22.7.2022

Heute ist nun definitiv unser letzter Tag und er beginnt mit einer Überraschung. Nico liegt mit seinen Klamotten im Bett und Andreas fehlt komplett. Beide waren so besorgt, dass sie verschlafen, dass Andreas nie ins Bett ging und Nico seine Taktik des rechtzeitigen Aufwachens verfolgte. Jedenfalls haben beide Taktiken funktioniert, denn als mein Wecker klingelt sind sie schon beide aktiv. Viel zu früh! Ich finde, meine Taktik den Wecker auf 23:45 Uhr zu stellen ist mit weitem Abstand die Beste der drei Varianten. Ich habe zumindest ein paar Stunden geschlafen und auch Ernst hat munter vor sich hin gesägt. Eine schnelle Katzenwäsche, dann steht der russische Taxifahrer auch schon vor der Türe. Fast wie im Spitzbergenkrimi „78° Tödliche Breite“ von Hanne H. Kvandal, in dem auch ein russischer Taxifahrer vorkommt. Gut beobachtet, dass viele Taxifahrer hier russisch sind.

Gerade als wir von unserem Gjesthuset 102 abfahren, kommt der Bus, um die anderen Leute aufzusammeln. Es ist seine erste Station und wir sind somit ca. 30 Minuten vor der Meute. Wir sind sogar so früh, dass wir ein paar Minuten warten müssen, bis der SAS Schalter öffnet. Das Einchecken verläuft problemlos und schnell. Sogar Andreas kann einchecken, obwohl er sich aufgrund der Probleme, die er auf dem Herflug hatte nicht sicher ist, ob er überhaupt ein Ticket hat. Jetzt sitzt er zufrieden mit uns in der Wartehalle und isst ein Sandwich.

Ich schaue mir durch die großen Fenster das tolle Lichtspiel an, das der erwachende Tag zu bieten hat. Die Wolkendecke ist sehr unterschiedlich und so ergeben sich helle Flecken, durch die die Sonne den Fjord und die umliegenden Berge beleuchtet. Wunderschön. Heute ist der Fjord spiegelglatt wie ich ihn noch nie gesehen habe. Sehr ungewöhnlich, dass sich auf einer so großen Fläche absolut nichts bewegt. Die Berge und die vor Anker liegenden Schiffe spiegeln sich darin. Es ist genial. Wie sagt Cynthia immer „Der Tag kann was!“

Wie ich so meinen Gedanken nachhänge bemerke ich auch, dass die Berge rund um Longyearbyen praktisch komplett schneefrei sind und auch viel grüner erscheinen, als ich sie in Erinnerung habe. Das kann jetzt daran liegen, dass wir voriges Jahr deutlich früher in der Saison hier waren und der ansonsten letzte Besuch im Jahr 2019 zu lange her ist, um sich korrekt zu erinnern. Andererseits erinnere ich mich gut, dass ich die gleiche Beobachtung bereits seit 2008/2009 mache. Da müsste man tatsächlich mal mit einem Biologen reden, ob sich mein subjektiver Eindruck bestätigen lässt.

Ich liebe Spitzbergen! Gerade deshalb stimmt es mich immer traurig von hier abreisen zu müssen. Und genau deshalb bin ich auch zunehmend besorgt, dass der Zug für uns schon lange abgefahren sein könnte, um diese einzigartige Umgebung vor den Folgen des Klimawandels zu bewahren. Das wird die Zukunft zeigen. Uns bleibt momentan nur die Beobachtungen zu machen und stetig und vehement darauf hinzuweisen, wie dramatisch diese Folgen bereits jetzt sind. Spitzbergen ist mitten im Wandel. Es ist schon jetzt nicht mehr das Spitzbergen unserer ersten „wilden“ Jahre. Und der Wandel wird mit Sicherheit weitergehen und sich beschleunigen. In Longyearbyen leben jetzt viel mehr Menschen als früher, es gibt mehr und größere Häuser, um diese Menschen unterzubringen, es gibt mehr Hotels und es gibt mehr Tourismus. Vor allem ist der Kreuzfahrttourismus mittlerweile auf einem völlig aus dem Ruder gelaufenen Niveau. Nachhaltigkeit schaut mit Sicherheit anders aus und ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Art von Tourismus langfristig für Spitzbergen gut ist. Das wird die Zukunft zeigen.

Ich höre auch schon wieder auf mit dem Unken! Ich kann nämlich jetzt ins Flugzeug einsteigen und meinen Platz in der letzten Reihe einnehmen. Beim Starten und in den nächsten paar Minuten kann ich noch einen letzten Blick erhaschen, dann sind wir über einer geschlossenen Wolkendecke unterwegs in Richtung Oslo. Ich denke, ich bin der einzige, der eine Maske trägt. Erstaunlich, wie schnell man wieder in die alten Verhaltensmuster zurückfällt. Ny Alesund und Longyearbyen sind quasi maskenfreie Zonen, mit Möglichkeiten zur Ansteckung – siehe Nico – und trotzdem trägt niemand eine Maske. Auch in Oslo auf dem Flughafen sehe ich nur vereinzelt Masken.

Um kurz vor 5:00 Uhr erreichen wir Oslo. Hier trennen sich unsere Wege. Andreas und Cynthia verlassen den Flughafen, währen Nico, Ernst und ich weiterfliegen. Ein kurzer und kräftiger Handschlag, dann sind Cynthia und Andreas verabschiedet. Kurz und schmerzlos! Mit den anderen zwei geht es zumindest noch gemeinsam durch die Sicherheitskontrolle. Leider verliere ich dabei mein geliebtes Leatherman Tool, das ich blöderweise in eine meiner Plastikdosen im Handgepäck gepackt hatte. Ich ärgere mich sehr über mich, denn schließlich sind die Dinger ja nicht gerade billig, um nicht zu sagen sauteuer. Ernst und Nico machen sich auf den Weg nach München, wo Nico ca. 10 Stunden auf den Flug nach Münster warten muss. Er wird also erst gegen Abend in Münster sein, während ich am Nachmittag dort sein sollte, weil ich über Frankfurt fliege. Mein Flug ist erst um 9:50 Uhr und ich genieße die Annehmlichkeiten der SAS Lounge, die um diese Zeit fast menschenleer ist. Neben Kaffee trinken nutze ich die Zeit um am Blog zu arbeiten und bis ich mich umsehe, werde ich in Frankfurt wieder wach. So einen Flug von Oslo nach Frankfurt kann man vollständig verschlafen. Ich erinnere mich nicht einmal an den Start!

Frankfurt ist wie üblich geschäftig und ich muss mich etwas sputen, um von Gate A30 zu Gate A52 zu kommen. Das klingt erst einmal recht nahe. Das Problem ist, dass die Gatenumerierung im Finger mit A30 bei A42 aufhört. Man muss also den ganzen Finger bis in den Zentralbereich laufen und dann im anderen Finger bis zu A52. Vielleicht hat ja jemand an einen Tunnel zwischen den zwei Fingern gedacht, aber ich habe ihn heute Morgen nicht finden können. Ich komme dank flotten Schrittes ein paar Minuten zu früh am Gate an und kann erst einmal durchschnaufen. Soweit das mit Maske geht. Beim Einsteigen kriege ich einen Zettel an meinen Rucksack – ich soll ihn am Flugzeug abgeben. Als ich dem Mann sage, dass mein Rucksack voll mit Lithium-Akkus, Elektronik und Computer ist, meint er ich solle es rausnehmen. Ich weise ihn dezent darauf hin, dass ich dann zwar Einzelteile habe, der Platzbedarf aber deshalb nicht kleiner wird. Außerdem bin ich mit diesem Typ von Flugzeug schon zig Mal geflogen und weiß ganz genau, dass er in die Fächer passt. Genervt dreht er sich um und sagt ich solle das mit den Flugbegleitern regeln. Mache ich dann auch. Ich sage einfach nichts und die Flugbegleiterin spricht mich erst gar nicht auf meinen Rucksack an. Und siehe da, in den Fächern gibt es jede Menge Platz. Da hätte ich auch zwei oder drei Rucksäcke dabeihaben können. Problem gelöst, Zeit zu einem weiteren Power-Napping von ca. 30 Minuten, der Flugzeit zwischen FRA und FMO.

Das Gepäckband läuft an und die ersten Koffer erscheinen. Die gleichen Koffer laufen nach 10 Minuten noch immer im Kreis herum. Weitere Koffer sind nicht in Sicht. Das kann eigentlich nur eins bedeuten, dass mein Gepäck irgendeinen Umstieg nicht mitgemacht hat und jetzt irgendwo steht. Also stelle ich mich in die lange Schlange der Gepäckermittlung, denn es hat offensichtlich eine größere Anzahl an Passagieren erwischt. Als ich sage, dass ich einen schwarzen Seesack und eine rote Hartplastikbox vermisse, rollt der Angestellte mit seinen Augen, denn Seesäcke gibt es auf der Beschreibungskarte nicht. Wir einigen uns darauf das Stück als Rucksack zu bezeichnen. Die rote Kiste geht als Transportkiste durch, obwohl das Beispiel auf der Beschreibungskarte recht wenig mit meiner Box zu tun hat. Nachdem ich eine Zollerklärung unterschrieben und eine Telefonnummer hinterlassen habe, kann ich gehen.

Carolyn hat den Pathfinder im Parkhaus geparkt und hat mir die Nummer des Abstellplatzes und eine Wegbeschreibung geschickt. So ist es kein Problem, das Auto zu finden. Der Parkzettel liegt im Wagen und ermöglicht es mir zu zahlen. Stolze 87 Euro bin ich für die Zeit seit dem 5.7. los aber Carolyn meint, sie würde die Kosten übernehmen, weil sie nicht auf den billigeren Außenparkplätzen geparkt hat. Gegen 15:20 Uhr bin ich zuhause.

„Schön wars!“ habe ich zu Ernst und Nico beim Abschied gesagt und sie haben mir Recht gegeben. Es war eine gute Feldsaison mit einigen Aufregungen. Angefangen mit dem drohenden SAS Streik auf der Hinreise nach Longyearbyen, zahlreichen Eisbären, die uns manchmal ins Gehege kamen, einem lecken Motorboot bei dem der Motor nicht immer funktionierte, einer Hütte, die eigentlich nicht für fünf Personen geeignet ist, einem Covid-Fall im Team und schließlich dem drohenden SAS Streik auf der Rückreise von Longyearbyen, um nur einige zu nennen. Als Konstante hat sich wie in den Vorjahren das AWI-Team erwiesen. Kompetent, freundlich, hilfsbereit und einfach saugut! Es hat Spaß gemacht mit euch zu arbeiten und der Blog ist vielleicht auch eine gute Möglichkeit euch positives Feedback zu geben und Danke zu sagen. Aber das AWI-Team vor Ort ist natürlich nur die Spitze des Eisbergs. Ein dickes Dankeschön geht auch nach Bremerhaven! Ohne die AWI Unterstützung wäre die logistische Organisation solch einer Feldsaison um ein Vielfaches schwieriger und auch teurer für uns. Mir ist das erst bewusst geworden, als wir von der Kjærsvika-Hütte zurückkamen und Tommy in einem Nebensatz erwähnt hat „This is a lot of gas“. Ja, Recht hat er. Dabei geht es nicht nur um das Benzin, sondern auch um seine Arbeitszeit, die er darauf verwendet fünf halbwahnsinnige Wissenschaftler vom Ende der Welt abzuholen. Wir sollten es keinesfalls als Selbstverständlichkeit betrachten, dass wir auf derart großzügige Weise unterstützt werden. Darum gebührt dem AWI unser Dank für mehr als 10 Jahre Unterstützung. Ich wollte das hier einmal ganz explizit gesagt haben!

Der erste Blick auf die gewonnenen Daten ist vielversprechend. So konnten wir einen spektakulären Film unserer Erosionsstruktur über den Zeitraum von zwei Wochen erstellen, haben die Temperatur, Bodenfeuchte und Sonneneinstrahlung für einen mehr oder weniger identischen Zeitraum aufgezeichnet, haben die Bewegungen in Steinkreisen dokumentiert, mehr als 4 km Bodenradarprofile aufgenommen und mehrere hundert von Gbytes an Drachen- und Pole-Bildern mit der GoPro aufgenommen. Die Auswertung dieser Daten wird noch viele Monate in Anspruch nehmen und im September müssen wir bereits unseren Projektantrag für die Saison 2023 einreichen. Schließlich haben wir keinen Koffer in Berlin aber Nudelsuppen in Ny Alesund! Und diese Suppen löffle ich nur allzu gerne aus.

Was ist ein sicheres Zeichen, dass die Feldsaison in Spitzbergen vorbei ist und einem der Alltag wieder fest im Griff hat? Klar, man kann sagen, dass das Emailfach überquillt, die Telefonate wieder los gehen oder man ein permanentes schlechtes Gewissen hat, weil man wieder nur einen Bruchteil dessen geschafft hat, was eigentlich hätte erledigt werden müssen. Alles richtig aber für mich ist es der Wechsel der Armbanduhr. Meine quitschig rosafarbene Regattauhr verschwindet wieder in der Schublade und eine „normale“ Uhr ist wieder am Handgelenk.

So, das wars! Bis nächstes Jahr!

Fotos

Mein Feldbuch habe ich zur Sicherheit fotografiert. Sollte ich es verlieren, habe ich zumindest noch alle Informationen
Mein Feldbuch habe ich zur Sicherheit fotografiert. Sollte ich es verlieren, habe ich zumindest noch alle Informationen
© KOP 132 SPLAM
  • Wir warten auf unseren Flug nach Oslo
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  • Die Wartehalle des Flughafens in Longyearbyen
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  • Diese SAS Maschine wird uns nach Oslo bringen
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  • Steilkurve über dem Bjørndalen
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  • Die Antennenstation auf dem Platåberget
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  • Einer der letzten Blicke auf Spitzbergen im Jahr 2022
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  • Sonnenaufgang um 4:35 Uhr beim Landeanflug auf Oslo
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21.7.2022

Der Wecker ist heute auf 6:30 Uhr gestellt, denn es gibt noch viel zu tun! Mein erster Gang führt mich in die Dusche und auf dem Weg dorthin höre ich bereits Nico unter der Nachbardusche. Er ist also auch schon wach oder zumindest steht er unter der Dusche. Ich bin entweder weniger dreckig oder eben ein Stück kleiner als er, denn ich bin schneller wieder fertig als Nico. Bettlaken abziehen und die restlichen Dinge in die Rucksäcke verpacken steht als nächstes auf dem Programm. Da ich gestern Abend schon alles vorbereitet habe, geht das alles fix. Die Rucksäcke sind jetzt doch deutlich voller als bei der Anreise und das ist zum einen den Souvenirs und einigen gesammelten Steinen geschuldet und zum anderen den Wollsachen, die ich für mich selbst gekauft habe und die ein großes Volumen einnehmen. Mit etwas Drücken geht aber alles in die Rucksäcke. Noch einmal Glück gehabt. Staubsaugen und -wischen ist als nächstes dran! Auch das geht fix und hinterher schaut das Zimmer recht ordentlich und sauber aus, so dass der nächste Wissenschaftler hier sein Basislager aufschlagen kann.

Frühstück ist wie üblich um 7:30 Uhr. Ich nehme einen Teil meiner Ausrüstung gleichmit in das Service-Gebäude, weil von dort auch der Bus in Richtung Flughafen abfährt. Beim Frühstücken vertue ich mich und nehme mir Porridge in der Annahme es sei Milchreis. Ganz schlecht! Trotz Zimt schmeckt die Pampe wie eingeschlafene Füße. Ich kämpfe mich trotzdem durch und bin froh, als der Teller endlich leer ist. Für manchen Connaisseur mag der Bauschaum  aus der Tube ja eine Delikatesse sein, aber mein Ding wird das nie werden. Das steht so fest wie das Amen in der Kirche. Zum Glück gibt es auch Brot und Wurst und Käse. Verhungern wird man in Ny Alesund nie! Ich nutze die Frühstückszeit, um mich von einigen Leuten zu verabschieden. Dieses Jahr waren wir weniger gut in die lokale Gemeinde eingebunden als letztes Jahr. Das ist ja auch kein Wunder, wenn man bedenkt, dass wir mehr Zeit in Hütten verbracht haben und wir natürlich selbst eine größere Gruppe waren, die ihre eigene Dynamik entwickelt hat.

Um 8:30 Uhr, also eine Stunde bevor das Flugzeug Longyearbyen verlässt, müssen wir parat stehen und unser Gepäck wiegen und auf einen Anhänger verladen. Um Kosten zu sparen verteilen wir das Gepäck möglichst gleichmäßig auf alle Personen. Trotzdem wird wohl eine Rechnung bei mir ankommen, die Übergepäck ausweist. Das war aber absehbar und regt mich nicht weiter auf. Jetzt ist erst einmal die Luft raus, denn wir können nun nichts weiter machen als auf den ankommenden Flug zu warten. Ich bringe noch das Funkgerät und den Notfallsender in Isabelles Büro und lasse dort auch noch zwei Tafeln Schokolade zurück sowie einige Batterien, die ich nicht gebraucht habe. Zumindest auf einem kleinen gelben Notizzettel kann ich mich bei Isabelle nochmals bedanken. Kaffeezeit! Wir ratschen und verbringen die Zeit mit dem Stöbern von alten „Vi Menn“ Heften.

„Your flight has now arrived and you can go to the bus”. Dieser Satz kommt immer etwas zu früh und ich bin traurig Ny Alesund schon jetzt verlassen zu müssen. Jedes Jahr sage ich das und es ist jedes Jahr war. Von hier fortzugehen ist immer schwierig, wenn man diese Landschaft und Gemeinschaft liebt. Irgendwann werde ich aber meinen Traum wahr machen und hier überwintern. Auch das sage ich jedes Jahr! Und kaum ist man dann zuhause hat man nicht einmal die Zeit an sowas zu denken bzw. es vorzubereiten. So ist das eben mit Tagträumen!

Guillaume ist das offizielle Verabschiedungskomitee. Isabelle ist wie gesagt auf dem Zeppelinfjellet und Tommy ist mit dem Motorboot unterwegs. Das Leben geht eben auch ohne uns weiter. Zumindest sahen wir Tommy aber kurz und konnten uns verabschieden und bedanken. Guillaume händigt noch jedem von uns einen AWIPEV Aufnäher und Aufkleber aus, die das Blaue Haus und die Corbel-Station zeigen. Sehr schön und wir freuen uns sehr darüber! Auch Hadong treffen wir noch einmal und er überreicht uns seine Visitenkarte und einen Aufkleber, der einen Glyptonotus antarcticus zeigt. Was, Ihr wisst nicht was das ist? Unglaublich! Aber ehrlich gesagt habe ich auch nicht gewusst, dass es solche Tiere überhaupt gibt. Wikipedia macht einen natürlich schlauer und dort ist nachzulesen, dass es sich um einen sogenannten Isopoden-Krebs handelt, der 1852 zum ersten Mal von James Eights in der Antarktis vor den New Shetlands Inseln beschrieben wurde. Die Biester sind mit Läusen verwandt, werden aber bis zu 9 cm groß. Selten werden sie bis zu 20 cm groß und leben in der Gezeitenzone und in bis zu 600 m Tiefe.

Die Krankenschwester aus Ny Alesund fährt heute zum ersten Mal den Bus zum Flughafen. Wir erleben also eine Prämiere! Sie macht alles richtig und selbst das Rückwärtsfahren mit Anhänger meistert sie ohne Probleme. Kurze Zeit später landet dann auch schon das Flugzeug aus Longyaerbyen. Das Aus- und Einsteigen der Passagiere und das Aus- und Einladen des Gepäcks ist in Minuten erledigt und bevor wir uns umsehen, sind wir auch schon wieder in der Luft! Good-bye Ny Alesund – bis zum nächsten Jahr!

Die Flugroute führt uns genau über unsere Erosionsstruktur und ich kann ein paar Fotos schießen, bevor wir eine Wolke durchstoßen. Ausgerechnet gerade jetzt! Es ist zum Heulen und Ernst, der direkt hinter mir sitzt, äußert auch seinen Unmut und seine Enttäuschung. Kurze Zeit später ist der Blick wieder frei, da sind wir aber schon über „unser“ Gelände hinweg. Trotzdem haben wir keinen Grund zu klagen, denn die Wolkendecke ist löchrig und erlaubt immer wieder Ausblicke auf die Berge und Gletscher. Ich bin erneut geschockt, denn die Gletscher sind alle blau. Das heißt, der gesamte Schnee des letzten Winters ist bereits abgetaut und nun tut es das Eis. So verliert der Gletscher natürlich an Masse, weil im Winter zu wenig Schnee fällt, um den Verlust während des Sommers auszugleichen.

Der Flug ist ruhig aber viel zu kurz. Es ist immer spannend, Spitzbergen aus einer so niedrigen Flughöhe zu betrachten. Man kann viele glaziale und periglaziale Strukturen erkennen und von mir aus könnte der Flug mindestens eine weitere Stunde dauern. Wir fliegen den Flughafen von Westen aus an, landen und stehen kurz danach vor dem Flughafengebäude, um auf das Taxi zu warten, das uns zu unserer Unterkunft, das Gjestehuset 102, bringen wird. Es befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft der Coal Miners Cabins, wird aber von einer eigenen Firma betrieben. Vergleicht man die zwei Hotels, ist das 102 deutlich einfacher in der Ausstattung und hat eher den Charme einer Bergarbeiterunterkunft. Aber uns ist das egal, denn wir werden eh nur ein paar Stunden hier sein. Cynthia hat uns 4-Mann Zimmer gebucht und so schlafen wir fast so beengt wie in der Kjærsvika-Hütte. Allerdings haben wir hier den Luxus von zwei Stockbetten, so dass niemand am Boden schlafen muss. Unser Flug startet bereits um 2:25 Uhr und wir planen ein Taxi für 12:15 Uhr zu bestellen, um noch vor dem Bus am Flughafen anzukommen und somit an der Spitze der Schlange beim Einchecken zu sein. Es wird also eine so kurze Nacht, dass es völlig egal ist. Hauptsache man hat sein Gepäck trocken und sicher untergebracht, so dass man auch in die Stadt gehen kann.

Genau das machen wir dann auch. Auf dem Weg zum „Zentrum“ schauen wir uns die äußerst massive Schneeverbauung am Berg und die Schneemauer an, die Longyearbyen in Zukunft vor einer Wiederholung eines Lawinenunglücks schützen sollen. Da wurde und wird nicht gekleckert! Das macht auch Sinn, da im Jahre 2015 bei einem Lawinenabgang zwei Menschen getötet wurden und es 2017 bei einem erneuten Abgang größeren Sachschaden gab. Neben der Schutzfunktion hat die Mauer, die eigentlich ein großer Erdwall ist, einen weiteren Vorteil. Sie ist begehbar und man hat von dort aus einen schönen Überblick über Langyearbyen, den ich natürlich zum Fotografieren nutze.

In unserem Stammcafé im Lompen Kaufhaus gibt es einen Kaffee und ein Thunfischsandwich zum Mittagessen. Neben dem Essen kann ich auch gleich meine Postkarten schreiben und ein kurzer Sprint über die Straße ins Postamt bringt dann auch die ersehnten Briefmarken. Ernst schreibt auch eifrig seine Karten und schließlich enden sie alle im Briefkasten. Erledigt. Cynthia und Andreas wollen anschließend ins Museum. Da der Rest der Mannschaft es bereits kennt, gehen wir zurück zum Gjesthuset und verbringen den Nachmittag entweder mit schlafen oder arbeiten. Ich glaube es ist klar, welcher Beschäftigung ich nachgegangen bin. Immerhin schreibt sich der Blog nicht alleine! Zwischendurch checke ich bei SAS ein und ändere meinen Sitzplatz auf einen Fensterplatz anstatt den zugewiesenen Gangplatz. Vielleicht kann ich ja noch ein paar schöne Motive erhaschen. Ansonsten bereite ich mich seelisch und moralisch auf einen der letzten Höhepunkte dieser Reise vor. Unser Abendessen in der Kroa-Bar. Eine Speisekarte brauche ich sicher nicht mehr. Es werden zwei Mack Biere und ein Elchburger werden. Eine Tradition ist eine Tradition, ist eine Tradition! Ich verlasse die Bar vor den Anderen, weil heute Carolyns Verleihung des Angioletta Coradini Preises ist, an der ich unbedingt teilnehmen möchte. Leider klappt das aber aufgrund von technischen Problemen nicht und ich bin erstens frustriert und zweitens ärgerlich. Ich wäre sehr gerne dabei gewesen, auch weil ich den Preis vor zwei Jahren erhalten habe und wir vermutlich das einzige Ehepaar sind, das den Preis bekommen hat. Um 8:30 Uhr liege ich im oberen Stockbett und mache meine Augen zu.

Fotos

Einer der Löwen am Eingang zur chinesischen Station
Einer der Löwen am Eingang zur chinesischen Station
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  • Prins Heinrichøya Insel mit Colettgogda im Hintergrund
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  • Erstaunlich, was sich im Außenspiegel des Busses zum Flughafen so alles findet
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  • Im Inneren der Do 228
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  • Robuste Technik
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  • Unser Untersuchungsgebiet: Die Lateralmoräne des Kongsvegen Gletschers.
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  • Schutt, der auf das Gletschereis gerutscht ist
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  • „Leicht verfremdetes“ Bild vom Flug nach Longyearbyen
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  • Im Landeanflug auf Longyearbyen
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  • Die Piloten hatten alles unter Kontrolle!
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  • Das Gjesthuset 102 war unser Domizil für ein paar Stunden
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  • Auch das gibt es in Longyearbyen – eine Schule
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  • Der Kindergarten
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  • Das nenn ich Wollgras!
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  • Die massive Lawinenmauer
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  • Typisch Norden – knallbunte Häuser
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20.7.2022

Bleiern! So fühle ich mich, als der Wecker um 7:00 Uhr anfängt mich aufzuwecken. Ich brauche heute eine etwas längere Anlaufzeit, denn die Motivation ist jetzt viiiieeeel niedriger als in den letzten zwei Wochen, in denen wir unsere Feldarbeit durchführen konnten. Heute ist dagegen nur Packen auf dem Programm. Ist ja gut, ich stehe ja schon auf! Nachdem ich mein Rollo hochgemacht habe, bestätigt sich meine Stimmung. Bleierner grauer Himmel über bleiernem grauen Fjord! Und auch die Leute, die bereits auf der Straße zu sehen sind bewegen sich heute bleierner und schlurfen nur langsam zur Kantine. Ich schlurfe mal mit. Ernst schlurft auch mit. Von den Anderen ist weit und breit nichts zu sehen. Schlafen noch selig!

Meine hellseherischen Fähigkeiten haben mich nicht verlassen! Zum Frühstück gibt es frisches Obst: Bananen, Äpfel, Birnen, Mango, Melone, Cantaloupe, Erbbeeren, Blaubeeren, Himbeeren und Ananas. Da ist für jeden was dabei oder eben alles. Es schmeckt herrlich, ist aber mit unseren Nudelsuppen nur bedingt vergleichbar.

Ernst und ich unterhalten uns beim Frühstück mit einer Botanikerin aus Südkorea, Yoo Kyung Lee und ihrem Techniker. Beides sehr freundliche und angenehme Leute. Es ist dieses Jahr tatsächlich das erste Mal, dass wir dem koreanischen Team in Kontakt kommen. Bisher waren sie immer extrem zurückhaltend. So erfahren wir z.B., dass der Techniker Hadong mehr oder minder direkt aus der Antarktis hierher nach Spitzbergen gereist ist. Er prahlt damit aber nicht, sondern erzählt es in einer sehr unaufgeregten und bescheidenen Art. Ein wahrer Polarforscher, nicht so Teilzeitforscher wie wir! Generell stellt sich schnell heraus, dass die Koreaner viel besser vorbereitet sind als wir. So hat Yoo Kyung Visitenkarten für uns parat und schenkt uns sogar zwei ihrer Bücher über die Pflanzenwelt Spitzbergens. Danke, wir haben uns riesig darüber gefreut! Vielleicht hat ja das Eis gebrochen, dass ich vor ein paar Tagen dem koreanischen Team angeboten habe, von ihnen ein paar Gruppenfotos zu machen. Einmal mit der Amundsen-Büste und eines vor dem roten Gebäude mit der koreanischen Forschungsstation Dasan, die sich im linken Teil befindet. Der deutsch/französische Teil Rabot belegt die rechte Hälfte des Gebäudes. Ein wahrlich internationaler Ort. Wie auch ganz Ny Alesund. Man kann sich also schon fragen, warum es hier im Kleinen sehr gut funktioniert friedlich gemeinsam zu leben und man es dann nicht schafft, es auch im Großen umzusetzen?

Als die Anderen schließlich doch noch kommen ist unsere erste Entscheidung, dass wir mit dem Packen der Kisten noch warten. Erstens sind wir noch müde und zweitens soll Nico heute aus der Isolation dürfen und er kann dann den ganzen Papierkram erledigen. Als ich ihm das Frühstück bringe macht er gerade seinen Covid-Test, der nun Gott sei Dank negativ ist. Somit hat Nico Corona fürs erste überstanden und ist wieder voll einsatzfähig. Ich arbeite am Daten kopieren, Blog organisieren, Feldbuch aktualisieren und vielen anderen Kleinigkeiten die gemacht werden müssen. Die Zeit vergeht wie im Flug und schon ist es 10:30 Uhr. Wir wollten uns jetzt eigentlich zum Packen der Kisten treffen, aber die bleierne Zeit fordert auch hier ihren Tribut. Andreas und Cynthia sind verschwunden und wir erfahren später, dass zumindest Andreas direkt nach dem Frühstück sich wieder schlafen gelegt hat und erst durch unsere Rufe zum Mittagessen wieder wach wurde.

Wie jedes Jahr verwandelt sich das Rabot-Gebäude in Windeseile in einen Handgranatenwurfstand, also sprich das völlige Chaos. Nico und ich sind darin Meister. Ich fange damit an, eine unserer Kisten zu reparieren, die doch im Laufe der Jahre stark gelitten hat. Ich muss einen Verschluss frisch einnieten, was eigentlich eine Sache von ein paar Minuten ist. Leider steckt in der Nietenzange eine alte Niete so fest, dass ich die Zange auseinanderbauen muss, um alles wieder funktional zu machen. Dann geht es aber zack zack und schon ist die Kiste wieder verschließbar. Bei den Kisten müssen zunächst alle Adressaufkleber erneuert werden und dann wird schön nach den vorhandenen Packlisten unsere Ausrüstung in die jeweils vorgesehene Kiste verpackt. Unsere Routine kommt hier zum Tragen und die Arbeit geht uns eigentlich ganz gut von der Hand. Tommy würde die Pack- und Frachtlisten gerne auch in digitalem Format bekommen. Für Nico ist das ein Klacks, weil er alles schon sehr gut vorbereitet hat. Unterbrochen werden unsere Aktivitäten nur durch einen der wichtigsten Termine am Tage, dem Mittagessen. Ich esse Köttbullar, Fisch und Reis. Jetzt ist auch eine gute Gelegenheit, die Wäsche aus dem Trocknerraum zu holen. Ich habe viele der vom AWI ausgeliehenen Sachen gewaschen und kann sie nun sauber zurück geben.

Gut satt geht es zurück an die Arbeit. Nachdem alle Ausrüstung dort ist wo sie hingehört, muss noch das Essen sortiert werden. Ich sortiere alle Dinge aus, die vor unserem nächsten Besuch ablaufen bzw. schon angebrochen sind. Der Rest kommt in eine Kiste und wird hier eingelagert werden. So brauchen wir im kommenden Jahr nicht so viel zu verschiffen. Waren, deren Verfallsdatum vor unserer Rückkehr liegt, geben wir an Tommy zur Verwendung auf den Hütten. Eine große Schachtel Haribo, Schokolade, Hanutas, Fischkonserven, Kaffee und vieles mehr wird so einem guten Zweck zugeführt. Wäre ja auch wirklich zu schade, wenn wir die einwandfreien Lebensmittel wegschmeißen müssten. Mit Tommy machen wir auch aus, dass er sich um das Einlagern aller Kisten in den Container – mit Ausnahme der Essenskiste - kümmern wird. Mit Isabelle besprechen wir, dass unsere AWI „Seesäcke“, die eigentlich große Reisetaschen sind, verplombt in den Speicher kommen. Arbeitsteilung also! Der nächste Container in Richtung Bremerhaven wird Ny Alesund nicht vor Oktober oder November verlassen, denn mit dem großen Frachter ging auch ein AWI-Container auf Reisen. Wir haben also buchstäblich das Boot verpasst. Jetzt können wir nur hoffen, dass unser Material rechtzeitig in Bremerhaven ankommt, bevor wir es wieder verschiffen müssen. Es ist total verrückt aber aus zollrechtlichen Gründen ist es nicht möglich, unsere Ausrüstung für mehr als 1,5 Jahre in Ny Alesund zu lassen. Um wieviel stressfreier wäre das!

„Sabrina“ ist heute aus dem Wasser gekommen und steht auf einem Trailer vor dem Rabot-Gebäude. Aus ihr laufen große Mengen an Wasser und es wird sicher keine leichte Aufgabe werden, das Leck zu finden. Tommy vermutet vier Klappen am Heck des Bootes, die undicht sein könnten. Ich hoffe, es ist nichts Schlimmeres, denn „Sabrina“ ist das ideale Boot für unsere Zwecke und es wäre schlecht, wenn es sie nächstes Jahr nicht mehr geben würde.

Zwischendurch gehe ich nochmal an den Hafen runter, um den bleiernen Fjord zu fotografieren. Der Weg führt am Laden vorbei, der überraschenderweise geöffnet ist. Okay, es liegt ein kleines Kreuzfahrtschiff im Hafen und wenn ich hier klein sage, dann meine ich das auch so.Ich sehe lediglich eine Handvoll Touristen in Ny Alesund, was mich vermuten lässt, dass diese Kreuzfahrt eher am oberen finanziellen Spektrum angesiedelt ist. Mir egal, Hauptsache der Laden hat geöffnet, denn ich habe mir überlegt noch eine schöne Devolo Wolljacke zu kaufen.

Dann bringe ich noch ein paar Kleinigkeiten aus meinem Zimmer ins Rabot-Gebäude, damit sie in die Kisten verpackt werden können. Mittlerweile sind unsere vier Kisten ordentlich in einer Ecke gestapelt und das Chaos hat sich in Luft aufgelöst. Ich habe sogar den Raum gefegt! Um den Blog muss ich mich auch noch kümmern und so fange ich schon einmal an, was aufs Papier zu bringen, bzw. in den Computer einzutippen. Irgendwann schaue ich auf die Uhr und wie ein Blitz zuckt es durch meinen Körper. Es ist 17:25 Uhr! Abendessen hat um 16:50 Uhr begonnen und jetzt heißt es die Beine in die Hand zu nehmen. Wer hätte das gedacht, dass man sich an einem solch bleiernen, langsamen Tag noch hetzen muss? Tatsächlich ist schon alles weggeräumt, als ich in der Kantine ankomme. Mein Glück ist, dass mich die nette Küchenhilfe fragt, ob ich das Abendessen verpasst hätte. Sie hat offensichtlich meine hektische Suche nach etwas Essbaren bemerkt und meint ich könne mir ruhig etwas vom Essen der Leute nehmen, die ein „Late Dinner“ bestellt haben. Es sei reichlich Essen da. Das ist doch genau die Information, die ich hören wollte und herzlichen Dank an die Küchenfee, die mich gerettet hat. Es gibt Roastbeef mit Kartoffeln. Sehr gut! Ich bin übrigens nicht der Einzige mit einem Essensproblem, denn Nico verpasst das Abendessen tatsächlich völlig. Er ist es wohl noch gewohnt, dass ihm jemand das Essen aufs Zimmer bringt. Die Zeiten sind aber seit ein paar Stunden vorbei!

Nach dem Abendessen geht es mit Packen weiter. Dieses Mal sind meine Privatsachen in zwei Rucksäcken zu verstauen. Dadurch, dass ich einen dicken Pulli und die Wolljacke gekauft habe, muss ich nun genauer packen als bei der Anreise. Aber ich denke, dass ich alles unterbringen werde, wenn ich morgen die letzten Dinge einpacke. Die rote Box mit Messgeräten ist auch schnell verpackt und so bin ich eigentlich reisefertig.

Den Tag lassen wir zunächst im Blauen Haus ausklingen, wo Nico sein letztes Bier brüderlich mit mir teilt. Isabelle teilt uns mit, dass sie morgen auf den Zeppelinfjellet geht und daher nicht bei unserer Abreise da sein wird. Ich nutze die gute Gelegenheit um ihr zu sagen, dass wir sehr sehr dankbar für das sind, was sie und ihr Team für uns getan haben. Wir durften das Motorboot ausleihen, wurden den langen Weg zur Kjærsvika-Hütte zuerst hingebracht und auch wieder abgeholt, durften uns Waffen und andere Ausrüstung ausleihen, um nur einige Dinge zu nennen. Auch mit KingsBay hat Isabelle die Buchungen korrigiert, die ja fällig wurden, als Nico länger als geplant in Ny Alesund untergekommen war. Darüber hinaus wurde uns so manch ungeschickter Fehler verziehen, so z.B. wenn wir mal wieder vergessen haben, uns über Funk zu melden sobald wir am Untersuchungsgebiet ankamen. Isabelle, Tommy, Guillaume und Yohann, vielen Dank für alles! Ihr seid ein fantastisches Team und wir freuen uns schon jetzt darauf, euch im nächsten Jahr wiederzusehen!

Der zweite Teil des Ausklangs findet in der Kantine statt, wo wir nach alter Tradition noch einen Happen essen. Es gibt „Kaviar“ und Makrelen aus der Tube! Dazu natürlich Brot und Kaffee. Und obendrauf drei HobNobs. Dann sind wir aber endgültig bettschwer.

Fotos

Das Salzwasser muss runter von den Überlebensanzügen
Das Salzwasser muss runter von den Überlebensanzügen
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  • Ein kleines Kreuzfahrtschiff schleicht durch den Fjord
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  • Die 1909 in Berlin gebaute Lokomotive der Kohleeisenbahn
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  • Das neue Dock nimmt Gestalt an. Nächstes Jahr werden wir es voll genießen können
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  • Am Kai von Ny Alesund
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  • Ein bleierner Fjord. Graues Wetter und kein Windhauch
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  • Man kann die Trägheit förmlich spüren
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  • Auch die Möwe war zu faul, um wegzufliegen
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  • Wie in Münster – nur dass es hier keine roten Fahrradwege gibt
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  • Keine Sorge, wir haben das Chaos voll unter Kontrolle
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19.7.2022

Auch heute wird es wohl ein anstrengender Tag werden, denn wir müssen das Motorboot aus Ny Alesund holen, die Datenlogger im Gelände abbauen, die Hütte säubern und schließlich alles Gepäck und uns selbst nach Ny Alesund bringen. Full throttle!

Dennoch lasse ich den Tag in aller Ruhe angehen. Wie üblich bin ich der erste, der gegen 7:30 Uhr anfängt Frühstück für die gesamte Mannschaft vorzubereiten. Es ist schon erstaunlich, wie schnell sich in einer Gruppe Routinen einspielen. Andreas kocht das Abendessen, Ernst spült meist ab, ich mache Frühstück und Cynthia hilft wo immer Not am Manne ist. Das funktioniert ohne große Diskussion und völlig problemlos. Ich bin bereits mit meinem Frühstück fertig, als Ernst unser Wohnzimmer betritt. Wir hatten gestern noch besprochen, dass Ernst und ich heute Morgen nach Ny Alesund laufen sollen, um das Boot abzuholen. Um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, mache ich mich auf meine „Guten Morgen Tour“. Andreas ist bereits wach und auch von Cynthia kommt ein leises „Ja“. Kurze Zeit später sind wir alle um den Tisch vereint, um den Tag zu planen.

Ernst hält es für besser, die Gruppe zu teilen und ich gebe ihm Recht. Während wir das Boot holen, sollen Andreas und Cynthia bereits anfangen, die Hütte zu bearbeiten. Anstatt sie dann abzuholen, wollen wir lieber direkt von Ny Alesund aus ins Untersuchungsgebiet fahren, um dort alles zu erledigen. Erst dann wird die Abholung stattfinden.

So machen sich Ernst und ich auf den Weg. Hatte ich vor ein paar Tagen noch geschwärmt, wie schön die Wanderung sei, finde ich sie heute eher nervig, denn ich will möglichst schnell das Boot abholen und ins Gelände. Da heben die zwei Flussüberquerungen auch nicht gerade meine Laune. Denn wir müssen jedes Mal unsere Schuhe ausziehen und durchs kalte Schmelzwasser laufen, bevor wir auf der anderen Seite die Stiefel wieder anziehen können. Dadurch verlieren wir natürlich viel Zeit. Denn erstens müssen wir uns eine Stelle aussuchen, wo die Wassertiefe eine sichere Überquerung ermöglicht und zweitens müssen wir den feinen Sand zwischen unseren Zehen entfernen und unsere Füße trocknen, bevor wir wieder in die Stiefel steigen können. Das Ganze muss in der Regel halbwegs balancierend erfolgen, da man ja mitten auf einem Schwemmkegel steht wo die Füße sofort wieder dreckig und sandig werden sobald man sich mit nassen Füssen hinstellt. Ich trage Schwimmschuhe, die relativ geschlossen sind und dennoch schaffen es die Flüsse jede Menge Feinsand in meinen Schuhen zu deponieren obwohl wir nur wenige Minuten im Wasser sind. Kurz, die Prozedur dauert seine Zeit, die wir heute nicht haben und wiederholt sich wie gesagt spätestens am zweiten Fluss. AAARRRGGGHHHH! Wenigstens führt der dritte Fluss so wenig Wasser, das wir antilopen-gleich über die vielen Verzweigungen springen können. Oder wie heißt das Tier mit dem Rüssel? Nur gut, dass uns niemand zuschaut! Einen letzten Schrecken versetzt uns ein Rentier, das am Strand vor der Prins Heinrichøya Insel grast und das wir aus der Ferne nicht als solches erkennen können. Wir befürchten, es könnte sich wieder um den Eisbären handeln, der in den letzten Tagen mehrmals auf dieser Insel gesehen wurde. Wir gehen dem sich bewegenden Etwas zur Sicherheit aus dem Weg, aber schließlich wird uns klar, dass es sich nicht um einen Eisbären handelt. Vorbei am Kohleminenschrott geht es somit direkt nach Ny Alesund.

Wir laden unsere Ausrüstung zuerst in Goupil und dann in „Polar Tomato“ und ich hole noch einen Ersatzkanister Benzin. Während Ernst das Elektroauto zurück bringt, habe ich genügend Zeit zu beobachten, wie ein Containerfrachter an der Pier entladen wird. Neben Baumaterialien, wissenschaftlichen Experimenten und sonstigem Zeug des alltäglichen Lebens, kommt mit dem Frachter einmal im Monat auch frisches Essen. Statt Obst aus der Büchse ist also in den nächsten Tagen wieder mit Frischobst in der Kantine zu rechnen. Das Ausladen geschieht recht flott und der große Radlader brettert mit affenartiger Geschwindigkeit durch die Stadt.

Die See ist heute relativ ruhig, da im Vergleich zu gestern lediglich 2-3 Windstärken herrschen, die nur eine kleine Welle aufbauen. Mit nur zwei Mann im Boot und wenig Gepäck ist das absolut kein Problem. Lediglich auf die kleinen Eisberge muss man höllisch aufpassen, da sie im roten Wasser nur schwer sichtbar sind. Aber wir können allen ausweichen und kommen schnell und fast trocken am Strand des Untersuchungsgebietes an.

Oberste Priorität hat nun die Befliegung mit dem Drachen, denn laut Wetterbericht soll der Wind bald einschlafen. Der Drachen fliegt heute halbwegs ruhig aber in Böen schert er nach rechts bzw. links aus. Mir gelingt es unsere Erosionsstruktur gut zu befliegen und kann auch noch jene des Vorjahres und die „kleine“ Erosionsstruktur direkt unterhalb der unsrigen fotografieren. Beim Einholen der Drachenschnur nach ca. 30-40 min legen wir einen spektakulären Crash hin. Der Drachen schert einmal kurz nach links aus, um dann nach rechts abkippend in den Sturzflug zu gehen. Die Kamera schlägt dabei sehr hart auf dem Boden auf und ein Bein der Kameraaufhängung wird stark verbogen. Aber es mach genau das, für was es gedacht war, die Kamera zu schützen. Die GoPro hat den Absturz gut überlebt und ich bin schon gespannt, wie dieser Absturz im Film aussehen wird. Insgesamt hat also alles bestens funktioniert und wir haben unsere Daten im Kasten. Haken dahinter und weiter geht es!

Unsere Erosionsstruktur am 6.7.2022 im Verlgleich zum 17.6.2022
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Als nächstes sind die Pole-Bilder an der Reihe. Diesen Job übernimmt Ernst. Er wandert mit der an einer Stange montierten GoPro der Abbruchkante unserer Erosionsstruktur entlang und produziert damit hochauflösende Bilder. Ich lese inzwischen die Daten der temporären Loggerstation aus. Wir hatten ja am 7.7. zwei Temperaturfühler in ca. 50 und 70 cm Tiefe und zwei Fühler zur Bodenfeuchte in ca. 10 und 30 cm Tiefe vergraben. Zusätzlich haben wir eine Photozelle installiert, die uns die Energiemenge der Sonne gibt. Der erste Blick auf die Daten ist vielversprechend und nachdem ich alles gesäubert und verpackt habe, kann ich Ernst helfen, der damit begonnen hat unsere Markierungspunkte einzusammeln. Jedenfalls jene, die nicht in den Schlamm fielen und somit verloren sind. Dabei mach ich mir auch Gedanken über die Langzeit Datenlogger. So rasant sich hier gerade die Landschaft verändert, bin ich mir nicht mehr sicher, dass ich sie an einer guten Stelle vergraben habe. Es könnte durchaus sein, dass sie bis nächstes Jahr in einem Schlammstrom verloren gehen. Dann müsste ich nur ca. 5-6 Jahre warten, um sie wiederzufinden, wie den Teil meines Stativs, der damals einem Schlammstrom zum Opfer fiel und den wir dieses Jahr wiedergefunden haben. Eine gute Seitenmoräne verliert nichts!

Auch die orangen Fähnchen müssen wir noch einsammeln und zu guter Letzt will Ernst auch noch eine Schlammprobe nehmen. Wir haben also gut zu tun und bis auf einen Schluck Tee ab und an und ein Stück Schokolade, haben wir keine Zeit um eine Mittagspause einzulegen. Es bleibt aber genügend Zeit, um ab und zu einen Blick auf das Kreuzfahrtschiff zu werfen, das sehr nahe am Kronebreen direkt an der Coletthogda liegt. Da sitzen die Passagiere in der ersten Reihe!

So, rein in unsere Überlebensanzüge und dann nichts wie weg. Es ist schon später Nachmittag und wir haben ja noch immer den Hüttenputz vor uns. Unsere Hoffnung ist natürlich, dass die Anderen damit bereits gute Fortschritte gemacht haben. Die Fahrt zur Corbel-Hütte ist noch angenehmer als unsere Hinfahrt, denn der Wind ist tatsächlich wie angekündigt eingeschlafen und der Fjord liegt ganz ruhig in seinem Bett. Leider wird unsere Hoffnung auf eine mehr oder weniger abfahrtbereite Hütte nur teilweise erfüllt. Es heißt also nochmal Gas geben. Meine Sachen sind schnell verpackt und mein Zimmer ist ebenfalls in ein paar Minuten gesäubert. Jetzt liegt noch die Reinigung der Haupthütte an. Andreas kümmert sich um den Müll, Ernst spült wie üblich und Cynthia und ich finden auch genug zu tun. Ich fege die Hütte und wische alle Oberflächen sauber und bis ich mich umschaue, ist unser ganzes Gepäck auf den drei Transportkarren verladen und bereit an den Strand gebracht zu werden. Noch schnell das Gas abdrehen und den Strom abschalten. Fertig! Bis nächstes Jahr, Corbel-Hütte. Du hast uns wie immer sehr gute Dienste erwiesen und wir sind froh, dass das AWIPEV diese Hütte besitzt und wir sie problemlos für uns nutzen können. Ganz abgesehen davon, dass sie in einem sehr guten Zustand ist. Anders als viele anderen Hütten ist sie nicht geschützt und kann daher laufend in Stand gesetzt bzw. renoviert werden. Benedict, einer der Arbeiter an der Kjærsvika-Hütte hat uns erzählt, dass bei den geschützten Hütten der Wille zur historischen Erhaltung sehr oft einer grundlegenden Renovierung im Wege steht. So ist z.B. noch nicht sicher, welche Maßnahmen zur Erhaltung der Kjærsvika-Hütte bei der Renovierung tatsächlich umgesetzt werden können. Es gibt offensichtlich die Meinung, das verfaultes Holz nicht ersetzt werden sollte. Und auch die Außenseite muss mit Dachpappe verkleidet werden, so wie es schon immer war. Letztlich kann das dazu führen, dass immer mehr Hütten in einem schlechten Zustand sind, für die Nutzung unbrauchbar werden und irgendwann verfallen.

Schwer beladen mit vier Personen und deren Gepäck pflügt sich „Polar Tomato“ in Richtung Ny Alesund. Im Hafen angekommen, muss ich feststellen, dass unsere Box belegt ist. Ich finde eine freie Box und wir legen dort an, um unser Gepäck auszuladen. Als ich mich per Funk melde, dass wir wieder gut im Hafen angekommen sind, frage ich auch gleich nach, ob wir in dieser Box liegen bleiben können. Tommy ist in ein paar Minuten unten am Hafen. Währenddessen tanke ich „Polar Tomato“ voll und klariere alles, so dass es ordentlich ist. Das gehört auch zu guter Seemannschaft und ist auch eine Selbstverständlichkeit demjenigen gegenüber, der das Boot als nächstes nutzen wird. Nach kurzer Diskussion soll ich das Boot doch in eine andere Box bringen. Da alle mit dem Verstauen von Gepäck in Goupil beschäftigt sind, mache ich es eben alleine. Die Manöver funktionieren nach zwei Wochen Übung alle wie geschmiert und so ist es ein Leichtes das Boot umzuparken.

Als Abschluss des Arbeitstages nehmen sich Ernst und ich noch die Reinigung der Waffen vor.  Es sind die zwei Gewehre und die zwei Signalpistolen zu reinigen. Auch darin sind wir zwar keine Experten aber immerhin gut eingespielt, so dass die Waffen alle blitzen und funkeln. Isabelle kommt zufällig vorbei und freut sich darüber. Sie hat sicher keinen leichten Job immer auf die Pflege und den Umgang mit der Ausrüstung und den Waffen hinzuweisen. Auch wir müssen uns da manchmal an die eigene Nase greifen!

Gefühltes 45 °C warmes Wasser prasselt auf mich herab. Das Ding, das mich nass macht, heißt „Dusche“ und ist nach dem Rad und dem Deostick vermutlich die wichtigste Erfindung der Menschheit. Jedenfalls fühlt es sich herrlich an! Allerdings kann ich nicht allzu lange darunter bleiben, weil heute noch Großwäsche angesagt ist und ich langsam aber sicher auch Hunger bekomme. Ich will heute meine ganze Ausrüstung waschen, inklusiver der AWI Ausrüstung, so dass alles sauber und trocken für die Heimreise bzw. die Verschiffung verpackt werden kann. Das wird dann aber die morgige Aufgabe sein. Zum „Late Dinner“, zu dem wir uns wohlweißlich angemeldet haben gibt es Hackbraten, Kartoffelpüree und Salat. Danach noch eine Tasse Kaffee mit Keksen und schon ist die Welt wieder rosig. Gekrönt wird dieser arbeitsreiche Tag durch ein „Nordlands Pils“ mit einem Wikingerboot auf der Büchse.

Nico hat während unserer Abwesenheit seine Covid-Erkrankung kuriert und darf ab morgen wieder mit uns spielen. Um die letzten Stunden in Isolation möglichst effektiv zu gestalten, gebe ich ihm schon mal alle meine SD-Karten, um die Daten zu kopieren und zu sichern. Die Zeitrafferkamera hat 5721 Bilder aufgenommen und Nico hat schon damit begonnen daraus einen Film zu generieren, um die Entwicklung der Erosionsstruktur besser verstehen zu können. Auch die ganzen GoPro Filme hat er bekommen und ich erwarte natürlich bis spätestens morgen fertige 3D-Modelle zu sehen. Nein, das ist natürlich nur ein Witz, denn die Prozessierung aller Daten dauert sicher mehrere Wochen, wenn nicht Monate. Nico, entspann Dich! Mach Dir keinen Stress!

Fotos

Unsere Erosionsstruktur am 6.7.2022
Unsere Erosionsstruktur am 6.7.2022
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  • Unsere Erosionsstruktur am 17.6.2022. Deutlich erkennbar sind die großen Unterschiede im Vergleich zum Bild vom 6.7.2022
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  • Da ist sie schon wieder, die letzte Nudelsuppe der Saison. Ich habe Hühnchen Geschmack gewählt
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  • Auf dem Weg von der Corbel-Hütte nach Ny Alesund ergeben sich neue Ausblicke
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  • Alte Gletscher – neue Perspektiven
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  • Goupil – mehr sage ich nicht
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  • Die Messstation am Gipfel des Zeppelinfjellet
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  • Der Kronebreen Gletscher fließt um Coletthogda
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  • Fließstrukturen im Schlamm
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  • Der Drachen mit darunter hängender Kamera ist im Einsatz. Sehr schön zu sehen ist auch wie nass und schlammig das Gelände ist
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  • Die kleine Erosionsstruktur, die innerhalb von ein paar Tagen zu einer großen wurde. Ursprünglich war die Abbruchkante dort, wo man jetzt die kleine Insel sieht
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  • Ernst beim sammeln einer sehr feinkörnigen Probe
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  • Wir sind abmarschbereit von der Corbel-Hütte
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  • Roald Amundsen (1872-1928). Auf vielen Bildern und auch bei dieser Büste schaut er immer viel älter aus, aber tatsächlich wurde er nur 56 Jahre
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  • Amundsen-Büste und das Blaue Haus, die AWIPEV Station. Ich habe das Zimmer oben links bewohnt, wie auch letztes Jahr. Nico ist oben rechts untergekommen
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18.7.2022

Ich werde vom Geheule des Windes wach, der um die Hütte weht. Auch habe ich gestern mein Rollo nicht ganz geschlossen, um nicht zu verschlafen. Es ist 8:02 Uhr und die Sonne scheint. Da fällt der „Sprung“ aus dem Schlafsack nicht schwer. Vorausgesetzt man kriegt diesen Reißverschluss auf. Der sich irgendwie immer genau so hindreht, dass man darauf schläft. Der Blick auf den Fjord bestätigt unsere gestrige Entscheidung das Motorboot besser nach Ny Alesund zurück zu bringen. Der Fjord ist übersäht mit Schaumkronen und großen Wellen, die ärgerlich gegen das Ufer branden. Weder der Anker hätte diesen Kräften vermutlich widerstehen können, noch hätten wir das Boot bei diesen Bedingungen nutzen können. So kann ich mir das Spektakel völlig sorgenfrei anschauen und genießen. Ich kann mich nicht erinnern jemals in unserer ganzen Spitzbergenzeit einen so starken Wind erlebt zu haben. Der Nachteil dieses Windes ist, dass wir genau gegen die Windrichtung marschieren müssen, um ins Untersuchungsgebiet zu gelangen. Da selbst Kühe bei so einem Wind vom Deich fliegen - so sagt man wenigstens – werden wir im Untersuchungsgebiet sicher auch unsere Probleme haben, denn es ist dort sehr ausgesetzt.

Aber erst einmal Kaffee! Die Anderen sind noch im Koma und die Hütte gehört mir heute Morgen ganz alleine. Ich mache mir meine Tasse italienischen Lavazza Espresso, die ich schlürfe, während die asiatische Nudelsuppe zieht. Dazu gibt es CO2-neutrales Knäckebrot aus Schweden und vermutlich weniger CO2-neutrales Frühstücksfleisch aus Deutschland. Die Ruhe ist herrlich! Lediglich das Heulen und Rattern des Windes sind zu hören. Ich genieße diese Momente der Einsamkeit immer und kann in Ruhe vor mich hindenken, langsam wach werden und mich auf den Tag vorbereiten. Nicht dass wir sonst beim Frühstücken viel labern würden. Wir sind meist eh eher einsilbig und wortkarg unterwegs. Aber die Ruhe des Alleinseins ist trotzdem noch etwas Anderes.

Cynthia ist heute die nächste, die in unsere Wohn-, Esszimmer, Küchenkombination kommt. Ich schlage vor auch die Anderen zu wecken und nach ein paar Minuten sitzen wir an einem Tisch. Wie vom Wetterdienst vorhergesagt, nimmt der Wind weiter zu. Aber es ist sehr schönes Wetter und ich brenne darauf ins Gelände zu kommen.

Zunächst checken wir aber die am Strand abgelegten Überlebensanzüge. Sie sind mit Steinen beschwert und bisher konnte der Wind ihnen nichts anhaben. Wir legen trotzdem noch mehr Steine darauf. Sicher ist sicher! Beim Betrachten der Wellen bin ich mit mir sehr zufrieden, dass ich bezüglich des Bootes die richtige Entscheidung getroffen habe.

Auch bei der Morgentoilette macht sich der Wind negativ bemerkbar. Und zwar auf vielfältige Weise. Erstens weht er die Tür zu, so dass man keinen Ausblick auf den Fjord hat. Zweitens kommt bei jeder Böe ein Schwall kalter Luft von unten. Und drittens wackelt und knarzt die ganze Hütte.

Auf dem Weg ins Untersuchungsgebiet trifft uns der Wind mitten ins Gesicht. Er ist so stark, dass man manchmal aus dem Gleichgewicht kommt. Das Gehen wird definitiv deutlich erschwert und es macht nicht wirklich Spaß, obwohl der Weg eigentlich sehr schön und abwechslungsreich ist. Erste Highlights auf dem Weg sind sicher die tollen Gletscherschliffe und natürlich die Tyske Hytta. Die Hütte wurde 1957/58 zu Ehren des geophysikalischen Jahres von west- und ostdeutschen Forschern gemeinsam gebaut. Ihre Konstruktion ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Plattenbau, denn die Einzelteile sind einfach miteinander verschraubt worden. Drinnen gibt es vier Schlafplätze, eine kleine Küche einen Tisch für mehrere Personen und einen Holzofen. Die Hütte ist in gutem Zustand und man kann noch immer das ersetzte Seitenpanel sehen, durch das vor einigen Jahren ein Eisbär in die Hütte eingebrochen ist. Sie wurde damals in der Nähe des Eisrandes errichtet und liegt heute einige Kilometer davon entfernt. Es ist fast unvorstellbar, dass das Eis einmal bis hierher gegangen ist! Die Hütte ist immer ein guter Rastplatz und so machen auch wir heute eine Teepause zu der es natürlich auch Schokolade gibt.

Neben dem noch immer starken Wind treffen wir nun auf eine zweite Schwierigkeit. Wir müssen einen Gletscherfluss überqueren, der viel Wasser führt und recht reißend ist. Da müssen wir nicht nur die Schuhe ausziehen, sondern auch die Hosen. Ich verpacke alles Wesentliche im Rucksack, um es möglichst gut vor Feuchtigkeit zu schützen, sollte ich ins Wasser fallen. Gerade als Ernst und ich loslaufen könnten, sagen uns die Anderen, dass sie es lieber an einer anderen, weniger wilden Stelle probieren wollen, weil sie nur ein Paar Sandalen für die Durchquerung dabeihaben. Ohne „Schwimmschuhe“ geht hier definitiv nichts und so trennen wir uns. Natürlich aber erst, als Ernst und ich in Unterhosen im Wasser stehen und alle notwendigen Fotos gemacht sind. Ich will hier nur betonen, dass ich keine Marotte habe halbbekleidet in der Arktis im Schmelzwasser zu stehen. Ich kann mir da schon schöneres vorstellen. Fakt ist halt, dass es manchmal nicht anders geht. An einer Stelle ist das Wasser so tief, dass meine Unterhose nass wird, ansonsten ist die Durchquerung relativ problemlos.

Cynthia und Andreas sind mittlerweile weit flussabwärts gelaufen und von einem Hügel aus beobachten wir die zwei. Durch die Aktion haben wir viel Zeit verloren und das Warten und Rumstehen im starken Wind kühlt einen gut aus. Deshalb sind wir froh, als die Anderen wieder zu uns aufschließen. Jetzt sind es nur noch ca. 2 Kilometer durch hügeliges und teilweise schlammiges Gelände. Trotzdem kommen wir gut voran und irgendwann erreichen wir auch unsere Erosionsstruktur. Zur Feier des Tages gibt es gleich Mittagessen. Jeder packt seine Fischbüchse und andere Köstlichkeiten aus, in meinem Falle Schokolade, Müsliriegel und drei Scheiben Knäckebrot.

Als erstes machen wir Pole-Bilder entlang der Abbruchkante. Dabei stellen wir fest, dass sich die Kante erneut verlagert hat und viele unserer Markierungspunkte dadurch nicht mehr existieren. Das wird uns bei der Berechnung von 3D Topomodellen nicht gerade helfen. Das Drehen der Stange ist heute extrem schwierig, weil der Wind selbst auf die kleine GoPro-Kamera einen solchen Druck ausübt, dass ich die Stange nur schwer drehen kann, um einen größeren Bereich abzudecken. Und natürlich wackelt die Stange wie wild. Ich hoffe trotzdem, dass wir halbwegs brauchbare Daten bekommen haben. Dann halte ich die Stange so, dass die Kamera direkt auf die Abbruchfläche schaut. Das ist eine neue Kameraeinstellung und ich bin schon gespannt, was dabei alles zu sehen ist. An eine Befliegung mit dem Drachen ist heute nicht zu denken. Wir haben zwar alles dafür dabei. Der Wind ist aber viel zu stark und würde unser Material in kürzester Zeit zerschreddern. Wir verschieben die Befliegung daher auf morgen. Ansonsten machen wir natürlich viele Detailfotos unserer Struktur und beschließen die Zeitrafferkamera abzubauen, da die Abbruchkante gefährlich nahe an unser Steinmännchen herangekommen ist.

Auch die letztjährige Struktur wird genau untersucht und es ist faszinierend zu sehen, wie schnell sich die Eiswand ändert. Es wird immer mehr Eis exponiert und an allen Ecken und Enden fällt Material herunter bzw. rutscht es auf der Eisfläche ab. Die Schlammlobe am Fuße der Eiswand ist gegenüber gestern noch einmal dicker und größer geworden.

Mein absolutes Highlight heute ist aber die „kleine“ Erosionsstruktur, die sich im Vergleich zu gestern erneut deutlich verändert hat. Zum Einen ist die Abbruchkante erneut hangaufwärts gewandert, zum Anderen ist heute sehr viel mehr Gletschereis im Untergrund zu sehen und zum Dritten können wir große Mengen an Schlamm und Geröll beobachten, die hangabwärts rutschen. Und zwar mit teilweise rasanter Geschwindigkeit. Es ist absolut genial das so zu sehen andererseits muss man natürlich auch die Folgen berücksichtigen. Sollte diese Erosion in der gegenwärtigen Geschwindigkeit voranschreiten, wäre die Seitenmoräne sehr bald komplett eisfrei. Ein grausiger Gedanke, zumindest für mich!

Der Rückweg ist deutlich angenehmer, denn nun schiebt uns der Wind nach Hause. Ernst wählt einen Weg entlang eines Rückens, auf dem wir gut und trocken voran kommen. Wir versuchen den Schmelzwasserfluss des Pedersenbreen dieses Mal weiter flussabwärts zu queren. Zwar ist das Wasser dort weniger tief, dafür verteilt es sich auf viele kleinere Arme, die eine große Fläche einnehmen. Insgesamt läuft man also länger durch kaltes Wasser, als weiter oben. Ich bin mir nicht ganz sicher, was besser ist. Gefühlt war es auf dem Hinweg weniger unangenehm.

Tyske Hytta ist natürlich wieder Pflichtprogramm. Tee, Schokolade, wie gehabt. Andreas verzieht sich sofort ins Innere der Hütte, Cynthia und Ernst sitzen im Windschatte in der Sonne und haben die Augen zu, und ich mache Fotos am Strand. Heute ist der ganze Fjord mit rotem Wasser gefüllt und es ergeben sich sehr skurril ausschauende Bilder von knallblauen Eisbergen in diesem rostroten Wasser. Da muss man einfach fotografieren.

Von der Tyske Hytta ist es dann noch eine gute bis eineinhalb Stunden zur Corbel-Hütte. Irgendwann kommen wir um einen Hügel herum und wir können die Corbel-Hütte sehen. Das gibt uns einen letzten Motivationsschub und wir geben noch einmal Gas. Am Ende sind wir aber alle froh, unsere Hütte zu erreichen. Ich denke der starke Wind hat uns heute gut ausgezehrt, denn der Weg ist nicht so schlimm, als dass wir alle so müde sein sollten. Ernst schlägt gar vor zum Abendessen nur Nudelsuppen und Fischbüchsen zu servieren aber Andreas opfert sich und macht uns eine thailändische Pasta in Ermangelung an Reis. Sie schmeckt hervorragend und ist eine willkommene Abwechslung in unserem Speiseplan, auch wenn sie improvisiert ist. Den Abend verbringen wir mit Wunden lecken und stöhnen über die Knochen, die uns allen weh tun. Es war ein anstrengender Tag heute!

Fotos

Der spiegelglatte Fjord – die Ruhe vor dem Sturm
Der spiegelglatte Fjord – die Ruhe vor dem Sturm
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  • Ein paar Stunden später ist der Fjord nicht mehr so glatt, sondern mit Schaumkronen übersäht
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  • Tyske Hytta
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  • Teepause an der Tyske Hytta
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  • Das helle Seitenpanel schließt ein Loch, das ein Eisbär verursacht hat, der in die Hütte einbrach
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  • Das Innere der Tyske Hytta ist sehr gemütlich eingerichtet
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  • Ein Schmelzwassertümpel
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  • Cynthia untersucht die Schichtung in einem kleinen Delta eines ausgetrockneten Schmelzwassersees
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  • Eiswand der Erosionsstruktur, die wir letztes Jahr untersucht haben
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  • Gestrandete Eisberge in rotem Fjordwasser
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  • Gletschereis unter Schlamm
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  • Rotes Wasser und blaues Eis
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  • Der Kongsvegen Gletscher
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  • Wohlverdiente Pause in der Sonne an der Tyske Hytta auf dem Weg zurück zur Corbel-Hütte
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  • Am Strand der Corbel-Hütte
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17.7.2022

Kurz nach 9:00 Uhr. Noch eine Stunde bis zum Brunch. Langsam wach werden. Nur nicht hetzen. Rollo hoch, dann duschen gehen. Doch was ist das? Die ersten Touristen laufen bereits durch Ny Alesund. Das ist eigentlich nichts Ungewöhnliches. Doch was ist das wilde Gestikulieren? Warum laufen die Leute? Warum steht eine dichte Menschentraube bei der chinesischen Station? Alles sehr seltsam! Und irgendwie kann ich mir keinen Reim darauf machen. Wahrscheinlich der Bootskoller! Beim Brunch erfahre ich dann den Grund. Drei Eisbären wurden gesichtet und darunter war auch eine Mutter mit ihrem bereits größeren Sprössling. Sie sind auf der Prins Heinrichøya Insel und lassen sich dort fotografieren. Okay, also doch kein Bootskoller! Gesehen habe ich übrigens keinen der Bären. Wie denn auch wenn so viele Leute davorstehen und ich noch nicht ganz wach war, um 1 und 1 zusammen zu zählen. Aber ich bin in guter Gesellschaft, denn die Anderen haben die Bären auch nicht gesehen obwohl sie gerade mal ca. 800 m von uns entfernt waren.

Wir stehen heute vor einer schwierigen Wahl. Zum Abendessen gibt es Rentierfleisch, das wir natürlich gerne genießen möchten. So war unser ursprünglicher Plan auch, erst morgen zur Corbel-Hütte aufzubrechen und heute noch etwas „lokale“ Geologie in der Umgebung von Ny Alesund zu untersuchen. Aber diejenigen, die den Blog der letzten Tage halbwegs regelmäßig mitverfolgt haben, wissen es natürlich längst. Ein Plan ist immer nur so lange gut, bis er spektakulär in die Hose geht. Das passiert heute nachdem ich den Blog abgeschickt habe und mir den Wetterbericht anschaue. Zuerst die gute Nachricht. Morgen wird es sonnig und mit bis zu 10 °C auch recht warm. Die Windvorhersage ist allerdings etwas erschreckend. Es werden 7-8 Beaufort Wind aus östlicher Richtung angesagt. Bei diesen Bedingungen bietet der Ankerplatz vor der Corbel-Hütte nur wenig Schutz und ich mache mir Sorgen, dass wir bei solchen Bedingungen mit dem Boot auch nicht ins Untersuchungsgebiet kommen würden, weil wir ca. 7 km gegen Wind und Wellen ankämpfen müssten. Selbst wenn wir es schaffen, wäre es eine sehr langsame, holprige und nasse Fahrt.

Die Alternative ist, bereits heute unser Gepäck zur Corbel-Hütte zu bringen, dann ins Untersuchungsgebiet weiter zu fahren, dort einige Messungen vornehmen, zurück zur Corbel-Hütte zu fahren, um zwei von uns dort abzusetzen, bevor es weiter nach Ny Alesund geht. Dort können wir das Boot im Hafen sicher parken und sind somit diese Sorgen los. Danach geht es für zwei von uns zu Fuß zur Corbel-Hütte, wo die Anderen zwei bereits mit dem Abendessen auf uns warten. Also kein Rentier heute! Allerdings muss der Plan natürlich mit Isabelle abgesprochen werden. Über Funk erfahren wir, dass sie gerade etwas im Blauen Haus zu erledigen hat und so „überfallen“ wir sie dort mit unserer grandiosen Planung.

Isabelle stimmt zu, was für uns bedeutet, dass wir nun auf die Schnelle alles packen müssen. Aber mittlerweile sind wir routiniert und es sind ja auch nur ein paar Tage, denn am Dienstag Abend müssen wir wieder in Ny Alesund sein. Für 14:00 Uhr ist die Abfahrt geplant. Nico kann leider nicht mitkommen, da er laut Isabelle noch in Quarantäne bleiben muss. Für Nico ist also die Feldsaison vorbei. Stattdessen schaut er in seinem Zimmer irgendwelche Dokumentationen und langweilt sich. Es geht ihm gut und man würde nicht vermuten, dass er krank ist. Die Essenslieferung für ihn wird durch den Wachhabenden des AWI erfolgen. Auch das kriegen wir im Gespräch mit Isabelle geregelt. Einfach ein super Team!

Goupil ist wieder schwer beladen und Ernst und Cynthia fahren ihn zum Hafen hinunter. Andreas und ich sind zu Fuß unterwegs und laufen dabei einer großen Menge an Touristen über den Weg. Durch die Hafenarbeiten liegt „Sabrina“ an einem Dock, dass man vom Land aus nicht begehen kann. Ich frage kurzerhand einen Schlauchbootfahrer eines Kreuzfahrtschiffes, ob er mich die 20 m zum Boot bringen könnte. Macht er natürlich gerne! Vielen Dank dafür. „Sabrina“ liegt ungewöhnlich tief im Wasser und der Innenraum ist voll mit Wasser. Ich verbringe sie erst einmal an das andere Dock und beginne damit das Wasser zu lenzen und unser Gepäck einzuladen. Ich wundere mich noch immer über das viele Wasser im Boot. So etwas ist nicht normal und als ich es schmecke und es salzig ist, beruhigt mich diese Erkenntnis keineswegs. Es ist also kein Regenwasser, das sich im Boot angesammelt hat. Das kann eigentlich nur bedeuten, dass sie ein Kontinenz-Problem hat. Von Ernst erfahren wir, dass Yohann gemeint hat, wir sollen „Sabrina“ nicht verwenden. Also bringen wir sie wieder an das andere Dock und verladen alles in „Polar Tomato“.

Der Hafen ist heute ein absolutes Chaos. Zu dem Zeitpunkt zu dem wir loswollten, liegen drei Kreuzfahrtschiffe im Hafen bzw. davor und zusätzlich zwei große Segelboote. Viele Touristen werden mit Schlauchbooten zum Hafen gebracht und dort ist mit Booten alles voll und es wuselt mit Leuten, die Ein- und Aussteigen. Und wir mittendrin. Schön ist das nicht mehr und hat meiner Meinung nach, jedes erträgliche Maß weit überschritten. Für Ny Alesund und die Forscher dort ist dies keine nachhaltige Form des Tourismus. Als Forscher in Ny Alesund sind wir verpflichtet alle Handys und Wifi- und Bluetooth-Verbindungen abzuschalten, um das Radioteleskop nicht zu stören. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese großen Kreuzfahrtschiffe immer alle Radioemissionen abschalten. Vermutlich geht das auch gar nicht, will viele Bordsysteme über Wifi bzw. Bluetooth miteinander kommunizieren. Also, was ist wichtiger, gute Wissenschaft oder Tourismus? Für mich ist die Antwort klar! Aber das ist natürlich nur eine Meinung. Von der finanziellen Seite sieht die Sache ganz anders aus.

Weniger lustig ist, dass einige der Schlauchboote in das Vogelschutzgebiet gefahren sind. Sie sollten es eigentlich besser wissen und diese Sperrgebiete vermeiden. Jedenfalls wird der „Watchman“ informiert und ich denke, es wird saftige Strafen nach sich ziehen. Zu Recht!

Ich bin froh, diesem Wahnsinn entkommen zu können und so bringt uns „Polar Tomato“ zuerst an den Strand der Corbel-Hütte, wo wir den Großteil unseres Gepäcks deponieren, und kurze Zeit später ins Untersuchungsgebiet. Beide Fahrten verlaufen sehr gut, da der Fjord fast bleiern zwischen den Bergen und Gletschern liegt und sich nur wenig bewegt. Allerdings treibt viel Eis herum und ich muss mir einen Weg suchen. Das Ankern klappt wie immer hervorragend und nach ein paar Minuten sind wir auch unsere Überlebensanzüge los.

Wir wollen heute schauen, ob wir eventuell mit dem Drachen eine Befliegung machen können, aber der Wind ist einfach zu flau, so dass wir es erst gar nicht probieren. Okay, dann machen wir eben die Pole-Bilder. Ja genau, vor allem wenn die dazu nötigen Stangen noch in „Sabrina“ liegen, weil wir sie beim Umladen übersehen haben und daher nicht umgeladen haben. Ich könnte mich gerade irgendwo hin beißen…

Als wir zu unserer Erosionsstruktur den Hügel hochlaufen, kommen wir zunächst an der kleinen Erosionsstruktur unterhalb der unsrigen vorbei. Ich bin echt geschockt und total fasziniert. Denn aus der kleinen Struktur ist binnen weniger Tage eine sehr große geworden. Die Abbruchkante ist um ca. 100 m weiter nach hinten, also bergauf, gewandert. So eine enorme und noch dazu so schnelle Veränderung ist mir noch nie untergekommen. Überall schaut das Gletschereis aus dem Schlamm hervor und von überall her hört man das dumpfe Platschen von Material, das in den Schlammstrom fällt. Ich wünschte, wir hätten hier unsere Zeitrafferkamera aufgestellt!

Auch unsere Erosionsstruktur zeigt deutliche Aktivität. Viele unserer Marker sind verschwunden, als die Abbruchkante sie verschlungen hat und selbst das Steinmännchen mit der Zeitrafferkamera steht nun bedenklich nahe am Abgrund. Unterhalb des Steinmännchen ziehen sich Spalten durch den Boden. Ich sichere aus Vorsicht die Kamera mit der Drachenschnur. Sollte das Steinmännchen kollabieren, hoffe ich auf diese Art und Weise zumindest die Kamera wieder zu finden. So war es doch nicht ganz umsonst, dass wir die Drachenausrüstung mitgebracht haben. Natürlich machen wir jede Menge an Fotos, nur eben keine Pole-Bilder…

Von der Struktur, die wir bereits letztes Jahr untersucht haben, mache ich selbstverständlich auch viele Bilder. Auch sie hat sich in den letzten Tagen seit unserem letzten Besuch deutlich verändert. Die Eiswand erscheint mir nun größer zu sein und an ihrem Fuße erstreckt sich ein dicker, viskoser Schlammstrom.

Insgesamt waren diese Beobachtungen sehr spannend aber zugleich auch sehr besorgniserregend. Sowohl gestern als auch heute wurden wir Zeugen eines rasanten Landschaftswechsels, der sich immer weiter beschleunigt. Das Spitzbergen, das wir heute sehen, hat nicht mehr viel gemein mit jenem, das wir 2008 kennen gelernt haben. Wohin soll das noch führen? Ich bin sehr frustriert über diese Veränderungen bzw. deren Schnelligkeit.

Eine Tasse Tee und ein Stück Marzipanschokolade beruhigen meine Nerven wieder etwas. Im Fjord treibt jetzt noch mehr Eis und auch die Zeit drängt uns zur Abfahrt. Wir laufen also zurück zum Strand, wo „Polar Tomato“ auf uns wartet. In kurzer Zeit kommen wir trotz viel Eis an der Corbel-Hütte an. Das einzig Erwähnenswerte ist ein extrem blauer Eisberg, der natürlich als Fotomotiv herhalten muss. Ein zweites Highlight ist ein kleiner Eisberg, der mit viel Schutt bedeckt ist und auch einen großen Gesteinsbrocken trägt. So kann man sich also den Transport von sog. Drop Stones vorstellen, die völlig aus ihrem geologischen Kontext gerissen, irgendwo in der Landschaft liegen.

Andreas und Cynthia bleiben an der Corbel-Hütte zurück. Ernst und ich bringen „Polar Tomato“ zurück. „AWIPEV, AWIPEV for Ernst. We are back in the harbor“. Noch schnell die Pole-Stangen von “Sabrina” geholt, dann können wir „Polar Tomato“ in einer Box festmachen und volltanken. Beide Anlegemanöver klappen hervorragend. Ich muss mich da mal etwas selbst loben. Auch Ernst zollt mir seinen Respekt! In „Sabrina“ haben sich seit unserer Abfahrt bereits wieder mehrere Zentimeter Wasser angesammelt und ich bin froh, dass ich nicht in die Seefahrtsgeschichte als derjenige eingehe, der bei 8 Windstärken mit einem lecken Boot im nordpolaren Ozean unterwegs ist.

Wir reden noch kurz mit Nico, von dem wir auch Covid-Tests für morgen erhalten und mit Yohann, der uns vor einem Eisbären warnt, der vermutlich auf der Prins Heinrichøya Insel sitzt oder in Richtung Corbel-Hütte unterwegs ist. Das ist genau dort, wo wir auch hin wollen. Etwas unwohl ist mir schon, aber das Gelände ist sehr weitläufig und man würde einen Eisbären frühzeitig sehen können, um Gegenmaßnahmen einleiten zu können. Mit dem Fernglas halten wir zusätzlich Ausschau. Lange Rede. Kurzer Sinn. Ich kann noch immer diesen Blog schreiben und habe demzufolge überlebt. Wir haben keinen Eisbären gesehen und unser größtes Problem war die Überquerung von drei Schmelzwasserströmen, wobei wir bei zweien unsere Schuhe ausziehen mussten. Hier bewähren sich meine Schwimmschuhe, mit denen ich schnell und ohne Probleme durch das Wasser komme.

Ich bin in all den Jahren, nie zu Fuß zur Corbel-Hütte gekommen. Es ist also heute eine Prämiere, die ich sehr genieße. Der Weg ist sehr schön und in gut einer Stunde erreicht man sein Ziel. Die erste Zeit geht es durch die Überbleibsel des Bergbaus, die alle mittlerweile Kulturgut sind. Andere Leute würden sagen es ist einfach Schrott, der nicht weggeräumt wurde. Der zweite Teil ist landschaftlich schöner und man kriegt Ausblicke auf die Gletscher, die man von der Corbel-Hütte nicht hat. Insgesamt ist die Wanderung also eine schöne Alternative zur Bootsfahrt.

In der Corbel-Hütte wartet bereits eine große Pfanne mit Nudeln und Sauce auf uns, die Andreas in unserer Abwesenheit gekocht hat. Dazu gibt es ein Bier. Gerade als wir fertig sind, fängt es an zu regnen. Moment mal, so war das nicht geplant! Ernst und ich schauen uns an und sind beide froh, dass wir trocken die Hütte erreicht haben. Es regnet aber nicht lange und gegen Mitternacht spitzt auch schon wieder die Sonne durch die Wolken. Der Fjord ist noch immer spiegelglatt!

Fotos

Die Kantine im Service-Gebäude
Die Kantine im Service-Gebäude
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  • Der Hafen ist voll
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  • Auch auf dem Fjord wird es eng
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  • Die Fram, die Nordstjernen und die Hondius (von links nach rechts)
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  • Unser Steinmännchen mit der Zeitrafferkamera steht mittlerweile gefährlich nahe an der Erosionskante
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  • So blau kann Gletschereis sein
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  • Der blaue Eisberg sticht aus der grau-braunen Landschaft förmlich heraus
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  • Ein kleiner Eisberg transportiert einen großen Stein
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  • Auf dem Weg zur Corbel-Hütte kommen wir am alten Luftschiffankermast vorbei
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  • Ernst wird von Vögeln attackiert – wie so oft!
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  • Abendstimmung
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  • Gegen 22:00 Uhr erreichen wir die Corbel-Hütte
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16.7.2022

Bumm! Bumm! Bumm! Wenn ich nicht schon seit 8:00 Uhr wach wäre, hätten mich die zahlreichen Schüsse aus der Signalpistole des „Watchman“ sicher aus dem Bett geschmissen. Ich schaue aus den verschiedenen Fenstern, kann aber nichts sehen. Obwohl es eigentlich klar ist, was diese Schüsse zu bedeuten haben. Über das Funkgerät erfahre ich, dass der Eisbär wohl aus Richtung der Corbel-Hütte gekommen ist und nun weiter in Richtung Flughafen unterwegs ist. Bumm! Bumm! Bumm! Aha, so klar ist es dem Eisbären offensichtlich doch nicht, dass er sich hier trollen soll, denn er braucht wohl eine erneute Ermutigung zum Weiterziehen. Das ist nun schon der zweite Eisbär innerhalb von ein paar Tagen, der Ny Alesund besucht. Sehr wahrscheinlich ist es der gleiche Eisbär wie vor ein paar Tagen. Auffallend ist auch, dass der Bär erst auf massive und viele Detonationen reagiert. Und selbst dann nur äußerst träge. Es ist sicher kein gutes Zeichen, dass der gleiche Bär immer wieder zurück kommt und sich relativ wenig um die Knallkörper sorgt.

Geschlafen habe ich übrigens tief und fest. So ein weiches Bett ohne Geschnarche hat gegenüber einer Isomatte schon seine Vorteile. Hinzu kommt, dass das Blaue Haus momentan nur von Nico und mir belegt ist und wir somit den Luxus von Einzelzimmern genießen. Normalerweise sind die Zimmer immer mit zwei Leuten belegt. Das geht ganz gut, aber ist natürlich nicht mit einem „Einzelzimmer“ zu vergleichen. Die Anderen haben ebenfalls Einzelzimmer im Rabot-Gebäude. Cynthia hat sogar ihre eigene Toilette und Dusche. Sogar einen eigenen Spiegel hat sie!

Der Brunch, zu dem wir pünktlich wie die Maurer aufschlagen, ist wie üblich hervorragend und mehr als reichlich. Da ich den ganzen Morgen schon mit Bilder sortieren, Blog schreiben und anderen Dingen beschäftigt war, habe ich ihn mir aber verdient. Und endlich gibt es die erste Tasse Kaffee! Natürlich bringe ich Nico auch was vom Brunch aber ich kann ihm leider seinen Wunsch nach Rühreiern nicht erfüllen. Dafür kriegt er eine extra Portion Würstchen, Speck, Pfannkuchen, und vielen anderen Dingen, so dass der Teller gut gefüllt ist. Beim Brunch ist natürlich der Eisbär das Thema schlechthin. Mich überrascht, dass viele nicht einmal das Geballere gehört haben oder sonst etwas vom Eisbären mitbekommen haben. Alle waren gerade unter der Dusche!

Auf dem Weg zu Nico treffe ich Isabelle und wir diskutieren nochmals den Umgang und die nächsten Schritte mit Nicos Corona Infektion. Sie vermutet, dass noch mehr aus unserer Gruppe in den nächsten Tagen positiv testen könnten. Wir sollen sie auf alle Fälle informiert halten, da wir unter Umständen dann auch unsere Flüge umbuchen müssen. Ich fühle mich nach wie vor sehr wohl und auch die Anderen zeigen keine Symptome oder klagen über etwas. Vielleicht sind wir ja noch einmal davon gekommen. Nico hat ja auch nicht viel gehustet oder genossen. Vielleicht hilft uns das ja! Ich drücke uns jedenfalls die Daumen – mehr kann man momentan eh nicht machen. Abwarten und Tee trinken!

Heute ist Yohanns Abschiedsparty in der Corbel-Hütte und wir hören über Funk von den zahlreichen Aktivitäten zu deren Vorbereitung. Wir wären sehr gerne dabei gewesen aber mit der jetzigen Corona-Situation in der Gruppe wäre das keine gute Idee. Wir bleiben also brav zuhause und versuchen möglichst jeden Kontakt zu vermeiden. Da wird es natürlich auch mit dem Barbesuch heute Abend nichts. Sehr schade, denn heute ist Roald Amundsens Geburtstag und es hätte sicher was zu feiern gegeben. Zur Feier des Tages hat seine Büste vor dem Blauen Haus einen norwegischen Schal bekommen und es weht eine große norwegische Flagge am Fahnenmast, den normalerweise nur ein langer schmaler norwegischer Wimpel ziert. Amundsen wurde am 16.7.1872 in Borge geboren und verscholl vermutlich am18.6.1928 in der Nähe der Bäreninsel, als er seinem italienischen Kollegen Umberto Nobile zu Hilfe kommen wollte. Er hat als erster die Nordwestpassage durchfahren, als zweiter die Nordostpassage, hat als erster den Südpol erreicht und war vermutlich auch der erste Mensch am Nordpol. Es gibt also durchaus Gründe ihn zu feiern.

Apropos Tee. Ich muss mir meine Thermoskanne noch füllen, denn nachdem ich meine Wäsche aus dem Trockenraum geborgen und endlich alle Arbeiten am Blog erledigt habe und auch die Anderen mit ihrem „Schreibkram“ fertig sind, wollen wir das super schöne Wetter nutzen und ins Gelände gehen. Ziel ist es in Richtung Brøggerbreen zu gehen, um dort die Steinkreise zu untersuchen von denen Nico und ich im letzten Jahr Radarprofile erstellt haben. Damals waren sie unter mindestens einem Meter Schnee verborgen. Mir kommt der kleine Hügel direkt neben den Steinkreisen jedenfalls um ein Vielfaches höher vor als letztes Jahr. Wir machen unsere Mosaikaufnahmen vom Hügel aus und bereiten den Drachen für eine Befliegung vor. Dabei muss ich feststellen, dass ich eine Schraube zur Befestigung der Kamera am Drachengestell vergessen habe. Jetzt heißt es improvisieren. “Houston, we have a problem.“ Ein rostiger Nagel, den wir aus einem herumliegenden Brett ziehen und entsprechend verbiegen rettet uns. Gesichert wir der Nagel durch ein Stück gutes altes Klebeband. Anders als beim „Hitchhiker’s Guide through the Galaxy“ wo man immer ein Handtuch mitnehmen soll, wenn man auf intergalaktische Reisen geht, soll man hier nie ohne Klebeband das Haus verlassen. Und ein Multifunktionstool, das Andreas in diesem Fall beisteuert. Gerade als wir fertig sind und das Problem gelöst haben, hört der Wind auf zu wehen. Murphy’s Law beißt uns mal wieder in den Allerwertesten! Aber wir sind natürlich stur und hoffnungsvoll und so sieht man uns wie wir zu viert versuchen rennenderweise den Drachen in die Luft zu kriegen. Ich habe mir die Daten der GoPro-Kamera noch nicht angeschaut, aber ich bin mir sicher, dass wir von einigen wenigen Gebieten eine extrem hohe Auflösung bekommen haben. Das ist auch nicht weiter verwunderlich wenn der Drachen satte 1,5 m über dem Boden schwebt bevor er abstürzt. Irgendwann ist dann auch unsere Motivation verschwunden und wir stellen uns der Realität.

Aber wir haben ja immer mindestens einen alternativen Plan B in der Tasche und so gehen wir über die Seitenmoräne des Brøggerbreen zum Gletscher hoch. Ernst, Andreas und ich sind geschockt, wie weit sich dieser Gletscher zurück gezogen hat. Wir erkennen die Landschaft kaum wieder und die glazialen Ablagerungen, die wir noch vor einigen Jahren untersucht haben sind mehr oder weniger komplett verschwunden. Lediglich ein Slump ist noch vorhanden und man kann gut sehen, wie sich der mit Schutt bedeckte Eiskern von einem regulären Schuttfächer unterscheidet. Das riesige Gletschertor, das uns vor Jahren fasziniert hat, ist ebenfalls verschwunden und insgesamt liegt die Eisoberfläche um viele Meter tiefer als wir es in Erinnerung haben. Natürlich machen wir viele Aufnahmen, die wir mit unseren „alten“ Bildern vergleichen wollen. Mit „alt“ meine ich hier ca. 2011. Es ist also noch nicht lange her, dass der Gletscher wesentlich größer, mächtiger, schneebedeckter und insgesamt gesünder war. Wir müssen uns das unbedingt nochmal genauer anschauen, wenn wir zuhause Zugriff auf alle unsere Bilder haben. Auch die anderen Gletscher sind aper und in einem sehr schlechten Zustand.

Und selbst der Gletscherabfluss hat sich geändert und fließt jetzt viele Zehner- bzw. Hunderte-Meter weiter im Westen. Einer der ehemaligen Kanäle ist nun fast trocken und wir nutzen diese Schlucht für unseren Rückweg. Wir müssen uns über viele große Schuttblöcke kämpfen, die von den Wänden abgebrochen sind. So ganz ungefährlich ist die Schlucht nicht, aber letztlich kommen wir alle gut auf der anderen Seite an. Mich hat die Schlucht sehr beeindruckt und ich hatte Spaß die Wanderung mit der GoPro zu dokumentieren.

Das Ende der Schlucht ist sehr nahe an unseren Steinkreisen und wir versuchen erneut eine Befliegung zu machen. Dabei entstehen witzige Fotos von Cynthia, Ernst und Andreas, die auf dem Beobachtungshügel stehen und den Drachen bzw. die Kamera hochhalten. Das Ergebnis ist letztlich trotz aller Bemühungen das Gleiche wie vorher. Die Natur sagt uns, ihr fliegt heute nicht. Basta, keine Diskussion. Okay, wir sehen es ja ein! Fies ist allerdings, dass der Wind auffrischt, als wir unsere komplette Flugausstattung ordentlich in unseren Rucksäcken verpackt haben. Und auf dem Weg in Richtung Ny Alesund ist er sogar recht frisch und mir ist mein dünnes Fleece fast zu kalt. Erst schwitzt man und fünf Minuten später ist es einem wieder kalt.

Vom Weg aus sehen wir ein sehr interessantes Farbenspiel, denn der Bayelva-Fluß transportiert Unmengen an rotem Wasser in den Fjord, die sich bei der herrschenden Windrichtung in der westlichen Ecke der Thiisbukta-Bucht ansammeln. Dabei kommt es zu messerscharfen Farbunterschieden zwischen dem sedimentbeladenen roten Wasser und dem regulären Fjordwasser. Bei der strahlenden Sonne heute, kommt dieser Farbunterschied besonders gut zur Geltung. Allerdings können wir den Anblick nicht immer genießen, denn die Seeschwalben attackieren uns heftig und in ca. 1 m neben mir klatscht ein großer weißer Fleck auf dem Boden. Noch einmal Glück gehabt! Die Vögel sind bekannt dafür, dass sie den höchsten Punkt bei ihrem Angriff ansteuern, und dabei kotzen und scheißen. Keine angenehmen Zeitgenossen also, wenn es um die Verteidigung ihrer Brut geht. Tatsächlich habe ich schon viele Füchse gesehen, die fluchtartig vor diesen Seeschwalbenattacken davon gelaufen sind,

Wir geben die Waffen zurück, gehen noch schnell in die Dusche und sind pünktlich beim Abendessen. Na also, geht doch! Heute ist ja wieder Samstag und daher ist wieder alles festlich gedeckt. Verstärkt wird die normale „Besatzung“ durch eine relativ große Gruppe an Pfadfindern. Dafür fehlt ein größeres Kontigent an Leuten, die mit Yohann auf der Corbel-Hütte feiern. Insgesamt mussten aber zusätzliche Tische aufgestellt werden, um genügend Platz für alle zu schaffen. Heute gibt es Lammfilet mit Beilagen und eine Schokomouse mit Biskuit. Alles super lecker und Ernst und ich teilen uns die Versorgung Nicos. Ich serviere das Hauptgericht und Ernst das Dessert. Nico genießt also „Room-Service“ vom Feinsten!

Nachdem wir heute nicht in die Bar gehen, verbringen wir den Abend im Blauen Haus mit Ratschen, Geschichten erzählen, Geologie-Diskussionen und anderen kurzweiligen Dingen. Cynthia und Andreas spielen ein Quiz über Polargebiete und Ernst liest ein Buch über wahre Polarforscher.

Fotos

Satellitenbild mit den unterschiedlichen Bodenradarprofilen. Insgesamt haben wir ca. 4,3 km an Profilen aufgenommen, die sowohl Steinkreise, als auch Strandrücken und die dahinterliegenden wasserhaltigen Senken, abdecken
Satellitenbild mit den unterschiedlichen Bodenradarprofilen. Insgesamt haben wir ca. 4,3 km an Profilen aufgenommen, die sowohl Steinkreise, als auch Strandrücken und die dahinterliegenden wasserhaltigen Senken, abdecken
© KOP 132 SPLAM
  • Heute ist Amundsens Geburtstag
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  • Ernst hat tatsächlich sein verschollenes Gepäck erhalten. Er hat jetzt seine Hose und seine Stiefel und freut sich sehr darüber
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  • Cynthia und Andreas vor der Westwand des Zeppelinfjellet
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  • Die mäandrierende Bayelva transportiert rote Sedimente mit sich in Richtung Fjord
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  • Ernst schaut sich den Rückgang des Brøggerbreen Gletschers ganz genau an. Im Hintergrund der Zeppelinfjellet
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  • Schmelzwasserrinne und Sedimenthügel des Brøggerbreen Gletschers
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  • Beim Durchwandern der Schlucht treffen wir auf äußerst bunte Gesteine
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  • Andreas, Ernst und Cynthia versuchen den Drachen mit der Kamera in die Luft zu kriegen. Leider ist der Wind zu schwach
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  • Das ehemalige niederländische Forschungsschiff „Hr. MS Tydeman“ heißt heute „Plancius“ und bietet bis zu 114 Passagieren Platz. Heute liegt es auf Reede vor Ny Alesund
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  • Der scharfe Kontrast des roten Wassers der Bayelva und des Fjordwassers
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  • Zurück in Ny Alesund fotografiere ich das Nordpol Hotel und das nördlichste Postamt
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  • Zwei der Tre Kroner werden heute besonders schön von der Sonne angestrahlt. Die Wolken tun das Ihre, um zu der dramatischen Stimmung beizutragen
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15.7.2022

Ich habe blendend auf meiner Isomatte geschlafen und wache voller Tatendrang um ca. 8:00 Uhr auf. Es ist erneut ein absolut fantastischer Tag! Noch besser als gestern, denn es ist ungewöhnlich warm. Für arktische Breiten möchte ich sagen, dass es sogar heiß ist. Wir laufen alle in T-Shirts durch die Gegend, denn selbst das dünnste Fleece ist heute viel zu warm. Einfach komplett verrückt. So warm ist es natürlich auch, weil heute fast kein Lüftchen weht. Die langgezogenen Wellen der Dünung, branden gelangweilt und lustlos an den Strand und nur vor dem Prins Karls Forland ist ein schmales Windfeld zu sehen, das aber nicht über den Fjord kommt. Dazu haben wir einen fast wolkenfreien Himmel. Unglaublich!

Natürlich gibt es heute auch Frühstück. Ergänzt wird meine Rindfleisch-Nudelsuppe heute durch eine Büchse Hering in Dill/Senfsauce. Das ist mir dann aber doch etwas zu wild und ich bin froh, dass Ernst ein dankbarer Abnehmer der zweiten Hälfte der Dose ist. Cynthia und ich erfreuen uns neben dem Tee an einem schönen Espresso. Tee gibt es immer in rauen Mengen, aber so ein kleiner Espresso ist schon was besonders Feines. Genuss pur – jedenfalls für mich!

Der Plan für heute schaut folgendermaßen aus: Ernst und Cynthia wollen noch weitere Proben nehmen und Cynthias morphologische Karte der Brøgger-Halbinsel an einigen kritischen Stelle überprüfen. Der Rest des Dream Teams wird nochmals das Bodenradar anschmeißen. Natürlich sollten wir das Radarprofil ungefähr von jener Gegend aufnehmen, von der auch die Proben stammen. Als altes Team, wird Nico das Steuergerät bedienen, ich den Schlitten mit der Antenne ziehen und Andreas uns vor Eisbären schützen. Allerdings ist er heute etwas matt drauf und macht auch eine Stunde nach dem Frühstück noch immer einen langsamen Eindruck. Wir beginnen unser Profil direkt am Cliff und laufen dann in Richtung der Hügel nördlich des Nekknuten. Ich mache noch zahlreiche Bilder der tollen Sedimentstrukturen, die man im Cliff sehr schön sehen kann.

Das Aufnehmen eines Bodenradar-Profils ist eine ganz eigene und spezielle Erfahrung. Man darf den Schlitten nämlich nicht zu schnell ziehen, um optimale Ergebnisse zu bekommen. So geht man also im langsamsten Schritt und einer Schrittlänge eines Zweijährigen bzw. 114-Jährigen durch die Gegend. Dadurch kriegt man einen wirklich guten Eindruck, wie weitläufig die Gegend tatsächlich ist. Es ist aber auch eine Geduldsprobe ohne Ende! Schleichen in Cinemascope! Nach knapp 800 m Profillänge ist aber nicht meine Geduld am Ende, sondern der Arbeitsspeicher des Gerätes ist voll. Jetzt nur schnell sichern, damit jeder Bit der mühsam „erschlichenen“ Daten auch auf der Festplatte landet. Die kleine Pause tut gut und Nico berichtet, dass er im Radargram schöne Schrägschichtungen im Untergrund entdeckt hat. Also lohnt sich die Sache wenigstens.

Wir starten natürlich ein zweites Profil, das uns bis unter die steilen Wände des Plateaus nördlich des Nekknuten bringen wird. Aber nach ca. 100 m schleichen ist das Steuergerät plötzlich aus. Nico muss aus Versehen an den Ein/Aus-Schalter gekommen sein, der sich taktischer weise auf der Bauchseite des Gerätes befindet. Wer bitte konstruiert denn solch ein Gerät mit einer dermaßen ungünstigen Schalterposition? Ich ärgere mich über den Verlust unserer Daten, vor allem, weil wir nicht mehr die Zeit haben, die Messung zu wiederholen. Uns erwarten noch ein Hüttenputz und eine größere Packaktion.

Es war ausgemacht um 13:00 Uhr wieder an der Hütte zu sein und schon von weitem sehen wir Ernst und Cynthia als kleine schwarze Punkte, die schnell größer werden. Bis wir unser Radar abgebaut und verpackt haben, sind sie auch schon bei uns und wir kommen gemeinsam auf der Hütte an. Jetzt besteht die Kunst darin, fünf Personen organisiert zu bekommen, damit jeder Zeit und Platz hat, seinen Rucksack zu packen. Denn natürlich sollten wir besser nichts hier vergessen! Und auch die wissenschaftlichen Geräte sollten im Idealfall alle wieder mit uns zurück nach Ny Alesund kommen.

Cynthia übernimmt bei strahlendem Sonnenschein den Abwasch des Frühstückgeschirrs. Es gibt schlimmeres! Ernst fegt und reinigt den Holzofen, ich säubere die „Küche“ und den Herd. Kurz, jeder findet etwas, das zu tun ist. Insgesamt geht uns die Arbeit gut von der Hand und so sind wir um 2:30 Uhr abfahrbereit. Ernst schreibt noch einen Eintrag ins Hüttenbuch und ich mache noch ein paar Innenaufnahmen der Hütte. Ich weiß ja nicht wie umfangreich die Renovierungsarbeiten sein werden, aber vielleicht sind wir die letzten, die die „alte“ Hütte nutzen konnten. Ein interessanter und komischer Gedanke zugleich!

Pünktlich um 15:00 Uhr ist Tommy mit dem Motorboot bei uns. Er ankert etwas weiter vom Ufer weg, aber letztlich schaffen wir alles Gepäck an Bord, ohne dass dabei was nass wird. Ich bin der Letzte, der samt dem Heckanker an Bord geht. Das Wasser hat nur eine ganz leichte Dünung, ist aber ansonsten ganz glatt. Kurz, ideale Bedingungen für eine entspannte und vor allem trockene Rückfahrt. Wir können uns deshalb voll und ganz aufs Fotografieren und Filmen konzentrieren. GoPro und normale Kamera zu bedienen ist fast schon stressig! Aber das Panorama ist heute schlicht atemberaubend. Wie üblich ändern sich die Bedingungen sobald wir den Kvadehuken passieren. Uns weht jetzt ein östlicher Wind entgegen aber er ist zu schwach, um größere Wellen aufzubauen. Natürlich spritzt es aber ich bleibe komplett trocken und viel wichtiger, meine beiden Säcke bleiben es auch. Tommy spielt über den Bordlautsprecher extrem chillige kubanische Musik, die nicht besser zum Vorbeigleiten der famosen Landschaft passen könnte. Absolut genial wie Musik aus der Karibik zu den Gletschern und Bergen in Spitzbergen passen. Ich bin in bester Laune und ich sehe auch das ein oder andere breite Grinsen auf den Gesichtern der anderen.

Tommy holt schnell das Auto und ein paar Minuten später ist er mit Cynthia und unserem Gepäck auf dem Weg zum Rabot-Gebäude. Wir anderen kommen in unseren orangefarbenen Überlebensanzügen zu Fuß hinterher. „Armageddon“ oder „Space Cowboys“ lassen grüßen, als wir zum Rabot-Gebäude hochgehen. Nur jubelt bei uns keiner! Wir ziehen uns um, brausen die Anzüge ab und sind dann eigentlich zum Duschen bereit.

Vorher wollen wir aber noch sicher gehen, dass sich Nico nicht Corona eingefangen hat. Darum machen wir alle einen Covid-Test. Nico ist als erster dran und wir können zwei dicke rote Balken sehen. Positiv! So ein Mist. Die Tests aller anderen sind negativ und es grenzt schon fast an ein Wunder, dass wir uns nicht alle angesteckt haben in der kleinen Hütte. Vielleicht ist es auch nur eine Frage der Zeit. Bis auf mich und Nico hatten alle in der Gruppe bereits vor unserer Reise Corona. Nico muss aus dem Rabot-Gebäude ausziehen und sich im Blauen Haus in Isolation begeben. Einer von uns muss ihn mit Essen aus der Kantine versorgen und natürlich bekommt er eine eigene Toilette und Dusche. Cynthias Zimmernachbarin ist auch positiv und so muss auch Cynthia das Zimmer wechseln. Es gibt also neben den vielen tollen Dingen durchaus noch von unangenehmen Überraschungen am heutigen Tage zu berichten. Nico wird für die nächsten Tage ausfallen und ich hoffe, dass es nicht noch mehr von uns erwischt. Das wäre natürlich eine größere Katastrophe. Es ist fast schon zynisch. Da ist Nico in Münster mit vielen Personen in Kontakt und ausgerechnet hier, fast am Ende der Welt, holt er sich Corona. Unglaublich! Wir werden morgen das weitere Vorgehen mit Isabelle besprechen. Es ist aber jetzt schon klar, dass es morgen nur ein Sparprogramm geben wird. Außerdem wollen wir ja den Brunch nicht verpassen, der um 10:00 Uhr beginnt.

Fotos

Der grandiose Blick auf die Gletscher des Prins Karls Forlands
Der grandiose Blick auf die Gletscher des Prins Karls Forlands
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  • Sedimentstrukturen im Cliff nahe der Kjærsvika-Hütte
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  • Eine sehr scharfe Trennung zwischen feuchten und trockenen Sedimenten
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  • Cynthia beim Untersuchen von Sedimenten
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  • Ein Steinbrechpolster liefert den Vordergrund für das Prins Karls Forland
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  • Cliff und Prins Karls Forland bei bestem Wetter
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  • Andreas ist unser Eisbärwächter. Er macht einen hervorragenden Job. Jedenfalls haben wir bisher überlebt!
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  • Seetang am Strand
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  • Nein, hier stürzt niemand in ein Loch oder eine Gletscherspalte. Cynthia hat ihren Überlebensanzug zum Trocknen aufgestellt
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  • Die Kjærsvika-Hütte von innen: Bett und Holzofen
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  • Die Kjærsvika-Hütte von innen: Tisch und Küche
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  • Die Kjærsvika-Hütte von innen: Ein Überblick
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  • Der „Eingang“ zur Kjærsvika-Hütte
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  • Wir haben alles verpackt und warten am Strand auf das Motorboot
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  • Ein kleiner Bach am Strand
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  • Cynthia im Motorboot auf der Fahrt nach Ny Alesund
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  • Es geht in voller Fahrt in Richtung Ny Alesund
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  • Felsformationen auf der Brøgger-Halbinsel
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  • Kap Mitra in der Ferne
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  • Hangschutt am Zeppelinfjellet
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14.7.2022

Aua! Die alten Knochen tun heute schon vor dem Aufstehen weh! Es zeigt sich, dass die Kjærsvika-Hütte nur bedingt für längere Feldarbeit geeignet ist, da man sich praktisch mit dem Geschleppe schwerer Ausrüstung relativ schnell kaputt macht. Das positive heute ist, dass die Sonne scheint und nur eine ganz leichte Briese weht. Als ich das um 9:00 Uhr spitz kriege, gibt es kein Halten mehr. Ich rolle meinen Schlafsack auf und fange an, Wasser zu kochen. Nach und nach kriechen auch die Anderen aus ihren Bubu-Tüten. Frühstück verläuft wie immer mit Nudelsuppen und Wurst und Brot. Nico ist der Hartgesottene und verdrückt schon die erste Fischbüchse. Es geht ihm also schon etwas besser. Für Cynthia und mich gibt es als Highlight ein schwarzes starkes Produkt der Bialetti-Maschine, sprich einen schicken Espresso. Molto bene! Auch die Morgentoilette will erledigt sein und der Strand bietet dazu weitläufige Möglichkeiten mit dem sog. Millionen-Dollar Blick auf das Prins Karls Forland. Die Windstille erleichtert die Aktion ungemein und es ist ein riesiger Unterschied zu Regenwetter mit starkem Wind. Auch die Temperatur ist durchaus angenehm.

Danach geht es ans Packen der Ausrüstung. Damit meine ich die persönliche Ausrüstung, als auch die wissenschaftlichen Instrumente, die halbwegs fair auf jeden Rucksack verteilt werden wollen. Ich bekomme heute die Antenne des Bodenradars und den Drachen ab. Komplementiert wird mein zu schleppendes Equipment durch ein Gewehr. Insgesamt alles andere als leicht und ich will den ganzen Sch… nicht wirklich ein paar Kilometer durch hügeliges Gelände schleppen. Aber es hilft ja nichts. Keine erderschütternde wegbrechende Wissenschaft ohne die entsprechende instrumentale Ausstattung.

Um kurz nach 11:00 Uhr kommen wir endlich los und es ist so warm, dass ein leichtes Fleece völlig ausreicht. Ich genieße den Marsch und bin den anderen voraus. Aber jeder geht halt seinen eigenen Schritt, denn wir sind hier nicht in einem Rennen, sondern wollen nur in unser Untersuchungsgebiet kommen. Alles ganz entspannt, man muss nur aufpassen, dass sich die Gruppe nicht zu weit auseinander zieht. Denn gerade dann kommt der Eisbär um die Ecke. Bei uns geht aber alles gut und wir erreichen den Fluss, Kvadekuelva, den ich heute ohne Schuhe ausziehen überqueren kann. Mann, macht das einen Unterschied! Nach der Flussüberquerung sind es nur mehr ein paar Minuten zur Geopol-Hütte. Dort sitzen wir für eine kurze Weile in der Sonne und trinken Tee und essen Schokolade. Andreas hat auf die Schnelle eine Bank auf der Sonnenseite gebaut, die auch noch windgeschützt ist. Natürlich müssen wir wie jedes Jahr, unser obligatorisches Foto aufnehmen, wie wir es uns in der Sonne gutgehen lassen. Am liebsten würde ich hier sitzen bleiben!

Aber das geht natürlich nicht, denn Cynthia braucht dringend ihre Proben für ihre Doktorarbeit. Nico und ich wollen heute möglichst viele Radarprofile aufnehmen. Es ist also klar, dass wir die Gruppe heute aufteilen werden. Ernst wird Cynthia unterstützen, während sich Nico, Andreas und ich um das Bodenradar kümmern werden. So geht jede Gruppe ihrer Wege. Wir verabreden zumindest, dass wir uns gegen 16:00-16:30 Uhr wieder an der Geopol-Hütte treffen wollen.

Nachdem Ernst und Cynthia voller Tatendrang abgezogen sind, laufen wir drei zu den Steinkreisen kurz unterhalb der Geopol-Hütte, die wir vor einiger Zeit mit Eisenstangen versehen haben. Die Idee war, dass man dadurch rausfinden kann, wie stark die einzelnen Teile der Steinkreise durch den Frost gehoben werden. Im ersten Jahr nach dem Einschlagen der Stangen in den Boden haben sich durchaus Muster gezeigt, die wir erwartet haben. Heute ist es anders. Ich kann kein wirklich konsistentes Muster erkennen. Das Gleiche beobachten wir auch an der zweiten Lokalität. De facto ist es hier schlimmer, weil zwei der Stangen verbogen am Boden liegen und auch die anderen keine eindeutige Interpretation zulassen. Die vielen Rentierspuren lassen mich vermuten, dass unsere „Instrumente“ durch diese Rentiere „überprägt“ wurden.

Jedenfalls ist die Lokalität ein guter Ausgangspunkt für unser Bodenradar-Profil. Wir wollen heute über mehrere Strandrücken und die dahinterliegenden Niederungen Profile messen. Dabei überqueren wir auch zahlreiche Steinkreise und die planierte Landepiste. Wir gehen bis zu den großen Felsen, die uns vor ein paar Jahren als Rückzugsort gedient haben, als uns ein Eisbär auf dieser Ebene überrascht hat. Insgesamt haben wir also ca. 2 km Profile mit dem Bodenradar aufgenommen. Die Felsen, bzw. die anstehenden Gesteine messen wir mit, um eine Idee zu bekommen, wie sich solches Material im Radarprofil zeigt.

Ich bitte Nico die Koordinaten von Julia Boikes Instrument in sein GPS einzugeben und zwei Minuten später erfahre ich, dass sich das Gerät in 65 m Entfernung befinden soll. Es handelt sich um ein großes blaues Rohr mit einer weiß-schwarzen Stange daran. Nach kurzer Zeit sehen wir das Instrument in einem See. Ich ziehe mich bis auf Unterhose und T-Shirt aus und wate in das Oberschenkelhohe Wasser, das mit einem dicken Moosteppich bewachsen ist. Als ich an der weiß-schwarzen Stange ziehe, löst sich das Oberteil. Natürlich versuche ich auch den unteren Teil zu bergen, muss aber feststellen, dass dieser mit einem dicken Kabel am Boden verankert ist. Ich versuche die Steine dort wegzuräumen, komme aber sehr bald zu dem Schluss, dass ich da auf verlorenem Posten stehe. Es gelingt mir nicht, das Instrument frei zu bekommen und irgendwann muss ich aufgeben. Ich war sicher mehrere Minuten im Wasser gestanden, aber es hat sich nicht wirklich kalt angefühlt. Mir ist bis jetzt nicht klar, warum das Wasser so „warm“ war, bzw. sich so angefühlt hat. An Land kann ich mit meinen aufgeweichten Fußsohlen kaum laufen, denn der See liegt in einem Gebiet mit anstehendem Gestein, das durch die Frostsprengung extrem scharfkantig zerbrochen ist. Andreas rettet mich und bringt mir meine Schuhe und Klamotten. Sorry Julia, wir haben es probiert, aber mir war nicht klar, dass das Instrument verankert ist.

Auf dem Weg zurück zur Geopol-Hütte nehmen wir noch drei weitere Radar-Profile auf. Um ca.17:00 Uhr kommen wir schließlich dort an. Wir trinken Tee und essen Müsli-Riegel und Schokolade und genießen die warme Sonne. Es ist absolut herrlich heute! Ein Tag wie im Bilderbuch! Ernst und Cynthia stoßen nach ca. 30 Minuten zu uns. Cynthia ist sehr frustriert, weil ihre Probennahme nicht so geklappt hat, wie geplant. Andreas und ich versuchen sie aufzuheitern und es gelingt uns zumindest teilweise. Dann ist es auch schon Zeit für unseren Nachhauseweg. Uns steht eine gute Stunde Marsch mit schwerem Gepäck bevor und jeder versucht sich so lange wie möglich davor zu drücken. Ich könnte schwören, dass mein Rucksack im Vergleich zu heute Morgen nochmals schwerer geworden ist! Aber als wir endlich loslaufen, geht es im Prinzip ganz gut. Man macht halt einen Schritt nach dem anderen und eigentlich könnte man sich keine besseren Bedingungen zum Laufen wünschen. Und irgendwann ist sie dann sichtbar, die Kjærsvika-Hütte! Endspurt!

Ernst und ich gehen an einem kleinen Wasserfall am Strand duschen, Der Ort ist windgeschützt und es tut richtig gut, den Schweiß los zu werden. Das Wasser ist zwar kalt aber wenn man sich schnell abtrocknet, ist es überhaupt nicht kalt an der Luft. Jedenfalls fühlen wir uns prächtig nach der Dusche.

Noch besser ist, dass wir genau rechtzeitig zum ersten Bier kommen. Wir sitzen auf der Seeseite der Hütte und genießen den famosen Ausblick auf das Prins Karls Forland. Die Wolkenstimmung und das Licht ändern sich alle paar Minuten und wir können uns nicht satt sehen. Es ist einfach unglaublich schön hier. Was mich sehr verwundert hat ist, dass das Prins Karls Forland laut Nicos GPS 14 km von uns weg ist, obwohl es zum Greifen nahe ist. Die Südspitze, die wir sehen können ist sogar mehr als 70 km von uns entfernt. In dieser klaren Luft wirkt alles viel näher. Das Bier wird durch einen Whiskey ergänzt, der in dieser Landschaft doppelt gut schmeckt. Wir verbringen eine lange Zeit außerhalb der Hütte und staunen. Ich nutze das tolle Licht, um zu fotografieren.

Nachdem die Flasche aufgebraucht ist, immerhin werden wir morgen bereits um 15:00 Uhr abgeholt, so dass wir keinen weiteren Whiskey mehr für morgen Abend einplanen müssen, gibt es gegen 10:30 Uhr Abendessen. Andreas hat wieder in seine Trickkiste gegriffen und uns etwas sehr Feines aus Kichererbsen und Reis gezaubert. Dazu teilen wir uns die letzten drei Biere. Mann, kann das Leben schön sein!

Aber alles Schöne muss auch einmal zu Ende gehen. Man muss sich hier förmlich los reißen, denn die herrliche Sonne scheint noch immer, als wir um 1:00 Uhr ins Bett gehen. Ahh, das fühlt sich herrlich an, seine Beine ausstrecken zu können! Um 1:40 Uhr ist der Blog dann auch geschrieben und ich kann versuchen bei dem allgemeinen Geschnarche auch einschlafen zu können.

Fotos

Erstaunlich wie gutes Wetter die Stimmung hebt. Rast auf der „Sonnenterasse“ der Geopol-Hütte
Erstaunlich wie gutes Wetter die Stimmung hebt. Rast auf der „Sonnenterasse“ der Geopol-Hütte
© KOP 132 SPLAM
  • Ein schöner Blick auf die Nordspitze des Prins Karls Forlands mit etwas Nebel
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  • Andreas und Nico beim Probennehmen
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  • Ein magischer Fingerzeig, wo genau wir eine Probe nehmen müssen
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  • Das Bodenradar ist im Einsatz
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  • Das Instrument von Julia Boike ist wiedergefunden. Jetzt müssen wir es nur noch bergen
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  • Harry versucht das Instrument von Julia Boike zu bergen- Ohne Erfolg!
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  • Das Bodenradar: Steuergerät rechts und die rote Antenne auf dem Schlitten
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  • Ernst hat Knieprobleme und ruht sich für ein paar Minuten aus
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  • Andreas und Cynthia vor der Geopol-Hütte
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  • Nico hat sich einen Schluck Tee verdient
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  • Ich habe die Antenne des Bodenradars und den Drachen auf meinem Rucksack. Damit geht es nun zurück zur Kjærsvika-Hütte.
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  • Cynthia beim Überqueren der Kvadehukelva
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  • In der Nähe der Kjærsvika-Hütte gehen Ernst und ich in unserer ganz privaten Wellnessoase am Strand duschen
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  • Dieses Jahr gibt es eine ganz neue bayerische Fahne
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  • Eine etwas erschöpfte aber zufriedene Mannschaft genießt den Abend vor der Kjærsvika-Hütte
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  • Lichtspiel auf einem Schuttfächer
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  • Sonne und Wolken zaubern eine dramatische Stimmung
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  • Moos! In der grau-braunen Umgebung sticht diese hellgrüne Fläche buchstäblich ins Auge
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  • Cliff und Strand vor der Kjærsvika-Hütte
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  • Schöne Enten am Strand
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  • Hat durchaus auch seine Ästhetik! Würden wir so etwas am Mars entdecken, wären wir Helden
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  • Abendstimmung
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  • Auch die schönste Abendstimmung hilft nicht, wenn es um das Abspülen geht. Heute ist Ernst an der Reihe
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13.7.2022

Es ist 8:10 Uhr als ich das erste Mal die Augen wieder aufmache. Der Blick durchs Fenster verrät, dass die Wolken niedrig hängen und eine frische Brise weht. Ernst ist auch schon wach und wir erkunden kurz wie es draußen ausschaut. Beim Gang zur Morgentoilette weht uns der Wind den Regen ins Gesicht. Bei der eigentlichen Morgentoilette drehe ich mich als Segler natürlich um! Das ist kein Wetter zum Aufstehen. Kurzerhand verziehen wir uns wieder in unsere Schlafsäcke und ich werde erst um kurz nach 10:00 Uhr wieder wach. Alle anderen schlafen noch tief, was ich an der Kakophonie der unterschiedlichen Schnarcher feststellen kann. Es regnet noch immer und wenn ich sie jetzt aufwecken würde, wären sie für den Rest des Tages sauer auf mich. Obwohl ich eigentlich wach bin und mir die Knochen vom Liegen auf der dünnen Isomatte anfangen weh zu tun, ist die einzige Option, sich noch einmal um zu drehen. Um 11:20 Uhr kommt dann mehr Bewegung in die Hütte und ich fange einfach mal an meinen Schlafsack aufzurollen und Teewasser zu kochen. Dadurch sind nun alle wach geworden und wir sortieren uns erst einmal wer wann wo wie die Schlafsachen wegpackt.

Heute gibt es eine Nudelsuppe zum Frühstück. Wie schon gestern, gibt es Entengeschmack. Der Holzofen bullert nach einigem guten Zureden vor sich hin und macht die Hütte schön warm. Zum Frühstück gibt es auch Rotwurst und Frühstücksfleisch, Knäckebrot und Tee. Die Kjærsvika-Hütte wird langsam zu unserem zuhause.

Nico und ich übernehmen den Abwasch. Die gestrige Methode bewährt sich auch heute. Der einzige Unterschied ist, dass wir heute ein Rentier als Beobachter haben. Wir erwecken sein Interesse für ein paar Sekunden, dann frisst es wieder weiter. Trotzdem ist uns dadurch bewusst geworden, wie vorsichtig wir bei der Kjærsvika-Hütte sein müssen. Die Hütte steht ja in einem kleinen Taleinschnitt und die Rundumsicht ist dadurch sehr stark eingeschränkt. Zusätzlich hat die Hütte nur ein Fenster und liegt quasi auf der Eisbärenroute nahe dem Strand. Man muss also beim Verlassen der Hütte schon sehr gut aufpassen, um nicht überrascht zu werden. Die Geopol-Hütte punktet auch in dieser Beziehung. Es ist schon ein komisches Gefühl, mit umgeschnalltem Gewehr in unmittelbarer Nähe zu einem Rentier den Abwasch zu machen.

Um ca. 15:00 Uhr geht der Regen in leichtes nieseln über und wir beschließen es zu wagen ins Gelände zu gehen. Bis zur Geopol-Hütte ist es eine gute Stunde und erst dort beginnt unsere eigentliche Arbeit. Wir rufen Isabelle über das Satellitentelefon an, um einen letzten Wetterbericht und letzte Informationen über mögliche Eisbären zu erhalten. Da sie gerade nicht im Büro sitzt, kann sie uns nichts zur Wetterentwicklung sagen und auch zu den Eisbären hat sie keine Infos. „You are on your own!“ Okay, verstanden, wir werden also alleine auf uns aufpassen müssen. Ist ja auch nichts Neues.

Also marschieren wir los. Ich habe das Stativ des DGPS auf meinem Rucksack und zusätzlich ein Gewehr, so dass ich gut zu schleppen habe. Die Anderen haben auch ihr Bündel zu tragen aber wir kommen gut und zügig voran. Nach einigen Hügelketten ist dann die Geopol-Hütte in Sicht. Wir finden die Hütte natürlich blind! Was für ein Anblick, diese kleine Hütte in dieser grandiosen Landschaft. Bevor wir aber eine verdiente Pause an der Hütte einlegen können, müssen wir noch einen größeren Bach durchqueren. Leider führt er so viel Regen.-bzw. Schmelzwasser, dass wir die Schuhe ausziehen müssen, zumindest Ernst und ich. Die anderen haben höhere wasserdichte Stiefel, die gerade den Unterschied machen.

Das Wasser ist saukalt. Gut, das war zu erwarten und ist kein größeres Problem. Viel schlimmer ist das extra Gewicht auf dem Rücken, das in Verbindung mit den spitzen Steinen zu größeren Schmerzen führt. Auch sind die Steine im Flussbett mit Algen bewachsen, die die Durchquerung sehr rutschig und unsicher machen. Ich bin froh, als ich die andere Seite heil erreiche und mit pulsierenden Füßen wieder in meinen Schuhen stecke. Jetzt steht der Brotzeit nichts mehr im Wege.

Fenster auf, Türverrieglung entfernt, schon fühlen wir uns wieder heimisch in der guten alten Geopol-Hütte, in der wir manch schöne Stunde verbracht haben. Von einem Schimmelbefall sehen wir erst einmal nichts. Allerdings fällt uns eine mit Schimmel befallene Klopapierrolle und schmutziges Geschirr auf und bei genauerem Hinsehen zeigt sich ein Spalt zwischen Dach und Wand. Einige Matratzen sind nass. Kurz, hier hätten wir nicht übernachten können. Die Kjærsvika-Hütte war also die richtige Entscheidung, auch wenn sie eine gute Stunde vom Untersuchungsgebiet entfernt ist. Für eine wind- und regengeschützte Pause ist die Geopol-Hütte aber gut verwendbar. Wir hoffen, dass die Geopol-Hütte schnellstens saniert wird, denn ein kompletter Ausfall der Hütte wäre für unsere Arbeit gar nicht gut. Heute gibt es bei uns aber erst einmal Tee und Schokolade und Twix. Wir stellen fest, dass wir alle so alt sind, dass wir uns an Zeiten erinnern, in denen Twix noch Raider hieß.

In kurzer Entfernung zur Geopol-Hütte befindet sich der erste Steinkreis, den wir 2012 mit Farbe markiert haben. Wir schauen uns die Veränderungen im Prinzip jedes Jahr an, aber 2020 konnten wir Covid-bedingt nicht kommen und 2021 war das Wetter zu schlecht für den Boottransport und vermutlich waren damals auch die meisten unserer Steinkreise noch von Schnee bedeckt. Ich finde es also besonders spannend, nach zwei Jahren hierher zurück zu kommen.

Unsere Steinmännchen erleichtern uns das Auffinden der markierten Steinkreise enorm und wir sind verblüfft, wieviel Bewegung wir in den Wällen der Steinkreise beobachten können. Wie sich in den letzten Jahren unserer Beobachtungen bereits angedeutet hat, findet die meiste Bewegung in Gebieten statt, in denen sich kleine Spalten gebildet haben. Wir beobachten dies an fast allen markierten Steinkreisen. Bis wir alle zwölf Steinkreise abgelaufen sind, ist es auch schon nach 21:00 Uhr. Natürlich sind wir sie nicht nur abgelaufen, sondern haben zahlreiche Fotos gemacht, Notizen genommen und mit der GoPro Filme unter den verschiedensten Blickwinkeln aufgenommen, aus denen wir später bessere Höhenmodelle berechnen wollen, als wir sie aus den Einzelbildern der bisher verwendeten Kameras erhalten haben. Zusätzlich legen wir Markierungspunkte aus, die ich mit der GoPro filme und die Nico mit dem DGPS einmisst.

In unmittelbarer Nähe zum zwölften Steinkreis wurde ein meteorologischer Mast installiert und ich frage mich, wie wir eventuell an diese Daten kommen können. Das wäre ideal für uns.

Dann machen wir uns auf den Rückweg. Zuerst schauen wir noch in die „Schlucht“ der Kvadehukelva, die für Cynthias Arbeit besonders interessant erscheint. Sie braucht Aufschlüsse, in denen man den Kontakt zwischen anstehendem Gestein und darüber geschütteten Sedimenten sieht. Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit, müssen wir aber die Notbremse ziehen und abbrechen. Schließlich ist es schon 22:00 Uhr.

Die Geopol-Hütte ist erneut unser Ziel. Erstens müssen wir noch die DGPS Basisstation abbauen und zweitens wollen wir noch eine kurze Brotzeit einlegen. Gesagt, getan. Wir sind alle froh, als wir in der Hütte Unterschlupf finden, denn es hat mittlerweile heftig zu regnen begonnen und wir werden alle gut nass. Da kommt die Geopol-Hütte gerade recht, um besseres Wetter abzuwarten. Im Westen gibt es sogar schon blauen Himmel zu sehen. Als der uns erreicht, machen wir uns auf den endgültigen Nachhauseweg.

Die Wanderung ist eigentlich perfekt. Kein Wind, kein Regen und genau die richtige Temperatur. Schöner geht es nicht. Wenn da nicht wieder die Überquerung der Kvadehukelva wäre. Schuhe runter, Hosen hoch und dann leiden! Aber wir kommen alle gut auf der anderen Seite an und so geht es weiter in Richtung Kjærsvika-Hütte. Bei einigen macht sich etwas Erschöpfung bemerkbar, aber ich genieße unseren Marsch. Der Fjord liegt absolut still da und es ergibt sich das ein oder andere faszinierende Wolkenspiel.

Als wir „um die Ecke biegen“ ändern sich die Bedingungen schlagartig. Es bläst uns jetzt ein kalter starker Wind direkt ins Gesicht und wir sind froh, dass es nicht mehr weit zur Kjærsvika-Hütte ist. Gegen Mitternacht komme ich als erster dort an und räume gleich die Stangen und das Stativ des DGPS in die Kiste am Strand. Zurück in der Hütte versucht Cynthia bereits ein Feuer in Gang zu bringen und das erste Wasser steht auch schon auf dem Gasherd. Kurze Zeit später sitzen wir beim „Abendessen“ in einer schön warmen Hütte. Aufgrund der späten Stunde gibt es heute nur Nudelsuppen, Fisch und Frühstücksfleisch. Es zeigt sich einmal mehr, wie praktisch diese Nudelsuppen tatsächlich sind. Interessant ist, dass Cynthia und Andreas das Frühstücksfleisch mit Grafschafter Goldsaft essen. Eine verrückte Kombination. Zur Feier des Tages gibt es noch ein Bier und einen Whiskey. Beides haben wir uns heute schwer verdient.

Um 2:00 Uhr liegen wir im Bett und ich höre nicht einmal mehr ein „Gute Nacht“. Stattdessen fängt das Schnarchen innerhalb einer Minute an. Ich schreibe noch bis kurz nach 3:00 Uhr am Blog und lausche dabei dem Geschnarche und dem Wind, der wieder an Stärke zugenommen hat und um die Hütte heult. Ich bin so froh, dass wir in der Hütte alle untergekommen sind und nicht zelten müssen.

Fotos

Das Feuer knistert im Ofen und verbreitet eine wohlige Wärme
Das Feuer knistert im Ofen und verbreitet eine wohlige Wärme
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  • Auf dem Weg zur Geopol-Hütte
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  • Viele sehen ein zerschossenes Benzinfass. Ich sehe ein Einschlagkraterexperiment. Schräg einschlagende Projektile verursachen längliche „Krater“, senkrechte Einschläge produzieren runde „Krater“
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  • Eine wohlverdiente Erholungspause in der Geopol-Hütte
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  • Blick von der Geopol-Hütte. Auch schlechtes Wetter hat seine Reize
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  • Die Geopol-Hütte
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  • Zwei unmittelbar aneinander grenzende Steinkreise. Im gröberen Kies ist die blaue Linie noch durchgängig sichtbar, während sie im feinkörnigerem Material durch Frostaktivität und Spaltenbildung unterbrochen wurde
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  • Ein neugieriger Vogel, der uns bei der Arbeit ganz genau beobachtet hat. Bis es ihm zu langweilig wurde und er wegflog
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  • Ein Detailfoto der Veränderungen eines Walls eines Steinkreises
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  • Steinkreise im Vordergrund, die Gipfel des Scheteligtoppen und des Nekknuten im Hintergrund
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  • Der neu installierte Wettermast auf Kvadehuksletta
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  • Nein, es waren keine Drogen im Spiel. Ich habe lediglich ein falsches Kameraprogramm gewählt
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  • Die Geopol-Hütte mit Kap Mitra im Hintergrund
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12.7.2022

Der Tag beginnt heute um 7:15 Uhr. Fünfzehn Minuten später als geplant, weil ich vergessen habe, den Wecker zu stellen. Ein schneller Flug durchs Badezimmer und dann bin ich doch noch pünktlich fürs Frühstück. Ich treffe die anderen direkt an der Eingangstüre zum Servicegebäude. Noch schnell eine letzte Ladung Wäsche auf den Weg bringen, dann kann ich das Frühstück genießen. Wir sind heute alle etwas langsam und extrem schweigsam. Während des Frühstücks werden vielleicht fünf Sätze gewechselt, ansonsten schaut jeder gedankenverloren auf den grau verhangenen Fjord. Natur und unsere Gemütslage sind quasi eins. Wie nicht anders zu erwarten regnet es und die Straßen von Ny Alesund sind matschig und dreckig. Die ersten Touristen des ersten Kreuzfahrtschiffes laufen darauf schon herum.

Wir müssen heute noch einen Covid-Test nachholen, der eigentlich gestern fällig gewesen wäre, den wir aber mit planen, packen, versuchter Feldarbeit, Eisbär schauen, Kaffee trinken und Vortrag anhören, verschwitzt haben. Umso erfreulicher ist das nicht ganz unerwartete Ergebnis. Wir sind alle negativ. Sehr schön, es kann also weiter gehen.

Nach dem Frühstück rede ich mit Isabelle über unseren Masterplan für heute bzw. die nächsten Tage. Tommy ist gerade mit dem Boot unterwegs, aber sie wird trotz unserer kurzfristigen Planänderung bereits heute ins Gelände zu gehen, versuchen, unsere Wünsche um zu setzten. Und so ruft mich bereits ein paar Minuten später Yohann in sein Büro, um die Fahrt und das Absetzen bei der Kjærsvika-Hütte auf Kvadehuksletta zu diskutieren. Absolut super, das AWI-Team! Danke! Aufgrund der Wind- und Wellenbedingungen steht noch nicht fest, ob wir tatsächlich mit dem Boot bis zur Hütte fahren können oder vorher bereits abgesetzt werden müssen. Zur Not müssen wir die Alukisten am Strand zurück lassen und mit unseren Rucksäcken bis zur Hütte laufen. Das kann ein größeres Geschleppe werden, denn wir müssen ja auch unsere Schlafsäcke, Isomatten und eine große und nicht gerade leichte Box mit unserem Essen quer über die Halbinsel bringen. Angesichts der Menge unseres Gepäcks würde dies sehr wahrscheinlich einen zweiten Fußmarsch bedeuten. Ich hoffe inständig, dass wir uns diesen Aufwand sparen können und alles vom Motorboot aus direkt vor der Hütte entladen können.

Unsere Rückkehr wird dann voraussichtlich am Freitag sein, um das Wochenende für das AWI-Team nicht zu ruinieren. Ich glaube, dass wir gut damit leben können. Letzte Details werden wir um 13:30 Uhr mit Isabelle besprechen. Bis dahin müssen wir komplett abfahrbereit sein, damit wir sofort los können und Yohann nicht zu spät von der Tour zurück kommt. Das sollten wir schaffen, denn ich bin eigentlich bis auf ein paar Kleinigkeiten fast fertig.

Meine Wäsche ist im Trockner und es bleibt noch Zeit für eine schnelle Dusche. Und eine letzte Überprüfung der Ausrüstung in der langen Alukiste. Cynthia wird nur einen Bohrer mitnehmen, was das Gewicht erheblich reduziert.

Nach dem Mittagessen geht alles recht schnell. Isabelle händigt uns die Waffen und den Notfallsender aus und wir verabreden noch, dass wir uns täglich bei ihr melden werden. Parallel dazu füllt Ernst die Excel-Datei mit unserer Feldinformation aus. Dann sind wir endgültig bereit. Yohann steht bereits mit dem Bus vor der Türe zum Rabot-Gebäude und in kürzester Zeit ist unsere Ausrüstung verladen und es geht zum Hafen. Dort laden wir alles auf das große AWI-Aluboot um. Die Gäste eines Kreuzfahrschiffes, das gerade angelegt hat, schauen uns dabei zu und auch dabei, wie wir uns in die Überlebensanzüge pellen. Wie Weißwurstessen reverse, quasi. Yohann gibt Gas und wir düsen mit guter Geschwindigkeit die Küste entlang in Richtung Kvadehuksletta. Das Wasser im Fjord ist flach und der Wind ist schwach aus östlichen Richtungen. Ideale Bedingungen für den heutigen Transport. An der Spitze von Kvadehuksletta werden die Wellen deutlich höher und kabbeliger. Auch weht hier draußen deutlich mehr Wind. Im Westen stehen dunkle Regenwolken und ich male mir im Geiste schon aus, wie wir im Regen unser Gepäck zur Hütte schleppen müssen. Yohann fährt erst einmal weiter und mit jedem Meter, den er fährt, werden meine Sorgen geringer. Schließlich sehen wir die winzige Kjærsvika-Hütte in einem kleinen Flusseinschnitt. Zuerst nur das Dach, aber es ist ein fantastischer Anblick, weil wir in ein paar Minuten unser ganzes Gepäck direkt an der Hütte ausladen können. Yohann ist in dem Moment mein Held! Er erklärt uns kurz das Anlegemanöver. Er will rückwärts anlegen und ich soll dann mit dem Heckanker an Land laufen, sobald ich ins Wasser springen kann. Es klappt hervorragend und so liegen wir mit dem Boot so nahe am Ufer, dass wir bequem ausladen können. Yohann tankt noch zum zweiten Mal nach, dann gibt es noch ein kurzes Zuwinken und schon ist er wieder fort.

Wir ziehen unsere Überlebensanzüge aus und bringen dann unsere persönliche Ausrüstung zur Hütte, die bei genauerem Hinsehen in einem erbärmlichen Zustand ist. Ganz klar, warum sie dringend repariert werden muss. An einigen Seiten fehlt die Dachpappe, einige Bretter sind verfault und die Hütte steht insgesamt schief. Aber sie ist unser Zuhause für die nächsten paar Tage und ist allemal besser, als wenn wir zelten müssten. Als wir alle in der Kjærsvika-Hütte stehen, ist es schon recht eng, aber die gute Nachricht ist, dass drei von uns auf dem Boden Platz finden. Schnell ist die Bettenbelegung geklärt. Cynthia bekommt das untere Bett, Andreas das obere und der Rest von uns darf auf dem Boden schlafen.

Man betritt die Kjærsvika-Hütte durch eine Art Schlupfloch, das über mehrere Stufen in ca. 1-1,5 m Höhe erreichbar ist. Hat man sich durch diese Engstelle gezwängt, steht man in einem kleinen Vorraum mit Regalen und einem Schrank, der mit Feuerholz voll ist. Der Wohnraum ist 3,5 x 4 m groß. Rechts, direkt am Eingang gibt es eine „Küche“ mit einem zweiflammigen Gasherd und einer kleinen Arbeitsfläche. Schräg gegenüber dem Eingang gibt es ein Fenster, davor einen kleinen Tisch an dem wir aber zu fünft Platz finden. In der linken hinteren Ecke steht ein Stockbett und in der linken Ecke neben dem Eingang gibt es einen kleinen Holzofen. Alles recht spartanisch und deutlich dunkler und kleiner als in der Geopol-Hütte. Manch einer ist sich nicht sicher was er von der Kjærsvika-Hütte halten soll. So jedenfalls interpretiere ich die Gesichter.

Zur Einweihung der Hütte machen wir uns eine Nudelsuppe. Tee haben Ernst und ich noch aus Ny Alesund mitgebracht. Eine Tafel Schokolade wird gleich noch mit vernichtet. Da geht es uns doch gleich besser. Und als der erste Whiskey im Glas ist, bzw. sich nicht mehr im Glas befindet, ist die Welt wieder in Ordnung. Vor der Hütte muss natürlich die bayerische Fahne wehen. Ich habe eine nagelneue mitgebracht und im Nu knattert sie im Wind. Der Wind hat stetig zugenommen und das Wasser zwischen dem Prins Karls Forland und uns ist mit weißen Schaumkronen übersäht. Es war definitiv gut, hier früher gelandet zu sein. Bei den jetzigen Wellen hätten wir es vermutlich nicht geschafft.

Wir entschließen uns noch eine kleine Erkundungstour zu machen. Wir laufen in Richtung Geopol-Hütte und sehen die ersten Steinkreise der Saison. Wir gehen auch entlang der Küste, die hier steil ins Meer abfällt. Oberhalb von anstehenden Gesteinen sehen wir viele Meter Sedimente, die den anstehenden Gesteinen aufliegen. Die Erosion hat sehr interessante Formen daraus gebildet. Leider regnet es immer mehr und angesichts der fortgeschrittenen Zeit beschließen wir umzudrehen. Wir müssen ja auch noch kochen und haben heute nicht den Luxus einer Kantine.

Die fehlende Dachpappe zeigt sich als größeres Problem, weil der starke Wind durch die Ritzen pfeift und die Hütte somit recht ungemütlich und kalt ist. Wie zünden deshalb den Holzofen an, etwas was wir bis jetzt noch nie getan haben, weil die Geopol-Hütte einfach viel besser isoliert ist und immer warm genug war. Während Ernst mit dem Feuer kämpft, kocht Andreas uns eine schöne Pasta.

Sorgen bereitet uns auch Nico, dem es heute nicht gut geht. Er klagt über Gliederschmerzen und Mattigkeit, hat aber heute Morgen negativ getestet. Wir hoffen dass es ihm morgen wieder besser gehen wird und dass es nichts Schlimmeres ist. So richtig prickelnd ist die Situation also momentan noch nicht hier. Ernst hat auch gesagt, dass ich kein Wort über die Schlafsäcke verlieren darf. Da halte ich mich natürlich daran. Und morgen ist ein neuer Tag, der natürlich viel besser werden wird.

Aber schon Andreas Essen und die Wärme des Holzofens helfen, unsere Stimmung deutlich zu verbessern. Nachdem ich vom Abspülen von draußen herein komme, ist es herrlich warm und man fängt an, sich heimisch zu fühlen. Das Abspülwasser ist übrigens ein Nebenprodukt unseres Heizens. Ich schütte ca. 2/3 in ein Plastikwaschbecken zum Abspülen und lasse das andere 1/3 im Topf zum Klarspülen. Ich platziere alles auf einem alten Ölfass, das vor der Tür steht und das ganze Prozedere funktioniert bestens. Man muss sich nur zu helfen wissen und drinnen wäre es einfach viel zu eng. Weil ich gerade draußen bin, fülle ich gleich noch einen großen Topf und zwei 5l-Kanister mit Wasser aus dem Bach.

Der Wind ist wieder etwas schwächer geworden und auch die Wolken haben sich etwas gehoben. Für morgen besteht also Hoffnung, dass wir einen halbwegs brauchbaren Feldtag haben werden. Der nachlassende Wind hat einen weiteren Vorteil. Es pfeift nicht mehr ganz so schlimm durch die Bretterwand und Ernst hat gerade Kohlen in den Ofen gelegt, die länger warmhalten sollten, als das Holz.

Um ca. 23:00 Uhr beginnen wir unser großes Puzzlespiel. Wie und wo verteilen wir uns zum Schlafen. Letztlich schlafe ich längs der Küche, Cynthia längs unter dem um 90° gedrehten Tisch und Ernst quer vor dem Eingang. Nachdem es Nico nicht so gut geht, bekommt er das obere Bett. So passen wir alle gut in die Hütte. Einziger Nachteil ist, dass wir unsere Türe nicht schließen können. Sollte nämlich jemand nachts raus müssen, würde Ernst jedes Mal geweckt werden müssen. Kaum haben wir uns sortiert und in die warmen Schlafsäcke verzogen, fallen bei mir auch schon die Augen zu.

Fotos

Der erste Blick auf die Kjærsvika-Hütte, unser zuhause für die nächsten Tage
Der erste Blick auf die Kjærsvika-Hütte, unser zuhause für die nächsten Tage
© KOP 132 SPLAM
  • Yohann hat uns mit dem Boot abgesetzt und nun geht es ans Auspacken, sowohl von uns als auch des Gepäcks
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  • Nico ist sich noch nicht so ganz sicher, wie das die nächsten paar Tage wird
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  • Die gute Laune hält sich beim schlechten Wetter eher in Grenzen
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  • Cynthia und ihr erster Steinkreis. Ein historisches Fotodokument!
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  • Auf einem kleinen Erkundungsspaziergang
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  • Die Kjærsvika-Hütte in ihrer ganzen Pracht
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  • Das Puzzle ist gelöst. Es finden drei Personen am Boden Platz zum Schlafen
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11.7.2022

Regen! Ich höre ihn bereits auf dem Fensterbrett noch bevor ich das Rollo öffne. Die Wolken hängen tief und alle Berggipfel existieren heute nicht. Unter den hellgrauen, mittelgrauen und dunkelgrauen Wolken ist die Sicht über den Fjord recht diesig und es regnet in größeren Tropfen. Früher war es eher feinerer, nebelartiger Regen aber heute ist es richtiger Landregen. Zum Wetter passend, gibt es heute Porridge zum Frühstück. Gott sei Dank gibt es auch etwas Genießbares und so halte ich mich an Brot, Wurst und Käse. Natürlich gibt es auch einen Pott Kaffee dazu. Alles völlig banal und kein weiteres Wort wert.

Ich packe meinen Rucksack mit den Dingen, die ich in der nächsten Woche wohl brauchen werde bzw. könnte. Alles ist fertig und abfahrtbereit aber das Wetter ist wirklich saumäßig. Nico kommt zu mir, um den Blog gegen zu lesen und berichtet mir dabei, dass ein Eisbär um Ny Alesund gesichtet wurde. Er hat die Stadt nicht betreten, aber doch für einige Aufregung gesorgt. Cynthia hat ihn sogar gesehen, als sie bei der italienischen Station ihr Bohrgerät ausleihen war. An mir ist der Bär buchstäblich vorüber gegangen. Wäre schön, wenn es der letzte Bär für diese Saison gewesen wäre! Ich drücke uns die Daumen!

Noch immer regnet es in Strömen und an Feldarbeit ist nicht zu denken. Als ich ins Rabot-Gebäude komme sind sich Ernst, Nico und ich sehr schnell einig, dass eine Abfahrt heute keinen Sinn macht. Wir wären alle innerhalb kürzester Zeit nass und würden unsere Klamotten in der kleinen Hütte vermutlich nie mehr trocken kriegen. Ernst meint, dass wir aufpassen sollten uns unter diesen Umständen nicht „physisch und mental zu erschöpfen“. So schön hätte ich es nie sagen können! In meinen Worten klingt das eher so: „Mit fünf nassen Leuten in einer kleinen Hütte sitzen, da kann man sich sehr schnell auf den Wecker gehen“. Andreas und Cynthia stimmen mit uns überein und so holen wir unseren Plan B aus der Tasche, der vorsieht, heute Nachmittag die Steinkreise unterhalb des kleinen Hügels zu untersuchen, von denen Nico und ich letztes Jahr Bodenradarprofile aufgenommen haben. Falls wir dann wirklich nass werden, sind wir schnell wieder in Ny Alesund. Außerdem wissen wir ja auch noch nicht, ob die Hütte nun renoviert wird oder nicht.

Das schreit förmlich nach einem Kaffee, um in die kreative Planung einzusteigen. Es liegt schon wieder ein Kreuzfahrtschiff im Hafen und so gehe ich an den Hafen, um ein paar Bilder für den Blog zu machen. Insgesamt werden es heute drei Kreuzfahrtschiffe werden, von denen ich zwei fotografiere. Das dritte entkommt mir. Der Farbcode der Jacken der Touristen ist interessant. Da gibt es hellblaue, orange und heute auch schwarze. So ist es für die Wärter sicher einfacher, den Ameisenhaufen unter Kontrolle zu halten. Auf dem Weg zum Hafen laufe ich Isabelle über den Weg, die mir mitteilt, dass die Kjærsvika-Hütte für uns zur Verfügung steht. Hey, positive Nachrichten an einem grauen Tag!

Für den Tagestrip heute muss ich natürlich meinen bereits fertig gepackten Rucksack wieder auspacken. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass ich Akkus, Ladekabel, Waschzeug oder eine Ersatzhose heute Nachmittag brauchen werde. Noch schnell ein paar erste Zeilen für den Blog geschrieben und schon ist es wieder Essenszeit. Gefühlt sind wir gerade erst vom Frühstücken bzw. vom Kaffee trinken aufgestanden und Cynthia meint, dass sie heute nicht mit zum Essen gehen wird. Aber es bedarf nur weniger Worte, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Erhöhter Energiebedarf bei Extremtemperaturen und die stundenlangen anstrengenden Fußmärsche, die tonnenweise Energie verbraten sind nur einige unserer Argumente. In Wahrheit gehen wir heute nicht sonderlich weit und die Temperaturen sind mit 8 °C eher mild, vor allem weil wenig Wind ist. Beim Mittagessen ist es auch Zeit von Maarten und Fritz Abschied zu nehmen, die nach Longyearbyen fliegen werden, um von dort auf eine große niederländische Expedition nach Edgeøya zu gehen. Wir beschließen kurzerhand, dass wir uns gegenseitig in Groningen bzw. Münster besuchen wollen. Vielleicht können wir ja auch ein gemeinsames Seminar organisieren. Ich wünsche euch eine gute und sichere Reise, Maarten und Fritz!

Nach dem Essen packen wir noch das Georadar außen an meinen Rucksack, Nico hat das Rad des Radars und auch die andere Ausrüstung wird gleichmäßig auf alle Schultern verteilt. Auch den Drachen nehmen wir mit, in der Hoffnung, dass wir eine Befliegung durchführen können. Cynthia konnte sich von der italienischen Station ein Bohrgerät zur Probennahme ausleihen, das in ihrem Rucksack verschwindet. Dazu die zwei obligatorischen Gewehre und Signalpistolen: So sind wir schon wieder bepackt als ob wir 14 Tage unterwegs wären. Es hat mittlerweile zu regnen aufgehört und teilweise spitzt sogar für ein paar Sekunden die Sonne durch die Wolken. Die Wettervorhersage passt also hervorragend und fast auf die Minute genau. Na gut, sagen wir auf 30 Minuten genau. Das ist natürlich gut, bedeutet aber auch, dass es gegen Mitternacht wieder zu regnen beginnen soll und morgen dann einen Großteil des Tages so weitergehen wird.

An der Weggabelung laden wie unsere Gewehre. Wie auch schon letztes Jahr werden wir dabei heftig von Seeschwalben attackiert, die dort ihre Nester haben. Die sind echt sauer und zielen mit ihren Sturzflügen auf unsere Köpfe. Kurz vor der Talstation der Seilbahn auf den Zeppelinfjellet steht ein KingsBay Pick-Up und als wir näher kommen, kurbelt der Fahrer sein Seitenfenster herunter. Er informiert uns, dass der Eisbär von heute Morgen in ca. 500 m Entfernung seit Stunden hinter einer Abraumhalde schläft. Jetzt, wo er uns den Bären zeigt, sehen wir ihn auch. Ein winziger Punkt, der bei den vielen Restschneefeldern nicht weiter auffällt. Schlafende Eisbären sind dadurch viel schwieriger zu erkennen als solche, die sich bewegen. Wir brauchen nicht lange zu überlegen und es ist uns klar, dass wir heute nicht ins Gelände gehen werden. Die Chance, dass der Bär in unsere Richtung laufen könnte ist relativ hoch. Entweder geht er nach dem Aufwachen in Richtung Corbel-Hütte, oder in Richtung Kvadehuksletta, oder eben in Richtung Broggerbreen, wo wir gerade noch hin wollten. 33% Chance dem Bären über den Weg zu laufen klingt erst einmal nicht sonderlich hoch. Mir erscheint es dennoch als zu gewagt und auch der Mann von KingsBay, der den Bären seit Stunden im Auge behält, rät uns davon ab, weiter ins Feld zu gehen.

Um nicht mit völlig leeren Händen zurück zu kommen, probieren wir zumindest Cynthias Bohrgerät aus. Man ist ja vorbereitet und nachdem Plan A und B beide grandios gescheitert sind, wird eben Plan C aus der Tasche gezogen. Bei feinkörnigen Sedimenten funktioniert der Erdbohrer ganz gut, bei grobkörnigem Material kommt man sehr schnell an seine Grenze weil sich der Bohrer dann nur mehr sehr schwer drehen lässt. Während die anderen bohren, behalte ich den Eisbären im Auge. Kurz bewegt er sich, aber er dreht sich wohl nur um und schläft weiter.

Gerade als wir in Ny Alesund einmarschieren gibt es plötzlich einen lauten Knall und wir sehen eine große Rauchwolke direkt vor dem Servicegebäude. Wir erfahren, dass Fieke soeben Ny Alesund verlassen hat und dieser Böllerschuss zu ihren Ehren abgefeuert wurde. Was für eine schöne Geste! Wir melden uns wieder bei Isabelle an und da die beiden Gewehre von leichtem Flugrost überzogen sind, bieten wir ihr an, die Waffen zu reinigen. Gesagt, getan! Ernst und ich machen uns an die Arbeit und nach einer halben Stunde glänzen sie wieder. Die neuen Gewehre sind toll, haben aber auch ihre Nachteile. Zum einen rosten sie sehr viel schneller als die Ruger Gewehre und zum anderen verliert man sehr leicht die oberste Patrone aus dem Magazin. Jedenfalls verpacken wir die Bolzen der Gewehre und die Munition in dicke Wollsocken und werfen sie durch eine Klappe in den Safe.

Unser Nachmittagskaffee muss heute ausfallen, denn es ist bereits kurz vor dem Abendessen. Es gibt Fischsuppe! Am Tisch erfahren wir von der österreichischen Gruppe aus Innsbruck, dass sie heute Abend einen Vortrag über ihre Arbeiten geben werden. Ein Themenkomplex ist Leben in und unter dem Eis und ein zweites Thema beschäftigt sich mit Plastikmüll in den Alpen und hier in der Arktis. Beides sehr spannende Themen und so beschließen wir, die Vorträge anzuhören. Mitten in Birgits Vortrag hören wir plötzlich mehrere laute Detonationen von Signalpistolen. Der Eisbär ist also wach geworden und wird jetzt vom „Watchman“ vertrieben. Für ein paar Fotos lässt sich der Bär aber noch blicken, bevor er davon trottet.

Nach den Vorträgen sitzen wir noch eine Weile in der Kantine und diskutieren über die Orientierung von Gletscherspalten und ob man damit die Orientierung unserer Erosionsstrukturen erklären könnte. Interessanterweise verlaufen diese nämlich nicht auf dem direkten Weg hangabwärts in Richtung Meer, sondern eher diagonal dazu. Ernsts Idee ist, dass dies eventuell durch die Eisspalten im Untergrund vorgegeben sein könnte. Eigentlich eine gute Idee aber ich bin skeptisch da ich bei der Bewegungsrichtung des Gletschers eine andere Orientierung der Spalten erwarten würde. Da wir aber zu keiner Lösung kommen, werden wir uns morgen die Luftbilder anschauen, die uns dann hoffentlich einen Schritt weiter bringen.

Ungewöhnlich früh ziehen wir uns in unsere Zimmer zurück. Ich bin aber auch recht müde und der Blog muss ja auch noch geschrieben werden. Und um 23:30 ist noch das Zoom-Meeting mit Carolyn angesetzt. Bis dahin muss ich noch durchhalten. Gerade als ich diese Zeilen schreibe und aus dem Fenster blicke, fährt jemand nur in Badehose bekleidet, Handtuch um die Schultern und Fellmütze auf dem Kopf mit dem Fahrrad vorbei. Mir ist schon klar, dass er in die Sauna fährt, aber einen bizarreren Anblick kann man sich nur schwerlich vorstellen als einen halbnackten, fahrradfahrenden Mann auf 79 °Nord mit Eisbergen im Fjord und Gletschern im Hintergrund. Jetzt bin ich wieder hellwach.

Es ist jetzt doch schon wieder 00:09 Uhr geworden und der angekündigte Regen hat soeben eingesetzt. Ich bin wirklich sehr beeindruckt von der Genauigkeit der Wettervorhersagen. Jetzt müsste sie nur noch öfter schönes Wetter vorhersagen, dann wäre ich nicht nur beeindruckt, sondern sogar begeistert.

Fotos

The Return of the Martians: Es geht zurück nach Ny Alesund
The Return of the Martians: Es geht zurück nach Ny Alesund
© KOP 132 SPLAM
  • Grundnahrungsmittel: HobNobs und Kaffee
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  • Irgendwie färbt es ab, dass Cynthia in Pisa studiert
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  • Das Bohrgerät, das sich Cynthia von der italienischen Station ausleihen konnte, kommt zu seinem ersten Einsatz
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  • Wo ist der Bär?
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  • Wo ist der Bär?
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  • Kleiner Hinweis: Da ist der Bär!
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  • Ein schlafender Eisbär hinter einer Kohleabraumhalde südlich von Ny Alesund
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  • Das AWI-Observatorium
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  • Eines der zahlreichen Kreuzfahrtschiffe im Hafen von Ny Alesund
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  • Schon ein schönes Schiff!
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  • Der Eisbär ist jetzt wach
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  • Der Eisbär ergreift die Flucht vor den Detonationen der Signalpistolen, deren Rauch deutlich zu sehen ist
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10.7.2022

Heute ist Sonntag und am Sonntag gibt es in der Kantine kein normales Frühstück, das schon immer sehr reichhaltig ist. Nein, am Sonntag gibt es Brunch, der mindestens üppig ausfällt. Ähnlich wie beim Samstagabend Dinner freut sich jeder darauf. Vor allem weil man auch nicht früh aufstehen muss. Der Brunch beginnt gemütlich um 10:00 Uhr! Nach einer etwas längeren Barnacht ist das human! Ich bin allerdings schon um 8:00 Uhr aufgestanden und habe im Aufenthaltsraum im Blauen Haus am Blog gearbeitet. Der Text musste noch fertig geschrieben werden, Bilder mussten kopiert und ausgewählt werden und die Bildunterschriften dazu verfasst werden. Aber mit all dem war ich pünktlich um 9:54 Uhr fertig. Punktlandung! Und spätestens jetzt habe ich mir den Brunch auch verdient.

Auf dem Weg zum Rabot-Gebäude laufe ich ein paar Touristen eines Hapag-Lloyd Schiffes über den Weg. Sie grüßen mich freundlich auf Englisch, aber da sie sich vorher auf Deutsch unterhielten, wünsche ich ihnen einen „Guten Morgen“, was sie erst verdutzt und dann zum Kommentar „Ah ein Bremerhavener“ veranlasst. Tja, nicht überall wo AWI draufsteht, ist auch AWI drin. Als Bayer für jemanden aus Bremerhaven gehalten zu werden schmerzt natürlich! Aber da muss ich jetzt ganz tapfer sein!

So sitzen wir alle fünf ein paar Minuten später vor gut gefüllten Tellern mit allerlei Leckereien und grinsen um die Wette. Dieses ausgiebige Frühstück hat seinen Reiz aber Andreas bemerkt zu Recht, dass wenn ein Schiff im Hafen liegt, dann auch der Laden offen hat. Das ist meine Gelegenheit die Souvenirs für Carolyn und die Kinder zu kaufen. Ich schlängele mich durch die Touristen auf der „Hauptstraße“ Ny Alesunds und stehe ein paar Minuten später im Laden. Dieses Jahr werde ich schwach und kaufe mir tatsächlich einen dicken beigen Norwegerwollpulli, den ich schon seit Jahren im Auge hatte, aber nie gekauft habe. Heute war es dann endgültig unvermeidbar. Und auch ein grünes KingsBay T-Shirt wird mitgenommen. Das waren jetzt die Sachen für mich und manch einer wird sich jetzt fragen, ja was hat er denn für den Rest der Familie gekauft? Das kann ich natürlich hier noch nicht schreiben, denn sonst ist es ja keine Überraschung mehr, wenn ich heimkomme. Sorry! An der Kasse bekomme ich dazu noch die Erklärung, dass das grüne T-Shirt von den KingsBay Mitarbeitern immer am Mittwoch getragen wird, während die rosa Variante immer freitags zum Einsatz kommt. Ehrlich gesagt sehe ich mich nicht wirklich in einem rosa T-Shirt, aber die Verkäuferin meint, dass das alle tragen würden. Gott sei Dank geht der Kelch an mir vorüber, denn schließlich muss ich mich ja nicht an die KingsBay Kleiderordnung halten.

Nachdem ich meine erjagten Souvenirs in mein Zimmer gebracht habe, schaue ich was die anderen so treiben. Ernst und Nico betrachten gerade Mosaike unseres Untersuchungsgebietes und wir stellen fest, dass sich in den letzten Jahren einiges verändert hat. So fehlt zum Beispiel ein ganzer Hügel, der mehrere Meter hoch war. Einfach wegerodiert! Der Hammer, wenn man das so sieht. Später zeigt mir Nico noch zwei Bilder des Sentinel Satelliten vom 25. Juni und 8. Juli. Darauf ist sehr schön zu sehen, wie sich der Kronebreen Gletscher bewegt. Auch das der absolute Wahnsinn! Was man ebenfalls sehr schön auf dem jüngsten Bild sehen kann ist der enorme Sedimenteintrag direkt an Coletthogda, der das Wasser rotbraun erscheinen lässt. Wir haben das ja bereits gestern vom Ufer aus beobachtet. Im Vergleich zum Bild aus 2011 wird deutlich, wie weit der Gletscher in dieser kurzen Zeit zurückwich. Während wir die Bilder diskutieren, kommen aus dem Nachbarzimmer sehr verdächtige regelmäßige Geräusche. Andreas scheint gerade damit beschäftigt zu sein einen Kubikmeter Holz zu sägen. Sei ihm vergönnt, der kleine Powernap!

© KOP 132 SPLAM

Natürlich müssen Ernst, Andreas und ich anschließend in die Kantine, um etwas zu trinken. Dabei fallen uns auch die neuesten Ausgaben der „Svalbardposten“, der Lokalzeitung, in die Hände. Andreas übersetzt für uns, dass ein Eisbär durch eine Lawine ums Leben kam. Murphy’s Law! Sehr schade um den Bären. Auch jede Menge „Vi Menn“ Hefte liegen auf den Tischen vor den Sofas herum. Wir kennen dieses Magazin schon von früheren Besuchen in Spitzbergen, weil sie sich praktisch auf jeder Hütte finden. Der Themenumfang ist eher begrenzt. Auf eine männliche Leserschaft zugeschnitten, geht es hauptsächlich um Autos, Heldengeschichten aus dem 2. Weltkrieg, Jagen, Sport und natürlich Frauen. Da braucht man keine profunden Norwegisch Kenntnisse, um zu erahnen was einem die Artikel sagen wollen. Falls noch jemand an völlig unnützer Information interessiert ist. „Vi Menn“ wird seit 1951 wöchentlich in Oslo verlegt und verkaufte sich 1999 108,000 Mal. Es ist damit das bestverkaufte Männermagazin in Norwegen.

Frisch gestärkt nach meiner Tasse Kaffee machen sich Ernst und ich an die Arbeit unsere Kisten umzupacken. Wir wollen möglichst wenig Ausrüstung mitnehmen und schaffen es tatsächlich alles Wichtige in die lange Zarges-Kiste zu verpacken. Das ist schon einmal sehr gut, da wir dadurch weniger schleppen müssen. Beim Umpacken stelle ich fest, dass sowohl in der kleinen Alukiste, als auch in meiner roten Box Wasser steht. Das ist jetzt gar nicht gut und eine meiner Batterien hat bereits zu rosten begonnen. Also lege ich alles zum Trocknen raus und kippe dann das Wasser aus den Boxen. Auch den Schaumstoff der roten Box stelle ich zum Trocknen auf. Nur gut, dass ich es bemerkt habe und keine teuren Messgeräte kaputt gingen. Bei der nächste Motorboottour müssen diese Kisten unbedingt waagrecht im Boot verstaut werden. Allerdings haben wir beim Transport mit „Polar Tomato“ auch wirklich sehr viel Wasser abbekommen. Da wundert es mich eigentlich nicht, dass die Boxen nicht 100%ig dicht hielten.

Dann ist es Zeit für die „offizielle“ Kaffeepause, die Cynthia, Andreas und ich genießen. Zur Sicherheit lade ich im Anschluss daran noch einmal sämtliche Akkus. Auf der Kjærsvika-Hütte, unserem morgigen Ziel gibt es natürlich keinen Strom und so müssen wir jedes einzelne Elektron dorthin schaffen. Insgesamt habe ich vier leistungsstarke Akkus dabei und ich hoffe, es wird reichen. Sollten wir aufgrund der Renovierungsarbeiten nicht dorthin kommen, erledigt sich zumindest diese Sorge. Für den Fall der Fälle wollen wir zu den Steinkreisen am Fuße des Hügels laufen, die Nico und ich letztes Jahr mit dem Georadar untersucht haben. Ein zweiter Tag könnte mit einem längeren Fußmarsch zu den Steinkreisen auf Kvadehuksletta verbracht werden und eventuell ist es ja auch möglich, dass uns Tommy oder Yohann an zumindest einem Tag mit dem Motorboot dorthin bringen. Morgen werden wir mehr wissen. Jedenfalls haben wir schon einen Plan B in der Tasche!

Aber auch das Wetter könnte uns einen Strich durch die Rechnung machen. Laut Vorhersage soll es bis einschließlich Dienstag viel regnen. Dazu kommt, dass der Wind aus Süd bis Südwest aus einer ungünstigen Richtung weht, um bei der Kjærsvika-Hütte anzulanden. Und auch die Windstärke von 3-5 Beaufort könnte ein Problem sein, wenn sich dadurch zu hohe Wellen aufbauen. Bei diesen Bedingungen würden wir erst relativ spät feststellen können, ob wir tatsächlich bis zur Kjærsvika-Hütte mit dem Motorboot fahren können. Aber das sind alles ungelegte Eier, über die ich mir erst dann Sorgen mache, wenn sie gelegt sind.

So, Zeit fürs Abendessen! Ich bin etwas spät dran und treffe die anderen in der Kantine. Das Essen schmeckt wie immer hervorragend und zum Nachtisch gibt es Eis. Ich passe und esse lieber ein paar HobNobs mit Schokolade zum abendlichen Kaffee. Dann mache ich noch einen kurzen Abstecher in den Trockenraum, um meine Klamotten abzuholen, die ich dort heute Morgen aufgehängt habe. Alles frisch und trocken.

Um 8:00 Uhr sollte im Blauen Haus eigentlich Ernsts Vortrag über unsere Arbeit stattfinden, aber Fieke, die Ingenieurin des Observatoriums, gibt heute ihre Abschiedsparty. Nach 15 Monaten wird sie morgen Nachmittag Ny Alesund verlassen. Sie war in der ganzen Zeit nur schnell einen Tag in Longyearbyen und ansonsten immer in Ny Alesund. Dir alles Gute, Fieke. Es war schön Dich kennen gelernt zu haben! Zur Party bringt jeder etwas mit und sie macht echt Laune. Ich unterhalte mich längere Zeit mit Tommy und auch die zwei Spanier vom letzten Jahr treffe ich wieder. Ein wirklich sehr nettes Paar! Die Party ist natürlich ein vortrefflicher Grund, den Vortrag auf nächsten Sonntag zu verschieben. Allerdings meldet Yohann während der Party an, dass er nächsten Sonntag seine Abschiedsparty schmeißen will. Mal schauen, was das für Auswirkungen auf Ernsts Vortrag haben wird. Von Yohann und Guillaume erfahren wir auch, wie wir auf die Coletthogda kommen und wo wir währenddessen das Boot vor Anker liegen lassen können. Das wäre eine interessante Tour, die uns einen fantastischen Blick auf unser Untersuchungsgebiet und einen neuen Ausblick auf den Fjord und den Kongsbreen Gletscher geben würde. Vielleicht schaffen wir es ja noch nachdem wir von Kvadehuksletta zurück gekommen sind. Trotz Party liegen wir um 23:30 Uhr in den Federn.

Eines muss ich am Schluss noch erwähnen. Es waren heute insgesamt vier Kreuzfahrtschiffe in Ny Allesund, was bei den Bewohnern hier nicht immer für große Begeisterung sorgt. Das ist aber selbst für mich, der ich ja auch nur Gast bin, nachvollziehbar, da dann manchmal so viele Menschen in der Stadt sind, dass man nicht mehr ungestört seiner eigentlichen Arbeit nachgehen kann.

Fotos

Das Wetter schaut für Montag und Dienstag nicht sehr rosig aus. Wir müssen leider mit zwei Tagen Regen rechnen was nicht sehr angenehm sein wird, wenn wir zu fünft in einer kleinen Hütte sein werden
Das Wetter schaut für Montag und Dienstag nicht sehr rosig aus. Wir müssen leider mit zwei Tagen Regen rechnen was nicht sehr angenehm sein wird, wenn wir zu fünft in einer kleinen Hütte sein werden
© KOP 132 SPLAM
  • Topographische Karte der Brogger Halbinsel. Der weiße Punkt markiert die Geopol-Hütte in der wir normalerweise übernachten. Der schwarze Punkt zeigt die Kjærsvika-Hütte, die wir dieses Jahr nutzen möchten
    © KOP 132 SPLAM

9.7.2022

Tatsächlich schlafe ich heute bis um 8:00 Uhr bis Herbert Grönemeyer „Bochum“ in mein Ohr schreit. Ein Blick in den Spiegel gibt ihm Recht „Du bist keine Schönheit, vor Arbeit ganz grau. Liebst Dich ohne Schminke…“ Ah, was solls! Der Blick nach draußen ist schon überraschender. Es scheint die pralle Sonne und kein Lüftchen bewegt sich. Die Wolken von gestern Abend haben sich komplett verzogen und wir können uns auf einen weiteren schönen Tag freuen!

Die Nudelsuppe des Tages ist mit Hühnchen-Geschmack. Sie ist deutlich weniger scharf als die Shrimp-Suppe von gestern und ich hoffe, dass sie meinem Magen besser tut. Nicht auszumalen, sollte ich eine Nudelsuppenallergie entwickelt haben. Vielleicht muss ich noch ein Wort zu den Nudelsuppen sagen. Die große Änderung bei den Suppen besteht darin, dass das Palmöl oder was auch immer es ist, sich nun flüssig im Tütchen befindet. In den guten alten Zeiten war es immer geleeartig und musste erst durch reiben etwas erwärmt werden, damit auch ja der letzte Tropfen in der Suppe landete. Ist das ein Zeichen des Klimawandels? Wenn ja, ist das nicht lustig. Hier in der Arktis sehen wir den Klimawandel am stärksten. Unsere eigenen Daten belegen ihn in drastischer Form. So hat sich z.B. die Topographie unseres Untersuchungsgebietes zwischen 2008 und 2020 um mehrere Meter verändert. Das heißt, innerhalb weniger Jahre sind mehrere Meter Eis weg getaut. Und natürlich sehen wir dieses Abtauen auch am Rückgang des Kronebreen Gletschers, der im Vergleich zum Vorjahr erneut kleiner wurde. Ich überlege, ob ich vielleicht nächstes Jahr mit meiner Familie nach Spitzbergen kommen werde, weil meine Kinder sehen sollen, wie es hier momentan ausschaut. Spätestens im Laufe ihres Lebens wird es hier im Norden zu gravierenden Änderungen in der Gletscherabdeckung, der Vegetation und natürlich auch der Fauna kommen. Bereits jetzt läuft ein Film am Flughafen in Longyearbyen, der auf die Gefahr von invasiven Arten hinweist, die sich durch die Erwärmung neue Lebensräume erschließen können. An den windstillen letzten Tagen sind uns auch zum ersten Mal Mücken in größerer Anzahl hier begegnet. Früher waren es gefühlt viel weniger Mücken. Was ich sagen will. Es gibt hier viele kleine Puzzlesteine, die sich für mich immer deutlicher zu einem Gesamtbild zusammenfügen und die mich an einen Klimawandel glauben lassen. Wenn wir diese einzigartige Umgebung erhalten wollen ist es höchste Zeit, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Die Arktis hat nicht mehr viel Zeit!

Als ich mit meinem Frühstück quasi fertig bin, kommen die anderen einer nach dem anderen in unser „Wohnzimmer“. Ernst ist heute mal der Letzte, der zu uns stößt. Angesichts des schönen Wetters beschließen wir, dass wir doch noch einmal ins Untersuchungsgebiet gehen. Andreas wird auf der Hütte bleiben und das restliche Essen sortieren sowie mit dem Aufräumen beginnen. Der Rest der Mannschaft packt seine sieben Sachen und bewegt sich in Richtung Strand. Ehrlich gesagt sind es heute keine sieben Sachen, denn wir reisen mit leichtem Gepäck weil das Wetter schön ist und wir nur ein paar Stunden bleiben werden. Aber ordentliche Jacken gehören auf alle Fälle zur Ausrüstung. Mein Rucksack ist etwas voller, weil ich zusätzlich noch die GoPro, Kabel, Computer und anderes Zeug darin verstauen muss. Aus den Kisten, die wir gestern am Strand abgestellt haben, holen wir die Pole-Stangen, den Drachen, die Kameraaufhängung dafür und natürlich die Leine und schon sind wir mit „Sabrina“ unterwegs. Im Untersuchungsgebiet geht es dann zack zack. Es ist eine Brise aufgekommen und wir lassen sofort den Drachen mit der darunter hängenden GoPro fliegen. Der Wind ist relativ konstant und so bleibt der Drachen schön stabil in der Luft. Nach gut 40 Minuten habe ich unsere Erosionsstruktur zweimal beflogen und auch jene des letzten Jahres gleich mit abgedeckt. Als wir fertig sind wird der Wind deutlich stärker, was vermutlich mit der sich von Westen nähernden Wolkenwand zu tun hat. Wir schauen, dass wir möglichst schnell fertig werden. Nico misst noch die gestern neu ausgelegten Markierungspunkte mit seinem GPS ein. Natürlich haben wir alle schon mit dem DGPS gemessen, das um ein Vielfaches genauer ist, aber sicher ist sicher. Ernst und Cynthia schauen sich noch den kollabierenden „Aussichtshügel“ an, der vermutlich noch dieses Jahr oder spätestens nächstes Jahr verschwinden wird. Ich schließe mittlerweile meinen Computer am Datenlogger an und lade die Daten der letzten Tage herunter. Ein kurzer Blick darauf verrät große Schwankungen in der Sonnenintensität und der Bodenfeuchte an einem der zwei Sensoren. Sehr interessant und gut, dass der Datenlogger genau das macht, was er soll: Daten aufzeichnen. Ein letztes Stück Schokolade und es geht zurück zum Motorboot.

Die Fahrt ist okay aber durch den auffrischenden Wind hat sich eine kleine steile Windwelle aufgebaut. Nicht weiter dramatisch aber gerade so hoch, dass es mir klar ist, dass wir für die Abreise von der Corbel-Hütte zwei Motorbootfahrten nach Ny Alesund brauchen. Fünf Personen und das ganze Gepäck ist mir zu unsicher. Wir laden kurzerhand alle am Strand stehenden Kisten ins Boot. Nico hat seinen Rucksack schon heute Morgen fertiggepackt und sein Zimmer aufgeräumt, so dass er bereits mit nach Ny Alesund genommen werden kann. Da wir noch Platz haben, holen wir noch weitere Taschen aus der Hütte, die nicht mehr gebraucht werden. Gut bepackt bringt uns „Sabrina“ nach Ny Alesund. Im Hafen wird alles auf „Goupil“ umgeladen. „Goupil“ ist ein kleines Elektroauto, das von Nico gefahren wird. Er wird sich um das Gepäck kümmern, während Cynthia und ich zurück zur Corbel-Hütte düsen. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn unbeladen und nur mit zwei Personen besetzt fliegen wir förmlich übers Wasser.

AAARRRGGGHHH!!! Schnell waren wir, aber meine Bergstiefel sind in meinem gelben Sack in Ny Alesund. Ich laufe also im Überlebensanzug bis zur Hütte hoch, wo ich mein anderes Paar Stiefel habe. Wir essen noch eine Nudelsuppe – dieses Mal gibt es Entengeschmack – und beginnen dann die Hütte zu putzen. Mein Zimmer ist schnell gesäubert und meine Sachen schnell gepackt. Andreas hat ja in der Haupthütte schon Vorarbeiten geleistet, so dass nur noch das Gas abgestellt, gefegt und der Müll verpackt werden muss. Der Müll wird streng getrennt und so haben wir ca. sechs oder acht unterschiedliche Plastikbeutel, plus dem Müllsack mit dem ganzen Toilettenpapier. Alles geht zurück nach Ny Alesund!

Um kurz vor 18:00 Uhr ist es dann geschafft und „Sabrina“ liegt fest vertäut im Hafen. Während wir auf den Abtransport unserer Ausrüstung warten, kommt ein Polizist an uns vorbei. Auf seinem Rücken steht „Sysselmesteren“ und mir fällt auf, dass er natürlich seine Dienstwaffe und andere Ausrüstung über dem Überlebensanzug trägt. Macht natürlich Sinn, nur habe ich vorher noch nie darüber nachgedacht, weil man hier normalerweise nie einen Polizisten zu sehen bekommt.

„Goupil“ schleppt den Rest unserer Ausrüstung zum Rabot-Gebäude, inklusive Ernst, der das Ding fährt und mir. Alles wird schnellstens ausgeladen, denn jetzt wird es eng, wollen wir noch rechtzeitig zum Samstag-Dinner kommen. Eine kurze Dusche muss genügen dann sitzen wir an schön gedeckten Tischen beim Schmausen. Weiße Tischdecken, das Besteck auf den Tischen, Gläser, blaue Servietten und brennende Kerzen. Es schaut sehr festlich aus! Und das Essen erst! Es gibt rosa Filet mit einer großen Auswahl an Beilagen. Mir schmecken dabei eine Art Roter Beete am besten. Allerdings sind sie nicht durchgängig rot sondern weiß-rot gestreift. Zwei Portionen müssen da sein, gefolgt von einer Vanillecreme mit Sanddornsauce und Kaffee. Leben wie Gott in Ny Alesund!

Bis die Bar öffnet bleibt noch Zeit die Überlebensanzüge abzuwaschen und Wäsche zu waschen. Als ich um 9:00 Uhr die anderen vom Rabot-Gebäude abholen will, treffe ich Maarten Loonen und wir unterhalten uns sehr nett. Schließlich treffe ich den Rest der Mannschaft in der Bar, wo sie bereits am ersten Bier arbeiten. Die Kartenzahlung funktioniert nicht, so dass es einen „Deckel“ für jeden gibt. Das Gute daran ist, dass man auf diese Art und Weise sehr schnell die Barbesatzung kennen lernt. Heute machen Birgit, Moni und Maria aus Innsbruck den Bardienst, unterstützt von Francesca aus Italien. Da sie es zum ersten Mal machen, klappt am Anfang nicht alles sofort auf Anhieb aber innerhalb einer halben Stunde flutscht der Laden. Ein perfektes Team. Ich unterhalte mich längere Zeit sehr gut mit Isabelle, die versucht dem Barteam zu helfen, obwohl es heute mit Sicherheit nicht ihre Aufgabe ist. So lerne ich, dass das Barpersonal jede Bierbüchse öffnen muss. Sie dürfen keine geschlossene Büchsen verkaufen. Vermutlich stammt das noch aus alten Bergwerkszeiten und ich kann mir vorstellen, dass man damit verhindern wollte, dass Bergleute zu viel Bier bunkern konnten. Wäre interessant herauszufinden, woher diese Regel eigentlich stammt! Leider hat Isabelle auch bedenkliche Nachrichten für uns. KingsBay will die Hütte in genau der Woche renovieren, in der wir dort unterkommen wollten. Jetzt haben wir eine Situation in der die Geopol-Hütte wegen Schimmelbefall nicht genutzt werden kann und die andere Hütte eventuell renoviert wird. Perfekte Planung! Jedenfalls besteht noch Hoffnung und wir werden die KingsBay-Entscheidung am Montagmorgen erfahren. In der Bar lernen wir auch Marco kennen, den italienischen Station Leader, der heute seinen Geburtstag feiert. Und Maria, die aus Frasdorf kommt und in Innsbruck Mikrobiologie studiert und hier Bohrkerne des Lovenbreen und des Broggerbreen Gletschers für ihre Masterarbeit genommen hat. Und wie ich so schaue, ist die Bar erst voll und dann auch schon wieder leer. Plötzlich heißt es jedenfalls „letzte Runde“ und dann ist es auch schon wieder 2:00 Uhr morgens als wir vor die Tür gesetzt werden.

Ich schreibe noch bis kurz vor 3:00 Uhr am Blog, aber dann fallen mir doch die Augen zu. War also doch wieder ein ereignisreicher und langer Tag wenn man bedenkt, dass wir es eigentlich etwas ruhiger hatten angehen wollen.

Fotos

Der Mensch wirkt klein in dieser Landschaft
Der Mensch wirkt klein in dieser Landschaft
© KOP 132 SPLAM
  • Das erste Radarprofil zeigt eine sehr deutliche Reflexion im Untergrund, die wir als Gletschereisoberfläche interpretieren
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  • Der Boden vor meinem Zimmer nach ein paar Tagen Sonnenschein
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  • Mein Zimmer in der Corbel-Hütte
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  • Frühstück!
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  • Coletthogda und zwei der Tre Kroner liefern einen famosen Hintergrund
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  • Die ersten Ergebnisse unseres Daten Loggers, der die Temperatur und Bodenfeuchte in unterschiedlichen Tiefen, sowie die Sonnenintensität misst
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  • Die tägliche Prozedur des Anziehens des Überlebensanzuges
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  • Ein Teil der Ausrüstung, die mit der ersten Bootsfahrt nach Ny Alesund gebracht wurde
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  • Im Hafen sicher vertaut: „Polar Tomato“ und „Sabrina“. Mit „Polar Tomato“ hätten wir wohl dreimal fahren müssen wenn man sich die Menge an Gepäck anschaut
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8.7.2022

What a day! Los gegangen ist er eigentlich ganz gut mit reichlich Sonnenschein und einer Shrimp-Nudelsuppe. Doch bereits 15 Minuten nach der Suppe merke ich erste Magenprobleme. Der Shrimp zwickt mich auf hinterhältigste Weise. Doch einige Trips auf unseren Frischluftthron helfen mir soweit, dass ich mich in meinen Überlebensanzug zu zwängen wage. Während des Frühstücks haben wir besprochen, dass ich zunächst Ernst und Nico ins Untersuchungsgebiet fahre und dann mit Cynthia zurück komme, um Andreas aufzusammeln. Die Fahrt ins Gebiet verläuft problemlos, schnell und trocken. Ernst und Nico sind schnell ausgesetzt und so sind wir schon nach ein paar Minuten wieder auf dem Rückweg zur Corbel-Hütte. Es ist, wie wenn jemand den Schalter umgelegt hätte. Wir fahren jetzt gegen den Wind und gegen die Wellen und kriegen unsere erste Dusche des Tages ab. Es wird nicht die letzte sein!

Wir ankern am Strand und laufen in unseren Überlebensanzügen zur Hütte hoch. Da Ernst und Nico ein Gewehr haben und Cynthia und ich das zweite, blieb für Andreas nur die Signalpistole. Dafür hat er aber die Hütte als Schutz, nur das er halt nicht weg gehen kann. Darum müssen wir ihn holen. Auch die zweite Fahrt verläuft gut, obwohl jetzt schon deutlich höhere Wellen sind, auf denen wir mit dem Boot richtig gut ins surfen kommen. In Null Komma Nichts sind wir am Strand unterhalb des Untersuchungsgebietes. Nico und Ernst haben bereits zusätzliche Markierungen für die Befliegung ausgelegt und sind bereits dabei, die markierten Steine mit dem DGPS zu vermessen. Brav!

Andreas, Cynthia und ich bereiten nach der üblichen Tasse Tee und ein paar Stücken Schokolade den Drachen vor. Der Wind weht mittlerweile recht stark und ich habe Bedenken, dass wir Probleme bekommen könnten. Und so ist es dann auch. Wir kriegen den Drachen zwar ohne Probleme in die Luft, aber vermutlich hat sich eine Leine verheddert, denn bei einer Böe geht der Drachen granatenmäßig in den Sturzflug über und landet mit ordentlichem Wumms mitten im Schlamm unserer Erosionsstruktur. Natürlich mit Kamera und allem Zipp und Zapp. Vorsichtig ziehe ich ihn zu mir her. Jetzt nur nicht die Leine abreißen oder den Drachen an einem Stein beschädigen! Nach ein oder zwei Minuten haben wir das völlig eingesaute Equipment wieder in Händen. Gott sei Dank war meine GoPro in einem Plexiglasgehäuse. Ich wasche sie in einem Tümpel ab. Sie läuft noch! Zweiter Versuch. Bereits beim Starten reißt unsere Drachenleine! Zing, und ab ist sie! Wir knoten die Ringe für die Kameraaufhängung neu ein und versuchen erneut zu starten. Auch dieses Mal reißt die Leine und zwar genau an den Knoten. Ich verwende einen anderen Knoten beim nächsten Versuch und siehe da, es klappt.

Ich habe sehr viel Zug auf der Leine, aber der Drachen fliegt relativ ruhig. Zuerst decke ich unsere Erosionsstruktur ab, bevor ich mich an die Befliegung der markierten Steine mache. Andreas verfolgt mich mit dem Gewehr! Irgendwann war der Akku der GoPro dann leer und ich befliege die Steine zur Sicherheit nochmal und auch unsere Erosionsstruktur. Im Anschluss findet die GoPro bei Nico erneut ihren Einsatz. Dieses Mal wird sie an einer Stange montiert und Nico geht damit die Abbruchkante der Erosionsstruktur ab. Mir fällt auf, dass die Aktivität trotz der warmen Temperaturen und der intensiven Sonneneinstrahlung nicht übermäßig groß ist. Cynthia, Ernst und ich schleppen mittlerweile das Georadar vom Strand nach oben. Nachdem alles zusammengebaut ist, zieht Cynthia den Schlitten mit dem Sender und Nico läuft mit dem Steuergerät nebenher. Ernst und ich überlegen uns, wo wir am besten Profile aufnehmen sollten. Andreas übernimmt die Rolle des Wachhabenden. Die gute Nachricht ist, dass wir einen sehr starken Reflektor erkennen können. Wir vermuten, dass es sich um die Eisoberfläche handelt, die in ca. einem Meter Tiefe zu erwarten ist. Somit hat sich die Schlepperei schon gelohnt. Natürlich bliebt es nicht bei nur einem Radarprofil. Insgesamt werden es vier Profile werden.

Wir können also mit dem heutigen Tag arbeitstechnisch durchaus zufrieden sein. Wir haben einiges geschafft. Da es unsicher ist, ob wir morgen nochmals ins Untersuchungsgebiet kommen werden, nehmen wir unsere gesamte Ausrüstung mit an den Strand. Da wir sowieso zwei Trips machen müssen, laden wir das Boot voll mit Kisten. Andreas und Cynthia kommen ebenfalls mit. Wir sind also schwer beladen und das macht sich auch sofort bemerkbar, als wir um die Landzunge mit dem Mast kommen. Dort sind die Wellen deutlich höher und steiler und wir nehmen kräftig Wasser über. Cynthia übernimmt die Lenzpumpe! Das ist auch dringend notwendig, da der hintere Teil des Bootes voll mit Wasser ist. Die Gischt fliegt uns um die Ohren und wir bekommen unsere zweite Dusche ab. Andreas meint hinterher, er bräuchte einen Chiropraktiker wegen des harten Aufsetzens des Bootes in die Wellen. Ganz so schlimm war es aber mit Sicherheit nicht, denn ich habe schon aufgepasst und mit dem Gas „gespielt“, um ein zu hartes Einsetzen zu verhindern.

Im Westen kündigen dunkle Wolken einen Wetterwechsel an. Auch der Wind ist im Vergleich zu den Vortagen deutlich stärker und kommt nun aus nordwestlicher Richtung.

Nach gefühlt endloser Zeit kommen wir doch tatsächlich noch am Strand der Corbel-Hütte an. Unser Plan ist, dass wir Andreas dort samt dem gesamten Gepäck absetzen. Leider hält der Anker nicht und so stehe ich bis zum Bauch im Wasser, um das Boot zu halten während es die anderen Zwei ausladen. Damit es möglichst schnell geht, lassen wir alles relativ nahe am Wasser stehen, bevor wir wieder ablegen. Diese Entscheidung wird uns später noch ein paar Kopfzerbrechen bereiten.

Yohann hatte uns mitgeteilt, dass „Sabrina“ wieder einsatzbereit ist und wir sie abholen können. Also kämpfen wir uns weiter in Richtung Ny Alesund. Mit Sabrina sind wir deutlich schneller, da wir fünf Personen damit transportieren können und sie auch vermutlich seetüchtiger ist. Zumindest werden wir trockener bleiben. Alles gute Gründe die extra Meile zu fahren. Das Anlegen in der Box im Hafen von Ny Alesund klappt perfekt. Ich muss aufgrund der Wellen und des Windes relativ zügig in die Box einfahren, aber ein kurzer Gasstoß im Rückwärtsgang bringt das Boot exakt an der richtigen Stelle zu stehen. Leinen vom Dock übernehmen, Hauptschalter aus, Wasser lenzen, alles aufräumen, dann sind wir bereit zum Bootswechsel. Cynthia meinte, sie fand die Fahrt mit dem kleinen Boot bei diesen Bedingungen grenzwertig. Es war sicher nass und rau aber ich denke nicht, dass es gefährlich war. „Polar Tomato“ kann einiges ab und ich habe mich zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt. Sonst hätte ich mit Sicherheit abgebrochen. Außerdem brechen viele Leute aus Ny Alesund in ähnlich kleinen Booten zu ihren Wochenendausflügen auf und es herrscht rege Betriebsamkeit im Hafen.

Yohann meint, wir sollen Sabrina einfach nehmen und uns bei Problemen nochmals melden. Während des Ablegens bemerke ich bereits, dass etwas mit der Lenkung nicht stimmt. Ich kann nicht voll einschlagen, was mich sofort in Schwierigkeiten bringt, weil ich das Boot bei Wellen und Wind wieder in die Box bugsieren muss. So will ich nicht damit fahren. Ich bin froh, dass ich es halbwegs schaffe, in die Box zu manövrieren. Was folgt ist der Funkspruch an Yohann. Keine zehn Minuten später ist er da. Man muss bedenken, dass es Freitagabend, mittlerweile 19:30 Uhr, ist. Und nicht nur er ist da, sondern auch Tommy. Absolut super, die Zwei! Ausgerüstet mit jeder Menge Werkzeug machen sie sich an die Arbeit. Uns wird mittlerweile kalt und wir denken natürlich an Ernst und Nico, die nun seit mehreren Stunden am Strand auf uns warten. Schließlich schaffen wir es zu dritt, das mechanische Problem der Lenkung zu lösen.

Nach einem weiteren kleinen Problem mit der Benzinzufuhr, das ich aber selbst lösen kann, geht es dann aber endgültig um 20:30 Uhr los. Eigentlich hätten wir laut Plan Ernst und Nico um ca. 18:00 Uhr abholen sollen. Tja, da sind wir wohl etwas spät dran. Leider können wir sie per Funk nicht erreichen und sie werden sich sicher wundern, wo wir bleiben. Wie sie uns später erzählen, treffen sie, während sie auf uns am Strand warten, zwei Leute aus Ny Alesund, die auf dem Weg zu einer Hütte sind. Sowohl Ernst und Nico, als auch die zwei Wanderer sind über die Begegnung irgendwo im nirgendwo überrascht.

„Sabrina“ fliegt in Richtung Kongsvegen. Allerdings nicht lange, denn wir müssen am Strand der Corbel-Hütte noch unser Gepäck vor der Flut retten. Das ist aber schnell erledigt und so sind wir nun endgültig auf dem Weg, um Nico und Ernst abzuholen. Sie haben mittlerweile die Hoffnung schon aufgegeben und kommen uns zu Fuß entgegen. Aufsammeln können wir sie aber noch nicht, denn die Überlebensanzüge liegen ja noch an der ursprünglichen Landestelle. Das heißt, wir müssen noch dorthin, alles einsammeln und dann wieder zurück kommen. Das ist in wenigen Minuten getan und so sitzen wir alle relativ bald auf „Sabrina“ und düsen in Richtung Corbel-Hütte. Es war ein langer und nasser Tag und wir sind alle froh, als wir an „unserem“ Strand anlegen. Ich mache das Boot noch bereit für den nächsten Tag und tanke auch gleich noch, während die anderen das Gepäck auf einen Haufen stellen.

Andreas zaubert auf die Schnelle aus dem übrig gebliebenen Reis des Vortags ein warmes Essen, das uns allen sehr gut schmeckt. Ein Bier dazu und schon erscheint die Welt wieder in einem anderen Licht. Aber wir sind alle müde und unsere Knochen tun weh. Cynthia fühlt sich wie eine Neunzigjährige, Andreas klagt über Rückenschmerzen und Nico, Ernst und ich sind auch nicht mehr ganz taufrisch. Da hilft nur ein Whiskey. Nico gönnt uns heute satte zwei Fingerbreit. Erstens haben wir es verdient und zweitens wärmt er gut und hebt die Stimmung.

Kurz nach dem Abendessen, um 23:30 Uhr, wird noch mit der Familie gezoomt. Es ist echt schön, Carolyn und die Kinder zu sehen! Mittlerweile ist das „schlechte“ Wetter eingetroffen und die Wolkendecke ist auf ca. 50 m. Unten völlig gerade abgeschnitten. Darüber breitet sich das Einheitsgrau aus. Aber noch ist es trocken. Ernsts Wetterbericht sagt aber nichts Gutes für nächste Woche voraus. An einem Tag soll es tatsächlich 11 mm regnen.

Um 1:00 Uhr sitzen wir noch herum und ratschen. Wir haben den Beschluss gefasst, es nach diesem harten Tag etwas ruhiger angehen zu lassen und erst um 8:00 Uhr aufzustehen. Wir haben ja noch ein paar Tage, die auch nicht leicht werden und deshalb ist es notwendig uns auch etwas zu schonen. Ich find den Plan sehr gut, vor allem weil mir die Augen jetzt mehr oder weniger zufallen.

Fotos

Das Georadar wird zusammengebaut
Das Georadar wird zusammengebaut
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  • Unser Kühlschrank ist eine Nische in der Nordwand der Hütte. FCKW-frei und Effizienzklasse A+++++++++++
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  • Ein schöner Blick, der einem täglich hier erfreut
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  • Unsere neu konstruierte Wasserspülung unterhalb der Toilette
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  • Eis, Eis und Eis. Ein kleines Beispiel der Vielfalt an Eisbergen
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  • „Polar Tomato“ am Strand unterhalb des Untersuchungsgebietes
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  • Heute befinden sich besonders viele Sedimente im Fjord und färben das Wasser rot
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  • Andreas hält nach Eisbären Ausschau
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  • Cynthia und Nico setzen das Radar oberhalb unserer Erosionsstruktur ein
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  • Ein etwas ungewöhnlicher Blickwinkel auf unsere Ausrüstung
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7.7.2022

Kurz vor 7:00 Uhr schlage ich meinem Wecker ein Schnippchen. Du wirst mich heute nicht aufwecken! Die anderen schlafen noch und ich drehe erst einmal eine Runde um die Hütte. Die Sonne scheint, es weht kein Wind und es ist schon recht warm. Der Fjord liegt fast spiegelglatt zwischen den Bergen und nur ein paar Eisberge tupfen seine Oberfläche. Ein Bild für Götter. Und keiner quatscht irgendwelches Zeug dazwischen. „Nice“, wie mein Studierender J.K. immer zu sagen pflegt.

Das Frühstück wird heute durch eine Nudelsuppe mit Entengeschmack gekrönt. Der Entengeschmack ist bei allen am beliebtesten und deshalb immer am schnellsten vergriffen. Darum sichere ich mir zumindest heute meinen fairen Anteil. Dazu gibt es die grüne Rotwurst von gestern. Nico öffnet ein ähnliches Experiment, nur dass es sich dieses Mal um gekochte Mettwurst handelt, die so weiß im Glas schimmert, dass die Alpina Farbe zum Wände streichen blass wird vor Neid. Aber von Nico kommen keine Klagen, also muss auch diese Wurst noch in Ordnung sein. Cynthia meint, dass die Nudelsuppe zum Frühstück eine Nummer zu hart wäre und beschränkt sich deshalb auf Brot. Ansonsten gibt es über das Frühstück keine weltbewegenden Neuigkeiten zu berichten.

Teil der morgendlichen Routine ist es auch, seine Ausrüstung zusammen zu sammeln. Cynthia hat einen winzigen Rucksack in der Hand und ich rate ihr, auch Ausrüstung für schlechtes Wetter zu packen, da wir weit weg von der Hütte sind und sich das Wetter hier binnen Stunden drastisch ändern kann. Vielleicht habe ich den Rat in einer etwas zu direkten Art formuliert, jedenfalls ist Cynthia innerhalb einer Mikrosekunde mit ihrem großen Rucksack parat. Böse war es aber nicht gemeint, ich glaube ich war nur sehr überrascht. Aber die Angelegenheit ist schnell aus der Welt geschafft und so stehen wir alsbald in unseren Teletubby-Anzügen verpackt am Strand.

Ich bereite das Motorboot vor und schon kann es losgehen. Denkste! „Sabrina“ hat heute ihre launischen Minuten und will nicht wirklich Gas annehmen. Ab ca. 2000 Umdrehungen pro Minute fängt sie zu stottern und vibrieren an. Das ist ganz klar nicht normal. Da mir Yohann gesagt hat, ich solle das Benzin von der Corbel-Hütte verwenden, das dort vor längerer Zeit deponiert wurde, ist mein erster Gedanke „Wasser im Benzin“. Aber auch ein Wechsel des Benzintanks ändert nichts an „Sabrinas“ Verstimmung. Also pumpe ich noch einmal Benzin mit der kleinen Handpumpe und verlagere das Gewicht der Mannschaft. Kein Erfolg! Auch schaue ich mir den Propeller an, aber er scheint in perfekter Ordnung zu sein. Ich bin mit meinem Latein am Ende und vermute, dass die Drehzahlbegrenzung dazu dient, den Motor bei einem gravierenden Problem nicht zu ruinieren. Es ist mir klar, dass wir so nicht ins Gelände fahren können und deshalb kontaktiere ich das AWI über Funk. Yohann meint, wir sollen nach Ny Alesund kommen, damit er sich die Sache anschauen kann. Wie ein waidwundes Tier schleichen wir über den Fjord. Als wir kurz vor dem Hafen sind, setzt das Flugzeug aus Longyearbyen gerade zur Landung an. Aus so einer Perspektive haben wir das auch noch nicht gesehen. Bei der Einfahrt in den Hafen sehe ich bereits Tommy, der auf uns wartet und kurze Zeit später ist auch Yohann da. Wir drei drehen eine kurze Runde, damit sie das Problem selbst sehen können. Auch sie sind ratlos, stimmen aber zu, dass es gut und richtig war langsam nach Ny Alesund zurück zu kommen.

Wir brauchen also einen Plan B, weil nicht absehbar ist, ob und wann „Sabrina“ heute wieder einsatzfähig sein wird. Zwar können wir die „Polar Tomato“ haben, aber dieses Boot ist nur für maximal vier Personen zugelassen. Wir sind fünf! Cynthia und Andreas melden sich freiwillig für den Spaziergang zurück zur Corbel-Hütte. Der Rest der Mannschaft wird mit dem neuen Boot direkt zur Feldarbeit aufbrechen, um möglichst wenig Zeit zu verlieren. Das ist aber einfacher gesagt wie getan. Denn Verbandskasten, Notfallsender, Satellitentelefon, Funkgeräte, Signalpistolen und Gewehre müssen nun möglichst sinnvoll auf die zwei Gruppen verteilt werden. Aber auch das schaffen wir. Zusätzlich tauschen wir gleich Cynthias Überlebensanzug aus, der leider ein Loch hat.

Wir melden uns per Funk beim AWI ab und dann geht es in Richtung Kongsvegen-Gletscher. „Polar Tomato“ ist ein gutes Boot und bringt uns schnell und sicher zu unserem Ziel. Auf dem Weg dorthin ist jedoch ein Schlangenlinienkurs angesagt, weil ich größere Eisfelder umfahre und auch dazwischen immer wieder kleinen Eisbrocken ausweichen muss. Heute ist viel Eis im Fjord – ich vermute, das ist das Ergebnis der gestrigen hohen Temperaturen. Ich gerate trotz Schlangenlinien fahren in keine Verkehrskontrolle und das Ankermanöver klappt in der mittlerweile gut eingespielten Art und Weise. Wir sind endlich an unserem Untersuchungsgebiet angekommen. Verspätet, aber immerhin! Wir hätten im schlimmsten Fall auch einen ganzen Feldtag verlieren können.

Wie heißt es so schön: „Was man nicht im Kopf hat, hat man in den Beinen!“ Wir haben nämlich die Eisenstangen im Boot vergessen, die wir zum Vergraben der Datenlogger brauchen. Das ist jetzt das zweite Mal, dass wir sie vergessen. Gibt es doch gar nicht! Ich laufe zum Boot zurück und dann wieder zum Untersuchungsgebiet hoch. Ernst und Nico haben  mittlerweile weiter Markierungspunkte für die Drachenbefliegung ausgelegt. Die muss heute aber wegen Windmangel ausfallen. Es weht maximal ein ganz leichtes Lüftchen, das aber für den Drachen viel zu wenig ist.

Wir wollen heute zweierlei Logger vergraben. Ein Set von vier Loggern zur Temperaturmessung und einem zur Sonnenintensitätsmessung, die bis nächstes Jahr Messdaten aufzeichnen werden. Ein zweites Set besteht aus zwei Feuchtigkeitssensoren, zwei Temperatursensoren und einem Sensor zur Bestimmung der Sonnenintensität. Die Sensoren des zweiten Sets ermitteln die Daten mit viel höherer zeitlicher Rate, halten dafür aber auch nur ein paar Wochen. Daher werden wir es vor unserer Abreise wieder ausgraben. Die Logger des ersten Sets habe ich mit einer langen Schnur verbunden, so dass wir sie in ein oder zwei Jahren auch wiederfinden können. Vom zweiten Loggerset kann ich bereits probehalber Daten herunterladen und ich kann sehen, dass alle fünf Sensoren funktionieren. Das sind schon einmal gute Nachrichten.

Dann machen wir uns zu dritt auf die Suche von Gesteinsbrocken, die wir 2019 markiert und mit GPS vermessen haben. Wir markieren alle gefundenen Brocken mit kleinen orangen Fahnen, die es mir erleichtern sollen, sie bei der nächsten Befliegung mit abzudecken. Natürlich werden wir sie morgen mit dem DGPS vermessen. So sollten wir feststellen können, wie weit sich die Gesteinsbrocken tatsächlich bewegt haben.

Als dritte Aufgabe machen wir von unserer diesjährigen Erosionsstruktur noch unsere obligatorischen Pole-Bilder. Nico und ich machen noch ein paar Verbesserungen bei der Montage der Kamera und beim Aufnahmeprozedere. Wir hoffen, dass wir dadurch wieder gute Bilder erhalten werden. Während Nico mit den Polebildern beschäftigt ist, machen Ernst und ich noch Thermalbilder unserer Erosionsstruktur. Und natürlich auch von jener aus dem letzten Jahr. Diese ist nun um ein Vielfaches größer und eine stillstehende große freie Eisfläche ist nun der direkten Sonne ausgesetzt. Es ist also nur eine Frage der Zeit, wann der gesamte Berg verschwunden sein wird. Ähnliches gilt für unseren langjährigen Aussichtshügel am Fuße des Untersuchungsgebiets, der ebenfalls stark kollabiert ist. Die Landschaft ändert sich hier eben permanent. Dann ist es auch schon weit nach 19:00 Uhr, als wir uns auf den Rückweg machen.

Die Rückfahrt verläuft problemlos und Ernst wundert sich, dass wir so schnell sind. Tatsächlich kommen wir sehr gut voran. Lediglich kleine Eisfelder und ein langgezogenes Band bremsen unsere Fahrt. Im Gegenlicht kann ich nicht genau erkennen, um was es sich handelt und so nehme ich Gas weg. Es stellt sich heraus, dass es offensichtlich Dreck ist, der von einem Eisberg stammt. Lieber etwas vorsichtiger!

Andreas hat schon ein weiteres tolles Essen zubereitet, als wir an der Hütte ankommen. Wir können es schon von einiger Entfernung riechen. Vorher gibt es aber noch etwas zu tun. Unser Wassertank ist leer und will gefüllt werden. Schlauch ausrollen, Kabeltrommel ausrollen, Tauchpumpe anschließen und schon sprudelt das Teichwasser in unseren Wassertank. Nico hat herausgefunden, dass mehrere Feinsedimentfilter und eine UV-Lampe zum Sterilisieren dem Tank nachgeschaltet sind, so dass das Wasser aus dem Hahn eigentlich in Ordnung sein sollte. Mir macht aber ein Polarfuchs Sorgen, der uns auch heute wieder besucht hat. Polarfüchse können einen Bandwurm übertragen, der für Menschen tödlich sein kann, wenn er nicht frühzeitig behandelt wird. Wir versuchen den Fuchs zu vertreiben, aber er ist extrem neugierig und kommt immer wieder, wohl in der Hoffnung auf einen Leckerbissen. Da kannst Du bei uns warten bis du weiß wirst!

Cynthia und Andreas haben heute die meiste Zeit auf der Hütte verbracht bzw. auf der Bank vor der Hütte. Von dort aus hat man einen fantastischen Blick auf Berge und Gletscher und die Sonne wärmt die ganze Hauswand. Ich kann schon verstehen, dass man sich da nicht weg bewegen will! Vor allem nicht nach einem 2,5 stündigen Fußmarsch, denn die Zwei haben es ruhig angehen lassen, um von Ny Alesund bis zur Hütte zu kommen.

Insgesamt war es heute doch noch ein guter Tag und wettermäßig einer der begnadetsten, die wir jemals in Spitzbergen hatten. So kann es weiter gehen! In Longyearbyen herrscht dagegen wohl Chaos. Der SAS Streik führt wohl dazu, dass viele Urlauber nicht aus Longyaerbyen abreisen können und daher teure Hotelzimmer buchen müssen. Was wir so hören ist die Stimmung eher angespannt. Da sitzt man hier auf der Corbel-Hütte schon deutlich entspannter. Wir haben aber auch Riesenglück gehabt, dass wir bisher vom Streik verschont blieben.

Fotos

Zwei der Tre Kroner
Zwei der Tre Kroner
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  • Holzbalken an der Corbel-Hütte
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  • Mittagessen muss sein. Dieses Jahr ist es wieder Ernsts Aufgabe unseren Vorrat an Fischbüchsen zu verringern
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  • Unser diesjähriges Steinmännchen mit der Kamera, die alle 3 Minuten ein Bild unserer Erosionsstruktur macht
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  • Einer von vielen Gesteinsblöcken, die wir 2019 markierten und mit GPS vermessen haben. Daran können wir sehen, wie sich die Gesteinsbrocken bewegen
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  • Eis und Schlamm
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  • Eine steile Eiswand mit einer feinkörnigen Sedimentschicht. Das Eis taut, die Sedimentschicht rutscht ab und mehr Eis wird der Sonnen ausgesetzt
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  • Gestein kommt unter dem rückschreitenden Gletscher hervor
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  • Blaues Gletschereis vor rotem Gestein
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  • Die vergrabenen Datenlogger und der Sonnensensor
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  • „Willkommen auf unserer 5000 Euro Kreuzfahrt!“ Nein, Cynthia ist so nett und serviert uns unseren Whiskey, den es immer vor dem Abendessen gibt
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  • Ein besseres Werbebild für Whiskey kann ich mir nicht vorstellen
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  • Nico hat heute freiwillig die Rolle des Schankwirtes übernommen
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  • Ein spätabendlicher Besuch eines Rentiers
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6.7.2022

Gut schlafen schaut anders aus. Entweder ist es, dass mir durch den Kopf geht, dass Cynthia als einzige keine Waffe in ihrer Unterkunft hat oder es ist die Vorfreude auf den Tag. Nico hat Angst zu verschlafen und schläft deshalb auch nicht gut. Um 6:38 Uhr gebe ich auf und fahre die Rollos hoch. Wau! Der Lovenbreen-Gletscher liegt in der prallen Sonne und funkelt vor einem glasklaren blauen Himmel im schönsten weiß. Das verspricht ein schöner Tag zu werden!
Schnell bin ich angezogen und auf Fototour. Jetzt waren wir ja durchaus schon ein paar Jahre hier in Corbel aber sattsehen kann man sich an der grandiosen Landschaft des Kongsfjords mit Sicherheit nie. Einfach nur schauen und genießen. Und dann diese absolute Ruhe. Bis auf den leichten Wind und ab und zu einen Vogel, hört man einfach nichts. Das ist sehr entspannend und gefällt mir sehr gut. Ich decke den Tisch fürs Frühstück und mache ein paar Kannen Wasser heiß. Denn heute ist der Tag der Tage. Der Tag, den wir ein Jahr lang herbeigesehnt haben. Der Tag von dem wir heimlich geträumt haben, obwohl es nie jemand zugeben würde. Der Tag an dem Himmel und Erde eins werden. Der Tag an dem es die erste Nudelsuppe gibt. Hallelujah! Um Jake von den Blues Brothers zu zitieren: „Hast Du dieses Licht gesehen?“ Ich starte die Saison mit Rindfleisch-Geschmack. Vorzüglich!

Als die anderen kommen, gibt es auch bei Ihnen Nudelsuppen. Nico hat vergessen, seine Nudeln zu zerbrechen und hat nun mit langen Nudeln zu kämpfen, die nicht auf dem Löffel bleiben wollen. Klassischer Fehler, der schon jedem hier das ein oder andere Mal passiert ist. Auch Brot, Fisch, Frühstücksfleisch und Rotwurst gibt es. Die Rotwurst ist besonders interessant. Wir hatten sie im Januar 2020 nach Ny Alesund verschifft und letztes Jahr nicht gegessen, weil ja nur Nico und ich hier waren aber für fünf Personen Essen. Das Ablaufdatum ist der 31.12.2022. Allerdings hat sich auf der Wurst eine dicke grün-braune Schicht angesammelt und es kostet mich einige Überwindung hineinzubeißen. Das ist ähnlich wie mit dem ersten Mal Austern essen. Geschmacklich ist die Wurst einwandfrei und nachdem ich das Eis gebrochen habe, bedient sich auch Ernst. Um es gleich hier zu sagen. Sowohl Ernst als auch ich haben die Wurst gut vertragen und haben nicht mit Magenkrämpfen und Durchfall in irgendeiner Ecke unserer Seitenmoräne gelegen. Ein Hoch auf die Konservierungsstoffe!

Nach der Morgentoilette mit grandiosem Blick auf den Kongsfjord packen wir unsere Sachen und gehen an den Strand, wo „Sabrina“ bereits ungeduldig auf den kleinen Wellen hin und her hüpft. Sie kriegt erst einmal 20 l feinstes Benzin zur Begrüßung! Während ich das Boot durchchecke, machen sich die anderen bereit. Schnell stelle ich fest, dass die Steuerung nicht korrekt funktioniert. Das liegt zum einen an einer losen Schraube, die schnell nachgezogen ist und zum anderen an einem Lenzschlauch der im Weg ist. Auch der ist schnell verlegt und schon kann es losgehen. Als erstes besprechen wir das Ablegemanöver und als zweites gibt es eine Kurzeinweisung in das Boot. Sollte ich per blöden Zufall über Bord gehen, müssen die anderen ja in der Lage sein, mich aus dem Wasser zu fischen. Und bitte pronto! Als Segler schwimme ich nämlich nicht gerne! Als drittes melden wir uns bei Isabelle ab. Wir sagen ihr wie viele Leute wir sind, dass wir per Boot unterwegs sind und wo es hingehen wird. Sicherheit muss sein!

Die Fahrt in Richtung Kongsvegen Gletscher ist ein Traum. Ruhiges Wasser, gleißende Sonne, brillante Eisberge und sehr angenehme Temperaturen. Besser kriegt man es nicht! Das Ankermanöver beim Anlanden funktioniert reibungslos nachdem wir vorher nach Eisbären Ausschau hielten. Gelernt ist schließlich gelernt! Jetzt, wo es vorbei ist, kann man ja eine dicke Lippe reißen.

Raus aus den Überlebensanzügen, die wir sorgfältig am Strand mit Steinen beschweren und rein in das Rucksackgeschirr. Die Mulis schnaufen den Berg hoch mit jeder Menge Ausrüstung. Wir kommen zu unserer Erosionsstruktur aus dem letzten Jahr und können feststellen, dass sie sehr viel größer geworden ist. Ein guter Teil des Hügels ist abgetragen und der Schlammstrom ist jetzt um ein Vielfaches breiter und aktiver. Unterhalb dieser Struktur finden wir eine weitere, sehr aktive Erosionsstruktur. Gerade als wir sie inspizieren, gleitet ein größeres Schlammpaket auf dem Eis abwärts. Zwar schauen wir noch ein paar weitere Erosionsstrukturen an. Es wird aber sehr schnell klar, dass diese die Aktivste und damit am besten geeignete Struktur ist.

Wir gehen nochmal zum Strand, um weitere Ausrüstung zu holen. Cynthia schleppt den Vorschlaghammer und das große Stativ für das DGPS. Ich trage die Alustangen für die Polebilder. Ich sehe natürlich das „Ungleichgewicht“, kann aber Cynthia nicht dazu bringen, mir etwas abzugeben. Tough cookie!

Oben angekommen, gibt es eine schöne Tasse Tee. Ich habe heute was ganz feines: 8-Kräuter Tee. Klingt furchtbar, schmeckt mir aber sehr gut, vor allem wenn ich beim Wandern bin oder wie hier in Spitzbergen. Leider müssen wir feststellen, dass einige der AWI Thermoskannen nicht wirklich warm halten. Das sieht man den Kannen aber leider nicht an, und so ist es purer Zufall, wer eine Gute und wer eine Schlechte abbekommt. Andreas hat besonderes Pech, meine funktioniert perfekt.

Nico und ich bauen den Drachen zusammen und dann geht es ans Fliegen. Mit 128 GB Speicherkarte ist im 4K Kinoformat mit 30 Bildern pro Sekunde eine Flugzeit von mehr als vier Stunden möglich. Da wird der Akku sicher vorher seinen Geist aufgeben. Wir fliegen ein sehr großes Gebiet ab, um anschließend festzustellen, dass der Akku noch immer 38% Ladung hat. Also, gleich wieder in die Luft! Schließlich landen wir bei 7% Restladung. Ernst und Cynthia haben auch Kontrolltafeln ausgelegt, die wir natürlich auch versuchen ins Bild zu kriegen. Der Wind ist etwas böig und in den ruhigen Zeiten habe ich Schwierigkeiten, den Drachen in der Luft zu halten. In den Böen singt die Drachenschnur und der Drachen zieht mich fast von den Beinen wenn ich einen engen Grat entlang gehen muss. Der Drachen hält mich ganz schön auf Trab. Muss ich doch schauen wo ich hinlaufe, schnell erkennen, wo ich hin steigen kann ohne einzusinken und gleichzeitig versuchen den Drachen in der Luft zu halten. Aber letztlich geht alles gut und ich bin schon gespannt, wie die Daten aussehen werden. Anschließend vermisst Nico die Kontrollpunkte mit unserem DGPS, das er mittlerweile gut beherrscht und sicher und schnell handhabt. Auch mit seinem normalen GPS misst er die Kontrolltafeln ein. Das ist zwar nicht so genau, dient aber zur Sicherheit, falls mit dem DGPS etwas nicht stimmen sollte.

Nach getaner Arbeit gibt es auch Mittagessen. Bei mir besteht es heute aus einer Büchse Hering mit BBQ Geschmack, Tee, Brot und Schokolade.

Andreas und ich bauen anschließend die GoPro-Kamera für ihren Einsatz an einer drei Meter langen Stange an. Damit bekommen wir natürlich eine sehr gute räumliche Auflösung unserer Daten, die wir dann in die niedriger auflösenden Drachenbilder einbinden können. Andreas macht anschließend die Stangenbilder. Cynthia, Ernst und ich machen uns unterdessen an die Konstruktion eines Steinmannes, um dort die Wildkamera installieren zu können. Wir haben viel Spaß dabei. Schließlich studiert Cynthia in Pisa und ist somit automatisch prädestiniert für den Turmbau. Ihre Autorität wagen wir nicht in Frage zu stellen. Das Ergebnis kann sich denn auch sehen lassen, obgleich ich verwundert bin, dass unser Turm gerade wurde.

Somit haben wir ein gutes Programm geschafft. Ernst und ich machen noch schnell ein paar Aufnahmen von einem kleinen Hügel unterhalb unseres Untersuchungsgebietes, Wir machen diese Aufnahmen nun seit vielen Jahren und es wäre echt interessant, alle diese Aufnahmen miteinander zu vergleichen. Selbst ohne direkten Vergleich ist uns „alten Hasen“ völlig klar, wie schnell sich die Landschaft hier verändert. Jedes Jahr ist es anders. „Panta rhei – alles fließt!“ Der Name ist hier Program! Selbst der Flusslauf mit dem Schmelzwasser eines Gletschers hat sich dramatisch verändert. Vor ein paar Jahren konnten wir einen großen, mehrere Meter tiefen Canyon im Eis beobachten, wo heute nur flache Tümpel in einem breiteren Tal sichtbar sind. Das Schmelzwasser hat sich einen neuen Canyon gegraben, den wir natürlich unbedingt sehen wollen. Es liegt noch immer viel Schnee in diesem Tal und wir können ein paar schöne Fotos machen. Am Ende des Tals landen wir auf einem breiten Schwemmfächer, über den wir zurück zum Motorboot gehen.

Dort gibt es eine Tasse Tee und etwas Schokolade. Dann wird wieder alles verpackt und die Überlebensanzüge angezogen, Andreas stellt dabei fest, dass sein XL Anzug wohl etwas eng geschnitten ist. Schaut also ähnlich aus wie diese immer viel zu klein wirkenden Anzüge, in denen selbst gestandene Männer wie Schulkinder ausschauen. Darfs ein X mehr sein? Aber irgendwann sind wir alle in unsere Wurstpellen verpackt und „Sabrina“ gönnt sich ein paar weitere Schlucke des vorzüglichen Benzins. Über einen kleinen Umweg zur Tyske Hytta geht es nach Corbel. Ein kleiner Eisbrocken wird auch heute wieder dafür sorgen, dass unser Jameson Whiskey nicht warm wird. Wir sitzen vor der Hütte in der warmen Sonne, als Cynthia den Whiskey stilvoll auf einem Holzbrett serviert. Abgerundet wird diese Sonnenpause von einem Espresso, den meine kleine Bialetti-Kaffeemaschine ausspuckt. Cynthia und Andreas sind dankbare Abnehmer und auch ich erfreue mich daran.

Dann ist es auch schon Zeit für mich am Blog zu arbeiten und für Andreas zu kochen. Ernst und Nico kümmern sich um unsere Frischwasserversorgung und auch das Brauchwasser muss entsorgt werden. Heute gibt es Andreas weltberühmtes Yukinaki- Gericht, das er uns vor einigen Jahren zum ersten Mal gekocht hat. Im Gegensatz zum Vorjahr hat sich unsere kulinarische Situation um Welten verbessert!

Ernst hat soeben den Wetterbericht angeschaut und es schaut für die nächsten Tage bis Samstag sehr sehr gut aus. Viel Sonne, kein Regen! Was will man mehr? Dafür soll es nächste Woche eher schlecht sein, aber hier ändert sich alles so schnell, dass durchaus noch Hoffnung auf halbwegs gutes Wetter besteht. Wir werden es ja sehen. Der Rest des Abends wird mit den Backups von Daten, dem Laden von Akkus und dem Ignorieren der einsetzenden Muskelkaterschmerzen  verbracht. Ich bin nur froh, dass ich nicht der einzige bin, der seine Knochen spürt. Wir sind heute einiges gelaufen und haben vor allem viel Gepäck bewegt. Man darf also seine Knochen ruhig spüren. Es muss also nicht unbedingt mit dem rapide fortschreitenden Alter zu tun haben. Nicht bei uns!

Fotos

Gute Stimmung an Bord
Gute Stimmung an Bord
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  • Die erste Nudelsuppe der Saison
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  • Gegenlichtbild von der Erosionsstruktur des letzten Jahres
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  • Rückgang des Kronebreen Gletschers. 2011 war der Gletscher noch auf der linken Seite des Bildes
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  • 5966 Vögel, deren Nest wir zu nahe gekommen sind
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  • Altschnee in einem Tal
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  • Interessante Strukturen aus Eis und Geröll
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  • Schneeschmelze
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  • Sedimente auf dem Altschnee und durch Sonneneinstrahlung verursachte Oberflächenstrukturen
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  • Frostsprengung eines Gesteinsbrocken
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  • Der Kongsvegen Gletscher
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  • Tonstein Konkretion mit Schleifspuren des Gletschers
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  • Die wohlverdiente Teepause am Strand
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  • Kieselsteine am Strand
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  • „Sabrina vor Anker und vor fantastischer Landschaft
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  • Ein besonders interessanter Eisberg
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  • Noch ein besonders interessanter Eisberg
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  • Harry am Steuer von „Sabrina“
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  • Da haben wir uns nicht zu nahe dran gewagt
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  • Eis für unseren Whiskey gibt es noch reichlich
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  • Wir genießen die Sonne vor der Corbel-Hütte
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5.7.2022

Heute geht es endlich los mit unserem Abenteuer, denn wir wollen heute noch zur Corbel-Hütte. Aber erst einmal der Reihe nach. Um 7:00 Uhr lasse ich mich von meinem Telefon aus dem Schlaf reißen. Mein französischer Zimmerkollege schläft noch selig und ich hoffe, ich störe ihn nicht zu sehr. Als ich gestern ins Bett ging hat er bereits geschlafen und so habe ich bisher kein Wort mit ihm geredet und auch nie seinen Namen erfahren. Zumindest hat er nicht geschnarcht. Ein netter Kerl also! Der Grund warum ich so früh aufstehe ist unser Eisbär- und Waffenkurs, der um 8:15 Uhr beginnen soll. Davor wollen wir noch ausgiebig frühstücken – man weiß ja nie wie anstrengend und kräfteraubend der Ausflug auf die Schießbahn werden wird. Schließlich müssen wir uns ja voll konzentrieren und uns auch mental darauf einstellen.

Mit meiner zweiten Tasse Kaffee bewaffnet bin ich pünktlich in der Zeppelin Lounge, wo unser KingsBay Instruktor bereits auf uns wartet. Neben Ernst, Andreas und mir nehmen heute noch drei andere Personen teil. Auch Fritz sehen wir dort. Diesen Kurs muss man alle paar Jahre machen und so haben wir schon vieles von dem gehört, was heute präsentiert wird. Aber ehrlich gesagt kann das nicht schaden! Lieber hört man es sich einmal zu viel an, denn man vergisst doch das ein oder andere. Außerdem macht es der Vortragende spannend und auch witzig.

Speziell bei den unterschiedlichen Typen an Munition lerne ich noch viel dazu und es ist interessant zu sehen, wie eine Teilmantelkugel nach einem Impakt ausschaut. Da kann man sich buchstäblich den Schaden vorstellen, den so ein Ding anrichtet. Dabei erfahren wir auch, dass das AWI das Kaliber gewechselt hat. Statt dem bisherigen 30-06 Kaliber verwenden nun fast alle in Ny Alesund das 308 Winchester Kaliber. Das sind alles interessante Neuigkeiten für uns. Die Zeit vergeht also wie im Flug und nachdem wir auch den Waffengebrauch geübt haben, geht es auf die Schießbahn. Dabei werden wir von Nico und einer weiteren Italienerin verstärkt. Beide haben wohl den vollen Kurs im letzten Jahr gemacht und brauchen deshalb nur einen Auffrischungskurs.
In ein paar Minuten sind wir mit dem Bus an der Schießbahn. Bevor es hoch zur Schießbahn geht, werden noch schnell die Waffen verteilt. „Do we females not get a weapon?“ Ich gebe meine Waffe sehr gerne ab, da ich sie dann nicht tragen muss. Ernst hat exakt die gleiche Idee aber ich bin um ca. eine Millisekunde schneller. An der Schießbahn angekommen, wird als erstes nach Eisbären Ausschau gehalten, bevor die rote Flagge hochgeht, die signalisiert, das die Bahn in Gebrauch ist. Alle mitgebrachten Waffen werden in die Ecke gestellt und unser Lehrer erklärt uns kurz das Prozedere. Vier Schuss kniend, 4 Schuss stehend und vier Schuss stehend möglichst schnell. Vorab noch ein Schuss mit der Signalpistole.

Wir haben zwei Waffen vom AWI dabei, müssen also nicht die Waffen von KingsBay benutzen. Das AWI hat einige Waffen der Mosaik-Expedition zum Nordpol jetzt hier in Ny Alesund. Anstatt der Ruger sind die Gewehre nun von Sako. Mir erscheinen sie deutlich leichter und auch der Mechanismus funktioniert viel leichtgängiger. Wirklich ein gewaltiger Unterschied. Zudem haben die neuen Gewehre ein Magazin, das fünf Schuss anstatt von nur vier Schuss fasst. Das alles hat natürlich seinen Preis. Kostet ein Ruger Gewehr 13,000 NOK, muss man für ein Sako-Gewehr 35,000 NOK hinblättern. Dafür soll aber die Präzision ungemein besser sein. Unser Instruktor erwartet von uns deshalb „nothing else but greatness“. Der Messbalken liegt also hoch!

Die ersten vier Schuss kniend sind dann auch alle weniger als fünf Zentimeter voneinander entfernt. Ich bin echt beeindruckt, denn so gut habe ich noch nie geschossen. „ A very dead bear“ ist der lapidare Kommentar unseres Ausbilders. Und auch bei den anderen Übungen verschlechtert sich mein Ergebnis nur unwesentlich. Den anderen geht es genauso. Wir haben also alle den Kurs bestanden und sind nun offiziell zum Tragen einer Waffe berechtigt. Noch besser, wir sind pünktlich zum Mittagessen zurück in Ny Alesund, wo wir noch schnell die Waffen bei Isabelle abgeben, bevor wir uns auf den Weg in die Kantine machen.

Dort treffe ich auch Tommy und wir verabreden uns für 13:00 Uhr im Rabot-Gebäude, um unsere Ausrüstung umzupacken und alles für den Transport zur Corbel-Hütte vorzubereiten. Um 13:30 Uhr müssen wir bereits wieder im Blauen Haus sein. Dort warten noch zwei dreckige Gewehre auf uns, die geputzt werden wollen und Isabelle will uns nochmal in den Gebrauch der neuen Waffen einweisen und auf ein paar Unterschiede zwischen KingsBay- und AWI-Waffengebrauch hinweisen. Auch üben wir nochmals das Teilladen der Waffen und besprechen, wie Isabelle die Rückgabe der Waffen organisiert haben will. Besser man redet vorher darüber, als dass es später ein Sicherheitsproblem gibt.

Das Umpacken meiner persönlichen Ausrüstung muss dann schnell gehen, denn Tommy und Yohann wollen uns noch alles über die Corbel-Hütte erklären. Wir suchen also noch unsere persönlichen Survival-Anzüge für die Bootsfahrt aus, holen die Gewehre und Schreckschusspistolen, laden alles in den Bus und machen uns auf den Weg zum Hafen. Dort müssen wir noch zwei Alukisten und eine Essenskiste wieder von Bord laden, die wir nicht brauchen und die von Tommy aus Versehen mit eingeladen wurden. Nachdem die alles entscheidende Frage ob genügend Toilettenpapier auf der Corbel-Hütte vorhanden ist bejaht wurde, können wir ablegen. Das Wetter könnte für eine Bootsfahrt nicht schöner sein. Ruhige See, ganz leichter Wind und viel Sonnenschein. Genial! Wo immer man hinschaut ist es einfach nur schön! Neuerdings heißt das ja „nice“. Ich würde eher sagen fantastisch – „nice“ ist einfach nicht gut genug.

Yohann hat mittlerweile ein zweites Boot, „Polar Tomato“ genommen, um es mit „Sabrina“ zu tauschen. „Sabrina“ ist deutlich größer und für fünf Personen wesentlich besser. Wir haben also unser Wunschboot und sind Yohann, Tommy und Isabelle sehr dankbar, dass sie alles völlig reibungslos für uns möglich gemacht haben. Schon jetzt mal ein dickes Lob! Beim AWI sitzt man definitiv in der ersten Reihe! Wir treffen Yohann kurz bevor wir an der Landestelle unterhalb der Corbel-Hütte ankommen. Das Ausladen ist eine wahre Gemeinschaftsaktion und wir kriegen alles trocken an Land. Die zwei großen Sackkarren sind schnell beladen. Weniger schnell geht es bergauf zur Hütte und ich komme beim Schieben gut ins Schwitzen.

Tommy geht mit uns durch alle Gebäude und gibt uns eine sehr gute Einführung. Da der Wassertank fast leer ist, legen wir einen langen Schlauch bis zum kleinen Staubecken, setzen eine Tauchpumpe ein und nach ein paar Minuten ist der Tank randvoll. Ich stelle fest, dass unter unserer Außentoilette kein Wasser fließt. Das geht natürlich überhaupt nicht. Also schnappe ich mir den Spaten und leite das Wasser unter unserer Toilette durch. Da kann jede Haustoilette nur von einer so starken Spülung träumen. Wir sind also jetzt voll einsatzfähig! Wirklich wichtige Dinge muss man eben sofort erledigen.

Mein Zimmer ist schnell eingerichtet. Matratze umlegen, Schlafsack ausrollen, Schlafsack-Liner einlegen, Tasche in die Ecke schieben. Fertig! Zeit für Tee! Nach ein paar Minuten brodelt das Wasser und im Schrank finden sich noch kistenweise Teebeutel der unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen. Ich entscheide mich für Earl Grey. Zwei Tassen! Ich genieße sie in der warmen Sonne auf der Bank vor der Hütte sitzend. Ernst und Nico gesellen sich dazu und es ist einfach nur „nice“. Nico ist überrascht, wie weit das Gelände südlich der Hütte abfällt und wir diskutieren, dass wohl letztes Jahr an dieser Stelle gute zwei Meter Schnee gelegen haben müssen. Fast unvorstellbar. Aber vermutlich wahr!

Dann bringe ich noch unsere zwei Essenskisten in die Küche, wo sie mir Cynthia und Ernst schon abnehmen. Erstaunlich, wieviel Essen wir noch vom letzten Jahr übrig haben. Wir hatten ja damals alles mit einem Verfallsdatum nach 2022 in eine Kiste verpackt und in Ny Alesund zurück gelassen. So wie es ausschaut, hat alles bestens überlebt. Jedenfalls hoffe ich, dass wir morgen die Kapazitätsgrenze unserer Toilettenspülung nicht aufgrund verdorbener Lebensmittel an ihre Belastungsgrenze bringen werden.

Während ich mich ans Schreiben des Blogs mache, „muss“ Cynthia auf „Anordnung“ Ernsts den „Geoscience Atlas of Svalbard“ bis morgen auswendig lernen. Na gut, zumindest anschauen. Ist aber auch ein saugutes Buch mit vieeeeeeeelen Informationen. Echt genial! Nico befasst sich unterdessen mit dem DGPS Gerät, Ernst versucht seinen Computer mit dem Internet zu verbinden, während Andreas in der Beziehung bereits einen Schritt weiter ist und mit seiner Familie übers Internet kommuniziert.

Und dann ist es soweit! Unser Chef de la Cuisine lässt seiner Magie freien Lauf und beginnt mit dem Kochen. Da fallen mir sofort auch die Carlsberg-Biere ein, die ich zum Kühlen in den Bach gelegt habe. Sobald es Essen gibt, ist es auch in Ordnung ein Bier zu trinken. Witzig ist, dass Andreas über einige Dinge in den Essensboxen überrascht ist, obwohl Nico und ich nur genau die Dinge gekauft haben, die auf Andreas Wunschliste standen. Speziell bei den Gewürzen haben wir dieses Jahr eine riesige Auswahl und große Mengen zur Verfügung. Ich bin schon gespannt, was davon alles in der Sauce landen wird, die es zu den Spaghetti geben wird. Unter Einsatz unseres Lebens erjagen Nico und ich am Strand noch zwei Eisbrocken für unseren Nachtisch-Whiskey und dann gibt es auch schon Andreas Köstlichkeiten. Der Whiskey mit Gletschereis stimuliert eine tiefe philosophische Betrachtung über die Zeit. Die Luftblasen waren vermutlich viele hunderte oder tausende Jahre im Eis eingefroren und dann, innerhalb weniger Minuten ist diese ursprüngliche, saubere Luft in Luft aufgegangen. Gone with the wind! Ein eher platter Witz, ich gebe es ja zu. Nico ist jedenfalls von der Tiefe der Bedeutung der Eisblasen beeindruckt. Beim Rest der Mannschaft hält sich die Begeisterung auf einem eher bescheideneren Niveau.

Jäh unterbrochen wird die Diskussion durch das Auftauchen eines Polarfuchses, der recht vertraulich wirkt und sich durch uns nicht weiter stören lässt, als wir ihn in gefühlten 253724 Fotos festhalten. Als er uns dann aber vor die Hüttentüre kackt, ist Schluss mit lustig. Als ob er es wüsste, verzieht er sich. Tommy hatte mich bereits in seiner Einführung damit vertraut gemacht, dass wir vermutlich Besuch bekommen werden. Der Fuchs ist also bekannt hier! Ernst macht mittlerweile den Abwasch während ich noch ein paar Akkus lade und Bildnummern in mein Feldbuch schreibe und Nico hat noch ein Erfolgserlebnis mit dem DGPS Gerät.

Seit vier Tagen sind wir nun unterwegs und heute haben wir es endlich geschafft auf eine Hütte zu kommen. Es war ein ereignisreicher und schöner Tag an dem viel geschafft wurde. Ich für meine Person bin zufrieden und ich freue mich auf morgen, wenn wir endlich unsere Seitenmoräne sehen werden. Nice!

Fotos

Der Polarfuchs!
Der Polarfuchs!
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  • Harrys Treffer aus 25 m Entfernung. Na gut, nicht genau zentriert, aber besser kann ich es halt nicht
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  • Ernst auf dem Schießstand
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  • Kurz vor unserer Abfahrt zur Corbel-Hütte. Jeder hat seinen Kampf mit dem Überlebensanzug gewonnen und wir können los
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  • Auf dem Boot in Richtung Corbel-Hütte
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  • Cynthia vor dem Kongsbreen-Gletscher
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  • Andreas, alias Captain Sparrow, freut sich über die schöne Fahrt
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  • Der perfekte Eiswürfel für einen Whiskey oder ist er vielleicht doch etwas zu groß?
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  • Unsere Essenskiste aus dem Vorjahr
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  • Yohann auf „Sabrina“
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  • Finger weg! Das muss für fünf eine Woche reichen!
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  • Die Corbel-Hütte in der prallen Sonne
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  • Das Abendessen von Andreas hebt immer die Stimmung
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4.7.2022

Es ist 6:38 Uhr als ich heute aufwache. Wenn ich jetzt aufstehe und duschen gehe, wecke ich Nico unnötig früh auf. Also drehe ich mich noch einmal um und betreibe noch etwas Augenpflege. Um 7:00 Uhr ist es aber dann soweit und Nico und ich hüpfen aus den Federn. Der erste Blick gilt dem Wetter. Und zu unserer Beruhigung schaut es ganz gut aus. Wir haben zwar dicke graue Wolken, aber die scheinen mir hoch genug zu sein, als dass sie uns Probleme bereiten können. Aber ich bin ja kein Pilot. Jedenfalls habe ich gestern Nacht noch mit Isabelle, unserem neuen Station Leader, Kontakt aufgenommen und uns angekündigt.
Die Dusche ist fantastisch. Schönes heißes Wasser in einem dicken Strahl. Da will man gar nicht mehr aufhören. Anschließend packen wir noch kurz unsere sieben Sachen bevor wir zum Frühstücken gehen. Der Blog beginnt nun auch langsam hochgeladen zu werden. Allerdings funktioniert er noch nicht so wie ich es gerne hätte, da die Seitenhierarchie noch falsch gesetzt ist. Aber Manuel und Thomas werden das schon hinbekommen.

Jetzt noch schnell den Schlüssel zurückgeben, denn das Taxi wartet bereits auf uns. Nach ein paar Minuten sind wir auch schon bei Lufttransport, die uns mit einer kleinen Do228 nach Ny Alesund bringen werden. Cynthia macht ein etwas unsicheres Gesicht, freut sich aber auf den Flug. Wir sind so früh dran, dass Lufttransport noch mit der Abfertigung des Fluges nach Svea beschäftigt ist. Svea ist ja eine Kohlemine, die mit viel Aufwand und Geld angelegt wurde, nie wirklich in Produktion ging und nun wieder rückgebaut wird. Das Ganze war also ein gigantischer Schuss in den Ofen. Nach knapp einer Stunde kommt das Flugzeug zurück und wir können einsteigen. Natürlich wurde die Zeit genutzt, um z.B. alle Gepäckstücke genau zu wiegen. Denn es gibt eine Freigrenze von 20 kg, was darüber ist, muss extra gezahlt werden. Und da sind wir mit Sicherheit dabei! Andreas und ich bekommen die Sitze direkt hinter den Piloten ab, er links, ich rechts. Die anderen sitzen verteilt im Flugzeug, so dass wir sicher stellen können, dass wir nach beiden Seiten hin gute Fotos bekommen.

Ein raffinierter Masterplan, der genauso grandios scheitert. Nach ein paar Minuten Flugzeit stechen wir durch die Wolken und können diese sehr gut von oben betrachten. Von der Landschaft unter uns sehen wir erst im Landeanflug wieder etwas. Dieses Mal fliegt der Pilot relativ weit nördlich an, um dann eine scharfe Linkskurve zu fliegen, um in Ny Alesund zu landen. Andreas hat also einen guten Blick auf unsere Seitenmoräne, die wir seit Jahren untersuchen. Er meint allerdings, dass wir zu weit entfernt waren, um gute Fotos zu bekommen. Es ist wie verhext! Entweder wir fliegen direkt darüber oder wir sind zu weit weg. Es ist echt schwierig, gute Fotos von unserem Ziel der Begierde zu bekommen. Als die Motoren aus sind, wird unser Gepäck ausgeladen und dann dürfen auch wir in den bereitgestellten Bus einsteigen, der uns zum Servicegebäude bringen wird. Wenig später hören wir bereits die Maschine über unseren Köpfen, die andere Wissenschaftler wieder zurück nach Longyearbyen bringt.

Isabelle erwartet uns bereits vor dem Servicegebäude und heißt uns willkommen. Auch die Zimmerverteilung hat sie schon vorbereitet und teilt uns diese mit. Ich bin der Einzige, der im Blauen Haus unterkommt, die anderen sind in Rabot untergebracht. Ich muss mein Zimmer mit jemanden teilen, aber als ich das Zimmer beziehe ist niemand da. Ich beziehe erst einmal mein Bett und führe einen Covidtest durch. Gott sei Dank ist er negativ. Die Tests der anderen zeigen auch nur einen Strich beim „C“, so dass unserer weiteren Planung Covid nicht im Weg stehen wird. Isabelle klärt uns darüber auf, dass es momentan zwei Covidfälle in Ny Alesund gibt. Man muss sich in so einem Fall in Quarantäne begeben und darf nicht mit den anderen Kindern spielen.

Da es jetzt Zeit für das Mittagessen des Stammpersonals ist, müssen wir warten, bis auch wir an den Trog dürfen. Wir treffen Maarten Loonen und er erzählt uns, dass sie bisher sehr viele Eisbärsichtungen um Ny Alesund gemacht haben. Von über 200 Gänsenestern sind die Eier von Bären geplündert worden, so dass momentan nur noch zwanzig Nester übrig geblieben sind. Wir müssen also besonders vorsichtig sein. Glücklicherweise sagt er auch, dass sich die Bären gut mit der Knallpistole haben vertreiben lassen.

In der Kantine gibt sehr gute Lasagne, unterschiedliche vegetarische Gerichte und viele andere Leckereien. Das Essen schmeckt hervorragend und ich glaube die Köchin vom letzten Jahr zu erkennen. Nach den warmen Speisen gibt es bei mir noch eine Lage geräucherten Fisch mit Roter Beete und Kartoffelsalat. Abgerundet wird das Essen mit einer Tasse Kaffee und Hobnob Keksen.

Pünktlich um 13:30 Uhr treffen wir Isabelle zur Einweisung in die Gepflogenheiten Ny Alesunds. Sperrgebiete, Essenszeiten, Umgang mit Kreuzfahrern und Eisbären und alle möglichen anderen Infos bekommen wir präsentiert. Kurz und schmerzlos! So wie es sein soll! Während wir auf Isabelle warten, kriegt Ernst ein Buch in die Hand und gleichzeitig greift er nach dem Ethernetkabel. Schaut für alle Umstehenden so aus, als ob er das Buch wie einen Laptop mit dem Internet verbinden möchte. Der Titel des Buchs ist übrigens „No Signal“, was die Situation zusätzlich komisch macht.

Nach Isabelles Vortrag entwickeln wir noch einen Plan für die nächsten Tage. Wir werden morgen nach Corbel aufbrechen und dort bis zum 9.7. bleiben. Wir kommen also pünktlich zum Wochenende nach Ny Alesund zurück, was uns die Möglichkeit gibt, am Sonntag den Brunch zu genießen bzw. am Samstagabend in die Bar zu gehen. Von 11.-15. 7. Werden wir dann auf Kvadehuksletta verbringen, um wiederum am Wochenende in Ny Alesund zu sein. Das ist jetzt aber wirklich nicht wegen der Bar, sondern dem geschuldet, dass wir die Velferdenhütten am Wochenende nicht belegen können. Die letzten Tage vom 17.-19.7. werden wir wieder in Corbel verbringen. Der 20.7. ist dann für Packen und Aufräumen reserviert bevor es am 21.7. wieder Richtig Longyearbyen gehen wird.

Unser Generalstabsplan findet auch Isabelles Zustimmung. Ich denke, er ist für beide Seiten perfekt. Wir belasten das AWI Team nur minimal und sind gleichzeitig sehr flexibel. Bei unserer Diskussion lernen wir auch schon Tommy kennen, der dieses Jahr der Logistikingenieur ist und somit für uns extrem wichtig ist, weil wir von ihm hoffentlich ein Boot bekommen bzw. von ihm im Gelände abgesetzt werden. Anschließend erhalten wir unsere Seesäcke, die im Speicher des Blauen Hauses gelagert wurden. Genau zum perfekten Zeitpunkt, denn es hat mittlerweile begonnen zu regnen und die rote AWI-Jacke kommt mir jetzt sehr gelegen.

Frisch ausstaffiert fahren wir zum Lager, um unsere Frachtkisten aufzusammeln. Doch oh Schreck, im ganzen Lager finden sich unsere Kisten nicht. Und als Tommy mich fragt, ob wir die Kisten in den Container gepackt haben, kann ich nur sagen, dass wir alles im Hafenlager in Bremerhaven abgegeben haben. Schließlich finden sich unsere Kisten im Container. Puh! Als Ernst die Menge an Kisten sieht, hält er uns für wahnsinnig. Aber zwei Kisten sind schon mit dem Bodenradar und dem differentiellen GPS voll und zwei Kisten sind Essen, eine Kiste mit Stativstangen und Schaufel. Bleibt also eine Kiste, für alle übrigen Kleinteile. Wir bringen alles zum Rabotgebäude und fangen sofort an, sämtliche Akkus zu laden. Das ist super anstrengend und so müssen wir umgehend zum Kaffee trinken gehen. Auch der ein oder andere Hobnob Keks verschwindet auf magische Weise von dieser Erde.

Dann mache ich mich ans Suchen meines Bootsführerscheins, den Isabelle noch gerne sehen würde. Ich finde die Scans in meinen Emails vom letzten Jahr und leite sie umgehend weiter. Erledigt! Vor lauter Blog schreiben verpasse ich es Bier zu kaufen. Wie konnte das nur passieren? Heute hat nämlich der Laden zwischen 17:00 und 18:00 Uhr geöffnet und ich bin froh, dass die anderen insgesamt 84 Büchsen Bier gekauft haben. Das sollte vorerst reichen. Falls Ernst vorher gemeint hat wir wären mit den Materialkisten wahnsinnig und unmäßig, so könnte man dies auch hier anwenden. Allerdings würde ich in beiden Fällen widersprechen. Man muss immer auf alles vorbereitet sein! So oder so!

Eigentlich hätten wir nach dem Abendessen noch eine Einführung in den Umgang mit den AWI-Gewehren bekommen sollen, aber wir verschieben dies kurzerhand auf morgen, weil Isabelle noch tausend andere Dinge zu erledigen hat. Stattdessen machen wir uns einen entspannten Abend und probieren schon mal die ein oder andere Büchse Bier. Allerdings müssen wir uns zurück halten, denn unser Schießtraining ist für morgen 8:15 Uhr angesetzt. Dieses Jahr müssen Ernst, Andreas und ich den vollen Kurs belegen, also inklusive einem Seminar zu Verhaltensregeln im Bezug auf Eisbären und einer theoretischen Waffenkunde. Erst dann geht es auf den Schießstand zum praktischen Training. Nico hat den vollen Kurs ja erst letztes Jahr absolviert und muss deshalb nur den Praxisteil erneut mitmachen. Das spart natürlich ein paar Euro. Aus Kostengründen hat Cynthia auf den Kurs verzichtet, was auch absolut Sinn macht angesichts der Tatsache, dass wir bereits vier Waffenkundige im Team haben.

Statt dem Waffentraining befassen wir uns mit fundamental wichtigeren Dingen im Leben, nämlich mit der Bestellung von Brot, Zwiebeln und Knoblauch aus der Kantine. Im Gegensatz zu den letzten Jahren wird dies nun per Mail erledigt. Hat man früher einen Zettel in einer Minute ausgefüllt, brauchen drei von uns nun ca. 15 Minuten dafür. Es geht nichts über die Vereinfachung von Prozessen. Isabelle informiert uns, dass wir das Excel-Formular der Küchenbestellung noch unterschreiben müssen. Also fast alles richtig gemacht! Darauf erst einmal eines der Carlsberg Biere!

Fotos

Die traurigen Überreste eines Gewächshauses in Longyearbyen
Die traurigen Überreste eines Gewächshauses in Longyearbyen
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  • Beim Einchecken für den Flug nach Ny Alesund. Gut sichtbar ist die Waage, die sehr viel Geld kosten kann wenn man zu viel Gepäck dabei hat
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  • Das Heckleitwerk der Do228
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  • Longyearbyen beim Abflug aus der Luft gesehen
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  • Eisspalten des Kongsbreen Gletschers
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  • Der Kongsbreen Gletscher von oben
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  • Der Kongsbreen Gletscher mündet in den Fjord
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  • Kvadehuksletta, die Halbinsel auf der wir einige Zeit arbeiten werden
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  • Blick auf den Broggerbreen Gletscher und sein Vorland
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  • Kurz nach der Landung in Ny Alesund
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  • Die alte Kohlewäscherei
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  • Unsere Ausrüstung im Rabotgebäude
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  • Im Blauen Haus gönnen wir uns ein Bier und freuen uns, dass wir es bis hierher geschafft haben
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  • 3-D Druck der Topographie der Gegend um Ny Alesund
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3.7.2022

Es gibt doch Berge hier! Der Blick aus dem Fenster um 7:30 Uhr bestätigt es. Der Nebel ist heute deutlich lichter und so können wir die Gipfel der Berge direkt hinter unserer Unterkunft sehen, inklusive der Schächte der früheren Kohlemine und die Seilbahn, die sich am Hang entlang zieht. Die Sonne beleuchtet den Gletscher am Talende und es herrscht wieder dieses fantastische Wechselspiel zwischen Sonne und dünnen Wolken, das den Reiz dieser Landschaft weiter verstärkt. Ich mach erst einmal ein paar Fotos. Da ist er wieder, der Spitzbergenvirus. Ein neuer Anfall bzw. Rückfall. Ist glaube ich, eine chronische und unheilbare Krankheit. Tut aber zum Glück nicht weh, solange man hier ist!

Letzte Nacht verlief problemlos und ich habe gut geschlafen. Immerhin sechs Stunden, was mindestens 1-2 Stunden mehr ist, als ich in den letzten Tagen abbekommen habe. Ich fühle mich bereits jetzt schon gut erholt und bin voller Tatendrang. Allerdings habe ich gestern Abend mein Rennen gegen Nico verloren. Er hat schneller zu schnarchen begonnen, als ich einschlafen konnte. Da muss ich noch daran arbeiten. Ich frage mich, wie es wohl Cynthia mit Ernst ergangen ist. Im Vergleich zum Schnarchen Ernsts ist Nicos quasi Kindergarten.

Die frisch im Industriedesign renovierte Hotellobby dient gleichzeitig als Frühstücksraum. Um 8:00 Uhr sind noch relativ wenige Personen dort, aber während wir essen, füllt sich der Raum schnell. Die wenigsten haben übrigens ihre Schuhe ausgezogen, was in Spitzbergen lange Bergarbeitertradition ist, um nicht zu viel Dreck in die Gebäude zu schleppen. Schade, dass die Touristen nicht darauf hingewiesen werden und so ein weiteres Stück an Geschichte und Tradition langsam aber sicher verschwindet. Der Charme von Longyearbyen hängt natürlich ganz wesentlich mit der Bergbautradition und den relativ einfachen Bedingungen zusammen. Durch die vielen modern ausgestatteten Neubauten und Renovierungen und die dramatische Zunahme der Einwohnerzahl und der Touristenübernachtungen geht aber genau dieses Alleinstellungsmerkmal verloren. Was dann noch bleibt, ist eine hässliche kleine Stadt am Rande des Nichts. Ich finde es sehr schade, aber ich muss ja hier auch nicht auf Dauer leben und mein Geld verdienen. Es hat halt alles seine zwei Seiten.

Um wieder auf positivere Gedanken zu kommen. Das Frühstück war sehr gut, nur der Kaffee hätte etwas stärker sein können. Wir vier genießen es und ratschen über Gott und die Welt. Nebenbei lösen wir alle weltbewegenden Probleme. Macht das freiwillige soziale Jahr, wie kürzlich von Steinmeier vorgeschlagen, Sinn?

Andreas hat uns soeben eine SMS geschickt, dass er mit dem SAS Flug um 13:50 Uhr ankommen wird. Dann ist die Truppe komplett. Ernst wird dann auch versuchen, sein Gepäck zu bekommen und Fritz, Maarten Loonens Kollege, wird zum dritten Mal versuchen sein Gepäck zu kriegen und auch sein Gewehr, das er mitbringen wollte. Bis jetzt kann ihm allerdings niemand sagen, wo sein Gepäck gerade ist.

Um kurz vor 12:00 Uhr sind alle Bilder für den gestrigen Blog bearbeitet und an Manuel und Thomas zum Hochladen auf die Webseite übertragen. Jetzt geht es ans Checken der Ausrüstung. So muss z.B. überprüft werden, dass bei allen Kameras das korrekte Datum und die korrekte Uhrzeit eingestellt sind. Und auch die Datenlogger will ich mir zur Sicherheit noch einmal anschauen. Die Software für meine Hobo Datenlogger muss ich auch noch frisch herunterladen, da ich dieses Jahr einen anderen Computer dabei habe, auf dem die Software noch nicht installiert ist. Unser Zimmer schaut schon wieder aus wie ein Handgranatenwurfstand. Überall hängen Ladegeräte an den Steckdosen und tausend Kabel ziehen sich kreuz und quer durchs Zimmer. Und überall blinkt und leuchtet es. „Ja ist denn heut scho Weihnachten?“

Wenig erfreulich ist es, dass meine rote Box mit unseren Messinstrumenten und Datenloggern offensichtlich vom Zoll oder der Fluggesellschaft geöffnet wurde. Dagegen ist nichts zu sagen. Nicht in Ordnung ist es aber, wenn man zu faul oder nachlässig ist, um die eigens dafür angeschafften TSA Schlösser wieder zu verschließen. Die Box wurde also offen transportiert und die Schlösser fehlen komplett. Das ist schon eine Dreistigkeit, die man nicht mehr akzeptieren kann. Mein Hals ist momentan so dick wie mein Kopf! Hätte sich die Box während des Transports geöffnet, wären Instrumente von mehreren tausend Euros munter über halb Europa verteilt worden. Und Schuld hätte dann natürlich wieder keinen getroffen. Gott sei Dank fehlt aber nichts. Nach der Aufregung habe ich jedenfalls schon wieder Hunger und Durst auf einen Kaffee. Das Leben ist ein einziger Stress.

Ernst ist dieses Jahr wieder mit Spezialschuhwerk angereist. Von seinen Turnschuhen löst sich die Sohle großflächig ab und er wird sicher nicht mehr weit damit kommen. Für ein paar Frotzeleien und lautes Lachen meinerseits waren die Schuhe aber noch gut genug. Man muss wissen, dass Ernst vor ein paar Jahren hier in Spitzbergen die Sohlen seiner Wanderstiefel verloren hat und nachdem alle Klebeversuche mit Panzerband scheiterten kurzerhand beschlossen hat, barfuß zu gehen. Im Jahr darauf erschien er mit neuen Schuhen an denen noch der Preiszettel hing. Wir hatten uns damals schon köstlich darüber amüsiert. Dass sich die Show jetzt wiederholt setzt dem Ganzen natürlich die Krone auf. Aber man muss ja immer vorsichtig sein wenn man im Glashaus sitzt. Solche Sohlen können sich ja auch bei Leuten ablösen, die jetzt noch am lautesten und am dreckigsten lachen.

Während ich so vor mich hin an unseren Messgeräten arbeite, fährt Ernst schon mal zum Flughafen, um nach seinem Gepäck Ausschau zu halten und um Andreas in Empfang zu nehmen. Cynthia, Nico und ich gönnen uns aber erst einmal eine Tasse Kaffee bzw. Tee in der Lobby bevor wir schließlich zu Fuß in Richtung Svalbardbutikken aufbrechen, unseren verabredeten Treffpunkt. Als wir dort bei schönstem Sonnenschein und ungewöhnlich warmen Temperaturen ankommen, sitzt Ernst schon in der Sonne. Andreas bringt gerade sein Gepäck zum Hotel und er ist vermutlich mit dem Taxi an uns vorbeigefahren. Ich begebe mich sofort auf die Suche nach Ersatz für meine TSA Schlösser. Einer der Outdoor-Läden hat tatsächlich die gesuchten Schlösser. Allerdings kostet mich der Spaß ca. 30 Euro. Einerseits bin ich froh darüber, dass ich Ersatz gefunden habe, andererseits ärgere ich mich erneut über die Dummheit der Person, die meine Schlösser verschwinden hat lassen. Ernst ist auf der Suche nach T-Shirts, Unterwäsche und, ja man glaubt es kaum, nach neuen Bergschuhen. Sein Gepäck ist nämlich nicht mitgekommen und man konnte ihm auch nicht sagen, wo es denn gerade steckt und wann er damit rechnen kann. Immerhin werden sie es nach Ny Alesund nachschicken. Fritz geht es ebenso und er ist echt frustriert und zu Recht ärgerlich. Nico kauft einen kleinen Stoffschlittenhund als Andenken, was zum allgemeinen Amüsement beiträgt. Der Hund soll ein Maskottchen für Nicos Campingbus werden. Ich schaue zwar auch nach passenden Souvenirs, kann mich aber nicht entscheiden, da ich bereits viele der Motive auf den T-Shirts irgendwann einmal gekauft habe.

Im Lompen Kaufhaus treffen wir uns schließlich zum Kaffee mit Sandwiches. Sehr lecker, mein Eiersalat/Lachs Sandwich! Gerade als wir fertig sind, kommt Andreas dazu. In seiner hellblauen Jacke und kurzen Hosen ist er weithin sichtbar. Er hat sein eigenes Abenteuer hinter sich, wie er erzählt. Er hat nämlich sein Flugticket über ein Reisebüro gebucht aber heute Morgen hat ihn SAS beim Einchecken am supervollen Flughafen in Oslo darüber informiert, dass er kein Ticket hätte. Offensichtlich wurde das Ticket nie vom Reisebüro bezahlt obwohl man Andreas eine Buchungsbestätigung geschickt hat. Zusätzlich zu diesem Schlamassel hat sein Handy den Geist aufgegeben, so dass er nicht einmal mit dem Reisebüro oder seiner Frau Viktoria telefonieren konnte. Letztlich musste er ein zweites Ticket kaufen und hat mit Mühe und Not noch den Flieger erreicht. Aber jetzt ist er da, die Gruppe ist wie gesagt komplett und der gemeinsame Kaffee schmeckt. Auf dem Rückweg zur Unterkunft machen wir noch schnell eine Reservierung für das Abendessen im Kroa, das für 19:30 Uhr geplant ist. Bis dahin bleibt noch einige Zeit für weitere Vorbereitungen.

Insgesamt muss ich sagen, dass der heutige Tag sehr gut und keineswegs Zeitverschwendung war. Es wäre sicher sehr viel hektischer geworden, hätten wir diesen zusätzlichen Tag nicht gehabt. Wir lassen den Tag ganz entspannt in der Kroa Bar ausklingen, wo ich heute einen Elchburger esse – wie jedes Jahr. Ist schon eine liebgewordene Tradition geworden, obgleich meilenweit keine Elche zu sehen sind. Nico ist auch noch von den zwei Sandwiches voll, so dass er sich mit einer halben Pizza begnügt. Und Ernst geht heute aufs Ganze und bestellt als Vorspeise einen Minkwal. Cynthia isst ebenfalls einen Elchburger und Andreas, der ja keine Sandwiches abbekommen hat, verleibt sich eine große Pizza ein. Dazu kriegt jeder zwei Mack-Biere ab. Kurz, wir lassen es uns gut gehen und haben jede Menge Spaß.

Beim Nachhauseweg müssen wir natürlich alles nach oben tragen. Zusätzlich weht mittlerweile ein steifer und schneidender Wind vom Gletscher herunter durch das Tal. Also sprich genau aus der Richtung, in die wir müssen. Nach dieser enormen Anstrengung brauchen wir doch glatt noch ein Absackerbier in der Hotellobby. Unser Generaldirektor fühlt sich aus uns unerfindlichen Gründen genötigt, die Runde zu zahlen. Geburtstag hat er jedenfalls nicht! Also fragen wir nicht länger nach, sondern sagen brav danke! Nico, weiter so! Das ist auch eine gute Gelegenheit, meine „KOP132 – SPLAM“ Namensschilder mit Klettverschluss an Ernst und Andreas zu übergeben. Den anderen hatte ich sie bereits vorher in die Hand gedrückt. Andreas heftet sich das Schild sofort an seine blaue Jacke und freut sich darüber. Es passt von der Länge her ganz genau – ich hätte es nicht besser ausmessen können!

Als uns der Barmann um 23:45 Uhr erklärt, dass er die Bar in 15 Minuten schließen wird, ist dies für uns das Zeichen zum Aufbrechen. Bevor jeder in sein Bett steigt, verabreden wir uns für 7:45 Uhr zum Frühstück. Das sollte uns genügend Zeit geben, denn das Taxi zum Flughafen habe ich für 8:30 Uhr bestellt. Unser Flug nach Ny Alesund ist dann für 10:15 Uhr geplant.

Fotos

Unsere Unterkunft in Longyearbyen, eine der „Coal Miner’s Cabins“
Unsere Unterkunft in Longyearbyen, eine der „Coal Miner’s Cabins“
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  • Der Parkplatz vor unserer Hotelrezeption. Priceless!
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  • Nico hart bei der Arbeit
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  • Wohlverdiente Kaffeepause in der Lobby
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  • Die „künstliche Kuh“ mit deren Hilfe die Bergarbeiterkantine aus Milchpulver Milch hergestellt hat. Ein historisches Zeugnis der „guten alten Zeit“
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  • Die Hotellobby mit dem Frühstücksraum
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  • Ein Überrest der Bergbaugeschichte Longyearbyens
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2.7.2022

Der Blick auf die rosa Uhr offenbart dreierlei Dinge: Erstens, es ist 3:20 Uhr, zweitens um diese Zeit ist die Welt noch nicht rosig , sondern nachtschwarz und drittens, ich habe mich umentschieden und verwende nun doch wieder meine rosa Regattauhr. >Nico ist daran schuld, weil er zu Bedenken gegeben hat, dass meine gute Uhr ja nass werden könnte oder kaputt gehen könnte. Wahrscheinlich hat er wie immer recht.

Um den Ball von sich ändernden Dingen noch einmal aufzunehmen. Carolyn fährt mich heute zum Flughafen Münster-Osnabrück (FMO). Auf dem Weg dorthin sammeln wir noch Nico ein, der zusammen mit Jeny schon an der Straßenkreuzung auf uns wartet. Fünf Minuten vor der verabredeten Zeit! Die Autobahn ist bis auf ein paar Lastwägen leer und so sind wir überpünktlich am FMO. Zuerst stehen wir in der etwas längeren Schlange der Economy Class aber nachdem der Schalter der Business Class geöffnet wird, geht alles ganz schnell. Die gute Nachricht ist, dass die Dame beim Einchecken nichts von einem Streik in ihrem System findet und so halten wir nach ein paar Minuten unsere Boardkarten bis Longyearbyen in der Hand. Die rote Kiste geben wir noch schnell am Sperrgepäckschalter ab und dann geht es durch die Sicherheitskontrolle. Vergleicht man die Bilder mit ewigen Warteschlangen z.B. am Düsseldorfer Flughafen, läuft hier alles mega-entspannt ab. Kleine regionale Flughäfen punkten hier ungemein und so säßen wir bereits um kurz vor 5:00 Uhr in der Lounge. Ja, wenn sie denn offen wäre. Wir stehen vor verschlossenen Türen und müssen erfahren, dass der Flughafen nach Corona erst wieder in Verhandlungen mit den Fluggesellschaften treten muss. Dazu will man aber erst die Flugentwicklung abwarten. Kleine regionale Flughäfen haben also auch ganz klare Nachteile! Kein Kaffee und kein Frühstück! AAARRRGGHHH!!! Also sitzen wir in der Lobby und schauen zu wie die Welt erst rosig und dann zunehmend blau wird. Wir haben erstklassiges Flugwetter. Strahlend blauer Himmel ohne eine einzige Wolke und die Temperaturen sollen heute bei 25-28°C liegen.

Ernst hat Probleme mit seinem Flug aus Berlin und wird vermutlich den Anschlussflug nicht erreichen. Laut seiner tiefschürfenden Internetrecherche soll der Streik bei SAS  um 11:00 Uhr beginnen. Nico und ich haben heute eine Außenposition für unser Flugzeug reservieren lassen und lassen uns standesgemäß dorthin chauffieren. Auf Deutsch, wir sitzen mit allen anderen im Bus. Kurz nach dem Einsteigen ins Flugzeug separieren sich Nicos und meine Wege. Herr Generaldirektor Dr. Schmedemann fliegt natürlich Business Klasse, während ich auf der Holzbank Platz nehme. Standesgemäß! Nico bekommt ein schickes Frühstück, ich eine winzige Tafel Schokolade. Standesgemäß! Als ich Nico über die dramatischen Konsequenzen seiner Buchungspolitik später im Bus zum Terminal in München aufkläre, zieht er eine kleine Tafel Lufthansaschokolade aus der Tasche um mich zu besänftigen. Da wird aber nichts daraus – ich bin sauer! Hat das jetzt jemand ernsthaft geglaubt? Ich bin es natürlich nicht, sondern freue mich für und mit Nico, dass er durch die unergründliche Weisheit des Lufthansa-Buchungssystems in den Genuss der Businessklasse gekommen ist. Vielleicht hätte ich beim Umbuchen unserer Flüge im Mai doch freundlicher sein sollen?

Egal, wir kommen nach einem sehr kurzen Flug vorzeitig in München an und sind schubdiwup in der Senator Lounge. Jetzt kriege auch ich meinen dreifachen Espresso und die Welt ist zumindest momentan wieder in Ordnung. Beim Anflug auf München konnten wir sehr schön die ausgedehnten Nebelfelder sehen, die sich entlang der Täler hinzogen. Vereinzelte Windräder – es gibt sie also doch in Bayern – ragen durch die Nebeldecke, was recht witzig ausgeschaut hat. Und auch die Alpen waren toll zu sehen. Ahh, Bayern! Home, sweet home!

Um 8:40 Uhr geht es mit der LH2452 weiter nach Oslo. Wie gehabt, Herr Dr. Schmedemann fliegt 6 m vor mir, getrennt durch einen kleinen Vorhang. Ich höre nur das Geklappere von Porzellan, während ich meine zweite Tafel Schokolade in die Hand gedrückt bekomme. Für 7 Euro kann man sich jetzt bei Lufthansa ein Sandwich und ein Kalt- oder Heißgetränk kaufen; Kaffee kostet 3 Euro. Meine bayerisch-schwäbischen Wurzeln verbieten mir das! Über die Mecklenburger Seenplatte geht es bei Gedser über die Ostsee und durch die süddänische Inselwelt. Kurz danach fliegen wir genau über Anholt und man kann den Hafen, den ich irgendwann in den 90er Jahren beim Segeln angelaufen bin, sehr schön erkennen. Sogar den damaligen Liegeplatz sehe ich, weil wir damals bei Starkwind und übervollem Hafen direkt am Fähranlieger festmachen mussten. Bis hierher habe ich also immer gewusst, wo wir gerade sind. In der schwedischen Schärenwelt gehe ich dann aber verloren – dort gibt es aber auch 2-3 Inseln... Auch ist die Wolkendecke nördlich von Anholt sehr viel dichter, was die Orientierung zusätzlich erschwert. Irgendwann 20 Minuten vor Oslo sind wir dann in den Wolken. Im Landeanflug fliegen wir durch drei Wolkendecken, bevor wir letztlich die Räder auf den Boden kriegen. Ich habe vergessen mein Handy auszuschalten und so bekomme ich im Landeanflug auf Oslo eine SMS der Telekom, die mich in Schweden begrüßt! Zwei Minuten später werde ich in Norwegen begrüßt. Ich wusste gar nicht, dass Schweden so klein ist! In Dänemark wurde ich erst gar nicht begrüßt. Auch eine SMS von Ernst geht ein. Er hat seinen Anschlussflug nach Oslo erreicht, fürchtet aber, dass sein Gepäck nicht mitgekommen ist.

Oslo, SAS Lounge. Die Lounge ist gut besucht, man könnte auch sagen, dass sie voll ist, aber wir finden zwei bequeme Sessel. Erst einmal Mittagessen. Salate, Tempranillo, Espresso und meine geliebten Hobnob Haferkekse. Das klingt erst einmal recht gesund, aber sie schmecken auch richtig gut! Ich kann sie nur empfehlen! Fünf von fünf Sternen!

Wir fragen nach unserem Flug nach Longyearbyen, der um 16:00 Uhr abgehen soll und erfahren, dass alles wie geplant funktionieren sollte. Von Streik oder irgendwelchen Problemen ist jedenfalls keine Rede. Also, entspannen und noch einen Wein trinken. Nico testet schon mal das Carlsberger. Mit breitem Grinsen im Gesicht! Wir haben dieses Jahr einen Non-Stop Flug nach Longyearbyen und unser Gepäck ist bereits bis dahin durchgecheckt. Das heißt, wir brauchen uns um nichts zu kümmern! Fantastisch! Einfach durch die Passkontrolle und fertig! Gegenüber dem Vorjahr ist der Flughafen wie verwandelt. Alle Geschäfte sind wieder offen – zumindest jene, die überlebt haben. Und er ist wieder „busy“ wie in alten Zeiten. Gut so! In Oslo gibt es definitiv kein Corona mehr. Ich bin vermutlich der einzige, der noch eine Maske trägt. Nico ist auch schon teilweise zu den „Maskenlosen“ übergelaufen und ich denke, ich werde das auch spätestens in Longyearbyen machen. Nicos und mein Schnelltest von gestern waren negativ und ich denke das Risiko ist vertretbar.

So, Ernst ist mittlerweile auch in Oslo angekommen. Für Nico und mich bedeutet das, dass wir entscheiden müssen, ob wir den üppigen Luxus der Lounge mit den harten Stühlen am Gate tauschen wollen, um uns mit Ernst zu treffen. Schwierige Entscheidung. Vielleicht trinken wir noch einen Espresso, schließlich sind es noch gute zwei Stunden bis zum Boarding. Cynthia ist ja bereits gestern aus Pisa angereist und auch sie werden wir in Kürze treffen. Andreas wird dann morgen zu uns stoßen und die Gruppe dann endgültig komplettieren. Dann wäre unsere Planung perfekt gelaufen und wir könnten uns in aller Ruhe mental auf unseren Flug am 4.7. nach Ny Alesund vorbereiten.

Irgendwie sind Nico und ich doch etwas unruhig und schicken Ernst eine SMS, um uns zu treffen. Er hat bereits Cynthia aufgegabelt und so sehen wir beide kurze Zeit später am Abgang zur Lounge. Die Passkontrolle ist schnell erledigt und so sitzen wir knapp 2 Std. vor unserem Abflug bereits am menschenleeren Gate und ratschen. Natürlich ist die kommende Feldsaison ein Thema und wir überlegen schon mal, wie wir zu fünft in einer Hütte hausen können, die eigentlich für nur zwei Personen bequem bewohnbar ist. Das wird ein wenig Kreativität erfordern.

Wie wir von Cynthia erfahren, wurde der SAS Streik auf Montag vertagt. Hurra! Was für eine Erleichterung! Für uns ist das perfektes Timing, weil wir dadurch heute keine weiteren Schwierigkeiten mehr zu erwarten haben und auch Andreas morgen ohne Probleme nachkommen kann. Montag können die SAS Piloten dann meinetwegen für die nächsten 2 Wochen streiken. Nach dem Einsteigen – ja, wir sitzen jetzt wirklich im Flugzeug nach Longyearbyen – müssen wir noch auf drei Passagiere warten, die aus Paris kommen sollten aber nie auftauchten. Also werden kurzerhand deren Koffer ausgeladen und  schon geht es mit leichter Verspätung los. Vorteil ist, dass ich dadurch eine ganze Sitzreihe für mich habe, allerdings ein paar Reihen weiter hinten als geplant, weil ich kurzerhand versetzt wurde. Ernst geht es ebenso. Nico fliegt wieder voraus und wir anderen drei folgen auf den billigen Plätzen. Aber was solls. Verglichen mit den Aussichten der letzten Tage durch den SAS Streik irgendwo auf unbestimmte Zeit in Oslo zu stranden, ist das ein absolutes Luxusproblem. Beziehungsweise nicht einmal das! Das Wetter ist leider bewölkt, so dass man nichts von der Landschaft sieht und laut Pilot soll es in Longyearbyen leichten Nebel haben und Temperaturen von 6 °C. Er meint noch „cross your fingers“, dass wir landen können, denn der Flughafen ist nicht für Landungen bei schlechter Sicht ausgelegt. Also mache ich, was er gesagt hat!

Unter mir erstreckt sich ein endlos scheinendes weißes Wolkenfeld. Pünktlich bei Ankunft reißt die Wolkendecke auf und gibt den Blick frei auf zahlreiche Gletscher, Bergspitzen, Fjorde, Erosionsrinnen, Pingos und Sandurebenen. Spitzbergen wie es leibt und lebt und warum ich es liebe. Jedes Jahr ist der Anflug auf Longyearbyen erneut ein spektakuläres Erlebnis, das mich fasziniert und an dem ich mich nicht sattsehen kann. Auch dieses Jahr fliegen wir das Adventdalen entlang und es ist schon sehr cool unterhalb der Berggipfel zu fliegen. Ich erhasche noch einen Blick auf Longyearbyen bevor wir in der angekündigten Nebelbank verschwinden. Da kommen unwillkürlich Erinnerungen an die russische Passagiermaschine auf, die vor einigen Jahren beim Landeanflug an einem der Berghänge zerschellt ist. Angeblich war das einer der Gründe warum die Russen ihre Siedlung Pyramiden von heute auf morgen aufgegeben haben. Uns geht es jedoch besser und auf den letzten Metern sind wir unterhalb der Nebeldecke und haben freie Sicht auf den Flughafen.

Um Punkt 19:00 Uhr sind wir in Spitzbergen gelandet. Der erste Eindruck ist, dass extrem wenig Schnee liegt und auch im Landeanflug haben wir das bereits gemerkt und viele apere Gletscher gesehen. Das ist sicher kein gutes Zeichen! Bis auf Ernst kriegen wir alle unser Gepäck und so teilen wir uns ein Taxi mit einem Kollegen von MaartenLoonen und seinem Freund. Die „Coalminer’s Cabins“, die sich fußläufig ca. 15-20 Minuten außerhalb von Longyearbyen befinden, wurden offensichtlich in den letzten Jahren deutlich saniert. Die Lobby ist jetzt recht hübsch und modern, hat aber den alten Charme verloren. Wenigstens die Maschine zur Herstellung von künstlicher Milch ist erhalten geblieben. An der Rezeption erfahren wir, dass Hurtigruten die Häuser von Spitsbergen Travel übernommen hat und nun das Hotel betreibt. Das Einchecken geht fix und so haben wir unser Gepäck innerhalb kürzester Zeit in unseren Zimmern verstaut bevor es zum Essen in das Kroa Restaurant geht. Das ist einfach ein Muss! Bei Pizza, Hamburger und Mack-Bier freuen wir uns, dass wir es hierher geschafft haben. Wir haben viel Spaß und feiern unsere Rückkehr ausgelassen aber in Maßen! Mir fällt natürlich sofort auf, dass die große Leninbüste an der Bar durch eine ukrainische Flagge ersetzt wurde. Ansonsten scheint sich nicht viel geändert zu haben. Allerdings ist es kein Elchburger mehr, sondern ein „normaler“ Burger. Schmecken tut er trotzdem. Wir scherzen, dass Nico eigentlich nichts mehr zum Essen bräuchte. Schließlich ist er ja dreimal in der Businessklasse verköstigt worden. Wir haben jedenfalls guten Hunger und der Burger verschwindet innerhalb von ein paar Minuten im Nirwana.

Um kurz vor Mitternacht kommen wir wieder an unserer Unterkunft an und ein langer Tag neigt sich dem Ende. Jetzt noch schnell am Blog schreiben und Bilder kopieren und dann fallen mir die Augen zu. Außerdem wollen wir uns morgen um 8:00 Uhr zum Frühstücken treffen.

Fotos

Auf dem Flug nach Oslo überfliegen wir die Insel Anholt
Auf dem Flug nach Oslo überfliegen wir die Insel Anholt
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  • Der Flughafen Oslo aus der Flugperspektive
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  • Das erste Bild Spitzbergens dieses Jahr
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  • Berge und Gletscher
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  • Zwei Gletscher, die in einen Fjord münden
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  • Berge, Fjord und jede Menge glaziale Morphologie. Auch etwas Schleichwerbung darf nicht fehlen
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  • Erosionsrinnen soweit das Auge blickt
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  • Ein schöner Überblick über die Landschaft in Spitzbergen
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  • Ein schöner Blick
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  • Ehemalige Kohlenmine und EISCAT Svalbard Radar Station beim Anflug auf Longyearbyen
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  • Das erste Bier in der Kroa Bar ist getrunken! Das zweite Bier ist für unseren Freund Ingo, der dieses Jahr leider nicht nach Spitzbergen kommen konnte. Prost Ingo!
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September 2021-Juni 2022

„Panta rhei – alles fließt!“ Heraklit hat recht!

Auch bei uns gibt es dieses Jahr ein paar wesentliche Änderungen in der Vorbereitung unseres Spitzbergenaufenthalts, über die ich kurz vorab berichten will. Der erste Schritt ist natürlich immer das Schreiben eines Projektantrags an das AWI, um dessen logistische Unterstützung zu bekommen bzw. um überhaupt nach Ny Alesund zu kommen. Da hat sich dieses Jahr Ernst hervorgetan und fleißig Text und Bilder zu einem Projektantrag zusammengefügt. Auch dieses Jahr war uns das AWI wieder wohlwollend gesonnen und so erhielten wir eine positive Zusage auf unseren Antrag. Völlig überraschend: wir haben es dieses Jahr tatsächlich geschafft, am vorbereitenden Logistik- und Wissenschaftsseminar des AWI teilzunehmen! In der Vergangenheit haben wir diesen Termin öfter „verbummelt“, was letztlich nicht gut angekommen ist, weil wir wichtige logistische Infos dadurch nicht oder erst zu spät erhielten. Aber man ist ja halbwegs lernfähig und dieses Jahr zählen wir zu den „Guten“. Auf dem „Science“ Seminar hat Ernst unsere Arbeiten der letzten 10 Jahre sehr schön vorgestellt. Speziell die Befliegungsdaten, die das DLR in Zusammenarbeit mit uns gewinnen konnten, sind dabei besonders gut aufgenommen worden. Aus diesen Daten konnten wir z.B. hochauflösende Höhenmodelle generieren, die es in dieser Form vorher meines Wissens nicht gegeben hat.

Nico hat sich in den letzten Monaten in gewohnter Manier stoisch durch die Wirren, Niederungen und Fallstricke der Zollformalitäten gekämpft und letztlich alles ordentlich verzollt. Inklusive dem Georadar, das wir uns auch dieses Jahr wieder von unseren Kollegen in der Geophysik ausleihen durften. Dafür schon einmal herzlichen Dank! Und auch Nico gebührt für seinen heroischen Kampf gegen die Windmühlen der Bürokratie ein Applaus und Trommelwirbel! Besonders spannend war die Jagd nach Kohlepapier, das wir für die Zollformulare brauchten. Letztlich haben wir es in einem einzigen Laden irgendwo in Münster für einen horrenden Preis gefunden. Wenn der Preis ein Hinweis darauf ist, wie veraltet dieses Verfahren ist, dann würde ich vermuten, dass es gefühlt seit dem 19. Jahrhundert keine Verwendung mehr findet. Leider sind wir mit der Auswertung der Georadardaten des letzten Jahres noch im Verzug. Es besteht allerdings Hoffnung, da wir einen Studierenden finden konnten, der die Daten im Rahmen seiner Bachelorarbeit prozessieren und auswerten wird. Für dieses Jahr stehen uns aber die Auswertungen noch nicht zur Verfügung, so dass wir leider auf keine Erfahrungswerte zurückgreifen können, wie wir das Gerät am besten betreiben. Es geht eben nicht immer alles! Aber nächstes Jahr wird – wie üblich – alles besser!

Ich habe parallel zu Nicos Anstrengungen alle anderen Formalitäten bearbeitet (z.B. die Anmeldung im RIS Webportal, die Buchung der KingsBay Flüge, das Einholen von Genehmigungen vom Sysselmanen) und ausgefüllte Formblätter aller Teilnehmer gesammelt und ans AWI weitergeleitet. Und irgendwann im Januar war er da, der Tag an dem alle Formalitäten erledigt waren. Somit stand der Ablieferung unserer Ausrüstung im AWI Hafenlager in Bremerhaven am 8. Februar nichts mehr im Wege. Bei dieser Gelegenheit konnten wir auch gleich die Einkleidung vornehmen, die wie immer perfekt vom AWI organisiert und vorbereitet war. Auch dort hatten wir uns, im Gegensatz zum Vorjahr, ordentlich angemeldet und so waren wir bereits gegen Mittag wieder auf dem Rückweg nach Münster! Wir sind Helden!

Neu ist auch, dass wir dieses Jahr zum ersten Mal überhaupt eine Genehmigung der norwegischen Behörden brauchen, um uns Waffen für unsere Feldarbeit ausleihen zu dürfen. Das hatte sich ja bereits letztes Jahr angedeutet und wurde jetzt Wirklichkeit. Der Antrag dazu besteht im Wesentlichen darin, persönliche Informationen zu hinterlegen und nachzuweisen, dass man Erfahrung im Umgang mit Waffen hat. Da sind mir meine gesammelten Schießzertifikate des AWI und von KingsBay sehr nützlich gewesen. Und selbst eine uralte Wehrdienstzeitbescheinigung habe ich zur Sicherheit noch einmal ausgegraben und mitgeschickt. Ob mit der verblichenen Kopie aber wirklich jemand etwas anfangen konnte, wissen die Götter. Jedenfalls war nach ein paar Wochen die offizielle Genehmigung zum Ausleihen von „Skytevåpen“ in meinem Email-Ordner. Das Schreiben ist natürlich auf Norwegisch verfasst und das Einzige was ich lesen bzw. mir erschließen kann sind das Kaliber, das ich mir ausleihen kann und dass ich „registrert i det norske våpenregisteret“ bin und „§6-9 i våpenforskrift“ zur Anwendung kommt. Auch bei den anderen Teilnehmern verlief der Vorgang problemlos und so haben wir letztlich vier solcher Genehmigungen in unserer diesjährigen Fünfer-Gruppe. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist diese Genehmigung vorerst unbeschränkt gültig, so dass wir diesen Prozess voraussichtlich nicht jedes Jahr durchlaufen müssen. Allerdings brodelt bereits die Gerüchteküche, dass es zu einer weiteren Verschärfung des norwegischen Waffenrechts kommen soll.

Das bringt mich auch schon zur nächsten Änderung. Zum ersten Mal wird uns dieses Jahr Cynthia Sassenroth vom DLR in Berlin begleiten. Willkommen Cynthia! Der Rest sind alte weiße Männer, also die üblichen Teilnehmer, Ernst Hauber vom DLR in Berlin, Andreas Johnsson aus Gothenburg, Schweden, Nico Schmedemann und ich aus Münster. Wir haben mit Cynthia unseren Frauenanteil innerhalb eines Jahres um 100% gesteigert!

Und dann gibt es Dinge, die sich vermutlich nie ändern werden. So hat uns nach sorgfältiger Planung Ende Mai eine Streichung unserer SAS Flüge nach Longyearbyen getroffen. Also, alles wieder von vorne und umbuchen! Aber auch das war nach 54 Minuten in der Lufthansa-Telefonwarteschleife mit schrecklicher Musik und einem etwas unfreundlichen Meinungsaustausch erledigt. Warum ist das Wort „Service“ eigentlich das Wort, das in Deutschland am wenigsten verstanden wird? Egal, ruhig bleiben, positiv denken, Ommmm! Leider müssen wir dadurch jetzt zwei Tage in Longyearbyen verbringen bevor wir nach Ny Alesund weiterfliegen können. Das ist natürlich nicht ideal, geht aber nun mal nicht anders und ich bin mir sicher, dass wir die Zeit gut für letzte Vorbereitungen nutzen können. Neu und doch auch alt ist unsere Unterkunft für diese Tage. Leider war unsere Stammunterkunft der letzten Jahre in Longyearbyen, Mary Ann‘s Polarrigg, bereits ausgebucht, so dass wir auf die Gästehäuser in Nybyen ausweichen müssen. In grauer Vorzeit waren wir dort immer untergekommen. Nicht ganz so schön wie bei Mary Ann und vor allem deutlich weiter vom „Stadtzentrum“ entfernt. Aber, es gibt dort ein sauberes Bett und ein gutes Frühstück. Was will man mehr?

Habe ich schon erwähnt, dass die SAS Pilotengewerkschaft für Samstag, unserem Abflugtag, einen Streik plant? Ist ja auch nicht wirklich was Neues… Jedenfalls ist es vielleicht nicht schlecht, dass wir zwei extra Tage in Longyearbyen haben, bevor unser Flug nach Ny Alesund stattfinden soll. Mal sehen, ob wir diesen Flug erreichen werden. Während mehr als zwei Jahren Corona sind mir solche kleinen Abenteuer nicht wirklich abgegangen und nach all dem Stress der letzten Wochen mit Vorlesungen, Exkursionen, Dekanatsarbeit, Berufungskommission, ESA Gremienarbeit, Neubauplanung, Transregio-Forschungsverbund Organisation, Filmen für das Geomuseum, öffentliche Vorträge, Lesen von Arbeiten von Studierenden und Manuskripten, Betreuung von Doktoranden und Studierenden und den tausend kleinen Dingen, die den Alltag bestimmen, bin ich froh, dass es nun bald losgeht und ich in der fantastischen Landschaft von Spitzbergen den Kopf wieder etwas frei bekommen kann. Da wird mir doch SAS hoffentlich keinen Strich durch die Rechnung machen!

Eine wesentliche Neuigkeit habe ich noch zu berichten: Ich werde dieses Jahr mit meiner regulären Armbanduhr nach Spitzbergen reisen! Die Batterien sind frisch und das Armband ist neu! Man ist ja vorbereitet! Wer also wieder eine aberwitzig bunte Kinder- oder Regattauhr erwartet, den muss ich leider enttäuschen!

Lange Rede kurzer Sinn, wir haben die Zeit seit unserem letzten Spitzbergenaufenthalt (halbwegs) überlebt, haben unsere Hausaufgaben gemacht und alle Vorbereitungen abgeschlossen (mehr oder weniger…) und freuen uns tierisch auf Spitzbergen! Im Spitzbergenkrimi „78° Tödliche Breite“ von Hanne H. Kvandal wird von einem Spitzbergenvirus gesprochen, der Personen immer wieder nach Spitzbergen zurückkommen lässt und ich denke, dass wir alle davon befallen sind – mit mehr oder weniger starken Symptomen. Das Bier in der Kroa Bar hat sich dabei als nur wenig probates Gegenmittel erwiesen – ganz im Gegenteil! Manche Dinge ändern sich nie! Heraklit hatte Unrecht!