Geschichten der islamischen Welt


Auf einem schmalen Tisch in einem Raum des Gebäudes in der Rosenstraße liegt ein mit arabischen Schriftzeichen bedecktes Papierfragment. Es ist Teil eines rund 1.000 Jahre alten Briefs aus Ägypten und lagert normalerweise in einer der sieben Glasvitrinen, die ringsum an den Wänden stehen. Jetzt ruht der Abriss auf einer Unterlage aus säurefreiem Papier. Bachelorstudentin Marit Roß begutachtet ihn vorsichtig mit einer Lupe. Sie lernt seit dem ersten Semester Arabisch. Hier steht sie vor einer Herausforderung: "Ich habe Schwierigkeiten, die Handschrift des Absenders zu entziffern", räumt die Studentin ein. Zum Glück gibt es bereits ein deutsches Transkript.
Die Vitrinen sind die meiste Zeit über mit dicken schwarzen Tüchern abgedeckt, denn der Inhalt ist lichtempfindlich: Rund sechzig historische Objekte aus der islamisch geprägten Welt sind dort verwahrt. Sie stammen aus einem Zeitraum von 1.300 Jahren und gehören zur Sammlung des Instituts für Arabistik und Islamwissenschaft am Fachbereich Philologie. Die dortigen Forscherinnen und Forscher ergründen islamische Kulturen, arabische Literatur, Religion, Kunst und das islamische Recht aus konfessionsneutraler Perspektive.
An diesem Freitagvormittag hat die Islamwissenschaftlerin Dr. Monika Springberg die Überwürfe der Vitrinen abgenommen. Sie sitzt im Seminar "Wissenschaftliche Erschließung der Institutssammlung" mit Marit Roß und zwei weiteren Studierenden an dem Tisch in der Mitte des Raums. "Wir haben einige Informationen zu den Objekten, beispielsweise zum Alter oder zur Herkunft", verrät sie. "Aber großteils sind sie unerforscht." In Seminaren wie diesem sollen die Studierenden auf Spurensuche gehen und mehr herausfinden. Zum Beispiel: Wer hat das Objekt erstellt? Zu welchem Zweck wurde es genutzt? Kann man daraus etwas über die Lebensumstände ableiten? Welche Geschichten erzählen die Objekte?

Bachelorstudent Maximilian Schesler teilt die Schwierigkeiten seiner Kommilitonin nicht. Er untersucht eine etwa 250 Jahre alte theologische Handschrift aus dem Maghreb. Die akkurate kalligraphische Schrift ist gut lesbar. Was Maximilian Schesler sofort ins Auge springt: Während der Einband des Buchs abgenutzt wirkt, sind die Buchseiten gut erhalten und ohne die sonst üblichen Randnotizen von Lesern, die das Werk studiert haben. "Vielleicht hatte es jemand als reines Aushängeschild seines Wohlstands in seinem Besitz", mutmaßt Monika Springberg.
Andere Stücke der Sammlung taugten dagegen wohl nicht als Statussymbol. "Die würde man auch nicht in den prominenten Vitrinen eines Museums sehen", unterstreicht die Islamwissenschaftlerin. Ein Beispiel sei ein unvollendetes Koranblatt ohne Malerei aus dem Osmanischen Reich. Die arabische Schrift wirke auffällig gestaucht. Vielleicht war ein Anfänger am Werk, dessen Arbeit verworfen wurde? "Mithilfe solcher Stücke kann man die damalige Arbeitsteilung nachvollziehen. Erst tat ein Schreiber seinen Dienst, dann setzte jemand einen Rahmen um den Text, dann folgte das Dekor." Für eine aufwändig illuminierte Koranhandschrift, schätzt Monika Springberg, waren mehrere Arbeiter ungefähr ein Jahr lang tätig – vom Schöpfen des Papiers bis zur kunstvollen Bindung.

Masterstudentin Marie Rösner erforscht als einzige der drei Studierenden kein Exponat der institutseigenen Sammlung. Ihr Forschungsobjekt, eine gut erhaltene Kairoer Urkunde aus dem 18. Jahrhundert, stammt aus dem Weltmuseum in Wien und liegt der Studentin nur digital vor. Sie ist sprachlich herausfordernd, da sie in traditioneller arabischer Rechtssprache verfasst wurde. Es gibt kein Transkript, aber Marie Rösner hat bereits weite Teile entziffert und übersetzt. "Es ist eine Kauf-Urkunde. Eine Frau hat einem Mann ein Grundstück mit Haus abgekauft. In dem Dokument geht es um den Vorbesitzer, um die Lage des Grundstücks und um die Abwicklung des Verkaufs", fasst sie zusammen. Anhand der geografischen Beschreibungen und durch einen Vergleich mit historischen Karten möchte sie im nächsten Schritt die Lage des Grundstücks rekonstruieren. Mit ihrer Forschung unterstützt die Studentin das Wiener Museum bei der Erschließung seiner Sammlung.
Gegen Mittag verabschieden sich die Studierenden. Monika Springberg legt die Exponate zurück in die Vitrinen und breitet die Tücher darüber aus. In den nächsten Wochen werden Marie Rösner, Marit Roß und Maximilian Schesler ihren Ideen weiter nachgehen. Sie haben so viele Forschungsansätze, dass sie zahlreiche Hausarbeiten damit füllen könnten.
Autorin: Christina Hoppenbrock
Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 5, 22. Juli 2026 | (pdf)
Die Sammlung des Instituts für Arabistik und Islamwissenschaft
Die Sammlung des Instituts für Arabistik und Islamwissenschaft umfasst unter anderem vollständige Korane sowie Koranfragmente (die ältesten entstanden zwischen 700 und 750 n. Chr.), Handschriften zu Theologie, Philosophie und Rhetorik, ägyptische Grabsteine aus dem neunten und zehnten Jahrhundert sowie Metallobjekte. Den Hauptbestandteil der Sammlung bildet eine Stiftung von Dr. Norbert Heinrich Holl, Ehrendoktor des Fachbereichs Philologie und ehemals deutscher Botschafter.
Ein Team von studentischen Hilfskräften widmet sich unter der Leitung von Dr. Monika Springberg der wissenschaftlichen Erschließung der Sammlung. In Seminaren haben alle interessierten Studierenden die Möglichkeit, an den Objekten erste Forschungserfahrungen zu sammeln. Führungen durch die Sammlung sind nach Absprache möglich (Kontakt: springberg@uni-muenster.de).
Weitere Informationen / Links:
Institut für Arabistik und Islamwissenschaft
Weitere Informationen zur Sammlung