
Der gelbe Rebell: Kufa 815
Dirham (AR), Kufa 199/815, 2,90g, 24mm, 3h
|
Avers Feld: lā ilāha illā lLāhu waḥdahū lā šarīka lahū Avers Rand: bi-smi lLāh: ḍuriba hāḏā d-dirham bi-l-Kūfa sanata tisʿ wa-tisʿīn wa-miʾa |
Avers Feld: Es gibt keinen Gott außer Gott als Einzigem, er hat keinen Teilhaber. Avers Rand: Im Namen Gottes: Dieser Dirham wurde geprägt in Kufa im Jahre 199 |
|
Revers Feld: fāṭimī Muḥammadun rasūlu lLāh al-Aṣfar Revers Rand: Koran Q 61/4: inna lLāha yuḥibbu l-laḏīna yuqātilūna fī sabīlihī ṣaffan kaʾannahum bunyānun marṣūṣ |
Revers Feld: Fatimide. Muḥammad ist der Gesandte Gottes. al-Aṣfar „der Gelbe“ Revers Rand: Koran Q 61/4: Gott liebt diejenigen, die auf seinem Wege in einer Schlachtreihe kämpfen, als wären sie ein festgefügter Bau. |
Der Dichter Manṣūr an-Namarī (st. 190/805) pries den Kalifen Hārūn ar-Rašīd (r. 170-193/786-809) mit folgenden Worten:
وما لِآل عليٍّ في إمارتكم حقٌّ وما لهمُ في إرثكُمْ طَمَعُ
العَمُّ أوْلَى من ٱبن العمِّ فٱستمعوا قول النصيح فإنَّ الحقَّ يُستمَعُ
ʿAlīs Haus: Die Herrschaft euch zu nehmen hat’s kein Recht, und
sie zu erben spürt es keinerlei Begehrlichkeit.
Größer als das Recht des Neffen ist des Onkels Anspruch!
Hört auf diese rechte Ansicht, Leute weit und breit!
Doch so einfach war die Sache nicht. Zwar hatten sich die Abbasiden, die von Muhammads Onkel al-ʿAbbās abstammten, seit 750 als herrschende Dynastie durchgesetzt, aber die šīʿat ʿAlī „Partei Alis“ hatte ihre Machtansprüche keineswegs aufgegeben. Die Schia ist ja bis heute lebendig. Nach Ansicht der Schiiten gebührt die Herrschaft den Nachkommen ʿAlīs, des Neffen des Propheten, vor allem denjenigen Nachkommen, die auf seine Ehe mit der Prophetentochter Fatima zurückgingen. Und noch eine weitere Baustelle hinterließ Hārūn: Sein zunächst als Nachfolger bestimmter Sohn al-Maʾmūn wurde auf Drängen seiner (auch numismatisch in Erscheinung getretenen) Ehefrau Zubayda zugunsten ihres eigenen Sohnes al-Amīn hintangestellt und mit der Verwaltung der östlichen Reichsteile abgefunden. Dies konnte nicht gutgehen und endete schließlich im schlimmsten Bürgerkrieg des Abbasidenreichs, der 198/813 zu Gunsten al-Maʾmūns entschieden wurde.
Aber Probleme blieben. Westlich Irans war die Anerkennung al-Maʾmūns nicht allgemein, und die Sympathien für die Aliden waren nach wie vor stark, allen voran in der Stadt Kufa, in deren Nähe das Grab ʿAlīs bis heute verehrt wird. Der Bürgerkrieg wiederum hatte Truppen ohne Führung zurückgelassen. Einer dieser nun stellungslosen Offiziere war Abū s-Sarāyā as-Sarī ibn Manṣūr aš-Šaybānī, der jetzt auf eigene Faust Krieg führte. In dieser Situation schien ihm eine Revolte bessere Zukunftsaussichten zu bieten, und er tat sich mit einem gewissen Ibn Ṭabāṭabā zusammen, der der zayditischen Blutline der Schia angehörte, also Nachkomme des Sohns von ʿAlī und der Prophetentochter Fāṭima war, und sich als Kalifatsprätendent zur Verfügung stellte. Nach dessen ungeklärtem Tod wurde er durch einen noch nicht volljährigen Jüngling namens Muḥammad ibn Muḥammad ibn Zayd ersetzt, der aber ganz im Hintergrund blieb. Treibende Kraft war immer Abū s-Sarāyā, und er war erstaunlich erfolgreich. Die pro-alidische Propaganda verfing, und es gelang Abū s-Sarāyā rasch, Kufa zu erobern und seine Herrschaft über weitere Orte im Irak auszudehnen. Er ernannte Gouverneure für noch nicht eroberte Landesteile, und auch diese hatten überraschenden Erfolg und brachten sogar die heiligen Städte Mekka und Medina unter ihre Herrschaft. Um ein weniges, und die islamische Geschichte wäre ganz anders weitergegangen! Erst als die rivalisierenden Befehlshaber der Abbasiden endlich gemeinsam gegen Abū s-Sarāyā vorgingen, gelang ihnen der Sieg. Am 10. Rabīʿ I 200/18. Oktober 815 wurde der Rebell in Bagdad (das einzunehmen seinen Leuten nie geglückt war) enthauptet.
Sein auf einer Brücke zweigeteilt zur Schau gestellter Leichnam ist längst vermodert, aber seine Münze überdauerte und gibt bis heute ein Zeugnis seiner kühnen Rebellion. Die Vorderseite ist unspektakulär. Sie nennt Prägeort (al-Kūfa) und Prägejahr (199) und unterscheidet sich sonst in nichts von abbasidischen Münzen. Umso mehr tut dies die Rückseite. Die Randlegende ist nichts weniger als spektakulär. Seit der Münzreform ʿAbdalmaliks 78/697 war hier immer der Koranvers Q 9:33 gestanden, egal, welche Dynastie regierte. Jetzt wurde er durch den aufrührerischen Vers Q 61:4 ersetzt. Statt „Mohammed ist der Gesandte Gottes. Er sandte ihn mit der Rechtleitung und der wahren Gottesverehrung, damit er sie triumphieren lasse über jede andere Gottesverehrung, auch wenn dies den Mehrgottverehrern zuwider ist“ las man nun: „Gott liebt diejenigen, die auf seinem Wege in einer Schlachtreihe kämpfen, als wären sie ein festgefügter Bau.“ Dieser Traditionsbruch war so aufsehenerregend, dass er sogar bei arabischen Historikern erwähnt wird, die sich ansonsten so gut wie nie für Münzen interessiert haben (z.B. aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ 8:530).
Ebenso auffällig sind die Hinzufügungen mitten im Feld in vergleichsweise großer und gut lesbarer Schrift. Oberhalb der üblichen Prophetenformel steht Fāṭimī „ein Fatimide“. Dieser Fatimide ist der Thronprätendent, dessen Stammbaum sich auf ʿAlī und Fāṭima zurückführen ließ. Es ist dies eine der frühesten Verwendungen des Wortes „Fāṭimī“ in einem solchen politisch-religiösen Kontext. Heute denkt man bei den Fatimiden vor allem an die aus Nordafrika stammende und später lange Ägypten regierende ismailitische Dynastie, die ebenfalls eine Abstammung von Fatima reklamierte, aber mit diesem „Fāṭimī“ nichts weiter zu tun hatte.
Das Wort „Fatimide“ ist auf der Münze eindeutig ohne Artikel al- geschrieben, wird aber in der Sekundärliteratur (und schon bei den alten arabischen Historikern) immer als al-Fāṭimī „der Fatimide“ verlesen. Auf der Münze ist es aber indeterminiert, der Fatimide bleibt unbestimmt. Das entspricht der Parole der Aufständischen, die yā Fāṭimī yā manṣūr „oh Fatimide, oh Sieger“ lautete (al-Iṣfahānī: Maqātil, S. 433), wobei das Wort manṣūr nicht nur „einer, dem Gott zum Sieg verholfen hat“ bedeutet, sondern passenderweise auch noch der Name des Vaters von Abū s-Sarāyā ibn Manṣūr ist. Das indeterminierte Wort Fāṭimī signalisiert mithin einerseits die schiitische Sache, rückt aber gleichzeitig den Kandidaten für das Kalifat in den Hintergrund (der ja schon einmal ausgetauscht worden war).
Das ebenfalls deutlich lesbare Wort unterhalb der Prophetenformel lautet al-Aṣfar „der Gelbe“ und ist, anders als Fāṭimī, mit dem bestimmten Artikel al- versehen. Dieser eindeutig determinierte „Gelbe“ ist kein anderer als Abū s-Sarāyā, der sich dieses Beiwort selbst beigelegt hat. Auch das Banner der Rebellen war gelb. Wie Maribel Fierro gezeigt hat, war Abū s-Sarāyā nicht der erste Aufständische, der sich mit dieser Farbe gekennzeichnet hat.
Auch wenn die Münzen al-Maʾmūns vor seiner kurz darauf begonnenen Münzreform (die eventuell neben dem Bürgerkrieg durch das Erlebnis des Abū s-Sarāyā-Aufstands mitverursacht gewesen sein könnte) oft die Namen diverser Wesire, Generale und Gouverneure aufweisen, sticht doch diese al-Aṣfar-Münze deutlich heraus. Die heutigen Islamhistoriker sind allerdings oft auch nicht stärker numismatisch engagiert und kümmern sich wenig um die numismatische Fachliteratur. Von der Fehllesung von al-Fāṭimī mit Artikel war schon die Rede. Überraschend ist aber auch, wenn im jüngsten Enzyklopädieartikel über Abū s-Sarāyā die Münze zwar erwähnt wird, doch dann ein Artikel aus dem Jahr 1869 als Beleg dafür genannt wird, dass „mindestens ein Exemplar“ dieser Münze erhalten ist. Neben der hier gezeigten, bislang unkatalogisierten Münze sind aber noch rund ein weiteres Dutzend Exemplare nachgewiesen, wenn auch nur zum Teil publiziert. Für Sammler bleibt die Münze dennoch eine gesuchte Rarität, aber wenn man bedenkt, dass sie nur an einem einzigen Ort innerhalb weniger Monate geprägt worden war und die Behörden nach Scheitern der Revolte ein Interesse am Verschwinden der Münze gehabt haben müssen, sind bemerkenswert viele Exemplare erhalten. Mehr noch: Die Münzen, von denen Abbildungen existieren, zeigen, dass sie mit verschiedenen Stempeln geprägt wurden. Abū s-Sarāyā muss also diese Münze bewusst und nachdrücklich als Propagandainstrument eingesetzt haben und dafür gesorgt haben, dass in der seit einiger Zeit eher unbedeutenden Münzstätte Kufa eine große Anzahl in kurzer Zeit ausgegeben worden ist. Genutzt hat es am Ende aber nichts. Vielleicht hätte die Revolte mit einem sichtbareren und charismatischeren Thronanwärter mehr Aussicht auf Erfolg gehabt.
(Thomas Bauer)
Weiterführende Literatur
- Encyclopedia of Islam: Abū l-Sarāyā, in: EI2 1:149b-150a (H.A.R. Gibb); al-Aṣfar, in: EI Three 2007-1, S. 170 (Maribel Fierro); Abū l-Sarāyā, in: EI Three 2011-4, S. 10-11 (John P. Turner)
- Abū l-Faraǧ al-Iṣfahānī: Maqātil aṭ-Ṭālibiyyīn. Hrsg. as-Sayyid Aḥmad Ṣaqr. 3(Beirut 1419/1998) S. 424-453
- M. Fierro, Al-Aṣfar, Studia Islamica 77, 1993, S. 169-181
- M. Fierro, On al-Fāṭimī and al-Fāṭimiyyūn, Jerusalem Studies in Arabic and Islam 20, 1996, S. 130-161
- Muḥammad ibn Ǧarīr aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ aṭ-Ṭabarī (Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk) VIII, hrsg. von Muḥammad Abū l-Faḍl Ibrāhīm 2(Kairo 1976) S. 528-533
Anmerkungen:
- Das Zitat der Verse Manṣūr an-Namarīs nach aṭ-Ṭayyib al-ʿAššāš: Šiʿr Manṣūr an-Namarī. Damaskus 1401/1981, S. 103, Vers 68 und 70.
- Weitere Nachweise der Münze: George C. Miles: Rare Islamic Coins. New York 1950, S. 69-70 Nr. 253; N. Lowick, Early Abbasid Coinage. A Type Corpus (Unpubliziertes Typoskript London 1996) Nr. 1137-1138; ZENO.RU - Oriental Coins Database: https://www.zeno.ru/showgallery.php?cat=3035 (6.10.2025); CNG, Islamic Auction 11, 23.10.2025, Los 54 (derselbe Stempel wie diese Münze).
