Marsforschung im Nordpolarmeer – Planetologen der WWU berichten von unterwegs

28.7.2018

So, nun gibt es also doch noch etwas zu berichten. Unsere Odyssee ist nämlich noch nicht vorbei und wir sind immer noch nicht zu Hause, sondern in Frankfurt auf meinem Lieblingsflughafen gestrandet. Doch was ist passiert? Nachdem wir mit dem Taxi genau 4 Minuten vor Ankunft des Busses am Flughafen Ny Alesund eintreffen, stehen wir beim Einchecken in der „ersten Reihe“, was uns sehr viel Zeit und vor allem Nerven erspart. Für unsere große Alukiste mit den Messgeräten müssen wir um die 50€ Übergepäck bezahlen. Der Tag beginnt also schon gut. Obendrein bekommen wir keine Fensterplätze was aber heute Morgen auch egal ist, weil die niedrige Wolkendecke das Fotografieren eh hinfällig macht. Und die meiste Zeit des Fluges werden wir eh verschlafen. Pünktlich geht es ab nach Oslo wo wir drei Stunden Aufenthalt haben bevor wir pünktlich nach Frankfurt weiter fliegen. So weit so gut. Kaum in Deutschland angekommen, bricht das Chaos los. Es beginnt damit, dass wir bei unserem Außen-Gate eine unverhältnismäßig lange Zeit auf eine Treppe warten müssen. Die anschließende Busfahrt bringt uns schließlich von Hinten durch die Brust ans Terminal. Nun müssen wir nur noch zu den A Gates kommen. Also Terminalwechsel – in Frankfurt immer ein Vergnügen! Ach ja, habe ich schon erwähnt, dass der Flug nach Münster aus technischen Gründen gestrichen wurde? Zum wievielten Male passiert uns das nun? Da scheint schon ein gewisses System dahinter zu stecken. Wir überlegen uns einen Mietwagen zu nehmen, entscheiden uns dann aber auf den Flug um 16.55 Uhr zu warten. Bis wir unser Gepäck bekämen, die Zollformalitäten erledigt und einen Mietwagen organisiert hätten, wäre es sicher 14:30 Uhr bevor wir hier raus kämen. Dann müssten wir noch die ca. 3 Stunden nach Münster fahren und das bei Ferienbeginn in Bayern. Da wären wir vermutlich später in Münster als mit dem Nachmittagsflug. Dennis ist natürlich stinksauer weil er durch die Verzögerungen den Großteil des Geburtstags seiner Tochter verpassen wird. Wie gesagt, eigentlich hätten wir am Freitag um spätestens 14:00 Uhr in Münster sein sollen, nun sind wir am Samstag nicht vor 18:00 Uhr zu Hause. Die Titelüberschrift in der Süddeutschen Zeitung lautet heute übrigens: „Wer wird denn gleich abheben. Mitten in der Feriensaison gerät Fliegen für Urlauber zum Abenteuer. Neue Zahlen zeigen: Flugausfälle und Verspätungen nehmen drastisch zu. Und es könnte noch schlimmer kommen.“ Passt doch wie die Faust auf’s Auge! Aber interessiert das die Fluggesellschaften wirklich in Zeiten von Gewinnmaximierung? Ich jedenfalls kann keine Anzeichen einer positiven Veränderung oder gar von etwas Respekt ihren Kunden gegenüber erkennen. Da „freue“ ich mich schon auf meinen Flug nach Japan. Am Montag! Aber Halt, es geht ja noch weiter! Nach mehreren Stunden Wartezeit machen sich Dennis und ich brav auf den Weg zu Gate 8, nur um dort zu erfahren, dass unser Flug nach Münster erneut gestrichen wurde. Also zurück in die Lounge, vorbei an einer Warteschlange für das Lufthansa „Service Center“ (die Gänsefüßchen habe ich hier ganz bewusst verwendet), die mindestens 100 m lang ist. Selbst in der Lounge stehen wir gute 20 Minuten an. Schließlich erfahren wir von der freundlichen Lufthansadame, dass unser ursprünglicher Flug doch gegangen wäre und sie nicht verstehe warum uns ihre Kollegin umgebucht habe. Dennis und ich sind einem Schreikrampf nahe. Zu guter Letzt erhalten wir ein Zugticket in die Hand gedrückt. Das ist ja ganz nett, bedeutet aber auch, dass wir mit gut 70-80 kg Gepäck im Zug unterwegs sein werden. Unser Gepäck können wir am Band 4 abholen, gibt man uns noch mit auf den Weg. Jetzt ist es aber halt so, dass das Gepäck aller gestrichenen Flüge auf diesem Band landet. Entsprechend groß ist das Chaos, entsprechend groß sind die Verwirrung und die Frustration und entsprechend gestresst und genervt ist das Personal, das mit der Situation völlig überfordert ist. Unsere Rucksäcke finden wir relativ schnell aber unsere große Alukiste will einfach nicht beim Sperrgut erscheinen. Wir warten gute 1,5 Stunden weil man uns immer wieder versichert sie würde gleich kommen. Aber irgendwann ist es auch gut und wir stellen uns in die endlose Schlange vor der Gepäckermittlung an. Dort erfahren wir wiederum, dass sowohl unser 13:15 Uhr als auch unser 16:55 Uhr Flug gestrichen wurden. Ja was denn nun, liebe Lufthansa? Die Kiste bleibt vorerst verschollen, auch wenn der wirklich freundliche Lufthansamitarbeiter alles versucht. Auf dem Weg zum Zug schauen wir noch bei Hertz vorbei. Dasselbe Bild: Eine lange Schlange. Und kein Auto! Langsam haben wir keine andere Option mehr, als doch den Zug zu nehmen. Kaum stehen wir am Bahnsteig kommt die nächste Hiobsbotschaft. Aufgrund eines Personenschadens hat der Zug 35 Minuten Verspätung wodurch alle Anschlusszüge leider verpasst werden, inklusive der nach Münster. Also erneute Umplanung – wir fahren jetzt erst einmal nach Essen und von dort mit dem Regional Express nach Münster. Und siehe da, das DB Personal ist ausnehmend freundlich und bedauert, dass wir in Frankfurt hängen blieben. Ein Spruch, den wir eigentlich von der Lufthansa erwartet hätten. Um kurz nach 23:00 Uhr bin ich endlich zu Hause. Eigentlich wollte ich den Blog mit etwas Positiven enden lassen. Und ich werde das auch machen. Die ganzen heutigen Schwierigkeiten werde ich mental für mich als zum „Abenteuer Spitzbergen“ dazu gehörig verbuchen. Was bleibt auch anderes übrig? Onward and upward! Die Passagiere des Hurtigruten Schiffs haben alle zum Abschluss ein „Polar Hero Cerificate“ bekommen. Für unsere 2000 Kronen gab es so etwas natürlich nicht. Obwohl wir es alle mehr als verdient hätten. Wodurch? Nun, wir sind im polaren Ozean geschwommen, haben einen Eisbären auf relativ geringe Entfernung gegenüber gestanden, haben Andreas und Ernsts Schnarchen überlebt, haben zu fünft auf engstem Raum gehaust, haben über unsere Nudelsuppen eine unvernünftig hohe Konzentration an Konservierungsstoffen aufgenommen, haben mit schlechtem Wetter und den daraus resultierenden Verzögerungen zu kämpfen gehabt und haben in der ganzen Zeit kein einziges böses Wort gesprochen. Zusätzlich haben wir unser Arbeitsprogramm durchgezogen, viele neue Dinge gesehen und erkundet, Dinge, an denen wir seit Jahren arbeiten, besser verstanden und jede Menge Spaß gehabt. Ich denke, dass der Spaß an so einem Abenteuer sehr wichtig ist, und für das Gelingen unserer Expedition unabdingbar war. Always look at the bright side of life! Ich habe da auch schon wieder ein paar Ideen für nächstes Jahr… Also, jetzt aber endgültig bis nächstes Jahr!

P.S. Gerade wird online berichtet, dass ein Eisbärwächter der „Bremen“, die wir erst noch am 25.7. in Ny Alesund sahen, durch einen Eisbären schwer verletzt wurde. Der Mann ist wohl am Kopf verletzt worden bevor seine Kollegen den Eisbär erschießen konnten. Gott sei Dank ist er laut den vorliegenden Meldungen außer Lebensgefahr. Eine Untersuchung, samt Obduktion des Bären, wurde vom Sysselmannen eingeleitet.

Fotos

Ein Teil der Whiskey-Auswahl des Karlsberg Pubs in Longyearbyen
© KOP 132 SPLAM
  • Blick durch das Bullauge unserer Kabine auf die brausende See
    © KOP 132 SPLAM
  • Klein aber fein: Unsere Kabine auf der „Nordstjernen“
    © KOP 132 SPLAM
  • Der Morgen des 27.7.2018: Die norwegische Flagge ist bei der Einfahrt in den Isfjorden gehisst
    © KOP 132 SPLAM
  • Ein uns entgegen kommendes Schiff kämpft mit den hohen Wellen im Isfjorden, die allerdings viel kleiner sind als jene, die wir westlich des Karlsforlands angetroffen haben
    © KOP 132 SPLAM
  • Der Flughafen von Longyearbyen aus ungewohnter Perspektive
    © KOP 132 SPLAM

27.7.2018

Ich habe ausgezeichnet geschlafen und werde kurz bevor Dennis Wecker loslegt, wach. Eine erste Tasse Kaffee auf dem Achterdeck weckt die Lebensgeister zusätzlich. Wir sind gerade dabei in den Isfjorden einzufahren. Das Meer ist schon deutlich ruhiger hier und der Wind kommt von achtern. Trotzdem sind noch immer viele Schaumkronen auf dem Meer zu sehen und dunkle Windböen, die übers Wasser ziehen. Schiffe, die gegen die Wellen fahren, stampfen ganz gewaltig und vom Bug wird die Gischt bis zur Brücke und weiter geweht. Es folgt ein üppiges Frühstück und Dennis kriegt endlich sein lang ersehntes hartgekochtes Ei. Oder zumindest fast, denn es stellt sich heraus, dass es eher als weichgekochtes Ei durchgehen könnte. Bis um 8:00 Uhr müssen die Kabinen geräumt sein und alles bezahlt sein. Alles geht relative zügig und so bleiben noch 1,5 Stunden, um die Landschaft zu genießen. Die Schiffspassage war sicher noch ein krönender Abschluss, quasi das Sahnehäubchen auf unseren diesjährigen Trip. Aus der Ferne sehen wir Barentsburg, die russische Bergbausiedlung, die sich an einen Abhang anschmiegt aber in der dichten Bewölkung nur schemenhaft zu erkennen ist. Es ist fast schon schade, als wir das Björndalen und den Flughafen von Longyearbyen sichten. Sobald das Schiff angelegt hat, werden die Leute hektisch, um nur ja schnell ihr Gepäck zu bekommen. Dass sie anschließend im Bus auf den Letzten und sein Gepäck warten müssen ist dabei völlig belanglos. Leute, entspannt Euch! Als die zwei Busse abgefahren sind, wird es ruhig am Kai. Nur die Hurtigruten-Führer und das Schiffspersonal scherzen noch herum. Dann bringt uns das Taxi zum Flughafen, wo wir Ernst und das Journalistenteam abliefern. Da waren‘s nur noch zwei! Mit unserem SPLAM-Team geht es dieses Jahr wie mit den zehn kleinen Negerlein rapide bergab. Ich frage am Check-In noch nach, ob vielleicht doch noch zwei Plätze in Ernsts Flugzeug frei sind, aber leider ohne Erfolg. Daher machen sich Dennis und ich nach einer sehr kurzen Verabschiedung von Ernst auf den Weg, um uns in das Mary Anns Polarrigg einzuquartieren. Ein „Servus, guten Flug“ reichen völlig aus. Damit ist alles gesagt und niemand von uns hat noch etwas dazuzufügen. Die Wartezeit bis zu unserem Abflug werden wir uns mit Einkaufen, Kaffee trinken, Essen und einem Museumsbesuch in Longyearbyen vertreiben. Als erstes aber liefern wir das Gewehr an der vereinbarten Stelle und bei der vereinbarten Person ab. Die nimmt den Koffer entgegen und verschwindet damit. Keine Formalitäten, kein Nachsehen, was in dem Koffer eigentlich ist, kein gar nichts. Ein kurzes „Danke“, das war’s. Die Läden sind voll mit Zeug, das niemand wirklich braucht. Und die Verkäufer sind gut geschult. „Ja wenn sie aufs Boot gehen, können Sie schon nass werden. Da brauchen Sie schon eine Regenjacke! Am besten Sie kaufen diese hier für nur €600!“ Und es wird wirklich jeder Mist ver- und gekauft! Wie wäre es z.B. mit einer Tüte in die man heißes Wasser kippt und damit zwei Tassen Filterkaffee im Gelände zubereiten kann? Eine grandiose Erfindung, die ich unbedingt brauche! Und für 29 Kronen geradezu ein Schnäppchen. Oder eine Käsereibe für fünf Euro, die Dennis findet. Oder eine Axt, die einem professionellen kanadischen Holzfäller alle Ehre machen würde. Was man damit aber im baumlosen Spitzbergen anfangen soll, bleibt mir schleierhaft. Und auch vom Buchladen, der dem Museum angeschlossen ist, bin ich weniger als begeistert. Seit Jahren verkauft man dort die gleichen Materialien zu durchaus selbstbewussten Preisen. Lediglich zum Kauf einiger topographischer Karten kann ich mich durchringen. Wie jedes Jahr übrigens. Ich kann nur schätzen, wie oft ich die Kartenblätter schon zu Hause habe. Das Kaffee trinken gestaltet sich schon eher nach meiner Facon. Das Wetter ist heute schön und warm, der Wind hat nachgelassen und Dennis und ich sitzen mit unserem Kaffee im Freien. Es ist wie im Zoo. Da läuft einer mit seinem Handy vor sich her und filmt alles während er die „Hauptstraße“ entlang geht. Leute schleppen Unmengen an Kameraausrüstung die Straße rauf und runter, gekleidet in den neusten Errungenschaften der Outdoor-Bekleidungsindustrie und in noch knarrenden Schuhen. Und auch sonst beobachten wir so manch absonderliches Verhalten. Vielleicht sind wir ja diesen offensichtlich normalen Wahnsinn nicht mehr gewöhnt! Jeder Soziologe oder Verhaltensforscher hätte jedenfalls hier ein reiches Betätigungsfeld! Den Abend verbringen wir in unseren Stammkneipen in Longyearbyen. Essen gibt es wie immer im KROA Restaurant – Dennis bestellt wie immer die Pizza und ich wie immer einen Burger, dazu wie immer ein Mack Bier. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier! Anschließend geht es in den Keller eines Nachbargebäudes in den „Karlsberg Pub“. Diese Bar ist eine Institution in Longyearbyen und sucht vielleicht weltweit seines gleichen, den man kann dort ca. 1000 unterschiedliche Spirituosen probieren. Super teuere Whiskeys und Cognacs inklusive. Angesichts unseres bevorstehenden Fluges, der Longyearbyen morgen früh um 2:25 Uhr verlassen wird, beschränken wir uns auf ein schnelles Bier. Der Wecker ist für 12:00 Uhr gestellt und das Taxi für 42:30 Uhr bestellt. Wenn alles gut geht, fliegen wir über Oslo und Frankfurt nach Münster, wo wir gegen 14:00 Uhr ankommen sollten. So ist zumindest der Plan. Aber wie wir während unserer Zeit in Spitzbergen schon öfter gesehen haben, sind Pläne dazu da über den Haufen geworfen zu werden. Wie es auch kommt, wir werden damit umgehen.  Spitzbergen war auch dieses Jahr wieder eine Reise wert und ich freue mich schon jetzt auf die Fortsetzung nächstes Jahr. Bis dahin!

Fotos

Die Nordspitze des Karlsforland. Leider regnet es noch immer
© KOP 132 SPLAM
  • Die „Nordstjernen“ legt in Ny Alesund an. Unser einziger Weg nach Longyearbyen. Ist sie nicht ein schönes Schiff!
    © KOP 132 SPLAM
  • Hier sieht man den Grund unserer Probleme. Durch den anhaltenden Regen ist die Landepiste des Flughafens in Ny Alesund so aufgeweicht, dass derzeit keine Flugzeuge landen können
    © KOP 132 SPLAM
  • Der Salon auf dem Vorderdeck der „Nordstjernen“: Die 50er Jahre lassen grüßen!
    © KOP 132 SPLAM
  • Das Oberdeck der „Nordstjernen“. Ein typischer „Dampfer“
    © KOP 132 SPLAM
  • Die Brücke der „Nordstjernen“. Das Schiff ist alt, die Technik ist aber auf dem neuesten Stand
    © KOP 132 SPLAM
  • Zwei Hurtigruten-Touristen
    © KOP 132 SPLAM

26.7.2018

Heute sollte unsere Feldsaison endgültig zu Ende gehen. Doch weit gefehlt! Nach dem Duschen und Frühstück liefern wir unser Gepäck an der Rezeption ab und checken ein. Es regnet in Strömen. Anschließend säubern wir noch unsere Zimmer, bringen das Bettzeug in die Wäsche und erledigen den letzten Papierkram. Und dann kommt die Nachricht, dass heute beide Flüge nach Longyearbyen gestrichen wurden, sowohl unser Flug, als auch der am Nachmittag. Halleluhjah! Grund für die Absage ist, dass die Landepiste in Ny Alesund durch den Regen der letzten Tage so aufgeweicht ist, dass keine Landung möglich ist. An der Rezeption erfahren wir, dass heute Abend um 20:00 Uhr ein Hurtigruten-Schiff hier anlegen wird, das um 23:00 Uhr Richtung Longyearbyen abdampfen wird und morgen um 10:00 Uhr dort ankommen wird. Da der Wetterbericht auch für die nächsten Stunden und speziell die kommende Nacht heftigen Regen angesagt hat, ist abzusehen, dass eventuell auch die morgigen Flüge abgesagt werden. Wir entscheiden uns also – ganz wie die alten und „richtigen“ Polarforscher – das Schiff zu nehmen. So sind die Kreuzfahrtschiffe auch für uns von Vorteil, wenn auch völlig unerwartet. Das gute dabei ist auch, dass wir Teile von Spitzbergen sehen werden, die wir sonst nicht zu Gesicht bekämen. Durch die dicke Wolkendecke hätten wir auf dem Flug eh nichts gesehen, so dass diese Boot-Lösung vom „Sightseeing“ her deutlich besser ist. Ernst ergattert noch einen Flug von Longyearbyen am Freitag, Dennis und ich dürfen bis Samstag warten. Wir sind beide nicht sonderlich erfreut darüber, da Dennis zum Geburtstag seiner Tochter nach Hause will und ich am Montag bereits wieder nach Japan reisen werde. Da bleibt sehr wenig Zeit für die Familie. Wie gesagt, wir wissen alle, dass so etwas vorkommen kann. Aber wenn es einen trifft, ist es trotzdem sehr ärgerlich! Jetzt muss nur noch unsere Unterkunft in Mary-Anns Polarrigg umgebucht werden, dann steht unser Plan B. Aber natürlich gibt es auch etwas Lustiges zu berichten. Dennis hat an der Rezeption nachgefragt, wie er seine Fischereilizenz ausfüllen muss, wenn er keinen Fisch gefangen hat. Und tatsächlich, das norwegische Formular hat extra ein Kästchen zum Ankreuzen dafür. Wie für Dennis gemacht. Mit dem Fisch, den uns Dennis für dieses Jahr versprochen hat, ist es also nichts geworden. Angeblich würde es in dem trüben Gletscherwasser keine Fische geben. Mal war es auch zu kalt und dann wieder zu warm. Das Ny Alesund Museum deckt aber die bittere Wahrheit auf: Es hat früher sogar eine ganze Fischereiflotte existiert, die üppige Kabeljaubestände ausgebeutet haben. Dennis meint, es würde sehr lange dauern, bis sich die leergefischten Bestände erholen würden. Ich glaube ihm das erst einmal und das Kästchen gibt es ja vermutlich aus gutem Grund. Die wissen schon warum! Trotz dieser herben Enttäuschung war es wieder eine gute Feldsaison, in der wir viele Aufgaben erledigen konnten, neue Eindrücke gewannen und speziell die Steinkreise durch Ralfs Expertise nun in einem etwas anderen Licht sehen. Auch Rückschläge hat es natürlich gegeben. Ralfs Bänderriss, der gestrichene Flug und die verspätete Heimkehr, der Verlust von Ernsts Wildkamera, schlechtes Wetter mit Warten in der Hütte, und zu guter Letzt, dass Deutschland nicht Weltmeister wurde, all dies hat uns die Laune nicht verderben können. Das diesjährige AWIPEV- Team, Rudolf, Basile und Marine, haben uns super unterstützt und uns sehr gute Arbeitsbedingungen geschaffen. Sei es, dass sie uns mit dem Motorboot bei Geopol abgeliefert und bei Daerten wieder aufgesammelt haben. Oder sei es, dass wir das schnelle Motorboot ausleihen durften und die Rabot-Werkstatt mit unserem Gepäck gestern für ein paar Stunden in totales Chaos verwandeln durften. Oder sei es, dass sie Ralf mit seiner Verletzung behilflich waren. Ihr wart Spitzenklasse! Vielen Dank für alles! Es hat viel Spaß gemacht mit Euch zu arbeiten und es war schön Rudolf nach ein paar Jahren Pause wieder zu sehen. So, nachdem wir nun alle Umbuchungen erledigt haben und unser Blutdruck wieder auf normales Niveau gesunken ist, können wir uns überlegen, wie wir die Zeit bis 20:00 Uhr abends verbringen. Ernst bringt es mit einem Spruch von seiner Reise in die Antarktis auf den Punkt:“Hurry up and wait“. Wir fangen die Warterei mit einer Tasse Kaffee an. Und dann ist es ja auch schon fast wieder Mittag und Zeit zum Essen fassen. Ernst und Dennis nutzen den frühen Nachmittag zu einem Verdauungsschläfchen und ich mache ein paar Telefonate, die ich eigentlich morgen von Münster aus erledigen wollte. Dazu kommen noch Emails, die beantwortet werden müssen. Nur gut, dass man in der heutigen Zeit praktisch sein Büro immer dabei hat. Oder ist das eher ein Fluch? Rudolf macht sich Sorgen, ein Gewehr und eine Signalpistole nach Longyearbyen zu bekommen, die von dort mit auf eine Grönland-Expedition gehen sollen. Durch die Probleme mit der Landepiste läuft ihm die Zeit davon, alles rechtzeitig nach Longyearbyen schaffen zu können. Wir bieten ihm an, die Waffen mit dem Boot mitzunehmen, solange das rechtlich einwandfrei ist und wir dadurch keine Probleme bekommen. Um mir etwas die Zeit zu vertreiben, setze ich mich ins Ny Alesund Museum und schaue mir einen Film an. Nicht sonderlich spannend aber immer wieder mit alten Ansichten der Gletscher aus den 50er Jahren durchsetzt, die ich abfotografiere. Kein Vergleich der heutigen Gletscher zu den Gletschern vor sechzig Jahren. Wo wir heute unsere Lateralmoräne untersuchen war damals noch dickes Eis. Mittlerweile regnet es immer stärker und die Wolken hängen so tief, dass man das andere Fjordufer nur erahnen kann. Die Kronebreen und Kongsvegen Gletscher gibt es heute gar nicht. Rudolf meinte vorhin, dass sie jetzt schon dreimal so viel Regen gemessen haben wie normal üblich. Ich würde nur zu gerne sehen, wie sich der Starkregen auf die Erosion der Lateralmoräne auswirkt. Kaum zu glauben, dass in Münster eine Hitzewelle herrscht. Das Hurtigruten-Schiff ist pünktlicher als jeder ICE. Es ist sogar 9 Minuten zu früh an der Mole! Wir beobachten das Anlegemanöver und lassen die ankommenden Passagiere von Bord gehen. Sie haben jetzt bis22:30 Uhr Zeit Ny Alesund zu erkunden. Das Schiff ist die „Nordstjernen“ und ist ein klassisches altes Passagierschiff, das 1959 in Dienst gestellt wurde. Das Innere ist gediegen eingerichtet und versprüht den Charme der frühen 60er Jahre. Der Salon ist mit moosgrünen und bordeauxroten Sesseln und kleinen Tischchen ausgestattet. Genau das richtige Schiff für uns. Wir sind alle froh, dass wir nicht auf einem der modernen großen Schiffe fahren müssen. Nach dem Abgeben des Gepäcks und dem Einchecken können wir auch schon unsere Kabine beziehen. Einfach aber gemütlich. Ein Stockbett, ein kleiner Kleiderschrank, ein Stuhl, ein winziger Klapptisch, ein Bullauge und ein Bad und WC. Das alles gibt es für 2000 norwegische Kronen. Da wir zwar den Flug aber nicht das Übergepäck zahlen müssen, ist es insgesamt sogar billiger. Wir lassen das Gewehr noch in den bordeigenen Waffenschrank sperren und haben dann immer noch Zeit zurück in die Bar zu gehen. Ernsts Kronen reichen gerade für drei Polse und Ol, also drei Hot Dogs und drei Büchsen Bier. Wir unterhalten uns noch einige Zeit mit Marine bis es Zeit ist Rudolf, Basile und Marine auf Wiedersehen zu sagen. Praktischerweise sind alle drei in der Bar. Ny Alesund – We’ll be back! Beim Ablegen stehe ich in unmittelbarer Nähe der Brücke und kann alles sehr genau beobachten. Später haben Dennis und ich sogar die Möglichkeit auf der Brücke zu sein und die Technik zu bewundern. Auf der Seekarte fallen mir ca. 4-6 Markierungen „Blue Whale“ Auf und auf meine Nachfrage hin erzählt mir der Kapitän, dass sie öfters Blauwale im Fjord von Ny Alesund sichten. Wer hätte das gedacht?! Wir hatten ja vor zwei Jahren Belugawale gesehen, aber mit Blauwalen hätte ich nicht gerechnet. Mit dem Betreten der „Nordstjernen“ wandelten wir uns von Wissenschaftlern zu Touristen. Auf diese Erkenntnis hin, müssen wir noch die kleine Bord Bar frequentieren. Ähnlich wie im Salon sitzen hier ältere Herrschaften auf kleinen Stühlen, mit Polarliteratur versorgt, bei Wein und Bier. Wir zwölf Wissenschaftler, die in Ny Alesund zugestiegen sind, fallen definitiv aus dem Allgemeinbild heraus. Jünger, weniger gut ausgerüstet und ohne Polarliteratur. An Geopol vorbei, das heute unter bleiernen Himmel im Regen liegt, geht es in Richtung Karlsforland. Je weiter wir aus dem Fjord hinaus fahren, desto größer werden die Wellen und desto mehr rollt und stampft und schlingert das Schiff. Sei es dem Seegang oder der fortgeschrittenen Zeit geschuldet, die Aufenthaltsräume und Decks leeren sich nun sehr schnell. Gegen 1:00 Uhr morgens gehen Dennis und Ernst in ihre Kojen. Ich bleibe noch bis 2:00 Uhr wach und versuche am Blog zu schreiben. Allerdings ist der Seegang mittlerweile so heftig, dass ich dieses Unterfangen schnell wieder abbreche. Man will ja nichts provozieren, was man später bereut. Außerdem fallen mir auch die Augen zu. Selbst das gehen macht deutliche Schwierigkeiten und ich bin mir 100% sicher, dass das nichts mit dem einen Glas Wein zu tun hat. Die Wellen dürften ca. 2 m hoch sein und es weht ein frischer, immer noch mit Regen durchsetzter Wind, der das Wasser am Wellenkamm brechen und abreißen lässt. Durch das Bullauge in unserer Kabine beobachte ich noch die Wellen. Da unsere Kabine im unteren Deck untergebracht ist, schaut man gefühlt auf Höhe des Wasserspiegels auf das grau-weiße Getöse. Es ist ein Brodeln und Kochen und ein völliges Tohuwabohu. Das ganze Schiff zittert und vibriert als es durch die Wellen pflügt. Und von der Dieselmaschine und der Antriebswelle kommt ein monotones Brummen. Ich kuschle mich in mein Bett und bin trotz oder gerade wegen dem Geschaukele sehr schnell eingeschlafen.

Fotos

Historischer Kohlenzug mit dem Luftschiffmast der Nobile-Expedition im Hintergrund. Der Hangar für das Luftschiff existiert leider nicht mehr
© KOP 132 SPLAM
  • Magisches Licht über dem Austre Lovenbreen Gletscher an der Corbel-Station um 1:00 Uhr morgens
    © KOP 132 SPLAM
  • Orange-roter Himmel am Kap Mitra. Der namensgebende Berg Mitra - nomen est omen - im Scherenschnitt
    © KOP 132 SPLAM
  • Die zusammengelegten und beschwerten Überlebensanzüge wie wir sie immer am Strand hinterlassen
    © KOP 132 SPLAM
  • Das alles und mehr muss aufs Motorboot. Dennis beim Verpacken der Notfallutensilien
    © KOP 132 SPLAM
  • Sonne, Meer, Wellen, Wind: Auf dem Weg nach Ny Alesund
    © KOP 132 SPLAM
  • Ernst und Dennis Fahren mit „Goupil“ unser Gepäck zum Rabot Gebäude
    © KOP 132 SPLAM
  • Die Vorstellung unseres SPLAM Projektes, die wir bei unserer Ankunft am „schwarzen Brett“ in Ny Alesund hinterlassen haben. Wir sind nicht nur in Frieden gekommen, sondern gehen auch wieder in Frieden. Danke, dem großartigen AWIPEV Team für eine fantastische Unterstützung!
    © KOP 132 SPLAM
  • Der Waschsalon in Ny Alesund. Die geschlossene Tür führt in einen gesonderten Trockenraum, der klimatisiert ist. Innerhalb von zwei Stunden ist die Kleidung wieder einsatzbereit
    © KOP 132 SPLAM
  • Das Ny Alesund Museum
    © KOP 132 SPLAM
  • Historisches Bild: „Esst mehr Bananen!“
    © Ny Alesund Museum
  • Zwangsjacke für Leute mit psychischen Problemen, die in Ny Alesund zum Einsatz kam
    © KOP 132 SPLAM

25.7.2018

Heute Morgen um ca. 1:00 Uhr war ich mit meiner Datensichtung und -archivierung fertig und wollte gerade ins Bett gehen, als die Sonne hinter den dicken Regenwolken hervor kam. Der Wetterbericht hatte also tatsächlich Recht, auch wenn man das vor einer Stunde noch energisch bezweifelt hätte. Jetzt jedenfalls ist ein grandioses Licht zum Fotografieren. Einige der Gletscher liegen im gleißenden Sonnenlicht während andere noch unter dunklen Wolken liegen. In Richtung Kap Mitra ist der Himmel orange-rot. Davor heben sich wie im Scherenschnitt die tiefschwarzen Bergsilhouetten ab. Einzelne blaue Himmelsflecken lassen die Sonne partiell durch die Wolkendecke scheinen, so dass sich die Beleuchtung alle paar Minuten ändert. Für mich ist dieses Wechselspiel von Sonne und Wolken in Verbindung mit der klaren Luft, dem blau-türkisen Meer und den weißen Gletschern am faszinierendsten. Tausend Mal besser als einfach nur Sonnenschein! Es hat einfach etwas Mystisches an sich und begeistert mich immer wieder aufs Neue. Eigentlich könnte ich noch viel länger draußen bleiben und fotografieren aber morgen wollen wir zeitig aufstehen, um zu packen und zu putzen. Wir sollten so gegen 10:00-11:00 Uhr in Ny Alesund ankommen. Der Wetterbericht hat nämlich schon wieder schlechtes Wetter für den Nachmittag angesagt. Ich werde ein paar Minuten vor der vereinbarten Zeit um 7:30 Uhr wach. Es empfängt mich ein strahlend blauer Tag mit prallem Sonnenschein. Kaum eine Wolke ist am Himmel aber es weht ein frischer Wind vom Kongsvegen Gletscher herüber. Die Landschaft ist einfach so gigantisch, dass ich noch vor dem Frühstück weitere Bilder machen muss. Dennis und Ernst sind auch schon wach. Nachdem uns das Brot ausgegangen ist, beschränkt sich unser Frühstück heute auf Kaffee und – ja genau – eine Nudelsuppe. Gepackt haben wir schnell und da wir ja auch kaum in der Hütte waren, ist auch das Putzen schnell erledigt. Mit zwei Sackkarren schaffen wir unser Gepäck an den Strand, wo unsere heißgeliebten Überlebensanzüge auf uns warten. Das Boot schaukelt ganz gut aber der Anker hat gehalten. Ich hatte gestern aber bereits extra Leine gegeben da der Wetterbericht für heute auch starken Wind angesagt hatte. Das Wasser ist tief türkisfarben und die weißen Schaumkronen lassen es nochmals interessanter ausschauen. Unser Ankeraufholmanöver klappt auch bei dem etwas stärkeren Wellengang hervorragend und so geht’s los nach Ny Alesund. Je nachdem ob man sich gerade in einem Wellental oder auf einem Wellenkamm befindet verzögert oder beschleunigt das Boot spürbar. Es spritzt zwar nach allen Seiten wenn man mit dem Bug in voller Fahrt in eine Welle eintaucht aber wir bleiben doch trocken da wir in Wellenrichtung und mit dem Wind im Rücken unterwegs sind. So macht Motorbootfahren richtig Spaß und ich wäre nur zu gerne noch länger unterwegs gewesen. An der Mole in Ny Alesund hat heute schon die „Bremen“, ein Schiff der Hapag-Lloyd Reederei, festgemacht. Ein nicht zu großes Schiff mit vielleicht 100-150 Passagieren. In einem Magazin haben wir Bilder des größten Kreuzfahrtschiffes gesehen – 2200 Mann Besatzung für knapp 7000 Passagiere. Was für ein Alptraum! Man stelle sich nur vor, diese 7000 Leute würden hier auf 200 Wissenschaftler losgelassen werden. Nicht auszudenken! Mit den uns beobachtenden Touristen darf bei unserem Anlegemanöver natürlich nichts schief gehen. Wir wollen uns ja nicht blamieren. Und ich muss sagen, wir bringen unser Boot sauber und zügig in die Box. Motor aus, ausladen! Wie üblich verladen wir alles auf „Goupil“. Ernst darf heute fahren und Dennis lässt sich chauffieren. Für mich bleibt nur zu Fuß zu gehen. Auf dem Weg zum Rabot Gebäude komme ich noch mit einer Begleitperson der „Bremen“ ins Gespräch, die bereits öfter als Geisteswissenschaftlerin in der Antarktis war, um dort die historischen Polarexpeditionen zu studieren. Sie kann mir gerade noch von einer neuen Expedition berichten, die das Schiff der Shackleton-Expedition finden soll, dann muss sie auch schon hinter ein paar Touristen her, die unerlaubterweise eines der Sperrgebiete in Ny Alesund betreten haben. Eigentlich völlig unverständlich da die Leute vorher darüber informiert wurden und auch wirklich überall Schilder stehen. Aber das Gras ist halt immer grüner auf der anderen Seite des Zauns. Nachdem wir unsere Gewehre und Notfallausrüstung abgegeben haben spritzen wir noch unsere Überlebensanzüge mit Frischwasser ab und hängen sie zum Trocknen auf. Dann ist es auch schon wieder Zeit zum Mittagessen. Da es schon wieder Pasta mit Fleischsauce gibt, mache ich mich lieber über das kalte Fischbuffet her. Krabbensalat, verschiedene Heringssalate, Räucherlachs – Herz, was willst Du mehr? Während wir essen, wasche ich schon mal meine Klamotten und packe dann die Sachen, die auf meine zwei Rucksäcke verteilt werden müssen und jene Sachen, die im Seesack wieder ans AWI nach Bremerhaven verschifft werden sollen. Wie angekündigt, hat sich das Wetter innerhalb einer Stunde von strahlendem Sonnenschein zu Regen geändert. Nun hängen die Wolken wieder bleiern über den Fjord und hüllen die Berge mal mehr, mal weniger ein. Der Wind treibt den Regen bei 5 Grad Celsius quer durch Ny Alesund und man hetzt eigentlich keinen Hund vor die Türe. Nur ein neuer Schwung Touristen von einem weiteren Kreuzfahrtschiff läuft, tief in ihre brandneuen Anoraks verzogen, durch den Ort. Waren Ernst und ich zuerst noch alleine im „Ny Alesund Museum“ geht plötzlich die Türe auf und die Menge strömt herein. Da interessiert sich dann auch niemand mehr dafür, dass man vielleicht gerade etwas liest. Nein, da wird plötzlich geschoben und gedrängt. Mir ist das zu viel und ich beschließe lieber später nochmal zu kommen. Das Museum hat ja durchaus angenehme Öffnungszeiten: Es ist immer geöffnet! Und kostenfrei! Es gibt also keinen Grund sich mit der Menschenmenge durchs Museum zu zwängen. Das Museum ist klein aber sehr fein. Man kann dort etwas über die Anfänge und die Bergbaugeschichte Ny Alesunds erfahren, bekommt aber auch Informationen zu den Forschungsstationen und der heutigen Nutzung. So erfahre ich nach fast zehn Besuchen hier, dass Ny Alesund aus 70 Gebäuden besteht, bis zu 20 unterschiedliche Nationalitäten beherbergt, die auf 9,8 km Straßen unterwegs sein können und 1231 km vom Nordpol entfernt leben und arbeiten. Und natürlich gibt es auch reichlich Informationen über die arktische Tier- und Pflanzenwelt in diesem Teil der Erde. Alles ist sehr gut aufbereitet, dreisprachig und mit zahlreichen interessanten Exponaten und Fotos bestückt. Die Zwangsjacke, die in früheren Zeiten bei psychischen Problemen der Bergarbeiter zum Einsatz kam ist ebenfalls ausgestellt. Bedrückend wirkt die lange Liste an 76 tödlich verunglückten Bergarbeitern, speziell dann, wenn man weiß, dass der Kohleabbau hier nie wirklich rentabel war. Da frägt man sich natürlich warum alle diese Menschen sterben mussten? Bei der relativ kleinen Anzahl an Leuten, die hier lebten, musste wohl fast jede Familie einen Toten beklagen. Beeindruckt hat mich auch, dass ja früher ganze Familien mit Kindern hier gelebt haben. So zeigt ein Bild eine Gruppe von Bananen essenden Kindern hinter einer Holzkiste mit dem Aufdruck „Spis mere Bananer“ - Esst mehr Bananen. Fast schon skurril – Bananen in der Arktis! Heute natürlich im Zeitalter des Flugzeugs durchaus normal, aber zur damaligen Zeit? Aber zurück zu den drängenden Problemen unserer Zeit. Wie kriege ich Unmengen an Material in ein paar Alukisten und Rucksäcke verpackt? Was brauche ich in den nächsten Wochen für Exkursionen und auf was kann ich bis Dezember verzichten, bis wir das Material aus Bremerhaven abholen können? Wo kommt was rein und wie müssen die Zollformulare ausgefüllt werden? Welche Kiste wiegt wieviel? Um dieses Puzzle zu lösen, haben wir heute noch ein paar Stunden Arbeit vor uns. Nur gut, dass es regnet und wir dadurch nicht in Versuchung kommen, doch noch zu der Eiswand zu laufen, die wir seit Jahren beobachten. Nach dem Abendessen gehe ich nochmals ins Museum, um die Bilder in Ruhe zu machen, die ich vorher nicht mehr machen konnte. Dann verpacke ich die Proben, die wir bei der Erosionsstruktur genommen haben in PE-Flaschen weil ich den Plastiktüten einfach nicht traue. Und in der Tat ist bereits eine leicht defekt. Es war also gut, doppelt vorsichtig zu sein. Dennis kämpft sich währenddessen durch die Formularflut und schimpft wie ein Rohrspatz. Ich lasse ihn lieber machen und gehe ihm aus dem Weg. Ernst ist schon seit längerem verschollen. Irgendwie habe ich auch schon wieder Kaffeedurst…

Fotos

Altes glaziales Toteis, das unter einer 1-1,5 m dicken Schuttauflage begraben ist. Die Eisfläche ist geneigt wodurch der Schutt darauf abrutschen kann
© KOP 132 SPLAM
  • Die untersuchte Erosionsstruktur von unten gesehen. Schön zu erkennen ist der scharfe Abbruch und der Schlammstrom im Zentrum der Struktur
    © KOP 132 SPLAM
  • Unser Motorboot einsam am Strand
    © KOP 132 SPLAM
  • Ernst mit dem Ergebnis unserer Logger Suche. Der Datenlogger ist das kleine gelbe Kästchen. Wir mussten ein so großes Loch graben da unsere Markierungen zum Wiederfinden der Logger innerhalb eines Jahres durch die Dynamik der Landschaft verschwanden
    © KOP 132 SPLAM
  • Die DGPS Basisstation. Im Hintergrund ist Dennis bei der Messung zu sehen und ein schöner blauer gestrandeter Eisberg
    © KOP 132 SPLAM
  • Wir haben Besuch von einem Fernsehteam
    © KOP 132 SPLAM

24.7.2018


Es ist 11:30 Uhr als ich als erster den Aufenthaltsraum der Corbel-Hütte betrete. Die Aufgaben sind klar: Wasser kochen, Frühstück herrichten und den Wetterbericht checken. Dann kommt auch schon Dennis und berichtet über die Geräusche in seiner Unterkunft, die sein Adrenalin erhöhten und ihn die Signalpistole griffbereit halten ließen. Um es kurz zu machen: Er hat seinen imaginären Eisbärangriff überlebt und heute ist die Welt wieder in Ordnung und er kann darüber lachen. Nach dem Frühstück wollen wir ins Gelände, um die letzten Messungen abzuschließen und um unsere Messgeräte abzuholen. Es wird also heute unser letzter Feldtag sein bevor es morgen früh zum Packen nach Ny Alesund gehen wird. Gegen 14:00 Uhr fangen wir an das Motorboot zu tanken, durchzuchecken und zu beladen. Wir „hüpfen“ in unsere Überlebensanzüge die trotz des starken Regens letzte Nacht glücklicherweise innen trocken geblieben sind. Sie waren die ganze Nacht ordentlich zusammengelegt am Strand gelegen, beschwert mit ein paar Steinen, um das mögliche Wegfliegen im Wind zu verhindern. Allerdings müsste schon ein sehr starker Wind wehen, um so einen Anzug zu bewegen. Trotzdem, wenn man im Gelände ist und seinen Anzug verlöre, wäre das mindestens extrem unangenehm, meistens aber schlicht gefährlich. Darum haben wir es uns einfach zur Gewohnheit gemacht, die Anzüge zu beschweren. Jeder hat dabei seine eigene Technik – wichtig ist nur, dass der Halsausschnitt möglichst gut gegen eindringendes Wasser geschützt ist. Es ist schon eher unangenehm in einen kalten nassen Anzug zu steigen. Generell sichern wir alle Ausrüstungsgegenstände am Strand mit Steinen. Und wir passen natürlich auf, dass sie weit genug von der Hochwasserlinie entfernt sind, denn der Meeresspiegel kann hier im Fjord um 1-2 m schwanken. Die Motorbootfahrt heute gestaltet sich ohne jedes Problem – ja, es ist sogar ein ausgesprochenes Vergnügen die 100 PS auszunutzen! Der Fjord ist weitgehend eisfrei. Lediglich größere Eisberge treiben herum und denen ist leicht auszuweichen. So können wir heute „Gas geben“ und sind innerhalb von 15 Minuten an unserer üblichen Anlegestelle. Dennis will die Passpunkte nochmals genauer einmessen, Ernst und ich müssen noch den dritten Temperaturlogger finden und Proben nehmen. Sowohl die Logger Suche als auch die DGPS Messung stellen sich schwieriger heraus als gedacht. Am Ende graben Ernst und ich ein ca. ein Quadratmeter großes und 40 cm tiefes Loch, um einen 4 x 4 x 4 cm großen knallgelben Logger zu finden. Gerade als uns Basile und Marine mit zwei Journalisten besuchen kommen, werden wir fündig. Und auch Dennis schafft es schließlich, die DGPS Messung durchzuführen. Die Bedienung dieses Geräts ist wenig intuitiv und man hört so manchen Fluch über den Fjord schallen. Die Journalisten interviewen Ernst und mich – Dennis haben sie gestern schon befragt. Letztlich sollen unsere Interviews Teil eines 20-minütigen You Tube Beitrags werden. Wir sind gespannt! Nachdem unsere vier Besucher uns verlassen haben, nehmen Ernst und ich noch drei Proben. Eine direkt auf der Eisoberfläche, eine 60 cm darüber und eine direkt an der Oberfläche, also ca. 1,20 m über dem Eis. Es ist unmittelbar ersichtlich, dass der Wassergehalt nach oben drastisch abnimmt. Begleitende Temperaturmessungen belegen, dass die Temperatur innerhalb der beprobten 1,20 m um bis zu 6 Grad Celsius variiert. Als letzte Aufgabe muss Dennis noch seine Polebilder machen, um die Lage der Passpunkte und den Verlauf der Erosionskante genau zu dokumentieren. Dabei schwenkt er die Kamera auch vertikal, so dass wir daraus ein 3d-Model der Erosionsstruktur errechnen werden können. So ein Model ist natürlich sehr gut dazu geeignet, das abgerutschte Volumen zu berechnen. Damit haben wir unseren Aufgabenkatalog systematisch abgearbeitet und wir müssen nur noch aufräumen bevor wir nach Hause fahren können. Eine Sache ist z.B. die Passpunkte, die mit langen Nägeln am Boden befestigt waren, einzusammeln. Ein letzter Kontrollblick und schon geht es zum Motorboot. Wie schon bei der Herfahrt läuft alles wie am Schnürchen und wir fahren an einer Gruppe zeltender Kajakfahrer vorbei Richtung Corbel-Station. Dort liest Dennis sofort seinen Datenlogger aus, der die Bodentemperaturen in fünf unterschiedlichen Tiefen seit unserer Ankunft kontinuierlich gemessen hat, während die drei kleinen gelben Datenlogger die Temperaturverläufe in drei unterschiedlichen Tiefen seit dem letzten Jahr gemessen haben. Dennis Logger hat funktioniert und wir haben gute Daten erhalten, die anderen drei Logger müssen wir erst noch an Andreas zum Auslesen schicken. Nach dieser erfreulichen Nachricht gibt es eine weitere positive Nachricht. Wir haben in der Hütte noch sechs (!) Büchsen Bier gefunden. Welch unerwartetes Weihnachtsgeschenk! Wir lassen es uns zum Abendessen schmecken. Heute gibt es übrigens eine Reispfanne mit Gemüse und Reis, die Dennis sehr gut hinbekommen hat. Bei Bier und Reispfanne planen wir schon unseren nächsten Spitzbergenaufenthalt. Der Abend klingt mit Abspülen, Blog schreiben und Daten auslesen/sortieren/sichern aus. Irgendwie schade, dass die Feldsaison 2018 schon wieder vorbei ist. Andererseits freuen wir uns doch alles sehr unsere Familien wieder zu sehen. Aber Morgen steht erst noch packen in Ny Alesund an! Hurrah!

Fotos

Steinmann mit Wildkamera
© KOP 132 SPLAM
  • Andreas und Ralf fliegen über das Blaue Haus nach Longyearbyen
    © KOP 132 SPLAM
  • Ernst beim Bergen seiner Wildkamera
    © KOP 132 SPLAM
  • Abendstimmung im Kongsfjorden
    © KOP 132 SPLAM
  • Bild, das den Gletscherrückgang dokumeniert. Im Jahre 2010 erreichte der Gletscher noch die Spitze des Colletthogda Berges
    © KOP 132 SPLAM
  • Geologische Faltenstruktur in einer Bergwand
    © KOP 132 SPLAM
  • Eis auf dem Kongsfjorden
    © KOP 132 SPLAM
  • Wolkenstimmung im Abendlicht
    © KOP 132 SPLAM
  • Ein ganz ruhiger Moment
    © KOP 132 SPLAM

23.07.2018

Tag des Abschieds. Heute werden uns Ralf und Andreas mit dem Morgenflug um 10:45 Uhr in Richtung Longyearbyen verlassen. Schade, denn wir hatten eine großartige Zeit miteinander und jede Menge Spaß und wissenschaftliche Diskussionen! Das Frühstück war heute herrlich – einfach nur hinsetzen und essen! Zwei Tassen richtigen Kaffee und die Welt ist in Ordnung. Die Wäsche ist auch trocken. Lediglich das Wetter soll wieder schlechter und regnerisch werden, wenn wir heute im Laufe des Tages zur Corbel-Hütte aufbrechen wollen. Im Hafen liegt gerade ein Hurtigruten Schiff und Ny Alesund ist bereits um 7:30 Uhr morgens voll mit Touristen. Aber das gehört hier halt mal zum Alltag dazu. Dennis, Ernst und ich bilden nun die Rumpfmannschaft, die schon damit begonnen hat das Material und die Ausrüstung für die nächsten Tage zu verpacken. Ralf muss noch seinen Krankenschein abgeben, dann treffen wir uns auf eine letzte Tasse Kaffee in der Kantine. Selbst dort finden wir ein „VI Menn“ Magazin, das wir aber dieses Mal ignorieren. Schließlich gibt es die obligatorischen Umarmungen und guten Wünsche, dann sitzen Ralf und Andreas auch schon im Bus zum Flughafen. Wenig später rumort die kleine Propellermaschine über Ny Alesund hinweg bevor sie von den tiefhängenden Regenwolken verschluckt wird. Ich gehe noch in den Souvenirladen und kaufe ein paar Geschenke. Ich muss mich in eine lange Schlange völlig hektischer Touristen einreihen und es ist fast unerträglich. Und dann sind da noch ca. 500-600 Emails, die gecheckt sein wollen. Mindestens ebenso unerträglich! Nur gut, dass es schon wieder Essenszeit ist. Seit zwei Stunden haben wir den schönsten Landregen und unsere Motivation ist gerade etwas auf dem Tiefpunkt. Irgendwie fehlen auch die anderen zwei SPLAM Mitglieder und ich denke momentan fühlt vielleicht jeder, dass er gerne mit Andreas und Ralf mitgeflogen wäre. Ein längeres Telefonat nach Hause hilft nur ein wenig. Dennis und Ernst haben sich zu einem Nickerchen verzogen und ich versuche ein paar Sachen aufzuarbeiten. Gegen 18:00 oder 19:00 Uhr soll es zumindest aufhören zu regnen. Wir wollen dann die „Nacht“ bis ca. 6:00 Uhr morgens nutzen, um im Trockenen unser Gepäck zur Corbel-Station zu schaffen und um ins Gelände zu gehen. Ab morgen Früh soll es dann erneut regnen. Mal schauen, ob unser Plan aufgeht. Im Gelände müssen wir noch die DGPS Messungen durchführen, die Wildkameras abbauen, generell Fotos machen, Temperaturen mit der Infrarot-Kamera bestimmen, Probenmaterial aus unterschiedlichen Tiefen gewinnen und möglichst alle Veränderungen so genau als möglich dokumentieren. Das Program sollte für die nächsten zwei Tage reichen. Nach Absprache mit Basile schaut es so aus, als ob wir „Sabrina“, das große Hartschalenboot, bis Mittwoch ausleihen können. Das wäre natürlich fantastisch da wir damit viel schneller unterwegs und völlig unabhängig wären. Der einzige Haken an der Sache ist, dass der Ankergrund vor der Corbel-Station sehr schlecht hält. Wir müssen also unbedingt ein Auge auf den Wind halten und notfalls früher zurückkommen. Denn wenn der Wind das Boot auf den Strand schiebt, besteht die Möglichkeit, dass wir das schwere Ding zu Dritt nicht mehr ins Wasser bekommen. Ich vermute, ich werde die nächsten Tage nicht viel zum Schlafen kommen auch wenn die Windvorhersage momentan gut ausschaut. Basile gibt Ernst und mir noch eine Einweisung in das Motorboot. Lenzpumpe und Funk funktionieren nicht aber das beunruhigt uns nicht weiter da die manuelle Pumpe arbeitet und wir sowieso unsere Funkgeräte dabei haben. Ernst will im Blauen Haus noch das Satellitentelefon und die Notfallausrüstung holen. Was wir völlig vergessen haben, ist die Gewehre zu putzen. Also wienern wir für eine gefühlte Ewigkeit an den Gewehren. Dann geht alles ganz schnell. All unser Gepäck wird auf „Goupil“, ein kleines Elektroauto, verladen und zum Hafen gebracht. In Nullkommanichts sind wir auf dem Wasser in Richtung Corbel-Station unterwegs. Wir laden dort das Meiste wieder aus und bringen es auf Schubkarren zu den Hütten. Alles wird nur in den Aufenthaltsraum geschmissen den wir wollen so schnell wie möglich weiter, um das gute Wetter zu nutzen. Es scheint jetzt die Sonne und es herrscht ein fantastisches Licht. Das Eis im Fjord glitzert und scheint in tausend Blau- und Weißtönen. Unbeschreiblich schön! Nach ein paar Minuten Kurvenfahrt durch das Eis kommen wir an unserem Untersuchungsgebiet an. Jetzt „nur noch schnell“ die ganzen Messgeräte auf die Lateralmoräne bringen. Leider ist Ernsts Wildkamera in den Schlammstrom gefallen. Das Stativ ist nur noch Schrott und Ernst hat die größte Mühe die Kamera aus dem betonartigen Schlamm befreien zu können. Aber immerhin haben wir sie wieder gefunden, was ja auch keine Selbstverständlichkeit ist. Neben der Kamera sind auch drei Passpunkte verschwunden, die wir eigentlich heute mit dem DGPS messen wollten, um die Polebilder sauber georeferenzieren zu können. Insgesamt ist die Erosion der Lateralmoräne wesentlich stärker als wir uns das vor ein paar Tagen vorstellen konnten. Auch im Vergleich zu den untersuchten Strukturen der vorherigen Jahre erodiert diese viel schneller und großflächiger. Gott sei Dank sind aber die meisten Messpunkte erhalten geblieben, so dass nicht alles verloren ist. Wir bauen das DGPS auf und Dennis kann nach den üblichen Anfangsschwierigkeiten die Passpunkte hochgenau vermessen. Ernst säubert währenddessen den großen Schlammklumpen, der seine Kamera enthält. Wir hoffen, dass zumindest die SD-Karte das Schlammbad überlebt hat. Ich suche die Datenlogger, die wir letztes Jahr vergraben hatten. Die buchstäbliche Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen denn die Markierungen sind nicht mehr eindeutig erkennbar bzw. komplett verschwunden. Zusammen mit Ernst finden wir aber zumindest zwei der drei Logger. Um den dritten zu finden brauchen wir morgen “größeres Gerät”, also eine Schaufel. Wir dokumentieren die Erosion noch mit zahlreichen Detailfotos und haben damit unser heutiges Programm abgearbeitet. Perfektes Timing, denn als wir nach getaner Arbeit einen Tee trinken, fängt es schon wieder zu regnen an. Die Motorbootfahrt erfolgt in altgewohnten Schlangenlinien um die Eisbrocken herum. Um kurz vor 2:00 Uhr morgens kommen wir an der Corbel-Station an. Boot vertäuen, raus aus den Überlebensanzügen und rauf in die Hütte für eine kleine Brotzeit. Ernst macht sich sogar noch eine Nudelsuppe während ich versuche Rudolf eine Email zu schicken, um ihn wissen zu lassen, dass wir sicher aus dem Gelände zurück gekommen sind. Dann wird es spannend, denn wir wollen noch die Bilder der Wildkameras anschauen. Zu unserer großen Freude ist Ernsts SD-Karte lesbar und hat bis 19.7. Bilder aufgenommen. Unsere zweite Kamera hat bis zum 21.7. Bilder gemacht. Als wir die Bilder in Zeitraffer abspielen sind wir mehr als verblüfft. Es sind mehrere Regenfälle sichtbar und eine großflächige und starke rückschreitende Erosion, die zur Bildung von massiven Schlammströmen führt. Die Bilder übertreffen alles Erwartete. Es ist schon jetzt klar, dass wir die Erosionsraten, die wir letztes Jahr bestimmt hatten deutlich nach oben korrigieren müssen. Aber nicht mehr heute denn es ist jetzt kurz vor 4:00 Uhr und Zeit, um in das Bett zu gehen.

Fotos

Der Schmelzwassertor des Austre Broggerbreen Gletschers. Gegenüber unserem letzten Besuch ist das Tor um ein Vielfaches größer geworden und ist weiter Hangaufwärts gewandert
© KOP 132 SPLAM
  • Die SPLAM 2018 Truppe vor der Daerten-Hütte kurz vor der Abfahrt
    © KOP 132 SPLAM
  • Schmelzwasserkanal auf dem Austre Broggerbreen Gletscher
    © KOP 132 SPLAM
  • Dennis und Ernst auf dem Austre Broggerbreen Gletscher
    © KOP 132 SPLAM
  • Ernst neben einer Messstange. Wir vermuten, die schwarzen Markierungen zeigen frühere Eisstände an
    © KOP 132 SPLAM
  • Sedimente in kleinen Eislöchern
    © KOP 132 SPLAM

22.07.2018

Beim Toilettengang gegen 1:00Uhr morgens scheint die Sonne und die Gletscher funkeln um die Wette. Ein grandioser Ausblick, den man selbst im Halbschlaf zu schätzen weiß. Allerdings bläst auch ein frischer Wind, der deutlich stärker ist als den ganzen letzten Tag. Man wird sehen, was der Tag bringt. Es mach eh keinen Sinn sich Gedanken darüber zu machen. Beim Aufstehen ist dann auch alles gut. Die See ist fast spiegelglatt und die bayerische Fahne hängt lustlos an ihrer Stange. Wecken war heute bereits um 7:00 Uhr da wir nicht genau wissen, wann Rudolf mit dem Boot hier sein wird. Alles geht heute irgendwie viel schneller als geplant und selbst das Hütte putzen ist schnell aber gründlich erledigt. Also warten wir wieder! Bei meiner zweiten Tasse Kaffee hören wir zuerst ein Brummen bevor wir das Boot um die Ecke biegen sehen. Rudolf ist mit dem großen Aluminiumboot gekommen. Andreas hüpft in den Überlebensanzug und hilft beim Einladen und auch Ralf wird mittels einer Gangway aufs Boot gebracht. Ihn erwartet ein Besuch bei der Krankenschwester in Ny Alesund. Rudolf hat uns noch ein GPS Gerät mitgebracht mit einer Route über den Austre Broggerbreen Gletscher, den Ernst, Dennis und ich heute überqueren wollen. Unser Plan ist die Brogger-Halbinsel zu queren, um nach Ny Alesund zu kommen. Andreas wird Ralf auf dem Boot zurück begleiten und dann das ganze Gepäck vom Boot ausladen. Mit der letzten Wettervorhersage und letzten Tips über die Begehbarkeit des Gletschers verlässt uns das Boot. Wir sollten uns beeilen – das Wetter soll sich bald wieder verschlechtern. Unsere Infos über die Robbenkolonie veranlassen Rudolf zunächst in diese Richtung zu fahren. Während wir den Reis von gestern noch lauwarm aus dem Topf essen, schauen wir dem Boot nach. Dann heißt es endgültig klar Schiff zu machen. Ein letztes Abspülen, ein letztes Kehren, dann noch schnell die Fensterläden vorgehängt und die Gasflasche nochmals gecheckt, Gepäck aufgenommen, los geht’s. Wir steigen die 350 Höhenmeter zum Skaret Pass hoch, der zwischen Bjorvigfjellet und Steenfjellet liegt. Eigentlich haben wir einen halbwegs passablen „Weg“ erwartet weil diese Passage regelmäßig von Leuten aus Ny Alesund begangen wird. Anscheinend doch nicht so regelmäßig, denn wir müssen steil bergauf über Hangschutt und Moränenwälle laufen. Das ist sehr anstrengend und wir schwitzen alle drei recht kräftig. Mittlerweile ist das schlechte Wetter da und es hat angefangen zu regnen. Als wir denken, dass wir die Passhöhe erreicht haben, gibt es einen Tee. Wenig später müssen wir erkennen, dass wir uns zu früh gefreut haben. Von der eigentlichen Passhöhe hat man einen sehr schönen Ausblick auf den unter uns liegenden Gletscher und den Krossfjorden. Es wird einem aber auch auf den ersten Blick klar, in welch schlechter Verfassung sich der Broggerbreen Gletscher befindet. Es ist definitiv ein sterbender Gletscher, doch dazu später noch mehr. Wir queren den Gletscher möglichst weit oben und halten uns an seinem östlichen Rand. Dazu müssen wir erst etwas absteigen, um anschließend wieder hoch zu steigen. Eine direkte Verbindung wäre aufgrund der Steilheit des Geländes nicht möglich gewesen. Vergleicht man die Karten, seien es die gedruckten oder die im GPS hinterlegten, mit der Realität, ergeben sich frappierende Unterschiede. Wo früher Eis war, sind heute Schutthügel. Der Gletscher lässt sich ganz gut begehen, ist allerdings übersät mit kleinen Schmelzwasserrinnen und –löchern. Speziell in den Löchern finden sich Sedimentablagerungen, die mit der Zeit immer tiefer ins Eis einschmelzen. Spalten hat der Gletscher keine aber eine größere Schmelzwasserrinne müssen wir doch überspringen. Auch fallen die zahlreichen Gesteinsbrocken auf und die rötlich-bräunliche Färbung des Eises. Der Gletscher ist bis in seine obersten Gebiete aper. Ein sehr bedenkliches Zeichen! Wir wandern gemütlich den Gletscher hinab bis zu jener Stelle, wo wir vor ein paar Jahren Untersuchungen an der Lateralmoräne des Broggerbreen Gletschers gemacht haben. Hier wird uns sehr sehr deutlich vor Augen geführt, wie dramatisch die Veränderungen tatsächlich sind. In den letzten 2-3Jahren ist der Gletscher um mindestens 150-200m in der Länge zurückgegangen und auch in der Breite deutlich geschrumpft. Ein Gletschertor aus dem das Schmelzwasser fließt ist um ein Vielfaches größer geworden und hat sich weiter Hangaufwärts gefressen. Und selbst die Lateralmoräne schaut heute anders und degradierter aus, als noch vor ein paar Jahren. Wir sind alle drei sehr überrascht und in gewisser Weise auch schockiert über das Ausmaß und die Geschwindigkeit des Gletschersterbens.  Unterhalb des Gletschers besuchen wir noch einen Kegel an dessen Fuß sich eine kleine Gruppe Steinkreise befindet, die wir vor Jahren bereits untersucht hatten. Wir machen natürlich Photos, um feststellen zu können, ob es zu Veränderungen gekommen ist. Eine letzte Tasse Tee, dann sind wir auch schon nach ein paar Minuten in Ny Alesund. Wir laufen auf einer Straße! Wir entladen die Gewehre an den dafür vorgesehenen Stellen am Ortsrand und sind gerade am Blauen Haus angekommen, als Rudolf auf dem Fahrrad erscheint. Perfektes Timing denn so können wir die Gewehre abgeben und uns direkt auf dem Weg zum Duschen machen. Ahh! Was für eine Wohltat unter der warmen Dusche zu stehen und sich ordentlich waschen zu können. Weihnachten, Ostern und Geburtstag an einem Tag! Anschließend werden gleich noch die Waschmaschinen einer deutschen Edelmarke mit unserem dreckigen Klamotten gefüttert. Alles bei 30Grad in 38 Minuten fertig. Gerade genug Zeit, um in der Kantine einen Kaffee und ein paar Kekse zu essen. Dann alles in den Trockenraum bringen und aufhängen, ein paar längst überfällige Telefonate führen und sich seelisch moralisch aus Abendessen vorbereiten. Ratet mal was es heute in der Kantine gibt? Genau! Nudeln mit Bolognesesauce und anderen Saucen. Wir sind hochgradig begeistert. Aber immerhin muss heute niemand von uns abspülen. Dafür sortiert Ernst noch unseren gesamten Müll in die getrennten Container. Danke, Ernst!!!! Ralf berichtet uns von seinem Besuch bei der Krankenschwester. Es ist tatsächlich ein Bänderriss und sie hat ihm für Morgen einen Termin im Krankenhaus in Longyearbyen gemacht. Nun sitzen wir beim zweiten Abendessen in der Kantine und trinken Tee. Ironie des Schicksals: Wir sind tagelang auf einsamen Hütten und haben immer Bier und jetzt sitzen wir mitten in Ny Alesund auf dem Trocknen! Logistisches Vollversagen!

Fotos

Ralf muss seinen Fuß schonen
© KOP 132 SPLAM

21.07.2018

Heute haben wir alles! Hellgraue Wolken, dunkelgraue Wolken, steingraue Wolken, blaugraue Wolken, Wolken auf Nasenhöhe, hohe Wolken, Regen von oben, Regen von vorne, Wind der den Regen waagrecht fliegen lässt. Das volle Programm! Sogar unsere Jacken, die wir sonst zum Trocknen unter unser kleines Vordach gehängt haben, müssen wir in die Hütte holen. Ein gar garstig Wetter! Ralf, unser „Simulant“ ist heute als erster auf. Da ich mitten in der Hütte am Fußboden schlafe, stehe ich auch gleich auf. Zusammen ist das Frühstück schnell für die anderen hergerichtet, die sich einer nach dem anderen aus den Schlafsäcken schälen. Wir harren dem Telefonat um 12:00 Uhr, um zu erfahren, ob das Motorboot heute kommen kann. Momentan schaut es eher schlecht dafür aus. Während wir hier zum Nichtstun verdammt sind, ist es vielleicht Zeit für ein kleines Resümee über unseren Aufenthalt in der Daerten-Hütte. Die Hütte ist eigentlich ganz okay vor allem bei schönem Wetter. Dann sind die Terrasse und der Meer/Gletscherblick unschlagbar. Bei nassen Wetter dagegen zeigen sich deutliche Schwachpunkte. So ist die Hütte von Moos umgeben, so dass man ständig nasse Hausschuhe bekommt sobald man einen Schritt vor die Tür setzt. Da ist der Kies um die Geopol-Hütte deutlich besser. Auch der Sandstrand ist fatal, da man den feinen nassen klebrigen Sand unweigerlich in die Hütte schleppt. Die Innenausstattung ist ebenfalls nicht so effektiv und platzsparend gestaltet wie in der Geopol-Hütte. So ist speziell die Anordnung der Betten und vor allem des Herdes deutlich schlechter gelöst. Das führt dazu, dass man beim Kochen ständig im Weg steht und den Essenstisch als Ablage verwenden muss, da es sonst keine anderen Möglichkeiten gibt. Positiv zu vermerken ist, dass das Sofa um ein Vielfaches bequemer ist als jenes in der Geopol-Hütte. Von der Geologie her ist die Daerten-Hütte durchaus interessant. Allerdings sind die wirklich interessanten Strukturen nur durch einen mindestens 2-3 stündigen Fußmarsch zu erreichen. Da verbietet es sich schweres und unhandliches Gepäck mit zu nehmen, wie wir es für unsere detaillierten Untersuchungen der Steinkreise bei Geopol und die Seitenmoräne bei der Corbel-Hütte immer gebraucht haben. Auch die An- und Abreise ist natürlich um einiges länger und schwieriger. Insgesamt ergibt sich für mich dadurch der Eindruck, dass es gut war hierher zu kommen und das Terrain zu erkunden. Für weiter- und tiefergehende Untersuchungen wäre allerdings ein sehr hoher logistischer Aufwand notwendig. Eventuell auch nur mit vier Personen, um das Platzproblem in der Hütte bei schlechtem Wetter zu lösen. Wir werden das zuhause noch diskutieren müssen wenn wir unsere nächste Spitzbergen Exkursion planen. Es ist jetzt 12:20 Uhr und Dennis teilt uns gerade mit, dass es ein erneutes Telefonat mit Rudolf um 13:30 Uhr geben soll. Wenn es das Wetter erlaubt, wollen sie gegen 17:00 Uhr mit dem Motorboot hier sein. Andreas zeigt jetzt auch erste Lebenszeichen aber aus dem Bett kommt er noch nicht. Deutschland 4: Schweden 0! Wir haben inzwischen alles gepackt und sitzen abfahrbereit auf unseren sieben Sachen. Kurz vor dem vereinbarten Zeitpunkt erhalten wir die Nachricht, dass die See zu rau für den Transport sei und Rudolf deshalb wieder umdrehen musste. Abends um 20:00 Uhr wollen wir erneut telefonieren. Jedem ist die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben, auch wenn es keiner so recht zugeben will. Wir sind also den ganzen Nachmittag zum Nichtstun verdonnert. Es ist zu spät, um irgendwas Sinnvolles erkunden zu können und das Wetter ist auch nicht gerade einladend. Ich gehe auf die Suche nach „schönen Steinen“, um mich abzulenken und zu beschäftigen. Ernst geht ca. 150m neben mir aber wir sprechen kein Wort. Als wir ins schließlich begegnen ist es eine einsilbige und aufs Nötigste beschränkte „Unterhaltung“. Wir wissen natürlich, dass in polaren Gebieten nicht immer alles nach Wunsch und Plan geht. Und es ist natürlich eine völlig lächerliche Verzögerung. Trotzdem kann man zu erahnen beginnen, wie sich Shackletons Leute gefühlt haben müssen, als sie zwei Jahre unter umgedrehten Rettungsbooten ins Ungewisse gelebt haben. Wirklich schlimm ist unsere Situation im Vergleich sicher nicht, außer, dass unsere Vorräte zu Ende gehen. Also sprich das Bier! Alles andere ist reichlich vorhanden. Um 20:00Ihr hat sich das Wetter noch nicht gebessert und wir werden deshalb erneut um 21:00Uhr telefonieren, nachdem sich Rudolf und Basil austauschen konnten. Um 21:00 Uhr werden wir endgültig auf Morgen vertröstet. Jetzt kann auch das Bier geöffnet werden, das wir uns zu Reis mit Champignons, Fleisch und Tomatensauce schmecken lassen. Laut Rudolf soll es Morgen zwischen 7:00 und 12:00 Uhr ein Fenster geben, in dem das Wetter eine Abholung zulässt. Jetzt da die Entscheidung getroffen ist, geht es uns allen besser und wir verbringen einen erquicklichen Abend. Durch all das Warten und Nichtstun schlafe ich heute nicht besonders gut ein. Es gehen mir die Geschichten aus dem Hüttenbuch durch den Kopf, in denen berichtet wird dass die Daerten-Besucher irgendwann in den 80er Jahren gleich mehrmals pro Tag auf das Hüttendach klettern und einen Eisbären mit Töpfe schlagen vertreiben mussten. Unsere Hüttentüre schließt nicht korrekt, das Fenster steht offen und am Fensterbrett steht ein halbvolles Glas Leberwurst. Spitzenqualität, versteht sich!

Fotos

Unsere Küche in der Daerten-Hütte. Nicht so gut wie in der Geopol-Hütte aber völlig ausreichend um fünf Leute satt zu bekommen
© KOP 132 SPLAM

20.08.2018

4:00 Uhr morgens – es regnet! Toilettengang in Unterhose und Regenjacke – kein Vergnügen! 6:00 Uhr morgens – ich werde kurz wach und höre noch immer den Regen. Also nochmals umdrehen und weiter schlafen. 8:30 Uhr – noch immer Regen. 11:00 Uhr. Es regnet zwar noch, aber Dennis will nun endgültig aufstehen. Also kriechen wir aus unseren warmen Schlafsäcken. Ich war ja schon seit 8:30 Uhr wach und habe nur noch vor mich hin gedöst. Interessanterweise ist die Lautstärke des Schnarchens immer geringer geworden, je länger wir im Bett lagen. Ralf und ich haben „Betten getauscht“. Er schläft jetzt auf dem Sofa, was besser für seinen Rücken besser ist, und ich wieder auf dem Boden. Allerdings ist es hier viel bequemer, da eine dicke Schaumstoffmatratze als Unterlage dient. Wir richten das Frühstück her, das heute deutlich länger als  sonst ausfällt. Ich erwische allerdings eine Shrimp Nudelsuppe, die sehr sauer schmeckt, so dass ich sofort ein Knäckebrot mit Jagdwurst hinterher schieben muss. Schließlich werden es  drei Brote. Was der Unterschied zwischen Jagdwurst und Frühstücksfleisch ist, das wir sonst immer essen? Nun, die eine ist in einem Glas verpackt, das andere in einer Büchse. Geschmacklich weitgehend identisch – nur Dennis mein zu wissen, dass die Jagdwurst qualitativ höherwertig sei und verweist darauf, dass sie 96% Schweinefleisch enthält. Wenn man allerdings die Zustände in so manchen Schweinemastbetrieben kennt, die große Massen billigen Fleisches produzieren, könnte man das Argument glatt umdrehen. Da sich das Wetter noch immer nicht gebessert hat bleiben wir einfach am Frühstückstisch sitzen, ratschen, blödeln und trinken Kaffee. Ab und zu schaute einer von uns vor die Tür. Anschließend widmen wir uns wieder den „VI Menn“ Magazinen, die wir nun schon mehr oder weniger auswendig kennen. Ralf liest in seiner Einstein Biographie, wodurch er sich als natürlich als Bildungsbürger outet. Wir entdecken einen tiefen Spalt in unserer kleinen Truppe! So gegen 14:00 Uhr hört es langsam auf zu regnen und wir werden alle ein bisschen unruhig aus der Hütte zu kommen. So heimlich still und leise fängt jeder an seine Geländesachen zu packen  und sich für den Abmarsch fertig zu machen. Um 15:00 Uhr ist es dann soweit. Der Regen hat endgültig aufgehört und Ernst drängt uns zur Endmoräne des Uversbreen Gletschers zu gehen. Ich befürchte allerdings, dass mit dem vielen Regenwasser der Abfluss des Uversbreen Gletschers so mächtig ist, dass wir ihn vermutlich nicht queren können um die Moräne zu erreichen. Aber wir sind uns alle einig, dass wir es zumindest versuchen wollen. Es geht über nasses sumpfiges Gelände, Gebiete die in den letzten Tagen gut zu wandern waren aber heute ist es eine permanente Suche nach den trockensten Stellen. Nach ungefähr einer Stunde kommen wir an einen Schmelzwasserfluss wo es heißt „Schuhe runter“. Mit Schuhen ist hier definitiv kein Weiterkommen mehr möglich. Ralf kann aufgrund seiner alten Knöchelverletzung nicht ohne Schuhe durch das Wasser laufen. Da weder er noch ich daran glauben die Uversoyra durchqueren zu können, stellt sich uns spätestens hier die Sinnfrage nach dem Weitergehen. Es würde bedeuten, dass Ralf mit seinen Schuhen durch den Fluss laufen müsste, anschließend mehrere Stunden in nassen Schuhen unterwegs wäre und auch morgen mit nassen Schuhen über den Gletscher gehen müsste. Ich denke, dass dies keine Option ist und so beschließen wir zur Hütte zurück zu gehen. Die anderen wollen zumindest bis zur Uversoyra gehen, um die Lage dort zu erkunden. Durch die Trennung der Gruppe kriegt jeder was er will. Auf dem Rückweg reden Ralf und ich über Gott und die Welt und haben Spaß. Bis zu dem Zeitpunkt, als Ralf bei einer Bachüberquerung ausrutscht und sich vermutlich einen Bänderriss im anderen Knöchel zuzieht. Er beißt die Zähne zusammen und humpelt die letzten zwei Kilometer bis zur Hütte. Ist schon ein harter Hund, der Ralf! Ich gebe ihm meinen zweiten Stock und nehme seinen Rucksack und die Signalpistole. Recht viel mehr kann ich leider nicht für ihn tun. Außer den besten Weg zu suchen und ihn mit dummen Sprüchen abzulenken. An der Hütte gibt es erst einen Tee und dann einen Espresso. Zum Nachtisch kriegt Ralf zwei Aspirin Direkt und eine Bandage um seinen lädierten Knöchel. Hätten wir jetzt das Satellitentelefon, das bei Dennis im Rucksack steckt, könnten wir mit Basile einen Krankentransport besprechen. Das wäre umso wichtiger, als morgen das Wetter zumindest morgens schlecht sein soll und das Motorboot erst für Sonntag zur Gepäckabholung eingeplant ist. Ralf kann aber keinesfalls mit seinem Knöchel mit uns über den Gletscher marschieren.  Es ist jetzt 21:00 Uhr und von den anderen ist noch nichts zu sehen. Wir wissen nicht was sie gerade machen und können vorerst nur warten. Das ist genau das Problem, wenn sich die Gruppe trennt, da damit meist auch die Kommunikation erlischt und keine der zwei Teilgruppen mehr etwas über die andere weiß. Keine gute Situation! Um 22:30 Uhr haben wir Sichtkontakt mit den anderen und wenig später sitzen wir alle vor einem Topf dampfender Spaghetti mit Ralfs vegetarischer  linksdrehender Sojasauce. Über Satellitentelefon telefonieren wir noch mit Rudolf. Er teilt uns mit, dass das Wetter morgen Vormittag zu schlecht sein soll, um sicher mit dem Boot zu uns zu kommen. Aber am Nachmittag sollte es möglich sein. Das ist eigentlich die ideale Lösung da wir dann in Ruhe packen können und Ralf dann mit dem Motorboot zurück fahren kann. Ernst, Dennis und Andreas haben es übrigens tatsächlich geschafft die Uversoyra zu durchqueren. Wie sie sagen ist der Fluss zwar breiter geworden aber nicht tiefer. Somit konnten sie das Gebiet mit den parallelen Rücken und die Eiswand erkunden. Am Ende des Tages ist die Welt wieder in Ordnung, wir lachen und blödeln viel und lassen den Abend mit zwei Arctic Bieren ausklingen. Ernst spült um kurz nach Mitternacht noch ab…

Fotos

Großer Rücken aus anstehendem Gestein, der sich bis unter den Comfortlessbreen Gletscher verfolgen lässt
© KOP 132 SPLAM
  • Landschaft vor dem Comfortlessbreen Gletscher. Bei genauerem Betrachten fallen die zahlreichen Robben entlang dem Flussufer auf.
    © KOP 132 SPLAM
  • Robbenkolonie am Fuße des Comfortlessbreen Gletschers
    © KOP 132 SPLAM
  • Ein Teil des Eskers, den wir untersuchen wollten
    © KOP 132 SPLAM
  • Keine Geologie aber trotzdem schön
    © KOP 132 SPLAM
  • Unser Grabungsversuch in den Esker. Es war eine Einregelung der Gesteinsfragmente und ein Lagenbau ersichtlich
    © KOP 132 SPLAM
  • Ernst beim vollen Grabungseinsatz
    © KOP 132 SPLAM

19.07.2018

Geologie auf Spitzbergen fängt mit dem Zähneputzen an! An unserer kleinen Wasserstelle, die mir auch als Waschplatz dient, sind steilstehende Dolomite aufgeschlossen, die durch tektonische Prozesse extrem beansprucht wurden. Ich kann mindestens drei Kluftsysteme und sehr schöne Harnischflächen ausmachen. Zeit zum Gurgeln. An der Oberkante der Dolomite befinden sich sehr schöne Gletscherschliffe, die das Gestein bis auf ca. 2 m über dem Meeresspiegel wie mit dem Messer abgeschnitten haben. Darüber befindet sich eine ungefähr einen Meter dicke Bodenschicht. Entgegen der Wettervorhersage von gestern Abend empfängt uns ein anderer schöner Tag. Fast windstill und Sonnenschein, der uns bei angenehmen Temperaturen draußen frühstücken lässt. Angenehme Temperaturen heißt, dass jeder mindestens sein dickes AWI-Fleece trägt. Ich nehme mir heute mal eine vegetarische Nudelsuppe. Abwechslung muss sein und man braucht ja auch Vitamine! Dazu „Spitzenqualität“ Leberwurst. Das Wort „Spitzenqualität“ ist bei uns der running gag. Wir haben nämlich festgestellt, dass dieses Wort auf fast allen Lebensmitteln steht, die Dennis für uns bei den bekannten Lebensmitteldiscountern eingekauft hat. Es ist einfach alles „Spitzenqualität“! Rudolf hat gestern in der Wettervorhersage von 7 Beaufort Windstärke aus Süd gesprochen und Regen ab 17:00 Uhr. Wir räumen also nach dem Frühstück alles soweit auf, dass das schlechte Wetter kommen kann. Mittlerweile hat sich eine gute Routine eingespielt, so dass wir uns in der Hütte nicht gegenseitig auf die Füße treten. Es ist fast schon ein Wunder, dass fünf ausgewachsene Männer mit Gepäck auf 10 m2 kochen, essen, schlafen und arbeiten können, ohne sich gegenseitig auf den Wecker zu gehen. So gesehen ist das SPLAM (Svalbard Permafrost Landforms as Analogs for Mars)-Team für die Reise zum Mars bereit. Bevor es aber zum Mars geht, wollen wir heute noch die Esker untersuchen. Bepackt mit Schaufel müssen wir dazu erst die Uversoyra überqueren. Dabei zeigt sich wieder, wie schnell sich die Landschaft hier verändert. Stellen, die wir vorgestern noch überqueren konnten sind heute unpassierbar. Ernst hat natürlich längst wieder seine Schuhe ausgezogen und ist uns voraus. Auch Ralf und ich geben irgendwann auf und laufen barfuß weiter. Somit kommt Ralf zu seiner ersten „gefährlichen“ Flussdurchquerung, von der er zuhause berichten möchte. Tatsache ist aber, dass es gar nicht so kalt ist. Vom Wasser abgesehen, kann man eigentlich ganz gut laufen. Die Füße werden zwar rot, aber unwohl fühlt man sich dabei nicht. Oder sind die Füße schon abgestorben? Mit der ganzen Aktion verlieren wir natürlich viel Zeit. Unsere ursprüngliche Idee am Strand entlang zu laufen mussten wir schnell aufgeben, da das Schmelzwasser den Strandwall nur an wenigen Stellen durchbrochen hat, diese Stellen aber durch die Wassermenge völlig unpassierbar sind. Aber wir sind ja heute früh dran und müssen uns nicht hetzen. Schon beim Frühstück haben wir von Süden eine dichte Nebelbank aufziehen sehen, die uns jetzt erreicht. Dennis meint es sei „The Fog“, der Nebel des Grauens. Vielleicht hat er ja nicht Unrecht. Unebenes Gelände, Nebel und Eisbären können in der Tat eine unglückliche Kombination sein. Aber, um es vorweg zu nehmen, wir haben heute keinen Eisbären weit und breit gesehen und der Nebel hat sich auch nach ca. einer Stunde wieder gelichtet. Wir laufen einen großen Rücken entlang direkt auf den Comfortlessbreen zu. Dieses Mal haben wir das Luftbild dabei mit dessen Hilfe wir den Esker nach einigen Diskussionen unter den zahlreichen anderen Moränenhügeln und anstehendem Gestein auch identifizieren können. Das klingt einfacher, als es in der Realität ist. Das größte Problem ist das Luftbild mit dem Gelände abzugleichen und den eigenen Standort zu bestimmen. Auch hier spielt uns die Dynamik der Landschaft so manchen Streich. Auf dem höchsten Punkt des Rückens, der übrigens aus den gleichen steilstehenden Dolomiten besteht wie sie auch an unserer Hütte vorkommen, finden wir ein festverankertes Dreibein. Offensichtlich wurde oder wird von hier aus der Gletscher überwacht. Allerdings sind jetzt keine Messgeräte installiert. Wir wandern noch weiter auf den Gletscher zu, den wir allerdings nicht erreichen können, da der Rücken vom Gletscher durch einen Schmelzwasserfluss getrennt ist. Zu schade, wir wären gerne bis ans Eis gekommen. Aber aus dem Luftbild war uns schon bekannt, dass wir das nicht schaffen werden. In der Tat bilden die Dolomite kleine Stromschnellen über die sehr viel Wasser schießt. Entschädigt werden wir durch eine Robbenkolonie von ungefähr 40 Tieren, die faul im feinen Strand dösen. Eine Robbe neben der anderen, feinsäuberlich aufgereiht. Als sie uns sehen, gleiten sie ins Wasser. Aber ein paar Photos konnten wir doch noch von ihnen kriegen. Wir beobachten die Tiere eine ganze Weile. Nach dem ersten Schrecken sind sie recht neugierig und kommen bis auf weniger als 10 m an uns ran. Natürlich wissen sie ganz genau, dass wir ihnen nichts Böses wollen. Besonders interessant fand ich, dass die Robben die Stromschnellen zum Spielen benutzen. Sie schwimmen dagegen an und ihr Körper kommt dabei teilweise aus dem Wasser. Surfende Robben! Und irgendwie sind sie eleganter als die Surfer am Eisbach in München. In größerem Abstand zur Robbenkolonie liegt ein deutlich größeres Tier auf dem Strand. Wir können es nicht genau erkennen, vermuten aber, dass es sich um ein Walross oder eine weibliche Bartrobbe handeln könnte. Jedenfalls ist das Tier ein Einzelgänger und die Robben halten einen Sicherheitsabstand. An unserem Aussichtspunkt machen wir Mittag bevor es an die Esker geht. Ein abwechslungsreicher Speiseplan: Gestern waren es Makrelen in Sonnenblumenöl, heute sind es Sardinen in Sonnenblumenöl. Dazu Tee, Müsliriegel und die obligatorische Schokolade. Frisch gestärkt geht es dann ans Buddeln. Wir wollen uns die innere Struktur des Eskers genauer anschauen. Wir suchen uns ein Teilstück aus, das wir im Luftbild gut erkennen können und machen erst mal ein paar Fotos, die die Lage des Eskers zeigen. Dann mache ich mir jede Menge Notizen in mein Feldbuch und noch weitere Detailfotos. Der Esker besteht aus feinem Sand und Kies. Die Fragmente sind meist gut gerundet und unsere Grabungen zeigen interne Wechsellagen von Sand und gröber körnigem Kies. Insgesamt sind unsere Grabungen aber eher wenig aufschlussreich. Aber es ist ja nur eine Erkundung des Gebietes und sollten wir nächstes Jahr wieder hierher kommen, müssen wir uns einen genauen Arbeitsplan überlegen und welchen Methoden wir anwenden wollen. Auch standen wir heute etwas unter Zeitdruck, da es während unserer Grabungen bereits zu regnen begann – mindestens 2 Stunden früher als vorhergesagt. Wir brechen also unsere Zelte ab und begeben uns auf dem Heimweg. Wieder springen wir über ungezählte Flussläufe, laufen wie die Hasen zig-zag über die Schmelzwasserebene. Wenn uns jemand beobachten würde, er würde uns vermutlich für verrückt halten. Mit dem Rucksack auf dem Rücken und dem umgehängten Gewehr hüpft man wie eine Elfe über das Wasser – oder wie heißt das Tier mit dem Rüssel? Jedenfalls meiden wir Sprünge von mehr als 1-1,5 m weil man dadurch sehr schnell nasse Füße bekommen kann. Und das sollte man unbedingt vermeiden. Oberstes Gebot ist, seine Sachen möglichst trocken zu halten. Nach gut 1,5 Stunden marschieren im Nieselregen und insgesamt knapp 15 km sind wir schließlich wieder bei der Hütte. Es ist kurz vor fünf Uhr und jetzt setzt der „richtige“ Regen ein. Wir versuchen unsere Sachen unter dem kleinen Vordach zum Trocknen aufzuhängen und verziehen uns dann in die Hütte. Wie gesagt, fünf nasse Kerle in einer kleinen Hütte, da braucht es etwas Disziplin und Ordnung. Bei Kaffee (Danke, Ralf!) erholen wir uns. Ernst studiert die geologische Karte, Ralf liest in seinem Jack London Buch, Andreas liest die zahlreichen „VI Menn“ Magazine, die auf jeder Hütte zu finden sind und ich schreibe am Blog, während Dennis sich mit seinem E-Reader beschäftigt. Andreas hat heute wieder Küchendienst. Es gibt Curry mit Kokosmilch und Reis. Es regnet noch immer! Der  Küchendienst wird heute in einer Regenpause erledig, bzw. wenn es zu regnen aufhört und nur mehr nieselt.

Fotos

Nahaufnahme der Solifluktionsloben. Im Hintergrund ist Dennis mit den Polebildern beschäftigt, die wir zur Herstellung eines 3d Modells benötigen
© KOP 132 SPLAM
  • Frühstück auf unserer Terrasse
    © KOP 132 SPLAM
  • Der Polarfuchs „Arved“.
    © KOP 132 SPLAM
  • Solifluktionsloben die durch langsames Hangkriechen entstehen
    © KOP 132 SPLAM

18.07.2018

Ich bin heute als erster auf und trotz einigem Radau den ich veranstalte sind die anderen nicht wach zu kriegen. Die Sonne scheint und es weht fast kein Wind, so dass es auf der Terrasse schön warm ist. Es tut sich das gleiche atemberaubende Panorama wie gestern auf und ich beschließe kurzerhand den Comfortlessbreen in mein Feldbuch zu zeichnen. Dabei stellt sich heraus, dass ich wohl nur ein mäßig begabter Künstler bin. Ich wünschte, ich könnte besser zeichnen! Es herrscht absolute Stille, die aber jäh unterbrochen wird, als jemand von dem Segelboot aus baden geht, das über Nacht in der Engelsbukta vor Anker gegangen ist. Der Schrei ist über die ganze Bucht zu hören. Ich bin mit meinem Kunstwerk fast fertig, als der Rest der Mannschaft, einer nach dem anderen, auf der Terrasse erscheint. Das Frühstück findet draußen statt und schmeckt deshalb besonders gut. Als wir fertig sind sehen wir ein zweites Segelboot, das wohl außer Sichtweite geankert hat und nun mit dem ersten die Bucht verlässt. Wir sind wieder alleine! Oder fast. Denn durch unser Frühstück angelockt, gesellt sich ein Polarfuchs zu uns. Er ist extrem neugierig, fast schon zahm und kommt bis auf 3-4 m an uns heran. Wir taufen den Polarfuchs „Arved“, sind aber über sein Verhalten etwas beunruhigt. Schließlich gibt es auch hier Tollwut. Als Programm für heute steht die Untersuchung von Solifluktionsloben an, die durch langsames Hangkriechen entstehen. Andreas ist in unserem Team dafür der Experte. Hangkriechen bedeutet aber auch, dass wir die Hänge hoch „kriechen“ müssen, um sie untersuchen zu können. Nach den anstrengenden letzten Tagen laufe ich heute wie gegen Gummibänder. Andreas vergisst noch seine Kamera, sodass ich mit ihm nochmals umdrehen muss. Die ersten Solifluktionsloben sind sehr gut ausgeprägt und treten an einem Südhang mit ca. 10-20 Grad Hangneigung auf. Wir vermessen die Größe der Loben, beschreiben ihre Morphologie und machen unzählige Polebilder. Zuhause wollen wir daraus ein 3d Modell berechnen. Als Referenzpunkte stellen wir unsere Thermoskannen auf, die wir anschließend fotografieren und mit dem Lasermessgerät einmessen. Dabei ist sowohl der genaue Abstand als auch die Neigung zwischen den Messpunkten wichtig. Mit dem ersten Hang fertig, klettern wir über die Moräne des Steenbreen Gletschers höher den Hang hinauf. Dort oben ist unser zweites Untersuchungsgebiet für heute. Die Solifluktionsloben sind hier deutlich größer und dicker. Waren sie an der ersten Stelle 20-30 cm hoch, sind es hier eher 50-60 cm. An beiden Stellen finden wir zahlreiche Hinweise darauf, dass sich die Loben noch immer bewegen. Insbesondere sehen wir an der zweiten Stelle am Beginn der Loben Spalten. Wir schließen daraus, dass die Loben hangabwärts gleiten. Ernst und ich klettern nach getaner Arbeit noch bis zum Gipfelgrat der Seitenmoräne des Steenbreen Gletschers. Von dort hat man einen schönen Blich auf den Gletscher und sein Kar und einen fantastischen Blich auf die morphologischen Strukturen vor dem Uversbreen und dem Comfortlessbreen, also sprich unserem „Spielplatz“. Auf unserem Nachhauseweg stoppen wir noch an einer Eiswand mit Lehrbuch-artigen Sedimentationsstrukturen, die auf zahlreichen Fotos verewigt werden. Insgesamt haben wir es heute etwas ruhiger angehen lassen, was aber nach den Anstrengungen der letzten Tage auch ganz gut tat. Nichts desto trotz tun mir die Beine und der Rücken weh. Man wird halt nicht jünger. An der Hütte angekommen machen wir uns einen schönen Kaffee. Erst macht Dennis einen Gefriergetrockneten, dann lege ich mit einem richtigen Espresso nach. Beide munden hervorragend und beleben die Lebensgeister. Es hat bisher nicht zu regnen begonnen aber es hat sich stark überzogen und im Südwesten schaut es sehr stark nach Regen aus. Es ist immer wieder erstaunlich wie schnell sich das Wetter hier ändern kann. Heute Morgen hat es weniger als 30 Minuten gedauert um von strahlendem Sonnenschein zu völlig bedeckt zu wechseln. Gerade als ich diese Zeilen schreibe, fängt es an zu regnen an und wir müssen alles schnell wegräumen bzw. verpacken. Wir sitzen nun mit all unserer Ausrüstung zu fünft in unserer 2.20 x 4.50 m großen Hütte. Da müssen einige sitzen, damit die anderen das Essen kochen können. Bei dem Wetter und der geschlossenen Tür ist es in der Hütte so dunkel, dass Dennis mit Stirnlampe kocht. Eine neuartige Erfahrung. Obendrein schimpft er über die mangelhaft Kochausstattung, die einige Kreativität erfordert, um für fünf hungrige Leute das Essen auf den Tisch zu bringen.

Fotos

Das Karlsforland in der „Abendsonne“.
© KOP 132 SPLAM
  • Mehrere Meter mächtiges Toteis, das beim Gletscherrückgang zurück blieb und jetzt von einer Schuttschicht bedeckt ist
    © KOP 132 SPLAM
  • Skelett einer Robbe, das wir zwischen dem Toteis entdecken
    © KOP 132 SPLAM
  • Blick Richtung Uversbreen Gletscher mit Moränenhügeln im Vordergrund
    © KOP 132 SPLAM
  • Der Comdortlessbreen Gletscher aus der Nähe
    © KOP 132 SPLAM
  • Rentiergeweihe auf der Auswaschebene des Uversbreen Gletschers
    © KOP 132 SPLAM

17.07.2018

Wir sind zurück! Heute war ein anstrengender „Wandertag“. Wir sind heute nach dem Frühstück, dessen Höhepunkt die Erdbeer-Rhabarber Marmelade war, die Ralf mitgebracht hat, auf eine ca. 15-20 km lange Rundtour gegangen, um das Gelände erst einmal zu erkunden. Das Wetter ist nach wie vor gut, d.h. es ist bewölkt, nicht zu kalt und nicht zu windig. Da es aber etwas bewölkt ist, bleibt die Diskussion ob Ralf oder Dennis die Wette über die Wettervorhersage gewonnen hat. Die letzte Nacht haben wir alle gut geschlafen, so dass unserer Exkursion nichts mehr im Wege steht. Die Rucksäcke sind schnell gepackt. Jeder nimmt sich Tee, Schokolade und Fischbüchsen mit – das sollte für den Tag reichen. Auch Klamotten für eventuell aufkommendes schlechtes Wetter und Verbandsmaterial nehme ich mit. Man kann ja nie wissen. Nach ca. einer halben Stunde stellt sich uns ein erstes Hindernis in den Weg – die Uversoyra, der Schmelzwasserfluss des Ulversbreen. Die Uversoyra ist kein einzelner Fluss sondern besteht aus vielen kleineren Flussarmen, die sich verzweigen, wieder zusammenfließen, um sich erneut zu verzweigen. Ein typisches Verhalten von Flüssen in sehr flachen Gelände. In der Tat ist das Vorfeld der Gletscher extrem eben. Wir springen also über Bach nach Bach und suchen uns den besten Weg. Ernst hat schon lange aufgegeben, hat die Schuhe ausgezogen und marschiert stracks durch das 2 km breite Flussbett. Wir anderen folgen so gut es geht. Am Ende kommen wir alle mehr oder weniger zeitgleich am anderen Flussufer an. Dort erwartet uns eine sehr unübersichtliche hügelige Landschaft, die durch den Gletscher als sog. Moränen gebildet wurde. Uns steckt noch der Schrecken unserer Eisbärbegegnung in den Knochen und so sind wir extra vorsichtig da man hier kaum 50 m sehen kann wenn man in einem Tal läuft. Wir laufen daher entlang der Gipfel was den Nachteil hat, dass es immer rauf und runter geht. Im Luftbild haben wir in diesem Gebiet fantastische Esker des Comfortlessbreen gesehen, die wir gerne aus der Nähe anschauen wollen. Esker sind Kiesrücken die entstehen wenn unter oder in dem Gletscher ein Schmelzwasserkanal besteht in dem Sedimente abgelagert werden. Zu unserer Enttäuschung sehen wir die Esker heute nicht. Trotz sorgfältigem Packen haben wir das Luftbild an der Hütte vergessen, sodass wir ins in der Hügellandschaft nur schwer orientieren können. Außerdem ist das Luftbild aus dem Jahre 2008 und in dieser dynamischen Umgebung hat sich seither sicher sehr viel geändert. Die Enttäuschung hält sich aber nicht lange, da wir sehr viel Toteis beobachten können, das mit ca. 1m Geröll bedeckt ist. An Steilabbrüchen ist das Eis sichtbar. Durch das Tauen entstehen direkt davor kleinere Schmelzwasserseen. Zwischen Wasser und Eis bildet sich eine sehr scharfe Schmelzkante aus, die eine mehrere Meter nach hinten reichende Eishöhle begrenzt. Ständig hört man Sedimente in die Seen abrutschen und es wird einem bewusst, dass man auf einer sehr dünnen Schuttschicht auf einem Restgletscher läuft. An einem dieser Seen finden wir ein Skelett eines Raubtiers mit massiven Schädel mit relativ langen Fangzähnen und spitzen dreizackigen Backenzähnen. Nach eingehender Diskussion denken wir, dass es sich um eine Robbe handeln muss. Wir lassen den Comfortlessbreen rechter Hand liegen und laufen auf die Endmoräne des Uversbreen zu. Schon von weitem sehen wir eine exponierte Eiswand, die wir sehen wollen. Leider versperrt uns ein großer Arm der Uversoyra den direkten Zugang. Ernst und ich scouten schon einen möglichen Übergang aus aber angesichts der fortgeschrittenen Zeit beschließen wir die Fluss Durchquerung zu verschieben. Stattdessen laufen wir auf der davor liegenden Ebene Richtung Norden zu der Stelle wo die Uversoyra die Endmoränen durchbrochen hat. Ein absolut spektakulärer Anblick. Ernst und ich klettern noch auf einen Hügel der Endmoräne, um einen Blick auf den Uversbreen zu erhaschen während sich die anderen eine Mure anschauen. Dann ist es auch schon höchste Zeit sich auf den Nachhauseweg zu machen. Vor uns liegen noch ca. 8 km bis wir wieder an der Hütte sind. Anfangs kommen wir sehr gut auf der Ebene voran, bis wir schließlich wieder mit den zahlreichen Fluss Überquerungen zu kämpfen haben. Das ist sehr zeitaufwendig weil man ständig zig-zag läuft, um die „besten“ Übergänge zu finden. Ernst läuft natürlich wieder barfuß und wir fragen uns wie er das bei den Temperaturen aushält. Wenn einem die Fluss Überquerungen nichts ausmachen dann sicher die großen Schuttfächer, auf denen es sehr schwierig ist zu laufen. Aber irgendwann haben alle Mühen ein Ende und wir kommen gegen 19:00 Uhr an der Hütte an. Ich habe noch eine wichtige Arbeit vor mir. Es muss ein Flaggenmast für meine bayerische Fahne aufgestellt werden. Nach 10 Minuten weht die Fahne und meine Welt ist wieder in Ordnung. Extra bavariam nulla vita et si est vita non est ita! Dennis protestiert natürlich wie immer. Aber das hat ja schon Tradition und wird von mir ignoriert. Andreas kocht uns mittlerweile Reis mit Curry. Genau das Richtige nach so einem Tag und es schmeckt ausgezeichnet. Ich glaube, wir sind heute alle etwas müde, denn zum Abendessen haben wir doch glatt das Bier vergessen. Für das Abspülen gibt es unter drei Freiwilligen eine Diskussion wer denn nun darf - Ernst gewinnt! Dennis macht den üblichen Kontrollanruf in Ny Alesund um Bescheid zu geben, dass hier alles in Ordnung ist. Die Wettervorhersage für morgen prophezeit ungewöhnlich warme Temperaturen von 10 Grad Celsius(!), mittags etwas Sonne und ab 15:00 Uhr Regen. Wir tun also gut daran heute früh ins Bett zu gehen und morgen dafür früher auf zu stehen. Aber jetzt erst noch das wohl verdiente refreshingly Norwegian „Arctic” Bier zum Abschluss eines sehr schönen Wandertags. Vor dem  zu Bett gehen liegt das Karlsforland in der gleißenden Sonne – ein wirklich beeindruckender Eindruck, den die Fotos nicht wirklich vermitteln können. Da ich sowieso gerade draußen bin, gehe ich noch die ca. 200 m zu einem Felsen, der bei Ebbe von einer Robbenfamilie als Rastplatz benutzt wird. Ich „schleiche“ mich in meinen grellroten AWI Parka an die 7-8 Tiere heran und mache Fotos. Sie lassen sich nicht weiter von mir stören und dösen gemütlich vor sich hin. Es sind wahrscheinloch genau die gleichen Robben, die mir heute Morgen beim Toilette gehen zugeschaut haben. Man erledigt sein Geschäft am Strand während eine Robbe vorbei schwimmt und einem neugierig aber auch verständnislos beobachtet. Immer noch besser als in unserem ersten Jahr, als wir gegenüber von Longyearbyen gezeltet haben und die großen Kreuzfahrtschiffe vorbei gefahren sind…

Fotos

Fünf Leute und Gepäck in einer kleinen Hütte. Schaut unordentlich aus, funktioniert aber
© KOP 132 SPLAM
  • Strandterrasse auf dem Weg von der Geopol-Hütte zur Kjaersvika-Hütte.
    © KOP 132 SPLAM
  • Die Kjaersvika-Hütte. Man beachte den kleinen und hohen Einstieg, der den Zutritt auch bei großer Schneehöhe ermöglicht
    © KOP 132 SPLAM
  • Kliff nahe der Kjaersvika-Hütte
    © KOP 132 SPLAM
  • Blick auf die Nordspitze des Karlsforland wo Wolken die Morphologie nachbilden
    © KOP 132 SPLAM
  • Auf dem Weg zur Stene-Hütte. Der Grund warum Spitzbergen Spitzbergen heißt
    © KOP 132 SPLAM
  • Wilkommene Rast bei der Stene-Hütte
    © KOP 132 SPLAM
  • Ein wunderbarer Tag auf Spitzbergen und eine tolle Wanderung zur Daerten-Hütte
    © KOP 132 SPLAM
  • Unser neues Domizil für die nächsten Tage: Die Daerten-Hütte
    © KOP 132 SPLAM

16.7.2018

What a day! Heute heißt es Abschied nehmen von Geopol. Darum ist unser Captain auch schon um kurz vor 7:00 Uhr auf den Beinen. Ich bin gerade langsam am Aufwachen als er durch die Hütte tobt. Mir ist eigentlich noch nicht nach Aufstehen, aber er hat natürlich Recht, dass wir raus müssen. Frühstück wie immer! Danach geht es ans Packen und Saubermachen. Wir sind ja nach Jahren Spitzbergenexkursionen ein eingespieltes Team und jeder weiß was er zu machen hat. Wie ein altes Ehepaar, quasi! Dennis telefoniert noch über das Satellitentelefon mit Ny Alesund und sowohl Wetter als auch alles andere schaut gut aus, um unser Gepäck und Andreas und Ralf per Motorboot nach Daerten zu bringen. Davor müssen wir aber alles Gepäck zur Abholstellen schleppen. Jeder kriegt einen dicken Rucksack/Ortliebsack und Ralf und ich ziehen noch den kleinen Wagen mit der Werkzeug- und Probenkiste während Ernst Schaufel und Spaten schleppt. Die anderen kriegen natürlich auch ihren Teil ab. Basile ist wie wir pünktlich und gemeinsam ist alles Gepäck für Daerten schnell verladen. Andreas und Ralf hüpfen noch in die Überlebensanzüge und schon sind sie unterwegs. Ernst, Dennis und ich werden die ca. 15 km laufen. Während wir das Motorboot immer kleiner werden sehen, laufen wir zurück zur Geopolhütte, um noch eine letzte Nudelsuppe und einen letzten Tee dort zu trinken. Dann wird noch abgespült, rausgekehrt, die Fensterläden vorgehängt. Der Stubendurchgang fällt zur allgemeinen Zufriedenheit aus und so machen wir uns auf den Weg. Das Wetter zeigt sich mittlerweile von seiner allerbesten Seite. Es weht fast kein Wind, die Sonne scheint und es ist angenehm warm. Fast zu warm zum Wandern! Es ist richtig gut mal wieder neue Gebiete zu erwandern und neue Dinge zu erkunden. Nach ca. 1,5 Stunden kommen wir an der Kjaersvika-Hytta an. Der Weg dorthin war ein Kinderspiel. Wir mussten nur wenige Höhenmeter überwinden und der Boden war trocken und gut begehbar. Doch die Hütte! Was für ein Unterschied zu Geopol! Die Hütte ist viel kleiner und recht dunkel. Es gibt aber alles, was man zum Überleben braucht. Ein Stockbett mit zwei Betten, einen Gaskocher mit zwei Flammen, einen Holzofen und einen Tisch mit zwei Stühlen. Unterm Dach gibt es außerdem ein Matratzenlager. Der Einstieg ist eine kleine Luke, die ca. einem Meter über dem Boden liegt. Durch die Lage der Hütte sammelt sich wohl viel Schnee an… Wir sitzen in der Sonne und genießen den fantastischen Ausblich auf das Karlsforland. Spitze weiße Berge, die von zahlreichen Gletschern unterbrochen werden. Da geht einem das Herz auf! Vor allem, weil man von hier die gesamte vorgelagerte Insel sehen kann. Aber wir müssen weiter. Zwischen der Kjaersvika-Hytta und der Stene-Hytta liegen ca. 7 km. Auf dem Weg sehen wir viel interessante Geologie und wir laufen auf einer Art Plateauebene  30-40 m oberhalb dem Strand entlang. Topfeben und ohne jede Probleme zu laufen – abgesehen von den Bacheinschnitten, die man überqueren muss. Aber selbst das ist kein Problem, da die ganzen Gletscher in nördliche Richtung entwässern. Wir kommen sehr gut und sehr schnell voran und erreichen die Stene-Hytta viel früher als wir dachten. Wir sind überrascht, wie toll diese Hütte ist. Im Inneren finden sich ein Stockbett und ein Sofa sowie der obligatorische Zweiflammenherd und der Holzofen. Alles ist sehr gepflegt und sauber. Sie wurde offensichtlich vor kurzem renoviert und besitzt eine Sonnenterasse mit Blick auf das Karlsforland. Sicher eine Million Dollar wert. Als setzen wir uns auf die Terrasse, trinken Tee und Essen Fischkonserven und Schokolade. Eigentlich will man von so einer Hütte nicht wirklich weitergehen. Das Wetter ist noch immer fantastisch und wir erfreuen uns an den atemberaubenden Ausblicken. Hinter jeder Ecke scheint es noch besser und spektakulärer zu werden. Die letzten paar Kilometer zur Daerten Hütte, unserem Ziel, sind etwas schlechter zu laufen, da das Gelände unruhiger ist. Aber schließlich kommt die Hütte ins Blickfeld und wir können Andreas und Ralf vor der Hütte ausmachen. Es stellt sich heraus, dass die Daerten Hütte eine noch bessere Sonnenterrasse besitzt als die Stene-Hytta. Im Inneren finden sich ein Doppelbett, ein Bett über dem Doppelbett und ein Sofa. Und natürlich ein Kocher, Tisch und Ofen – Standardausrüstung! Der Blick auf die Gletscher ist nochmals besser als bei der Stene-Hytta. Es hat sich also rentiert, weiter zu laufen. Eigentlich ist die Hütte der reine Luxus und hat etwas von einem italienischen Ferienhaus am Meer an sich. Lediglich die Temperaturen und Gletscher machen einem klar wo man sich befindet. Ralf und Andreas empfangen uns mit einem gedeckten Tisch aber wir sind noch von unseren Fischbüchsen satt. Außerdem müssen wir erst die Landschaft in uns aufsaugen, die einfach genial ist. Im Prinzip weiß man gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Auf die Gletscher und Bergkette des Karsforlands oder den Comfortlessbreen, der auf der anderen Seite der Engelsbukta ins Meer fließt. Oder die spitzen Berggipfel, sie den Gletscher mit ihren dunklen Gesteinen einsäumen. All das muss erst einmal sacken! Da wir von der Wanderung doch recht verschwitzt sind, gehen Ernst und ich ins Meer und anschließend an einen kleinen Bachlauf zum Waschen. Das Meerwasser ist saukalt und mehr als ein paar Schwimmzüge sind nicht drin aber an der Luft erwärmt man sich schnell wieder. Immerhin kann ich jetzt sagen, dass ich im polaren Ozean gebadet habe. Na gut, das ist vielleicht etwas übertrieben. Die Sonne ist kräftig und es weht absolut kein Wind an unserer Badestelle. Wir fühlen uns wie neu geboren! Allerdings sollte man mit solchen Äußerungen vorsichtig sein. Denn Monika Schwartzmann sagt dazu, dass sie nicht wie neugeboren sein möchte weil man da ja nur rum liegt und seinen Stuhlgang nicht unter Kontrolle hat. Zitat Ende! Nach dem Baden geht auch Ralf Duschen und er ist sogar so tapfer sich die Haare zu waschen. Danach schmeckt uns allen ein Bier in der Sonne auf unserer Terrasse. Zu essen gibt es heute Reis mit Fleischsauce. Ein absolutes Novum ist, dass wir auf der Terrasse, also sprich im Freien (!) Abendessen können. Das Abspülen gestaltet sich etwas schwieriger als auf Geopol da nur eine kleine Plastikwanne dafür zur Verfügung steht. Aber auch das schaffen wir. Dann ist es auch schon Zeit für ein zweites Bier. Es hat schon seine Vorteile wenn die Hütte direkt am Strand liegt und die Essenslieferung per Motorboot erfolgt. Da kann man auch mal ein paar Biere mehr mitnehmen. Insgesamt war das heute ein perfekter Tag in der Arktis wie man sie nur selten erlebt. Wow!

Fotos

Grabungsarbeiten an einem Steinkreis
© KOP 132 SPLAM
  • Der fertige Graben durch einen Steinkreis – bereit zur Sedimentansprache und Probennahme
    © KOP 132 SPLAM
  • Detail des Grabens durch den Steinring eines Steinkreises
    © KOP 132 SPLAM
  • Ansicht der Grabungswand mit den genommenen Bodenproben. Die Proben wurden den Löchern in der Wand entnommen und gehen zur weiteren Analyse nach Münster
    © KOP 132 SPLAM
  • Der gesamte Graben mit den verpackten Proben
    © KOP 132 SPLAM

15.7.2018

Ich bin um 7:30 Uhr wach und mache erstmal Espresso für Ralf und Dennis. Dennis hat gestern seinen Espresso ans Bett bestellt und Ralf liefert ihn prompt dort hin. Dazu singen wir Dennis ein „Guten Morgen“ Lied. Entsprechend gut gelaunt hüpft unser Expeditionsleiter Cpt. Reiss aus seinem Stockbett. Nudelsuppe, Frühstücksfleisch und Fisch. Das Frühstücksfleisch ist natürlich Spitzenqualität. So steht es zumindest auf der Dose und wir wollen alle nicht wissen, wie Frühstückfleisch schmeckt, das nicht Spitzenqualität ist. So gestärkt machen sich Ernst, Ralf und ich an die Grabung an dem gestern ausgesuchten Steinkreis. Zuerst lässt sich das Material sehr gut graben, da es relativ feinkörnig, lehmig-schluffig ist. Nach ca. 30 cm erreichen wir aber eine Kiesschicht, die sehr konsolidiert ist und sich nur mehr dann graben lässt wenn man vorher das Material mit einem Pickel aufgelockert hat. Aber dadurch, dass wir dieses Jahr zu dritt graben geht es relativ schnell und gut voran. So ähnlich wie es an einer Hauswand in Torbole steht, wo Goethe an der Iphigenie geschrieben hat: „Im Angesicht des Sees ging mir die Arbeit (an der Iphigenie) gut von statten“. Trifft auch auf uns zu, da wir von unserer Grabungsstelle einen kleinen Tümpel sehen können. In ca. 70-75 cm erreichen wir eine wasserführende Schicht und somit ist unsere maximale Tiefe erreicht. Wir verbreitern also unseren Graben, so dass wir ordentlich Proben nehmen können und ein möglichst gerades Grabungsprofil erhalten. Wir haben dieses Jahr eigentlich durch zwei benachbarte Steinkreise gegraben, die sich einen mittleren Steinwall teilen. Der Graben ist wirklich gut gelungen und wir sehen jede Menge Strukturen in der Grabungswand. Jetzt ist Ralf natürlich voll in seinem Element. Er zeigt uns wie eine ordentliche Bodenansprache funktioniert und Ernst und ich lauschen. So professionell haben wir das bisher nicht hinbekommen, obgleich auch wir die wichtigen und richtigen Beobachtungen machen. Jedenfalls verbringen wir viel Zeit mit Diskutieren. Schaufeln und Denken machen natürlich hungrig und der kurze Weg zur Geopohütte verleitet uns zum Mittagessen „heim“ zu gehen. Die Sonne scheint heute und es weht nur eine leichte Brise. So sitzen wir bei Tee und Schokolade draußen und genießen die Wärme. Andreas und Dennis sind derweil mit Pole- und Drachenbildern beschäftigt. Dann geht es ans Proben nehmen. Wir gehen sehr methodisch vor und so dauert es eine Weile bis alle 18 Proben genommen, ordentlich beschriftet und verpackt sind. Ralf nimmt nochmals extra Proben, die er sofort mit nach Nördlingen nehmen will, um Konsistenzmessungen zu machen. Den Rest der Proben werden wir wie üblich per Schiff nach Bremerhaven und dann nach Münster bringen lassen, wo hoffentlich eine neue Masterarbeit daraus entstehen wird, um die Proben auch auszuwerten. Nach dieser durchweg befriedigenden Arbeit – nach all der Schaufelei bekommt man schließlich was man eigentlich will – trifft sich die ganze Meute beim Kaffee in der Sonne vor Geopol. Andreas hat eine hervorragende Sonnenbank gebaut, die heute heiß begehrt ist. Ralf macht mir den Kaffee und serviert ihn mit einem Handtuch über dem Arm und mit Untersetzer. Wir haben ja schließlich Stil! Ernst und ich haben dann noch die Aufgabe den letzten Steinkreis zu untersuchen, den wir gestern aufgrund des Eisbären nicht mehr machen konnten. Also gehen wir ca. 3 km Richtung Strand, immer ein Auge auf die Umgebung auf der Suche nach Eisbären. Jetzt wo man weiß, dass es hier Eisbären gibt, läuft man irgendwie anders durch die Gegend. Und in der hellbeigen Umgebung sind dreckige Eisbären nur dadurch aus zu machen weil sie sich bewegen. Der Steinkreis ist schnell abgearbeitet und dann geht es die 3 km wieder zurück. Ich sammle noch ein paar Handstücke von wunderbaren Brekzien für Ralf und seinem Freund aus der Pizzeria in Nördlingen. Beim letzten Besuch in der Pizzeria hatte ich ihm einen Fisch aus den Solnhofener Plattenkalken versprochen, dann aber Nichts gefunden. Ich hoffe, die Brekzie aus Spitzbergen ist ein adäquater Ersatz! An der Hütte angekommen, überlegen wir kurz sofort Abendessen zu machen. Aber Ernst und ich wollen bzw. müssen erst noch unseren Graben zuschütten. Das Zuschütten ist fast so anstrengend wie das Ausschaufeln aber irgendwann ist es vollbracht und es gibt Essen. Ralf hat uns etwas Vegetarisches gekocht und es schmeckt hervorragend. Hinterher gibt es Spaghetti mit Thunfischsauce. Da das Wetter immer noch gut ist, ist heute Duschen angesagt. Also gehen Ernst, Ralf und ich an den kleinen Bach und waschen uns dort von oben bis unten. Bei 7-8 Grad Celsius Lufttemperatur, leichten Wind und einer noch niedrigeren Wassertemperatur wird man bei dieser Prozedur sehr schnell. Aber es ist eigentlich gar nicht so schlimm und hinterher fühlt man sich deutlich besser. Anschließend gibt Andreas Schwedischunterricht. „Trött“. „Trött“. Nein, „Trött“. „Trött“. Nein, „Trött“. „Trött“. So geht das eine Weile bis wir alle an unserer Intelligenz zweifeln und einen ausgewachsenen Lagerkoller vermuten. Da müssen wir sofort unsere letzten Biere aufmachen, um auf andere Gedanken zu kommen. Da sind wir natürlich sofort beim WM Finale, das heute stattfindet. Basile und Rudolf werden es sich vermutlich anschauen. Jedenfalls können wir über das Satellitentelefon niemanden erreichen. Mal schauen, wie wir unseren „Umzug“ zur Daerten-Hütte morgen früh organisiert bekommen. Der Plan ist, dass drei von uns die 15 km dorthin wandern während die anderen zwei mit dem Motorboot und dem Gepäck dorthin fahren sollen.

Fotos

Foto, das von Dennis und Andreas Standpunkt gemacht wurde. Der Eisbär lief zwischen unseren zwei Gruppen durch
© KOP 132 SPLAM
  • Steinkreis auf Kvadehuksletta mit Farbmarkierung aus dem Jahre 2012
    © KOP 132 SPLAM
  • Eisbär, den wir glücklicherweise nicht interessierten. Er passierte uns in ca.150 m Abstand
    © KOP 132 SPLAM
  • Untersuchung der Hebungsrate der Steinkreise. Die Eisenstangen wurden durch das Gefrieren und Tauen des Bodens seit dem letzten Jahr um mehrere Zentimeter aus dem Boden gezogen
    © KOP 132 SPLAM

14.7.2018

Offensichtlich hat jeder von uns hervorragend geschlafen denn es ist schon fast 9:00 Uhr als wir wach werden. Ich mache erstmal Espresso für Ralf und Dennis und richte dann die Teller zum Frühstücken her. Unaussprechliche Nudelsuppen werden kredenzt – ein Traum! Andreas schnauft etwas weil seine Suppe offenbar sehr scharf ist. Knäckebrot, Konservenwurst und Fisch runden das Frühstück ab. Anschließend machen wir uns auf den Weg unsere Steinkreise zu inspizieren, die wir 2012 markiert haben. Wie schon im vergangenen Jahr beobachten wir an allen Steinkreisen deutliche Veränderungen, die immer dem gleichen Muster folgen. Es wird also von Jahr zu Jahr unwahrscheinlicher, dass die Veränderungen durch Wind, Schnee oder Rentiere verursacht werden. Meist sehen wir die größten Veränderungen an Stellen an denen feinkörniges Material aus dem Untergrund des Steinkreiswalls nach oben kommt. Wir arbeiten uns einen Steinkreis nach dem anderen in Richtung Strand vor und Ralf ist uns eine echte Hilfe. Er stellt erstmal alle unsere Gedanken in Frage und wir haben die tollsten Diskussionen. Genau was ich mir von seiner Anwesenheit hier erhofft hatte. Aufgrund seiner ungeheuren Erfahrung in der Ingenieursgeologie macht er auch viele neue Vorschläge, die wir ebenfalls diskutieren. So vergeht die Zeit im Flug und wir haben jede Menge Spaß. Das ist vielleicht für einen Nicht-Geologen nur schwer nachvollziehbar, dass es Spaß machen soll in einer gottverlassenen Gegend bei starkem Wind auf einer freien Fläche und nur 5 Grad plus zu stehen, um über ein paar Gesteinsbrocken zu diskutieren. Aber mal ehrlich – wir haben Spaß dabei! Wir inspizieren also unsere Steinkreise 12SC1, 12SC2, 12SC3 und so weiter und sind gerade an 12SC11 angekommen, der schon rechtnahe dem Strand liegt. Plötzlich meint Ernst: “Was ist das denn für ein Tier?“ Im gleichen Augenblick ist ihm die Antwort aber auch schon klar. Wir stehen ca. 150m von einem Eisbären entfernt, der sich glücklicherweise nicht um uns schert, sondern gemütlich weiter trottet. Wir ziehen uns sofort zurück und ich habe zur Sicherheit schon mal das Gewehr zur Hand genommen. Andreas und Dennis sind uns voraus gegangen und sind schon am Steinkreis 12SC12 als auch sie den Eisbären sehen. Der Eisbär läuft also zwischen unseren zwei Gruppen durch! Es war sehr interessant zu sehen, dass Dennis und Andreas, die ja mehrere hundert Meter entfernt waren, sich komplett anders verhalten haben, als während der normalen Arbeit. Wir wussten also sofort, dass auch sie den Bären gesehen haben und die entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen eingeleitet haben. Eine gegenseitige Warnung war also nicht notwendig. Im Rückzug wurde schnell klar, dass sich der Bär nicht wirklich für uns interessiert und so habe ich noch ein paar ganz guter Photos machen können. Diese Photos zeigen einen noch nicht vollständig ausgewachsenen Bären, der gut im Futter steht und sich deshalb nicht die Mühe gemacht hat uns zu jagen. Wir waren wie schon vor zwei Jahren auch dieses Mal wieder überrascht wie schnell sich die Eisbären bewegen. Selbst im gemütlichen Trott sind sie deutlich schneller als jeder Mensch. Fangen sie erstmal zu laufen an, ist Wegrennen völlig sinnlos. Niemand ist schneller als ein Eisbär, schon gar nicht im unebenen Gelände mit dicken Klamotten und Bergschuhen. Von einem kleinen Rücken aus behalten wir den Bären im Auge, während Andreas und Dennis zu uns rüber kommen. Ralf raucht erstmal zwei Zigaretten zur Entspannung. Insgesamt haben wir die Situation gut gemeistert und genau das umgesetzt, was uns in den Kursen beim AWI beigebracht wurde. Einzige Selbstkritik ist, dass wir unsere Funkgeräte und das Satellitentelefon hätten mitnehmen sollen. Andererseits reichen uns die Batterien nicht aus, um die Geräte während der ganzen Zeit zu betreiben. Jedenfalls rufen wir nach Rückkehr zu Geopol erstmal das Blaue Haus an, um Rudolf über den Eisbären zu informieren. Marine nimmt das Gespräch entgegen und ist nicht weiter überrascht da in der letzten Zeit wohl öfters Bären in unserer Gegend gesichtet wurden. Wir kochen erstmal Wasser für Nudelsuppen und Tee, bevor wir uns wieder an die Arbeit machen. Auch Espresso mit Baileys gibt es, den unsere Vorgänger in der Hütte zurück gelassen haben. Wir wollen heute noch die Steinkreise untersuchen, wo wir letztes Jahr Eisenstangen in den Boden geschlagen haben. Durch das Gefrieren und Auftauen sollten sich diese Stangen bewegen und wir erhoffen uns davon Erkenntnisse über die Bewegungsrichtungen und den Materialtransport in den Steinkreisen zu gewinnen. Das Experiment ist ein voller Erfolg. Nach unseren Messungen stellen sich teilweise gewaltige Hebungen der Eisenstangen heraus. Manche sind gar 15-20 cm aus dem Boden gehoben worden. Auch sehen wir deutliche Unterschiede in der Hebung zwischen dem feinkörnigen Inneren der Steinkreise und den gröber klastischen Wällen. Ernst und ich sind begeistert und auch Ralf meint, dass dies ein sehr schönes und gelungenes Experiment sei. Die Planetologen bekommen also Lob aus der Ingenieursgeologie! Wer hätte das gedacht! Wohlgelaunt machen wir uns auf die Suche nach einem Steinkreis, an dem wir morgen eine neue Grabung vornehmen wollen. Nach einiger Suche finden wir auch einen aber der einsetzende Nieselregen verleidet uns die Arbeit. Wir beschließen morgen zu Graben beginnen. Andreas und Dennis haben mittlerweile den Drachen fertig gemacht und damit begonnen zu fliegen. Aber das Wetter macht auch ihnen einen Strich durch die Rechnung. Da es eh schon 19:30 Uhr ist, ist es auch Zeit ans Abendessen zu denken. Andreas kocht uns ein ausgezeichnetes indisches Curry mit Reis. Dazu ein frisches Bier und der Abend ist gerettet. Allerdings sind wir alle müde und so bereiten wir uns bereits gegen 22:30 Uhr auf die Nachtruhe vor. Ist auch gut so, denn schließlich wollen wir morgen früher aus den Federn kommen. Vielleicht träumen wir ja auch alle vom Eisbären. Man wird sehen…

Fotos

Die Geopol-Hütte mit bayerischer Fahne! Eine bewährte Tradition!
© KOP 132 SPLAM

13.7.2018

16:30Uhr. Wie sind an Geopol angekommen. Endlich! Home sweet home! Doch langsam. Der Tag hat heute erstmal mit Aufstehen begonnen. Oh Wunder! Nachdem der Blog nach Münster geschickt war, gibt es ab 7:30Uhr in der Kantine Frühstück. Spiegeleier, Kaffee, Käse, Wurst, Marmelade – alles was das Herz begehrt ist da. Und wir schlagen reichlich zu, denn um 9:15 Uhr sollen wir zu unserem Schießtraining. Kings Bay hat sie Vorschriften geändert und deutlich verschärft. So gibt es jetzt nur mehr zwei Termine für das Schießtraining was für Wissenschaftler wie uns extrem schlecht ist, da wir ohne Zertifikat nicht ins Gelände können. Bei nur zwei Terminen kann es also schon mal sein, dass man in Ny Alesund für ein paar Tage festhängt. Der Instruktor ist sehr genau, erklärt aber auch viele Dinge und gibt uns Tips, wie wir „besser“ Schießen. Dennis, Ernst und ich schießen wie immer ganz gut und auch Ralf hat nach kleineren Anlaufschwierigkeiten alle Eisbären erlegt. Ein Schuss befindet sich am äußersten rechten Rand der Zielscheibe und er Instruktor war nicht übermäßig begeistert. Aber Ralf erklärt ihm kurzerhand, dass der Bär nach rechts gelaufen ist. Da muss auch der Instruktor lachen und das Thema ist, durch. Aber wir sehen auch andere Leute schießen und es ist wahrscheinlich ganz gut, dass die Anforderungen verschärft wurden. Auch mit der Signalpistole schießen wir, so dass sich das Training insgesamt bis zum Mittagessen hinzieht. Irgendwie wussten wir bereits vorher, dass zur Essenszeit alles vorbei sein wird. Obwohl es durch das Waffenreinigen etwas knapp wurde. Unser Plan war, dass wir für mindestens eine Stunde packen können. Wir müssen ja für zwei Hüttenplanen. Gepäck, das wir für Geopol brauchen ist nicht das Gleiche wie wir für die zweite Hütte, Daerten, brauchen und umgekehrt. Also, zwei Rucksäcke, zwei Gerätekisten, zwei Essenskisten. Am Montag werden uns die AWI Leute das Gepäck für Daerten per Boot liefern und auch unser Gepäck auf dem Weg dorthin aus Geopol abholen. Irgendwann ist alles sortiert und verpackt und es bleibt noch Zeit für eine schnelle Dusche. Die letzte für über eine Woche! Aber wir werden ja alle gleich stinken, so dass es nicht weiter auffallen wird. Auch für einen kurzen Anruf zuhause ist noch Zeit und es ist schön, die Kinder nochmal zu hören bevor es losgeht. Dann übernehmen wir zwei Gewehre, das Satellitentelefon und Funkgeräte. Dennis und ich ziehen uns Überlebensanzüge an da wir mit Marine im kleineren Boot fahren werden. Dort sind Überlebensanzüge Pflicht. Die anderen fahren mit dem meisten Gepäck im größeren Boot. Es herrsch bei der Abfahrt absolute Windstille und das Meer ist spiegelnd glatt. Sehr ungewöhnlich! Je weiter wir aus dem Fjord in Richtung Geopol kommen, desto unruhiger wird das Meer und desto stärker wird der Wind. Nach ein paar kleineren Schwierigkeiten können wir anlanden und das Gepäck ausladen. Da wir den Tee in unseren Thermoskannen nicht bis zur Hütte schleppen wollen, gibt es erstmal einen Nachmittagstee. Dann verladen wir einen Teil des Gepäcks auf einen Wagen, die Rucksäcke werden geschultert und dann stapfen wir in Richtung Geopol. Ich bin froh, dass wir endlich im Gelände sind und nicht mehr abhängig sind, sondern unsere Pläne nach unseren Vorstellungen umsetzen können. Als wir ankommen liegt Geopol in der Sonne aber im Westen ziehen dicke schwarze Wolken auf. Fantastisches Licht mit unzähligen Blauschattierungen- von fast Schwarz zu Türkis. Wir öffnen die Fensterläden, schließen die Gasflasche an, Dennis holt sofort Wasser und schon kocht das erste Teewasser. Und dann ist es soweit! Trommelwirbel! Die erste Nudelsuppe. Wer den Blog des letzten Jahres gelesen hat, weiß um die enorme Bedeutung der Nudelsuppen für uns und den Fetisch den wir darum betreiben. Die erste Nudelsuppe der Saison! Dieses Jahr hat Dennis keine Rindfleisch- und Entennudelsuppe gekauft, was natürlich jede Menge Minuspunkte für ihn bedeutet. Dafür gibt es Geschmacksrichtungen mit Namen die ich noch nie gehört habe. Egal, die erste Nudelsuppe schmeckt uns allen, ist heiß und tut gut. Jeder packt seinen Rucksack aus und die Betten werden verteilt. Ich schlafe freiwillig am Boden. Die letzten Jahre hat es immer Ernst getroffen und so ist es nur fair, dass dieses Mal ich an der Reihe bin. Mittlerweile weht ein ziemlich starker Wind und wir sind froh, dass wir heute nicht in einem Zelt übernachten müssen. Geopol ist dagegen reiner Luxus, auch wenn Ralf sagt er hätte noch nie unter so einfachen Bedingungen gelebt. Der Vorteil ist – keine Telefonate, keine Emails, Stille und ein Blick der in jeder anderen Gegend Baugrundstücke in die Millionen treiben würde. Am Abend gibt es Spaghetti mit Tunfisch und Tomatensoße. Genau das richtige! Es bleibt gerade noch Zeit vor dem Abendessen um die bayerische Fahne aufzustellen. Nächstes Jahr muss ich unbedingt eine neue Fahne mitbringen. Die jetzige hat über die Jahre doch sehr gelitten weil es hier doch meist sehr windig ist. Ernst übernimmt freiwillig den Spüldienst und der Rest des Abends vergeht mit Geschichten erzählen. Und natürlich haben wir für jeden ein Bier mit hierher geschleppt, das dadurch besonders gut schmeckt. Das Beste ist aber natürlich ein feiner italienischer Espresso aus der guten Bialetti Maschine. Vom Feinsten und ein perfekter Abschluss für den Tag. Mein Bett ist schnell aufgebaut und besteht aus zwei Lagen Styroporschaum und dem superwarmen AWIPEV Arktis-Schlafsack.

Fotos

Degradation der Seitenmoräne des Kongsvegen Gletschers. Links ist ein Steinmann zu sehen und rechts ein Stativ, welche die beiden Wildkameras tragen
© KOP 132 SPLAM
  • Gletschereis mit Schmelzwassertümpel auf dem Weg nach Ny Alesund
    © KOP 132 SPLAM
  • Das Motorboot. Zweimal 60 PS lassen das Ding fliegen… Kein Vergleich zu dem Schlauchboot, das wir sonst zur Verfügung haben
    © KOP 132 SPLAM
  • Blaues Gletschereis vor dem Colletthogda Berg
    © KOP 132 SPLAM

Donnerstag, 12.7.2018

Der Wecker hat heute um 7:00 Uhr geklingelt. Das erste was uns auffällt sind die zahlreichen Veränderungen in unserem Hotel. Neue Rezeption, neue Duschen und auch sonst noch viele Dinge, die anders sind als sonst. Nach einem schönen Frühstück mit Räucherlachs müssen wir noch zahlen und uns ein Taxi organisieren. Die Besitzerin klassiert heute persönlich. Den zahlreichen Phots zufolge, die im Gang des Hotels hängen war sie wohl früher kein Kind von Traurigkeit. Und auch heute ist sie noch immer super nett. Allerdings dauert alles doch etwas länger als gedacht aber schließlich bringt uns eine Wasserstoff-blonde Taxifahrerin zum Flughafen. Es nieselt leicht und die Wolken hängen tief. Es wird also heute Nichts mit Photos aus dem Flugzeug machen. Ralf ist sichtlich von der Do28 beeindruckt. Wirkt ja auch wie ein Dinosaurier! Erfüllt aber ihren Zweck perfekt! Es ist immer wieder beeindruckend wie das gesamte Flugzeug bebt und vibriert wenn bei noch angezogenen Bremsen die zwei Motoren auf Drehzahl gebracht werden. Sobald die Bremsen gelöst werden springt das Flugzeug wie eine Katze nach vorne und innerhalb von wenigen hundert Metern ist man dann auch schon in der Luft. Auf jeder Seite eine Sitzreihe und das gesamte Gepäck hinter dem letzten Sitz mit ein paar Gurten gesichert. Es ist, wie ich es mir gedacht habe – nach kurzer Zeit tauchen wir in die Wolken ein und verbringen unsere Reise nach Ny Alesund praktisch im Blindflug. Weiße Wolken unten, oben, rechts, links. Spannend! Da nutzen Dennis und Andreas die Flugzeit von heute 25 Minuten für ein kleines Nickerchen. Auch in Ny Alesund erwartet uns Regen. Nachdem das gesamte Gepäck ausgeladen und im Bus verstaut ist, dürfen auch wir aussteigen. Rudolf, der Stationsleiter empfängt uns an der Rezeption. Er ist ein guter Bekannter von uns, der schon 2012 und 2013 die AWIPEV Station geleitet hat, dann aber ein paar Jahre pausiert hat. Zu viele Überwinterungen tun einem sicher nicht gut und da ist es eine gute Entscheidung mal ein paar Jahre etwas anderes zu machen. Auch Basile und Marine, die zwei AWIPEV Ingenieure lernen wir kennen. Speziell Basile ist von uns von großer Wichtigkeit weil er der sog. Logistics Engineer ist, der alle technischen Geräte und die Werkstatt betreut. Wir kommen alle im Rabot Gebäude unter und nachdem wir unsere Seesäcke empfangen haben, die wir bereits im Januar verschifft hatten und unser Gepäck auf die Zimmer gebracht haben, ist es auch schon Zeit für die obligatorische Einführung. Sperrgebiete, Essenszeiten, Waffenhandhabung, Alarmverhalten, Mülltrennung, alles wird akribisch erläutert. Zum Schluss muss jeder von uns unterschreiben, dass wir uns an die Spielregeln halten werden. Aber letztlich ist jetzt Essenszeit und so wird die Einführung „angepasst“. Das Essen ist wie immer reichlich und gut und es scheint, dass Ny Alesund dieses Jahr gut besucht ist. Jedenfalls ist der Speisesaal gut voll. Anschließend fangen wir schon mal an umzupacken, da wir heute noch zu „unserer“ Seitenmoräne des Kongsvegen Gletschers gebracht werden sollen. Wir können erst morgen um 9:15 Uhr unser Schießtraining absolvieren, sind also heute noch darauf angewiesen, dass uns jemand mit einem Gewehr begleitet. Basile übernimmt das. Danke dafür! So kommen wir recht zeitig aus Ny Alesund weg. Da uns Basile begleitet können wir mit dem schnellen Motorboot fahren, was uns enorm viel Zeit erspart. Andreas bleibt in Ny Alesund und hat die wichtigste Aufgabe überhaupt. Er muss heute das Bier für die nächste Woche kaufen da der Laden nur heute geöffnet ist. An der Seitenmoräne angekommen stellt sich heraus, dass die gleiche Stelle erodiert wird, die wir schon 2014 untersucht haben. Das ist natürlich perfekt, da wir somit einen Datensatz bekommen, der die Degradation der Moräne an der gleichen Stelle über mehrere Jahre belegt. Besser geht es eigentlich nicht. Da wir Basile natürlich nicht zu lange warten lassen wollen, muss es jetzt schnell gehen.  Ernst und ich bauen die Wildkameras auf, die Bilder im Minutenabstand für die nächsten Tage machen sollen, Ralf legt die Passpunkte aus, Dennis kümmert sich um den Datenlogger und zum Schluss mache ich noch Bilder von jedem Passpunkt aus, den ich auch mit dem GPS einmesse. Ernst und Dennis sind zwischenzeitlich mit den sog. Polebildern beschäftigt, also Bildern, die von einer ca. 3 m langen Stange aus aufgenommen werden. Auf meine Frage ob uns Basile nun für verrückt hält bekomme ich nur eine diplomatische Antwort. Nach 3:30 Stunden ist der Spuk vorbei und wir brettern mit voller Fahrt in den Sonnenschein und dem Abendessen entgegen. Es gibt heute irgendwelche Fischfrikadellen, eine norwegische Spezialität, die allerdings nicht unbedingt zu meinen Lieblingsspeisen zählt. Aber essen kann man es, vor allem wenn es hinterher Ölsardinen und danach noch Kekse und Kaffee gibt! Es war sehr wichtig, dass wir die Kameras heute noch aufstellen konnten, sonst hätte sich unser ganzer morgiger Zeitplan verschoben. So können wir nun morgen in aller Ruhe unser Schießtraining absolvieren, dann unsere sieben Sachen packen und darauf warten, bis wir nach Geopol gebracht werden. Diese entspannte Ruhe lässt uns das Bier genießen, das Andreas besorgt hat. Wir lassen also den Abend ruhig ausklingen, denn wir sind alle recht müde weil wir ja gestern nicht allzu lange geschlafen haben.

Fotos

Auf dem Flug nach Longyearbyen
© KOP 132 SPLAM
  • Svalbard Team im Mary-Anns Polarrigg
    © KOP 132 SPLAM

Mittwoch, 11.7.2018

12:10 Uhr. Dennis und ich sitzen in der Lounge des Flughafen Münster-Osnabrück. Wir sind wieder auf dem Weg nach Spitzbergen. Irgendwie lässt uns diese Inselgruppe im arktischen Ozean nicht mehr los. Da geht es uns wie vielen Leuten, die einfach von der grandiosen Landschaft, dem klaren Licht und der stillen, überwältigenden Einsamkeit fasziniert und gefangen wurden. Alles Gepäck ist eingecheckt und so sitzen wir mit unserem „kleinen“ Gepäck beim Kaffee trinken. Eben haben wir noch beim Zoll unsere Ausfuhrerklärung für ein paar Messinstrumente abgegeben und dabei quasi nebenbei erfahren, dass wir bis zu 20 kg Fisch aus Norwegen mitbringen dürfen. Pro Person! Die Messlatte für Dennis Angelkünste liegt also hoch dieses Jahr. Vor allem wenn man bedenkt, dass wir in den letzten acht Jahren nie einen Fisch in Spitzbergen gefangen haben. Wal- und Robbenfleisch, eine lokale Spezialität auf Spitzbergen, sind natürlich verboten nach Deutschland einzuführen. Aber das hatten wir ja eh nicht vor. Der Zollbeamte hat jedenfalls unsere Rückkehr vermerkt als wir ankündigten ihm was vom Fisch abzugeben! Sehr wahrscheinlich ging es ihm aber in Wahrheit um etwas anderes. Unser Flug geht erstmal nach München, von dort nach Oslo und schließlich nach Longyearbyen. Das Team der diesjährigen Expedition besteht aus der üblichen Stammmannschaft und einem Nördlinger Ingenieurgeologen, Ralf Barfeld. Somit umfasst unsere Truppe Ernst Hauber vom DLR in Berlin, Andreas Johnsson von der Gothenburg Universität in Schweden, Ralf Barfeld und Dennis Reiss und Harald Hiesinger vom Institut für Planetologie der Westfälischen Wilhelms Universität. Ralf ist ein langjähriger Freund, der uns schon oft bei der Durchführung unserer Rieskrater-Exkursion geholfen hat und wird uns eine große Hilfe sein bei der sedimentologischen Untersuchung der Steinkreise auf Kvadehuksletta. In Vorbereitung auf die Reise hat sich Ralf übrigens einem intensiven Training unterzogen. So hat er ein privates Schießtraining absolviert und trinkt seinen Rotwein in der „Blauen Glocke“ in Nördlingen mit Eiswürfeln. Ein Ratschlag seiner Freunde vom Vespa-Club in Nördlingen. Es war in der „Blauen Glocke“ wo Dennis, Ralf und ich beschlossen, dass Ralf unbedingt mit nach Spitzbergen kommen muss. Da ich Ralfs Vorliebe für Italien kenne, habe ich extra eine kleine Espressomaschine und ein Packet Lavazza Kaffee in meinem Rucksack. Egal wo wir unterkommen werden, zu den obligatorischen Nudelsuppen werden wir erstklassigen Espresso zum Nachtisch haben! Amundsen, Scott, Nansen, Sverdrup, Peary und Shackleton konnten davon wahrscheinlich nur träumen – aber das waren ja auch richtige Polarhelden und nicht so verweichlicht wie wir! Bei Nobile ist es schon eher wahrscheinlich, dass Espresso mit an Bord war…
Nicht nur das Team hat sich gegenüber dem Vorjahr leicht geändert, sondern auch die Aufgabenstellung. So wollen wir zwar die Steinkreise und die Seitenmoräne des Kongsvegen Gletschers erneut untersuchen, aber auch ein neues Gebiet südlich von Ny Alesund, also in der Engelsbukta des Forlandsundet für zukünftige Untersuchungen erkunden. Insgesamt rechnen Dennis und ich also mit deutlich längeren Wanderungen im Vergleich zu den letzten Jahren. Dabei werden wir auch in einer „neuen“ Hütte übernachten, die wir noch nicht kennen. Wir hoffen, dass wir alle halbwegs bequem darin unterkommen. Unseren ursprünglichen Plan von dieser Hütte zum WM Endspiel Deutschland-XX nach Ny Alesund zurück zu laufen haben wir aus bekannten Gründen bereits geändert. Wie immer in Spitzbergen, es ist Flexibilität gefragt! Auch beim Flug Richtung Oslo! Denn die freundlich gemeinte Lufthansa SMS hat uns soeben darüber informiert, dass der Flug leider um eine halbe Stunde verspätet ist. Wir werden uns also in Kürze zum Gate auf den Weg machen wo wir Ralf treffen werden. Ernst und Andreas werden wir dann in Oslo treffen, um gemeinsam mit SAS nach Longyearbyen zu fliegen. Kommando zurück – der Flug ist nochmals verspätet und wir bleiben erstmal in der Lounge beim Rotwein ohne Eiswürfel. Schließlich machen sich Dennis und ich doch auf den Weg zum Gate auf dem wir auch schon Ralf treffen. In Bergschuhen und Fjällräven-Hosen sowie Rucksack auf dem Rücken sticht er wie ein Leuchtturm sofort aus der grauen Masse der Anzug- und Schlipsträger heraus. Keine Chance, dass wir uns nicht gegenseitig sofort erspäht hätten. Am Gate vertreiben wir uns die Wartezeit mit  Geschichten über den berühmt-berüchtigten Biergarten in Deiningen, den unser gemeinsamer Freund Karl-Heinz mit Tochter und Schwiegersohn betreibt, die Bewerbung des Geoparks Ries bei der UNESCO und Spekulationen was uns diese Jahr so alles in Spitzbergen erwarten wird. Und natürlich ist das Spiel England gegen Kroatien ein Thema. Das Highlight ist aber sicher, dass sich Ralf vorstellt, dass uns der Ober heute Nacht im Hotel im Eisbärenkostüm bedienen wird. Wie sagt ein nicht ganz unbekannter Fußballer: Schau mer mal!
Der Flug nach Oslo verläuft ohne Zwischenfälle - Dennis macht ein wohlverdientes Nickerchen, Ralf hängt seinen Gedanken nach und ich lese eine Masterarbeit und beobachte den Ameisenstrom an Leuten, die zur Toilette laufen. Ein vertrautes Gurgeln, Blasen, Saugen aus der Toilette zwei Reihen hinter mir, schon ist der Nächste dran. Die Sitzreihen in unmittelbarer Nähe der Toilette haben auch ihre spannenden Momente. Der Anflug auf Longyearbyen erfolgt dieses Jahr durch das Adventdalen. Leider hängt die Wolkendecke sehr tief, so dass wir erst kurz vor der Landung etwas zu sehen bekommen. Aber für ein paar Photos reicht es. Temperatur ist 7 Grad bei starker Bewölkung. Welcome to Svalbard, Ralf! All unser Gepäck ist angekommen, das Taxi schnell bestellt und so geht es auch schon zu Mary-Anns Polarrigg, unserer Unterkunft für ein paar Stunden. Nach dem Einchecken ins Hotel ist noch Zeit für zwei Bier bevor wir um 3:30 Uhr ins Bett fallen. Mit dem Ober im Eisbärkostüm wird es um 3 Uhr morgens allerdings nichts. Dafür bedient uns eine nette Ukrainerin, die sich auch zur Herausgabe des zweiten Bieres überreden lässt obwohl sie eigentlich schon Feierabend hätte.