Spitzbergen Blog 2019

Marsforschung im Nordpolarmeer – Planetologen der WWU berichten von unterwegs

26.7.2019

Der Wecker macht was er soll: Er klingelt pünktlich um 00:15 Uhr. Das war definitiv eine kurze Nacht, speziell da wir auch immer wieder durch irgendwelche Leute geweckt wurden, die es offensichtlich für lustig halten, sich im Gang zu unterhalten und sich dann auch noch in der Zimmertüre irren und versuchen bei uns ins Zimmer zu kommen. Auch Jan schaut eher unausgeschlafen aus. Aber es hilft ja nichts und so hübschen wir uns kurz auf und packen die restlichen Dinge. Das Taxi ist viel früher da als bestellt und wartet schon vor der Türe. In zügiger Fahrt geht es zum Flughafen, so dass wir dort eigentlich viel zu früh ankommen.

Es ist gut, dass wir gestern schon eingecheckt haben. So können wir heute an einem Computerterminal unsere Gepäckstreifen ausdrucken und brauchen uns nicht in die Schlange zum Check-in zu stellen. Das spart nochmals Zeit. Und da wir jetzt das DGPS samt Kiste verschiffen, sind wir auch unter dem Gepäcklimit von 23 kg pro Person. Es gibt also keine Diskussionen dieses Jahr. Sehr angenehm – speziell um diese Uhrzeit! Nur beim Abgeben von Jans und meinem Rucksack funktioniert das Scannen des Gepäckstreifens nicht und wir brauchen doch noch Hilfe. Das geht aber innerhalb von weniger als fünf Minuten, dann ist alles erledigt. Jan geht noch schnell seinen Nikotinspiegel erhöhen, während Andreas und ich schon mal die Sicherheitskontrolle hinter uns bringen. 1:15 Uhr und wir sitzen im Warteraum. Boarding ist um 2:05 Uhr, es ist also noch genügend Zeit für einen Kaffee.

Jan und ich fliegen heute – ganz wichtig – Business Class, die tatsächlich um 4 Euro billiger war als die normale Holzbank. Mehr Beinfreiheit und ein Frühstück gibt es dafür. Gar nicht schlecht, obwohl ich eigentlich um drei Uhr morgens eher selten frühstücke. Nach dem Start haben wir noch Gelegenheit letzte schöne Bilder zu machen, denn das Wetter ist teilweise bewölkt und teilweise sonnig. Und die Wolkendecke ist relativ hoch. Das Licht ist allerdings eher fahl. So starten wir in Richtung Isfjorden und drehen dann nach links in Richtung Süden ab. Ein letzter Gletscherblick, schon teilweise etwas verschwommen durch die dünne Wolkendecke, dann noch ein letzter Blick auf ein paar schneebedeckte Gipfel. Als wir die Wolkendecke durchstoßen, kann ich getrost die Jalousie zumachen und noch ein bisschen schlafen. Gelingt mir auch ganz gut, denn gefühlt keine fünf Minuten später sind wir schon in Oslo im Landeanflug. Die Landschaft ist sehr „aufgeräumt“ mit Feldern, Wiesen, Wäldern, kleinen Ortschaften und einzelnen Häusern und natürlich jede Menge Seen. Die Eiszeit hat hier ganze Arbeit geleistet. Irgendwie erinnert mich die parkähnliche Landschaft an die Märklin-Eisenbahn aus meiner Jugend. Wir landen 23 Minuten zu früh. Das ist für Andreas sehr gut, weil er dadurch einen Zug früher erreicht und somit auch früher bei Frau und Kindern ist. An der Passkontrolle ist die übliche lange Warteschlange und einige Leute versuchen sich vorzudrängeln in dem sie vorgeben, dass sie nur 15 Minuten bis zu ihrem Anschlussflug hätten. Ich frage mich, wie sie den hätten erreichen wollen, wären wir pünktlich, also 23 Minuten später, gelandet? Nach der Passkontrolle sind es noch 50 Meter, dann trennen sich Andreas und unsere Wege. Eine kurze Umarmung und dann ist das gemeinsame Spitzbergenkapitel für 2019 endgültig abgeschlossen. Nur falls sich jemand wundert: Ernst fliegt heute gegen 10:00 Uhr mit Norwegian Airlines zurück. Wir haben ihm also friedlich schlummernd in Mary-Anns Polarrigg zurück gelassen.

Bis zu unserem Anschlussflug nach München um 7:40 Uhr bleibt noch reichlich Zeit, um in der SAS Lounge zu entspannen. Gefrühstückt habe ich ja bereits aber ein doppelter Espresso hilft jetzt in den Tag. Aber vielleicht sollte ich doch etwas essen, denn Lufthansa hat uns per SMS informiert, dass es bei der Bordverpflegung zu Engpässen kommt. Wie schon auf dem Hinflug, als es z.B. keinen Kaffee gab. Da hört bei mir der Spaß aber sowas von auf wenn ich keinen Kaffee kriege! Ich frage mich, warum es nicht innerhalb von zwei Wochen gelingt diese Engpässe zu verhindern? Dank unserem fantastischen Generallogistiker Jan hatten wir jedenfalls niemals auch nur den Anschein von einem Engpass in der Kaffeeversorgung selbst in den abgelegensten Hütten. Geht doch! Der Flug von Oslo nach München dauert ca. zwei Stunden und verläuft völlig problemlos und angenehm. Und Frühstück gibt es auch! Sogar mit geräuchertem Lachs! Wenn das ein Engpass ist, soll er mir recht sein! Ach ja, Kaffee wird dieses Mal auch serviert und der ist ein anderes Kaliber als jener bei SAS.

München sieht uns nur kurz. Bis zum Boarding unseres Flugs nach Münster verbleiben nach der Zugfahrt von den K-Gates zu unserem G17 Gate gerade noch 20 Minuten, um in der Lounge einen weiteren Espresso zu trinken. Im Bus zum Flugzeug kriegen wir einen ersten Eindruck von der Hitzewelle, die Deutschland gerade plagt. Gestern waren es 41 Grad Celsius in Münster und der Hitzerekord wurde mit 42,6 Grad geknackt. Mit unseren dicken Bergstiefeln sind wir ideal dafür gekleidet. Und schon sind wir wieder in der Luft und unterwegs zu unserem Endziel der Reise, Münster. Home sweet home! Auf dem Flug überrascht uns Lufthansa noch mit Sushi und Seaweed-Salad. Wirklich lecker! Ansonsten verläuft auch dieser kurze Hüpfer ereignisfrei. Wenn jetzt noch unsere Rucksäcke mit an Bord sind und davon gehe ich aus, wäre die Heimreise perfekt gelaufen. Ganz anders als letztes Jahr, als wir von einer Schwierigkeit in die nächste stolperten und mit zwei Tagen Verspätung in Münster ankamen. Die Zöllner, die wir bereits letztes Jahr kennen gelernt haben als sie uns bei den Zollformalitäten für das DGPS behilflich waren, empfangen uns mit einem Lachen am Flughafen in Münster. Die erste Frage war ob Jan und ich zusammen reisen. Offenbar schauen wir beide gleich verwahrlost aus. Nachdem wir sagen, dass wir wieder aus Spitzbergen kommen, ist die zweite Frage wieviel Lachs wir importieren. Diesmal hatten wir keinen Fisch- und Angelexperten dabei, nicht einmal eine Angelrute, und so können wir mit absolut ruhigem Gewissen sagen, dass wir nichts zu verzollen haben. Wir unterhalten uns noch sehr nett mit den Zöllnern und ich bin überrascht, dass sie sogar meinen Blog verfolgen und lesen. So ein Empfang macht Laune!

Nun, da sich unsere Reise dem Ende nähert, ist es Zeit „Danke“ zu sagen. Unser Dank gilt speziell dem sagenhaften AWIPEV Team in Ny Alesund, Gregory, Rudi, Raphaelle, Gwendal, die extrem hilfsbereit waren und uns sehr entgegen gekommen sind. Angefangen von der Planung des Schießkurses, über den Transport von Material und Leuten zur Geopol-Hütte und weiter zur Daerten-Hütte, bis hin zur Abholung unseres Gepäcks von der Daerten-Hütte und zum Ausleihen des Schlauchboots – alles hat perfekt funktioniert! Vielen Dank für Eure Unterstützung, die uns unsere Geländearbeit überhaupt erst ermöglicht hat. Es hat wirklich Spaß gemacht, mit Euch zu arbeiten und wir hoffen, dass wir Euch nächstes Jahr wiedersehen werden! Auch der AWI Bekleidungskammer gilt dieses Jahr unser spezieller Dank. Seit Jahren packen sie immer extrem hilfreiche und praktische Bekleidung für uns zusammen und verschicken sie in Seesäcke verpackt nach Ny-Alesund. Dieses Jahr hatte ich vergessen einen Termin zur Einkleidung zu vereinbaren und trotzdem hat alles hervorragend funktioniert und wir hatten, dank der unbürokratischen Hilfe, unsere Bekleidung pünktlich vor Ort. Also, dem AWI und seinen Leuten ein dickes „Dankeschön“ für die Unterstützung unserer kleinen Expedition!

So, ich denke, ich habe nun fast alles erzählt, was es dieses Jahr zu berichten gab. Einiges habe ich auch bewusst nicht erzählt aber diejenigen, die dabei waren, werden sich sowieso an die ein oder andere Begebenheit oder diesen und jenen Spruch erinnern. Ich hoffe, der Blog hat jenen, die nicht mitkommen konnten zumindest einen halbwegs guten Einblick in unser „Abenteuer“ gegeben. Hoffentlich war er spannend und witzig zu lesen! Das würde mich freuen! Wie immer am Ende der Geländesaison haben wir bereits neue Pläne für eine Rückkehr nach Spitzbergen im nächsten Jahr geschmiedet. Denn Spitzbergen macht süchtig! Es sollte dann auch mit dem Blog weitergehen, der zumindest mir eine liebgewordene Angelegenheit geworden ist. Bis zum nächsten Jahr! Over and out!

Fotos

Blick durch das Flugzeugfenster auf Longyearbyen
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  • Trübes Schmelzwasser eines Gletschers vermischt sich mit Meerwasser
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  • Die Hinterlassenschaft eines einst größeren Gletschers
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  • Spitzbergen: Berge, Gletscher und Meer
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  • Das allerletzte Bild von Spitzbergen aus diesem Jahr
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25.7.2019

Ich stelle mir heute den Wecker auf 6:30 Uhr weil ich in aller Ruhe noch die restlichen Dinge packen will. Der Schlafsack ist nach dem Auslüften schnell zusammengerollt und im AWI-Seesack verpackt. Ebenso der Rest der AWI-Ausrüstung. Plombe für den deutschen Zoll darauf und Nummer 1 auf dem Tagesplan ist erledigt. Die Rucksäcke sind auch kein Problem und so können wir ganz entspannt um 7:30 Uhr zum Frühstück gehen. Nicht sehr viele Leute sind dort und wir alle denken, dass dieses Jahr insgesamt weniger Wissenschaftler in Ny-Alesund waren als sonst. Das Wissenschaftler/Touristen Verhältnis ist also deutlich kleiner geworden.

Um 8:30 Uhr können wir einchecken. Man muss immer mindestens eine Stunde vor Abflug des Flugzeugs in Longyearbyen einchecken damit klar ist, wieviel Treibstoff benötigt wird. Der Abflug von Ny-Alesund ist dann für 10:15 Uhr geplant. Und jetzt ist plötzlich alles nicht mehr entspannt. Der Flug ist ausgebucht und natürlich hat fast jeder mehr Gewicht in seinem Rucksack als die erlaubten 20 kg pro Kopf. Da schaut es für die Kiste mit dem DGPS schon mal ganz schlecht aus. Sie wiegt 30 kg. Wir müssen also sehr schnell und kurzerhand um planen und entscheiden, die Kiste mit den restlichen drei Alukisten durch das AWI nach Bremerhaven verschiffen zu lassen. Hoffentlich gibt das keine Probleme mit dem Zoll! Jan kümmert sich um den Papierkram und die Beschriftung der Kisten, während Ernst noch die Signalpistolen reinigen muss. Andreas und ich müssen unsere Rucksäcke umpacken weil sie zu schwer sind. Ich kann also nur einen Rucksack mitnehmen und hoffe, dass der zweite Rucksack heute Nachmittag mit dem zweiten Flug in Longyearbyen ankommt. Falls nicht, mache ich mit Gregory aus, dass er ihn mir nachschickt. Die Entscheidung was dort bleibt und was ich mitnehme musste eher spontan fallen. Wichtig sind z.B. alle Dinge, die ich für Exkursionen mit Studenten brauche. Es könnte ja sein, dass mein zweiter Rucksack zu spät ankommt und ich mir dann eine komplette Feldausrüstung neu kaufen müsste. Und auch der ganze Elektronikkram muss sorgfältig ausgewählt werden. Wo sind jetzt genau das Ladekabel für Gerät X und der Konverter für Gerät Y? Und das alles geschieht im Flur vor den Augen der Mitreisenden und unter Zeitdruck weil ja das Flugzeug irgendwann auch fliegen wird. Auch nicht sonderlich hilfreich ist, dass an der Rezeption beim Einchecken eine Aushilfe sitzt, die alles sehr genau nimmt, aber gleichzeitig auch unsicher ist. So muss ich z.B. mein Gepäck mehrmals wiegen. Ist alles kein Problem. Er bemüht sich ja auch und so ein kleines Flugzeug kann halt nur eine gewisse Menge in die Luft kriegen. Sein Leben wird auch nicht gerade leichter durch die chinesischen Kollegen, die nur gebrochen Englisch sprechen, dafür aber mindestens zwei gleichzeitig, und ihn mit ihren Namen zur Verzweiflung bringen, speziell da einige nicht persönlich an der Rezeption beim Einchecken erschienen sind. Aber zum Schluss ist alles gewogen und dokumentiert. Zeit für einen letzten Kaffee! Dann geht alles ganz schnell und wir haben nicht einmal mehr Zeit uns ordentlich vom AWIPEV Team zu verabschieden. Bei Rudi gelingt mir das noch halbwegs, Gregory antwortet nur „Run!“. Ich bin froh, dass ich zumindest Raphaelle die Schokolade, Kaffee und eine handschriftliche Dankesnotiz auf ihrem Schreibtisch hinterlassen konnte.

Der Flug macht den ganzen Stress wieder wett. Wir haben sonniges Wetter und man sieht die Landschaft unter uns ohne jede Wolke vorbei ziehen. Meine Kamera klickt vor sich hin und im Prinzip hätte ich auch einen Film drehen können. Es ist absolut fantastisch! Erosionsrinnen, Gletscherspalten, Toteislöcher, Moränen, Schneefelder, Schichtung und tektonische Verfaltung in den steilen Gebirgshängen, Schmelzwasserbäche und Seen auf den Gletschern und vieles mehr können wir heute sehen. Dadurch, dass unser kleines Flugzeug auch sehr tief fliegt, hat man fast das Gefühl, dass sie Berge höher sind als unsere Flughöhe. Aber das ist natürlich nicht richtig und ich bin auch ganz froh darüber. Jedenfalls gestaltet sich der Flug zu einem Crash-Kurs in glazialer Geomorphologie und vergeht wie „im Fluge“. Grandioser Kalauer erster Güte! Der einzige Wermutstropfen ist die Flugroute kurz nach dem Start. Unser Untersuchungsgebiet auf der Kongsvegen/Kronebreen Seitenmoräne wird genau überflogen, so dass man es weder von der rechten noch von der linken Sitzreihe sehen kann. Zu schade! Aber das ist jetzt schon wirklich jammern auf allerhöchstem Niveau. Es ist zu schade, dass nach ca. 20 Minuten bereits alles vorbei ist. Von mir aus hätte ich gerne noch länger fliegen können! Wir sitzen noch im Flugzeug, die Motoren laufen noch und um mich herum fummelt jeder an seinen Handys herum. Warum eigentlich? Mir ist das Ding keine Minute abgegangen und ich bin auch gar nicht so scharf darauf zu erfahren, wer wieder was - am besten schon gestern - von mir haben will. Auch in der Beziehung waren die letzten zwei Wochen sehr entspannend und entschleunigend.

Das Taxi bringt uns zu Mary-Anns Polarrigg, wo wir zwei Zimmer reserviert haben. Wir brauchen die Zimmer zwar nur für ein paar Stunden. Es ist aber immer angenehm, wenn man noch etwas ausspannen kann und sein Gepäck unterbringen kann. Nachdem wir unsere Zimmer bezogen haben, wollen die anderen noch zum Buchladen am Museum. Jan und ich hatten ihn ja schon am ersten Tag ausgekundschaftet und gehen stattdessen ins Museum. Das Museum ist nett gemacht, aber den Eintrittspreis von 90 Kronen (ca. 9 Euro) finde ich etwas überteuert. Neben der Tier- und Pflanzenwelt werden die Geschichte, die bergbauliche Entwicklung und andere interessante Infos dargestellt. Wie gesagt, alles gut aufbereitet, aber etwas mehr Tiefgang und detailliertere Informationen wären schon schön gewesen.

Jan und ich probieren noch ein neues Café aus, das wir sehr gut finden. Erstklassiger Espresso! Dann gehen wir noch einkaufen, um die letzten Souvenirs zu kaufen. Auf dem Rückweg treffen wir noch Andreas, der in der Sonne sitzend seinen Kaffee trinkt und ein Sandwich isst. Er lässt es sich also auch gut gehen, bevor er sich wieder in den Einkauf stürzt. In einem Outdoor-Laden hören wir noch ein Gespräch mit: Eine Frau würde sich gerne ein Gewehr ausleihen aber uns wird sehr schnell klar, dass sie vermutlich nicht weiß, wo bei so einem Ding vorne und hinten ist. Jedenfalls hat sie noch nie etwas von einem teilgeladenen Gewehr gehört und sie macht generell einen extrem unsicheren Eindruck. Ich bin froh, dass wir durch Kings Bay einen wirklich guten Schießkursbekommen haben und nun sehr sicher mit den Waffen umgehen können. Mir wäre auf alle Fälle sehr unwohl wenn ich im Ernstfall dieser Frau mein Leben anvertrauen müsste. Das wäre mir einfach zu gefährlich! Selbst der Gedanke, dass diese Frau mit einer geladenen Waffe durch Longyearbyen rennen könnte, verursacht mir Unbehagen. Wir gehen bevor das Gespräch vorbei ist, aber ich denke der Verkäuferin war ähnlich unwohl und ich denke nicht, dass sie das Gewehr verliehen hat.

Gerade habe ich nochmal Gregory angerufen und er hat mir mitgeteilt, dass mein Rucksack wohl auf dem Weg nach Longyearbyen ist. Ich werde mich also gleich mal mit dem Taxi zum Flughafen aufmachen. Das Flugzeug ist etwas verspätet, aber es hat meinen Rucksack an Bord. Hurrahh! Mit dem Taxi, das ich mir mit acht Indern teile, geht es mehr oder weniger direkt in die Kroa-Bar, wo die anderen schon auf mich warten. Sie sitzen draußen in der Sonne und ich komme gerade rechtzeitig, als sie ihr erstes Bier leer haben. Dementsprechend schickt mich Jan auch erst einmal zum Bier kaufen. Mache ich gerne, schließlich habe ich auch Durst und ich froh bin, dass ich meinen Rucksack bekommen habe. Danach gibt es „Moose-Burger“. Mir ist zwar unklar, wo auf Spitzbergen Elche rumlaufen aber schmecken tut er trotzdem. Und das Mack-Bier ist auch nicht schlecht. Es ist schön warm in der Sonne und in der Ecke in der wir sitzen geht auch mein Wind, so dass man gut draußen sitzen kann. Okay, es sind jetzt nicht gerade die 40 Grad, die heute in Münster herrschten, aber mit Fleece und Windbreaker geht es ohne Probleme. Letzte Station ist wie immer der Karlsberger Pub. Doch oh Schock – er wurde umgebaut. Kaum kommt man 10 Jahre nach Longyearbyen und in die Kneipe, schon wird sie umgebaut. Es geht schon damit an, dass man in den Raum von einer anderen Seite herein kommt. Und dann ist er auch viel kleiner geworden. Und auch die beeindruckende Sammlung an Whiskey und Cognac kommt nicht mehr ganz so gut zur Geltung wie in den guten alten Tagen. Das Spitzbergenbier – schön dunkel – schmeckt trotzdem. Allzu lange können wir uns aber dem Biergenuss nicht hingeben denn um 2:25 Uhr geht unser Flug nach Oslo. Das Taxi ist schon auf 00:45 Uhr bestellt. Wie bei der Anreise, ist es nicht möglich, das Taxi für 00:40 zu bestellen. Die Gründe bleiben ins schleierhaft aber es ist auch nicht wert, darüber zu diskutieren. Wir wollen am Flughafen sein, bevor die Meute mit dem Bus auftaucht. Ich hasse es mitten in der Nacht, halb ausgeschlafen in einer Schlange zu stehen wo jeder versucht zu drängeln. Ist einfach nicht mein Ding! Dann lieber 10 Minuten früher aufstehen. Jan hat gerade festgestellt, dass der Wecker schon in drei Stunden wieder klingeln wird und ist darüber alles andere als erfreut.

Fotos

Das Flugzeug aus Longyearbyen ist eben gelandet und wird uns dorthin zurück bringen. Im Hintergrund sieht man einen Schmelzwassertunnel, der die Endmoräne eines Gletschers durchbrochen hat
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  • Der Kongsvegen-Gletscher. Unser Untersuchungsgebiet lag rechts außerhalb des Bildes. Der Gletscher rechts oben fließt in Richtung Daerten-Hütte
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  • Schmelzwasserrinnen auf dem Gletschereis
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  • Der fantastische Blick aus dem Flugzeug auf eine faszinierende Eis- und Gletscherwelt
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  • Ein Schmelzwassersee
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  • Gletscherabbruch an einem Steilhang
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  • Wunderbare Gletscherspalten – solange man darüber fliegen kann und den Gletscher nicht zu Fuß überqueren muss
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  • Noch mehr Gletscherspalten und geschichtete Gesteine. Im Hintergrund liegen sie mehr oder weniger söhlig, im Vordergrund wurden sie stark verfaltet
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  • Ein kalbender Gletscher in einer Fjordbucht. Schön zu sehen sind auch die Seen, die sich durch das Abschmelzen großer Eisblöcke bildeten
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  • Im Svalbard Museum: Nachgebaute Trapper-Hütte
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  • Historisches Foto, das die Größe eines Eisbärenfells verdeutlicht. Es sind gewaltige Tiere!
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  • Im Museum wird auch die Bergbaugeschichte realistisch nachgestellt
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  • Er darf natürlich im Svalbard Museum nicht fehlen
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  • Ein Überblick über das Museum
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  • Nachgebaute Trapper-Hütte von Innen. Unsere Hütten waren sehr ähnlich und alle Hütten folgen mehr oder weniger dem gleichen Ausstattungsprinzip mit Holzofen und Stockbetten.
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  • Bunte Häuser in Longyearbyen
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  • Hinweisschild am Parkplatz hinter den Svalbardbutikken, dem lokalen Supermarkt
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  • Das Denkmal für die Minenarbeiter in Longyearbyen
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24.7.2019

Was ist denn heute los? Der Wecker ist auf 8:30 Uhr gestellt und ich werde um 8:00 Uhr wach. Sauerei, die halbe Stunde wäre schon noch schön gewesen! Ich fange also schon einmal an, das Frühstück zu machen und stelle dabei fest, dass wir noch vier Nudelsuppen mit Entengeschmack haben. Jeder, der den Blog der letzten Jahre verfolgt hat weiß, dass diese Sorte normalerweise am schnellsten gegessen wird. Eine Nudelsuppe mit Entengeschmack am letzten Tag ist also etwas ganz Besonderes. Ernst steckt seinen Kopf durch die Türe, als ich gerade das Wasser aufstelle. Er ist also auch zu früh dran. Aber schadet ja nichts, denn wir müssen heute ja noch die Hütte putzen, unser gesamtes Gepäck nach Ny-Alesund bringen und dort dann alles für die Verschiffung nach Bremerhaven umpacken. Nachdem Ernst und ich unsere Nudelsuppe gegessen haben, werden die anderen geweckt. Frühstück besteht neben den Nudelsuppen heute aus „Resteessen“. Die Blutwurst muss noch weg, ebenso die Leberwurst und die ein oder andere Delikatesse, die von den letzten Tagen übrig blieb. In Ny-Alesund macht pünktlich um 9:00 Uhr die „Europa“ an der Mole fest. Ich hatte sie schon von weitem gesehen und beobachtet, wie sie schnell größer wurde. Zum gleichen Zeitpunkt dampft die „Hondius“ in Richtung Kronebreen-Gletscher. Es geht also zu wie auf dem Stachus in München! Unser erste Klasse Frühstück ist schnell beendet und es geht ans Saubermachen. Jan übernimmt den Spüldienst, Ernst den Toilettendienst, Andreas räumt den Aufenthaltsraum auf und ich kümmere mich um Matteos Zimmer, die Küche und das Bad. Das Bad muss aber schon jemand anderes vor mir gesäubert haben. Dann fegen Ernst und ich noch die gesamte Hütte, so dass sie am Ende sauberer ist, als wir sie übernommen haben.

Wir brauchen zwei große Schubkarren und jeder muss noch zusätzlich Gepäck schleppen, um alles zum Boot zu schaffen. Dann beginnt das Puzzle des Beladens. Die zwei Alukisten zuerst, dann die ganzen Rucksäcke, die in einen Ortlieb-Sack verpackten Schlafsäcke, der Müll der ganzen Tage auf Corbel, ein Gewehr, Signalpistole, drei Benzinkanister und die Überlebensanzüge von Ernst und Jan. Es passt alles ins Boot, aber ich habe so hoch aufgeladen, dass wir praktisch im Blindflug Richtung Ny-Alesund unterwegs sind. Andreas ist mit mir im Boot unterwegs – Jan und Ernst laufen wie geplant zurück. Zu viert hätten wir keinesfalls samt dem Gepäck ins Boot gepasst. Nur gut, dass das Meer völlig glatt ist und wir nur zu zweit im Boot sind. Selbst bei kleinen Wellen wäre es deutlich unangenehmer. Es ist das erste Mal, dass wir unseren Transport von Corbel völlig ohne AWIPEV Unterstützung erledigen.

Die „Europa“ liegt noch immer an der Mole und wenn man in einem kleinen Schlauchboot nahe daran vorbei fährt, kriegt man erst ein Gespür für die Dimensionen eines Kreuzfahrtschiffs. Und dieses ist ja noch relativ klein! Jedenfalls schauen uns die Passagiere von oben zu – mit einer Mischung aus Neugierde und Verständnislosigkeit. Wir geben aber auch wahrscheinlich ein absonderliches Bild ab. Jedenfalls werden wir zig-Mal fotografiert. Wir legen am Dock des Marinelabs an und laden unser Gepäck aus. Als alles auf einem Berg liegt, bin ich selbst erstaunt, dass das alles ins Boot gepasst hat. Ich verpasse dem Boot noch ein paar Streicheleinheiten, tanke es auf, fülle Öl nach und schöpfe Wasser. Währenddessen legt die Europa ab und die „Hondius“ legt kaum 20 Minuten später an. Die Kreuzfahrtschiffe geben sich hier praktisch die Klinke in die Hand. Wir beladen das Elektroauto „Goupil“ und zwei Mädels kutschieren unser Hab und Gut zum Rabot-Gebäude weil sie eh dorthin wollten. Die Waffen sind schnell zurück gebracht und so können wir anfangen, Goupil wieder auszuladen. Wir sind fertig als Ernst und Jan um die Ecke biegen. Perfektes Timing! Wir lassen Raphaelle kurz wissen, wo das Boot liegt und dass es wieder voll einsatzfähig ist und sie zeigt uns im Gegenzug Fotos von Sabrinas Propeller. Jemand ist bei hoher Geschwindigkeit über einen Eisbrocken gedonnert und jetzt fehlen die drei Spitzen des Propellers. Totalschaden! Ich bin froh, dass wir die gesamte ausgeliehene Ausrüstung wieder heil zurückgeben können und dass wir keine Probleme mit unserem Schlauchboot hatten.

Ich bin der erste in der Dusche! Aaahhhh, was für eine Wohltat. Warmes Wasser satt! Die Merinokleidung ist wirklich fantastisch weil man sie lange tragen kann, ohne dass sie stinkt. Aber trotzdem ist es angenehm, sich mal wieder ordentlich waschen zu können. Und die Lavendelseife riecht heute besonders intensiv. Mir ist das schon aufgefallen, als ich Matteo nach Ny-Alesund gebracht habe und so viele Leute im „Dorf“ waren, dass es alle paar Meter nach einem anderen After Shave bzw. Deodorant gerochen hat. Wenn man nach ein paar Tagen ohne alle diese künstlichen Gerüche in die Zivilisation zurückkommt, sind es genau diese Dunstwolken, die einem auffallen. Den Passagieren wird es vermutlich ähnlich gegangen sein, als wir durch Ny-Alesund spazierten. Nur vielleicht nicht so angenehm!

Jeder verschwindet irgendwann in der Dusche und es dauert nicht lange, bis wir ins aus den Augen verloren haben. Im Gelände haben wir immer geschaut, wo der andere gerade ist und was er macht. Kaum sind wir eine Stunde in Ny-Alesund, verlieren wir uns! Jedenfalls gehen Ernst und ich in die Kantine. Die ist zwar geschlossen – es ist mittlerweile 14:30 Uhr, aber es gibt einen Kühlschrank mit Fischkonserven, über die wir uns erst einmal her machen. Ich genieße zwei große Pötte Kaffee während meine Wäsche gewaschen wird. Von der Kantine aus beobachten wir die Touristen. Manche haben Skibrillen auf und sind vermummt, dass man nichts mehr von ihren Gesichtern sieht. Und die Kleidung mancher ist so farbig, dass man Angst hat, Augenkrebs zu bekommen. Auffallend sind auch die gigantischen Teleobjektive, die mitgeschleppt werden und Ernst und ich fragen uns, ob man mit diesen Riesendingern tatsächlich noch aus der Hand fotografieren kann. Ich bin eigentlich mit meiner kleinen 20 Megapixel-Kamera mehr als zufrieden. Und sie passt in meine Jackentasche. Anschließend ist noch Zeit für einen kurzen Trip zum Souvenirladen. Die Masse der Touristen ist jetzt durch und ich kann in Ruhe meine Postkarten und ein paar Andenken kaufen. Dann wird der Laden praktisch hinter mir geschlossen. Noch einmal Glück gehabt!

Nachdem die Wäsche aufgehängt ist, bringe ich das Satellitentelefon, den Notfallsender, und andere Ausrüstung zurück zu Gregory. Und Jan leistet hervorragende Arbeit beim Packen der Kisten zum Verschiffen. Packlisten, Frachtlisten und wer weiß noch was müssen dazu auch ausgefüllt werden. Und schließlich muss alles gewogen werden. Aber da kommt uns das Abendessen in die Quere. Was bin ich froh, dass es – man kann es sich wahrscheinlich schon denken – Nudeln gibt! Wahlweise mit Tomaten- oder Carbonarasauce. Aber der Fruchtsalat ist gut und dadurch, dass ich ja erst vor kurzem zwei Fischkonserven gegessen habe, ist der Hunger sowieso nicht so groß. Beim Abendessen stellen wir fest, dass heute der perfekte Geländetag gewesen wäre. Es war sonnig, relative warm und es wehte eine leichte Brise, die es uns vielleicht ermöglicht hätte, nochmals mit dem Drachen Bilder aufzunehmen. Auch wäre es interessant gewesen zu sehen, wie sich die Sonne auf die Aktivität an unserer Erosionsstruktur auswirkt. Aber das werden wir dieses Jahr nicht mehr erfahren. Es wäre schon ein großer Zufall, wenn wir Morgen so über unser Gebiet fliegen würden, dass wir davon nochmals gute “Luftbilder“ bekommen würden. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt!

Das Ausdrucken der Frachtpapiere stellt uns vor unerwartete Schwierigkeiten. Dazu brauchen wir einen Barcode, den wir über Email anfordern müssen nachdem wir alle unsere Listen ans AWI geschickt haben. Eigentlich kein großes Ding, nur ist unser geliebtes Mailsystem der Uni gerade nicht verfügbar. So können wir nun nichts machen, außer zu warten, bis es wieder funktioniert. Bereits nach ein paar wenigen Stunden und noch immer am Ende der Welt, hat uns der tägliche Wahnsinn schon wieder fest im Griff. Ich glaube, ich gehe zurück zu Geopol, oder Daerten, oder Corbel, oder noch weiter weg. Vielleicht Nordaustlandet?

Auch das private Gepäck muss noch gepackt werden und die Sachen, die an das AWI in den Seesäcken zurückgehen. Und schließlich erfordert auch der Six-Pack Bier eine gewisse Aufmerksamkeit. Ich hatte Matteo gebeten, uns das Bier vor seiner Abfahrt zu besorgen, weil ich nicht wusste, dass heute gleich zwei Kreuzfahrtschiffe hier sein würden und der Laden dementsprechend den ganzen Tag geöffnet hatte. Matteo, du bist unser Held! Danke für das Bier! Eine zweiwöchige Fahrt mit der „Hondius“ einmal um Spitzbergen herum kostet übrigens 5300 Euro. Nur falls das jemand interessiert.

Fotos

Auf vielfachen Wunsch: Die von Eisbären zerrissene Bayerische Fahne
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  • Wie letztes Jahr: Ein Foto von der letzten Nudelsuppe
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  • Perfekte Planung! Nach zwei Wochen im Gelände haben wir nicht mehr viel Essen übrig
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  • Das vollbeladene Schlauchboot ist bereit zur Abfahrt nach Ny Alesund
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  • Das Kreuzfahrtschiff „Europa“ legt ab
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  • Der Mast zur Verankerung des Luftschiffs der Nobile-Expedition
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23.7.2019

Heute ist nun auch für uns der letzte Geländetag. Die Zeit hier ist wieder wie im Fluge vergangen und wir haben auch heute noch ein volles Programm vor uns. Aber erst einmal langsam! Der Tag beginnt nämlich heute mal mit Aufstehen. Mal was ganz anderes. Anders ist auch, dass ich heute nicht der erste bin. Ich höre meinen Wecker nicht und verschlafe um satte 12 Minuten. Als ich in den Aufenthaltsraum komme, haben Jan und Andreas bereits das Frühstück fertig. Einfach nur hinsetzen, heißes Wasser auf die Nudelsuppe kippen, kurz warten, essen! Genial! Tee und die obligatorische fränkische Blutwurst komplettieren das Frühstück. Dann noch ein Trip zur nahen Holzhütte mit fließendem Wasser, noch schnell alles Notwendige für den heutigen Tag in den Rucksack verpacken und schon sind wir unterwegs zum Motorboot. Ernst träumt von einer Neuverfilmung des „Boots“. Der reißerische Titel: „Das Schlauchboot“. Es scheint, er hat Visionen von wahren Helden in der Arktis, die sich in meterhohen Wellen bei stürmischsten Winden in unbekannte Gebiete vorkämpfen, um nahe einem Gletscher zu stranden und ums Überleben kämpfen. Oder so ähnlich. Man könnte die Geschichte auch anders erzählen. Vier übergewichtige alte Säcke fahren mit dem Schlauchboot zu ihrem Untersuchungsgebiet, weil sie zu faul zum Laufen sind und trinken dort Tee und essen Schokolade. Nebenbei machen sie noch ein paar Fotos und spielen mit dem DGPS herum, ohne dass einer von ihnen genau weiß, was sie eigentlich machen. Die Wahrheit ist vermutlich wie immer irgendwo dazwischen!

Spaß beiseite: Das Wetter ist bedeckt und es weht praktisch kein Wind. Das Meer ist ruhig und die Temperatur liegt bei 6 Grad Celsius. Dementsprechend schnell sind wir an der Kronebreen/Kongsvegen Moräne. Die Gruppe von Kajakfahrern, die wir bereits gestern beobachtet haben, geht heute Wandern und wir überholen sie mit unserem Boot. Wir sind bereits an unserer Erosionsstruktur, als sie am Strand vorbeilaufen. Jan, der gerade Wache hat, beäugt sie mit dem Fernglas und gibt uns laufend Bericht. Nicht, dass das jemanden interessieren würde. Ist eher so wie im Asterix auf Korsika: „Alles völlig banal. Nicht mal einen Bericht nach Rom wert“.

Ernst und ich beschäftigen uns heute zuerst mit dem Aussuchen und Beschreiben weiterer Referenzpunkte. Am Ende haben wir insgesamt 50 Referenzpunkte über das Untersuchungsgebiet verteilt. Für jeden machen wir eine vorläufige GPS Messung, Fotos aus mehreren Blickrichtungen und eine Beschreibung des Gesteinsblock: Farbe, Rundungsgrad, Lithologie, Größe, Beschreibung der Umgebung, ob er im Wasser liegt oder auf hartem Boden, ob er teilweise von Schutt überdeckt ist, ob das Gebiet aktuell deformiert wird und andere Beobachtungen, die uns nächstes Jahr helfen werden, den Gesteinsbrocken eindeutig wiedererkennen zu können. Das nimmt deutlich mehr Zeit in Anspruch als wir uns das gedacht haben. Währenddessen macht Andreas die Pole-Bilder und Jan hält wie gesagt Wache. Der Bauch knurrt bereits, als Ernst und ich fertig sind und zu den anderen stoßen, die nun zu zweit auf unserem Wachhügel sitzen und dort oben Brotzeit machen. Die zwei Alten aus der Muppet-Show lassen grüßen!

Irgendwie hat wohl auch ein Polarfuchs mitbekommen, dass jetzt Mittag ist. Er trägt ein Halsband mit einem Sender und ist extrem frech. Auch Schreien und laute Geräusche hindern ihn nicht daran zu versuchen, von unserem Essen etwas zu erhaschen. Natürlich füttern wir ihn nicht! Er kommt bis auf ein oder zwei Meter an uns ran und das gibt uns natürlich die Möglichkeit, ein paar gute Fotos von ihm zu machen. Allerdings ist er ständig in Bewegung, was die Sache kompliziert. Kaum dass ich nicht aufpasse, ist er auch schon an meinem Rucksack, aber Andreas kann ihn verscheuchen bevor er seine Nase zu tief hinein steckt.

Natürlich mache ich auch heute wieder jede Menge Fotos der Erosionsstruktur - aus allen möglichen und unmöglichen Blickwinkeln. Es ist immer wieder faszinierend, wie schnell sich die Struktur verändert. Von Tag zu Tag wird sie größer und heute sehen wir sehr viel blankes Eis auf dem Boden der Struktur. Das Eis ist ca. einen Meter unter der Oberfläche und es bildet sich ein schlammiger Schmierfilm darauf, auf dem das darüberlegende Geröll auf der geneigten Eisfläche ins Rutschen kommt. Dadurch bilden sich die Spalten, die im Vergleich zu den Vortagen auch heute wieder breiter und größer wurden. Ich habe den Eindruck, dass heute besonders viel Material bergab fließt. Dieser Eindruck sollte sich am Abend bestätigen, als wir Jans Zeitrafferfilm sehen, den er mit seiner GoPro-Kamera gemacht hat. Ich mache auch wieder Bilder mit der IR-Kamera, während Ernst und Jan die Referenzpunkte mit dem DGPS einmessen. In den IR Aufnahmen wird sehr schön sichtbar, wo blankes Eis an der Oberfläche ist, da die Temperaturen dort um einiges kälter sind als in der mit Geröll bedeckten Umgebung.

Andreas hat dieses Jahr wieder seine Datenlogger mitgebracht, die die Bodentemperatur messen können. Diese 5x5x5 cm3 großen Geräte werden – wenn alles gut geht – Daten für die nächsten 420 Tage aufzeichnen. Wir haben also schon jetzt einen sehr guten Grund, nächstes Jahr zurückkommen zu „müssen“. Wir entscheiden uns die Logger in einem inaktiven Teil der Moräne zu vergraben. Dazu heben wir ein Loch aus und platzieren den ersten Logger in 50 cm, den zweiten in 30 cm und den dritten in 20 cm Tiefe. Aufgrund der Erfahrungen der letzten Jahre binden wir lange rote Schnüre an die Logger, die es uns hoffentlich erleichtern sollten, sie im nächsten Jahr wieder zu finden. Im Jahre 2017 mussten wir ein großes Loch graben, um einen der Logger wieder zu finden. Wir hoffen, mit der neuen Methode wird dies einfacher werden und wir uns die großflächige Grabungsarbeit ersparen können. Aber natürlich verlassen wir uns nicht nur auf die Schnüre, sondern dokumentieren alles mit Fotos und zu guter Letzt mit dem DGPS. Damit haben wir unser Tagessoll erfüllt. Einzig der Besuch einer Erosionsstruktur, die wir vor ein paar Jahren untersucht hatten, steht noch an. Unsere damals gebauten Steinmänner sind noch immer zu erkennen und auch die grobe Form der Struktur ist noch zu erkennen. Allerdings gibt es keine scharfe Abbruchkante mehr, sondern ein eher eingeebnetes, abgerundetes Terrain. Ich mache Fotos und es wird interessant sein, diese mit den damals gemachten Aufnahmen zu vergleichen.

Dann ist es Zeit aufzuräumen. Wir bauen das DGPS und die Zeitraffer-Kameras ab, verstauen alles in der Alukiste und unseren Rucksäcken und machen uns auf den Weg zum Schlauchboot. Es folgt der Director’s Cut: In glatter, ruhiger See pirschen wir uns durch Eisberge bis Corbel. Wahnsinnig aufregend! Darum wird dieser Director’s Cut auch nur zwei Zeilen lang!

Wie auf Bestellung liegt genau an unserem Ankerplatz ein kleiner Eisberg, der uns genügend Eis für unseren Whiskey liefert. Gestern haben wir ja abstinent gelebt, aber heute ist für jeden noch „ein wönziger Schluck“ Whiskey da. Und drei Biere haben wir auch noch! Zum Essen gibt es heute Nudeln mit Schweinefleisch und Truthahn, was wie gewohnt gut schmeckt. Nach dem Essen ist die Enttäuschung aber groß, da auf meiner Zeitraffer-Kamera nur Ernsts Bilder aus der Antarktis sind. Aus irgendeinem Grund wurden die nicht überschrieben, so dass das gesamte Experiment zu 100% ein Fehlschlag ist. Und es kommt noch schlimmer: Zwar hat Ernsts Kamera Daten aufgezeichnet. Aber der Bildausschnitt war falsch gewählt, so dass die interessanten Teile der Erosionsstruktur an denen die meiste Aktivität auftrat, nicht im Bild waren. Das ist wirklich sehr, sehr ärgerlich, da diese Zeitrafferfilme bereits letztes Jahr aus anderen Gründen in die Hose gingen. Offensichtlich haben wir damit kein Glück. Die gute Nachricht ist, dass Jans GoPro Film wirklich sehr gut wurde und einiges darauf zu sehen ist. Unter anderem auch Andreas, wie er die Pole-Bilder macht. Durch die Zeitraffer schaut es allerdings so aus, als ob er um die Stange tanzen würde. Ein Pole-Dance der ganz besonderen Art! Jedenfalls wird nächstes Jahr sowieso alles viiiieeeelll besser!

Auch ist der Rückschlag kein wirklicher Grund zu jammern. Wichtiger ist doch, dass wir alle gesund und heil zurückgekommen sind und wir alle Spaß hatten. Wir müssen es Morgen nur noch nach Ny-Alesund schaffen. Unser Plan ist, dass Jan und Ernst laufen werden und Andreas und ich mit dem gesamten Gepäck im Schlauchboot fahren werden. Die Wettervorhersage ist gut und es sollte machbar sein. Genaueres werden wir morgen sehen. Gut, dass die Kystvakt W303 schon mal Platz gemacht hat in Ny Alesund. Es war das erste Mal, dass wir ein solches Schiff in Ny-Alesund an der Mole gesehen haben. Von Corbel aus konnten wir nur sehen, dass etwas be- oder entladen wurde, aber was genau gemacht wurde, konnten wir nicht erkennen. Ist auch nicht weiter wichtig, denn jetzt müssen wir uns auf das gerechte Teilen von drei Bieren auf vier Leute konzentrieren!

Fotos

Versteinerte Schalenreste
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  • Polarfuchs mit Sender um den Hals
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  • Feine Strukturen auf einem Schlammdelta eines Schmelzwassertümpels
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  • Unsere Ausrüstung auf der Seitenmoräne des Kongsvegen-Gletschers, der im Hintergrund zu sehen ist
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  • Andreas steht auf unserem „Wachhügel“ und passt auf, dass uns kein Eisbär überrascht
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  • Vergraben der Temperatur-Logger
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  • Etwas fürs Auge: Blumen
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  • Eine tote Möwe, die wir am Strand gefunden haben
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  • Das war es mit der Geländearbeit in diesem Jahr: Anziehen der Überlebensanzüge für die Rückfahrt zur Corbel-Hütte
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  • Der Beweis: Die letzten drei Bierbüchsen (die wir in der Corbel-Hütte tranken) wurden ordentlich mit Eis gekühlt
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  • Die Corbel-Hütte mit der IR-Kamera aufgenommen
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22.7.2019

Wecken ist heute für 8:00 Uhr angesagt. Ich bin wieder als erster wach und kümmere mich um das Frühstück – das letzte mit Matteo. Dementsprechend wird es besonders üppig: Neben den Nudelsuppen gibt es Blutwurst, Frühstücksfleisch und Fisch. Matteo kriegt wie immer sein Marmeladenbrot und seinen Espresso. Beim Betrachten der unterschiedlichen Nudelsuppen stellen wir gewaltige Unterschiede fest. So wird die Mama Suppe in Ungarn (!!!) hergestellt und enthält mehr Salz und weniger Kalorien als die Yumyum Suppen! Auch der Shrimp Anteil ist deutlich geringer: Die Yumyum Suppe enthält zehnmal mehr Garnelen als die Mama Suppe. Klingt viel, relativiert sich aber wenn man liest, dass die eine 0,2% und die andere 0,02% Garnelen enthält. Geschmacklich ändert das nicht viel. Asiatische Nudeln, die aus Ungarn kommen. Die Enttäuschung sitzt tief! Dann doch lieber eine Blutwurst aus Franken! Anschließend packe ich noch schnell meinen Rucksack für den heutigen Tag. Der Plan ist, dass ich Matteo mit dem Motorboot nach Ny-Alesund bringe, damit er seinen Nachmittagsflug erwischt. Auf dem Rückweg werde ich die anderen aufsammeln, um dann direkt ins Gelände zu fahren.

„AWIPEV, AWIPEV, AWIPEV. This is Harry. We are leaving Corbel for Ny-Alesund”. Und schon sind wir unterwegs. Matteo und ich fahren auf ein großes Kreuzfahrtschiff zu, die „Rotterdam“. Selbst heute Morgen hat man sie schon vor Ny-Alesund liegen sehen und die Passagiere werden seit Stunden mit den Rettungsbooten zum Hafen gebracht und wieder abgeholt. Zusätzlich kreuzten heute Morgen zwei weitere kleinere Kreuzfahrtschiffe im Fjord. Als wir uns Ny-Alesund nähern, wird die „Rotterdam“ größer und größer und uns schwant, warum sie nicht am Dock liegt. Dafür sehen wir eine endlose Schlange an Leuten, die darauf warten, wieder auf das Schiff zu kommen. Vom Steg an dem die AWIPEV Boote liegen, bis hoch zum Marinelab, geht die Schlange. Ganz zu schweigen von den Unmengen an Leuten, die durch Ny-Alesund wuseln. Matteo und ich verstehen die Welt nicht mehr. Ganz witzig ist auch die Ausstattung der Touristen, die von Shorts und T-Shirt bis zur Daunenjacke und Polarstiefeln reicht. Wir schauen, dass wir möglichst schnell zum blauen Haus kommen. Dort schicke ich noch den Blog der letzten Tage ab und Matteo trifft seine Reisevorbereitungen.

Dann nichts wie weg! Wenn man zwei Wochen mehr oder weniger nur eine Handvoll Leute gesehen hat, ist diese Anhäufung von Menschen einfach zu viel. Matteo begleitet mich noch zum Hafen und nach einer kurzen Umarmung und guten Wünschen, mache ich mich auf dem Weg zurück zu Corbel. Ich melde mich beim Verlassen des Hafens wieder per Funk ab, was gleichzeitig das Zeichen für die anderen ist, sich auf dem Weg zum Strand zu machen. Es regnet mittlerweile ganz gut, was die Freude auf einen guten Geländetag etwas drückt. Zumindest soll es gegen 14:00 Uhr aufhören. Das Ankermanöver klappt auch ganz alleine gut. Ich tanke noch voll, dann verladen wir das Gepäck und jeder sucht sich ein Plätzchen an Bord, so dass der Trimm des Bootes halbwegs stimmt.

Das Wasser ist heute sehr ruhig und wir kommen schnell in unserem Untersuchungsgebiet an. Nach der üblichen und schon zur Routine gewordenen Umziehaktion müssen wir heute als erstes unsere Alukiste und die zwei Koffer mit dem DGPS bis zu unserer Erosionsstruktur hochschleppen. Im unwegsamen und teilweise matschigen Gelände ist es gar nicht so einfach, zu zweit eine große Kiste einen steilen Hang hoch zu tragen. Aber wir sind ja wahre Polarhelden und schaffen auch das! Wie schon gestern, werden wir auch heute immer einen zur Wache abkommandieren. Eine prima Sache - man steht auf einem Hügel und wird kalt! Wir wechseln uns also mehr oder weniger regelmäßig ab. So kann der Rest der Mannschaft wenigstens sicher und ruhig arbeiten. Auf dem Programm steht heute neue Pole-Bilder zu machen, die Referenzpunkte mit dem DGPS einzumessen, andere Bilder zu machen, die IR-Kamera wieder zu nutzen und auch möglichst viele andere Punkte mit dem DGPS zu vermessen. Insgesamt haben wir 25 neue Referenzpunkte eingemessen, fotografiert und im Feldbuch beschrieben. Unsere Hoffnung ist, dass wir eventuell nächstes Jahr sehen können, wie die gesamte Moräne sich verändert. Ob sie z.B. insgesamt abtaut und niedriger wird oder einzelne Teilbereiche sich innerhalb eines Jahres gegeneinander bewegen. Wir werden uns also bis nächstes Jahr gedulden müssen, bevor wir sagen können, ob unser Experiment erfolgreich ist. Gegenüber den letzten Tagen hat sich unsere Erosionsstruktur nochmals deutlich verändert. So haben sich viele neue Spalten entlang der Abbruchkante gebildet und wenn wir Glück haben, werden diese Blöcke vielleicht noch bis Morgen abbrechen und wir dies in den Zeitrafferbildern festhalten können. Mehrmals während des heutigen Tages war ein dumpfes Geräusch zu hören, wenn solche Blöcke in den Matsch gefallen sind. Interessant ist auch, dass selbst kleine Spalten in ihrem Inneren deutlich kälter sind als die Oberfläche. Tiefe Spalten haben an ihrem Boden nur etwas über 0 Grad Celsius, während die Oberfläche ca. 5-7 Grad warm ist.

Noch etwas ist mir aufgefallen. Die Gletscher waren heute sehr aktiv am Kalben. Jedes Mal wenn ein größerer Eisbrocken abbricht, klingt das wie Donner und zumindest mir ist es heute besonders laut vorgekommen. Aber vielleicht ist das ja auch nur Einbildung.

Gegen 16:30 Uhr hören wir ein Brummen. Es ist das Flugzeug, das Matteo nach Longyearbyen bringt. Mit dem Winken wird es aber nichts, da die Wolken recht niedrig hängen und das Flugzeug bereits in den Wolken ist, als es über uns hinwegfliegt. Wir arbeiten Hand in Hand und konzentriert. Trotzdem wird es ca. 18:00 Uhr bis wir fertig sind und nach Hause fahren können. Das Wetter hat sich tatsächlich im Laufe des Tages verbessert und das Meer ist immer noch ruhig. Auf der Landzunge, die das Ende des Kronebreen-Gletschers im Jahre 1936 markiert, hat eine Gruppe Kajakfahrer ihr Lager aufgebaut. Als wir daran vorbei fahren, sind sie gerade damit beschäftigt ihr Küchenzelt aufzustellen. Ich bin froh, dass eine Hütte auf mich wartet mit einem ordentlichen Bett, Tisch, Küche und sonstigem Komfort. Und dass niemand Wache stehen muss, wie die Gruppe in ihren Zelten.

Volltanken, Öl nachfüllen, Anker nochmal überprüfen. Mittlerweile ist mir das schon in Fleisch und Blut übergegangen. Als alle diese Arbeiten erledigt sind, steht dem Abendessen nichts mehr im Wege. Andreas hat uns heute schöne Nudeln mit Thunfischsauce gekocht. Ich habe seit dem Frühstück nur eine Tafel Schokolade und einen Müsliriegel gegessen und habe entsprechend Hunger. Nachdem die Nudeln vertilgt sind, gibt’s noch ein paar Knäckebrote mit Blutwurst und Heringsfilets in Tomatensauce.

Aber der Tag ist noch nicht vorbei. Jetzt müssen noch die ganzen Bilder der Kameras kopiert werden, das Feldbuch ergänzt werden und die DGPS Messungen übertragen werden. Wird also heute ein längerer Abend…

Die Wolken sind heute Abend sehr niedrig und man sieht kaum das andere Fjordufer. Das ist sehr schade, da speziell in den „Abendstunden“ immer ein ganz besonderes Licht herrscht, das gut zum Fotografieren ist. Nicht so heute! Jetzt, da unsere Feldsaison langsam zu Ende geht, ist festzustellen, dass wir dieses Jahr extrem wenig Sonne gesehen haben. Ich denke, es waren insgesamt nur ein paar Stunden. Die meiste Zeit war es stark bewölkt oder es hat geregnet oder genieselt. Und auch für Morgen stehen die Chancen auf sonniges Wetter laut Wetterbericht eher schlecht. Grau in Grau, trocken, leichter Wind und 6 Grad Celsius.

Fotos

Kreuzfahrtschiff „Rotterdam“ auf Reede vor Ny Alesund. Gut zu sehen ist eines der Rettungsboote mit denen die Passagiere an Land gebracht werden
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  • Die lange Schlange an Passagieren des Kreuzfahrschiffs, die warten, um wieder an Bord gebracht zu werden
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  • Transport der DGPS Ausrüstung ins Untersuchungsgebiet. Jan und Ernst haben einen eher engen aber bequemen Platz im Motorboot gefunden
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  • Das Eis des Kronebreen-Gletschers
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  • Die DGPS Basisstation ist aufgebaut
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  • Andreas beim Aufnehmen der Pole-Bilder. Im Hintergrund sind einige Blöcke zu sehen, die sich langsam von der Abbruchkante weg neigen und abrutschen
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21.7.2019

Heute ist Matteos letzter Geländetag, da er uns morgen verlassen wird. Ich werde um 8:27 Uhr wach, drei Minuten vor dem Wecker. Die anderen schlafen noch tief und fest und ich denke, dass ich erst einmal das Frühstück machen werde bevor ich sie aufwecke. Frühstück zu machen bedeutet hier hauptsächlich Wasser für Tee und Nudelsuppen zu kochen. Wir haben dieses Jahr auch neue Nudelsuppen mitgebracht! Überraschung! Mit Glasnudeln! Die schmecken ganz anders, sind aber schwerer zu essen, weil die Nudeln länger und nicht so leicht zu brechen sind. Dafür gibt es drei kleine Plastiktüten mit Öl und Gewürzen. Und drei Tüten müssen ja besser sein als zwei. Der Purist könnte jetzt natürlich sagen, dass die Auswahl an Suppen mittlerweile viiieeell zu groß ist. Insgesamt sind sie aber eine gute Alternative zu unseren üblichen Raman-Nudeln.

Gerade als ich diese Zeilen schreibe, kommt ein Polarfuchs an der Hütte vorbei und pinkelt uns direkt vor die Haustür. Der Tag fängt ja schon gut an! Fünf Minuten später biegt Ernst um die Ecke und wir beschließen, die anderen auch aufzuwecken. So sitzen wir alle bald um den Frühstückstisch und lassen es uns schmecken. Dabei kreisen unsere Gespräche um Eisbären, Wetter und so manche geologische Struktur und wie man sie weiter erforschen könnte. Langzeitkameras, Drohnen, und und und kommen uns in den Sinn. Speaking of weather: Die Wettervorhersage für heute ist Regen, Wind und 7 Grad Celsius. Abends soll es dann zu regnen aufhören.

Dann geht alles ganz schnell und wir sitzen im Motorboot auf dem Weg zur Kronebreen/Kongsvegen Moräne. Wie vom Wetterbericht vorhergesagt, haben wir ca. 5 Windstärken und es baut sich eine kurze und steile Welle auf. Ich beschließe, dass wir das DGPS heute hier lassen. Das erspart uns einiges an Gewicht und eine große Alukiste. Schon nach ein paar Minuten erweist sich diese Entscheidung als goldrichtig. Wir nehmen jede Menge Wasser über als wir mit unserer wahnsinnigen Geschwindigkeit durch die Wellen pflügen. Nur gut, dass wir alle unsere Überlebensanzüge soweit wie nur irgend möglich geschlossen haben. Wir stolpern also von Welle zu Welle und nähern uns nur sehr langsam unserem Ziel weil wir nicht nur genau gegen die Wellen ankämpfen müssen, sondern auch gegen den Wind, der rasch stärker wird. Als ich in die Gesichter der anderen schaue, sehe ich Unbehagen und auch etwas Unsicherheit, ob die Motorbootfahrt wirklich eine gute Idee war. Und sicher denkt jeder darüber nach, wie er am besten möglichst trocken bleibt. Die Überlebensanzüge sind ja nicht hundertprozentig wasserdicht und eine größere Welle könnte durchaus Wasser über den Halsausschnitt ins Innere gelangen lassen. Die Konsequenz wären nasse Klamotten, in denen man den Rest des Tages rumlaufen müsste. Keine schöne Aussicht! Die Situation im Motorboot ist sicherlich nicht gefährlich solange der Motor funktioniert, aber angenehm ist sicher etwas anderes. Als wir um die Landzunge biegen, um in „unsere“ Bucht einzulaufen, wird es nochmals unangenehmer da die Wellen jetzt von schräg vorne kommen, wodurch es noch nässer für jeden wird. Jeder duckt sich so gut er kann und Matteo hat den Job des Schöpfens übernommen. Vierzig oder fünfzig Liter schöpft er sicher und es scheint die reinste Sysiphus-Arbeit zu sein. Zu guter Letzt kommen wir nach ca. 1,5 Stunden an unserem Ziel an. Das Ganze war wie 1,5 Stunden Bullenreiten in einer amerikanischen Bar. Nur dass niemand geklatscht und gejohlt hat. Trotz der Wellen klappt unser Ankermanöver hervorragend. Wir sind halt ein eingespieltes Team!

Das Programm für heute sieht vor, Pole-Bilder zu machen und die Drachenbefliegung durchzuführen. Aber Sicherheit geht vor und so beschließen wir, dass heute immer einer Wache stehen wird, um nach Eisbären Ausschau zu halten. Ich übernehme die erste Wache, während Jan und Andreas die Stangen zusammenschrauben, um daran die Kamera zu befestigen. Ich klettere also auf den Hügel unmittelbar neben unserer Erosionsstruktur von wo aus ich einen sehr guten Überblick über die gesamte Moränenlandschaft habe. So sollte uns ein Eisbär wenigstens nicht überraschen können. Der Wind ist mittlerweile sehr stark und weht eisig vom Kronebreen-Gletscher herüber. Wir haben heute ca. 6 Grad Celsius aber mit dem Windchill fühlt es sich deutlich kälter an. Um nicht zu sagen saukalt! Lange hält man es dort oben nicht aus und ich bin froh, als mich Ernst ablöst. Die anderen haben die Referenzpunkte, die bereits der rückschreitenden Erosion zum Opfer gefallen sind, durch große auffällige Steine ersetzt. Diese Referenzpunkte werden uns später erlauben, gute Mosaike zu produzieren. Dazu müssen sie natürlich in den Bildern gut sichtbar sein, sowohl in den Pole-Bildern als auch in den Drachenbildern. Ich messe die Referenzpunkte vorläufig mit meinem GPS ein, aber selbstverständlich wollen wir sie morgen mit dem DGPS hochgenau einmessen. Jan fängt währenddessen schon an, die Polebilder zu machen. Der Wind ist so stark, dass er Probleme hat, die Stange ruhig zu halten. Er schimpft!

Matteo steht nun Wache und Jan und Andreas machen den Drachen fertig. Als sie ihn in der Luft haben, schwingt die darunter hängende Kamera wie wild umher, aber Jan hat eigentlich alles ganz gut unter Kontrolle und kann die Erosionsstruktur gut abdecken. Die Betonung liegt auf eigentlich, denn plötzlich liegt der Drachen samt Kamera im Schlamm. Wir haben aber Glück im Unglück und die Kamera bleibt mehr oder weniger trocken und sauber. Der Drachen ist allerdings völlig eingesaut und schlammig. Da der Wind aber so stark ist, kriegt Jan ihn wieder in die Luft, um ihn trocknen zu lassen. Kaum ist er für zwei oder drei Minuten in der Luft, reißt die Schnur und der Drachen landet erneut im Dreck. Wir nehmen dies als Zeichen und beenden die Befliegung bevor wir den Drachen kaputt machen. Schließlich brauchen wir ihn ja noch in den nächsten Tagen. Allerdings soll morgen praktisch kein Wind sein. Ich nutze die Zeit und mache noch viele Aufnahmen mit der Infrarot-Kamera. Die Aufnahmen sind ganz interessant, da man dadurch sehen kann, dass der nasse Schlamm viel kälter ist als das trockenere Material. Auch kann man sehen, wo das Eis nahe der Oberfläche ist, obwohl man es nicht wirklich sehen kann, weil es dünn mit Schlamm bedeckt ist. Und natürlich ist es lustig, die Gesichter der anderen mit der IR-Kamera zu fotografieren. Andreas hält sich für einen Außerirdischen als ich ihm sein Bild zeige! Nachdem auch alle „normalen“ Bilder gemacht sind, machen wir uns bereit für die Rückfahrt. Dieses Mal, mit dem Wind und den Wellen von hinten, ist die Fahrt trocken und angenehm. Wir fahren noch an der Tyske Hytta vorbei, damit Jan und Matteo diese Hütte auch sehen können und weil wir gehört haben, dass ein Eisbär ein großes Loch in der Seitenwand hinterlassen hat. Und tatsächlich sehen wir auf der Seeseite eine große aufgeschraubte helle Platte, die das Loch schließt. Wow! Anstatt durch die Türe oder die Bullaugenfenster einzubrechen, ist der Bär geradewegs durch die Seitenwand gegangen. Unvorstellbar! Wir kennen ja die Hütte aus den vergangenen Jahren und haben sie als sehr solide und massiv in Erinnerung. Dass der Bär einfach ein Loch in die Seitenwand gemacht hat, ist unglaublich.

Nach diesem kurzen Ausflug kommen wir wieder gut und sicher an der Corbel-Hütte an. Boot vertäuen, Eisbrocken am Strand aufsammeln und schon gibt es unseren wohlverdienten Whiskey. Okay, es ist noch nicht ganz 17:00 Uhr, aber schmecken tut er trotzdem genial. Ernst und ich pumpen noch Wasser in den Frischwassertank der Hütte und essen jeder eine Fischbüchse im Freien. Die anderen haben schon mit ihren Nudelsuppen begonnen und wir schließen uns direkt an. Gefolgt wird dieses kulinarische Highlight von einem weiteren: Jan hat eine Backmischung für Pfannkuchen gefunden und macht uns Pfannkuchen. Keiner weiß so genau wie alt die Backmischung war, aber egal. Die Dinger schmecken und sind mal was anderes. Verfallsdatum. Auch so ein Wort, das sich hier sehr schnell relativiert. Das älteste Essen, das wir dieses Jahr gefunden haben war Tee aus dem Jahr 2008, der noch immer einwandfrei geschmeckt hat. Wann soll das Essen auch schlecht werden, wenn es die meiste Zeit gefroren ist? Wir hatten jedenfalls nie Probleme mit „abgelaufenen“ Essen. Zugegebenermaßen essen wir aber auch nur original verpackte Sachen. Bei offenen „Delikatessen“ sind wir schon vorsichtiger. Ach ja, es ist 18:15 Uhr und höchste Zeit das Abendessen vorzubereiten. Andreas will sich heute nochmals richtig ins Zeug legen und ein spezielles Abschiedsessen für Matteo kochen. Wir sind alle gespannt!

Es gibt ausgezeichnete Nudeln mit Bolognese-Sauce, die für zwei Stunden vor sich hin geköchelt hat. Matteo kriegt ein ganz breites Grinsen auch wenn das Arctis Bier nicht den üblichen Wein ersetzen kann. Ernst kümmert sich heldenhaft um den riesigen Berg Geschirr und spült gefühlt eine Ewigkeit. Ich schaue nochmal nach dem Motorboot. Der Wind ist fast eingeschlafen und mit dem Boot ist alles bestens. Bei der Gelegenheit fotografiere ich auch gleich noch ein paar Eisberge, die der Wind an den Strand gedrückt hat. Wundersame und bizarre Formen wie Kunstwerke! 

Fotos

Frühstück in der Corbel-Hütte. Heute ist Matteos letzter Geländetag und sein letztes gemeinsames Frühstück mit uns
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  • Unsere Erosionsstruktur heute. Im Vergleich zu den Bildern der letzten Tage (11.7. und 19.7.) sieht man nochmals eine deutliche Veränderung der Abbruchkante, was die hohe Erosionsrate verdeutlicht
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  • Der Drachen im Schlamm! Andreas versucht die Kamera möglichst vom Schlamm fern zu halten
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  • Auch dieses Jahr wieder: Ein Eisberg muss einfach sein! Oder auch zwei!
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  • Unsere Erosionsstruktur mit der IR Kamera aufgenommen, die Wärmebilder aufnimmt. Das Innere der Struktur ist deutlich kälter (blau) als die Umgebung (rot)
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  • Andreas mit der IR Kamera aufgenommen. Die Marsianer sind gelandet – und dieses Mal nicht in Roswell!
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20.7.2019

Spiegelglatte See und kein Lufthauch als wir aufwachen. Kein Vergleich zu gestern! Und ausgezeichnete Nachrichten für die Abholung unseres Gepäcks von der Daerten-Hütte und den Transport unseres anderen Gepäcks zur Corbel-Hütte. Die Logistik und der Planungsaufwand ist schon relative groß und wir verwenden viel Zeit damit Sachen zu packen, zu überlegen was wir brauchen und was wir nicht brauchen und wie wir alles von A nach B bringen. Wenn dann noch die Hälfte des Gepäcks irgendwo rumliegt und man nicht daran kommt, verkompliziert dies die Planungen nochmals. Wir überlegen uns, dass es wahrscheinlich am schnellsten und einfachsten ist, wenn wir den Transport nach Corbel selbst in die Hand nehmen. Bei der ruhigen Wetterlage und den herrschenden Seebedingungen sollte das eigentlich kein Problem sein. Damit ist Raphaelle für den Daerten-Trip verfügbar und Rudi und Greg können andere Dinge erledigen oder auch ein ruhiges Wochenende genießen. Kein Wunder, dass Gregory unserem Plan gerne zustimmt.

Heute ist übrigens Samstag, d.h. in Ny Alesund gibt es kein „normales“ Frühstück, sondern einen Brunch ab 10:00 Uhr. Das gibt uns genügend Zeit zum Duschen und alles zu verpacken. Und natürlich nehmen wir uns die Zeit ausgiebig zu brunchen. Nudelauflauf, Köttbullar, eingelegter Fisch, geräucherter Lachs, Obst, Mozzarella-Sticks, Eier, Kaffee – kein ganz schlechtes Frühstück! Ich bin pappsatt. Dann noch schnell die Wäsche aus dem Trockenraum geholt und schon rollen wir mit unseren dicken Bäuchen in das Rabot Gebäude, um fertig zu packen. Der Berg wird rasant immer größer und alleine die DGPS Ausrüstung nimmt zwei große Alukisten ein. Dazu Schlafsäcke, Rucksäcke, Essen, Überlebensanzüge, etc. Schnell wird klar, dass wir niemals zu fünft samt Gepäck in das Boot passen werden. Also werden Ernst, Matteo und Jan zu Fuß nach Corbel gehen und Andreas und ich mit dem Boot fahren.

Das Boot ist randvoll und es ist gut, dass heute keine Wellen oder Wind sind. So kommen wir eigentlich ganz gut voran und alles bleibt trocken. Am Strand von Corbel halten wir zuerst nach Eisbären Ausschau, bevor wir anlanden. Nachdem wir uns abgesichert haben, fahren wir das gesamte Gepäck mit zwei Schubkarren hoch zur Hütte. Auch dort drehe ich erst einmal eine Sicherheitsrunde um die Hütten. Nach den Erfahrungen der letzten Tage wird man irgendwie vorsichtiger. Nicht dass man paranoid wäre, aber man schaut ständig umher, ob nicht vielleicht doch irgendwo ein Bär lauert. Ich bin also wesentlich weniger entspannt unterwegs als die letzten Jahre. Auch gestern schon war mir erst wieder wohler, als wir im Boot Richtung Ny Alesund unterwegs waren. Wir haben dieses Jahr drei volle Feldtage an unserer Lateralmoräne und ich hoffe, dass wir nicht noch einen Eisbären sehen.

Gerade sind die anderen drei an der Hütte angekommen und Ernst hat ein Buch mitgebracht: „Heimat der Eisbären“. Er kriegt halt nie genug! Ähnlich ist es mit Jan, der beim Frühstücken sehr erfreut und aufgeregt reagiert hat als er erfuhr, dass es in der Corbel-Hütte möglicherweise wieder neue VI-Menn Magazine geben wird.

Bevor wir ins Gelände gehen, gibt es noch schnell eine Nudelsuppe und Tee. Dann macht sich jeder bereit und gerade als wir die Hütte verlassen wollen, hören wir eine Eisbärenwarnung für das Kronebreen/Kongsvegen-Gebiet. Das ist genau dort, wo wir gerade zum Arbeiten hin wollten. Damit ist unser schöner Plan natürlich passé. Wir funken Gregory an und lassen ihn wissen, dass wir nahe der Corbel-Hütte bleiben werden. Allerdings müssen wir noch das Motorboot besser verankern. Wir gehen also gemeinsam zu Strand und teilen uns die Arbeit. Drei von uns beschäftigen sich mit dem Motorboot und dem Ausladen der restlichen Kiste, die anderen zwei stehen Wache. Nach zehn Minuten ist alles erledigt und auf dem Weg zurück zur Hütte haben wir die Möglichkeit, neue Blumen zu fotografieren. Ganz schön und nett, aber definitiv nicht was wir wollten und weswegen wir hier sind. Eigentlich wäre ja gerade der tägliche Besuch an der Erosionsstruktur wichtig, um möglichst kontinuierlich die Veränderungen und damit Erosionsraten bestimmen zu können. Aber was hilft einem die schönste wissenschaftliche Erkenntnis wenn einen der Eisbär frisst bevor man es veröffentlichen kann.

Ich kann jetzt einfach nicht in der Hütte sitzen. Das Wetter ist gut mit etwas Sonne. Deshalb gehe ich ein Stück in Richtung Lovenbreen-Gletscher und setze mich einfach auf den Boden. Es ist absolut still. Kein Lufthauch, kein Vogelgekreische, kein anderes Geräusch. Nur das Geräusch des eigenen Atems. Unglaublich! In einiger Entfernung grasen zwei Rentiere, die langsam immer näher kommen. Ich bleibe ruhig sitzen und das jüngere Rentier kommt auf vielleicht 10-15 m an mich heran. Es frisst die rosa Blüten des Steinbrechs ab, der hier gerade in abertausenden Büscheln blüht. Dann schaut es mich an, merkt, dass von mir keine Gefahr ausgeht, und schon ist es wieder am fressen. Der kurze Sommer in Spitzbergen will genutzt sein, um sich möglichst viel Fett anzufressen. Die Parallele zu unserem Brunch heute Morgen ist also schon gegeben.

Ich komme gerade rechtzeitig in die Hütte, um zu hören, dass Raphaelle aus Daerten zurück ist. Ihr Plan ist es, unser Gepäck Morgen zu uns zu bringen. Es ist jetzt 17:30 Uhr und heute gibt es ein mehr formales Abendessen in Ny Alesund und auch die Bar ist geöffnet. Das will natürlich niemand verpassen und wir können schon verstehen, dass Raphaelle heute nicht mehr zu uns kommen will. Aber wie üblich haben wir einen Plan B. Ich funke sie an und biete ihr an, das Gepäck noch heute mit unserem Motorboot aus Ny Alesund zu holen. Damit bräuchte Raphaelle nicht zu uns kommen und hätte das Wochenende frei, um es mit Thomas zu verbringen. Es braucht nicht viel Diskussion und Raphaelle hört sich sehr erleichtert an, einen Job weniger auf ihrer Liste zu haben. Also ab zum Motorboot und wieder rein in den Überlebensanzug. Heute schon zum dritten Mal! Jan wird mich begleiten und auch Ernst kommt mit zum Strand, um die restlichen Überlebensanzüge mit einer Plane abzudecken. Je trockener wir sie halten können, desto angenehmer ist es sie zu tragen. Und der Wetterbericht hat Regen vorhergesagt.

Mit nur zwei Leuten schieben selbst unsere mickrigen 25 PS genügend vorwärts, dass wir in kürzester Zeit in Ny Alesund im Hafen festmachen können. Unser Gepäck liegt, wie vereinbart, auf der Mole und ist im Nu eingeladen. Allerdings müssen wir auch noch den Müll entsorgen und zwei Ortliebsäcke zurück bringen. Den Job übernimmt Jan, während ich nochmals tanke. Im Überlebensanzug die 500 m zu laufen macht ihm sichtlich keinen Spaß. Man gart dann im eigenen Saft und hat einen Gang wie ein kleines Kind dessen Hosen voll sind. Sehr ästhetisch und absolut elegant. Die Rückfahrt verläuft ebenfalls problemlos und wir schlagen noch einen Brocken von einem Eisberg ab. Dem Whiskey wird dieses unter brutalen Schmerzen handerlegte Eis - Jan hat sich gekratzt - die besondere Note verleihen.

Wir kommen gerade rechtzeitig zum Essen zurück an die Hütte. Andreas hat heute Reis mit karamellisiertem Fleisch gekocht. „Yakiniku“, wie er sagt. Ich schließe daraus, dass es japanisch ist. Jedenfalls schmeckt es saugut. Und dann - man glaubt es ja nicht - kommt die nächste Eisbärenwarnung per Funkgerät. Ein Bär ist wohl auf der anderen Fjordseite gesehen worden und es besteht immer die Chance, dass er zu uns herüber schwimmt. Wir suchen mit dem Fernglas nach ihm, allerdings vergeblich. Dieses Jahr haben wir extremes Pech mit den Eisbären, die uns immer wieder einen Strich durch die Rechnung machen. Wir wollen ja die Zeit hier möglichst gut und effektiv für unsere Forschung nutzen, können dies aus Sicherheitsgründen aber nicht umsetzen. Und in irgendwelchen Hütten oder in Ny Alesund festzusitzen macht einfach keinen Spaß. C’est la vie! Morgen wird alles besser!

Fast hätte ich es vergessen: Heute ist der fünfzigste Jahrestag der Mondlandung. Ich glaube das ist einen Whiskey wert! Und Matteo kriegt zur Feier des Tages einen schönen Espresso! Und wir alle kriegen um 22:45 Uhr unsere dritte Eisbärenwarnung an diesem Tag! Der Bär wurde nahe Ny Alesund an einem See gesichtet und dort verjagt. Laut Rudi läuft er in unsere Richtung und Rudi meint, wir sollen heute Nacht vorsichtig sein. Was immer das bedeuten mag.

Fotos

Unser voll beladenes Schlauchboot mit dem Andreas und ich gleich zur Corbel-Hütte aufbrechen werden. Ja, Andreas und ich müssen da auch noch rein passen!
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  • Jan beim Ausschau halten nach Eisbären
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  • Orange Flechten auf einem Gesteinsbrocken
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  • Rentier beim Abgrasen der Blüten des roten Steinbrechs
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  • Unser Festessen zur Feier der fünfzigsten Mondlandung: Yakiniku und ein Whiskey mit Gletschereis
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  • Windstille im Kongsfjorden
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  • Eisberge und Berge gegenüber der Corbel-Hütte
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  • Eisabbruchkante des Kronebreen-Gletschers
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  • Gletscher, Wolken, Meer in wunderbares Licht getaucht
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  • Zwei Eisbären auf einmal!
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19.7.2019

Obwohl ich gestern hundemüde war, habe ich letzte Nacht nicht gut geschlafen. Trotz weichem Bett und ohne Geschnarche bin ich immer wieder wach geworden weil ich mich hoffnungslos in meinem Schlafsack verdreht habe bis ich mich nicht mehr rühren konnte. Ein dicker Arktis-Schlafsack funktioniert halt nicht bei normalen Zimmertemperaturen. Jan weckt mich zum Frühstück und dieses Wecken kommt zur denkbar ungünstigsten Zeit! Aber wir wollen ja in der Kantine frühstücken und da sind wir nun mal an Öffnungszeiten gebunden. Also stehen wir brav um 7:30 Uhr am Buffet. Eier mit Speck, frischer Kaffee, Fisch, Obst, verschiedene Brotsorten, kurz, alles was das Herz begehrt. Wir langen kräftig zu und man könnte fast meinen, wir hätten dieses Jahr noch nichts zu essen bekommen. Jans Portionen sind gewaltig! Wahrscheinlich wächst er noch! Noch vor dem Frühstück habe ich eine Ladung Wäsche in die Waschmaschine geschmissen. Die gute alte Miele Maschine spult ihr 30 Grad Programm in 43 Minuten ab, so dass ich alles nach dem Frühstück in den Trockenraum hängen kann. Allerdings ist der bei weitem nicht so warm wie in den letzten Jahren. Jan wäscht auch gleich mit und Andreas wird später nachziehen. Die paar Sachen von Ernst passen noch mit in meine Waschladung. Danach macht jeder sein Ding. Mein Vormittag geht mit dem Editieren des Blogs drauf und ich spanne auch Ernst ein, der meinen Text korrigieren muss. Der Blog ist also durch ein „peer-review“ Verfahren gelaufen – oder zumindest so etwas ähnliches. Dann muss ich noch gute Bilder für den Blog auswählen und die dazugehörigen Bildunterschriften schreiben. Und schließlich muss alles nach Münster geschickt werden, damit es auf die Webseite kommt. Jan frägt im Laufe des Vormittags mehrmals nach, wann denn der Blog fertig sei. Nach dem Mittagessen ist es dann soweit: Alles ist erledigt und Text und Bilder sollten ab ca. 16:00 Uhr online sein.

Unterdessen wollen wir natürlich heute noch zu „unserer“ Lateralmoräne fahren. Raphaelle will uns dafür „Sabrina“ geben, aber als wir wenig später die Gewehre, Signalpistolen und Funkgeräte bei Gregory abholen, stellt sich heraus, dass „Sabrina“ Propellerprobleme hat. Wir müssen also auf das kleine Schlauchboot ausweichen. Statt satter 100 PS gibt es jetzt magere 25 PS. Es weht ein frischer Wind vom Kronebreen-Gletscher herüber und es bauen sich respektable Wellen auf. Wir beschließen deshalb, dass wir nur zu dritt ins Untersuchungsgebiet fahren. Wir wollen ja auch nur Bilder machen und dann möglichst schnell wieder zurückkommen. Leichter gesagt als getan. Es dauert gefühlt eine halbe Ewigkeit bis wir die Corbel-Hütte passieren und dann nochmals eine weitere Ewigkeit bis wir endlich vor Ort sind. Der kleine Motor hat alle Mühe das Schlauchboot mit drei Personen und Gepäck gegen die Wellen und gegen den Wind zu schieben. Wir werden kräftig nass und Spaß sieht anders aus.

Aber schließlich kommen wir doch noch völlig unerwartet an unserer Arbeitsstelle an. Vor der Abfahrt hat uns Gregory noch vor einem Eisbären gewarnt. Und heute Morgen war auch schon einer in unmittelbarer Umgebung von Ny Alesund unterwegs. Irgendwie verfolgen uns die Dinger dieses Jahr! Man kann praktisch keinen Schritt machen, ohne nicht auf Eisbären zu stoßen. Wir müssen also in dem unübersichtlichen Gelände besonders auf der Hut sein. Nachdem das Boot vertäut ist, die Gewehre teilgeladen und wir aus unseren Überlebensanzügen geklettert sind, geht es ca. 50-60 Höhenmeter die Lateralmoräne hoch. Ich gehe voraus, achte darauf, dass ich immer auf morphologischen Rücken und Hügeln gehe und steige erst einmal auf den höchsten Hügel in unmittelbarer Nachbarschaft zu unserer Erosionsstruktur. Von dort habe ich alles im Auge. Nichts rührt sich, keine weißen Flecken, die sich bewegen – es kann also Entwarnung gegeben werden und wir können anfangen zu arbeiten. Wir machen Notizen und aus allen möglichen Perspektiven Fotos und es ist völlig klar, dass an einigen Stellen Material frisch erodiert bzw. abgebrochen ist. Am deutlichsten wird das am oberen Ende der Erosionsstruktur sichtbar weil dort zwei unserer Markierungen bereits verschwunden und vermutlich im Schlamm gelandet sind. Auch seitlich brechen große zusammenhängende Blöcke ab. Und im Inneren hat sich eine Art Kanal gebildet, an dessen Ende sich eine große und dicke Fließzunge aus Schlamm befindet.

An der Stelle an der meine Kamera steht, fließt nun Oberflächenwasser in die Erosionsstruktur und der Boden ist bereits völlig durchweicht. An der Stelle an der das Wasser in die Erosionsstruktur hineinfließt ist es zu einem massiven Abbrechen der Kante gekommen und darunter ist eine weitere Fließzunge entstanden. Es passiert also recht viel und wir sind schon auf die zwei Zeitrafferfilme gespannt, die wir aus den Bildern unserer Wildkameras herstellen wollen. Zum Abschluss machen wir unser alljährliches Panorama von einem bestimmten Hügel aus, der in all den Jahren stabil geblieben ist. Auch ein paar Bilder von einem Segelboot zwischen den Eisbergen kann ich noch machen. So etwas sieht man nicht zu oft! Dann geht es zurück zum Motorboot und wieder rein in unsere Überlebensanzüge. Ich tanke noch auf und schon sind wir mit affenartiger Geschwindigkeit unterwegs nach Ny-Alesund. Mit den Wellen zu fahren und den Wind von hinten zu haben macht die Fahrt deutlich angenehmer als die Hinfahrt. Und natürlich auch schneller, wenngleich wir immer noch im Schneckentempo unterwegs sind. Aber lieber schlecht gefahren als gut gelaufen. Und mit Laufen wären wir noch langsamer. Im Hafen melden wir uns bei Gregory zurück, tanken voll und füllen auch das Öl nach. Im Hafen sehe ich auch das Segelboot liegen, das ich fotografiert habe. Ich gehe rüber und zeige den Seglern die Bilder die ich gemacht habe. Es sind Franzosen und Freunde von Gregory und so werde ich die Bilder einfach an ihn schicken, damit er sie weiterleiten kann. Wir geben die Waffen ab und gehen dann direkt zum Essen. Natürlich ist die reguläre Essenszeit längst vorbei – es ist ja schon nach 21:00 Uhr. Es gibt also Fischkonserven der unterschiedlichsten Art, Brot und Kaffee.

Insgesamt hat uns dieser ruhige Tag gut getan. Und ganz faul waren wir ja auch nicht. Mal schauen, wie wir Morgen alles organisiert bekommen. Am Wichtigsten wäre sicher der Umzug zur Corbel-Hütte, aber auch der Transport unseres Materials von der Daerten-Hütte. Speziell die Stangen zum Fotografieren und die Kameras würden wir dringend gebrauchen, da wir sonst keine „Pole-Bilder“ machen können. Irgendwie haben wir gestern alle gepennt und genau diese Sachen nicht aus Daerten mitgenommen. So doof kann man manchmal sein!

Fotos

Sicher kein probates Mittel, um die Gletscher zu retten
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  • Unsere Erosionsstruktur. Änderungen werden am besten sichtbar im Vergleich zum Bild vom 11.7.
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  • Steinmann mit Ernsts Wildkamera, die alle drei Minuten ein Bild der Erosionsstruktur macht
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  • Und noch einmal Blumen (Silene Uralensis)
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  • Der Kronebreen/Kongsvegen-Gletscher
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  • Segelboot zwischen Eisbergen
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  • Wildgänse, die seit Jahren von niederländischen Forschern der Universität Groningen untersucht werden
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  • Nachwuchs bei den Gänsen
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  • Ein Sonnenfleck der anderen Art auf dem Kronebreen-Gletscher
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18.7.2019

Schlafsack wegpacken, Matratze aufstellen, Teewasser kochen. Ein grandioser Tagesauftakt, der zugleich wieder zunichte gemacht wird, als ich vor die Türe trete. Meine bayerische Fahne, die ich gestern erst an einem massiven Baumstamm gehisst hatte, liegt völlig zerrissen auf dem Boden. So wie sie zerrissen ist, ist mir sofort klar, dass dies nicht der Wind gewesen sein kann. Mein erster Verdacht fällt auf Eisbären, da ein Polarfuchs den Holzstamm beim besten Willen nicht hätte bewegen können. Aber ich verdränge den Gedanken erstmal, da ich dringend auf die Toilette muss. Von meiner Position aus sehe ich einen großen weißen Fleck etwa 800 m von der Hütte entfernt, der mir bisher noch nie aufgefallen war. Also man wird bei der Morgentoilette schon etwas schneller wenn man weiß, dass dieser große weiße Fleck eigentlich nur eines bedeuten kann. Als ich zur Hütte zurückkomme, hat auch Matteo den Fleck bereits gesehen und auch als Eisbären interpretiert. Ich hole das Fernglas aus dem Rucksack und gehe der Sache auf den Grund. Ganz klar: Nicht ein Eisbär, sondern mindestens zwei! Vielleicht ist es ja die Eisbärenmutter mit den zwei Jungen, von der uns Raphaelle berichtet hat. Mit dem Zoom der Kamera sehe ich, dass sie ruhig schlafen. Wir haben also in zwei Tagen drei Eisbären gesehen – neuer Rekord! Und es dämmert uns auch langsam aber sicher, dass die zwei Eisbären nur ca. 5 m von unserer Hütte waren als sie die Fahne zerrissen, während wir selig darin geschlafen haben und absolut nichts mitbekommen haben!

Wir melden die zwei Bären sofort Gregory weil wir verhindern wollen, dass die Leute, die heute in Daerten übernachten wollen von ihnen auf dem Weg überrascht werden. Auch für uns stellen die Bären ein Problem dar, weil sie genau in Richtung Stenehytta liegen, der Hütte auf der wir heute übernachten wollten. Wir haben es also nicht mit einem „Problembären“ zu tun, sondern sogar mit zweien. Im Moment können wir aber außer frühstücken und beobachten nicht viel machen. So gegen 11:00 Uhr kommt dann Bewegung in die Bären. Nachdem sie aufgestanden sind, sehen wir, dass es sich um einen großen und einen etwas kleineren Bären handelt. Wir machen natürlich Fotos und beobachten einen Bären auch dabei, wie er seine Morgentoilette erledigt und sich hinter dem Ohr kratzt. Leider bewegen sich die Bären in Richtung Stenehytta.

Es ist jetzt schon recht spät und wir diskutieren unsere Optionen. Das Wetter soll morgen sehr regnerisch sein, die Bären sind in dem Gelände unterwegs in dem wir arbeiten wollten und die Strukturen, die durch Hangkriechen entstehen, sind sehr hoch und in extrem steilem Gelände. Es ist also nicht sicher, dass wir sie überhaupt erreichen können. Zudem müssten wir dann Morgen im Regen zurück zur Daerten-Hütte laufen. Alles Gründe warum wir uns entschließen, nicht zur Stenehytta zu laufen. Auf Daerten können wir aber auch nicht bleiben. Wir fragen also Gregory ob es möglich wäre, uns bereits heute mit dem Motorboot abzuholen. Raphaelle will uns tatsächlich um 13:00 Uhr abholen. Wahnsinn! Das ist mehr als wir uns jemals erträumt hätten. So eine schnelle Abholung wäre natürlich super. Wir packen also alles schnell zusammen, putzen die Hütte und warten auf das Boot. Leider kommt das Boot aber nie. Das Meer war zu rau und Raphaelle musste umdrehen.

Das heißt für uns, dass wir erneut umpacken müssen und mit großem Gepäck über den Skaret-Pass und den Austere Bröggerbreen nach Ny Alesund zurück laufen müssen. Das wird kein Vergnügen, da wir ca. 400 Höhenmeter überwinden müssen. In unwegsamen Schutthalden, Schneefeldern und steilem Gelände. So keucht jeder vor sich hin, als es den Skaret-Pass hoch geht. Mit ein paar Teepausen geht es aber ganz gut und irgendwann sind wir dann auch oben und haben einen tollen Ausblick auf Ny Alesund. Der Gletscher ist dieses Jahr mit deutlich mehr Schnee bedeckt als letztes Jahr. Einerseits ist das unangenehm zum Gehen weil man immer wieder tief einsinkt, andererseits können wir den Gletscher weiter oben queren. Letztes Jahr mussten wir absteigen und dann wieder aufsteigen, weil das blanke Eis ohne Steigeisen nicht zu queren war. Je weiter wir nach unten kommen, desto weniger Schnee liegt auf dem Gletscher und desto besser wird es zum Laufen. Wir kommen also gut voran, auch wenn es Jan nicht gefällt über den Gletscher zu laufen. Ist aber tausend Mal besser als über den seitlichen Schutt der Lateralmoräne laufen zu müssen. Bis auf eine Querung einer verschneiten Eisrinne ist das Vorankommen absolut kein Problem.

An der Gletscherzunge angekommen, fällt Ernst und mir auf, wie weit sich der Gletscher nochmals gegenüber dem Vorjahr zurückgezogen hat. Es ist wirklich schockierend, wie schnell der Gletscher verschwindet. Und seit unserem ersten Besuch im Jahre 2010 fehlen mindestens 10-15 Höhenmeter! Mittlerweile tun uns die Knochen ganz gut weh. Die schweren Rucksäcke fordern ihren Tribut! Nur gut, dass die Teekannen fast leer sind! Allerdings sind die Gesteine hier so schön, dass ich nicht wiederstehen kann und einen schönen großen Konglomeratbrocken in meinen Rucksack stopfe. Und dann finde ich auch noch einen Eispickel, den ich natürlich auch nicht liegen lassen kann. Also auch den an den Rucksack geschnallt. Von einem kleinen Eiskernhügel mache ich noch ein paar fantastische Bilder vom Gletschertor, aus dem wild das Schmelzwasser braust. Das ist schon sehr beeindruckend, aber eben auch ein Zeichen für das schnelle Abtauen. Dann müssen wir noch einmal hochsteigen, um an einer kleinen Schlucht vorbei zu kommen. Das sollte aber unser letzter Anstieg sein.

Gott sei Dank, denn mittlerweile schmerzen meine Schultern ganz gut und auch der Rücken meldet sich. Schließlich erreichen wir die Straße, die nach Ny Alesund führt. Jetzt ist es nur noch ca. ein Kilometer. Am Ortseingang entladen wir vorschriftsmäßig unsere Waffen und melden uns bei Gregory an, den wir wenig später am blauen Haus treffen. Er übernimmt die Waffen und hat zwei Neuigkeiten für uns. Zum einen haben die Leute, die in der Daerten-Hütte übernachten wollten, ihre Tour aufgrund der Bären und des schlechten Wetters abgesagt. Zum zweiten ist heute Donnerstag und die Bar ist geöffnet! Eine grandiose Aussicht auf ein Bier tut sich auf! Völlig unerwartet, denn wir mussten ja unsere Reserven in Daerten zurück lassen. Genauso wie einen guten Teil unseres Gepäcks, das wir hoffentlich im Laufe der Woche bekommen werden. Jedenfalls haben wir den kleinen Anbau der Daerten-Hütte, wo das Holz gelagert wird mit unserem Zeug vollgestopft. Dort sollte es trocken und sicher sein.

Jetzt aber schnell duschen und fertig machen für die Bar. Leider ist die Dusche nur lauwarm! AAARRRRGGGHHH!!!! Dann werden noch schnell ein paar Anrufe erledigt und schon sitzen wir bei Bier und Hot Dogs in der Bar. Die Bar ist bis auf den letzten Platz belegt und es scheint, dass jemand seinen Geburtstag dort feiert. Aber mit der Zeit „erkämpfen“ wir uns einen Platz an der Bar und die Welt ist in Ordnung. Jeder versucht die müden Knochen möglichst bequem auf den Barhockern zu platzieren und irgendwie gelingt es uns auch. Die drei Bier und drei Hot Dogs, die unser Abendessen sind, munden hervorragend und gegen Mitternacht verlassen wir die Bar. Im Rabot-Gebäude gibt es noch einen Tee und die bequemen Sofas tragen dazu bei, dass wir unsere Bettschwere erreichen. Ich arbeite noch bis zwei Uhr morgens am Blog, dann fallen mir aber endgültig die Augen zu. Im Nachbarzimmer wird bereits heftig Geschnarcht und Jan muss seine Ohrstöpsel verwenden. Dieses Mal ist der Übertäter aber nicht Ernst oder Andreas, sondern jemand mit dem Matteo das Zimmer teilt. Vom Regen in die Traufe…

Fotos

Schlafende Eisbären in der Nähe der Daerten-Hütte
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  • Eisbär bei der Morgentoilette…
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  • Erst einmal hinter dem Ohr kratzen und überlegen, was man machen könnte
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  • Jan beim Eintrag schreiben in das Gästebuch der Daerten-Hütte
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  • Eine Literaturauswahl der besonderen Art
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  • Jan auf dem Weg zum Skaret-Pass
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  • Ernst am Skaret-Pass
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  • Matteo, Jan und Andreas auf dem Bröggerbreen Gletscher
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  • Buchstäblich die Eiskante des Bröggerbreen Gletschers mit Schmelzwasser darunter
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  • Das imposante Gletschertor des Bröggerbreen Gletschers
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17.7.2019

Cheerio Miss Sophie! The same procedure as every year! Aufstehen, heute um 9:11 Uhr, Frühstück herrichten, gemeinsam Frühstücken und den Plan für den Tag machen, Teewasser kochen, abspülen, losgehen. Heute sind wir etwas langsamer – ich denke, jeder muss ich erst an den neuen Ablauf in der Daerten-Hütte gewöhnen. Dadurch, dass die Hütte etwas anders geschnitten ist, steht man sich leichter im Weg und alles muss besser geplant sein. Da hilft auch die große Terrasse nichts.

Aber schließlich ist jeder für den Landgang fein gemacht hat und wir können los. Es fällt uns sofort auf, dass das Gelände dieses Jahr viel trockener ist als im letzten Jahr. Das klingt erst einmal nicht sonderlich dramatisch, macht aber einen Riesen Unterschied, da wir dadurch viel schneller unterwegs sind. Unsere erste Station heute ist ein Hügel, der letztes Jahr durch einen Gletscherbach so angeschnitten wurde, dass wir dort Eis im Untergrund sahen. Da das nicht unähnlich zum Mars ist, wo wir vermutlich auch solche Strukturen sehen, sind wir natürlich alle gespannt, was wir heute lernen werden. Als wir dort ankommen, ist die Enttäuschung aber nicht zu leugnen. Denn im ersten Moment sehen wir kein Eis. Stattdessen sehen wir fantastische sedimentäre Strukturen, die alles wieder wettmachen. Der Gletscherbach, der über die weite Ebene mäandriert, hat hier wunderbare Lagen von feinem Sand und Schluff abgelagert, in die immer wieder Linsen von Kies eingeschaltet sind. In den Kieslagen sieht man sehr schön, dass es zu einer gradierten Schichtung kam, also dass erst gröberes Material abgelagert wurde und dann feineres bevor der nächste Zyklus begann. Und schließlich sehen wir in der Wand auch ein 20x20cm großes Loch. Wir erweitern es und siehe da: Wir finden in ca. 20-30 cm Tiefe klares Gletschereis und darunter eine kleine Eishöhle mit tonigen Sedimenten. Wir vermuten, dass der Gletscher hier Eis hinterlassen hat, das später durch den Gletscherbach mit den oben beschriebenen Sedimenten überdeckt wurde.

Anschließend geht es an die Überquerung der Ulvösoya, einer großen Ebene mit mäandrierenden Gletscherbächen. Auch hier ist es viel trockener und wir kommen gut voran ohne die Schuhe ausziehen zu müssen. Nachdem wir gut 2/3 hinter uns haben, sehe ich, dass sich am Strand etwas großes Weißes bewegt. Ganz klar ein Eisbär. Wir sind ca. 500 m entfernt von ihm und der Wind steht so, dass er uns nicht riechen kann. Er sucht am Strand nach Nahrung und kümmert sich nicht weiter um uns, sondern marschiert in anderer Richtung weiter. Auf der absolut ebenen Fläche hätten wir kaum eine Rückzugsposition gehabt, da der Eisbär in dem feuchten Gelände viel schneller unterwegs ist als wir. Wir sind also froh, dass er sich nicht für uns interessiert, sondern sein Ding macht. Genau zu dem Zeitpunkt wo wir den Bären sehen kommen wir auch an einen tieferen und breiteren Gletscherbach, wo wir unsere Schuhe ausziehen müssen. Ein Teil der Mannschaft behält den Bären im Auge während der Rest die Schuhe auszieht und umgekehrt. Alles nach Plan und ganz ruhig. Nach weiteren zehn Minuten kommen wir am anderen Ufer an und informieren erst einmal Ny Alesund über die Eisbärsichtung. Gregory dankt uns und wird die Info weiter geben. Bei einer Tasse Tee bereden wir, dass wir heute in dem unübersichtlichen Moränengelände immer zusammen bleiben sollten und besonders wachsam sein sollten. Für mich bedeutet das, dass ich das Gewehr anders trage als sonst, um es jederzeit schnell zur Hand zu haben.

Mit diesen Vorsätzen ziehen wir los, um mehrere Hügel zu untersuchen, die aus schluffig-tonigem Material bestehen – ganz anders als die anderen Hügel hier, die aus Schotter bestehen. Es schaut so aus, als ob diese Hügel nach oben gedrückt wurden, denn am Fuss dieser Hügel und am Gipfel finden wir noch Schotterreste. Dann geht es weiter zu dem Esker, den wir bereits letztes Jahr angeschaut hatten und schließlich auf den Hügel aus anstehendem Gestein, von wo man einen fantastischen Überblick über die Gletscher hier hat. Wir sehen auch wieder, dass unterhalb der Oberfläche, in ca. 1 m Tiefe, reines Gletschereis vorhanden ist. Man ist sich meist gar nicht bewusst, dass man oft auf dem Gletschereis umher wandert und nicht auf solidem Grund. Aber nur etwas „Dreck“ auf dem Eis genügt, und schon meint man, dass alles fest und solide ist. Ist es eben aber nicht!

Das Wetter ist jetzt grandios und die Gletscher funkeln in der Sonne im die Wette. Eingerahmt von dunklen, teilweise schneebedeckten Bergen und im Vorfeld der Gletscher immer wieder tief türkisgrüne Seen. Darüber ein strahlend blauer Himmel mit ein paar Wolken. Es ist einfach wunderschön und ich kann mich kaum satt sehen. Leider laufen wir auf unserem Rückweg in die andere Richtung. Aber ein paar Mal drehe ich mich schon um und sauge den schönen Ausblick ein. Ganz nebenbei halte ich natürlich auch nach Eisbären Ausschau. Man weiß ja nie!

Ohne größere Probleme schaffen wir die Überquerung der Ulvöselva. Wir müssen nicht einmal die Schuhe ausziehen, was ein absolutes Novum ist. Letztes Jahr hatten wir viel größere Probleme, weil es generell viel nässer war. An der Hütte angekommen muss ich zu allererst meinen patriotischen Pflichten nachkommen und die bayerische Fahne hissen. Jetzt ist die Welt wieder in Ordnung- zumindest für mich. Die anderen schütteln nur ihre Köpfe. Der Whiskey schmeckt uns auf der Terrasse ganz hervorragend. Und es werden sogar zwei. Während wir so da sitzen sehen wir Wale und Robben. Ich checke noch kurz nach Spuren des Eisbären im Sand vor der Hütte, werde aber nicht fündig. Er war also vermutlich nicht hier, sondern hat einen anderen Weg genommen. Ist uns ganz Recht. Anschließend fängt Andreas an, seine Kochmagie auszupacken. Als er probiert, lässt er sehr eigenartige Geräusche von sich. Also entweder hat er sich verschluckt oder das Essen ist sehr scharf. Wir werden es in ein paar Minuten sehen. Ernst kämpft derweil mit seiner Erkältung und liegt schnarchend in seinem Schlafsack. Völlig okay, denn er muss möglichst schnell wieder fit werden. Jan beschäftigt sich mit dem Jack London Buch von Ralf und Matteo ist von den VI-Menn Magazinen fasziniert. Seiner Meinung nach ist VI-Menn um Klassen besser als Jagt und Fiske. Da kann ich ihm nur zustimmen. Was könnte langweiliger sein, als Seite für Seite irgendwelche Leute abgebildet zu sehen, die einen Fisch hochhalten oder neben einem erlegten Tier knien. Aber für manche ist das das Höchste. Jeder nach seinem Geschmack! Es war heute Abend sehr kalt und es hat ein unangenehmer Wind geweht, der uns letztlich in die Hütte trieb. Das Essen war übrigens wieder hervorragend und auch von der Menge her passt es. Bisher haben wir nie Reste übrig gehabt. Nach unserem obligatorischen Bier und dem Abwasch ist es auch schon Zeit ins Bett zu gehen. Als alle in den Federn liegen, rolle ich meine Matratze aus und ein paar Minuten später höre ich nichts mehr.

Fotos

Sedimentablagerungen. Darunter befindet sich Gletschereis
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  • Der erste Eisbär der Saison. Er zieht in ca. 500m Abstand am Starnd an uns vorbei
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  • Eine glaziale „Mondlandschaft“
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  • Mittagspause auf einem Hügel
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  • Seenlandschaft vor dem Gletscher. Beim genauen Betrachten sieht man das unterlagernde Eis
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  • Ein wunderschöner Esker. Esker sind Geröllrücken, die durch Schmelzwasser unterhalb eines Gletschers abgelagert werden
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  • Während der Überquerung der Ulvösoya
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  • Die bayerische Flagge vor der Daerten-Hütte. Das letzte Bild der Fahne…
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  • Nach getaner Arbeit gibt es einen wohlverdienten Whiskey auf der Terrasse
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16.7.2019

Ich wache um 7:11 Uhr auf und Ernst ist bereits wach. Den Wecker habe ich nicht gehört und auch die anderen schlafen noch. Der Wetterbericht ist zutreffend und wir haben zum ersten Mal Sonne zu Frühstück. Genial! Heute ist also schon wieder der Tag des Abschieds von der Geopol-Hütte gekommen. Ich bedauere das immer sehr, denn der Aufenthalt in dieser Hütte ist für mich immer ein Highlight. Ich liebe diese Hütte einfach und bin jedes Mal traurig, wenn wir weiter ziehen. Ich glaube ich könnte ohne Probleme mindestens 14 Tage dort verbringen. Es ist die Abgeschiedenheit und der gute Grundriss der Hütte, die mir gefallen. Und sie ist einfach sehr gemütlich. Ich stelle mir vor, wie es wohl im Winter wäre, von hier aus die Polarlichter zu beobachten, oder im Frühjahr, wenn das erste Licht wieder da ist. Das muss einfach genial sein.

Um 9:00 Uhr machen wir uns auf den Weg zum Strand. Wir wollen Raphaelle um 10:00 Uhrtreffen und sind pünktlich um kurz vor 10:00 Uhr am Strand. Raphaelle landet um 9:58 Uhr. Das nenne ich pünktlich. Und sie hat gute Nachrichten für uns: Sie hat die Ersatzbatterien für das Satellitentelefon mitgebracht und eine Flasche Whiskey für die nächsten Tage. Ich umarme sie und danke ihr. Mit ihrem Überlebensanzug an, fängt, sie sofort an, unser Gepäck einzuladen. Sie ist wirklich ein „tough coockie“ und dabei super nett und freundlich und hübsch. Wir sind alle tief beeindruckt. Auch wie sie den nicht ganz leichten Anker hochzieht. Respekt! Und dann ist sie auch schon wieder weg, zusammen mit Thomas, ihrem Freund, und Jan und Andreas. Die vier werden unser Gepäck zur Daerten-Hütte bringen, wo wir Jan und Andreas später wieder sehen werden.

Ernst, Matteo und ich gehen im Regen zur Geopol-Hütte zurück, wo wir noch Tee kochen, die Bayernfahne feierlich einholen und die Hütte sauber Machen, bevor es auf unsere Wanderung zur Daerten-Hütte geht. Wir planen so um die 5 Stunden Fußweg ein. Mittlerweile ist das Wetter wieder besser, aber es weht uns ein starker und kalter Wind entgegen. Der Marsch wird also kein Vergnügen. Und so ist es dann auch. Durch das Laufen kommen wir gut ins Schwitzen aber wir können unsere roten Jacken nicht aufmachen, weil es einfach viel zu kalt ist und man dann nur krank werden würde.

Die Kjaersvikahyta ist in einer Stunde erreicht und wir sehen das Motorboot von Daerten zurückkommen. Wir trinken Tee und essen ein Stück Schokolade. Das Innere der Hütte ist für zwei Leute sehr gemütlich eingerichtet, aber zu fünft würden wir es sehr eng haben. Nach kurzer Rast gehen wir weiter. Vor uns liegt das flache Plateau bis zur Stenehytta. Bis auf ein paar kleinere Bacheinschnitte ist das Terrain sehr gut geeignet, um schnell voran zu kommen. Allerdings zehrt der Wind ganz gewaltig an unseren Kräften. War es letztes Jahr ein wunderbarer Spaziergang bei bestem und warmen Wetter, ist es für mich heute eher anstrengend. Ich bin froh, als die Stenehytta in Sicht kommt. Speziell auch deswegen, weil es gerade zu regnen beginnt, als wir dort ankommen. Die Stenehytta ist innen sehr gemütlich, hat aber nur zwei Betten und ein Sofa. Wir werden am Donnerstag hier übernachten müssen weil die Daerten-Hütte dann besetzt sein wird. Ich esse meinen Müsliriegel und meine Tafel Halbbitterschokolade und trinke einen Großteil meines Tees. Ernst und Matteo machen sich schnell einen neuen Tee während es draußen noch immer regnet. Wir sitzen über eine Stunde in der Hütte und warten darauf, dass das Wetter wieder besser wird. Uns ist allen kalt und wir sind froh, dass wir endlich weiter gehen können.

Kurz nach der Stenehytta biegen wir in die Engelsbuchta ein, was den Vorteil hat, dass wir den Wind nun nicht mehr direkt ins Gesicht bekommen, sondern von schräg hinten. Was für ein Unterschied! Plötzlich macht die Wanderung wieder enorm Spaß, was sicher auch an dem fantastischen Panorama liegt. Da geht einem einfach das Herz auf, wenn man diese Gletscher sieht, die zwischen die dunklen Bergen eingezwängt sind und Tausende von Spalten zeigen, speziell der Comfortlessbreen.

Um kurz nach 18:00Uhr sind wir an der Hütte und Jan und Andreas begrüßen uns mit einem Whiskey. Die perfekte Begrüßung! Ernst und ich beschließen die Zeit zu nutzen solange wir noch warm vom Wandern sind, um etwas Körperpflege zu betreiben. Sprich, wir gehen kurz ins Meer und waschen uns dann an einem kleinen Bach. Im Wind ist das nicht sehr spaßig, aber es fühlt sich „saugut“ an, wieder sauber zu sein. Oder zumindest etwas sauberer zu sein. Und so kalt war es eigentlich gar nicht. Nicht für wahre „Polar Heroes“! Wieder warm und trocken diskutieren wir den Plan für die nächsten Tage. Raphaelle gibt uns den Wetterbericht durch, der windiges aber trockenes Wetter für morgen vorhersagt. Alles im grünen Bereich. Gekrönt wird der Tag von einem thailändischen Gericht, das uns Andreas bereitet. Erstaunlich, was er in der winzigen Küche mit einem Zweiflammenkocher und vier hungrigen Kerlen, die um ihn rumstehen, so fertig kriegt. Das Buch „Goldrausch in Alaska“ das Ralf letztes Jahr hier zurück gelassen hat ist noch immer da und wird sofort gelesen. Alternativ dazu gibt es die üblichen VI-Menn Magazine, die aber deutlich weniger anspruchsvoll sind. Die Betten sind schnell verteilt: Andreas und Ernst werden wie letztes Jahr das „Doppelbett“ teilen, Matteo schläft im oberen Stockbett, Jan auf dem Sofa und ich nehme den Boden. Somit geht ein guter Tag dem Ende zu und wir freuen uns auf Morgen, wenn wir einen Hügel mit Eiskern genauer untersuchen wollen.

Fotos

Die Geopol-Hütte mit Regenbogen. Wie genial ist das denn?
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  • Rast an der Kjaersvikahytta
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  • Polarfuchs „Arved“, der uns an der Daerten-Hütte besucht. Ob es wohl der gleiche Fuchs ist, den wir schon letztes Jahr sahen?
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  • Schöne Wolkenstimmung
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15.7.2019

Draußen regnet es –schon wieder - leicht aber beständig als wir aufstehen. Nein, ihr habt Euch nicht im Tag geirrt! Wir haben noch immer schlechtes Wetter, nur dass heute die Wolken ein paar Zehnermeter über der Hütte anfangen und es etwas mehr regnet als gestern. Wetterbericht Nummer 1 war also bis jetzt richtig. Bleiernes Wetter, grau in grau, kein Wind und abwechselnd Nieselregen und stärkerer Regen. Kein Gedanke daran, mit dem Drachen fliegen zu können. Also erst einmal ausgiebig frühstücken. Anschließend bringe ich die Küche auf Vordermann und dann ist immer noch genügend Zeit um zum x-ten Mal die VI-Menn Magazine zu diskutieren, die wir schon letztes Jahr gefühlt 25 Mal gelesen und davor bereits im Jahr 2017 besprochen haben. Die neueste Zeitschrift ist aus dem Jahr 2004. Jan hat heute Nacht dank dem exzessiven Geschnarche von Andreas nicht schlafen können und ist auch über das Wetter nicht sonderlich erfreut. Er hat festgestellt, dass seine Ohrstöpsel zwar Ernsts Schnarchen gut ausfiltern, gegen Andreas Sägen aber völlig wirkungslos sind. Ja, das Problem mit den unterschiedlichen Frequenzen. Ich habe wunderbar geschlafen und von dem Ganzen nichts mitbekommen.

Während der anregende VI-Menn Diskussion kommt Ernst von seinem Toilettengang zurück und verkündet: „In einer Stunde wird das Wetter besser!“ Es ist jetzt 11:15 Uhr und wir werden sehen, ob er tatsächlich Recht behält. Das Wetter ändert sich sicher langsamer als die Diskussionsthemen. Weg von hübsch anzuschauenden Mädels, über Politik in Europa, bis hin zu DFG Projektanträgen reicht das Spektrum. Ernst hat wie immer Recht. Pünktlich um kurz vor 12:00 Uhr hört es auf zu regnen und wir können endlich loslegen. Das Warten in der Hütte ist einfach immer nervig, weil jeder ja was machen will und wir ja wegen der Wissenschaft hier sind und unsere Zeit darüber hinaus ja auch eh schon knapp bemessen ist. Wir machen uns fertig und erledigen noch den Anruf beim AWIPEV. Zusammen mit Rudi und Raphaelle bespreche ich den Plan für Morgen.

Das Wetter ist ganz gut vorhergesagt und so planen wir für eine Abholung um 10:00 Uhr am Strand. Das heißt, wir müssen gegen 7:00 Uhr aus den Federn, um noch frühstücken zu können und dann um 9:00 Uhr In Richtung Strand aufbrechen können. Andreas und Jan werden mit dem Boot mitfahren damit Raphaelle auch jemanden hat, um unser Gepäck bei der Daerten-Hütte ausladen zu können. Wir bitten noch um Ersatzbatterien für das Satellitentelefon, und zwei Überlebensanzüge. Dann erfahren wir, dass wir Daerten am Donnerstag verlassen müssen und in der Stenehytta zu übernachten. Die Daerten-Hütte ist für diese eine Nacht bereits reserviert. Nicht unbedingt schön, aber andererseits auch keine große Sache.

Zum heutigen Programm: Wir hoffen natürlich auf Wind, so dass wir die Drachenbilder machen können und wir wollen durch mehrere Wände von Steinkreisen graben. Ich habe die Theorie aufgestellt, dass sich unterhalb von Spalten im Gesteinsring der Steinkreise feinkörnigeres, zementiertes Material befinden könnte. Also machen wir uns auf die Suche nach geeigneten Steinkreisen. Wir finden einen guten in unmittelbarer Nähe unserer gestrigen Grabung. Nachdem wir alles mittels Fotos dokumentiert und unsere Notizen genommen haben, fange ich an vorsichtig zu graben, während Matteo und Ernst beobachten und Notizen/Fotos machen. Zu unserer Überraschung sehen wir das feinkörnige, zementierte Material bereits 5 cm unterhalb der Oberfläche. Dieses Material bildet einen erhöhten Rücken innerhalb des Gesteinsrings. Die Spalte befindet sich aber nicht über dem Rücken, sondern gerade außerhalb. Insofern war meine Vorhersage nur teilweise korrekt. Richtig war, dass sich das feinkörnige Material dort befinden sollte, aber die genaue Position habe ich falsch vorhergesagt. Aber immerhin, wir sind zum ersten Mal mit einem vorher entwickelten Modell an die Grabung gegangen und konnten unsere Vermutungen testen. Bisher haben wir ja immer gegraben und ausschließlich beobachtet. Wir sind alle drei reichlich aufgeregt und diskutieren den neuen Grabungsbefund für fast eine Stunde. Wir machen viele Skizzen in unseren Feldbüchern und es ist ein wildes Durcheinander von Ideen, die sich langsam zu einem verbesserten Model zusammen fügen, das wir alle drei akzeptieren können. Mehr noch, wir finden es sogar sehr überzeugend und gut! Unser neues Modell muss natürlich sofort durch weitere Grabungen getestet werden.

Zusätzlich motivierend ist jetzt auch das Wetter. Mittlerweile scheint die Sonne, es weht fast kein Wind und es ist herrlich warm. Gut für das Wohlbefinden, katastrophal für unsere Drachenbefliegung, die wir damit vergessen können. Die Grabungen an zwei weiteren Steinkreisen bringen wieder neue Erkenntnisse, die aber alle mit unserem Model vereinbar sind. Wir sind sehr zufrieden mit dem Tag und kommen gegen 20:00 Uhr zur Hütte zurück. Andreas und Jan sitzen bei einem Whiskey vor der Hütte in der Sonne. Recht haben sie! Wir setzen uns dazu, genießen die warme Sonne und quatschen über Gott und die Welt. Endlich Sonne, endlich die gewohnt fantastischen Ausblocke, endlich gutes Licht zum Fotografieren, endlich warmes  und trockenes Wetter! Das Leben kann herrlich sein.

Auch Ernst genießt das schöne Wetter und macht Aufnahmen von Blumen. Aus unserer Perspektive schaut das sehr lustig aus, da er in der Weite der Landschaft irgendwo am Boden liegt bzw. kniet und sein Allerwertester der höchste Punkt ist. Irgendwann müssen wir aber auch Abendessen und so kocht uns Andreas Farfalle mit Fleischsoße. Perfekt abgeschmeckt ist das ein weiteres Highlight des Tages. Hat der Tag so bescheiden begonnen, hat er sich doch zu einem wunderbaren Tag in der Arktis entwickelt. Wir teilen uns die letzten Biere und dann mache ich mich ans Packen  der Ausrüstung für den Transport. Proben beschriften und Material aussortieren, das mit zur Daerten-Hütte kommt und Material, das mit nach Ny Alesund geht. Und dann sind ja auch noch die Klamotten zu packen. Es ist schon kurz vor 11:00Uhr und eigentlich habe ich dazu gerade gar keine Lust. Nach dem Essen und dem Vertilgen des Restes einer 1 kg Haribo Colorado-Tüte setzt auch die Müdigkeit ein…

Am Ende waren also beide Wetterberichte richtig. Wir hatten Regen und strahlenden Sonnenschein, fast keinen Wind und angenehme Temperatur. Der Wetterbericht für Morgen ist gut: Bedeckt mit Sonne, später sonnig, 2-3 m/s Wind und 7Grad Celsius. Das wäre ideal für unseren Marsch zur Daerten-Hütte. Dieses Mal haben wir nur eine Wettervorhersage und wir hoffen, dass sie richtig ist!

Fotos

Ernst und Matteo beim Graben an einem Steinkreis
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  • Ein weiterer Steinkreis, durch dessen Wall wir ein Profil graben wollen
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  • Gesagt getan – Wir sind am graben
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  • Am Ende des Tages können wir in der Sonne sitzen
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14.7.2019

Draußen regnet es immer noch leicht aber beständig als wir aufstehen. Ernst ist heute der Erste und hat schon seinen Schlafsack aufgerollt, als ich mich aus meinem herausschäle. Heute ist Sonntag und wir lassen es deshalb und wegen des Wetters etwas gemütlicher angehen. Ich koche einen großen Pott mit Wasser, der für die Nudelsuppen und drei Kannen Tee reicht. Zu den Nudelsuppen gibt es für Jan Heringsrollen und für mich Blutwurst. Matteo kann es nicht fassen und rollt nur mit den Augen. Sicher kein typisches italienisches Frühstück! Aber er hat ja seine Erdbeermarmelade und den Goldsaft.

Wir haben uns für heute ein volles Programm ausgedacht. Jan und Andreas werden sog. Polebilder machen, also Bilder aus ca. 3 m Höhe, während Ernst, Matteo und ich die Eisenstangen inspizieren wollen, die wir vor zwei Jahren ca. 90cm tief in den Boden gehauen haben. Die Stangen werden mit der Frosthebung unterschiedlich stark aus dem Boden gedrückt – stärker im inneren feinkörnigen Teil als in der grobkörnigeren Wand. Im ersten Experiment sehen wir das nicht wirklich, aber im zweiten Experiment st es deutlich erkennbar. Allerdings sehen wir auch, dass die zwei äußersten Stangen nach innen gebogen wurden, was wir uns nicht erklären können. Andreas und Jan gehen zuerst zum am weitest entferntesten Steinkreis und arbeiten sich dann systematisch Richtung Hütte zurück. Wir anderen suchen uns einen schicken Steinkreis aus, wo wir unseren Graben ziehen können. Ich mache mir Sorgen, dass wir an der ausgesuchten Stelle schnell auf Wasser oder anstehendes Gestein stoßen könnten. Aber wir einigen uns auf einen schönen Steinkreis, der nicht zu groß ist, und machen erst einmal eine ordentliche Fotodokumentation. Ich weiß nicht, wie viele Bilder aus unterschiedlichen Richtungen ich mache. Endlich ist es dann soweit und das große Graben kann beginnen. Schon nach kurzer Zeit sehen wir interessante Strukturen. So ziehen an beiden Seiten an der Grenze zwischen Innerem und dem Wall Keile mit gröberen Partikeln bis in ca. 20-25 cm Tiefe. Das gibt uns dreien jede Menge Gesprächsstoff. Schließlich graben wir weiter. Leider treffen wir bereits ca. 40 cm unter der Oberfläche auf Wasser, das in der kiesigen Wallstruktur läuft. Auch das Innere ist offenbar stark mit Wasser gesättigt, denn das Material fängt sofort an, in unseren Graben zu fließen.

Wir müssen also schnell mit der Probennahme beginnen, da uns sonst der Graben mit Wasser und Schlamm vollläuft. Wir schaffen es aber jeweils drei Proben von den beiden Wällen aus unterschiedlicher Tiefe zu nehmen, jeweils zwei Proben aus der keilförmigen Struktur und zwei Proben aus dem Inneren. Zusätzlich nehmen wir jeweils zwei Proben deutlich außerhalb des Steinkreises. Damit setzen wir um, was meine Studentin, die die Proben aus den Jahren 2016 und 2017 analysiert hat, uns angeraten hat. Danke Sandra! Gerade als wir mit der Probennahme fertig sind, escheinen Andreas und Jan, um den nahe gelegenen markierten Steinkreis 12SC3 zu fotografieren. Pünktlich wird es der Kamera dazu zu kalt und so beschließen wir, erst zur Hütte zu gehen, um etwas zu essen, bevor wir weiterarbeiten. Es ist ja auch schon wieder 5:30 Uhr und wir haben ohne jede Mittagspause durchgearbeitet. Alle haben Hunger und die Nudelsuppe schmeckt fantastisch - ich kriege Schrimp-Geschmack. Nach Ente vermutlich die beste Geschmacksrichtung. Dazu essen wir Dill-Kräuter Heringsfilets und den Rest der Blutwurst. Mit vollem Bauch ist die Motivation eher gering, wieder an die Arbeit zu gehen. Aber es hilft ja nichts! Jan macht noch schnell Polebilder von unserer Grabung, bevor wir alles wieder zuschütten. Diese Arbeit wird von Ernst und Matteo übernommen weil ich mich beim AWIPEV über das Satellitentelefon melden muss.

Rudi gibt mir drei Wetterberichte für Morgen, die alle etwas unterschiedlich sind. Einer sagt leichten Regen bis Mittag und 2m/s Wind voraus, ein anderer sonniges Wetter mit 6-8 m/s Wind voraus. Auf Anraten von Matteo, einem erklärten Optimisten, glauben wir der besseren Vorhersage! Wir brauchen morgen dringend etwas Wind, damit wir mit unserem Drachen fliegen können, um damit Bilder von größeren Gebieten zu bekommen. Rudi macht sich Sorgen, dass das Wetter eventuell ein Aufsammeln unseres Gepäcks am Dienstag unmöglich machen könnte. Daher vereinbaren wir einen weiteren Anruf um 13:00 Uhr morgen Mittag, wenn er eine neue Wettervorhersage hat. Es wäre natürlich nicht so schön, wenn unsere Pläne über den Haufen geworfen werden würden, aber damit muss man hier immer rechnen. Kein Grund zur Panik! Man wird sehen! Jan arbeitet noch an den Polebildern des Steinkreis 12SC3 und ich löse Andreas als Wache ab damit er zur Hütte gehen kann, um mit dem Essen machen zu beginnen. Während Jan fotografiert, mache ich schöne Bilder von Blumen und auch ein paar besonders interessanten Steinen. Als wir zur Hütte kommen, trinken Andreas und Matteo bereits Bier. Ernst ist noch unterwegs, weil er sich den nahen Flusseinschnitt nochmals anschauen will. Und als ob er es gerochen hätte, öffnet er die Hüttentür genau dann als das Essen serviert wird. Heute gibt es Mexikanisch! Reis mit Schweinefleisch, Bohnen und Mais. Sehr gut, Andreas!

Insgesamt war das heute ein guter Tag. Der Regen hatte gegen 11:00 Uhr aufgehört und es war trocken für den Rest des Tages. Bei Regen hätten wir auch nicht wirklich graben können. Es wäre eine riesige Sauerei geworden. Selbst ohne Regen schauen wir deutlich dreckiger aus als vor dem Graben. Bei Regen wären wir vermutlich völlig versifft gewesen. Und auch die anderen hätten die Polebilder nicht in dem Umfang machen können. Keine Kamera mag es wirklich klatschnass zu werden. Also, wir hatten heute Glück gehabt! Und das freut uns! Da schmeckt das Bier gleich doppelt so gut!

Fotos

Unser Experiment zur Feststellung der Hebung und Senkung des Bodens
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  • Grabung durch einen Steinkreis
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  • Stellen, an denen wir Materialproben entnommen haben
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  • Es gibt nicht nur Gesteine in Svalbard
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13.7.2019

Es regnet noch immer und so schlafen wir heute bis 9:00 Uhr. Ich bin der erste und Ernst ist auch gleich danach auf den Beinen, was gut ist, da er am Boden schläft. Während er Wasser holt, mache ich noch schnell den Tisch sauber und richte das Frühstück her. Dann schälen sich so langsam alle anderen aus dem Bett und wir können mit den Nudelsuppen loslegen. Matteo bevorzugt Marmelade und den Goldsaft, den Jan extra gekauft hat. Also, Nudelsuppen, Brote, Frühstücksfleisch, Tee – wir lassen es uns gut gehen.

Das erste gemeinsame Frühstück zieht sich etwas hin aber als wir fertig sind, hat es auch aufgehört zu regnen. Wir wollen heute das Profil mit den zwölf Steinkreisen ablaufen und checken, ob sich an den Steinkreisen irgendwelche Veränderungen gegeben haben. Es weht ein eisiger Wind, der einem durch alles zieht und uns kalt werden lässt. Nach dem dritten Steinkreis gehen Ernst, Andreas und Jan zurück zur Hütte, um sich die Überhosen zu holen. Matteo und ich haben sie dabei und ziehen sie an, während die anderen unterwegs sind. Da bleibt dann auch noch genügend Zeit für eine Tasse Tee und die erste Diskussion über die Entstehung der Steinkreise. Es zeigt sich sofort, dass Matteo eine gute Wahl war, denn er macht – ähnlich wie Ralf letztes  Jahr – jede Menge guter Beobachtungen. Und stellt mindestens genauso gute Fragen. Als wir wieder alle zusammen sind halten wir einen Powwow. Als Ergebnis kommt heraus, dass es wohl am effektivsten ist, wenn Jan und Andreas den Wind für die Drachenbefliegung ausnutzen, während der Rest der Mannschaft weiter am Profil arbeitet. Gesagt getan! Aus den Erfahrungen im letzten Jahr werden die Funkgeräte, Signalpistolen und Gewehre auf zwei Gruppen aufgeteilt und auch ein Handzeichen ausgemacht, wann man sie einschalten soll. Wir können sie nicht den ganzen Tag anhaben, da wir nur zwei Batterien haben. Dann gehen Jan und Andreas zurück, im den Drachen startklar zu machen. Es regnet immer wieder, aber dazwischen nieselt es auch mal nur. Ideale Voraussetzungen, um sich gute Notizen zu machen und Fotos aufzunehmen… Nach kurzer Zeit ist alles nass - das ist heute kein wirkliches Vergnügen! Zudem stirbt auch noch der Wind ab, so dass wir nicht fliegen können. Zwar machen Jan und Andreas Bilder mit der Stange. Aber auch sie haben mit einer nassen Kamera und den Batterien zu kämpfen, die bei der Kälte heute deutlich weniger lange halten.

Matteo, Ernst und ich kämpfen uns bis zum letzten markierten Steinkreis. Dieses Jahr ist das Profilablaufen schon fast langweilig, da wir von keinem Eisbären gestört werden. Aber ich habe dieses Jahr wesentlich mehr Ausschau gehalten, als letztes Jahr. Man lernt halt auch dazu! Mittlerweile regnet es so stark, dass an ein vernünftiges Arbeit nicht mehr zu denken ist. Angesichts des Wetters und der fortgeschrittenen Zeit, gehen wir zu Geopol zurück. Auf den ganzen Weg bis zum letzten Steinkreis war es uns immer kalt, aber kaum sind wir ein paar Meter nach dem Umdrehen gelaufen, wird uns auch schon richtig warm. Also Fleece runter! Auf dem Rückweg kommen wir noch an unserem ersten Versuchsaufbau vorbei. Vor mittlerweile zwei Jahren haben wir über einen Steinkreis in regelmäßigen Abständen einen Meter lange Eisenstangen in den Boden gehauen. Auf diese Art wollten wir sehen, wie sich das Innere und das Äußere der Steinkreise unterschiedlich stark heben, wenn der Boden gefriert. Leider ergibt sich kein eindeutiges Ergebnis, aber wir haben ja noch einen zweiten Versuchsaufbau, bei dem wir schon letztes Jahr sehr interessante Beobachtungen machen konnten.

Dann reicht es uns aber wirklich und wir gehen zurück zur Hütte, wo es erstmal unsere obligatorische Nudelsuppe und Tee gibt. Jan und Andreas müssen die Suppe wohl gerochen haben, denn gerade als das Wasser zu kochen beginnt, strecken sie ihre Köpfe durch die Tür. Eine Sardinen- und Makrelendose vervollständigen unser Mittagessen. Es ist jetzt 15:30 Uhr! Zeit ans Abendessen zu denken. Wir wollten zuvor noch den zweiten Versuchsaufbau inspizieren, aber es ist so schlechtes Wetter, dass wir damit bis Morgen warten werden. Es ist jetzt die Kunst, die ganzen Klamotten bis morgen wieder trocken zu bekommen ohne gleichzeitig die trockenen Sachen nass werden zu lassen. Matteo und ich kriegen noch einen Espresso, dann zeigen sich die Spuren unseres Tages – Jan und Matteo fallen auf ihren Betten in den Schlaf und bald ist von ihnen nur noch leises Schnaufen zu hören. Ernst arbeitet an seinem Feldbuch und Andreas bereitet das Abendessen vor. Ich beschäftige mich damit den Blog zu schreiben, Bilder herunterladen und auf das Essen zu warten Um 19:00 Uhr rufe ich mit dem Satellitentelefon in Ny Alesund an. Wir hatten diesen täglichen Anruf vereinbart damit Gregory immer weiß, ob es uns gut geht. Eine reine Sicherheitsmaßnahme also, und kein Vorwand für einen munteren Plausch. Leider gibt es noch keine aktuelle Wettervorhersage und so verbleiben wir, dass wir um 20:00 Uhr nochmal anrufen werden. Das Wetter scheint langsam aber sicher etwas besser zu werden, was natürlich wichtig wäre, um morgen ordentlich graben zu können. Im Regen ist es fast unmöglich und würde in einer „totalen Schlammschlacht“ enden.

Gerade höre ich das Brechen von Spaghetti! Das ist ein gutes Zeichen, dass es bald was zu essen geben wird. Ich habe aber auch schon wieder Hunger – schließlich liegt das Mittagessen ja schon soooo lange zurück! Nach dem Essen geht es zur Sache: Wir diskutieren bei einer Tüte Haribo die Bildung der Steinkreise. Wir zeichnen jede Menge Profile durch einen Steinkreis und präsentieren unsere Modelle, die dann von den anderen verbessert werden und durch eigene Beobachtungen in Frage gestellt werden. Wir haben jede Menge Spaß. Um 20:00 Uhr kriegen wir den Wetterbericht: Wenig Wind, 2 Grad Plus und eine geringe Regenwahrscheinlichkeit. Die nächsten Tage soll es dann wieder wärmer werden. Schaut also ganz gut aus für den Moment. Als die Frage aufkommt, ob es denn heute keinen Whiskey gibt fängt Matteo förmlich an zu strahlen. Und als er hört, dass Andreas sogar zwei kleine Flaschen dabei hat meint er nur “You are something similar to a God“. Beim Bier passt Matteo aber – es ist aber auch saukalt! Draußen regnet es leicht aber beständig als wir ins Bett gehen.

Fotos

Ein Steinkreis, den wir 2012 markiert haben. Deutlich ist zu sehen, dass die blaue Linie durch Bewegung in dem Gesteinswall unterbrochen wurde.
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  • Ein Steinkreis wie aus dem Bilderbuch
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  • Die Geopol-Hütte ist fest in bayerischer Hand
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  • Lagebesprechung vor der Geopol-Hütte
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  • Das Ergebnis unserer wissenschaftlichen Diskussion über die Entstehung der Steinkreise sind in Ernsts Feldbuch verewigt
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12.7.2019

Mein Wecker klingelt heute nicht um 6:00 Uhr! Gerade als ich mein Rollo hoch mache, kommt Jan, um mich um 6:39 Uhr zu wecken. Jetzt heißt es Gas geben, denn um 7:00 Uhr müssen wir mit dem Boot zurück nach Ny Alesund, um pünktlich um 8:00 Uhr unseren Schießkurs zu machen. Auf der Fahrt sehen wir im Abstand von weniger als 100 m einen großen Wal auftauchen. Es war definitive kein Beluga, die wir schon öfter gesehen haben. Dieser war grau und wesentlich größer.

Dieses Mal müssen wir beim Schießkurs Theorie und Praxis machen. Wir kommen ein paar Minuten zu spät, aber nach uns kommt noch eine andere Person. Unser Lehrer heißt „Stein“ und macht einen prima Job. Der Theorieteil über Verhalten gegenüber Eisbären wird durch eine kurze Einführung in die Waffenlehre gefolgt. In beiden Teilen lernen wir noch Einiges. Nachdem die „Trockenübungen“ beendet sind, fahren wir zur Schießanlage. Ernst, Andreas, Jan und ich schießen zuerst und erlegen alle imaginären Bären. Elf meiner zwölf Schüsse gehen ins Schwarze und sind meist weniger als eine Handbreit auseinander. „Very good shooting“ lautet der Kommentar des Ausbilders, als er uns lobt. Matteo hat in der ersten Runde Schwierigkeiten die Zieltafel überhaupt zu treffen. Nach ein paar Tipps von Stein trifft aber auch er mit allen Schüssen ins Schwarze. Der Grund warum er beim ersten Mal absolut nichts getroffen hat war, dass er das falsche Auge geschlossen hat. Aber wie gesagt, zwei Zehner im letzten Durchgang überzeugen uns, dass wir ihm beruhigt ein Gewehr übergeben können. Auch schießen wir mit der Signalpistole, wobei es dabei nur darauf ankommt, nicht über bzw. hinter den gedachten Bären zu schießen (denn dadurch würde er genau in die falsche Richtung gescheucht – nämlich zu uns). Für Jan und Matteo war es übrigens das erste Mal, dass sie überhaupt ein Gewehr in der Hand gehalten haben. Dafür haben sie ihre Sache wirklich sehr gut gemacht. Später, beim Abendessen meint auch Ernst, dass wir als Gruppe wohl nie besser geschossen haben. Interessant war auch, dass man sich in einer Reihe vor dem Bären aufstellen soll. Dadurch wirkt man für den Bären größer und wenn man die zwei Gewehre auf jeweils einer Seite hat, hat immer einer der Schützen einen guten Schusswinkel, ganz gleich wohin der Bär läuft. Die Signalpistole sollte in der Mitte der Gruppe platziert sein und alle Patronen verfeuern, um den Bär vielleicht doch noch zu vertreiben.

Gegen 11:30 Uhr sind wir wieder zurück. Wir fangen langsam an, für Geopol und Daerten zu packen und unser Essen zu verteilen. Da braucht es schon eine gewisse Übersicht und einen Masterplan. Während Jan und Ernst sich durch die Nudelsuppen und Schokoladetafeln zählen, versuche ich die Arbeiten am Strukturplan und dem Projektantrag zu beenden. Es fällt mir wirklich sehr schwer, die nötige Konzentration aufzubringen. Es gehen mir einfach zu viele Dinge durch den Kopf, die noch erledigt werden müssen. Welches Kabel brauche ich für welches Gerät? Dann sind natürlich die Batterien für GPS, Laserranger, Fotoapparat und IPDAD zu laden. Geduscht muss auch noch werden – die letzte für die nächsten acht Tage. Wie viele Unterhosen miss ich einpacken! Keiner hat so viel Platz im Rucksack, für jeden Tag neue Klamotten zu haben. Und keiner will unnötiges Gewicht die zwei Kilometer vom Strand zu Geopol hoch tragen. Da wird jedes Teil mindestens zwei Mal überdacht, bevor es in den Rucksack wandert. Bei all dem Stress bleibt aber auch noch Zeit für zwei Tassen Kaffee und ein paar Kekse. Die Dusche fällt eher enttäuschend aus. Kaltes Wasser! Oder sagen wir lauwarmes Wasser. Das passiert, wenn man der letzte Duscher ist. Aber gerade die letzte Dusche hätte ich mir doch anders gewünscht. Anschließend holen Ernst und ich noch unsere Gewehre ab und die Funkgeräte. Unsere ganze Ausrüstung füllt den Bus ganz gut aus und wir brauchen zwei Boote, um alles Material nach Geopol transportiert zu bekommen. Wir kommen gegen 17:30Uhr aus Ny Alesund weg. Schwer beladen kämpfen sich die Boote durch das glatte Wasser. Nur ein paar harmlose Wellen - es ist also eine komplett trockene Anreise. Das hatten wir schon anders erlebt. In manchen Jahren sind wir schon feucht bzw. nass am Strand unterhalb von Geopol angelangt. Nicht so heute. Direkt am Strand beobachten uns mehrere Seehunde – für Jan und Matteo sind es die ersten. So haben sie heute zum ersten Mal einen Wal gesehen, zum ersten Mal ein Gewehr abgefeuert und zum ersten Mal Seehunde gesehen. Nicht schlecht für einen einzigen Tag, oder? Nachdem alles am Strand angelandet ist, verabschieden sich Raphaelle und Greg mit ihren Freunden und verschwinden schon kurz danach hinter einer Landzunge.

Wir müssen noch den Karren kurz reparieren, zurren dann die zwei Alukisten darauf fest und schon sind auch wir unterwegs. Ich habe meinen orangenen kleinen Rucksack auf meinen großen geschnallt und mir ein Gewehr umgehängt. Schwer beladen ziehe ich mit Matteo den Wagen. Andreas hat den riesigen Sack mit den Schlafsäcken und auch Ernst und Jan sind schwer beladen. Auf diese Weise kriegen wir aber unser gesamtes Gepäck auf einmal zur Hütte und brauchen nicht zwei Mal zu gehen. Es ist zwar anstrengend, aber es geht eigentlich ganz gut und an den steilen Stellen schieben Jan und Ernst mit an. Es ist wirklich ein schöner Anblick, wenn Geopol zum ersten Mal gesichtet wird. Ein kleiner grauer Punkt auf einer großen kahlen Fläche wird für die nächsten paar Tage unser Zuhause sein. Als wir keuchend nebeneinander her laufen bedauern es Matteo und ich in keinster Weise, dass es hier weder Telefon, Strom noch Internet gibt .Bei Geopol angekommen, macht sich Andreas sofort ans Kochen. Als Aperitif zaubert Andreas eine kleine Flasche Whiskey aus seinem Rucksack. Damit macht er sich schlagartig viele Freunde. Die Flasche ist übrigens aus Plastik, aber der Whiskey schmeckt sehr gut nach der Anstrengung. Zum Essen gibt es Reis mit indischem Curry und es schmeckt uns allen sehr ausgezeichnet. Es bleibt nichts übrig und das mitgeschleppt Artic-Bier, das zusammen mit einer Packung Wasabi-Nüssen vernichtet wird, rundet den Abend ab. Und wie gut dieses Bier geschmeckt hat! Ich übernehme heute den Küchendienst, der sich etwas umfangreicher gestaltet als normalerweise. Grund dafür ist, dass ich gleich die ganze „Küche“ sauber mache, die eine Grundreinigung dringend notwendig hat. Unsere Novizen sind von den aufwendig bebilderten Männermagazinen doch überrascht, wenn nicht beeindruckt. Dass sie aus dem Jahre 2004 sind stört erst einmal nicht und es interessiert auch keinen. Da es heute doch ein anstrengender Tag war, gehen wir gegen 11:30 Uhr ins Bett. Beziehungsweise gehen die anderen ins Bett, während ich noch am Blog schreibe. Innerhalb von fünf Minuten herrscht eine Kakophonie von Sägen, Gurgeln, Blasen und sonstigen Dingen, die ich hier nicht weiter beschreiben werde. Vielleicht ist es auch für mich Zeit, mich in dieses Konzert einzugliedern. Als ich noch ein letztes Mal vor die Türe gehe, regnet es und die Wollen hängen sehr tief. Mit dem Wind ist das eher unangenehm kalt und ich bin froh, als ich letztlich im Bett liege.

Fotos

Matteo beim Schießtraining
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11.7.2019

Wir haben heute - wie verabredet - um 7:00 Uhr gefrühstückt und sind tatsächlich um 8:04 Uhr von unserem Taxi abgeholt worden. Wir sind so schnell am Flughafen, dass „Lufttransporten“ noch nicht einmal geöffnet hat. So stehen wir mit ein paar Chinesen vor dem Flughafen und warten, dass es endlich losgeht. Unser gesamtes Gepäck kommt auf eine große Waage und ich frage mich, wie wir das später auseinander dividieren sollen. Danach gibt es noch eine Tasse Kaffee aus der Maschine, die nicht unbedingt Gefallen bei Matteo findet. Jedenfalls winkt er nur ab, als ich ihn frage, wie ihm der Kaffee geschmeckt hat. Dann können wir auch schon einsteigen und ich kriege den Platz direkt hinter den Piloten. Wir machen uns eigentlich keine Hoffnung, irgendetwas zu sehen denn die Wolkendecke ist relativ dicht und niedrig. Wie immer wackelt und vibriert das Flugzeug wenn bei angezogenen Bremsen die Motoren hochgedreht werden. Ich kenne das zwar schon aus den letzten Jahren, es fasziniert mich aber immer wieder aufs Neue. Wir beschleunigen und kurze Zeit später so tauchen wir auch erst in ein dickes Wattepack ein. Aber schon nach ein paar Höhenmetern sind wir durch und es empfängt uns strahlend blauer Himmel und einige höhere Berge, die durch die Wolkendecke schauen. Ein wirklich schöner Anblick, der aber schon wenig später durch fantastische Ausblicke relativiert wird. Je näher wir nach Ny Alesund kommen, desto bessern wird das Wetter und desto geringer wird die Wolkendecke. Schließlich sehen wir tolle Gletscher, schroffe Berge, Deltas und jede Menge anderer morphologischer Strukturen. Einfach nur genial! Und selbst das wird noch übertroffen, da die Flugroute genau über unsere Seitenmoräne führt, die wir seit Jahren untersuchen. Wir bekommen einen guten Blick darauf und können viele Fotos machen. Seit Jahren haben wir immer darauf gehofft Luftbilder zu bekommen und nie hat es geklappt. Aber heute war unser Tag. Wir sehen sofort, dass sich die in den vergangenen Jahren untersuchte Erosionsstruktur erneut drastisch verändert hat. Andere Strukturen zeigen keine neue aktive Erosion, es gibt auch viele neue Erosionsstrukturen. Schon im Flugzeug brennen wir darauf, in dieses Gelände zu kommen. Auch Corbel kriegen wir aus der Lift zu sehen. Schaut eigentlich aus wie immer.

Landung in Ny Alesund! Ab jetzt gibt es kein Handy mehr! Kommt mir nicht ungelegen! Gregory Tran, der AWIPEV „Station Leader“ empfängt uns bei der Kings Bay Rezeption. Wir schnappen uns unser Gepäck und ein paar Minuten später sitzen wir auch schon bei der Einweisung über Schutzgebiete, Waffengebrauch, Essenzeiten und andere wichtige Dinge. Da bei AWIPEV alles komplett ausgebucht ist, werden wir in Corbel übernachten, was uns sehr entgegen kommt. Wir müssen allerdings morgen um 8:00 Uhr zum Schießtraining antreten. Mit Raphaelle, der Logistikmanagerin, kommen wir schnell überein, dass wir „Sabrina“, das große rote Hartschalenmotorboot, ausleihen können. Dadurch sind wir völlig autark, da auch unsere Schießzertifikate aus dem letzten Jahr nun doch anerkannt werden. Ernsts und mein Zertifikat sind noch bis 13.7. gültig. Glück muss der Mensch haben. Auch Rudi sehen wir und ich richte ihm die Grüße von Ralf aus, der uns letztes Jahr begleitet hat. Und natürlich frägt er sofort nach Dennis und ist enttäuscht, dass er nicht dabei ist. Nun geht es ans Umpacken! Innerhalb von ein paar Minuten herrscht im „Rabot“ Gebäude völliges Chaos – geordnet natürlich. Das heißt, jeder hat seinen eigenen Haufen, der aus einem Rucksack auftaucht, um kurz darauf im nächsten zu verschwinden. Dann muss natürlich noch Material aus den vier Alukisten gesichtet und verpackt, Lebensmittel auf die einzelnen Rucksäcke verteilt und auch der AWI-Seesack gesichtet werden. Die rote Jacke, das Fleece und andere Dinge wollen wir auf keinen Fall zurück lassen. Raphaelle holt mich ab zur Motorbooteinweisung, während die anderen schon einmal Nudelsuppen zum Mittagessen machen. Ernst macht hat mir eine Thermoskanne voll Tee. Erstklassiger Service. Raphaelle und ich drehen eine Runde mit Sabrina und stellen dabei fest, dass die elektrische und die manuelle Pumpe defekt sind - aber bis morgen macht das nichts. So, jetzt wieder schnell raus aus  dem Überlebensanzug und auch eine Nudelsuppe essen. Die erste der Saison und dann auch gleich eine doppelte Portion. So schön kann das Leben sein! „Goupil“, das etwas eigenwillige Elektromobil schleppt unsere Sachen zum Boot. Überraschung: Der Laden hat nun geöffnet und wir können tatsächlich auch noch unser Arktic-Bier kaufen: 48 Dosen! Ralf, so schwer ist das gar nicht das Arctic-Bier zu bekommen! Das musst Du noch üben…

Jan und Matteo kämpfen mit ihren Überlebensanzügen aber schließlich kann ich nach einer kurzen Bootseinweisung den Schlüssel rumdrehen. Brrrrummm! Es geht los! Das Ausparken geschieht ohne jede Peinlichkeit und so fliegen wir Corbel entgegen. Wir wollten ursprünglich ein paar Seesäcke dort abliefern, entscheiden uns dann aber alles mitzunehmen. Das Wasser ist ruhig und es besteht keine Gefahr, dass unsere Schlafsäcke nass werden könnten. Es ist wenig Eis im Fjord und wir können mit Vollgas dem Kongsvegengletscher entgegen donnern. 100 PS sind eine prima Sache und schieben deutlich besser an, als die 25PS des Schlauchboots!

Kein Bär weit und breit in Sicht, also können wir an Land gehen. Gewehre teilladen, Überlebensanzüge runter, Rucksäcke rauf! Es ist ungewöhnlich warm und die Sonne scheint, als wir im Untersuchungsgebiet ankommen. Zuerst nehmen wir die zwei Erosionsstrukturen unter die Lupe, die wir heute Morgen vom Flugzeug aus gesehen haben. Nach einer kurzen Diskussion entscheiden wir, die Zeitrafferkameras wieder an jener Struktur aufzubauen, die wir bereits in den vergangenen Jahren beobachtet haben. Wir schätzen, dass sich die Abbruchkante seit unserem Besuch in 2018 um weitere 5-6 m hangaufwärts bewegt hat. Wir schleppen Steine und Ernst baut daraus einen schönen und super massiven Steinmann für seine Kamera. Ich stelle meine gegenüber auf, so dass wir alles im Blick haben sollten. Jan und Andreas legen die Referenzmarken für die Bilder aus und Matteo ist mit Notizen machen beschäftigt während ich die Referenzpunkte mit dem GPS einmesse und Fotos mache. Alles klappt wie am Schnürchen und Jan kann noch mehr als 400 Bilder aus ca. 3 m Höhe Machen, die wir dann zu einem Mosaik zusammensetzen werden. Wir werden diese Prozedur in den nächsten Tagen mehrmals wiederholen, um damit feststellen zu können, wie schnell sich die Erosionsstruktur verändert. Wir funken noch schnell Raphaelle an, da wir den Termin mit ihr nicht einhalten werden können, bevor wir wieder mit Volldampf Richtung Corbel fahren. Absolut glattes Wasser macht die Fahrt zu einem Vergnügen. Auch das Ankern klappt auf Anhieb und so kann uns Raphaelle in die neue Wasserversorgung einweisen bevor uns Andreas ein hervorragendes Essen aus den wenigen Dingen zaubert, die wir mitgebracht haben. Abgeschlossen wird unser Abendessen mit einem Lavazza Espresso. Mittlerweile sind Wolken aufgezogen aber es ist noch immer warm und freundlich.

Was für ein Tag! Noch nie waren wir so schnell im Gelände wie dieses Jahr. Alles hat weit besser funktioniert als wir uns das erträumt haben. Danke dem AWIPEV Team, die uns nach Kräften geholfen haben, in dieser Beziehung einen neuen Geschwindigkeitsrekord aufzustellen. Der Abend klingt mit Telefonaten nach Hause und einer viertelt vollen Flasche Aperol aus, die wir in einem der Schränke gefunden haben. Und dann ist da ja auch noch das Arctic-Bier, mit dem wir auf Ralf anstoßen. Parallel schreibe ich am Blog und anschließend wartet noch der Lunar Reconnaissance Orbiter Projektantrag und der Strukturplan auf mich. Und das Feldbuch muss auch noch vervollständigt werden. Die Nächte sind hier in der Tat sehr kurz. Die anderen sind schon im Bett und ich warte noch immer auf eine halbwegs schnelle Internetverbindung. Aber irgendwie wird jedes Bit gerade per Hand transportiert. Es ist jetzt kurz nach Mitternacht und langsam aber sicher fallen mir die Augen zu. Die Schlafräume in Corbel haben jetzt große Fenster auf der Südseite, was sie deutlich wärmer und freundlicher macht. Und neue, schimmelfreie Matratzen gibt es dieses Jahr auch. Sehr gut! Beides eine wesentliche Verbesserung!

Es ist absolut still – ich höre genau nichts. Es ist so leise, dass es schon wieder laut ist. In Münster gibt es so eine Stille gar nicht. Und auch die Luft ist einfach nur frisch und klar. Unglaublich!

Fotos

Unser Flugzeug nach Ny Alesund und unser Gepäck.
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  • Ohne Worte…
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  • Spitze Berge in Spitzbergen: Auf dem Weg nach Ny Alesund.
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  • Die Abbruchkante des Kongsvegen-
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  • Unser Untersuchungsgebiet an der Kronebreen/Kongsvegen Seitenmoräne.
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  • Motorboot „Sabrina“ mit einem Teil unserer Ausrüstung.
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  • Jan und Matteo ziehen zum ersten Mal ihre Überlebensanzüge an.
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  • Der Kameraaufbau, um die rückschreitende Erosion beobachten zu können.
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  • Die untersuchte Erosionsstruktur, die durch das Abtauen des darunterliegenden Eis entsteht.
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  • Ein Bild nur für unseren Polarhelden Ralf!
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10.7.2019

Um 7:39 Uhr bin ich wach. Das Wetter hat sich in den wenigen Stunden komplett geändert. Tiefhängende Regenwolken haben den blauen Himmel überzogen und tauchen Longyearbyen in ein tristes Licht. Die Industriegebäude gegenüber von Mary-Anns Polarrigg verstärken den Eindruck noch. Im Radio läuft Soft-Jazz als ich versuche eine Internetverbindung herzustellen. Wäre ja eigentlich kein Problem wenn nicht die Zertifikate der Uni abgelaufen wären. Ganz großes Kino! Thorsten Grund, mein Computerheld versucht mir über Ferndiagnose zu helfen. Definitiv kein guter Start in den Tag, wenn der Hals dicker ist als der Kopf! Und dann soll ich ja heute auch noch am Strukturplan des Fachbereichs arbeiten – die wahre Freude! Nach einem längeren Telefonat mit Thorsten wecke ich Jan auf und wir gehen erst einmal zum Frühstücken. Der Kaffee hilft, meine Laune zu verbessern. Allerdings ist mein Computerproblem auch danach noch immer nicht gelöst. Also schwinge ich mich wieder ans Telefon, um mir Ratschläge von Thorsten zu holen. Dabei entdecke ich auf meinem Computer Files mit absolut kryptischen Namen, die auf Anweisung verschoben, gelöscht, neu installiert werden. Ich habe nicht den geringsten Schimmer, was ich da eigentlich gerade mache. Schwarze Magie! Schließlich muss auch Zauberer Thorsten Rat bei den Uni-Computerleuten einholen. Jan ist mittlerweile frisch geduscht und hat auch schon das DGPS erneut getestet. Und voila, es funktioniert ohne Probleme. Das ist schon mal sehr sehr gut und hebt meine Laune deutlich! Und es wird noch besser! Nachdem mir Thorsten geraten hat, die Zeiteinstellung auf meinem Computer zu synchronisieren habe ich auch plötzlich problemlos Zugang zum Internet. Heureka, wie schon einmal einer vor mir gesagt hat! Thorsten ist der Mitarbeiter des Tages und mein Superheld! Jetzt kann die Arbeit losgehen. Aber vielleicht gehe ich auch erst noch ganz geschmeidig zum Duschen und Aufhübschen.

Zeit, um ein paar Dinge in Longyearbyen zu erledigen. Als Erstes muss ich mir ein Feldbuch besorgen und auch Batterien kann man immer gebrauchen. Der Weg in die Svalbardbutikken führt uns allerdings über ein paar Outdoor-Läden und das Svalbard-Museum. Die Geschäfte haben nach wie vor hauptsächlich Kram für Touristen und es ist nichts wirklich Interessantes für mich dabei. Die zwei Smith and Wesson 46er Magnum Revolver beeindrucken mich aber schon, auch wenn ich mir gar nicht vorstellen will, wie man mit so einem Ding vernünftig zielen und treffen soll. Die Batterien sind schnell gekauft, aber beim Feldbuch wird die Luft gaaaaanz dünn. Es ist absolut kein vernünftiges Feldbuch zu finden. Schließlich rufe ich Ernst und Andreas an, ob sie vielleicht noch eines in Oslo am Flughafen auftreiben können. Dann ist es auch schon Zeit für einen Kaffee und Kuchen. Die „Hauptstraße“ von Longyearbyen ist heute mit jeder Menge Touristen eines Kreuzfahrtschiffs bevölkert, die Landgang, bzw. besser gesagt, Ausgang haben. Ein ausgestopfter Eisbär vor einem Laden ist die Attraktion und wird von jedem fotografiert, der vorbei kommt.

Den Rest des Nachmittags verbringe ich mit dem Strukturplan und dem Lunar Reconnaissance Orbiter Projektantrag, die beide eigentlich noch vor meiner Abfahrt hätten fertig werden sollen. Noch lässt mich das richtige Leben nicht ganz los. Aber ich nähere mich mit großen Schritten dem Ponyhof. Sobald ich den Text für den Strukturplan fertig habe ist er erreicht und ich kann mich voll und ganz auf die Feldarbeit konzentrieren. Ansonsten haben wir heute einen ziemlich ruhigen Tag verbracht, der mit so spannenden Dingen wie dem Aufladen einiger Akkus ausgefüllt wurde. Und dem Trinken von zig Tassen Kaffee. Ein tiefenentspannter Tag nach all dem Ärger mit dem Computernetzwerk. Es ist jetzt 18:30 Uhr und ich werde jetzt Jan aufwecken, der sich vor zwei Stunden für eine halbe Stunde hingelegt hat. Ich denke, ich zeige ihm die Kroa-Bar, um dort zu essen bevor die anderen dann so gegen 21:00 Uhr ankommen sollten. Ich hoffe, es geht alles gut bei den dreien. Zumindest Ernsts Flug nach Oslo hatte eine Stunde Verspätung.

„Das war aber mal ein leckerer Burger“, so der Originalkommentar von Jan über den Burger in der Kroa-Bar. Und Recht hat er! Es hat sehr gut geschmeckt und jetzt sind wir wieder an unserer Unterkunft, wo wir auf die anderen warten, die jetzt um 20:25 Uhr landen sollten. Wir sollten also in ein paar Minuten den Flieger das Adventdalen herunter kommen hören. Und da sind sie auch schon! Pünktlich wie die Maurer! Es ist schön, Ernst, Andreas und Matteo zu sehen. Das Dream Team ist nun komplett und nach einer kurzen Begrüßung und dem Beziehen der Zimmer geht es direkt ins Restaurant, weil die Ankömmlinge hungrig sind. Kann ich gar nicht verstehen! Ach ja, Jan hat sich übrigens vehement geweigert Robbe oder Wal in der Kroa-Bar zu essen. Politisch völlig korrekt! Die üblichen zwei Macks müssen es heute aber zur Feier des Tages schon sein. Wir sprechen über Gott und die Welt und natürlich jede Menge Planetologie bis wir gegen Mitternacht in die Kojen klettern. Ernst und Andreas haben das Zimmer direkt neben uns und Jan ist sichtlich besorgt, dass ihn das Schnarchen der zwei die ganze Nacht wach halten wird. Die Ohrstöpsel liegen jedenfalls griffbereit neben seinem Bett. Ich mache mir da weniger Sorgen – wenn ich schlafe, dann schlafe ich! Wir verabreden uns für 7:00 Uhr zum Frühstück. Das sollte uns genügend Zeit geben, um zu packen, denn um 8:05 Uhr wird das Taxi kommen, um uns zum Flughafen zu bringen. „We can only come at 8:05 am“ war die Antwort, als ich versuchte die Reservierung für das Taxi für 8:00 Uhr zu Machen – nur falls sich jemand über die krumme Zeit wundert. Wir vermuten eine deutsche oder schweizerische Abstammung des Taxifahrers…

Fotos

Die Universität in Longyearbyen zeichnet sich durch ein modernes Design aus, das auch den Zweck hat, den Schnee möglichst schnell vom Dach abgleiten zu lassen. Auch Innen ist die Universität sehr modern und gut ausgestattet, ganz zu schweigen von der hohen Qualität der Professoren. In diesem Gebäude ist auch das Svalbard-Museum untergebracht.
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  • Eine weniger schöne Ansicht von Longyearbyen. Aber ein Supermarktparkplatz und Industriegebäude gewinnen bei uns ja in der Regel auch keinen Schönheitspreis!
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  • Schneemobile, die auf den nächsten Winter warten…
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  • Außenansicht von Mary-Anns Polarrigg. Im Hintergrund ist die Kirche Longyearbyens zu sehen.
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9.7.2019

ARRRRGGHHH! Der Wecker zeigt 3:05 Uhr. Links, rechts, links, rechts. Ich wälze mich im Bett hin und her und gehe zum 12536ten Mal durch meine mentale Liste von Dingen, die ich vermutlich vergessen haben werde, wenn wir in ein paar Stunden nach Spitzbergen aufbrechen. Gestern Abend waren nur zwei Stunden Zeit, um alles organisiert zu bekommen. Wäsche auswählen, Schuhe imprägnieren, alle Strom und Datenkabel sortieren, Papierkram und Genehmigungen einpacken und das obligatorische Abschiedsbier mit den Nachbarn trinken – die Liste scheint endlos. Und die letzten paar Tage waren auch nicht ohne und zeigen ihre Wirkung. Kaum dass ich mich selbst überzeugt habe, dass alles gut wird und ich wieder eingeschlafen bin, reißt mich der Wecker um 6:30 Uhr aus dem Schlaf. Duschen, Frühstück machen, letzte Dinge zu Hause einpacken und noch schnell eine neue Liste mit Dingen machen, die noch im Büro gepackt werden müssen. Und schließlich kommt das Härteste – der Abschied von Frau und Kindern. Ich werde heute ein Konzert meiner Tochter und den Fußball Kita-Cup meines Sohnes verpassen. Und im Verlauf unseres Aufenthalts werden es noch einige Dinge mehr werden. Aber dicke Bussis trösten mich zumindest etwas. Auch der Abschied von meiner Mutter, die uns gerade in Münster besucht, fällt schwer.

Im Büro brennt wie üblich die Hütte. Erst muss noch etwas an der Sternwarte erledigt werden, dann ein Zwischenbericht fertig gemacht werden, ein Projektantrag diskutiert werden, die Präsentation einer Studentin begutachten und Vieles mehr. Ganz wichtig: Den Kaffee für die Espressomaschine nicht vergessen! Bis ich mich richtig umschaue, ist es auch schon 11:00 Uhr und Jan Raack erscheint in meiner Bürotür. Für Jan ist es die erste Feldsaison in Spitzbergen. Er „ersetzt“ Dennis Reiss, der meine Arbeitsgruppe leider verlassen musste, was ich sehr bedauere. Typisch Jan, hat er sich natürlich ordentlich auf unseren Trip vorbereitet. So hat er seine Ausrüstung aufgerüstet und sich in den vergangenen Wochen und Monaten intensiv um die Erledigung der Zollformalitäten und die Nutzung des Differentiellen GPS gekümmert. Wir sind also guter Dinge, dass sich das auch auszahlen wird als wir um 11:30 Uhr das Institut verlassen. Und tatsächlich – die Zollabfertigung am Flughafen Münster-Osnabrück ist in fünf Minuten erledigt. Sagenhaft!

Leider erfahren wir beim Einchecken, dass wir unsere großen Powerbanks nicht mit ins Flugzeug nehmen dürfen. Lufthansa hat eine Obergrenze von 160 Wh für Batterien und unsere sind 185Wh stark. Da gibt es natürlich nichts zu diskutieren denn es betrifft ja die Sicherheit an Bord. Und auch wir wollen nicht in einem Flugzeug sitzen, in dem eine Batterie brennt. Also zurück zum Auto, um die zwei Batterien zu deponieren, so dass sie Carolyn abholen kann. Dann noch schnell die große Kiste mit dem DGPS beim Sperrgut abgeben und schon sitzen wir in der Lounge bei meinem dritten Espresso heute Morgen. Dadurch, dass alles fast wie am Schnürchen geklappt hat, sind wir jetzt natürlich reichlich früh dran. Zeit zum Nachdenken! Ich habe in den letzten paar Tagen immer wieder die Frage bekommen: Freust Du Dich auf Spitzbergen? Ja klar! Aber andererseits auch nicht. Eine längere Trennung von der Familie ist nie besonders spaßig und im Büro gibt es auch jede Menge wichtiger Dinge, die erledigt werden müssten. Aus Erfahrung weiß ich aber auch, dass nach spätestens 1-2 Tagen zumindest das Büro gedanklich in den Hintergrund tritt. Und spätestens an der Geopol-Hütte wird dann die Freude großflächig überwiegen. Und ein paar Tage in der Abgeschiedenheit, fern ab von Email. Internet und Telefon werden sicher meine mehr als ¾ leeren mentalen Batterien wieder aufladen. So jedenfalls meine Hoffnung.

Dieses Jahr gibt es doch einige Veränderungen. Jan kommt, wie gesagt, anstatt von Dennis mit und auch Matteo Massironi von der Universität in Padua ist zum ersten Mal dabei. Matteo kenne ich seit Jahren und wir arbeiten in vielen gemeinsamen Projekten zusammen, sei es das Astronautentraining oder bei der geologischen Kartierung planetarer Oberflächen im Rahmen unseres EU Projektes PLANMAP. Matteo und Jan sind absolute Marsexperten und ich freue mich, dass sie mitkommen konnten. Wir werden alle sicher viel von ihrer Expertise lernen. Komplettiert wird unser Team dieses Jahr wieder von Ernst Hauber vom DLR in Berlin und Andreas Johnsson von der Universität in Göteborg, Schweden. Beide sind Veteranen und sind bereits seit 2008 mit in Spitzbergen dabei. Insgesamt eine gute Mischung aus erfahrenen Leuten und „frischem Blut“. Neu ist auch, dass die drei einen Tag später als Jan und ich in Longyearbyen ankommen werden. In Vorbereitung auf unseren Aufenthalt war es meine Aufgabe den Projektantrag an das Alfred Wegener Institut zu schreiben und so fungiere ich dieses Jahr auch als Leiter für unser äußerst überschaubare „Expedition“. Mal schauen, wie das so wird! Eine andere Neuerung ist, dass wir dieses Jahr kein Schießtraining in Deutschland absolvieren konnten. Wir werden dies in Ny Alesund mit Kings Bay, dem Betreiber der Forschungseinrichtung, nachholen. Dadurch verlieren wir allerdings kostbare Zeit im Gelände; aber das lässt sich eben nicht ändern und so brauchen wir uns auch gar nicht darüber aufzuregen.

Eine Konstante ist mittlerweile der Blog, mit dem ich in den nächsten Tagen von unseren „Abenteuern“ berichten werde. Im Jahr 2017 auf Anregung der Pressestelle der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster entstanden, habe ich so viel positives Feedback bekommen, dass ich auch 2018 seitenweise aus Spitzbergen berichtet habe. Vielleicht für den ein oder anderen zu lange oder auch zu kurz. Jedenfalls hoffe ich, dass es auch dieses Jahr wieder Spaß machen wird, etwas über unsere Arbeit und unser Leben in Spitzbergen zu erfahren. Aller guten Dinge sind bekanntlich drei! Und ehrlich gesagt, wenn man selber nach zwei Jahren nochmals nachliest, was man damals so alles gemacht hat, wird einem erst bewusst, wieviel man bereits vergessen hat. Der Blog ist also auch für uns gewissermaßen das Gedächtnis unserer Forschungsaufenthalte und ich wünschte mir heute, dass ich viel früher damit angefangen hätte.

Wie bereits in den letzten Jahren wollen wir 2019 wieder die Kvadehuksletta-Halbinsel besuchen und dort unser Monitoring der Steinkreise und der Lateralmoräne des Kronebreen Gletschers fortsetzen. Sandra Buer, meine Studentin, die im Rahmen ihrer Masterarbeit die Proben und Daten der letzten Jahre auswertet, hat uns dazu eine lange Liste mit „Verbesserungsvorschlägen“ mit auf den Weg gegeben, um unsere Grabungen und die Probennahme weiter zu verbessern. Wir lernen also auch noch nach acht Jahren Löcher buddeln dazu, wie man es „richtig“ macht. Schon irgendwie erstaunlich, dass fünf Akademikern acht Jahre dazu brauchen, dies zu lernen. Ich sage jetzt mal Nichts weiter dazu, sondern lenke davon ab indem ich sage, dass auch die Daerten-Hütte wieder unser Ziel sein wird.

So, mittlerweile sitzen wir im Flugzeug auf dem Weg nach Oslo. Wir haben Frankfurt mit ca. 20 Minuten Verspätung verlassen, was aber nicht so schlecht war, weil ich dadurch noch ein Interview mit den Westfälischen Nachrichten zum Thema 50 Jahre Mondlandung geben konnte. Und kurz vor dem Start hat sich auch das Heute Journal gemeldet, um ebenfalls etwas über den Mond zu machen. Unter dem Aspekt war es natürlich äußerst unglücklich, unseren Spitzbergenaufenthalt ausgerechnet auf den Termin der ersten Mondlandung zu legen. Andererseits war es aber auch nicht anders möglich. Wir haben ja keine freie Terminauswahl sondern müssen alles mit dem Alfred Wegener Institut koordinieren. Habe ich schon erwähnt, dass Lufthansa Probleme mit dem Caterer hat und deshalb nur Softdrinks und Wasser anbieten kann? Keinen Kaffee! Bereits jetzt wird meine Überlebensfähigkeit unter Extrembedingungen auf eine harte Probe gestellt!

Das alles relativiert sich wieder in der SAS Lounge in Oslo. Erstklassiges Essen und guter Wein. Kann sich durchaus sehen lassen! Jan gefällt es ebenfalls! Und unser Gepäck geht auch direkt durch bis Longyearbyen, ohne dass wir es bei der Gepäckausgabe aufsammeln und erneut einchecken müssen. Da waren die Infos, die Jan in Münster bekommen hat, mal wieder falsch und ich zur Abwechslung mit meiner Erinnerung richtig. Jetzt heißt es erst einmal bis 21:45 Uhr auf unseren Anschlussflug nach Longyearbyen zu warten. Die drei Stunden sollten aber angesichts der bequemen Sessel und der üppigen Getränke- und Speisenauswahl relativ schnell und komfortabel zu verbringen sein. So, erst einmal eine kurze Pause: Der Syrah geht zur Neige!

Mit etwas Verspätung verlassen wir Oslo Richtung Norden. Der Flug verläuft ruhig und unspektakulär. Die meisten Leute schlafen oder daddeln auf ihren Handys rum. Ich habe das Vergnügen eine Bachelorarbeit über die Alter und die rheologischen Eigenschaften von Lavaströmen auf dem Mars zu lesen. Ich kämpfe mit dem Schlaf und auch der Kaffee hilft nur kurz. Spitzbergen empfängt uns mit weißen Gipfeln und Gletschern, die aus dem Wolkenmeer ragen und in der Sonne glänzen. Einfach Klasse – auch von einem Gangplatz aus bei dreckiger Scheibe. Trotzdem gelingen mir ein paar ganz gute Fotos. Und Jan kriegt zum Einstieg einen Fensterplatz und wolkenfreies Wetter – besser geht es eigentlich nicht. Wir fliegen das Adventdalen Richtung Westen und ich kriege einen schönen Ausblick auf „meinen“ Operafjellet. Irgendwann werde ich mir diesen Blockgletscher noch einmal im Detail anschauen! Auch wenn bei den anderen keine große Begeisterung herrscht, weil er relativ schwierig zu erreichen ist, obwohl er eigentlich genau gegenüber von Longyearbyen liegt. Die schönen Ausblicke beim Anflug auf Longyearbyen werden jäh durch eine sehr abrupte Landung unterbrochen. Unser Flugkapitän muss ordentlich in die Eisen steigen, letztlich sind wir aber bei bestem Wetter – fast wolkenlos und +8 Grad Celsius sicher in Longyearbyen angekommen. Jan ist begeistert und erzählt mir sofort wie ähnlich die Landschaft zum Mars ist. Und seine Fotos sind wirklich sehr schön und untermauern seine Begeisterung. Allein deshalb war es schon gut, ihn mitgenommen zu haben. Sein breites Grinsen ist unbezahlbar. Das Gepäck zu erhalten dauert etwas, aber die gute Nachricht ist, dass alles angekommen ist! Hurrraahh! Es wäre sicher nicht schön hier auf warme Sachen warten zu müssen. Der Taxifahrer von letztem Jahr bringt uns in unsere Stammunterkunft, das Mary-Anns Polarrigg, das wir seit mehreren Jahren immer wieder gerne buchen. Vertraute Gastlichkeit! Und wir schaffen es tatsächlich noch zwei Mack Biere zu bekommen bevor wir um 3:16 Uhr ins Bett fallen. Die ersten 24 Stunden unseres Abenteuers sind vorbei. Morgen gibt es zwischen 7:00 und 10:00 Uhr Frühstück und ich denke, dass wir nicht ganz pünktlich um 7:00 Uhr dort aufschlagen werden. Man wird sehen…

Ach ja, noch zum Schluss für heute: JA, ich freue mich auf die nächsten Tage in Spitzbergen! Alleine der Anflug war heute super spektakulär und enorm beeindruckend. Was für eine fantastische Landschaft! Spitzbergen, Du hast mich wieder! Auch ohne Feldbuch, denn das liegt zu Hause… Vielleicht hätte ich doch ein 12537tes Mal nachdenken sollen, was ich vergessen habe.

Fotos

Anflug auf Spitzbergen: Berge und Gletscher im „Abendlicht“
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  • Ein Kar wie aus dem Bilderbuch. Bei genauem Hinschauen sieht man einen Blockgletscher, der lobenartig Material bis zum Meer transportiert hat.
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  • Erosionsrinnen an einem Berghang. Sehr schön sieht man die Alkove, in der Material abgetragen wird, den Transportkanal und den Ablagerungsfächer.
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  • Ein kreativer Weinhalter in Mary-Anns Polarrigg: Treibholz sinnvoll wiederverwendet. Absolut nachhaltig!
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  • Das erste Mack Bier der Feldsaison 2019. Natürlich haben wir es ausschließlich als Größenvergleich für den Eisbärschädel genutzt…
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  • Unsere Hotelsuite. Jan hat das Bett auf der rechten Seite, ich das Bett links
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