Oktober 2017
Oktober 2017

Münze des Monats

Oben: Dīnār (AV), Konya 648 (1250-1251), 4,50g, 25mm, 10h. Unten: Dirham (AR), selber Ort und selbes Jahr, 2,91g, 22mm, 6h.
© Thomas Bauer

Drei Sultane in Gold und Silber, Konya 1250-1251

 

Inschrift (arabisch):
Obv. Dīnār (zu Abweichungen im Dirham siehe unten):

(Ornament)
lā ilāha illā llāh
Muḥammadun rasūlu llāh al-imām
al-Mustaʿṣim bi-llāh amīr al-muʾ-
minīn ḍuriba d-dīnār fī sanat
ṯamān-ʾarbaʿīn-sittmiʾa bi-Qūniya
(Ornament)
Es gibt keinen Gott außer Gott.
Muḥammad ist der Gesandte Gottes. Der Imām
al-Mustaʿṣim bi-llāh, Befehlshaber der Gläu-
bigen. Dieser Dīnār wurde geprägt im Jahr
Sechshunderachtundvierzig in Konya.

Rev.:

(Ornament)
as-salāṭīn al-aʿāẓim
ʿIzz ad-dunyā wa-d-dīn Kaykāʾūs
wa-Rukn ad-dunyā wa-d-dīn Qiliǧ Arslān
wa-ʿAlāʾ ad-dunyā wa-d-dīn Kayqubād
banū Kayḫusraw barāhīn amīr al-muʾminīn
(Ornament)
Die großmächtigen Sultane
ʿIzzaddīn Kaykāʾūs
und Ruknaddīn Qılıǧ Arslān
und ʿAlāʾaddīn Kayqubād,
Söhne Kayḫusraws, Bekräftiger des Beherrschers der Gläubigen

Unter den Sultanen Kaykāʾūs I. (1211-1220), seinem Bruder Kayqubād I. (1220-1237) und dessen Sohn Kayḫusraw II (1237-1246) hatte das Reich der Rūm-Seldschuken seine politische und wirtschaftliche Vormachtstellung in Anatolien ausgebaut und gefestigt. Als es durch den Erwerb der Hafenstädte Sinop am Schwarzen Meer (1214) und Alanya am Mittelmeer (1220) direkten Zugang zum internationalen Seehandel bekommen hatte, vermehrte sich sein Reichtum und ermöglichte eine eindrucksvolle kulturelle Blüte. In den Städten entstanden spektakuläre Paläste und Moscheen, Bildungsstätten (Medresen) und Krankenhäuser, auf den Handelsrouten ein Netz von Karawansereien.
Das hätte noch länger so weitergehen können, wären nicht die Mongolen gekommen, die im Jahr 641/1243 ein Heer Kayḫusraws vernichtend schlugen. Zwar konnte sein Wesir durch Verhandlungen den Weiterbestand des Reichs sichern, doch nur als Protektorat der Mongolen. Als Kayḫusraw im Jahr 644/1246 verstarb, hinterließ er das Reich in einer denkbar kritischen Lage, zumal seine drei Söhne erst 7, 9 und 11 Jahre alt waren. Der Vater hatte sich den kränklichen ʿAlāʾaddīn Kayqubād II., den Jüngsten, als Nachfolger gewünscht, aber die Emire und hohen Beamten, die alle politischen Entscheidungen trafen, setzten ʿIzzaddīn Kaykāʾūs II., den Ältesten, auf den Thron, rivalisierten selbst aber untereinander bis hin zum Mordkomplott. 

Qılıǧ Arslān IV, erste Alleinherrschaft, Sīvās 646/1248, 2,79g, 22,5mm, 12h.
© Thomas Bauer

Infolge diverser Intrigen kam es schließlich soweit, dass Ruknaddīn Qılıǧ Arslān IV., der Mittlere der Drei, im Jahr 646/1248 von einer Mission zum Mongolenkhan als neuernannter Sultan zurückkehrte. Sofort wurden Münzen geprägt, die ihn nicht nur als Sultan proklamierten, sondern auch ein Münzbild mit einem bogenschießenden Reiter (nach einem mongolischen Vorbild) zeigten (s. u. Abb.). Damit brachen sie mit der Rūm-Seldschukischen, ja mit der islamischen Münztradition insgesamt und setzten ein deutliches promongolisches Signal. Da ʿIzzaddīn Kaykāʾūs und seine Hofpartei aber nicht weichen wollten und eine dauerhafte Spaltung des Reichs drohte, einigte man sich 647/1249 – nicht ohne vorheriges Gefecht –, alle drei Söhne Kayḫusraws gemeinsam zu Sultanen zu machen.
Diese ungewöhnliche Konstruktion eines Triumvirats ging eine Weile ganz gut, endete aber 655/1257, als ʿAlāʾaddīn auf einer Gesandtschaftsreise zu den Mongolen ermordet wurde. Das verbliebene Duumvirat endete zunächst schon 657/1259, als die Rivalitäten der promongolischen Partei, die hinter Ruknaddīn Qılıǧ Arslān stand, und deren Opposition im Namen ʿIzzaddīns (der eine griechische Mutter hatte) wieder gewaltsam ausbrachen. Ruknaddīn regierte dann zumeist allein, bis er dem mongolischen Bevollmächtigen (Parwāna) zu eigenständig geworden war und dieser ihn 663/1265 töten ließ. ʿIzzaddīn starb 678/1279-1280 im Exil auf der Krim. Damit war auch der dritte der Brüder dahin.
Auf unserer Münze sind alle drei noch friedlich vereinigt. Die Drei-Brüder-Münze wurde von 647/1249 an als Silbermünze (Dirham) in großer Stückzahl in Konya, Sivas und anderen Orten geprägt (vereinzelt sogar noch im Jahre 657/1259, als es weder ʿAlāʾaddīn noch den Kalifen mehr gab) und gehört zu den häufigsten Rūm-Seldschukischen Münzen. Wesentlich seltener ist die korrespondierende Goldmünze (Dīnār), wie überhaupt Rūm-Seldschukische Dīnāre so selten sind, dass man bis vor kurzem glaubte, man habe sie nur zu Repräsentationszwecken geprägt. Tatsächlich sind die Dīnāre sowohl ausgesprochen repräsentativ als auch selten, doch ist jüngst eine größere Anzahl ans Licht gekommen, die auf eine regelmäßige Prägung von Goldmünzen hindeutet. Möglicherweise wurden solche Münzen auch geprägt, um den Tribut an die Mongolen zu bezahlen, die die Münzen nach Erhalt sicherlich einschmelzen ließen.
Wie bei abbasidischen Münzen zwischen 206/821 und 334/946, aber kaum sonst irgendwo, unterscheiden sich Rūm-Seldschukische Gold- und Silbermünzen nur in Metall, Gewicht, Größe und der Bezeichnung als Dīnār oder Dirham. Ansonsten ist der Text völlig identisch. Bei den beiden hier vorgestellten Münzen findet sich der einzige Unterschied in den letzten Zeilen des Obv. nach (muʾ)minīn. Während die Münzbezeichnung dirham in der Silbermünze weggelassen wird und das Wort „acht“ des Prägejahrs noch in der vorletzten Zeile steht, fügt die Goldmünze das Wort ad-dīnār nach ḍuriba ein und verschiebt das Wort „acht“ in die letzte Zeile.
Bemerkenswert an Rūm-Seldschukischen Silbermünzen (und nur diesen) ist auch, dass sie die längste Zeit ein Gewicht aufweisen, das mit wenig Abweichung um das Normgewicht (2,97 g) des abbasidischen Dirhams oszilliert. Offensichtlich wurde wieder nach Stücken, nicht nach Gewicht bezahlt, was auch schon lange nicht mehr der Fall gewesen war, wie überhaupt Silbermünzen in der wirtschaftlichen Krisenzeit vor 1100 fast ganz außer Gebrauch gekommen waren.
Die Vorderseite (wobei es diskutabel ist, welche Seite bei einer bildlosen Münze die Vorderseite ist) beginnt mit dem islamischen Glaubensbekenntnis, gefolgt von Namen und Titel des Kalifen al-Mustaʿṣim (reg. 640-656/1242-1258), des letzten (von den Mongolen ermordeten) Bagdader Abbasidenkalifen. Der politisch nur noch in der Region um Bagdad einflussreiche Kalif war nach wie vor die Legitimationsinstanz, auf die sich die meisten sunnitischen Herrscher beriefen. Die Rūm-Seldschuken, große Förderer sunnitischer Gelehrsamkeit, waren den Kalifen innig zugetan und erwiesen ihnen stets großen Respekt. Das Wort al-muʾminīn „der Gläubigen“ wird auf zwei Zeilen aufgeteilt. Es folgt die Angabe von Prägejahr und Prägeort. Wie schon in vorislamischer Zeit bei den Sassaniden, sind fast alle islamischen Gold- und Silbermünzen datiert, was Historiker zu schätzen wissen. Das Prägejahr wird sechshundert Jahre lang ausschließlich in Worten, nicht in Ziffern geschrieben. So im Prinzip auch hier, doch hat es sich bei den Rūm-Seldschuken eingebürgert, die Jahreszahl in der Kanzleischrift Dīwānī gewissermaßen in Stenographie anzugeben. „Acht“ (voll ausgeschrieben ثمان) wird zu einem kühnen Zickzack, von اربعين „vierzig“ ist ein stark abgeschliffenes اٮعں geblieben, während „sechshundert“ deutlicher ist. Für den Nichtkenner ist das schwer zu lesen; es sieht aber interessant aus und verleiht der Münze dynastisches Kolorit, weil es niemand sonst so machte.
Verso nennt die Prägeherren, die „großmächtigen Sultane“, die in der damaligen Situation alles andere als großmächtig waren. Die wirklich Mächtigen treten nicht in Erscheinung, auch nicht der Großkhan. Die Sultane werden mit ihren Beinamen (laqab) wie „Macht/Pfeiler/Ruhm der Welt und der Religion“ und ihren Namen genannt (Kaykāʾūs und Kayqubād sind, ebenso wie Kayḫusraw, Namen aus der persischen Literatur, nur Qılıǧ Arslān ist türkisch). Der kollektive Vatersname „Söhne Kayḫusraws“ beginnt die letzte Zeile, gefolgt von einem Titel, der erneut ihre Nähe zum Kalifen bezeugt.
Das eigentliche Wunder dieser Münzen ist aber ihre ästhetische Gestaltung. Zunächst ist es keine Kleinigkeit, das Glaubensbekenntnis, einen amtlichen Vermerk sowie Titulatur und Namen von vier Personen samt Rand und Ornamenten auf 7,6 bzw. 9,8 cm2 unterzubringen. Die Kaligraphie ist aber nicht nur leicht und vollständig lesbar, sondern auch von äußerster Schönheit. Als man diese Münzen in der Rūm-Seldschukischen Hauptstadt Konya prägte, wurden dort gleichzeitig die Karatay-Medrese und wenig später die Inca Minare-Medrese erbaut, zwei Weltwunder islamischer Baukunst. Die Münzen zeigen, dass auch Kaligraphie und Metallkunst auf demselben Niveau waren. Die Präzision der Ausführung, die geschickte Ausnützung des knappen Raums, die die Wörter elegant ineinanderfließen lässt und, ohne dass die Schrift gestaucht wirkt, noch Platz für Verzierungen findet (man beachte den Schnörkel am auslautenden m des Kalifennamens al-Mustaʿṣim), besticht bei beiden Münzen. Die Goldmünze nützt ihre etwas größere Fläche, um noch mehr elegante Ligaturen (z.B. zwischen dem d von Muḥammad und dem r von rasūl Obv. Zeile 2) anzubringen und mit diakritischen und ornamentalen Zeichen Leerräume zu füllen. Die Schrift wirkt so gleichzeitig kompakt als auch filigran. Dieser (häufig stempelfrisch erhaltene) Drei-Brüder-Dīnār gehört sicherlich zu den attraktivsten islamischen Prägungen.

Thomas Bauer

Literatur:

  • Michael Broome: A Survey of the Coinage of the Seljuqs of Rūm. London 2011.
  • Rudi Paul Lindner: The Challenge of Qilich Arslan IV. In: Dickran Kouymjian (Hg.): Near Eastern Numismatics, Iconography, Epigraphy and History: Studies in Honour of George C. Miles. Beirut 1974, 411-418.