November 2017
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Münze des Monats

Notgeldschein zu 5 Millionen Mark, hg. vom Magistrat der Stadt Münster (Westfalen) am 11. August 1923
© Stadtmuseum Münster, A. Reimer

Ein Notgeldschein der Stadt Münster mit dem Fingerabdruck des Bürgermeisters


Notgeldschein zu 5 Millionen Mark, hg. vom Magistrat der Stadt Münster (Westfalen) am 11. August 1923, gültig bis zum 1. Oktober 1923, mit der mitgedruckten Unterschrift des Oberbürgermeisters Dr. Georg Sperlich (1877–1941) und des Bürgermeisters Wilhelm Kiwit (1883–1959)
schwarzer Druck auf weiß/gelblichem Wasserzeichenpapier über einem violetten Unterdruck mit dem von zwei Löwen gehaltenen Stadtwappen von Münster, oben mit einem Teilabdruck eines Prägetrockenstempels (STADT MÜNSTER und Wappen, Dm 25 mm) und unten dem originalen Fingerabdruck des Bürgermeisters Wilhelm Kiwit mit grüner Stempelfarbe, Maße 10,0 x 15,2 cm
Serie C mit aufgedruckter roter Kontrollnummer (No 8821), Rückseite unbedruckt
Entwurf: Architekt Heinrich Benteler (1892–1975), Münster
Druck: Westfälische Vereinsdruckerei Münster, Königstraße
Auflage: 9.000 Stück
Stadtmuseum Münster, Inv. Nr. MZ-PG-00099
Literatur: Döll S. 33; Topp Nr. 648.7; Thier S. 210.

© Stadtmuseum Münster, A. Reimer

Dieser Notgeldschein stellt innerhalb der in der Kriegs- und Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs (1914–1918) und der anschließenden Wirtschaftskriese mit einer „galoppierenden“ Inflation im Jahr 1923 herausgegebenen Ersatzwährungen eine kuriose Besonderheit dar: Er wurde als Kennzeichen für die Echtheit und als Fälschungsschutz mit einem „Daumenabdruck“ versehen (s. u. Abb. Detail). In Zeiten von angeblich fälschungssicheren „Hightech-Banknoten“ heute ein Grund, sich diesem Phänomen zu widmen und sich auf die Suche nach den historischen Ursachen für die Herausgabe dieses Geldscheins 1923 zu begeben. Sie führen fast ein Jahrzehnt weiter zurück:
Das Deutsche Reich war im Jahr 1914 einer der wirtschaftlich stärksten Staaten in Europa. Das Volumen der umlaufenden Zahlungsmittel betrug fast 6 Milliarden Mark. Die Verpflichtung der Reichsbank, jederzeit Banknoten in Goldmünzen umzutauschen, wurde, bedingt durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges am 1. August 1914, bereits durch ein neues Gesetz am 4. August aufgehoben. Im Bankgesetz war ursprünglich festgeschrieben, dass ein Drittel des Bargeldes durch Golddeckung gesichert sein musste.
Unmittelbar nach Kriegsbeginn kam es dann sehr schnell, unter anderem zur Finanzierung der enormen Kriegskosten und für Soldzahlungen, zu einer verstärkten Ausgabe von Banknoten ohne die erforderliche Golddeckung. Nach dem verlorenen Krieg 1918 wurden im Versailler Vertrag enorme Reparationszahlungen an die Siegermächte festgelegt, die über 42 Jahre, beginnend im Mai 1921, bis 1963 erfolgen sollten.
Insgesamt betrug die festgelegte Summe 132 Milliarden Goldmark, zahlbar in Devisen. Der stetig steigende Dollarkurs erhöhte daher die Kosten, die jährlich aufzuwenden waren. Das Deutsche Reich musste bereits 1921 enorme Kredite aufnehmen, um die erste Zahlung in Höhe von 1 Milliarde Goldmark erfüllen zu können.
Der Banknotenumlauf wuchs daraufhin unaufhaltsam, die Preise und Löhne stieg von Woche zu Woche. Die Reparationszahlungen wurden zwar teilweise gestundet, aber nicht aufgehoben. Zur Deckung wurden immer mehr Banknoten verausgabt, und die Zwangslage, unbedingt Devisen beschaffen zu müssen, trieb den Dollarkurs weiter nach oben. Eine unaufhaltsame Spirale hatte sich in Gang gesetzt. Der wertbeständigen „Goldmark“ auf der einen Seite standen nun unendliche Mengen immer wertloser werdender, nicht gedeckter „Papiermark“ gegenüber.
Die Banknoten verloren innerhalb kürzester Zeit ihren Wert. Kostete etwa ein Liter Milch 1914 noch 23 Pfennig, waren es 1920 schon 1,10 bis 1,50 Mark, 1922 dann 4,80 bis 38 Mark und im Februar 1923 bereits 360 Mark. Im September stieg der Preis je Liter auf etwa 8 Millionen Mark, im Oktober auf 200 Millionen Mark. Seit Beginn des Jahres 1923 vertraute die Bevölkerung immer mehr auf Devisen, und der Dollar war die eigentliche Währung im Deutschen Reich.
Das Geld wurde körbeweise transportiert, mit Geldscheinen vollbepackte Autos pendelten zwischen den Betrieben und der Landesbank hin und her. Die Lohnzahlungen erfolgten nicht mehr wöchentlich, sondern täglich. Die Druckmaschinen kamen mit der Produktion der Banknoten kaum nach.
In Münster wurde am 13. August 1923 durch den Magistrat der Stadt der Beschluss gefasst, eigene Notgeldscheine herstellen zu lassen, da unter anderem die Gehaltszahlungen der städtischen Mitarbeiter gefährdet waren. Zunächst war eine Ausgabe im Gesamtbetrag von 100 Milliarden Mark geplant in Scheinen zu 500.000 Mark sowie 1, 3 und 5 Millionen Mark. Es folgten allerdings zahlreiche Auflagen, zusammen wurden schließlich, obwohl eigentlich nicht genehmigt, Scheine im Gesamtwert von 526 Milliarden Mark gedruckt: 12.000 Scheine zu 500.000 Mark; 205.000 Scheine zu 1 Million Mark, 90.000 Scheine zu 3 Millionen Mark und schließlich 9.000 Scheine zu 5 Millionen Mark. Die Entwürfe fertigte, quasi über Nacht unter enormen Zeitdruck, der Architekt und Grafiker Heinrich Benteler, der nach dem Zweiten Weltkrieg als Dombaumeister den Wiederaufbau des kriegszerstörten Doms leitete. Den Druck über nahm die Westfälischen Vereinsdruckerei in Münster, die in jenen Monaten rund um die Uhr Notgeldscheine, nicht nur für die Stadt Münster, fertigte.
Alle (!) 9.000 ausgegebenen 5 Millionen Mark-Scheine dieser Edition tragen als Echtheitsbeweis den erwähnten originalen, jeweils einzeln angebrachten angeblichen „Daumenabdruck“ des damaligen Bürgermeisters Wilhelm Kiwit.
Der in Oberhausen geborene und studierte Jurist war zunächst Kreissyndikus in Prenzlau, Beigeordneter der Stadt Osterfeld, Bürgermeister der Stadt Arnsberg, ehe er 1922 zweiter Bürgermeister und Finanzdezernent der Stadt Münster wurde. 1926 übernahm er das Amt des ersten Bürgermeisters der neu gebildeten Stadt Wanne-Eickel.
In der allgemeinen Überlieferung, in Zeitungsartikeln (W. Werland) über diesen kuriosen Geldschein und sogar in der Fachliteratur (J. Topp) wurde immer behauptet, dass Kiwit alle Scheine mit seinem „Daumenabdruck“ versah. Vermutet wurde sogar, dass dieser maschinell mitgedruckt wurde (G. Dethlefs).
In einem Gespräch mit der Tochter von Wilhelm Kiwit, Hildegard Vollmer, am 29. Januar 2001 berichtete diese dem Autor, dass am 75. Geburtstag ihres Vaters (31. Juli 1958), wenige Monate vor seinem Tod, die Kriminalpolizei eher scherzhaft seine Fingerabdrücke abgenommen habe, um zu sehen, ob sich zwischen 1923 und 1958 sein „Daumenabdruck“ eventuell verändert habe. Die in der Kriminaltechnik bereits damals intensiv eingesetzte Daktyloskopie war noch nicht so weit ausgereift, dass die Möglichkeit ausgeschlossen worden war, dass Fingerabdrücke sich mit der Zeit noch leicht verändern könnten. Es stellte sich dabei aber heraus, dass die immer wieder – selbst von Kiwit –behauptete Angabe, dass es ich um einen „Daumenabdruck“ handele, nicht zutrifft. Tatsächlich nutzte er 1923 den Zeigefinger der rechten Hand. Bei der Abstempelung von 9.000 Scheinen kann man dies leicht nachvollziehen, da dies schneller erfolgen konnte und der häufige Druck auf den Daumen sicherlich mit der Zeit Schmerzen verursacht hatte. Daher ist die „Legende“ vom Daumenabdruck des Bürgermeisters zu korrigieren.
Es sind nur sehr wenige weitere Notgeldscheine aus der Inflationszeit 1923 bekannt, bei denen ebenfalls Finger- oder sogar echte Daumenabdrücke angebracht wurden So tragen Scheine zu 200 Milliarden Mark vom 26. Oktober aus dem Amt Haßlinghausen den Daumenabdruck des dortigen Amtmannes und Scheine zu 20, 50, 100 und 500 Milliarden Mark des Kreis Olpe, ebenfalls vom 26. Oktober, jeweils einen Fingerabdruck. Möglicherweise dienten die Scheine aus Münster hier als Vorbild.
Mit der Ausgabe der Notgeldscheine im August 1923 war der Schrecken der Inflation noch lange nicht beendet, im Gegenteil, Scheine zu 5 Millionen Mark waren bald kaum das Papier wert, auf dem sie gedruckt waren. Die Löhne und Preise „galoppierten“ immer weiter in schwindelerregenden Höhen.
Die Lösung konnte nur in einer Währungsreform gefunden werden, indem eine neue Währung geschaffen wurde, die nicht durch den Staat gestützt wurde, sondern durch die Wirtschaft. Ausgehend von einer Idee von Karl Helfferich (1872–1924) wurde daher in Berlin am 15. Oktober 1923 die Deutsche Rentenbank gegründet. Die neuen „Rentenbanknoten“ wurden am 15. November 1923 in Werten zu 1 bis 1.000 Mark ausgegeben. Am Tag der Währungsreform wurde folgender Umtauschkurs festgelegt: 1 Billion Papiermark = 1 Goldmark = 10/42 (0,24) Dollar = 1 Rentenmark.
Die Inflation war aber nicht sofort beendet, erst im Januar 1924 stabilisierte sich die Lage. In Münster wurde am 28. Dezember 1923 das auf „Papiermark“ lautende Notgeld zur Einlösung aufgerufen und musste – zum entsprechenden Wechselkurs – bis zum 31. Januar 1924 gegen Rentenmark umgetauscht werden.

Bernd Thier

Literatur:

  • Wilhelm Döll: Notgeldscheine aus der Stadt und von der Landesbank Münster i./W. 1918–1947. Ein Beitrag zur Heimatgeschichte (Selbstverlag Dülmen 1988) (hier S. 30–33).
  • Gerd Dethlefs: Münsterische Münzen und Medaillen. Führer durch das Münzkabinett im Stadtmuseum Münster. Münster 1987 (hier Nr. 30, S. 24).
  • Richard Gaettens: Geschichte der Inflationen vom Altertum bis in die Gegenwart, Nachdruck der 2. Aufl. von 1957, München 1982.
  • Tilman Pünder: Georg Sperlich, Oberbürgermeister von Münster in der Weimarer Republik (Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Münster NF 23) Münster 2006 (hier S. 103–104).
  • Herbert Rittmann: Deutsche Geldgeschichte seit 1914, München 1986.
  • Bernd Thier: Notgeldscheine der Inflation 1923, in: Verein Münster-Museum e.V. (Hg.), Geschichte der Stadt Münster, Stadtmuseum Münster, Münster 2005, S. 210–211.
  • Jochen Jos. Topp: Das Papiernotgeld von Westfalen 1914–1948, Dülmen 1998.
  • Walter Werland: Bürgermeister Wilhelm Kiwit stempelte Notgeld mit dem Daumen, in: Westfälische Nachrichten vom 28. Oktober 1972.