Münze des Monats

Die aktuelle Münze des Monats | Oktober 2026
© Robert Dylka

Berg oder Hain? Das Heiligtum von Zeugma

Zeugma (Seleukeia am Euphrat), ca. 247–249 n. Chr.
Bronze; 17,16 g; 29 mm; 5 h
Vs.: ΑΥΤΟΚ Κ Μ ΙΟΥΛΙ ΦΙΛΙΠΠΟϹ ϹЄΒ. Drapierte Panzerbüste des Philippus II. n. r., lorbeerbekränzt, von hinten
Rs.: ΖЄΥΓΜ-ΑΤЄΩΝ. Tempel mit viersäuliger (tetrastyler) Front, darin ein sitzendes Kultbild; darunter eine sich nach oben verjüngende Fläche, gefüllt mit rundlichen Elementen und gerahmt von zwei schraffierten Bändern sowie einer gegliederten Front; i. A. Capricorn n. r.
Inv.-Nr. M 1434 (ex Slg. Theobald Bieder)
RPC VIII, 2452/75 (dieses Stück); vgl. Butcher 2004, 465 Nr. 31c; BMC Syria 127 Nr. 29–32; SNG Kopenhagen 32

 

Die Rückseite dieser auf den ersten Blick vielleicht unscheinbar wirkenden Bronze aus Zeugma am Euphrat wird seit über hundert Jahren und bis heute unterschiedlich gedeutet. So beschreibt unter anderem das Roman Provincial Coinage das Bildmotiv als einen felsigen Gipfel mit Bauten am Fuß und stilisierten Treppen oder Kolonnaden an den Flanken, der auf der Spitze einen Tempel trägt. Andere, darunter auch das Münsteraner Münzkabinett, sehen im Bild eine perspektivische Ansicht auf einen Hain vor dem Tempel, der von Säulengängen eingefasst ist. Die Rückseitenbeschreibung im Kopf dieses Beitrags weicht daher in eine eher sperrige Formulierung ab, die keiner der im Folgenden behandelten Deutungen vorgreift.

Vater oder Sohn?

Beginnen wir, wie bei Münzen üblich, mit der Vorderseite. Marcus Iulius Philippus, nach seiner Herkunft aus der Provinz Arabia „Philippus Arabs“ genannt, war Prätorianerpräfekt unter Gordian III. und wurde 244 n. Chr. während des Perserfeldzugs zum Kaiser ausgerufen, nachdem Gordian unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen war. Er gehört damit zu den Soldatenkaisern, die einander in der sog. Reichskrise des 3. Jh. in kurzen Abständen ablösten. Seine erste Amtshandlung im Osten war ein teuer erkaufter Frieden mit dem sassanidischen Großkönig Shapur I. 247 n. Chr. erhob Philippus seinen gleichnamigen Sohn zum Augustus, also Mitkaiser.

Wer von beiden auf unserer Münze dargestellt ist, ist strittig. Die Inschrift hilft nicht weiter, denn ΑΥΤΟΚ(ράτωρ) Κ(αῖσαρ) Μ(ᾶρκος) ΙΟΥΛΙ(ος) ΦΙΛΙΠΠΟϹ ϹЄΒ(αστός) passt seit 247 n. Chr. auf Vater und Sohn gleichermaßen, sodass für die Unterscheidung allein das Porträt bleibt. So wurde der bärtige Kaiser oft als Philippus I. und der bartlos Dargestellte als sein Sohn interpretiert. Wie unsicher das ist, da auch Philippus I. bartlos dargestellt wurde, zeigt der Katalog des British Museum, der denselben bartlosen Typ auf Vater und Sohn verteilte (Butcher 2004, 465 zu BMC 43, 45, 47). Das RPC ordnet unser Stück Philippus II. zu und trennt innerhalb des Typs nur die Ansicht der Büste. Die Variante von vorn ist bislang in drei Exemplaren belegt (RPC VIII, 2451), die Variante von hinten, zu der unsere Münze gehört, in 191 (RPC VIII, 2452).

Abb. 1: Erstmaliges Erscheinen des Heiligtum-Motivs in Zeugma unter Antoninus Pius. Vs. Kopf des Antoninus Pius; Rs. Heiligtum (= RPC IV.3, 5755)
© Bibliothèque Nationale

Hergestellt wurde die Münze vermutlich nicht in Zeugma. Die Emissionen für Philippus teilen Aversstempel mit Antiochia, Samosata, Kyrrhos, Hierapolis und Philippopolis in Arabien (möglicherweise der Heimatstadt des Kaisers), weshalb Kevin Butcher eine gemeinsame Produktion in Antiochia annimmt (Butcher 2004, 464). Das Rückseitenmotiv ist allein für Zeugma belegt und findet sich seit den ersten städtischen Prägungen der Zeit Antoninus Pius’ (Abb. 1) im Bildrepertoire der Stadt. Von seltenen Kleinnominalen abgesehen verwendete die Stadt zwei Bilder: das Ethnikon im Kranz und unser Heiligtum. Das Zweite läuft von Antoninus Pius über Marcus Aurelius und Lucius Verus, Caracalla und Elagabal bis zu Philippus durch und behält dabei über gut hundert Jahre dasselbe Grundmotiv.

Zeugma am Euphrat

Ζεῦγμα heißt „Joch“ oder „Brücke“ und ist hier Name und Funktion des Ortes. Der Diadoche Seleukos I. Nikator gründete die Stadt um 300 v. Chr. an einem strategisch wichtigen Euphratübergang (Abb. 2). Zunächst hieß sie Seleukeia und hatte am gegenüberliegenden Ostufer in Apameia eine Schwesterstadt, wobei beide Namen auf den König und seine Frau Apama zurückzuführen sind. Als Ortsname begegnet Zeugma ab dem 1. Jh. v. Chr. Die Blütezeiten beider Orte verliefen zeitlich versetzt: Apameia war im Wesentlichen hellenistisch geprägt, Zeugma hingegen wuchs nach der Eingliederung in das Imperium im Wesentlichen in römischer Zeit (Aylward 2013, 22 f.).

Abb. 2: Karte des hellenistischen/römischen Euphrat-Raumes
© Forschungsstelle Asia Minor

Die politische Zugehörigkeit der Stadt ist unsicher. Unter Antiochos I. von Kommagene gehörte sie offenbar noch zu seinem Königreich. Spätestens unter Tiberius ging die Verwaltung offiziell an Rom über (Butcher 2009, 81–83; Görkay 2022, 328). Mit der danach bestehenbleibenden römischen Herrschaft war Zeugma eine strategisch relevante Grenzstadt am Rande des Partherreichs geworden. Diese Lage verantwortete den Reichtum der Stadt, da, wer den Übergang kontrollierte, auch daran verdienen konnte (Görkay 2022, 329). Heute noch zu erkennen ist dieser Wohlstand an den Wohnhäusern des 2. und 3. Jhs., deren Mosaikböden seit den Rettungsgrabungen im Jahr 2000 im Zeugma-Mosaik-Museum in Gaziantep ausgestellt sind. In dieselbe Zeit fällt die gesamte städtische Münzprägung.

Berg oder Hain?

Zurück zur Rückseite unserer Münze. Oben ist ein tetrastyler Tempel in Frontalansicht abgebildet. Im Inneren befindet sich eine sitzende Gestalt, die als Zeus Kataibates, dem „herabgefahrenen Blitzgott“, interpretiert wird. (Butcher 2004, 460). Darunter liegt eine Fläche, die sich nach oben verjüngt und mit rundlichen Körpern in versetzten, auffallend regelmäßigen Reihen gefüllt ist. Links und rechts begleiten sie zwei dicht schräg schraffierte Bänder, unten schließt ein waagerechtes Band ab, das in Rechteckfelder gegliedert ist.

Abb. 3: Visualisierung der möglichen Perspektive auf den peribolos und Tempel
© Tameanko 1999,21

Die eine Lesart versteht das als Aufsicht eines ummauerten Bezirkes (peribolos) vor dem Tempel mit den runden Körpern als Bäumen in einem Hain und umlaufender porticus (BMC Galatia S. lii; MacDonald, Hunter Catalogue 130; Lindgren I, 101). Für sie spricht vor allem die Geometrie. Eine rechteckige Fläche wird, schräg von oben gesehen, zu einem Trapez, und für Felsdarstellungen sind die Reihen aus rundlichen Körpern eigentlich zu ordentlich. Kolonnaden an einem Berghang ergeben nicht recht Sinn. Diese Lesart wurde überzeugend von Marvin Tameanko visualisiert, der sich mit solchen perspektivischen Darstellungen auf antiken Münzen beschäftigte (Abb. 3).

Auch die Interpretation des Kultbildes als Zeus Kataibates ließe sich nach Antonio Manuel de Guadán mit der Idee des heiligen Hains vereinen, der im peribolos ein abaton des Blitzgottes gesehen hat. Ein ummauerter Bezirk auf der Spitze des Berges, in dem ein Hain nach einem Blitzeinschlag ungestört wachsen konnte, könnte die durchgängige Relevanz des Motives für die repräsentative Stadtprägung verständlicher machen.

Die andere Interpretation sieht einen Tempel auf einer Bergspitze mit angedeuteten Bauten am Fuß und stilisierten Treppen/Kolonnaden an den Bergflanken (Donaldson 1859, 129; Price – Trell 1977, 24; ebenso das RPC zu unserem Stück). Butcher hat sie am ausführlichsten begründet und sein Kernargument liegt im Formenvorrat der Münzwerkstätten. Die runden Körper sind die übliche Wiedergabe von Felsen. Wälder und Bäume würden stets anders dargestellt werden, mit erkennbaren Stämmen und Blattwerk (Butcher 2004, 460).

Abb. 4: Flavia Neapolis (Samaria), AE des Macrinus, Rs. Berg Garizim mit zwei Gipfeln, Tempel, Treppe in der Mitte des Hanges und Kolonnade davor (= RPC V.3 online ID 68563)
© Bibliothèque Nationale

Am weitesten trägt vielleicht ein anderes Vergleichsstück: Auf einer Prägung des Macrinus aus Flavia Neapolis steht der Berg außer Frage. Dargestellt ist hier der Mons Garizim mit zwei Gipfeln, davor eine Kolonnade, am Hang eine von Schreinen begleitete Treppe und oben auf der ersten Kuppe ein Tempel in Dreiviertelansicht (Abb. 4). Der Bergkörper selbst besteht aus sehr verdächtigen, rundlichen Elementen, und die Gesamtkomposition erinnert stark an unsere Prägung aus Zeugma.

Die Archäologie liefert den Ort, der zweifellos auf unserer Münze dargestellt ist, jedoch keine eindeutige Bestimmung. Zeugma wird topografisch von einer Anhöhe beherrscht: dem Belkıs Tepe, der die eindrücklichste Landmarke des gesamten Umlandes darstellt. Der Gipfel bildet ein flaches Plateau, auf dem noch die Reste einer Akropolismauer zu erkennen sind. 2008 wurden innerhalb dieser ergrabene Überreste mit einem Tempel und einem peribolos in Verbindung gebracht. Darunter sind Fragmente dreier kolossaler Kultbilder, eine davon eine sitzende männliche Figur. Grabungsleiter Kutalmış Görkay sieht den Bezug zur Münze und interpretiert das Münzbild als eben diesen Tempel auf dem Berg. Besonders, weil er auf der Prägung Antoninus Pius’ (s. o. Abb. 1) einen im Zickzack zum Heiligtum hinaufführenden Prozessionsweg erkennt (Görkay 2022, 339).

Abb. 5: Model von Seleukeia (Zeugma) am Hang des Belkis Tepe und Apameia auf der gegenüberliegenden Euphratseite
© Görkay 20222, fig. 2a

Vielleicht liegt der Fehler in der Frage, denn keine der beiden Lesarten trägt das ganze Bild. Wer den Hain sieht, muss erklären, warum das untere Band wie eine zweigeschossige porticus aussieht, die sich so nicht archäologisch nachweisen lässt. Auch ein heiliger Hain ist weder schriftlich noch durch Grabungen belegt. Wer den Berg sieht, muss erklären, was die Darstellung, die stark an Säulenhallen erinnert, an den Seiten des Hangs zu suchen hat und warum die runden Körper nicht so recht wie Felsen wirken wollen. Auf dieses generelle Problem der Stempelschneider, auf wenig Raum eine den Zeitgenossen eindeutige Botschaft zu vermitteln, hat Gerhard Fuchs hingewiesen: Münzbilder sind keine Bauaufnahmen und ihre Treue zum Befund ein methodisches Problem (Fuchs 1969, 92 f.). Perspektivische Ansichten kommen durchaus auf römischen Münzen vor: vom Kolosseum auf einem Sesterz des Titus bis zum Hafen von Ostia auf einem Sesterz des Trajans (Tameanko 1999, 21 f.).

Der Capricorn der Legio IIII Scythica

Eindeutig ist die Figur im Abschnitt. Der Capricorn, ein Mischwesen aus Steinbock und Fisch, ist das Zeichen der Legio IIII Scythica, die den Flussübergang seit etwa 66/67 n. Chr. sicherte. Marcus Antonius hatte sie um 42 v. Chr. ausgehoben, und der Steinbock als Geburtsgestirn des Augustus gehörte zu den Zeichen dieser und anderer Legionen jener Zeit. In der Region trat die Truppe auch als Bauherrin auf. Sie ist an Steinbrüchen und Brücken der Umgebung belegt, und ihre Ziegelstempel sowie die Grabsteine ihrer Soldaten sind zahlreich vertreten. Aus der Stadt selbst stammt eine wohl trajanische Bauinschrift, die sie am Bau öffentlicher Monumente beteiligt zeigt (Aylward 2013, 11). Stadt und Legionslager waren eng verschränkt, und ein Legionszeichen auf dem Stadtgeld wäre daher keineswegs ein Fremdkörper.

Das Ende

Wenige Jahre nach dieser Prägung erreichte das Heer Shapurs I. den Euphrat. Philipps Frieden hatte nicht gehalten. Die durch den Feldzug von 252 oder 253 n. Chr. ausgelöste beinahe vollständige Zerstörung der Stadt liegt als Brandschicht in Zeugma noch heute als Befund vor. Dieses Schicksal teilen sich Zeugma und eine Vielzahl nordsyrischer Städte, die während der Feldzüge Shapurs I. zerstört wurden, darunter auch das rund 50 km von Zeugma entfernte Doliche, das seit 2015 von der Forschungsstelle Asia Minor der Universität Münster ausgegraben wird.

253 n. Chr. endet in Nordsyrien die städtische Münzprägung. Unsere Münze gehört zu den letzten Stücken, die Zeugma ausgab, und sie trägt ein Bild, das die Stadt hundert Jahre lang als ihr zentrales eigenes verstanden hat. Was darauf zu sehen ist, wusste damals vermutlich jeder, der die Stadt kannte und die Prozessionsstraße zum Gipfel des Berges schon einmal hinaufgegangen war und dort, hoch oben thronend, das Heiligtum im peribolos besuchen konnte.

(Timo Kulartz, Teilnehmer der numismatischen Herbstschule)

 

Weiterführende Literatur

  • W. Aylward, The Rescue Excavations at Zeugma in 2000, in: W. Aylward (Hrsg.), Excavations at Zeugma, conducted by Oxford University I (Los Altos, CA 2013) 1–54
  • K. Butcher, The Mint at Zeugma, in: D. Kennedy (Hrsg.), The Twin Towns of Zeugma on the Euphrates. Rescue Work and Historical Studies (Portsmouth, RI 1998) 233–236
  • K. Butcher, Coinage in Roman Syria (London 2004) 460–465
  • T. L. Donaldson, Architectura Numismatica, or Architectural Medals of Classic Antiquity (London 1859) 129
  • D. Frascone, Zeugma IV. Les monnaies, TMO – Série recherches archéologiques 63 (Lyon 2013) 215–225
  • G. Fuchs, Architekturdarstellungen auf römischen Münzen, Antike Münzen und Geschnittene Steine 1 (Berlin 1969) 92–129
  • K. Görkay, New Piece, New Reconstruction and New Theories: The Athena Statue from Zeugma, in: E. Winter (Hrsg.), Von Kummuh nach Telouch. Neue Funde und Forschungen in Kommagene, Dolichener und Kommagenische Forschungen 3, AMS 64 (Bonn 2011) 417–435
  • K. Görkay, Zeugma / Seleukeia, in: A. Engin – K. Görkay (Hrsg.), Archaeology of Gaziantep from Prehistoric Times to the Late Antiquity (Istanbul 2022) 327–400
  • A. M. de Guadán, El ábaton de Zeus Kataibátes en Zeugma de Commagene, según las representaciones monetarias, Acta Numismàtica 2, 1972, 11–18
  • D. Kennedy, Conclusions: Roman Zeugma, in: D. Kennedy (Hrsg.), The Twin Towns of Zeugma on the Euphrates. Rescue Work and Historical Studies (Portsmouth, RI 1998) 237–244
  • M. J. Price – B. L. Trell, Coins and their Cities. Architecture on the Ancient Coins of Greece, Rome and Palestine (London 1977) 24
  • M. Tameanko, Monumental Coins. Buildings and Structures on Ancient Coinage (Iola, WI 1999) 17–23
  • J. Wagner, Seleukeia am Euphrat / Zeugma, Beihefte zum Tübinger Atlas des Vorderen Orients B 10 (Wiesbaden 1976) 123–128

 

[Abbildungsnachweise: Münze des Monats: Foto Robert Dylka; Abb. 1: Paris, Bibliothèque nationale de France, Département des Monnaies, médailles et antiques. Source gallica.bnf.fr / BnF, https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b84740875; Abb. 2: Karte des Euphrat-Raumes; © Forschungsstelle Asia Minor; Abb. 3: Schema der isometrischen Architekturansicht auf römischen Münzen, nach Tameanko 1999, 21; Abb. 4: Paris, Bibliothèque nationale de France, Département des Monnaies, médailles et antiques. Source gallica.bnf.fr / BnF, https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b84981182; Abb. 5: Stadtplan der Grabung in Zeugma, nach Görkay 2022, 354, Fig. 2a]