August 2017
August 2017

Münze des Monats

© Robert Dylka

Men Karou. Zur Verehrung des Mondgottes im südlichen Mäandertal

Archäologisches Museum der Universität Münster, Inv. M 1192
AE aus Attouda (Karien), ca. 193-211 n. Chr., 4,83g, 22mm
Vs. ΜΗΝ ΚΑΡΟΥ. Gewandbüste des Mȇn n. r. mit phrygischer Mütze, auf Mondsichel – Rs. ΑΤΤΟΥΔΕΩΝ. Altar mit Pinienzapfen und kleinen flammenden Rundaltärchen obenauf

Die Münze des Monats September stammt aus dem antiken Kleinasien und wurde während der römischen Kaiserzeit geprägt. Viele Städte auf dem Gebiet der heutigen Türkei münzten damals ihr eigenes Kleingeld aus – große und bedeutsame Poleis genauso wie kleine und heute fast vergessene Städtchen. Alle nutzten die Rückseiten ihrer Münzen, um hier anschaulich Lokalgeschichte zu illustrieren. Die Bronzeprägungen zeigen die am Ort verehrten Gottheiten und Heroen, gelegentlich berühmte Söhne der Stadt, besondere Bauten, zeugen von Festen und Feierlichkeiten, weisen auf die naturräumliche Lage hin, nennen Ehrentitel und Städtepartnerschaften: Auf den sogenannten Roman Provincials begegnen wir ausgedehntem Lokalpatriotismus.
Die vorliegende Kleinbronze wurde Ende des zweiten beziehungsweise zu Beginn des dritten nachchristlichen Jahrhunderts von einem kleinen Städtchen im kleinasiatischen Hinterland herausgegeben. Die Aufschrift ΑΤΤΟΥΔΕΩΝ („‹Münze› der Attoudeer“) auf der Rückseite nennt die Bürger von Attouda als Prägeherrn. Attouda lag im Grenzgebiet zwischen den beiden antiken Landschaften Karien und Phrygien, südlich des Mäandertals, am Nordabhang des Salbakosgebirges an der Stelle des heutigen türkischen Örtchens Hisar.
Es handelt sich um eine sogenannte pseudo-autonome Münze, denn sie zeigt nicht den sonst üblichen Kaiserkopf auf der Vorderseite, sondern eine lokale Gottheit: den in Kleinasien vielerorts verehrten Mondgott Mȇn (anders als mit Selene in der griechischen oder mit Luna in der römischen Tradition ist der Mond in Kleinasien traditionell männlich). Er hat einige Attribute, anhand derer man ihn erkennen kann: Auf dem Kopf trägt er eine phrygische Mütze, die auf seine kleinasiatische Heimat verweist, und seine Schultern ruhen auf einer nach oben geöffneten Mondsichel, die ihn als Mondgottheit ausweist. Die Beischrift ΜΗΝ ΚΑΡΟΥ („Mȇn Karou“) verdeutlicht, dass es sich um eine ganz spezielle Erscheinungsform des Mondgottes handelt. Allerdings wirft die Bezeichnung ΚΑΡΟΥ auch Fragen auf: Handelt es sich um einen speziell „karischen Mȇn“, um einen „Mȇn des Karos“ (ein Karos als Begründer des Kultes) oder um einen Mȇn, der eigentlich zu Karou(ra) gehörte?
Eine Verbindung nach Karoura, einer nahegelegenen Ortschaft im Mäandertal (ohne eigene Münzprägung) ist literarisch überliefert, wenn sie auch nur der Lokalisierung dient. Der antike Autor Strabon berichtet von einem kleinen, aber angesehenen Heiligtum: „Zwischen Laodikeia und Karoura befindet sich ein Heiligtum des sogenannten Mên Karou, das in großen Ehren gehalten wird. In meiner Zeit wurde eine große herophilische Ärzteschule von Zeuxis eingerichtet, später wurde sie von Alexandros, dem Sohn des Philalethes weitergeführt“ (Strab. 12,8,20 [p. 580]).
Wir entnehmen dem Text indirekt, dass das Heiligtum Mên Karou außerhalb des Stadtgebiets von Attouda lag und dass ihm zu Strabons Zeiten (am Ende des ersten vorchristlichen Jahrhunderts beziehungsweise zu Beginn des ersten nachchristlichen Jahrhunderts) eine Ärzteschule und damit vermutlich auch ein Kurbetrieb, in dem die (angehenden) Ärzte praktizierten, angegliedert waren. Quellen, die dort entsprangen (Athenaios 2,43a spricht von heißen, aber spärlichen Quellen in Karoura und den raueren und mehr Natron enthaltenden Wassern der Μηνὸς κώμην, eines „Mȇn-Dorfes“, also wohl des Heiligtums mit den dazugehörigen Infrastrukturen), werden – wenn sie nicht sogar Anlass für die ursprüngliche Einrichtung gewesen sind – ihren Teil zur Attraktivität dieses Kurbetriebs beigetragen haben. Eine Verbindung von Mên und Medizin sowie das Verständnis von Mên als einem Heilgott ist häufiger belegt, auch wenn meist Asklepios oder Apollon als Götter der Heilkunst galten.
Auf der Rückseite unserer Münze ist eine große profilierte, mit Girlanden und Omphalosschalen geschmückte Basis abgebildet, auf der sich zwischen Pinienzapfen kleine ebenfalls verzierte und flammende Rundaltäre befinden. Die Pinienzapfen, die neben der Mondsichel das zweithäufigste Attribut des Mên sind, charakterisieren die Gesamtanlage als dem Mên zugehörig. Dasselbe Rückseitenmotiv findet sich auf Münzen von Attouda mit Mên Karou (wie in unserem Fall) sowie mit Demos (der Personifikation des „Volks“) oder später (253-268 n. Chr.) mit dem Porträt der Kaisergattin Salonina auf der Vorderseite.
Da das Mên-Heiligtum nicht genauer lokalisiert ist und damit kein Baubefund vorliegt, ist schwer zu entscheiden, wie genau das ungewöhnliche Rückseitenbild zu verstehen ist. Vorstellbar sind zwei Möglichkeiten:

  1. Das Rückseitenbild kann rein sinnbildlich verstanden werden; es zeigt einen monumentalen Altar, der als Synonym für die Verehrung des Gottes in der Stadt steht. Die Pinienzapfen zwischen den kleinen Altärchen wie auch die Kombination des Motivs mit dem Bildnis des Mên Karou auf der Vorderseite verdeutlichen, dass es sich nicht um irgendeinen Altar, sondern um ein zur Stadt gehöriges Heiligtum handelt, Möglicherweise ging es Attouda nicht um die Wiedergabe von realer Architektur, sondern man wollte lediglich auf einen bedeutenden lokalen Kult des Heilgottes hinweisen.
  2. Eine andere, konkretere, Lesbarkeit ist ebenso möglich: Dass nicht ein Tempel, sondern ein Altar abgebildet ist, muss einen Grund haben. Das Münzbild ist dementsprechend „wörtlich“ zu verstehen. Ein richtiger Tempel war vielleicht gar nicht existent, dafür stand im Mên-Heiligtum ein monumentaler Altar, an dem Opferhandlungen vollzogen wurden. Für individuelle Trank- oder Rauchopfer standen kleine (evtl. tragbare) Altäre im Heiligtum zur Verfügung. Dies wäre ein seltener numismatischer Hinweis auf „private Kultpraxis“.

Die Pinienzapfen mögen zudem auf den medizinischen Aspekt des Kultes und den angegliederten Kurbetrieb hier am Ort hinweisen. Auf die heilende Wirkung der Kerne des Pinienzapfens weist im ersten nachchristlichen Jahrhundert der Arzt und Autor eines pharmakologischen Werkes Pedanios Dioskurrides aus Anazarbos hin (Dioskurrides 1,69).
Die Bedeutung des Heiligtums mit seiner Infrastruktur für Attouda steht außer Frage, davon zeugen die verschiedenen Quellen: Nachweislich vom ersten vorchristlichen (durch die Erwähnung bei Strabon) bis in die Mitte des dritten nachchristlichen Jahrhunderts (belegt durch die oben genannten Münzen mit Kaisergattin Salonina auf der Vorderseite) haben sich Kultstätte und Kurbetrieb über mindestens drei Jahrhunderte hindurch kontinuierlicher Beliebtheit erfreut.
Die Münze Inv.-Nr. M 1192 gehört zur Sammlung des Archäologischen Museums der WWU; Geschichte und Geschichten hinter den Münzen werden vielfach im Rahmen von Lehrveranstaltungen erarbeitet. Die Erforschung der antiken Türkei hat in Münster lange Tradition durch die Arbeit der Forschungsstelle Asia Minor (https://www.uni-muenster.de/AsiaMinor/).

(Katharina Martin)

 

Literatur:

  • J. Benedum, Zeuxis Philalethes und die Schule der Herophileer in Menos Kome, Gesnerus. Swiss Journal of the history of medizine and sciences 31, 1974, 221-236
  • S. Hübner, Spiegel und soziale Gestaltungskraft alltäglicher Lebenswelt: Der Kult des Men in Lydien und Phrygien, in: E. Schwertheim – E. Winter (Hrsg.), Religion und Region. Götter und Kulte aus dem östlichen Mittelmeerraum, AMS 45 (2003) 179-200