
RIC IV.1, 318 Nr. 33
Av.: Barhäuptige Büste des Geta mit Rüstung n. l.; P.SEPTIMIUS GETA CAES
Rv.: Liber Pater und Ariadne mit Panther sitzend, im Vordergrund Silen, Flötenspieler und tanzende Mänaden, im Hintergrund Herme; PONTIF.COS
Ein Aureus des Geta Am 21. Juni 2017 öffnet im Israel Museum in Jerusalem eine numismatische Ausstellung mit 75 römischen Goldmünzen aus der Victor A. Adda Collection. Die Aurei stammen aus einer alten Sammlung und sind allesamt von höchster Qualität und vorzüglichem Erhaltungszustand, mehrere der Goldstücke Unikate. Unter den Münzen ist auch ein Aureus des Geta, der aufgrund seines außergewöhnlichen Themas auf der Rückseite auffällt (RIC IV.1, 318 Nr. 33). Das Stück wurde wohl 206 n. Chr. ausgegeben. Die Vorderseite zeigt die barhäuptige Büste des Geta nach links. Geta war der Sohn des Kaisers Septimius Severus und sein älterer Bruder war Caracalla. Die beiden Prinzen, Caracalla und Geta wurden von Septimius Severus als Nachfolger aufgebaut, beide regierten kurze Zeit nach dem Tod des Vaters 211 n. Chr. gemeinsam, bevor Caracalla seinen Bruder beseitigte und Alleinherrscher wurde.
Septimius Severus (193-211 n. Chr.) hatte nach dem Tod des Commodus 192 n. Chr. und einem kurzen Bürgerkrieg ab 193 n. Chr. begonnen, eine neue Dynastie zu etablieren. Dieses Unterfangen war nicht einfach, denn der neue Kaiser stammte nicht aus einer der alteingesessenen aristokratischen Familien Roms, sondern aus Nordafrika, aus Lepcis Magna. Schon vor ihm kamen Kaiser wie Trajan oder Hadrian aus provinzialen Familien, doch Septimius Severus war tatsächlich in der Provinz aufgewachsen und dort tief verwurzelt. Septmius Severus versuchte daher gar nicht erst seine Herkunft zu verschleiern und ging offensiv damit um. In seiner Münzprägung propagierte er gleich zu Beginn seiner Herrschaft die Heimatgötter von Lepcis Magna, Liber Pater und Hercules, die romanisierte punische Gottheiten waren und als solche das Götterpaar von Lepcis Magna. Auf seinen Münzen zeigte Septimius Severus die beiden als Paar und benannte sie die „väterlichen Götter“ (Di Patrii). Jedem Betrachter war klar, dass diese Götter, die in der römischen Reichsprägung zuvor nur äußerst selten und in der Paarkonstellation gar nicht auftraten, dass diese nicht traditionelle Götter Roms waren, sondern die punischen Lokalgötter von Lepcis Magna. Ein solches Bild war ein absolutes Novum und ein Bruch mit der traditionellen Ikonographie kaiserlicher Schutzgötter.
Auch wenn in der antiken Literatur kritischer Wiederhall der vermeintlichen Bevorzugung Nordafrikas zu fassen ist, bewegte sich doch die Propagierung der heimatlichen Gottheiten im Rahmen einer kaiserlichen Demonstration von Frömmigkeit (pietas) gegenüber den Vorfahren. Trotzdem schien irgendwann der Bogen überspannt. Nachdem Liber Pater und Hercules noch ausgiebig im Rahmen der Säkularspiele 204 n. Chr. propagiert wurden, kam es 206 n. Chr. zu einem abrupten Ende der Darstellung der Heimatgötter in der Münzprägung. Kurz vorher, 205 n. Chr. stürzte der mächtige Prätorianerpräfekt Plautianus, der wie Septimius Severus aus Lepcis Magna stammte. Über die Gründe können wir nur spekulieren, doch verlor der allmächtige Mann das Vertrauen des Kaisers. Fortan werden Liber Pater und Hercules aus der Münzprägung massiv zurückgenommen und die beiden treten erst einmal nur noch einzeln auf. In dieses veränderte Programm gehört der Aureus des Geta aus dem Jahr 206 n. Chr., der auf der Rückseite Dionysos und Ariadne begleitet vom tanzenden und musizierenden dionysischen Thiasos zeigt. Ariadne ist die zweite von links, neben ihr lagert Dionysos. Es ist eine mythologische Idylle, die thematisch und vom Bildschema voll und ganz griechisch-römischer Ikonographie entspricht. Jeglicher Hinweis auf eine Verbindung des Weingottes zur Heimatstadt des Septimius Severus fehlt, und es ist bemerkenswert, dass gleichzeitig für Getas Bruder Caracalla ein ebenso feiner Aureus geprägt wurde. Dieser zeigt auf der Rückseite Hercules in einem urrömischen Mythos mit Pinarius und Potitiius. Auch hier fehlt jeglicher Hinweis auf die Paarkonstellation mit dem Weingott und eine mögliche Verbindung zu Lepcis Magna. Diese beiden Aurei für die Prinzen sind deutliche Hinweise darauf, dass Septimius Severus und seine Familie nach 206 n. Chr. einen radikalen Umschwung in ihrer Münzikonographie machten, und es ist sehr wahrscheinlich, dass dieser damit zu tun hatte, dass das Kaiserhaus sich gezwungen sah, nordafrikanische Themen zurückzunehmen. Auch wenn die genauen Gründe dafür im Dunkeln bleiben, so sind die Aurei doch eindrückliche Zeugnisse dafür, wie das Kaiserhaus seine Selbstdarstellung anpassen musste und nicht jede gewünschte message einfach so sein Zielpublikum erreichte. Darüber hinaus ist der Aureus des Geta so wie die anderen Aurei der Adda Collection ästhetisch überaus ansprechend, und sollten Sie im Sommer in Jerusalem sein, sei ein Besuch der von Haim Gitler und Yaniv Schauer kuratierten Ausstellung wärmstens empfohlen.
(Achim Lichtenberger)
Zum Thema:
- A. Lichtenberger, Severus Pius Augustus. Studien zur sakralen Repräsentation und Rezeption der Herrschaft des Septmius Severus und seiner Familie (193-211 n. Chr.) (Leiden – Boston 2011).
- Zu der Ausstellung in Jerusalem, „Faces of Power“, zu der auch ein Katalog erscheint.
