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Der Alltag in unseren Augen im Juni 2022: Ein Stempel als historische Quelle: Masterarbeit zu NS-Raubgut in der Institutsbibliothek

Bibliothek des Instituts für Kulturanthropologie/ Europäische Ethnologie, Signatur I Db 316
© Ann-Kathrin Holler

Eigentumsstempel, Eingangsvermerke oder Bibliothekssignaturen sowie gelegentlich Exlibris finden sich auf und in allen Büchern in Bibliotheken. Im alltäglichen Umgang mit den Büchern, sei es als Literatur zum Schmökern, sei es in der Wissenschaft, spielen solche Spuren keine Rolle. Ihr Wert als Quellen zur Buchgeschichte bekam 1998 mit dem Washingtoner Abkommen neue Aufmerksamkeit: Mit den Washington Conference Principles on Nazi-Confiscated Art verpflichtete sich die Bundesrepublik Deutschland zur Recherche und Klärung von Eigentumsansprüchen auf Kunstwerke, die in der NS-Zeit geraubt worden waren. In den folgenden Jahrzehnten erweiterte sich dieses rechtliche und wissenschaftliche Interesse auch auf Alltagsgegenstände und Bücher in Museen, Archiven und Bibliotheken der öffentlichen Hand:
Waren doch zwischen 1933 und 1945 Bibliotheken in Bildungseinrichtungen, Antiquariate und private Bibliotheken enteignet worden, insbesondere diejenigen in jüdischem Besitz. Aber auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gelangten Bücher als sogenanntes sekundäres Raubgut in neu- und wiederaufgebaute Bibliotheken. Aus diesem Grund untersuche ich in meiner Masterarbeitsforschung die Provenienz der Anfang der 1950er Jahre im damaligen »Volkskundlichen Seminar« der Universität Münster eingerichteten Fachbibliothek des heutigen Instituts für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie.

Ein aktueller Fund aus dieser Provenienzforschung ist der Stempel des »Archival Depot Offenbach A.M.«. Dieses Depot wurde 1946 unter der US-amerikanischen Militärregierung gegründet und bestand bis 1949. Geraubte oder beschlagnahmte Bestände wurden dort gesammelt, konnten dadurch in manchen Fällen an die rechtmäßigen Eigentümer:innen restituiert oder, wenn diese ermordet worden waren und keine Nachkommen hatten, in Zentren des jüdischen Lebens zurückgegeben werden.

Warum und wie das von der hiesigen Fachbibliothek 1957 erworbene Buch über den Buchhandel aus Berlin seinen Weg nach Münster fand und wem es einmal gehörte, das gilt es nun zu erforschen. Diesen und weitere Funde aus meiner Masterarbeit stelle ich am 29. Juni im Nachwuchsforum Provenienzrecherche in Bibliotheken auf der 15. Tagung des Arbeitskreises »Provenienzforschung und Restitution – Bibliotheken« im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden vor.
Programm der Tagung, veranstaltet vom Fachinformationszentrum der Bundeswehr, 28.-30. Juni 2022.

Ann-Kathrin Holler (Studentin im Masterstudiengang Kulturanthropologie)