Ein Reiter bestehend aus einem Arm und Kopf: Die Münzprägung des keltischen Kroisbacher Typus
Unbestimmte Münzstätte in Österreich oder Westungarn, ca. 150–50 v. Chr.
Tetradrachme des Kroisbacher Typs (Silber, 12,33 g; 24 mm, 12 h)
Vs.:Stilisierter männlicher Kopf n. r., mit einem dreireihigen Perlband im Haar und sehr markanten Gesichtszügen; angedeuteter Perlkreis
Rs.: Pferd galoppiert n. l., darauf ein stilisierter Reiterstumpf (nur ein großer Kopf mit Helm oder schopfartiger Frisur, der linke Arm und eine Art Umhang sind erkennbar)
Nördlich der Alpen, in einer Zone von Frankreich bis Ungarn, siedelte in der jüngeren vorrömischen Eisenzeit (5.-1. Jh. v. Chr.) eine Bevölkerungsgruppe ohne eigene Schriftkultur, welche deshalb fast nur aus archäologischen Bodenfunden erschlossen werden kann. Anhand antiker Schriftquellen der Römer und Griechen lässt sich diese Bevölkerungsgruppe mit den Kelten identifizieren. In den Siedlungsgebieten der Kelten begann die Münzprägung Anfang des 3. Jhs. v. Chr. Anders als in der griechischen und römischen Welt, in der Münzen bereits fest etablierte Teile der Wirtschaft und des Staates waren, lernten die Kelten das Konzept des Münzgeldes erst im 4. und 3. Jh. v. Chr. durch Kontakte bei Wanderungen nach Italien, Griechenland und Kleinasien kennen.
Somit orientierten sich die ersten keltischen Münzen an griechischen Vorbildern, insbesondere an den goldenen Stateren und silbernen Tetradrachmen Philipps II. von Makedonien und seines Sohnes, Alexander des Großen. Im Laufe der Zeit wurden die kopierten Münzbildmotive jedoch zunehmend vereinfacht und verfremdet, so dass schließlich eigene Münztypen entstanden. Die Gestaltung der keltischen Münzen unterscheidet sie deutlich von den oft naturalistischen Darstellungen der klassischen Antike. Der hier vorgestellte Kroisbacher Typ, welcher vermutlich von Mitte des 2. Jhs. v. Chr. bis Anfang des 1. Jhs. v. Chr. geprägt wurde, veranschaulicht die Übernahme von Motiven mediterraner Vorbilder wie Kopfporträts und Reiterdarstellungen, jedoch in eigenständiger, veränderter keltischer Form.
Der Kroisbacher Typ gehört aufgrund seiner Verbreitung (Abb. 2) in den Bereich der ostkeltischen Münzprägung. Sein Fundgebiet umfasst vor allem das mittlere Burgenland und angrenzende Regionen in Westungarn. Benannt ist der Typ nach einem Schatzfund aus dem Jahr 1910 bei Kroisbach (ungarisch Fertörákos) am Neusiedlersee in Ungarn. Ein weiterer wichtiger Fundort ist bei der keltischen Siedlung Nêmcice nad Hanou (Tschechische Republik). Zusätzlich verlief im Burgenland die sogenannte Bernsteinstraße (Abb. 2). Diese diente als Wirtschafts- und Handelsroute und „Kommunikationskorridor“ zwischen weit voneinander entfernten Siedlungen, welche gleiche Münztypen aufweisen und somit im Kontakt standen.
Auf dem Avers ist ein bartloser Kopf n. r. mit dreireihigem Perldiadem abgebildet. Die gesamte Prägung des Kroisbacher Typs wurde, soweit bekannt, mit nur zwei Aversstempeln durchgeführt, die mehrfach umgeschnitten wurden. Der erste Stempel orientierte sich an frühen norischen Prägungen, und mit dem zweiten Aversstempel begann die eigenständige Kroisbacher Typologie. Das Vorbild für den Avers bildete vermutlich ein Apollonkopf mit „griechischem Profil“, der beim Kroisbacher Typ durch Stempelabnutzung und Nachschnitte verändert erscheint. Wie die meisten keltischen Münzen ist auch der Kroisbacher Typ anephigraph (schriftlos), das bedeutet, dass nicht bekannt ist, welche Figur oder Person abgebildet ist. Aufgrund der Ähnlichkeit der Darstellungen ist allerdings zu vermuten, dass Avers und Revers die gleiche Figur zeigen. Prägeherr und Prägestätte sind nicht bekannt.
Zusätzlich zu den markanten Gesichtszügen mit Hakennase zeigt der Kopf ein kleines profiliertes Kreisauge, ein geschwungenes Ohr und einen doppelbogigen Halsansatz. Die Haare sind zu einem kleinen Zopf gebunden. Üblicherweise ist der Kopf im Inneren eines feinen, teilweise ausgeprägten Perlkreises dargestellt, dieser ist bei diesem Exemplar jedoch nur im oberen Teil der linken Seite leicht angedeutet. Dass der Perlkreis nicht vollständig ist, zeigt, dass der Avers schräg gestempelt wurde. Die vorliegende Münze ist in einigen Bereichen deutlich abgenutzt.
Auf dem Revers ist ein kräftiges Pferd n. l. im bewegten Passgang mit einem Reiter abgebildet. Das Pferd trägt ein Zaumzeug, hat eine betonte Brustmuskulatur und an den Beinen doppelkugelige Gelenke sowie dreieckige Hufe. Der Pferdebauch weist feine Strichverzierungen auf und durch Penis und Hoden ist das Pferd eindeutig als Hengst zu identifizieren. Unter dem Schweifansatz befindet sich ein kleiner Punkt (möglicherweise ein Pferdeapfel) und der Schweif selbst ist wellig und buschig gestaltet. Auf dem Rücken des Pferdes sitzt ein Reiter ohne Beine, lediglich der linke angewinkelte Arm in der Seitenansicht ist abgebildet. Darüber befindet sich ein mächtiger Kopf. Die Gestaltung der Haare beziehungsweise der Kopfbedeckung ist schwer zu definieren. Teils ist in der Literatur die Rede von einer turbanartigen Kopfbedeckung oder einem Helm. Oberhalb der Stirn ist jedoch leicht ein Perlkranz zu erkennen, welcher dem Diadem auf dem Avers nahekommt. So könnte es sich bei der „Kopfbedeckung“ um das Haar des Reiters handeln, welches ähnlich wie auf dem Avers eng zu einem Zopf zusammengebunden ist. Ein Kreispunkt schließt Haare / Kopfbedeckung ab. Der Reiter trägt zudem einen flatternden Umhang.
Auf dem Revers fehlt etwas, das sich üblicherweise bei Kroisbacher Münzen finden lässt: Eine tordierte Kette mit Ringabschlüssen (siehe Stopfer 2014, Taf. 20 Rv. Stempel 1 [Ms]), welche sich üblicherweise auf der Standlinie befindet. Die Deutung der Kette ist stark umstritten. Sie wird als Schwertkette, Trense oder sogenannte Fesselkette interpretiert. Solche Fesselketten wurden an den Hufen verwendet, um das Pferd von dem schnellen Weglaufen zu hindern. Beim vorliegenden Exemplar fehlt die Kette vermutlich aufgrund der dezentrierten Prägung.
Das Vorbild des Revers ist vermutlich der „Königsreiter“ der Tetradrachmen Philipps II. von Makedonien, der hier jedoch stark stilisiert ist. Die reduzierte Form der vorliegenden Münze wird als „Reiterstumpf“ bezeichnet und ordnet dieses Münzexemplar der Serie „mit Reiterstumpf“ innerhalb der zwei bekannten Serien der Kroisbacher Prägungen zu. Eine andere Variante des Kroisbacher Typs zeigt auf dem Revers einen naturalistischen Reiter mit Armen und Beinen, sowie die Pseudolegende ΙΛΙΛ (Stopfer 2014, 12 Abb. 5). Diese Serie wird als „Typ Kroisbach mit Philippsreiter“ bezeichnet.
Die Arm- und Beinlosigkeit des Reiters auf unserer Münze lässt sich technisch zwar durch die Abnutzung und Nachbesserungen von Prägestempeln erklären, aber ein Reiter, der nur auf den Kopf reduziert ist, kommt schon bei einer Figuralfibel aus einem frühkeltischen Fürstengrab des 5. Jh. v. Chr. am Glauberg in Hessen vor (Baitinger – Pinsker 2002, 148 Abb. 111). Die Fibel hat die Form eines geflügelten pferdeähnlichen Fabeltiers (vermutlich Pegasus) mit zurückgewandtem Kopf und Hals. Auf der Kruppe des Tieres liegt ein bärtiger Kopf. Der restliche Teil des Reiters fehlt. Isolierte menschliche Köpfe sind eine Besonderheit der frühkeltischen Kunst im 5. Jh. v. Chr. Diesen Köpfen wird eine religiöse oder mythologische Bedeutung zugeschrieben, die heute jedoch nicht mehr bekannt ist (Frey 2002, 202-204). Im 3. Jh. v. Chr. findet sich die Darstellung eines Kopfs als Reiter erstmals auf Kleingoldmünzen (Ziegaus 2010, 9). Anschließend kehrt dieses Motiv im 2./1. Jh. v. Chr. bei den Kroisbacher Münzen in Form des „Reiterstumpfes“ wieder auf. Dies legt nahe, dass es sich um eine Darstellungsweise handelt, welche überregional weitergegeben wurde und möglicherweise über mehrere Jahrhunderte Bestand hatte. Vermutlich hatte diese Darstellung eine besondere Bedeutung in der keltischen Welt.
(Marit Liza Müller, Teilnehmerin der Numismatischen Herbstschule 2025)
Weiterführende Literatur
H. Baitinger / B. Pinsker, Katalog der Glauberg-Funde, in: H. Baitinger (Hrsg.) Das Rätsel der Kelten vom Glauberg (Stuttgart 2002) S. 242-265
G. Dembski, Münzen der Kelten, Sammlungskataloge des kunsthistorischen Museums, 1 (Wien 1998) S. 41. 46. 112
O. H. Frey, Frühe keltische Kunst – Dämonen und Götter, in: H. Baitinger (Hrsg.) Das Rätsel der Kelten vom Glauberg (Stuttgart 2002) S. 186-205
J. Militky, Keltisches Münzwesen in Nordösterreich, in: P. Trebsche (Hrsg.), Keltische Münzstätten und Heiligtümer im Osten Österreichs (ca. 450-15 v. Chr.) (Wien 2020) S. 294-321
M. Nick, Gabe, Opfer, Zahlungsmittel. Strukturen keltischen Münzgebrauchs im westlichen Mitteleuropa 1/2 (Rahden 2006)
K. Pink, Die Münzprägung der Ostkelten und ihrer Nachbarn, hrsg. von R. Göbl 2(Braunschweig 1974)
S. Rieckhoff – J. Biel, Die Kelten in Deutschland (Stuttgart 2001)
C. Tappert, Ein beinloser Reiter auf entfesseltem Pferd, in: A. Lichtenberger u. a. (Hrsg.), Geldstücke. Münzen aus dem archäologischen Museum der Universität Münster (Oppenheim am Rhein 2025) S. 30 f.
P. Will, Die Bronzefibeln. Fibeln aus Grab 1, in: H. Baitinger (Hrsg.), Das Rätsel der Kelten vom Glauberg (Stuttgart 2002) 148 f.
B. Ziegaus, Das Keltische Münzwesen, in: H. Dannheimer – R. Gebhard (Hrsg.), Das keltische Jahrtausend, Prähistorische Staatssammlung München, Ausstellungskataloge 23 (Mainz 1993) S. 220-227
B. Ziegaus, Kelten Geld. Münzen der Kelten und angrenzender nichtgriechischer Völkerschaften, Staatliche Münzsammlung München (München 2010)