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Die Kunst der Mehrsprachigkeit

Wie das Erlernen von Sprachen unser Gehirn, unsere Sicht auf die Welt und unsere Karriere beeinflusst
Hände halten bunte Sprechblasen hoch, in denen das Wort "Hallo" in verschiedenen Sprachen und Schriftzeichen steht.
Die Wissenschaft ist sich einig: Mehrsprachigkeit ist in vielerlei Hinsicht ein wertvolles Gut.
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In Vorlesungen und auf Kongressen bedient sich Prof. Dr. Christina Ossenkop des Französischen und Spanischen. Wenn sie sich mit ihrem Ehemann unterhält, dominiert das Portugiesische. Natürlich beherrscht sie auch Deutsch, es ist schließlich ihre Muttersprache. Ein Telefonat auf Englisch? Gerne. Eine Lektüre auf Italienisch oder Katalanisch? Jederzeit. Ein Fernsehbeitrag auf Galicisch? Selbstverständlich.

Man übertreibt also sicher nicht, wenn man Christina Ossenkop eine außergewöhnliche Sprachfähigkeit zuschreibt. Sie bewertet ihre Leistung jedoch eher gelassen. "Mir fällt der Wechsel zwischen den Sprachen leicht, weil er abhängig vom Gesprächspartner oder dem Kontext ist", betont die Professorin für Romanische Sprachwissenschaft. Wobei selbst sie schon mal durcheinandergerät – als sie beispielsweise ein Seminar in der falschen Sprache begann, weil sie zuvor einen thematisch gleichen Kurs in der anderen Sprache vorbereitet hatte.

Christina Ossenkop zählt zu einer vergleichsweise raren Spezies. Sie gehört mit Fug und Recht zu den Polyglotten, also zu jenen Menschen, die mehrere Sprachen sicher und weitere passiv beherrschen. Mehrsprachigkeit, darin ist sich die Wissenschaft einig, ist ein wertvolles Gut, das viele Vorteile bietet – für die persönliche Entwicklung und für die berufliche Karriere.

Kognition und Gesundheit

Eine neue Sprache zu erlernen, ist keine einfache Sache. Es hat jedoch positive Auswirkungen auf das Gehirn. Das Sprachzentrum im Gehirn besteht aus mehreren Regionen überwiegend in der linken Großhirnhälfte, von denen jede darauf spezialisiert ist, einen bestimmten Aspekt der Sprache zu verarbeiten. Dazu gehören zum Beispiel die Sprachproduktion und das Sprachverständnis. In Experimenten belegten Forscherinnen und Forscher, dass im zweisprachigen Gehirn beide Sprachen gleichzeitig aktiv sind, selbst wenn nur eine Sprache in bestimmten Zusammenhängen genutzt wird. Das erfordert den Einsatz sogenannter exekutiver Gehirnfunktionen. Mehrsprachige nutzen diese Exekutivfunktionen zu der typischen Sprachverarbeitung in einem größeren Ausmaß als Menschen, die nur eine Sprache beherrschen, um unnötige Informationen auszublenden. Dadurch wird das Gehirn mehr trainiert. Studienergebnisse zeigen, dass Zweisprachige Herausforderungen einfacher lösen, die beispielsweise das flexible Wechseln zwischen Aufgaben und die Aufmerksamkeitssteuerung erfordern. Gleichzeitig bringt der höhere kognitive Aufwand auch Nachteile wie eine reduzierte Sprechflüssigkeit mit sich.

Je früher eine zweite Sprache erlernt wird, desto besser ist das Ergebnis. Der Grund dafür ist, dass das Gehirn von Kleinkindern formbar ist und sich daher leicht verändert, je nachdem welche kognitiven Funktionen am meisten verwendet werden. Im Gegensatz dazu ist das erwachsene Gehirn relativ stabil und benötigt mehr Übung, um seine Struktur oder Funktion zu verändern. „Ich vergleiche das Erlernen einer Sprache mit der Navigation eines Schiffes“, beschreibt Constanza Quinteros Ortiz, die die Rolle der Metakognition beim Erlernen mehrerer Sprachen in einem Dissertationsprojekt untersucht. "Der Sprachenlerner ist der Schiffskapitän, und das Meer ist die Umgebung, in der das Erlernen stattfindet." Der Kapitän müsse sowohl durch einfache als auch schwierige Bedingungen auf hoher See navigieren, um das Ziel – eine Sprache zu erlernen – zu erreichen. Das erfordere unter anderem Anpassungsfähigkeit und die Gabe, Hindernisse zu überwinden.

Mehreren Studien zufolge altern Menschen, die mehrere Sprachen sprechen und diese regelmäßig nutzen, langsamer. Darüber hinaus gibt es Belege für eine bessere Konzentrationsfähigkeit und den Schutz vor Demenz.

Beruf und Gesellschaft

In der heutigen globalisierten Weltwirtschaft ist der grenzüberschreitende Handel das Rückgrat der Volkswirtschaften. Das hat unter anderem zur Folge, dass Arbeitskräfte, die mehrere Sprachen beherrschen, bessere Karrierechancen haben. Daher verwundert es nicht, dass mit den europäischen Sprachbildungszielen beispielsweise das Konzept der Mehrsprachigkeit verfolgt wird, um Kommunikation, kulturelles Verständnis und Mobilität zu fördern. Die vom Europarat verabschiedeten Vorgaben sehen vor, dass die Bürgerinnen und Bürger in der Europäischen Union neben ihrer Muttersprache mindestens zwei weitere Sprachen beherrschen sollen. Neben den wirtschaftlichen Gründen spielen auch friedenspolitische Aspekte eine Rolle. "Nach dem Zweiten Weltkrieg hat man deshalb das Französische sehr stark gefördert", schildert Dr. Vera Busse, die die Professur für Mehrsprachigkeit und Bildung innehat.

Im Gegensatz zu den 1950er-Jahren legen die Lehrkräfte im heutigen Fremdsprachenunterricht viel Wert auf kommunikative Fähigkeiten. "Sprachen lernen ist mehr als Vokabeln und Grammatik", erklärt Vera Busse. "Der Unterricht orientiert sich an der gesellschaftlichen Lebenswelt." Zudem seien die unterschiedlichen Herkunftssprachen der Kinder eine wichtige Ressource, die es je nach Möglichkeit an den Schulen zu fördern gilt.

"Sprache ist der Schlüssel zur Welt", sagte einst Wilhelm von Humboldt. Der preußische Bildungsreformer vertrat das Konzept des "sprachlichen Weltbildes". Es besagt, dass Sprache nicht nur der Verständigung dient, sondern die Art und Weise prägt, wie Menschen die Welt wahrnehmen, denken und strukturieren. "Sprache und Denken stehen in einer komplizierten Beziehung zueinander", betont Prof. Dr. Christina Clasmeier vom Institut für Slavistik. Gleichzeitig ermöglichen Fremdsprachen einen kulturellen Perspektivwechsel. "Wir können uns neue Welten erschließen", verdeutlicht Vera Busse. Doch während Englisch oder Spanisch gesellschaftlich eher Bewunderung hervorrufen, werden Türkisch oder Russisch negativer bewertet. Das unterschiedliche Prestige von Sprachen hängt von gesellschaftlichen Urteilen ab, die mit der Geschichte, dem ökonomischen Status und kulturellen Stereotypen verbunden sind.

Autorin: Kathrin Nolte

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 3, 6. Mai 2026 | (pdf)

Weitere Informationen / Links:

Prof. Dr. Christina Ossenkop am Romanischen Seminar

Jun.-Prof. Dr. Christina Clasmeier am Institut für Slavistik

Studieren am Fachbereich Philologie