Exlibris 4

Bücher, Bienen und Natur


Heidekraut und Wiesenblumen, Wacholder und Bienen: Flora und Fauna im Vorder- und Hintergrund sind typisch für eine Heidelandschaft.
Otto Lauffer, bei Göttingen geboren und beruflich in Hamburg angekommen, verweist hier auf die Lüneburger Heide, die Region, die zwischen seinem Geburtsort und der Wahlheimat liegt. Das seltene weißblühende Heidekraut – hier in den Strauß miteingebunden – galt seit Mitte des 19. Jahrhunderts als Heimatsymbol. Auch ist es ein Symbol für Glück, einfaches Heidekraut soll für die Einsamkeit (der weit verstreuten Heidehöfe) stehen. [21]
Im Unklaren bleibt, ob im Exlibris Gänseblümchen (ein Symbol für Bescheidenheit) oder Margeriten (ein Symbol für Orakel) gemeint sind. Ähnlich wie der Wacholder, eine Zypressenart, fungieren die beiden Korbblütler in der Kunst als Symbol für die Passion Christi. [22] Der Wacholder, ein immergrüner Nadelbaum, ist ein zentrales Motiv in einem Märchen aus der Sammlung der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Der als „Machandelboom“ bezeichnete Baum steht hier als Zeichen für physische Stärke und Leben und verleiht magische Kräfte. [23]
Ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor für die Lüneburger Heide war bis ins 19. Jahrhundert der Ertrag aus der Heidebauernwirtschaft, wobei der Bienenzucht eine besondere Bedeutung zukam. 1857 soll es im Bezirk Lüneburg 140 000 Bienenstöcke gegeben haben [24] – entsprechend zahlreich waren die Verordnungen die Heideimkerei betreffend.

Das dominierende Symbol im Lauffer-Exlibris, das Bienenkorbmotiv, ist Ausdruck von Lauffers Denken in ständischen Gesellschaftsordnungen. Mit seiner klar geregelten Hierarchie gilt der Bienenstamm seit der Antike als ideale Form der Gemeinschaft, die vielfältige Artikulationen zwischen Biologie und Gesellschaftsbeschreibung gefunden hat. [25]

Auch in einem Forschungsgegenstand der Germanistik – der Hausväterliteratur, deren Blütezeit zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert liegt – wird unter anderem auf die hohe Bedeutung des Naturwesens Biene im Gefüge eines funktionierenden Bienenstaats verwiesen. In jener Ratgeberliteratur wurde das Wissen antiker landwirtschaftlicher Autoren mit neuerem Sachwissen zu naturkundlichen Themen zusammengebracht. Zu deren Entstehungszeit bestand deren Nutzerkreis überwiegend aus gebildetem Landadel. Der politische Zweck dieser speziellen Literatur lässt sich am Beispiel Biene/Bienenstaat verdeutlichen. Geschrieben wurden diese Kompilationen aus spezifisch naturkundlichem und christlich-biblischem Wissen meist von protestantischen Pfarrern. Sie dienten der moralischen Erbauung und lieferten Anwendungswissen, etwa zur Ökonomie der Bienenzucht. An diesem Beispiel wird auf die Akzeptanz der Ständeordnung rekurriert, auf das Funktionieren einer monarchischen Ordnung – repräsentiert durch Bienenkönigin und fleißige Sammler in Analogie zu König und Dienerschaft. [26]
Überdies verbildlicht dieses Motiv altgermanistische Wissensordnungen: Lauffer zitiert damit ein Kapitel aus Jacob Grimms Sammlung der Rechtsaltertümer, das Germanische Bienenrecht. [27] Dieses stellte den Besitz von Bienen und Honig unter zivilrechtlichen Schutz und regelte die Bestrafung derjenigen, die sich entflogene Bienenschwärme aneigneten. Die symbolische Aussage – bestehend aus der Anordnung Buch, Behausung, umherschwirrende Bienen [28] – korrespondiert also mit dem tatsächlichen Gebrauchszweck des Exlibris – von Buchdiebstahl abzuschrecken.
Die Umrahmung des Korbes durch Getreideähren verweist auf die Materialität der Bienenbehausung. Gezeigt wird ein Korbstülper, gefertigt aus Stroh, wie er teilweise bis heute in der Heideimkerei verwendet wird. Der Vergleich mit einer Verbreitungskarte von Bienenstockformen zeigt, dass Lauffer hier einen niedersächsisch-westfälischen bzw. Lüneburger Korbstülper zeichnen ließ.

Zeidlerei als Thema der Volkskunde