Münze(n) des Monats

Die aktuellen Münzen des Monats | April 2026
Münzen aus dem Hortfund von Buer
© Katharina Martin

Doch kein Aprilscherz: Neues zum Hortfund von Schloss Berge (FMRD VI,4 Nr. 4033)

Am 16. April 1924 konnte man in der „Buerschen Zeitung“ (Nummer 91, zweites Blatt) unter der Überschrift „Wieder ein wichtiger Münzfund in Buer. Römische Münzen bei Haus Berge. Der wahr gewordene Aprilscherz“ lesen:

„Als in unserer Zeitungsnummer vom 1. April in Form eines Aprilscherzes berichtet wurde, daß bei den Ausschachtungsarbeiten auf Haus Berge das Skelett eines römischen Kriegers mit einer vollständigen Kriegsaus­rüstung (Helm, Schwert und Schild) und außerdem ein metallener Behälter mit römi­schen Münzen, angeblich die aus der Teuto­burger Schlacht nach hier gerettete Kriegs­kasse, gefunden worden sei, da merkten un­sere Geschichtskenner gleich, daß es sich um einen Aprilscherz handelte. Denn wie sollten Römer nach Haus Berge gekommen sein, da man nach den bisherigen Forschungsergeb­nissen Römerspuren bei uns nicht vermuten zu können glaubte? Merkwürdigerweise sind nun in den letz­ten Tagen eben auf dem Gelände von Haus Berge Funde gemacht worden, die den Aprilscherz nachträglich beinahe als geschichtliche Wahrheit bestätigen.

An mehreren Tagen hintereinander wurden nämlich bei Erdarbeiten in der Nähe der be­kannten alten Quelleneinfassung im soge­nannten Berger Boskett, am Rande der „Baut“, eine Anzahl Kupfermünzen bloßgelegt, von denen leider nur einige we­nige in berufene Hände gelangt sind. Nach dem sachverständigen Urteil eines auf dem Gebiete der Numismatik (Münzkunde) als Autorität geltenden Mitbürgers handelt es sich zweifellos um Münzen römischen Ur­sprungs. Und zwar tragen diese Münzen, von denen eine vorzüglich erhalten ist, auf der Vorderseite den schön modellierten Kopf des Kaisers Konstantin I. mit der Umschrift CONSTANTINUS P. F. AUG. Die Rückseite zeigt eine ebenfalls trefflich modellierte Darstellung des Sonnengottes mit der Umschrift: SOLI INVICTO COMITI und das Münzzeichen des damalischen römi­schen Kaisersitzes Trier.“ (…)
[Hervorhebungen in fett durch Verf.]

Dieser Münzfund vom April 1924 findet knappe Erwähnungen in verschiedenen lokalhistorischen und fundnumismatischen Publikationen, mit einem Fragezeichen versehen wird er auch in der Reihe „Fundmünzen der Römischen Zeit in Deutschland“ (FMRD) aufgenommen, die Münzen selbst scheinen jedoch verschollen. Der Zeitungskommentar, dass „nur einige we­nige in berufene Hände gelangt“ seien, macht klar, dass bei den Bauarbeiten deutlich mehr Münzen gefunden worden sind, von denen aber die meisten schnell weitergereicht wurden. So ist zu vermuten, dass es sich nicht um einzelne Streufunde, sondern um einen ganzen Hort handelte. Die Art seiner Deponierung lässt sich nicht mehr eruieren, ebenso wenig, wie viele Münzen ursprünglich zu diesem Hort gehört haben und ob die Zusammensetzung tatsächlich so einheitlich war.

***

2021 kommen 570 römerzeitliche Münzen aus dem Besitz der Stadt Gelsenkirchen als Dauerleihgabe ins Archäologische Museum der Universität Münster, zusammen mit einer Inventarliste (Stand 1988). Hier sollen sie in Forschung und Lehre eingebunden, inventarisiert und dokumentiert, d.h. nach aktuellem Forschungsstand aufgearbeitet werden. Die Münzen gehörten einst zum Bestand des Heimatmuseums in Buer (inzwischen eingemeindet und ein Stadtteil von Gelsenkirchen), später des Städtischen Museums Gelsenkirchen. Zur Provenienz erfahren wir aus einer Broschüre, die die Ausstellung „Denar – Sesterz – As. Römische Münzen als Zeugen der Zeitgeschichte“ (6. September – 31. Dezember 1987) begleitete: Demnach geht diese Münzsammlung zurück auf eine Stiftung (Slg. Köster 1921) und einen Ankauf (Slg. Jerrentrupp 1924), „ferner gehört dazu ein angeblicher Hortfund aus den 20er Jahren (11 Kleinmünzen des 4. Jhdt.), der vom Gelände um Schloß Berge stammen soll“. Die mitgelieferte Inventarliste markiert insgesamt acht Münzen mit *** und notiert dazu: „Münzen, die mit *** gekennzeichnet sind, stammen von Schloss Berge“. Dass es sich bei diesen Münzen um Fundstücke aus dem genannten Hort handelt, liegt nahe.

Auch wenn es ursprünglich elf Münzen gewesen sein müssten, die aus diesem Hort ins Museum gekommen sind, nachvollziehbar bleiben nach der Inventarliste von 1988 immerhin acht Stücke. Ein „vorzüglich“ erhaltenes Stück, wie in der Zeitung beschrieben, ist nicht (mehr) darunter. Alle diese markierten Münzen zeigen das Porträt Konstantins des Großen auf der Vorderseite, sieben Münzen auf der Rückseite Sol invictus, den „unbesiegten oder unbesiegbaren Sonnengott“, bei der achten handelt es sich um eine spätere VOTA-Prägung, die das (15.) Herrschaftsjubiläum feiert und das Gelübde für weitere fünf politisch verlässliche Jahre in Aussicht stellt. Anhand der Beizeichen lassen sich die Münzstätten bestimmen, hier ist Trier mit fünf Stücken am häufigsten vertreten, dazu kommen Arelate (Arles), evtl. Londinium (London) sowie eine unklare Münzstätte.

Die Rückseite der Sol invictus-Prägungen zeigt jeweils den nackten Sonnengott mit Strahlenkrone, einen Mantel über der Schulter drapiert, er hält die rechte Hand erhoben und in der linken Hand den Globus; die Ausrichtung – er steht mal frontal, mal leicht zur Seite gedreht – variiert. Die Legende SOLI INVICTO COMITI bezeichnet ihn als göttlichen Begleiter und damit implizit als Siegbringer und Herrschaftsgaranten des Kaisers. Konstantin hatte diesen Münztyp im Jahr 310 n. Chr. eingeführt, als er im Gesamtreich als Augustus anerkannt wurde, und ihn bis zur Münzreform im Jahr 318 n. Chr. massenhaft ausgegeben (Wienand 2015, 182-190). Insgesamt passen diese Beobachtungen gut zu den Informationen aus dem Zeitungsbericht von 1924. Ob auch die spätere VOTA-Prägung tatsächlich zu dem sonst einheitlichen Konvolut gehörte, ist fraglich; wir müssen uns hier auf die Angabe der Inventarliste verlassen.

Wer der ungenannte „auf dem Gebiete der Numismatik (Münzkunde) als Autorität geltende Mitbürger“ war, der so schnell eine profunde Bestimmung geliefert hat, bleibt geheimnisvoll. Es besteht die Möglichkeit, dass es sich um Hermann Jerrentrupp († 1941) handelt, einen Steuerinspektor aus Buer, später Gelsenkirchener Katasterdirektor, der selbst Münzen sammelte, sich auf Römer spezialisiert hatte und noch im selben Jahr seine Sammlung dem Heimatmuseum Buer verkaufte. Von 1920 bis zu seinem Tod 1941 war er Mitglied der „Münzfreunde für Westfalen und Nachbargebiete e.V.“; in den Akten des Vereinsarchivs finden sich Hinweise, die man dahingehend deuten könnte, dass er sich um die Buerschen Münzfunde bemüht hatte, da er sich u.a. auch für Fundmünzen und deren Reinigung interessierte, – doch das bleibt (zunächst) spekulativ. Weiteres Aktenstudium mag mehr Aufschluss bringen. Immerhin lassen sich aber ein paar der im Zeitungsbericht genannten und in der Literatur „herumgeisternden“ Münzen nun in Münster – im wahrsten Sinne – konkret fassen und stehen der Fachwelt für weitere Auswertung über das Digitale Münzkabinett zur Verfügung.

(Katharina Martin)

 

Ein Eintrag zu FMRD VI,4 Nr. 4033 „Schatzfund (?) II“ fehlt in der AFE-Datenbank unter dem Suchbegriff „Gelsenkirchen“ (https://afe.dainst.org/place?afeid=1107), ist aber im Portal „Coin Hoard of the Roman Empire“ unter https://chre.ashmus.ox.ac.uk/hoard/17108 aufgeführt.

 

Die Münzen finden Sie in unserer Datenbank unter folgenden Links

https://archaeologie.uni-muenster.de/ikmk/object?id=ID4502 (Inv. GE.53.10)

https://archaeologie.uni-muenster.de/ikmk/object?id=ID4503 (Inv. GE.53.18)

https://archaeologie.uni-muenster.de/ikmk/object?id=ID4504 (Inv. GE.53.20)

https://archaeologie.uni-muenster.de/ikmk/object?id=ID4505 (Inv. GE.53.24)

https://archaeologie.uni-muenster.de/ikmk/object?id=ID4506 (Inv. GE.53.21)

https://archaeologie.uni-muenster.de/ikmk/object?id=ID4507 (Inv. GE.53.25)

https://archaeologie.uni-muenster.de/ikmk/object?id=ID4508 (Inv. GE.53.26)

https://archaeologie.uni-muenster.de/ikmk/object?id=ID4509 (Inv. GE.53.27)

 

Zeitungsinformationen

nach https://zeitpunkt.nrw/

 

Archivmaterial

aus dem Stadtarchiv Gelsenkirchen
und dem Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen

 

Weiterführende Literatur

  • K. Ehling – G. Weber, Konstantin der Große. Zwischen Sol und Christus, Zabern Bildbände (Mainz 2011)
  • Die Fundmünzen der römischen Zeit in Deutschland. Abteilung VI Nordrhein-Westfalen, Bd. 4 Münster, bearb. von B. Korzus (= FMRD VI,4) (Berlin 1971) S. 42 Nr. 4033
  • P. Hardetert, Denar – Sesterz – As. Römische Münzen als Zeugen der Zeitgeschichte“. Ausstellung im Städtischen Museum Gelsenkirchen vom 6. September – 31. Dezember 1987 (Gelsenkirchen 1987) S. 13 zur „Geschichte der Sammlung des Städtischen Museums“
  • F. Langewiesche – A. Wormstall, Nachträge zur römischen und frühmittelalterlichen Münzstatistik für Westfalen und seine Nachbarländer, in: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission 21, 1931, S. 181, s. unter  https://doi.org/10.11588/berrgk.1933.0.34371
  • J. Wienand, Der Kaiser als Sieger. Metamorphosen triumphaler Herrschaft unter Constantin I., Klio Beih. N.F. 19 (Berlin 2012) bes. S. 182-193 und 274-280

 

Dank geht an Aurelius Pöppelkamp und Jaimie Lee Rabe, die im Rahmen ihrer Praktika u.a. durch Münzbestimmung und Objektfotografie an der Aufarbeitung dieser Münzen mitgewirkt haben.