
Arethusa – das Gesicht Siziliens
Dekadrachme des Euainetos (AR, 43,01 g / 34,4 mm / 4 h)
Syrakus (Sizilien), ca. 400-370 v. Chr.
Vs. Quadriga im Galopp n. l. Der Wagenlenker wird von einer n. r. fliegenden Nike bekränzt. Im Abschnitt befinden sich Waffen: ein Panzer zwischen zwei Beinschienen, r. ein Helm
Rs. [ΣΥΡΑΚΟΣΙΩΝ]. Kopf der Arethusa n. l. mit Schilf bekränzt und links i. F. unter dem Kinn ein Punkt; gerahmt von vier Delfinen
Münzsammlung des Archäologischen Museums der Universität Münster, Inv.-Nr. M 9308 (ex Slg. Twiehaus)
Lit. Gallatin 1930, 37 R. XXI / J. III; Elsbroek 2025, 54 f. Nr. 16 (dieses Stück)

Derzeit läuft im Archäologischen Museum der Universität Münster die Ausstellung „Sizilien – Insel der Arethusa“: Namegeberin und roter Faden ist Arethusa, die Quellnymphe von Syrakus. Ihr Gesicht auf einer Dekadrachme aus der Hand des Stempelschneiders Euainetos ziert Plakat (Abb. 1) und Fensterfront und soll Besucherinnen und Besucher ansprechen und ins Museum locken.
Die Geschichte der Nymphe, die zum Sinnbild zunächst syrakusanischer, später (ganz-)sizilischer Münzprägung wird, wird von den antiken Autoren romantisiert erzählt: Im Gefolge der Göttin Artemis lebt Arethusa auf der Peloponnes in Griechenland. Dort wird sie vom Flussgott Alpheios entdeckt, der ihr sogleich nachstellt. Wenngleich Artemis sich schützend vor ihre jungfräuliche Gefährtin stellt und sie schließlich in eine Quelle verwandelt, kann Arethusa dem Flussgott letztlich nicht entgehen. Auch er verwandelt sich zurück in sein Element, die beiden Gewässer verbinden sich und versickern gemeinsam in der Erde, um schließlich auf Sizilien, in Orthygia, der Halbinsel vor Syrakus, wieder an die Oberfläche zu treten. Besonders ausführlich schildert Ovid in seinen Metamorphosen (5,572-642) die Geschichte um Liebe und Leidenschaft (und um Lüsternheit und Vergewaltigung gleichermaßen).
Die für das Alltagsleben und die Wirtschaft der Stadt Syrakus so wichtige Süßwasserquelle, die direkt am Meer liegt und bis heute touristische Sehenswürdigkeit ist, wird von den antiken Zeitgenossen als lokales identitätsstiftendes Element erkannt und ins Bild gesetzt: Seit dem späten 6. Jh. v. Chr. ziert der Kopf der Nymphe die Rückseite der städtischen Silberprägungen; dabei wird das Gesicht immer wieder variiert und an den Zeitstil angepasst, Schmuckstücke und besonders die Frisur bieten dabei viel Gestaltungsspielraum. Wir finden sie auf Tetradrachmen, dem Leitnominal der klassischen Zeit, ebenso auf kleineren Nominalen und im Kleinsilber. Auch die nur selten ausgegebenen Dekadrachmen zeigen sie.
Ungewöhnlich erscheint uns heute die Position des Kopfes auf der Rückseite, ist doch die „Kopfseite“ üblicherweise die Vorderseite und zeigt die (göttliche) Identifikationsfigur des Münzherrn, der als Garant für den Wert des Geldes bürgt. Syrakus startet seine Silberprägung stattdessen mit einem Wagengespann auf der Vorderseite, das für die pferdesportbegeisterte städtische Elite steht und deren Siege als Ausdruck aristokratischer Lebenshaltung feiert. Hier übernimmt ein weltliches Motiv die Position, die eigentlich einer Gottheit gehört. Arethusa selbst ist zunächst nur ganz klein als Zentralbild inmitten des in archaischer Zeit geläufigen Quadratum incusum zu sehen (z.B. M 9050), und wird erst zum Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. über mehrere Serien hinweg zur zentralen Repräsentantin aufgebaut.
Die Arethusa-Münzen bieten vielerlei Anknüpfungspunkte an die einzelnen Themen der Ausstellung: Eine zentrale Rolle spielt das Thema Wasser auf Sizilien, was sich in der numismatischen Bildsprache der Mittelmeerinsel nicht nur mit der Quellnymphe in Syrakus bemerkbar macht. Viele andere Städte übernehmen ihr Bild und deuten es auf ihre eigene naturräumliche Lage und lokale Quellen um; andere Orte instrumentalisieren ihre gewaltigen und fruchtbarkeitspendenden Flüsse. Als Nymphe führt Arethusa ein in die vielfältige griechische Götterwelt, bringt uns zu lokalen Kulten und Mythen. Die Rahmung durch die Delfine geleitet uns in die Welt der Tiere und Parasema (lokale Wappen oder Identitätsmarker), und ihre Vorderseite mit dem siegreichen Wagengespann und den Waffen im Abschnitt weist in die reale Welt, in den gesellschaftspolitisch wichtigen Bereich von Wettkampf und Militär. Und nicht zuletzt gelangen wir über Arethusa auch in den Bereich von Falschgeld und Fälschungen, denn seit Jahrhunderten werden besonders Arethusamünzen für unterschiedliche Zielgruppen und Geldbeutel in den verschiedensten Qualitätsstufen gefälscht.
Eine der vielen Besonderheiten der sizilischen Münzprägung ist, dass einige Serien Künstlersignaturen aufweisen. D.h. einige der Stempelschneider verstehen sich selbst nicht nur als ausführende Handwerker, sondern als Künstler, die eigene Gestaltungsformen entwickeln und die sowohl die Bewegung der Quadriga als auch das Gesicht der Arethusa zu ausdrucksstarker Perfektion bringen. Zu den bekanntesten Stempelschneidern in Syrakus gehören Kimon und Euainetos. Auch wenn auf unserer Dekadrachme kein Name lesbar ist, lässt sie sich der Handschrift des Euainetos zuweisen, sie stammt aus einer späten unsignierten Serie. Wir kennen Euainetos als signierenden Künstler, der nicht nur in Syrakus, sondern auch in anderen sizilischen Städten gearbeitet hat; auch aus Katane und Kamarina sind Münzen mit seinen Namen überliefert. Über ihn als Person wissen wir nichts, außer dass er unter dem Tyrannen Dionysios tätig war, der 405-367 v. Chr. über Syrakus herrschte. Euainetos’ Schaffenszeit wird daher in die Zeit ca. 405-370 v. Chr. angesetzt; seine unsignierten syrakusanischen Dekadrachmen – und damit auch unsere Münze des Monats – stammen aus der Spätzeit seiner Arbeitsperiode, sie reichen wohl bis in die 370er Jahre und zeugen von der Kunstfertigkeit sizilischer Handwerker.
(Katharina Martin)
Weiterführende Literatur
- A. Berthold, Entwurf und Ausführung in den artes minores: Münz- und Gemmenkünstler des 6.–4. Jahrhunderts v. Chr. (Hamburg 2013), S. 179-225 (allgemein zu den Stempelschneidern auf Sizilien) und S. 190-192 (konkret zu Euainetos)
- C. Arnold Biucchi, Syracusan dekadrachms revisited, Numismatische Zeitschrift 116/117 (FS Günther Dembski), 2008, S. 13-28
- E. Boehringer, Die Münzen von Syrakus (Berlin – Leipzig 1929)
- N. Elsbroek, Verzaubert von Arethusa – die hohe Kunst der Stempelschneider auf Dekadrachmen, in: A. Lichtenberger et al. (Hrsg.), Geldstücke. Münzen im Archäologischen Museum der Universität Münster (Oppenheim am Rhein 2025) 54 f. Nr. 16 (dieses Stück)
- W. Fischer-Bossert, ΑΘΛΑ, Archäologischer Anzeiger 1992, S. 39-60
- A. Gallatin, Syracusan Dekadrachmes of the Euainetos type (Cambridge 1930) 37 R. XXI / J. III
- Künstlerlexikon der Antike I, hrsg. von R. Vollkommer (München – Leipzig 2001, ND Berlin 2019) S. 217 f. s. v. Euainetos (A. Furtwängler)
- K. Liegle, Euainetos. Eine Werkfolge nach Originalen des Staatlichen Münzkabinetts zu Berlin, Berliner Winckelmann-Programm 101 (Berlin 1941)
- Myth and Coinage. Representation, symbolisms and interpretations from the Greek mythology (Athen 2011) S. 150-155 (“Nymphs”)
Geschichten um den Arethusa-Mythos überliefern folgende antike Autoren, meist liegt die Betonung auf der Verbindung zwischen dem Fluss Alpheios und Sizilien
- Moschos, Idyll 6 idealisiert die romantische Verbindung der Gewässer (“he brings Arethusa the water that makes the wild olives grow”) und spricht von “Love, hath even taught a river how to dive” (engl. Übers. von J. M. Edmonds)
- Pausanias 5,7,2-3 betrachtet den Arethusa-Mythos im Kontext seiner Beschreibung Griechenlands und legt den Schwerpunkt auf Alpheios
- Ausführlich schildert Ovid (43 v. – 17/18 n. Chr), Metamorphosen 5,494-501 und 5,572-642 den Mythos um die Verbindung und Verwandlung von Arethusa und Alpheios. Eine kurze Erwähnung findet sich bei Ovid, amores 3,6,29-30.
- Diodor 5,3,5 berichtet nur kurz von der Arethusa-Quelle in Ortygia, die (wie die Stadt Syrakus) der Artemis heilig sei
- Vergil, Aeneis 3,694-696 berichtet knapp von der Verbindung des Alpheios nach Griechanland („der Sage nach strömt Alpheus, der Fluss aus Elis, verborgenen Laufs unterm Meer hierher und ergießt sich jetzt, Arethusa, aus deinem Mund in Siziliens Wogen“, Übers. von J. Götte)
