008 im Zelt im Adventdalen gegessen zu haben. Und da wir sie ja auch nur für einen sehr kurzen Zeitraum in Massen konsumieren, ist der gesundheitliche Schaden vermutlich überschaubar. Das ist jedenfalls unsere Hoffnung. Jetzt nähert sich der ersehnte Zeitpunkt. Das Wasser ist aufgegossen und die Suppe sollte in ein paar Minuten bereit sein, gegessen zu werden. „Ente“ versteht sich. Ist mir lieber als „Shrimp“ , den es als Alternative gibt. Die Suppe ist wie immer exquisit und mindestens einen Achtel Stern wert. Nico begeht in freudiger Erwartung einen klassischen Anfängerfehler. Er vergisst die Nudel zu zerbrechen bevor er das heiße Wasser darüber gießt. Wir müssen beide herzlich darüber lachen. Auch der Tee dampft schon vor sich hin wobei der Teebeutel aus dem Essensschrank der Corbel-Hütte stammt und die Chance relativ hoch ist, dass er mehrere Jahre alt ist. Zumindest wird keine altdeutsche Schrift darauf verwendet, so dass er sein „Verfallsdatum“ vermutlich noch nicht wirklich erreicht hat. Und schließlich ist da noch das obligatorische „Frühstücksfleisch“ und eine gekochte Zwiebelwurst. Laut Etikett gibt es davon gratis 25% mehr Inhalt und Ernst meint, die extra 25% herausschmecken zu können!
Mike hat heute ein Problem das Land der Träume zu verlassen. Um 9:00 Uhr wecke ich ihn auf. Durch die geschlossene Türe höre ich nur ein „Oh, Sh…“ und schon sitzt er am Tisch. Nach dem Frühstück erklärt er Cynthia noch die Daten von gestern. Er hat es ja noch spät in der Nacht geschafft, die ersten Lidar-Scans zu prozessieren, trotz umfangreicher Lizenzprobleme. Es ist schon absolut verrückt, welche Datenqualität der neue Lidar-Scanner liefert. Und vor allem in welch kurzer Zeit. Zudem ist man nicht mehr vom Wind abhängig, um den Drachen fliegen zu können. Und selbst wenn man den Drachen verwenden kann, hat es Nico sehr viel Mühe bereitet, daraus schicke und präzise Höhenmodelle zu berechnen. Aber trotz der Schönheit der neuen Daten, irgendwann müssen wir los und ich muss die beiden vom Computer losreißen.
Am Strand hüpfen wir wie immer maximal elegant in unsere Überlebensanzüge. Hier hat Eleganz ein breites Spektrum. Quasi von Reh gleich bis gestrandeter Wal. Hier werden ausdrücklich keine Namen genannt! Was in Corbel passiert, bleibt in Corbel! Das Wetter ist heute bedeckt und das Wasser ist fast spiegelglatt, weil kein Lüftchen weht. Dementsprechend sollte die Fahrt auch sehr angenehm werden. Ich entschließe mich, Cynthia fahren zu lassen. Es kann ja nicht schaden, dass nicht nur ich weiß, wie das Boot funktioniert. Die Theorie hatten alle ja schon gestern von Francois bekommen. Für Cynthia kommt heute die Praxis. Auch das Ankermanöver lasse ich Cynthia fahren und es klappt hervorragend. Ich muss mir also keine Sorgen machen, dass mich niemand auffischen kann, sollte ich je über Bord gehen.
Wir sind kaum aus unseren Überlebensanzügen geklettert, da hören wir auch schon von Ferne ein Motorboot kommen. Als es um die Landspitze biegt, können wir „Luciole“ erkennen. Es ist also Auriane, die uns heute ja besuchen wollte. Perfektes Timing und es ist gut, dass wir nicht später angekommen sind. Aber was ist das? Da sind ja insgesamt vier Personen auf dem Boot. Wir erkennen Susanna und Ruben, die uns letztes Jahr die super spannende Tour durch das Radioteleskop gegeben haben. Wir kennen sie seit Jahren und freuen uns immer, sie zu sehen. Umso mehr freuen wir uns, dass wir ihnen heute zeigen können, was wir hier so treiben. Sie haben auch noch einen Kollegen von Kartverket mitgebracht, Gabriel. Nach einer sehr herzlichen Begrüßung steigen wir alle gemeinsam die Seitenmoräne hoch. Bei der ersten Erosionsstruktur sieht man das glasklare Gletschereis und ca. 1 m Schutt darüber, der gerade in kleinen Strömen über das Eis fließt. Als wir unseren Besuchern erklären, dass sie eigentlich auf den Überresten eines Gletschers herumlaufen und nicht auf festem Boden, werden die Augen groß. Wir diskutieren was wir bisher beobachtet haben und was unsere Schlussfolgerungen daraus sind. Kurz, wir haben eine sehr schöne Zeit schon beim Aufstieg in unser eigentliches Untersuchungsgebiet.
Ein schnelle Tasse Tee und dann geht es an die Arbeit. Nico, Cynthia und Ernst legen eine Unzahl an Markierungspunkten aus, die wir für die räumliche Kalibration der Lidar-Daten und die Drachen- und Polebilder brauchen. Mike ist währenddessen mit seinem Lidarinstrument unterwegs und ich stehe auf einem Hügel Wache. Susanna, Ruben und Gabriel sind auf einer kleinen Wanderung in Richtung Kongsvegen-Gletscher unterwegs, so dass mir Auriane beim Wachestehen Gesellschaft leisten kann. So macht Wachestehen wirklich Spaß! Wir reden über ihre Erfahrungen beim Überwintern und den möglichen neuen Job für den sie sich beworben hat, über Feldarbeit in Allgemeinen, über mein Astronautentraining und viele weitere Dinge. Kurz, die Zeit vergeht eigentlich viel zu schnell. Ich hätte noch ewig weiterratschen können, aber irgendwann haben die anderen ihre Arbeiten erledigt. Auch sind Auriane und ich durchgefroren, weil es auf dem Hügel doch windig ist. Mike kommt als erster zu uns und wir beschließen, dass es jetzt höchste Zeit für Mittagessen ist.
Bei mir gibt es das Spitzbergen-Tagesmenü, also sprich eine Fischbüchse, zwei Scheiben Brot, einen Müsliriegel, Schokolade und eine Tasse Tee. Auriane hat eine Packung gefriergetrocknetes Essen dabei und muss nur heißes Wasser in den Plastiktasche schütten, um in ein paar Minuten etwas Warmes zu Essen zu haben. Nudelsuppen für Fortgeschrittene könnte man das nennen. Anschließend hilft Auriole Cynthia beim Steinmann bauen. Ich installiere meine Bodenstation zur Messung von Bodentemperatur und -feuchtigkeit in zwei verschiedenen Tiefen, was hervorragend funktioniert. Genau bis zu dem Zeitpunkt, als ich versuche die Station mit meinem Computer zu verbinden. Ich habe zwar die neueste Hobo-Software auf meinen neuen Computer heruntergeladen, aber irgendwie können die zwei nicht miteinander. Das ärgert mich sehr! Da kommt ein Ratsch mit den drei Wanderern sehr gelegen, die just in diesem Moment zurückkehren. Ruben erzählt mir, dass man auf die Colletthogda von der Rückseite relativ problemlos steigen kann. Das klingt natürlich extrem spannend. Wir hatten uns das schon mehrfach überlegt, aber die uns zugewandte Seite schaut unüberwindlich steil aus bzw. sehr stark Steinschlag gefährdet. Ich sage ihm, dass er das unbedingt Ernst erzählen muss und so muss ich grinsen, als Ernst später beim Abendessen erzählt, Ruben hätte ihm gesagt, dass man auf die Coletthogda steigen kann. Dann verabschieden sich unsere Gäste und wir turnen wieder alleine auf unserer Seitenmoräne herum. Bewacht von Ernst, der nun der Meister des Wachhügels ist.
Nachdem ich mich nicht mit meiner Bodenstation verbinden konnte, versuche ich zumindest die Logger auszulesen, die nun seit einem Jahr vergraben sind. Auch dass funktioniert nicht, so dass sich meine Laune rapide verschlechtert. AARRRGGGHHH!!! Irgendwie ist das scheinbar nicht mein Tag. Bei den anderen läuft es Gott sei Dank besser. Mike macht viele Lidar-Scans und Nico misst alle Markierungspunkte mit dem Differentiellen GPS ein. Cynthia macht Thermalaufnahmen und bis wir uns versehen, ist es auch schon 18:00 Uhr und damit höchste Zeit, die Fleischtöpfe anzusteuern.  Wir packen also unsere Sachen und diskutieren kurz, was wir bereits heute bis zur Corbel-Hütte mitnehmen können, um morgen möglichst wenig Gepäck an Bord zu haben. Das beschleunigt unsere Fahrt enorm und was immer wir am Strand der Corbel-Hütte haben, müssen wir bei eventuell schlechtem Wetter nicht die ganze Strecke bis Ny Alesund transportieren. Der Wetterbericht sagt allerdings sehr ruhige Bedingungen für die nächsten Tage voraus, so dass das nicht unbedingt hoch auf meiner Liste mit möglichen Problemen auftaucht. Trotzdem ist es besser halbwegs gut präpariert zu sein!
Wie steht im Asterix auf Korsika: „Alles völlig banal. Nicht mal einen Bericht nach Rom wert“. So könnte man die Fahrt zurück zur Corbel-Hütte beschreiben, denn sie verläuft völlig problemlos. Jeder schaut sich die wunderschöne Landschaft an oder hängt seinen Gedanken hinterher. Jedenfalls reden wir kein einziges Wort bis ich frage, ob jeder für das Ankermanöver bereit ist. Die Frage wird mit einem leidenschaftlichen „MMHHH“ beantwortet. Leider kommt der Heckanker etwas zu spät ins Wasser, so dass die Kette nicht auf dem Grund liegt, sondern bis kurz unter das Boot steil aufsteigt. So würde der Anker selbst bei wenig Wind und Wellen nicht halten und ich entschließe mich daher, nach dem Ausladen nochmals „umzuparken“. Cynthia hilft mir dabei und nach ein paar Minuten liegt „Beluga“ sicher vor Anker, bzw. so wie ich mir das vorstelle. Jetzt müssen wir uns nur noch beim AWIPEV zurückmelden, dann kann der gemütliche Teil des Abends beginnen.
Cynthia kocht uns heute Spaghetti Bolognese und dazu gibt es geriebenen Parmesan und unsere obligatorische Bierbüchse. Vorweg mache ich mir aber als erstes einen schönen geschmeidigen Espresso mit meiner kleinen Bialetti-Maschine. Die ist einfach Gold wert! Sowohl Espresso als auch die Spaghetti schmecken hervorragend. Allerdings kommt das Essen heute mit einem heftigen Preisschild. Es ist heute meine Aufgabe, das Geschirr zu spülen. Da ich aber so etwas ja nicht zum ersten Mal mache, geht die Arbeit gut von der Hand und nach einer halben Stunde blitzt die Küche wieder. Okay, blitzen ist vielleicht zu viel gesagt. Aber das Geschirr ist zumindest sauber und die Oberflächen auch. 
Anschließend geht es wieder an meine eigentlichen Aufgaben, nämlich z.B. dem Vervollständigen des Feldbuchs und dem Herausfinden warum ich meinen Computer heute nicht mit den Loggern verbinden konnte. Und natürlich dem Blogschreiben. Die fehlende Verbindung liegt vermutlich an einem fehlenden Treiber. Das ist sehr ärgerlich, denn ich kann den Treiber nur installieren wenn ich Internet habe und die Bodenstation angeschlossen ist. Und die ist ja bekanntlich auf der Seitenmoräne installiert. Ich kann also nur versuchen, morgen über das Handy eine Verbindung herzustellen. Auch die anderen arbeiten noch an ihren Sachen oder surfen auf dem Handy. 
Im Laufe des Tages sind wir heute alle etwas ausgekühlt und steigen deshalb relativ schnell von unserer Bierbüchse auf Tee um. Die langen Stunden in der Kälte und die im Tagesverlauf gefallenen Temperaturen zeigen ihre Wirkung. Zumindest ist es im Westen sehr hell, so dass vermutlich trockenere Luft und besseres Wetter auf dem Weg zu uns sind. Laut Wetterbericht soll es aber morgen noch überwiegend bewölkt sein, bei nur 4°C und leichtem nordwestlichem Wind. Was auch immer an Wetter kommt, jetzt ist es erst einmal an der Zeit einen schönen Tee zu genießen und den Abend in Ruhe ausklingen zu lassen. Selbst mit ein bisschen Sonne erscheint die Landschaft buchstäblich in einem neuen Licht, das ich nutze, um spätabends noch das ein oder andere Foto zu machen, während die anderen schon in ihren Schlafsäcken liegen. Aber dann ist es auch Zeit für mich, denn morgen ist der nächste Tag, der ein volles Programm bieten wird.

Fotos

Mein Steinmann an der Erosionsstruktur, die die Kamera auf der rechten Seite des Steinmanns beobachtet
Mein Steinmann an der Erosionsstruktur, die die Kamera auf der rechten Seite des Steinmanns beobachtet
© KOP 132 SPLAM
  • Hüttenleben
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  • Man beachte die deutlichen Unterschiede zwischen Ente und Shrimp
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  • Mike erklärt unseren Besuchern das LIDAR-Gerät
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  • Sehr deutlich ausgeprägte und frische Erosionsstrukturen
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  • Blick von meinem Steinmann auf die Erosionsstruktur, die ich mit der Zeitraffer-Kamera die nächsten 14 Tage beobachten werde
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  • Mein Steinmann der Saison 2026
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  • Bodenstation zum Messen der Bodenfeuchte und -temperatur in zwei unterschiedlichen Tiefen. Im Hintergrund ist mein Steinmann zu sehen
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  • Kollapsstruktur mit Colletthogda im Hintergrund
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  • Mike und sein LIDAR-Scanner
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  • Mike bei der Arbeit mit dem LIDAR-Scanner
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  • Schöne Abendstimmung mit Kap Mitra
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  • Dramatische Landschaft
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3.7.2026

Was ist das eigentlich hier? Ständig werde ich vor dem Gebimmel meines Weckers wach. Heute ist das allerdings durchaus eine positive Sache, weil es heute zum ersten Mal in dieser Saison ins Gelände gehen soll. Den Plan haben wir gestern mit dem AWIPEV-Team besprochen und er schaut wie folgt aus: Ausgiebig frühstücken, Sachen packen, um 9:45 Uhr Waffen in Empfang nehmen, um 10:00 Uhr zum Schießtraining gehen, nach der Rückkehr die Waffen reinigen und die AWIPEV Waffeneinweisung machen, ausgiebig Mittagessen, Bootseinweisung machen, alles einladen und an der Corbel-Hütte einen Teil wieder ausladen und schließlich zu unserem Untersuchungsgebiet fahren, um noch möglichst viel erledigt zu bekommen. Kurz, wir haben ein volles Programm!
Beim Frühstück haben wir ein nettes Gespräch mit Maarten Loonen, der uns die letzten Informationen über seine Gänse zukommen lässt. Im Gegenzug zeigen wir ihm Nicos neueste Animation der Seitenmoräne, die ich auch am ersten Tag des Blogs schon gezeigt hatte. Er ist sichtlich beeindruckt! Allzu lange können wir aber heute nicht ratschen, denn es muss ja noch alles gepackt werden. Mit unserer Routine funktioniert das aber recht gut und wir sind ja auch schon am Sonntag vor dem Abendessen wieder in Ny Alesund. Trotzdem wächst das zu transportierende Volumen schnell an. Essenskiste, drei große Kisten mit Geräten, zwei von Mikes Kisten, Trockensäcke für die superdicken Schlafsäcke und Rucksäcke, persönliche Ausrüstung, und und und.
Um 10:00 Uhr stehen wir pünktlich vor dem Servicegebäude, um unseren Schießkurs zu machen. Mit uns nimmt noch eine Italienerin, zwei Chinesen und zwei Japaner teil. Also eine schöne bunte Mischung. Unser Instruktor führt uns zuerst in den Gebrauch der Signalpistolen ein. Da wir aber dieses Jahr nicht den „vollen“ Kurs gebucht haben, sondern nur den Auffrischungskurs, dürfen wir heute nicht mit den Signalpistolen schießen. Das ist das allererste Mal in den ganzen Jahren in denen wir das Training durchlaufen haben. Ist aber völlig in Ordnung, da man dabei wirklich nicht viel falsch machen kann. Anschließend durchlaufen wir das bereits bekannte Programm. Nach einer ausführlichen Einführung und vielen nützlichen Tipps, geht es ans Schießen. Vier Schuss kniend, vier Schuss stehend und vier Schuss aus beliebiger Position auf Zeit. Beim ersten Durchgang sind bei mir nur zwei Treffer im schwarzen Bereich der Zielscheibe, die wie immer 25 m entfernt ist. Die zwei anderen befinden sich links unten. Das ist ein guter Hinweis, dass ich beim Abdrücken das Gewehr nach unten gezogen habe. Beim stehend Schießen sind immerhin schon drei Treffer im Schwarzen und schließlich beim Schnellschießen sitzen alle vier im Schwarzen. Wichtiger ist aber das Muster, das man schießt. Im Idealfall sind alle Treffer auf möglichst kleinem Raum. Das ist mir zumindest beim Schnellschießen gut gelungen, weil alle Treffer innerhalb weniger Zentimeter sind. Nico schießt ähnlich gut und bei Ernst landen viele Treffer links unten. Trotzdem passt auch sein Muster, so dass wir alle drei den Kurs mit wehenden Fahnen bestehen. Pünktlich zum Mittagessen sind wir wieder in Ny Alesund. Wir lassen Rey wissen, dass wir wieder da sind, packen die Gewehre in den Waffenraum und werfen die Verschlüsse und Magazine in die dafür vorgesehenen Safes.
Nach dem Essen geht es zunächst ans Waffenreinigen und die AWIPEV Waffeneinweisung. Auriane macht das in gewohnt guter Weise und bald darauf blitzen und funkeln die Waffen. Auch mit unserer Handhabung der Waffen ist sie zufrieden, so dass wir nun endgültig in die freie Wildbahn entlassen werden. Ab jetzt dürfen wir mit den Waffen ins Gelände. Jetzt zahlt es sich aus, dass wir unsere Ausrüstung schon gut vorgepackt haben. So sind wir halbwegs schnell bereit, zur Corbel-Hütte zu fahren. Wir treffen Francois im Rabot-Gebäude und laden alles in den altgedienten „Emily“ Bus. Im Hafen wird das Desaster klar. Eigentlich viel zu viel Gepäck für „Beluga“. Da passt es gut, dass Francois uns eh die Hütte noch erklären wollte und daher mit einem Schlauchboot zur Corbel-Hütte fahren wird. So kann er Mike und Nico und ein paar Gepäckstücke transportieren, was uns eine zweite Bootstour und somit wertvolle Zeit spart.
Die Motorbootfahrt verläuft bei ruhigem Wasser und nur kleinen Wellen problemlos. Allerdings sind wir so schwer beladen, dass beim langsam Annähern an den Strand doch einiges Wasser unterhalb der Bugklappe ins Boot schwappt. Innerhalb kürzester Zeit ist somit ein Großteil unseres Gepäcks nass. Das erste Ankermanöver verläuft gut und so können wir nach kurzer Umziehzeit zur Hütte hochlaufen. Leider hat es mein Gepäck besonders schlimm beim Wassereinbruch erwischt. In meinem zweiten Paar Stiefel stehen ungefähr 2 cm Wasser und auch ein Teil meiner Klamotten ist nass geworden. Nur gut, dass zumindest eine Unterhose trocken geblieben ist.
Francois gibt uns eine Einführung und dabei gibt es ein paar Dinge, die wir beachten müssen. So funktioniert momentan die Wasser- und Abwasserversorgung nicht. Wir müssen also in Plastikwannen abspülen und unser Trinkwasser über einen Filter herstellen. Normalerweise wird das Wasser mit UV-Licht behandelt, um Bakterien und andere unschöne Dinge zu töten. Aber das sind alles Dinge, mit denen wir leben können. Hey, wir sind in der Corbel-Station. Yieppiieee!!!
Das Wetter ist immer noch wunderbar und deshalb fahren wir noch in unser Untersuchungsgebiet, um erste Arbeiten zu erledigen. Das Motorboot fahren macht einfach Spaß, auch wenn man teuflisch aufpassen muss, keinen der kleinen, oft nur Dezimeter großen „Eisberge“, zu rammen. Nach einer ausgiebigen Geländeinspektion, bei der wir keinerlei Hinweise auf Eisbären entdecken können, landen wir an. Jetzt müssen wir „nur noch“ alles den Hang hochschleppen. Rucksack, Gewehr und die orange Kiste sind nicht gerade leicht und bringen mich ins Schwitzen. Die Landschaft hat sich gegenüber dem letzten Jahr geradezu dramatisch geändert. Der große Stein an dem wir seit Jahren immer unser Basislager aufgeschlagen haben ist nun gerade dabei in einem Schlammstrom zu enden. Erosionsstrukturen, die seit Jahren nicht mehr aktiv waren, wurden nun reaktiviert und insgesamt haben wir den Eindruck, dass sich die Erosion der Seitenmoräne weiter beschleunigt hat.
Dann geht es an die Auswahl von Erosionsstrukturen, bei denen wir unsere Zeitraffer-Kameras aufstellen wollen. Das ist gar nicht so leicht, wie es klingt. Erstens sollte die Struktur natürlich möglichst aktiv sein, zweitens darf sie nicht zu groß sein, drittens, muss der Boden tragfähig und stabil sein und viertens brauchen wir in der Nähe genügend große Steine, um einen Steinmann bauen zu können. Wir brauchen dieses Jahr deutlich länger als sonst für die Auswahl und diskutieren die Vor- und Nachteile ausgiebig. Aber irgendwann ist es dann Zeit, Fakten zu schaffen. Das heißt, Steinmänner zu bauen. Insgesamt werden es heute vier Steinmänner an denen wir unsere Kameras befestigen, die auf unterschiedliche Bereiche der Erosionsstruktur blicken und alle drei Minuten ein Bild machen. Und das für ca. die nächsten zwei Wochen. Es ist bereits nach 20:00 Uhr, als wir ins Boot klettern, um zur Corbel-Hütte zurück zu fahren. Im Westen ziehen dunkle Wolken auf und ich befürchte schon, dass es zu regnen beginnen könnte. Aber wir schaffen es trocken zur Hütte. Somit werden auch meine Schuhe und mein Rucksack nicht einer erneuten Wässerung unterzogen. Ich hatte beide zum Trocknen im Freien aufgehangen. Um 21:34 Uhr funke ich das AWIPEV an, um ihnen mitzuteilen, dass wir wieder alle wohlbehalten an der Hütte angekommen sind. Francois bedankt sich und wünscht uns eine gute Nacht. „Copy that!“
In der Hütte fangen wir sofort zu Kochen an. Cynthia hat den Kochhut auf und verteilt die Aufgaben. Ernst kümmert sich um das Öffnen der Büchsen und Nico schneidet Zwiebeln bis fast die Tränen kommen. Ich bekomme das Okay am Blog schreiben zu dürfen und meine Schuhe mit meinem Schuhtrockner zu trocknen, während Cynthia in der Küche zaubert. Zum Essen gibt es Reis und Curry und nach dem langen und anstrengenden Tag hauen wir ordentlich rein. Und natürlich trinken wir auf Andreas, wie an jedem Tag seit unserer Ankunft in Spitzbergen. Nur vom Reis bleibt etwas fürs das morgige Frühstück übrig. Fast schon traditionell übernimmt Ernst den Abwasch. Ich bin immer noch am Blog schreiben und Mike versucht mehr oder weniger verzweifelt ein Software-Problem für sein neues LIDAR-Gerät zu lösen. Aber in den USA ist es mittlerweile Freitagnachmittag. Muss ich mehr sagen? Ist also ganz ähnlich wie in Deutschland! Aber wir lassen uns den Abend dadurch nicht vermiesen. Allerdings ist es mittlerweile auch schon gleich Mitternacht und durch die tiefhängenden Wolken erscheint alles relativ düster. Dank Internet, surfen Cynthia und Nico auf ihren Handis durch das digitale Universum, Mike arbeitet auch am Computer, ich schreibe den Blog und Ernst wäscht ab. Da wird viele Minuten lange kein einziges Wort gesprochen! Sagenhaft! Ist ja aber auch nicht immer notwendig. Manchmal tut Stille ganz gut!

Fotos

Wir sind im Gelände angekommen
Wir sind im Gelände angekommen
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  • Das Ergebnis des Schnellschießens, d.h. vier Schuss in weniger als 10 s
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  • Der KingsBay Schießstand
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  • Eine alte Bekannte, Colletthogda
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  • „Beluga“ liegt vor Anker und in der Sonne
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  • Eisberge faszinieren immer
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  • Eins schöne Gesteinsfalte für die Tektoniker unter uns
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  • Schlechtes Wetter zieht auf. Zeit, dass wir heim kommen
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  • Blick auf den Kronebreen-Gletscher
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  • Noch so ein faszinierender Eisberg
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  • Licht, Wasser, Eis, Land
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  • Warum kriegen eigentlich immer die Kleinsten den schwierigsten Job?
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  • Harry installiert seine Zeitraffer-Kamera am Steinmann
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2.7.2026

Heute geht es nach Ny Alesund! Wir sind wie fast jedes Jahr für den Morgenflug gebucht, der Longyearbyen um 9:30 Uhr verlässt. Das heißt, wir müssen um 8:45 Uhr bei Lufttransport am Flughafen sein. Möglicherweise bin ich ja nervös? Mit Sicherheit bin ich aber um 6:25 Uhr wach! Was mache ich jetzt schon? Der Wecker war ja eigentlich auf 6:45 Uhr gestellt. Extra lange duschen! Als ich glänzend und frisch poliert ins Zimmer zurück komme, ist Nico auch schon unterwegs. Es geht ihm also offensichtlich ähnlich oder ich habe ihn aufgeweckt. Das Packen geht rasend schnell. Irgendwie habe ich dieses Jahr viel weniger Gepäck und es fühlt sich alles viel leichter und leerer an. Na gut, die großen Neoprenstiefel sind ja schon mal nicht dabei. Frische Klamotten anziehen und schon sitzen wir beide beim Frühstück. Heute Morgen ist der Wintergarten gut mit anderen Gästen belegt, aber wir finden ohne Probleme einen Tisch. Cynthia ist die nächste, die auftaucht und so sitzen wir essend und mehr oder weniger schweigend zu dritt beim Frühstück. Von Mike und Ernst sehe ich nichts, weil ich noch ein paar E-Mails erledigen will. Auch nehme ich noch meine schweren Bergstiefel aus dem Rucksack und ebenso die zwei fetten Powerbanks. Denn was man am Körper trägt, endet nicht auf der Gepäckwaage und zählt deshalb auch nicht zu den max. 20 kg Freigepäck. Kommt man über 20 kg muss der Geldbeutel geöffnet werden.
Das Taxi habe ich schon heute Morgen für 8:15 Uhr bestellt. Die ganze Truppe samt Gepäck steht schon vor der Rezeption, als das Taxi überpünktlich um die Ecke biegt. In ein paar Minuten sind wir am Flughafen und im Warteraum von Lufttransport, der Flugfirma, die uns nach Ny Alesund bringen wird. Der Flug ist ausgebucht und beim Wiegen des Gepäcks bringt Mikes Haufen satte 80 kg auf die Waage. Trotzdem kommt alles Gepäck mit, was vermutlich auch dem guten Flugwetter und der trockenen Piste in Ny Alesund geschuldet ist. 
Nicht nur dass unser gesamtes Gepäck transportiert werden kann ist ein Glücksfall, auch das Wetter spielt überraschender Weise mit. Der Himmel ist zwar bewölkt. Aber dazwischen gibt es sehr große blaue Flächen. Ich freue mich schon auf den Flug und hoffe auf ein paar schöne Aussichten und natürlich Bilder.
Der Flug ist wieder fantastisch. Gletscher, blaue Schmelzwasserseen, Spalten ohne Ende, Hangrutsche, Schneebretter, geschichtete Sedimente und vieles mehr ziehen an uns vorbei wie in einem Kinofilm. Eigentlich ist der ganze Flug ein einziges Textbuch über glaziale Landschaftsformen, wie es kein besseres geben könnte. Klick, klick, klick, klick! Nach ca. 25 Minuten Flugzeit hat sich meine Kamera eine ernsthafte Pause verdient. Natürlich sind wir auch über unsere Lateralmoräne geflogen und auch über die Corbel-Station. Steht noch! Das Sahnehäubchen unseres diesjährigen Anflugs ist, dass das Flugzeug zunächst an Ny Alesund in Richtung Westen vorbei fliegt und dann erst umdreht, um zu landen. Da ich auf der linken Seite sitze, bietet sich mir ein schöner Ausblick auf diese Weltstadt. Einfach super!
Die Formalitäten des Eincheckens bei KingsBay sind super schnell erledigt, so dass wir uns zum Blauen Haus begeben können. Dieses Jahr werden wir nicht an der Rezeption empfangen, sondern erst im Blauen Haus. Dafür fällt die Begrüßung umso herzlicher aus. Station Leader ist dieses Jahr Rey Mourot, mit Marc Zetec im Observatory und Francois Durand, der sich um die Logistik kümmert. Besonders freut es uns natürlich Auriane Herbaut wiederzusehen, die uns letztes Jahr als Station Leader unheimlich gut unterstützt hat. Dementsprechend fallen die Umarmungen auch großflächiger aus. Bis auf Cynthia sind wir alle im Blauen Haus untergekommen und ich teile das „Fram“ Zimmer mit Nico, während sich Ernst und Mike das „Grönland“ Zimmer teilen. Im Blauen Haus hat sich seit letztem Jahr so einiges verändert. Schon vor der Tür fällt mir ein neues Schild auf, so dass jetzt alle Häuser in Ny Alesund einheitlich beschildert sind. Im Aufenthaltsraum gibt es neue Möbel und das Bücherregal ist verschwunden. Auch eine kleine Sammlung von Polaroidfotos von Wissenschaftlern ist an die Wand gepinnt. Im Computerzimmer hängt jetzt eine Galerie aller AWIPEV-Teams von 1994/95 bis heute. Schon erstaunlich, mit wie vielen Teams aus dieser Sammlung wir zusammengearbeitet haben und es ist schön wieder in die Gesichter zu blicken und sich an die Namen und gemeinsame Erlebnisse zu erinnern. Wer immer diese Idee von der Ahnengalerie hatte, sie ist einfach nur gut! Auch die Zimmer im ersten Stock wurden neu möbliert. Insgesamt sind die vorsichtigen Renovierungen sehr gut gelungen! Das Flair des Blauen Hauses ist nicht anders geworden aber insgesamt schaut es einfach wohnlicher und netter aus.
Wir beziehen zunächst unsere Zimmer bzw. Betten. Dann noch ein paar Kleinigkeiten erledigen, wie z.B. Wäsche waschen, Batterien laden, Blog schreiben, E-Mails beantworten und natürlich auspacken, und schon ist es 12:20 Uhr. Die Essenszeiten haben sich gegenüber den Vorjahren geändert und so ist es höchste Zeit sich mit Kondensstreifen an den Ohren in die Kantine zu begeben. Das artet hier schon fast in Stress aus, denn um 12:45 Uhr hat uns Auriane eingeladen, beim Steigenlassen des Wetterballons dabei sein zu dürfen. Es ist total faszinierend, was wir dabei lernen. Wer hat schon gewusst, dass diese Latex-Ballone auf 55°C vorgewärmt werden, bevor sie mit Helium gefüllt werden. Auch die Instrumente müssen natürlich sorgfältig kalibriert werden, was auch nicht unerhebliche Arbeit macht. Da jeden Tag in einem sehr eng definierten Zeitfenster ein solcher Ballon gestartet wird, ist das schon viel Arbeit. Noch mehr Arbeit machen die größeren Ballone zur Messung des Ozongehalts in der Atmosphäre, die immer Mittwochs gestartet werden. Die Ballone steigen mit ca. 5 m/s bis auf 30-35 km Höhe, wo sie zerplatzen. Nach ca. 2 Stunden Flugzeit ist der Spuk also in der Regel vorbei. Auriane lässt uns ein paar Nachrichten auf den Ballon schreiben, bevor ihn Cynthia und Nico starten lassen dürfen. „To the Moon“ schreibe ich darauf! Beim Start klappt alles hervorragend, so, als ob die beiden nie etwas anderes gemacht hätten. Auf dem Computer können wir in Echtzeit mitverfolgen, wie hoch der Ballon gerade ist, wohin er driftet und welche Messergebnisse er liefert. Wirklich saucool! Und nicht nur den eigenen Ballon kann man auf der Webseite Sondehub.org verfolgen, nein, man sieht darauf alle Messwerte aller gestarteten Ballone, weltweit. Ebenfalls saucool! Auriane, vielen Dank für diese grandiose Tour, die sehr viel Laune gemacht hat und mir viele neue Einblicke ermöglicht hat. Und abends checken wir natürlich die Reise unseres Ballons. Er ist auf 32,6 km aufgestiegen und hat eine Tiefsttemperatur von -55,0°C gemessen. Auch das saucool! Im wahrsten Sinne des Wortes!
Um 14:00 Uhr hat Rey die Einführungsveranstaltung geplant. Auch dabei gibt es Neuerungen. Die Informationen über Ny Alesund werden nun in Form einer PowerPoint-Präsentation an uns weitergegeben. Rey macht das sehr gut und nachdem wir alle schon mindestens einmal und einige auch mehr als 10x hier waren, geht die Einführung zügig von statten. Trotzdem ist es wichtig aufzupassen und die Notfalltelefonnummern sorgfältig zu überprüfen. Francois kommt gegen Ende ebenfalls dazu, so dass wir unsere Pläne mit ihm direkt besprechen können. Wichtig ist für uns z.B. welches Boot wir verwenden können, um unsere Arbeiten an der Lateralmoräne möglichst einfach durchführen zu können. Oder ob uns jemand am Montag mit dem Boot am Strand von der Geopol-Hütte absetzen kann. Auch den Zustand der Geopol-Hütte und auch der Corbel-Station diskutieren wir im Detail. Alles läuft sehr gut ab und das neue Team hinterlässt bereits in den ersten Stunden einen sehr guten und netten Eindruck. Da kann man sich schon jetzt auf die Zusammenarbeit freuen!
Mit Francois geht es dann daran, unsere Anfang Februar verschifften Kisten aus dem Lager zu holen. Die AWI-Klamotten hatten wir schon vorher aus dem Speicher geholt. Alle Bekleidungsstücke sind da, nur bei Cynthia fehlt der Schlafsack. Da aber Andreas auch ein volles Set an Klamotten bekommen hat, kann sie seinen Schlafsack nehmen. Die Boxen mit Essen und Ausrüstungsgegenständen gehen direkt in das Rabot-Gebäude, um umgepackt zu werden. Auch die Essenskiste aus dem Vorjahr ist dabei und so manche Leckerei findet sich darin. Da gibt es z.B. jede Menge Fischdosen, eine Großpackung Haribo Colorado mit Ablaufdatum 11/2025, oder Nudeln und Gewürze. Wird spannend zu sehen, ob man die Haribos noch essen kann. Da braucht es sicher erst einmal ein freiwilliges Versuchskaninchen.
 Ein wesentliches Detail, um das wir uns heute auch noch kümmern müssen, ist der Einkauf von Bier. Selbst bei unserer sparsamen Kalkulation von einem Bier pro Tag und Mann und Nase addieren sich die Zahlen über 2,5 Wochen recht schnell auf. Wir erreichen den Laden genau dann, als er zugesperrt wird. Panik steigt auf! Die Hände fangen an zu zittern! Flehen setzt ein! Nein, so ist es nun auch wieder nicht. Vor allem deshalb nicht, weil uns der Verkäufer mit dem Drehen des Schlüssels in der Eingangstüre mitteilt, dass der Laden nur für eine halbe Stunde geschlossen ist, während das Personal essen geht. Ich laufe deshalb erst einmal an den Hafen hinunter, um die Situation dort auszukundschaften. Es liegt ein sehr schöner Dreimaster im Hafen, der aber ansonsten recht leer ist. Wie schon beim Ballon Steigenlassen herrscht fast völlige Windstille bei einem jetzt bedeckten Himmel. Der Ausblick auf den Kronebreen-Gletscher nimmt einen sofort wieder gefangen. Obwohl man ihn ja kennt und schon mehr als ein paar Mal gesehen hat. In der Weite des Kongsfjorden sehe ich ein kleines Schlauchboot auf Ny Alesund zukommen. Es dauert nur wenige Minuten, bis ich Maarten Loonen am Außenborder erkennen kann. Unser alter Freund ist schon einige Zeit hier und wir freuen uns über das unerwartete Wiedersehen. Normalerweise sehen wir uns ja zum ersten Mal in jeder Saison in der Kantine oder zumindest in der „City“. Er hat dieses Jahr drei Studenten und Studentinnen bei sich, um seine heißgeliebten Gänse zu studieren. Was uns unsere Steinkreise und Lateralmoränen sind, sind für ihn eben Gänse.
Das Abendessen verläuft ohne größere Pannen. Kabeljau mit Reis. Als Nachspeise einen Brownie mit gefühlten 6356 kcal. Da wird man schon etwas träge aber wir schaffen es rechtzeitig zurück in den Laden, um unseren Bier und Whiskey-Bedarf nun endgültig zu decken. Aber es gilt wie immer: Ohne Bordkarte für den Flug nach Longyearbyen und die Bordkarte für den Rückflug gibt es „Nix“! Da wir aber gut vorbereitet sind, brauchen wir nur noch zu zahlen. Dabei ist sehr positiv zu vermerken, dass sich die Preise nicht wesentlich von jenen in Münster unterscheiden. Ich finde das schon erstaunlich, denn erstens sind wir in Skandinavien und zweitens an einem sehr entlegenen Ort, wo alles erst über lange Strecken angeliefert wird. Und natürlich müssen unsere Einkäufe einem ersten Test unterzogen werden.
Es war also heute ein rundum guter Tag! So kann es weitergehen.

Fotos

Pedersenbreen und Isgrunnodden mit schönen Sedimentfahnen im Meer
Pedersenbreen und Isgrunnodden mit schönen Sedimentfahnen im Meer
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  • Warten auf den Flug nach Ny Alesund
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  • Jede Minute wird genutzt
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  • Ein grandioser Blick auf die Bohemanflya, den Wahlenbergbreen und den Borebreen
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  • Spektakuläre Gletscherfront des Wahlenbergbreen
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  • Gletscherspalten mit Schmelzwasser
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  • Die Gletscher tauen
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  • Schöner Blick nach Südwesten
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  • Der Kronebreen-Gletscher aus der Vogelperspektive
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  • Unser Untersuchungsgebiet auf der Seitenmoräne des Kongsvegen-Gletschers
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  • Ny Alesund mit dem Schiff des Sysselmesteren
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  • Das Radioteleskop in Ny Alesund
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  • Das rote Schmelzwasser der Bayelva
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  • Die Entwicklung der Sensoren der Wetterballone
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  • Auriane an der Wetterstation kurz vor dem Start des Wetterballons
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  • Cynthia und Nico senden Nachrichten mit dem Ballon in den Himmel
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  • Die Martians als Klimaforscher
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  • Das Tara-Boot, auf dem unser Freund Thomas Poinsot letztes Jahr angeheuert hat
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  • Die Takelage des Dreimasters
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  • Der Wahlenbergbreen auf der Westseite des Isfjorden
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1.7.2026

Gefühlte 39°C in unserem Zimmer und die Geräusche auf dem Flur sind die ersten Wahrnehmungen heute. Nico ist auch schon wach, als ich gegen 7:30 Uhr aufstehe, um zu duschen. Alle Duschen besetzt! Geht ja schon wieder gut los! Aber bereits nach ein paar Minuten ist es an mir, unter das warme Wasser zu steigen. Ah, das geht wirklich gut los! Während ich mir den Luxuskörper schrubbe, arbeitet Nico bereits fleißig am Korrekturlesen des Blogs, so dass ich ihn unmittelbar an Thomas zum Hochladen schicken kann, sobald ich aus der Dusche komme. Damit wäre das auch erledigt und der eigentliche Tag kann mit einem ordentlichen Frühstück und vor allem viel Kaffee beginnen. Wir treffen uns mit Cynthia und Mike um 8:30 Uhr im Frühstücksraum. Spiegeleier, gegrillte Würstchen, Kartoffeln, Räucherlachs, Pfirsich-Pie und ein Croissant. Dazu zwei große Tassen meines schwarzen Lieblingsgetränks. Damit bin ich erst einmal versorgt und für den heutigen stressigen Tag gut vorbereitet. Wir haben heute ein volles Programm. Irgendwann müssen wir ein paar Dinge einkaufen und Mittagessen. Das sind die doch sehr anspruchsvollen Aufgaben, die wir erledigen müssen. Ansonsten kann jeder machen was er gerade will. Ich werde heute den Großteil meiner Freizeit am SSERVI Projektantrag arbeiten, der mir seit längerer Zeit schon unter den Nägeln brennt und der dringend fertig werden muss. Damit sollte ich dann hoffentlich fertig sein, bis Ernst heute Nachmittag gegen 16:00 Uhr ankommen wird.
Aber jetzt ist erst einmal Frühstück das Thema. Wir sitzen im Wintergarten und lassen es uns gut gehen. Von dort aus telefoniere ich auch mit Carolyn, die ein paar Bürodinge mit mir abklären will. Und auch für Privates bleiben ein paar Minuten bevor sie wieder los muss. Unsere Gespräche am Frühstückstisch kreisen um die Pläne für den heutigen und die nächsten Tage. Einkaufen steht heute fast ganz oben auf der Prioritätenliste. An oberster Stelle steht aber relaxen. Sobald das ausgiebig erledigt ist, können wir um 12:00 Uhr mit dem Einkaufen loslegen. Nicht nur ich habe nämlich Dinge vergessen. Auch Cynthia hat einige Sachen zuhause liegen lassen, darunter so unwichtige Ausrüstungsgegenstände wie z.B. die Kamera. Grund dafür ist, dass sie kurz vor ihrem Abflug von ihrer Vermieterin erfahren hat, dass sie aus ihrer Wohnung in Göteborg ausziehen muss. Da waren ihre Gedanken natürlich ganz woanders, als beim Packen ihrer sieben Sachen. So sind es dann auch nur sechs Sachen geworden. Ihre „Ausrede“ ist also viel besser als meine. Tatsächlich habe ich nicht einmal eine. Fakt ist aber, dass ich meine hohen Neoprenstiefel und mein Reisehandtuch vergessen habe. Die Stiefel wären zwar sehr praktisch hier, aber nicht unbedingt notwendig. Es geht auch ohne und ein Reisehandtuch sollte ich eigentlich in einem der Outdoorläden hier in Longyearbyen bekommen. Fragt sich nur zu welchen Märchenpreisen. Und falls es dort zu teuer ist oder ich keines bekommen kann, habe ich natürlich schon einen Plan B in der Tasche. Was ich sonst noch vergessen habe, wird sich in den nächsten Tagen noch herausstellen. Man weiß ja nie!
Im Aufenthaltsraum sind Nico und ich völlig alleine und es herrscht eine Ruhe, die richtig gut tut. Und die chillige Musik trägt zur Tiefenentspannung weiter bei. Bei Gary Larson wird eine solche Tiefenentspannung und die damit verbundene Körperhaltung in seinem Cartoon „Boneless Chicken Farm“ am besten ausgedrückt. Wir fläzen auf den Sofas, tippen auf unseren Laptops rum und sagen über lange Zeiträume kein Wort. Das Alte Ehepaar-Syndrom, quasi! Herrlich. Aber ich brauche noch einen Kaffee, um nicht einzuschlafen. Irgendwie waren die letzten Wochen scheinbar doch anstrengender für mich, als gedacht. 
Wettertechnisch schaut es heute um ein Vielfaches besser aus als gestern. Morgens sind große Bereiche des Himmels strahlend blau und einzelne weiße Wölkchen trüben nicht das schöne Wetter. Es weht ein leichter Wind mit 6 m/s aus nordwestlicher Richtung. Die Temperatur ist mit ca. 8-9°C recht angenehm. Die Umstellung von 39°C auf 8°C ist erstaunlich schnell und unproblematisch abgelaufen. Leider ziehen gegen Mittag mehr Wolken auf und ich hoffe, dass Ernst noch rechtzeitig ankommt, um gute Bilder aus dem Flugzeug schießen zu können. Ich würde es ihm von Herzen gönnen. 
Schlag 12:00 Uhr stehen Cynthia und Mike im Aufenthaltsraum, wo Nico und ich vor uns hin arbeiten. Wir machen unsere übliche Tour durch die Outdoor-Läden und ich finde tatsächlich ein halbwegs vernünftig teures Handtuch. Mike ist vom Preis für eine Wasserflasche mit Filter von ca. 80 Euro weniger angetan und will erst noch in anderen Läden schauen. Die Svalbardbutikken, der örtliche Supermarkt, ist unsere nächste Station. Hier gibt es Batterien für mich und ein billiges Messer, das man sicher immer und überall für irgendetwas brauchen könnte. Das war es dann auch schon wieder mit shoppen. Das Angebot der Outdoor-Läden wird von Jahr zu Jahr immer mehr den Kreuzfahrttouristen angepasst, so dass das Wenigste für uns im Gelände brauchbar, geschweige denn von Nutzen, wäre. Durchgestylt, aber sinnfrei. Und für Leute mit dem extrakleinen Ego verkauft ein Laden einen Revolver mit Kaliber Magnum 500, der selbst Dirty Harry alt bzw. wie einen Schuljungen aussehen lässt. Vermutlich ist diese Kanone nicht viel leichter als unsere Gewehre, hat dafür aber die dreifache Streuung. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen mit diesem Ding sinnvoll schießen zu können. Mittagessen gibt es im „Fruene Kaffe“, wo wir wie jedes Jahr einkehren, um uns nach dem Shopping wieder zu stärken. Ein Tunfisch-Sandwich und einen Pott Kaffee, schon habe ich mich vom Revolver-Schock wieder erholt. 
Auf dem Rückweg zu Mary Ann’s beobachten wir den Helikopter des Sysselmesteren, der direkt vor dem Krankenhaus gelandet ist. Zwar stehen viele Rettungskräfte und Polizisten herum. Aber einen Kranken sehen wir tatsächlich nicht. Dafür jede Menge Leute, die schauen und fotografieren. Genau wie wir, obwohl wir relativ schnell weitergehen, weil wir natürlich nicht gaffen wollen. Aber beim Erreichen des Hotels mache ich dann noch ein paar coole Fotos vom Helikopter dicht über den Dächern von Longyearbyen.
Und schon schreit wieder die Arbeit bzw. der Projektantrag nach mir. Cynthia kommt nach einer Weile freudestrahlend in den Aufenthaltsraum – sie hat sich soeben eine kleine Pentax-Kamera gekauft. Wasserdicht und zu einem nicht wesentlich überteuerten Preis. Geht doch! Die Kamera muss Cynthia natürlich sofort testen, während Nico sich ins Reich der Träume begibt. Um 15:29 Uhr bin ich mit meiner ersten Überarbeitung  des SSERVI Projektantrags fertig. Hurra! Punktlandung! Tagesziel erreicht! Jetzt kann auch Ernst kommen!
Pünktlich um 16:08 Uhr marschiert Ernst dann auch schon in den Aufenthaltsraum. Das Dream-Team ist nun komplett und bereit für die Feldsaison. Wir freuen uns sehr, dass er gut angekommen ist und auch sein Gepäck es ihm gleichtat. Leider berichtet er aber, dass auch er auf seinem Flug nur Wolken gesehen hat und diese auch nur von einem Mittelsitz aus. Die Ausbeute an Bildern vom Anflug auf Longyearbyen ist deshalb dieses Jahr sub-optimal.
Irgendwann ist es Zeit für das Abendessen und so machen wir uns erneut auf in die Kroa-Bar. Ernst nimmt vorher noch Kontakt mit Janina Poppe auf, die bei seiner letzten Antarktis-Expedition als Führerin dabei war und nun in Longyearbyen als Führerin für Touristen bei Svalbard Adventures arbeitet. Wir verabreden uns mit ihr in der Bar. Fünf von uns essen heute einen Burger in der ein oder anderen Form und Mike bestellt sich eine Pizza. Natürlich reden wir über Janinas Erfahrungen mit Touristen und Wissenschaftler, die in den Details doch unterschiedlich sind. Auch über Mietpreise und die Wohnungssituation in Longyearbyen gibt sie uns viele Hintergrundinformationen, die wir bei unseren kurzen Aufenthalten sonst nie erfahren würden. Der Abend vergeht wie im Flug. Wieder bei Mary Ann’s angekommen, beschließen wir noch ein schnelles Bier zu trinken. Ernst hat ja noch das von Andreas spendierte Bier gut und wir leisten ihm dabei nur zu gerne Gesellschaft. Mike zeigt uns dabei die neuesten Satellitendaten unserer Lateralmoräne des Kongsvegen-Gletschers mit ca. 30 cm räumlicher Auflösung. Spektakulär wäre eine Untertreibung! Die Bilder sind schlicht fantastisch und wurden erst am 29.6.2026 aufgenommen. Wenn wir Glück haben, werden sogar noch weitere Bilddaten während unserer Anwesenheit aufgenommen werden. Das wäre absolut super, weil wir damit unsere Mosaike aus Pole- und Drachen-Bildern georeferenzieren könnten und somit hochgenaue Ergebnisse über die Erosion unserer Lateralmoräne bekommen könnten. Für diejenigen, die dieses Jahr zum ersten Mal diesen Blog lesen. Unsere Pole-Bilder werden von einer Kamera aufgenommen, die sich in ca. 3 m Höhe am Ende einer langen Stange befindet. Drachen-Bilder werden von einer Kamera aufgenommen, die sich unterhalb eines Flugdrachens befindet. Dieser Drachen erlaubt es uns Bilder aus größerer Höhe zu gewinnen, obwohl wir keine Drohne fliegen dürfen, um das Radioteleskop in Ny Alesund nicht zu stören. Aus Aufnahmen von unterschiedlichen Tagen können wir aus diesen Daten letztlich errechnen, wie schnell die Erosion die Lateralmoräne verändert.
Das Thema „Uhr“ ist natürlich von ausschlaggebender Bedeutung. Für was auch immer. Und auch Mike frägt mich welche Uhr ich dieses Jahr mitgebracht habe und viele Leser können sich ihr Leben ohne diese Information vermutlich nur schwer vorstellen. Wilde Farben? Abnormale Größe? Kinderuhr? Nichts von alle dem! Ich habe schlichtweg seine Uhr mitgebracht, die er mir letztes Jahr in Spitzbergen geschenkt hat. Meinen Arm ziert also ein exklusives Modell einer japanischen Firma, die vor allem für ihre Taschenrechner bekannt ist. Klein und schwarz und angeblich wasserdicht und mit Licht. Ein Wunder der Technik.
Noch ein paar Gedanken zum Abschluss des Tages. Dieses Jahr ist nicht nur speziell, weil Andreas nicht bei uns ist. Es ist jetzt auch die zehnte Ausgabe des Spitzbergen-Blogs. Jubiläums-Ausgabe mit großen goldenen Schriftzeichen. Kaum zu glauben, dass ich bereits seit 10 Jahren über unsere kleinen und etwas größeren Abenteuer berichte. Die Anhängerschaft ist von Jahr zu Jahr gewachsen und einige Leute warten bereits darauf, sobald sie erfahren, dass wir wieder in Richtung Arktis unterwegs sind. Es ist auch schön zu sehen, dass die viele Arbeit nicht umsonst ist, sondern den Lesern auch Freude bereitet. Damit ist der wesentliche Sinn und Zweck des Blogs bereits erfüllt. Im Rückblick wird klar, wie viele Dinge sich geändert haben und welche konstant blieben. Andreas, Ernst und ich sind sicherlich die konstanten Dinosaurier der SPLAM Expedition und auch die langjährige Unterstützung durch das AWIPEV darf hier nicht vergessen werden. Andere Personen wie Nico und Mike entwickeln sich zu Dinosauriern und wieder andere bringen frisches Blut und neue Ideen in unsere bunte Truppe. Auch der Einsatz von immer mehr technischer Ausrüstung, die Durchführung von Befliegungen in Zusammenarbeit mit dem AWI und dem DLR sowie die Kollaboration mit anderen Forschergruppen haben sich im Laufe der Jahre immer weiter verbessert. Wenn man denkt, dass wir eigentlich nie wirklich ein Budget für unsere Expedition hatten und alles über die einzelnen Institutshaushalte finanziert wurde, sind wir eigentlich schon ganz schön weit gekommen. Und vielleicht ist es ja auch ganz gut, dass wir, bis auf das AWIPEV mit seiner logistischen Unterstützung, von niemandem abhängig sind und dementsprechend auch keine ellenlangen Zwischen- und Abschlussberichte samt Finanzbuchhaltung erstellen müssen. Das Leben kann so schön sein!

Fotos

Das heutige Frühstück – der erste Gang!
Das heutige Frühstück – der erste Gang!
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  • Schönes Wetter, Eingangstor von Marry Ann’s Polarrigg, die UNIS Universität und der Operafjellet im Hintergrund
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  • Der Helikopter des Sysselmesteren ist vor dem Krankenhaus gelandet
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  • Helikopter über den Dächern von Longyearbyen
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  • Überbleibsel aus längst vergangenen Bergbau-Zeiten
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  • Spitzbergen-Zen
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  • Ein interessantes Stück Seil
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  • Arbeiten und warten auf Ernst im Aufenthaltsraum von Mary Ann’s Polarrigg
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30.6.2026

Die erste Nacht ist vorbei und ich habe ausgezeichnet geschlafen. Bis um ca. 5:00 Uhr, als uns ein Höllenlärm eines startenden Flugzeugs aus dem Schlaf reißt. Man hat das Gefühl, das Ding startet genau vor unserem Zimmer. So schnell wie der Spuk begonnen hat, so schnell ist er aber auch wieder vorbei und ich falle zurück ins Reich der Träume. Komischerweise war es nur dieser eine Flug, der derart laut war. Alle anderen Flugbewegungen bleiben hinter den Schallschutzfenstern verborgen. Gott sei Dank! Denn Nico und ich haben uns ausgerechnet, dass ich bis 7:00 Uhr und er bis 7:30 Uhr schlafen können. Duschen, anziehen, fertig! Frühstück für die hotelüblichen Fantasiepreise lassen wir ausfallen. Wir lassen uns vom Hotelbus für 8 Euro pro Person zum Terminal 1 kutschieren. Gegenüber dem Taxi, für das wir gestern knapp 25 Euro berappen mussten, ist das zumindest eine kleine Kostenersparnis. In der Gesamtschau der nicht unerheblichen Kosten wird das aber, vermute ich, im Rauschen untergehen. Direkt beim Ausstieg aus dem Bus finde ich einen verlassenen Gepäckwagen, den ich mir natürlich sofort unter den Nagel reiße. Was für ein unerwarteter Glücksfall! Das Gepäck fährt sich nämlich schon wesentlich leichter, als man es trägt. Da ich bereits voll eingecheckt bin, brauche ich nur noch mein Gepäck abzugeben. Zunächst den Gepäckstreifen mittels der Board-Karte an einem Automaten drucken und dann das Gepäck einzeln in eine Art Glaskasten legen. Das Wiegen erfolgt automatisch und das Gepäck verschwindet dann über eine Wippe in den Tiefen des Frankfurter Flughafens. Schon irgendwie cool! Und nirgendwo sind im ganzen Prozess Personen beteiligt. Alles durchrationalisiert und grandios, solange es funktioniert! „Connecting the world with the future“, wie die Gepäckquittung großspurig verkündet. Na ja, ich bin mir da nicht so sicher. Das Versagen dieses Systems und die Konsequenzen daraus mag ich mir gar nicht ausmalen! Ist ja aber in unserem Fall und hier und heute auch so ziemlich völlig egal! Wichtiger und interessanter ist da schon die Meldung der Lufthansa-Waage, dass mein schwarzer Rucksack 15,2 kg wiegt und die orange Kiste nochmals mit 9,6 kg zu Buche schlägt. Ich hoffe nur, dass mein Zeug auch irgendwann wieder den Weg aus den Niederungen des Flughafens findet. Um genauer zu sein, dass es auch in das Flugzeug nach Tromsö bzw. Longyearbyen verladen wird. Bis dorthin konnten wir unser Gepäck jedenfalls laut erhaltener Quittung direkt durchchecken. Bei Nico gestaltet sich die Gepäckabgabe etwas schwieriger. Er hat seinen Sitzplatz gewechselt, was dazu geführt hat, dass seine Bordkarte bzw. der notwendige QR-Code in der Lufthansa-App nicht mehr angezeigt wird. Aber ein kurzer Stopp am Serviceschalter löst auch dieses Problem. Jetzt müssen wir nur noch zu einer speziellen Abgabestelle für Rucksäcke und schon reisen wir deutlich leichter durch die Lande. 
Die Sicherheitskontrolle verläuft ohne große Probleme. Man muss auch theoretisch nichts mehr aus dem Rucksack nehmen. Bei den vielen elektronischen und komisch geformten Dingen in meinem Rucksack funktioniert die Praxis aber erwartungsgemäß anders. Also, alles ausräumen. Die Sicherheitsperson ist aber sehr nett und freundlich und alles geht ratzfatz und mit einem Lächeln über die Bühne. Ich glaube er war schlichtweg froh, wieder mit einem „normalen“ Passagier zu tun zu haben. Denn unmittelbar vor mir hat ein anderer Reisender Probleme bereitet, weil man ihm ein paar Dinge abgenommen hat. Ein erfolgreich durchgeführter Polizeieinsatz beendet die Diskussion dann letztlich recht schnell. Sobald seine Personalien kontrolliert wurden, ist der Mann deutlich ruhiger geworden. Was soll ich sagen? Jedenfalls ist Nico dadurch viel früher durch die Sicherheitskontrolle als ich, obwohl seine Schlange ursprünglich viel länger war. C’est la vie!
Wir haben am Gate noch ewig Zeit und beschließen erst einmal zu frühstücken. Habe ich schon erwähnt, dass dafür nicht nur Hotels Fantasiepreise aufrufen, sondern auch die Buden am Flughafen? Okay, das ist ja vielleicht bekannt, aber für eine 0,75 l Flasche Wasser 7,50 Euros und für eine ordinäre Breze 4,20 Euros zu verlangen hat schon etwas von Geldgier und Wegelagerei an sich. Unser eingespartes Taxigeld ist also schon wieder dahin! Zum Glück finden wir einen Tisch an dem wir in Ruhe unsere Kostbarkeiten genießen können, denn das gesamte Terminal ist voll mit Leuten. Viele davon wollen nach Mallorca oder anderswohin in den Urlaub. Nico und ich quatschen über Gott und die Welt, bzw. den Ausbau von Wohnmobilen, während im Fernsehen Ausschnitte aus dem Deutschland-Brasilienspiel der letzten WM  gezeigt werden. Seelenbalsam und akute Wundversorgung nach dem gestrigen Spiel!
Das Einsteigen in das Flugzeug funktioniert nach bewährter deutscher Manier in Traubenform. Sprich, jeder will der Erste sein und es bildet sich ein größeres Knäuel mit dem standesgemäßen Gedrängle. Nicht unwesentlich zum Chaos tragen die strengen Größenkontrollen des Gepäcks bei. Ich habe aber Glück und schon sitze ich als einer der Ersten auf Platz 7D. Leider also kein Fensterplatz bis Tromsö. Damit kann ich aber leben, denn nach Longyearbyen werde ich auf 2A mit freiem Blick nach draußen sitzen. Und das ist ja viel wichtiger. Ich hoffe nur, dass es dann weniger Wolken gibt als auf dem Weg nach Tromsö. Denn es ist auf diesem Flug leicht bewölkt, so dass mich nichts vom Essen ablenkt. Grillgemüse-Terrine, Feta, Salsa Verde, gebratene Maispoulardenbrust in Morchel-Rahmsoße, Erbsen-Kartoffel-Zucchinigemüse, Wildreis und last but not least ein Holunderblütentörtchen in Vanillesoße, begleitet von einem schönen Rotwein, sind meine Wahl und verdienen meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Abgerundet wird alles durch einen schönen Kaffee. Es gibt Schlimmeres! Nur das Minzblättchen vermisse ich! Der Lufthansa-Service ist gewohnt gut, aufmerksam und freundlich. Das macht schon Laune! Dementsprechend vergeht der Flug wie im Flug! Nico, der in der Holzklasse weiter hinten im Flugzeug sitzt, bekommt leider nur ein Fläschchen Wasser und ein Täfelchen Schokolade als Versorgung während des Fluges.
In Tromsö kommen wir um 14:30 Uhr an, mit einem Weiterflug mit SAS um 17:10 Uhr, der uns letztlich um 18:50 Uhr nach Longyearbyen bringen wird. Tromsö empfängt uns mit leichtem Nieselregen und 12°C. Erfrischend! Oder eher brrrrrr! Ich bin das nicht mehr gewohnt! Auch dieses komische Zeug, das da vom Himmel runterfällt ist wieder gewöhnungsbedürftig nach der langen Sonnenperiode. Ich glaube man nennt es Regen oder so? Jedenfalls sitzt meine Frisur! Auch ohne Drei-Wetter Taft. In Tromsö müssen wir tatsächlich doch unser Gepäck abholen und damit durch den Zoll gehen. Das ist eigentlich kein Problem, bedeutet aber, dass wir es wieder aufgeben müssen und anschließend wieder durch die Sicherheitskontrolle müssen. Aber der Andrang ist an allen kritischen Punkten sehr überschaubar und wir haben jede Menge Zeit bis zum Weiterflug. Also verläuft alles stressfrei und gechilled. Die längsten Schlangen gibt es in der Tat vor den Toiletten. Das Terminal wurde ja erst vor Kurzem renoviert aber die Zahl der notwendigen Toiletten wurde dabei offensichtlich komplett unterschätzt. Hinzu kommt, dass es keine Urinale gibt, was die Prozedur weiter verlängert und selbst vor der Männertoilette lange Schlangen entstehen lässt. Aber mit etwas vorausschauender Planung ist auch dieses „Problem“ schnell unter Kontrolle gebracht.
Die Passkontrolle ist noch nicht einmal geöffnet, als wir am Gate ankommen. So wie es aussieht, ist Mike wohl auf exakt jenem Flug von Oslo nach Tromsö, der dann mit uns an Bord weiter nach Longyearbyen fliegen wird. Wir drei  sind also schon einmal ab Tromsö vereint unterwegs und ich denke, Cynthia ist bereits in Longyearbyen vor Ort. Das bedeutet, dass wir uns heute Abend alle in der Kroa-Bar ein erstes gemeinsames Abendessen schmecken lassen können. Nur Ernst fehlt noch und wird erst morgen zu uns stoßen.
Unser Plan, der eigentlich nur ein Zufall ist, ging tatsächlich auf. Mike steigt aus dem Flugzeug aus Oslo und läuft direkt an uns vorbei, nur durch eine Glaswand getrennt. Nach wenigen Minuten steht er auf unserer Seite der Glaswand und berichtet von seinen Abenteuern bei der Verzollung seines LIDAR Instruments am Flughafen in Oslo. Irgendwie kennen wir das. Zollangelegenheiten sind und bleiben immer ein spannendes Thema. Dieses Mal scheint es aber an einer falschen Information von SAS gelegen zu haben, so dass er vier Stunden gelangweilt in der Lounge verbracht hat, nur um hinterher im Dauerlauf durch den Flughafen rennen zu dürfen, um den Papierkram erledigt zu bekommen. Jedenfalls ist er und zumindest eines seiner LIDAR Instrumente hier. Der Rest seiner Ausrüstung sollte es zumindest bis Oslo geschafft haben und nicht wie letztes Jahr in Chicago hängen geblieben sein. Sollte sein Zeug heute wirklich nicht mit uns auf dem Weg nach Longyearbyen sein, müsste es spätestens morgen dort ankommen, was immer noch rechtzeitig für unseren Weiterflug nach Ny Alesund am Donnerstag wäre. Wir sind also entspannt!
SAS serviert Kaffee und einen Industriemuffin. Schon erstaunlich, wie groß die Qualitätsunterschiede beim Service im Star Alliance Netzwerk sind. Ich fliege ja heute in der Business Class und habe mir das schon etwas anders vorgestellt. Aber ich bin eh noch satt und will mich ehrlich gesagt auch gar nicht ärgern. Oberhalb der Wolken ist der schönste Sonnenschein aber von der Landschaft sieht man leider absolut nichts. In Spitzbergen wird alles besser! Denn die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Allerdings ist der Wetterbericht nicht sonderlich ermutigend. Hohe Wolken, Wind aus Westen und 8°C sind laut Wettervorhersage in Longyearbyen zu erwarten. Aber zumindest kein Regen! Alles egal, denn in gut 1,5 Stunden bin ich wieder in Spitzbergen! Wie genial ist das denn! Ich bin bereit auf die 16. Feldsaison und freue mich riesig darauf! Schlechtes Wetter und schlechter Muffin hin oder her!
Die Wolkendecke verhindert heute tatsächlich den Ausblick auf die fantastische Landschaft. Lediglich nachdem wir sie nach unten durchbrochen haben kann ich mit dem Fotografieren beginnen. Allerdings erkenne ich anhand der Bergformationen, dass wir bereits das Adventdalen in Richtung Westen entlang fliegen und bald landen werden. Genau so ist es dann auch. Zumindest erhasche ich einen schönen Ausblick auf Longyearbyen bevor wir aufsetzen. Spitzbergen hat mich wieder!
Ein Gepäckstück nach dem anderen kommt auf dem Laufband daher und nach ein paar Minuten haben wir tatsächlich unsere gesamte Ausrüstung. Vor allem Mike ist froh,  dass alles angekommen ist. So stehen wir in Mitten einer großen Gruppe chinesischer Touristen, die wohl eine Kreuzfahrt unternehmen werden. Zeit sich auf den Weg zu Mary Ann’s Polarrigg zu machen! Die 8°C vor der Flughafentüre fühlen sich recht warm an, als wir auf unser Taxi warten, das uns in ein paar Minuten zum Hotel bringt. Das erste, was der Taxifahrer erzählt ist, dass vor ein paar Tagen ein Eisbär in der Nähe des Campingplatzes am Flughafen gesichtet wurde. Das weckt natürlich Erinnerungen an den Vorfall im Jahr 2020 bei dem ein Eisbär eine im Zelt schlafende Person getötet hat.
Cynthia begrüßt uns vor der Rezeption von Mary Ann’s Polarrigg. Langsam wird die Gruppe komplett. Beim Einchecken erfahren wir, dass uns Andreas ein Bier ausgegeben hat. Wir müssen nur in die Hotelbar gehen, unsere Zimmernummer sagen und genießen. Andreas hat heute seinen Geburtstag und natürlich rufen wir ihn an, um zu gratulieren und ihm ein Geburtstagsständchen zu singen. Anstoßen auf sein Wohl versteht sich von selbst. Wir haben einen Mordsspaß und er freut sich sehr über unser Gejaule. Anschließend geht es in die Kroa-Bar zum Abendessen. Natürlich esse ich den Elch-Burger. Eine Tradition will schließlich gepflegt werden. Für die anderen gibt es Pizza in unterschiedlichen Ausführungen. Das Einzige was sich in den letzten Jahren auf der Speisekarte geändert hat sind die Zahlen, die neben den Gerichten stehen. Komischerweise ist keine davon im Laufe der Jahre kleiner geworden. So zahlt jeder von uns ca. 60 Euro. Ein stolzer Preis, der uns aber nicht die Laune verdirbt. Wir freuen uns der Dinge und quatschen über alles Mögliche. Eine etwas hitzigere Diskussion entspannt sich zum Thema „Künstliche Intelligenz“ und deren Einsatz. Ich habe mir dazu in den letzten Jahren viele Gedanken gemacht und vertrete meine Meinung auch entsprechend. Ich kann aber auch die andere Seite gut verstehen. Es ist einfach ein vielschichtiges und damit komplexes Thema. Jedenfalls schätzt jeder von uns die Argumente und Gedanken des anderen und die spannende Diskussion. Da wir aber das Thema nicht abschließend erledigen können und im Angesicht der fortgeschrittenen Stunde, beschließen wir ins Bett zu gehen. Eine ruhige Stunde mit Blog schreiben in Mary Ann’s Aufenthaltsraum gönne ich mir aber schon noch. Die Musik dort ist übrigens immer noch so cool wie alle vergangenen Jahre. Einfach genial wieder hier zu sein!

Fotos

Tristesse in Tromsö
Tristesse in Tromsö
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  • Auf dem Weg nach Tromö
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  • Eines der wenigen Bilder, die ich trotz Regen von Tromsö machen konnte
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  • So interessant die Wolkenstimmung auch ist, ich hätte lieber die Gletscher und Berge Spitzbergens fotografiert
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  • Das erste Bild Spitzbergens in diesem Jahr. Ein quasi historisches Dokument
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  • Die Ähnlichkeit der dunklen Struktur an einem Abhang mit „dark slope streaks“ auf dem Mars ist verblüffend
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  • Ein schöner Blick in das Endalen
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  • Longyearbyen in seiner ganzen Pracht bei trübem Wetter
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  • Man erwartet uns offensichtlich bereits
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  • Mike und Nico warten auf das Gepäck
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29.6.2026

6:15 Uhr. Der Wecker klingelt. Heute ist nun tatsächlich der Tag unserer Abreise nach Spitzbergen. Sowohl das European Lunar Symposium in Nancy, der BepiColombo Mercury Arrival Readiness Review in Darmstadt und die Firmung in Münster verliefen gut und haben mir die Zeit bis zur Abreise verkürzt. Doch wenn ich in meinen Kalender schaue, gibt es heute zunächst noch Einiges zu erledigen. Da ist z.B. das BELA Team Meeting, das wöchentliche Planetenseminar, ein Brief an das Ordnungsamt, das Checken des Computers, der mit nach Spitzbergen geht und noch das ein oder andere Ding, das danach schreit, erledigt zu werden. Die Seite in meinem Buchkalender ist jedenfalls voll. Erst wenn das alles abgearbeitet ist, kann ich mich an das Packen meiner Ausrüstung machen. Gott sei Dank konnte ich zumindest über das Wochenende schon alles waschen. Alles liegt nun mehr oder weniger bereit auf einem großen Haufen. Ich muss also nur noch die wesentlichen Utensilien aus diesem Berg herausfischen und in einen Rucksack stopfen.
Die Genehmigung des Sysselmesteren ist mittlerweile bei mir eingegangen. Unsere Arbeiten wurden so eingestuft, dass wir keine weitere spezielle Genehmigung brauchen. Das ist schon mal gut, weil es dadurch keinen weiteren Papierkram mehr gibt. Wir können also loslegen, unsere Proben nehmen und Steinmännchen bauen. Der große Kinderspielplatz ist eröffnet! Ein Wermutstropfen ist jedoch, dass wir leider am Freitag noch erfuhren, dass wohl ein Eisbär versucht hat, in die Geopol-Hütte einzubrechen. Dabei hat er das Küchenfenster zerstört und es ist momentan noch unklar, ob KingsBay bis zu unserer Ankunft das Fenster reparieren kann. Vermutlich wird es an uns sein, den Schaden zumindest provisorisch zu beheben, um in der Hütte übernachten zu können. Denn die Alternative, die Kjærsvika-Hütte, würde bedeuten, dass wir jeden Tag viele extra Kilometer laufen müssten. Ein tägliches Absetzen mit dem Motorboot wäre für das AWIPEV Team eine große Belastung und wäre auch aufgrund des Wetters nur bedingt planbar. Daher ist unsere bevorzugte Lösung des Problems, dass wir die Geopol-Hütte irgendwie funktionsfähig machen und dort bleiben. Das heutige Update zur Situation an der Geopol-Hütte ist wenig rosig. Offensichtlich muss der Eisbär in der Hütte gewesen sein und hat sich dort vor allem an den Teelichtern gütlich getan. Eigenartige Geschmacksverirrung! 
Um kurz vor 14:00 Uhr geht es vom Büro nach Hause. Jetzt ist endgültig die Zeit für das Packen meiner sieben Sachen gekommen. Schnell stellt sich heraus, dass ich durch die zahlreichen Exkursionen der letzten Monate, meine Ausrüstung schön gleichmäßig über das gesamte Haus verteilt habe. Und deshalb bin ich letztlich mehr am Suchen, als am Packen. Wo ist die zweite Powerbank? Und das dazugehörige Kabel? Kamerabatterien sind auch noch zu laden und die sauberen Unterhosen dürfen keinesfalls vergessen werden! Auch frische Socken und Fleece-Jacken sind sicher nützlich und ein oder zwei Wollmützen, um meine Glatze schön warm zu halten. Essentiell! Erst meint man immer, dass man dieses Jahr viel weniger packt. Der Lackmustest kommt aber immer erst dann, wenn man versucht alles in den Rucksack zu bekommen. Aber siehe da, es scheint tatsächlich weniger Zeug zu sein. Jedenfalls passt alles in meine zwei Rucksäcke und die orange Kiste. Uff, das wäre geschafft. Die Badezimmerwaage zeigt an, dass ich insgesamt bei ca. 36-37 kg gelandet bin, also deutlich über der Freigrenze von KingsBay von 20 kg für den Flug von Longyearbyen nach Ny Alesund. Damit ist dann eine Email an die KingsBay-Rezeption notwendig, um das Extra-Gepäck dort anzumelden. Schließlich ist noch genügend Zeit, um Carolyn und Hans-Peter beim Einrichten unserer neuen Glasfaserverbindung und der dazugehörigen Telefone zu beobachten. Hans-Peter probiert jeden einzelnen Klingelton aus und hat Spaß dabei. Carolyn kämpft sich zeitgleich durch die Niederungen der Telekom-Installation. Leider dauert die Installation zu lange, als dass ich noch das Endergebnis bewundern könnte. Ich gehe aber davon aus, dass ich bei meiner Rückkehr raketenschnelles Internet genießen kann.
Die Verabschiedung von den Kindern fällt wie üblich schwer. Auch sie empfinden das Gleiche und sind deshalb extra kuschelig. Das ist richtig schön, macht den Abschied aber nicht leichter!
Bevor wir um 19:15 Uhr Nico abholen, um gemeinsam zum Bahnhof zu fahren, kaufe ich noch schnell ein paar Stücke Hartkäse für das AWIPEV-Team. Da kann der Haken schnell dahinter gemacht werden. So schnell in der Tat, dass wir viel zu früh bei Nico auftauchen. Nichtsdestotrotz steht er bereits abfahrtbereit vor der Türe. Und ein paar Minuten später schmeißt uns Carolyn am Bremer Platz aus dem Auto. Auch der Abschied fällt nicht leicht! Da man dort aber nicht wirklich gut halten kann, muss es halbwegs schnell gehen. Und so stehen wir bereits um 19:30 Uhr am Gleis 9 des Hauptbahnhofs in Münster. Und warten! Der ICE 617 soll uns nämlich erst um 20:02 Uhr nach Frankfurt zum Flughafen bringen. Nachdem Lufthansa in ihrer glorreichen Weisheit alle Flüge zwischen Münster und Frankfurt vor einiger Zeit gestrichen hat, ist der Zug für heute die beste Option. In Frankfurt werden wir in der Nähe des Flughafens im Vienna House Hotel die Nacht verbringen, um morgen pünktlich unseren Flug zu erreichen. Nico hat alles gebucht und der ICE fährt tatsächlich um 20:03 Uhr aus Münster ab. Unser Gepäck ist schnell in der Gepäckablage verstaut, die sich in unmittelbarer Nähe zu unseren 2. Klasse Sitzen befindet, so dass wir das Gepäck immer im Blick haben. Der Zug ist pünktlich und die Klimaanlage funktioniert. Was will man mehr? Soweit passt also alles! Und weil ich nicht Autofahren muss, kann ich ganz entspannt am Blog schreiben. Dieses Jahr habe ich dazu einen kleinen Windows-Laptop dabei und die Umstellung von meinem Mac ist doch größer als gedacht. Momentan bin ich noch mehr am Suchen, wo bei den einzelnen Programmen die Funktionalitäten angeordnet sind. Beim Mac kann ich das blind und im Schlaf und mit einer Hand auf den Rücken gebunden, auf dem PC bin ich wie der erste Mensch unterwegs. Word ist also nicht gleich Word! Ich habe es ja gewusst, aber nervig ist es dennoch! Dafür soll die Batterie des Laptops aber bis zu 30 Stunden arbeiten ermöglichen. Respekt, wenn es so ist!
Generell ist unsere Anreise dieses Jahr etwas ungewöhnlich und außer der Norm. Denn normalerweise treffen wir uns ja immer in Oslo, um gemeinsam nach Longyearbyen zu fliegen. Nico und ich fliegen dieses Jahr aber direkt von Frankfurt nach Tromsö, um von dort aus weiterzureisen. Cynthia und Ernst kommen jeweils mit anderen Flügen an unterschiedlichen Tagen an und Mike hat es bereits bis Frankfurt geschafft und fliegt morgen früh über Oslo nach Longyearbyen. So wie es ausschaut, werden wir uns alle erst bei Mary Ann’s Polarrigg, unserer traditionellen Unterkunft in Longyearbyen, treffen. Mal schauen, ob das alles klappen wird.
Nach der Hitzewelle der vergangenen Tage mit Temperaturen von 37-39°C und der sengenden Sonne ist es heute deutlich angenehmer. Temperaturen von 26°C fühlen sich schon fast kühl an und bereiten uns zumindest halbwegs auf die 7°C in Longyearbyen vor. Bei grauem Himmel versteht sich. Trotzdem denke ich, dass wir wohl ein paar Tage zur Akklimatisierung brauchen werden.
Mit satten 2 Minuten Verspätung kommen wir am Flughafen Frankfurt an. Skandal! Ein Zug, der quasi pünktlich ist! Die Rolltreppen funktionieren dafür leider nicht und es ist schon irgendwie witzig, welche Techniken Leute erfinden, um ihre viel zu großen Koffer nach oben zu bringen. Waagrecht zu zweit den Koffer tragen, den Koffer über die Treppen schleifen oder ihn von Stufe zu Stufe hieven.. Nur ein paar Beispiele. Gott sei Dank kann ich mein Gepäck alles ganz gut tragen, aber am Ende der Stufen bin ich doch auch ganz froh, oben zu sein. Der Taxifahrer bringt uns mit rasanter Fahrt zu unserem Hotel, in das wir in ein paar Minuten eingecheckt sind. In der Lobby läuft gerade das WM-Spiel Deutschland-Paraguay. Die Halle ist voll mit Leuten, die sich das Spiel anschauen. Quasi semi-public viewing! Spielstand bei unserer Ankunft immer noch 0:0 und bereits im Taxi haben wir im Radio gehört, dass die deutsche Mannschaft offensichtlich nicht gut spielt. Und so fällt auch dann das 1:0 für Paraguay als wir gerade mit dem Einchecken fertig sind.
Wir bringen unser Gepäck auf das Zimmer und gönnen uns noch ein Bier auf der Terrasse. Es ist eine herrlich laue Nacht und der sog. Erdbeermond steht voll am Nachthimmel. Ein genialer Anblick! Weniger genial ist, dass Deutschland aus der WM ausscheidet. Im Elfmeter schießen. 3:4!

Fotos

Die Erlaubnis des Sysselmesteren für unsere Feldarbeit
Die Erlaubnis des Sysselmesteren für unsere Feldarbeit
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  • Unser ICE nach Frankfurt
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  • Nico und unser Gepäck am Bahnhof in Münster. Gleich wird unser ICE einfahren
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21.6.2026

„Sodala“, wie man auf Bayerisch sagt. Es ist fast wieder soweit! Noch gut eine Woche und wir sind wieder unterwegs in den hohen Norden. Wie üblich sind auch dieses Jahr wieder die Geopol- und die Corbel-Hütten das Ziel unserer schlaflosen Nächte. Lateralmoräne und Steinkreise warten bereits sehnsüchtig auf uns! Und der Räucherlachs in der Kantine in Ny Alesund schreit auch schon „Iss mich“! Am 29.6. wird es aber zunächst per Zug nach Frankfurt gehen, um dort am 30.6. in das Flugzeug nach Tromsö bzw. Longyearbyen zu klettern. Endlich! Bis dahin bringt mich das „normale“ Leben aber noch nach Nancy zum European Lunar Symposium und nach Darmstadt für den BepiColombo Mercury Arrival Readiness Review. Und am 28.6. ist schließlich noch die Firmung von Anna-Sabrina. Es ist also mal wieder der ganz normale Wahnsinn! Aber vielleicht fange ich ja am Anfang an.
Unser Projektantrag an das AWI, den wir im September dort eingereicht haben, wurde Gott sei Dank auch dieses Jahr wieder ausgewählt, so dass Nico und ich uns anschließend um die ganze Bürokratie kümmern konnten, die mit einem Forschungsaufenthalt in Ny Alesund verbunden ist. Buchung von Unterkunft, Schießtraining, Flügen, Hütten, Frequenzfreigabe für das Differentielle GPS (DGPS) und last but not least auch die Zollabfertigung sind hier zu nennen. Und natürlich meint man immer, dass man nach all den Jahren weiß, wie und was man wann machen muss. Da sich aber die Formulare und Prozeduren mit schöner Regelmäßigkeit ändern, bleibt es jedes Jahr spannend. Vor allem Nico kann ein Lied davon singen, was die Zollabfertigung anbelangt. Die gute Nachricht ist aber, dass wir es auch dieses Jahr wieder geschafft haben, alles rechtzeitig erledigt zu bekommen. Besonderes Lob verdienen dieses Jahr die Mediziner des AWI, die unsere medizinische Begutachtung innerhalb weniger Tage für uns erledigten und auch Frau Büttner-Koch von der Personalstelle der Uni Münster, die uns die unterschriebene Arbeitgeberbescheinigung zum Versicherungsschutz mit quasi Lichtgeschwindigkeit zurückgeschickt hat. Das war absolut super. So konnte ich sehr schnell viele Haken hinter Dingen auf der langen To-Do Liste machen. Das Einzige was noch immer fehlt, ist die Genehmigung des Sysselmesteren, dass wir unsere Feldarbeit in der im Antrag beschriebenen Form auch durchführen und Proben nehmen dürfen! Soll ich mir jetzt Sorgen machen? Ich glaube ich lasse es einfach und bleibe entspannt. Vielleicht schicke ich ja noch eine Erinnerungsmail…
Und dann muss ich noch rausfinden, ob man Käse mit nach Norwegen bringen darf. Schokolade und Käse stehen dieses Jahr ganz oben auf der Wunschliste der AWIPEV-Crew in Ny Alesund. Natürlich werden wir versuchen, alle dort glücklich zu machen! Allerdings bin ich wahrscheinlich eh schon wieder über dem Gewichtslimit für den Flug von Longyearbyen nach Ny Alesund. Dieses Jahr muss man das Übergewicht bereits Tage vor dem eigentlichen Flug bei KingsBay anmelden. Auch das eine Neuerung. Das eigentliche Expeditionsgepäck und die AWI-Klamotten haben wir natürlich schon im Februar per Schiffscontainer nach Ny Alesund verschifft. Dieser „Service“ des AWI ist für uns ein Geschenk des Himmels, ebenso, dass wir in Ny Alesund auf die eingespielte und fantastische Logistik des AWIPEV zugreifen dürfen. Blaues Haus, Rabot-Gebäude, Motorboote und natürlich die Hilfe des AWIPEV-Teams vor Ort sind von unschätzbarem Wert für uns. Darum schon mal voraus ein dickes Dankeschön an alle, die uns unterstützen! 
Was kann ich sonst noch vorab berichten? Nun, dieses Jahr gibt es eine wesentliche Änderung! Leider kann Andreas Johnsson dieses Jahr nämlich nicht mit uns kommen, weil er sich um viele private Dinge kümmern muss. Dafür haben wir aber mit Cynthia Sassenroth einen erstklassigen Ersatz. Sie war 2022 schon mit uns in Spitzbergen und kennt sich somit bestens aus. Auch ist sie schon mit dem Geschnarche einiger hier ungenannter Personen vertraut. Eine Feldsaison hat sie es schon überlebt, so dass eine relativ gute Chance besteht, dass sie auch dieses Jahr wieder keine Probleme damit haben wird sich mit vier stinkenden Männern in einer engen Hütte einzuquartieren. Cynthia war es übrigens, die die Kvadehuksletta-Halbinsel vor einigen Jahren geomorphologisch kartiert hat. Falls sich jemand erinnert, wir haben diese Karte letztes Jahr im Aufenthaltsraum im Rabot-Gebäude aufgehängt. Mit Cynthia haben wir also eine absolute Spezialisten mit im Team. Aber natürlich ist es schade, dass Andreas diese Saison ausfällt, ist er doch immer eine wichtige Stütze des Teams, weil er uns mit seiner vorzüglichen Kochkunst immer bei Laune hält. Aber ich denke, auch in der Beziehung werden wir bei Cynthia in guten Händen sein. Und wenn sie uns sagt, was wir machen sollen, helfen wir natürlich auch gerne. War ja eh immer so und so ganz kochunbegabt bin ich ja auch nicht! Der Rest der Mannschaft besteht wieder aus den üblichen Verdächtigen, sprich Ernst Hauber vom DLR in Berlin, Mike Zanetti vom NASA Marshall Spaceflight Center, sowie Nico Schmedemann und mir von der Uni Münster. Ein Dream Team! Vor allem was Intelligenz und äußere Erscheinung anbelangt. Fast unschlagbar gut!
Habe ich übrigens schon erwähnt, dass Nico aus den Kameradaten der Drachenbefliegung des letzten Jahres fantastische dreidimensionale Höhenmodelle berechnen konnte? Das hat ihn viel Zeit, Hirnschmalz und generell Mühe gekostet aber das Ergebnis ist mehr als spektakulär! Und ein Masterstudent von Andreas hat eine sehr schöne neue Karte des Gebietes im Vorfeld des Comfortless-Breen angefertigt. Auch dort sind die Veränderungen der Landschaft dramatisch und wurden durch die Arbeit von Simon Berquez nun sehr schön dokumentiert. Es geht also vorwärts! Im vergangenen Jahr haben wir uns zudem in schöner Regelmäßigkeit mit Bernard Hallet per Zoom ausgetauscht, der immer voller Ideen ist, was wir an den Steinkreisen noch alles machen könnten bzw. sollten. Wirklich eine schöne Kooperation! Mal schauen, was wir dieses Jahr von seiner langen Wunschliste tatsächlich erledigt bekommen. Die für dieses Jahr geplante Befliegung mit der MACS Kamera des DLR/AWI mussten wir leider absagen. Die gute Nachricht ist aber, dass die Befliegung nächstes Jahr nachgeholt werden soll. Vielleicht ist das sogar besser, um Veränderungen der Landschaft seit der letzten Befliegung im Jahr 2024 besser erkennen und dokumentieren zu können. Dazu bräuchte es, wie auch für alle unsere Spitzbergen-Datenauswertungen, einen guten Masterstudenten. Mal schauen, vielleicht findet sich ja eine Studierende oder ein Studierender. Das wäre super.
Lange Rede, kurzer Sinn! Wir sind bereit für ein neues Abenteuer! Dieses Jahr werden wir mehr Ergebnisse produzieren als je zuvor, werden in unserer Arbeit nicht durch Eisbären beeinträchtigt, werden immer strahlenden Sonnenschein haben, jeden Tag wird ein leichter Wind wehen, der uns beim Motorboot fahren nicht stört aber stark genug ist, um unseren Drachen mit der Kamera fliegen lassen zu können und natürlich wird uns das Bier nicht ausgehen und das Essen immer mindestens auf zwei Sterne Niveau sein. So ist zumindest der vorläufige Plan! Naiv? Fast mit 100%iger Sicherheit! Die Erfahrung der letzten Jahre hat uns gelehrt, dass nichts so kommt wie geplant und man immer mindestens einen „Plan B“ braucht. Aber cool wäre es schon! 
Jedenfalls kann ich es kaum erwarten, mir auch dieses Jahr wieder den kalten Wind auf Spitzbergen um die Nase wehen zu lassen und die einzigartige Landschaft und das Licht auf Spitzbergen zu genießen. Und natürlich wieder unsere Freunde vor Ort zu treffen, allen voran Maarten, Auriane, Louis, Marek, Ingo und die vielen anderen, die wir nun seit Jahren kennen. Familientreffen im weitesten Sinn! Oder die Ansammlung von völlig Verrückten! Der Grad zwischen Genie und Wahnsinn ist ja bekanntlich sehr schmal. Wer nie in Spitzbergen war, wird meine Faszination mit dieser Gegend wohl nie richtig verstehen können, geschweige denn die Vorfreude dorthin zurückzukehren!
So, ich hoffe, Ihr werdet in ein paar Tagen wieder mehr oder weniger regelmäßig Spaß am Blog finden. Schickt mir Eure Kommentare! Ich freue mich darüber!