Juli 2017
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Münzen des Monats

Schatzfund von Selm-Bork, verborgen um 950
© LWL-Museum für Kunst und Kultur / Westfälisches Landesmuseum Münster

Schatzfund von Selm-Bork, verborgen um 950

65 Pfennige Deutsches Reich, König Otto I. der Große (936/62–973), Münzstätte Köln, 936–962
LWL-Museum für Kunst und Kultur / Westfälisches Landesmuseum Münster, Inv.-Nr. 9318 Mz

Nach wie vor bildet der kleine Schatzfund von Selm-Bork (Kr. Unna) den ältesten mittelalterlichen Münzschatzfund Westfalens. Beim Graben eines Fundamentloches für einen Wäschepfeiler wurden die Münzen am 2. Juli 1981 auf einem Grundstück nördlich der örtlichen St. Stephanus-Kirche entdeckt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit stellen die 65 Stück alle ursprünglich in diesem Komplex enthaltenen Münzen dar, denn der Bodenaushub wurde bei der Fundbergung sorgfältig durchgesiebt. Reste eines Behältnisses jedweder Art wurden dabei nicht angetroffen; es dürfte sich also um eine Art Beutel aus organischem Material gehandelt haben, das inzwischen restlos vergangen war.

Die 65 Münzen gehören alle einem einzigen Typ aus der Münzstätte Köln unter König Otto I. dem Großen (936/62–973) an. Die Vorderseite zeigt innerhalb eines Perlkreises ein Kreuz mit je einer Kugel in den Winkeln, die Umschrift nennt mit + ODDO + REX Namen und Titel des Münzherrn. Die Rückseite trägt ganzflächig den dreizeiligen Stadtnamen S | COLONIA | A, was als „Sancta Colonia Agrippinensis“ aufzulösen ist. Dieser Typ war unter König Ludwig dem Kind (900–911) eingeführt worden und wurde letztlich – mit Variation nur der Umschrift und unausbleiblichen stilistischen Veränderungen – bis in die Königszeit Heinrichs II. (1002/14–1024) fortgesetzt. Im späten 10. Jahrhundert aber wurde er zum Ansatzpunkt für zahlreiche Nachprägungen vor allem in Westfalen im 11. und 12. Jahrhundert. Zentrum war der kölnische Außenposten Soest, und Ableitungen des kölnisch-soestischen Münztyps finden sich speziell im östlichen Westfalen noch weit im 13. Jahrhundert.

Die Münzen, allesamt Pfennige, sind aus Silber, messen zwischen 19,5 und 21,0 mm im Durchmesser und sind ca. 1,0 bis ca. 1,7 g schwer. Technisch war die Ausführung mangelhaft: Die Schrötlinge sind ungleichmäßig dick ausgehämmert, was zu Fehlstellen bei der Prägung führte; zudem ist der Stempelschnitt als sehr grob zu bezeichnen. Charakteristisch sind das stets spiegelverkehrte S auf der Rückseite und der fehlerhafte Königstitel auf der Vorderseite, indem es nur selten REX heißt, meist – wohl später zu datieren – ERX und einmal XER. Insgesamt lassen sich zahlreiche Stempel feststellen, was anzeigt, dass der Münzbestand vor Ort durch den Umlauf bereits gut durchmischt war.

Stilistisch geben sich die Münzen des Ottonen Ottos I. als Fortentwicklung der Kölner Prägungen des Karolingers Karls des Einfältigen, Königs im Westfrankenreich (893/98–923), der zwischen 911 und 925 auch Lotharingien mit der Stadt Köln beherrschte, zu erkennen. Von Heinrich I., König im Ostfrankenreich (919–936), sind ab 925 keine Kölner Münzen, die seinen Namen tragen, bekannt; vielleicht verstecken sie sich aber hinter Stücken mit verwilderten Karls-Umschriften. Es muss sich demnach um den ersten Typ Ottos I. in Köln handeln, und eine Neubearbeitung der Kölner Münzreihe durch Peter Ilisch hat gezeigt, dass es auch der einzige Typ Ottos I. als König war. Es schlossen sich 962/65 Gemeinschaftsprägungen Kaiser Ottos I. mit seinem Bruder Brun, von 953 bis 965 Erzbischof von Köln, an, danach gab es einen Typ, der jedoch nicht zwischen Otto I. als Kaiser und Kaiser Otto II. (973–983) zu trennen ist. Da der Schatzfund nur den Typ König Ottos I. und keinen seiner Vorgänger bzw. seines Bruders und seiner Nachfolger enthielt, muss die Bildung des Münzbestands spätestens in den frühen 960er Jahren abgeschlossen gewesen sein. Kaum später dürfte das Geld dann spätestens in den Boden gekommen sein – ob zu bewusster Verwahrung oder als Verlust, bleibt unklar.

Dass der Schatzfund von Selm-Bork nach wie vor der älteste mittelalterliche Münzschatzfund Westfalens und zumal der einzige aus dem 10. Jahrhundert ist, ist freilich kein Zufall. Dies hängt mit dem Grad der allgemeinen, d. h. alltäglichen Verwendung von Münzgeld zusammen, der vor der Stauferzeit, also vor der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, insgesamt noch nicht allzu hoch war. Zwar spielte hier – in Germanien, das niemals zum Römischen Reich gehört hat – im 1. bis 4. Jahrhundert römisches Münzgeld in den lokalen Wirtschaftszentren durchaus eine Rolle. Danach, zur Zeit der Merowinger und der frühen Karolinger, fanden aber nur noch wenige Münzen in die Region, die sich oft zudem als Grabbeigaben niederschlugen. Erst nachdem das Gebiet östlich des Rheins, Sachsenland, im Zuge der Sachsenkriege Karls des Großen (768/800–814) bis 804 endgültig ins Frankenreich eingegliedert worden war, konnte sich hier eine Münzgeldwirtschaft allmählich entwickeln. Eine Münzstätte sollte es im westlichen Westfalen allerdings erst seit dem späten 10. Jahrhundert mit Dortmund geben; bis dahin war Köln, die wichtigste Stadt im ostfränkisch-deutschen Reich, der nächstgelegene Prägeort. Insofern verwundert es nicht, dass ein Schatzfund an der Mitte des 10. Jahrhunderts ausschließlich Münzen aus Köln, das auch Westfalen mitversorgte und so beim Beginn einer tieferen Monetarisierung der Region zum Ansatzpunkt für Nachprägungen werden konnte, enthielt.

In Westfalen werden Kölner Münzen seit dem späten 9. Jahrhundert gefunden, allerdings nur als Einzelstücke. So ein Pfennig Ludwigs des Kindes in Münster, ein Pfennig Karls des Einfältigen in Castrop-Rauxel (Kr. Recklinghausen), ein Pfennig Kaiser Ottos I./II. in Iserlohn (Märkischer Kreis). Aber auch der Typ König Ottos I. liegt vor: in Geseke (Kr. Soest), zweimal in Lippstadt-Bökenförde (Kr. Soest), in Höxter, sogar eine zeitgenössische Fälschung in Bad Lippspringe (Kr. Paderborn). Diese wenigen Fundstücke, zu denen in Lippstadt-Bökenförde auch ein entsprechender Halbpfennig/Obol, den es in Köln als eigenständige Münze auch unter Otto I. sowie allen seinen Vorgängern gab, kommt, liefern einen weiteren Hinweis auf den nur geringen Grad des Münzgeldgebrauchs dieser Zeit. Der Pfennig/Denar und nur gelegentlich auch der Obol waren seit den frühen Karolingern die einzigen Nominale im mitteleuropäischen Münzsystem, was dem damaligen Bedarf offensichtlich genügte. Der nächstälteste – und sicher überlieferte – mittelalterliche Münzschatzfund Westfalens ist erst der große Schatzfund von Halver (Märkischer Kreis), verborgen um 1100/10, mit seinen 207 ganzen und 29 halbierten Pfennigen der näheren und weiteren Region, darunter auch Köln, aus dem späteren 11. Jahrhundert. Die Fundsituation in den anderen Regionen des Reichs östlich des Rheins gestaltet sich übrigens ganz ähnlich, so dass es sich hierbei nicht um Zufälle der Fundüberlieferung handelt.

Angesichts seiner Singularität bildete der Schatzfund von Selm-Bork 1981 eine echte Sensation, doch eben aufgrund dieser Singularität braucht seine Existenz eine Erklärung. Diese könnte im Fundort liegen, einem Grundstück im direkten Umfeld des Schultenhofes Bork mit seiner St. Stephanus-Kirche, dem herrschaftlichen Nukleus des Ortes. Befunde, die die Fundsituation erhellen könnten, scheinen bei der Bergung der Münzen nicht beobachtet worden zu sein, doch dürfte das Geld mit einiger Sicherheit irgendwie mit diesem Schultenhof zu tun gehabt haben. Der Fund ist somit eher ein Zeugnis für den Münzgeldgebrauch im grundherrschaftlichen Milieu und weniger der einfachen Bevölkerung auf dem Lande, die eben noch selten bis gar nicht mit Münzgeld in Berührung kam. Welchem Realwert die 65 Pfennige an der Mitte des 10. Jahrhunderts entsprachen, was man damals also dafür kaufen konnte, ist mangels Quellen sehr schwer abzuschätzen – anderthalb Jahrhunderte später erhielt man für die gut 220 Pfennige des Schatzfundes von Halver immerhin etwa 14 Schweine.

(Stefan Kötz)

 

Literatur:

  • Hävernick, Walter: Die Münzen von Köln. Die königlichen und erzbischöflichen Prägungen der Münzstätte Köln sowie die Prägungen der Münzstätten des Erzstifts Köln. Vom Beginn der Prägung bis 1304 (Die Münzen und Medaillen von Köln, Bd. 1), Köln 1935, Nr. 29
  • Ilisch, Peter: Fundchronik [1981] – Münzfunde, in: Ausgrabungen und Funde in Westfalen-Lippe 1 (1983), S. 329–368, hier Nr. 1 auf S. 330 (Fundnotiz)
  • Ilisch, Peter: Zur Datierung der in nordischen Funden vorkommenden ottonischen Münzen von Köln, in: Nordisk Numismatisk Årsskrift 1983/84 [1990], S. 123–144, hier bes. S. 124–131
  • Ilisch, Peter: Münzschatzfunde aus Westfalen (Bildhefte des Westfälischen Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte, Bd. 30), Münster 1991, S. 8
  • Kötz, Stefan: Schatzfund von Selm-Bork, verborgen um 950, in: Werdendes Ruhrgebiet. Spätantike und Frühmittelalter an Rhein und Ruhr (Ausstellungskatalog RuhrMuseum Essen 2015), hrsg. von Heinrich Theodor Grütter / Patrick Jung / Reinhild Stephan-Maaser, Essen 2015, Kat.-Nr. 157 auf S. 129f.
  • Kötz, Stefan: Monetissimo! Aus den Tresoren des Münzkabinetts. 27 Jahrhunderte Münzen, Medaillen & Co. (Ausstellungskatalog LWL-Museum für Kunst und Kultur / Westfälisches Landesmuseum Münster 2016/17), Petersberg 2016, S. 74