Münze(n) des Monats

Die aktuellen Münzen des Monats | März 2026
© Robert Dylka

Goldglänzend und erhaben.
Zwei Elektronprägungen von Hans von Aulock in Münster

Unbestimmte Münzstätte im thrakisch-makedonischen Bereich (?), ca. 560–550 v. Chr.

Zwei Elektron-Münzen: 1/6-Stater (Hekte) (2,52 g; 10 mm) und 1/24-Stater (0,62 g; 7 mm)

Vs.: Unregelmäßig viergeteiltes erhabenes Rechteck mit einer windmühlenflügelartigen Verzierung
Rs.: Unregelmäßig viergeteiltes vertieftes Rechteck (Quadratum incusum)

Inv.-Nr. M 1075 und M 1076 (ex Hans von Aulock)

Vgl. Svoronos 1919, S. 155; Katalog Geldstücke S. 62 Nr. 20 (diese Stücke). Zur Hekte: BMC Ionia Nr. 45; SNG von Aulock Nr. 1777 und 7776 (Ionien, 7./6. Jh. v. Chr.); zum 1/24 Stater: SNG von Aulock Nr. 1778–1779 und 7777; SNG München Heft 22 Nr. 2

 

Handel und Geld gab es lange, bevor die ersten Münzen im Umlauf waren. Doch vereinfachte das Münzgeld, das im 7. Jahrhundert v. Chr. in Kleinasien eingeführt wurde, finanzielle Transaktionen und blieb nicht lange auf die ganz großen Geschäfte beschränkt, sondern reichte mit immer kleiner werdenden Geldwerten in verschiedene (Geld-)Wirtschaftsbereiche hinein. Diese ältesten Münzen waren aus Elektron gefertigt, einer Legierung aus Gold und Silber, die in Kleinasien als Flussgold natürlich vorkam (Herodot 1,93 und 5,101; Strabon 14,4,5 [C 625 f.]). Für die Münzgeldproduktion wurden die Metallanteile jedoch in einem technisch anspruchsvollen Verfahren künstlich aufeinander abgestimmt; je nach Münzherr lassen sich charakteristische Gold-/Silberverhältnisse nachweisen. In jedem Fall war Elektron wertvoll, und die jeweiligen Geldwerte wurden exakt ausgewogen. Ausgehend von einem Stater als Leitnominal wurden Teilstücke bis hin zu einem 1/192-Stater ausgemünzt, die dann so klein sind, dass ihre praktische Verwendung als Zahlungsmittel nur schwer vollstellbar ist. Doch zeugen gerade diese Klein- und Kleinstnominale und der Umfang vieler Emissionen davon, dass bald viele Handelsbereiche monetarisiert waren.

Wir kennen aufwändig verzierte Elektronprägungen mit detaillierten Darstellungen, die als Garantiezeichen des Münzherrn und als Identifikationsfiguren für die ausgebenden Autoritäten wie für den Nutzerkreis galten – im Vergleich dazu wirken unsere beiden Münzen des Monats März sehr einfach und schlicht.

Während die Vorderseiten von Elektronmünzen üblicherweise bildlich gestaltet sind, weisen die Rückseiten mehr oder weniger verzierte Vertiefungen auf, die durch Punzen tief eingeschlagen wurden. Das dadurch entstehende sogenannte Quadratum incusum zieht sich als Gestaltungselement bis in die Silberprägung des 5. Jahrhunderts v. Chr. Die Rückseiten unserer beiden Münzen überraschen daher wenig, die Vorderseiten schon. Denn ihr Schmuck besteht ebenfalls nur aus einem viergeteilten windmühlenflügeligen Viereck (auch als Tetraskeles oder Swastika bezeichnet) – es ist dieselbe Struktur wie auf der Rückseite – nur ist diese Struktur auf der Vorderseite erhaben, wölbt sich also aus dem Münzgrund heraus. Prinzipiell entspricht dieses konvexe/konkave Muster der üblichen Form der Elektronmünzen, bei denen die figürliche Vorderseite erhaben, die Rückseite durch eingeschlagene Punzen vertieft („inkus“) gestaltet ist. Dass jedoch auf Vorder- und Rückseite „dasselbe“ zu sehen ist (wie später bei den sogenannten inkusen Münzen aus den unteritalischen Städten Kroton, Metapont, Poseidonia oder Sybaris), ist ungewöhnlich und spricht für Experimentierfreudigkeit der Stempelschneider.

Unsere beiden Elektronmünzen sind nicht nur in ihrer äußeren Gestaltung auffallend, sondern auch provenienzgeschichtlich interessant, denn sie gehen auf Hans von Aulock (1906–1980) zurück, den bekannten Sammler kleinasiatischer Münzen, der seit den 1940er Jahren als Bankier in der Türkei lebte und dort eine der bedeutendsten Sammlungen kleinasiatischer Münzen aufbaute. Seine Sammlung ist als „SNG von Aulock“ publiziert und gilt nach wie vor als ein Standardreferenzwerk für kleinasiatische Prägungen, wenngleich die Münzen selbst später versteigert wurden und nun in alle Welt zerstreut sind. Der Weg der beiden Stücke nach Münster lief über einen weiteren Kleinasienspezialisten, den Münsteraner Althistoriker Friedrich Karl Dörner (1911–1992), der sie Peter Berghaus (1919-2012) Ende 1958 anbot. Dieser wiederum hatte drei Jahre zuvor die universitäre Münzsammlung begründet (Martin 2025) und sah in Dörners Angebot eine weitere „günstige Gelegenheit“, den bisherigen Bestand um wichtige Referenzstücke zu ergänzen:

„Durch Vermittlung von Herrn Dr. Doerner ist es gelungen, dass Herr H. von Aulock, der bekannte Sammler und Kenner antiker kleinasiatischer Münzen in Istanbul, der Universität zwei griechische Goldmünzen zum Preis von DM 200.- reserviert hat. Es handelt sich um ionische Gepräge noch aus dem 7. Jahrhundert v. Chr., die zu den ältesten Münzen überhaupt gehören und deshalb von hervorragender pädagogischer Bedeutung sind“,

schreibt er in seinem Gesuch um Finanzierung an den Kurator der Universität, der den Betrag unverzüglich bewilligt.

Verortung und Datierung dieser Prägungen fallen schwer, weil der Dekor wenig spezifisch und daher ikonografisch auf keinen bestimmten Münzherrn oder keine Münzlandschaft deutet. Die vergleichsweise einfache Struktur hat zu einer frühen Datierung (noch ins 7. Jahrhundert) und der Herkunft aus Ionien geführt, wie auch Berghaus argumentiert. Gewichtstechnisch lassen sich die Stücke einem reduzierten phokäischen Münzfuß zuordnen, als 1/6- und 1/24-Teilstücke des Staters mit einem Durchschnittsgewicht von 15 g. Ob sie zwangsläufig aus dem ionischen Raum stammen, ist nicht sicher, denn die neue Erfindung des Münzgeldes breitete sich im 6. Jahrhundert v. Chr. über den gesamten Mittelmeerraum aus und der phokäische Standard war weithin geläufig.

Die neuere Literatur (Wartenberg 2018) weist diese Münzen aufgrund eines Hortfundes mit auffallend hohem Anteil von Münzen dieser Gruppe (IGCH 354) dem Thrako-Makedonischen Raum zu, also Nordgriechenland. Doch dass Elektronmünzen bereits weit umliefen, muss bei ihrer Verortung mitbedacht werden. Ein Stück fand sich auch im Artemision von Ephesos, einem für die frühe Elektronprägung wichtigen Grabungsbefund (Kerschner – Konuk 2020, 109 f. Nr. 99). Es handelt sich um einen 1/48-Stater, der jedoch aus einer Schuttschicht stammt, sodass Datierungskriterien nur bedingt greifen. Dennoch geht man inzwischen anhand dieses Fundes von einer jüngeren Datierung unserer Windmühlenflügel-Münzen in die Zeit ca. 560-550 v. Chr. aus. Viel vergleichbares Material solcher Stater-Teilstücke findet sich in Museen und derzeit auch im Handel; doch ist hier die Herkunft in der Regel verunklärt und hilft bei Fragen nach Verortung und Datierung nicht weiter.

Es gibt Stückelungen in den Nominalstufen 1/6, 1/12, 1/24, 1/48 und 1/96 (Wartenberg 2018, 29 f.). Obwohl sonst Gold-/Silberanteile üblicherweise je nach Münzherr oder -serie recht konstant waren, scheinen sie hier zu schwanken, was aufgrund der sehr unterschiedlichen Farben auch für unsere beiden Stücke zu erwarten ist – weitere Metallanalysen, auch unserer Stücke, könnten Aufschluss über interne Strukturen und Organisation der Produktion bringen. Eine Gesamtaufarbeitung dieser scheinbar schlichten und doch ungewöhnlichen Gruppe steht aus, mehrere offene Fragen bleiben. Auch unsere beiden (nur auf den ersten Blick etwas langweiligen) Stücke werden zukünftig noch mehr Informationen über die frühe griechische Geldentwicklung liefern.

(Katharina Martin)

 

Der Schriftwechsel zu dieser Erwerbung ist abgelegt im Universitätsarchiv Münster, Bestand 9 Nr. 1883 (Kurator, Sachakten 4. 6. 1 Philosophisch-historische Fakultät/Archäologisches Seminar Bd. 3, Az. 33.29 Bd. 1–2, 1957–1969)

 

Weiterführende Literatur

  • M. Kerschner – K. Konuk, Electrum coins and their Archaeological Context: The Case of the Artemison of Ephesus, in: P. van Alfen – U. Wartenberg (Hrsg.), White Gold. Studies in Early Electrum Coinage (New York 2020) S. 83-190, bes. 109 f. cat. no. 99 (1/48-Stater aus dieser Gruppe mit ungewöhnlicher Metallzusammensetzung: Au 83.2%; Ag 15.7%; Cu 1.2%)
  • A. Lichtenberger u.a. (Hrsg.), Geldstücke. Münzen im Archäologischen Museum der Universität Münster (Oppenheim 2025) S. 62 f. Kat.-Nr. 20 (K. Martin) (diese beiden Stücke)
  • K. Martin, „Einmalig günstige Gelegenheiten“. Von Apostolo Zeno, Theobald Bieder, Peter Berghaus und der Einrichtung der Münzsammlung an der Universität Münster, in: K. Martin – M. Mulsow – J. Wienand (Hrsg.), Universitäre Münzsammlungen im deutschsprachigen Raum. Geschichte, Gegenwart und Zukunft (Göttingen 2025) bes. S. 604 f. (zu dieser Erwerbung)
  • W. Seipel (Hrsg.), Das Artemision von Ephesos. Heiliger Platz einer Göttin. Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien in Zusammenarbeit mit dem Archäologischen Museum Istanbul und dem Ephesos-Museum Selçuk; Archäologisches Museum Istanbul, 22. Mai bis 22. September 2008 (Wien 2008) S. 238 Kat.-Nr. 293 (S. Karwiese) (zum ephesischen Stück und zur relativen Häufigkeit von Münzen dieser Gruppe)
  • Sylloge Nummorum Graecorum Deutschland. Sammlung Hans von Aulock, Hefte 1-18 (Berlin 1957-1968), Index von P. R. Franke, W. Leschhorn und A. U. Stylow (Berlin 1981)
  • U. Wartenberg, Archaic Electrum Coinage in Thrace and Macedonia in the Sixth Century: The Hoard Evidence, in: O. Tekin (Hrsg.), Proceedings of the second International Congress of Money and Numismatics in the Mediterranean Wort (Istanbul 2018) S. 25-39
  • J. N. Svoronos, L’hellénisme primitif de la Macédoine prouvé par la numismatique et l’or du pangée (Paris – Athen 1919) S. 155 (frühe Verortung dieser Gruppe in den Makedonischen Bereich, er listet verschiedene Nominale auf: Hekte, Hemihekte, 1/24-Stater, 1/48-Stater, 1/96-Stater)

s. dazu verschiedene Stücke in der American Numismatic Society (ANS)